Eine neue Expedition wird ausgerüstet. -- Deutschland eine Wüste.
-- Ein Grab im Thüringer Walde. -- Kurt findet seine Verwandten.
-- Was aus Schiller und Goethe geworden.
Nach den Vorgängen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an
Bord der Flotte zurückgekehrt. Man hatte die Opfer des nächtlichen
Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch
eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht
worden und es war seltsam zu sehen, mit welch' grenzenlosem Erstaunen
diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf
reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen stärkende Labung
reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich
beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein
solcher Transport im Hafen an's Land gesetzt werden sollte, fand man das
Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre
friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden
Unterhandlungen angeknüpft, was um so leichter möglich war, als die
Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verständliches
Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald geläufig wurde. Aber
unmöglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu
gewinnen über die Ursachen der entsetzlichen Veränderung, welche sich in
ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wußten von nichts; so weit sie und
ihre Eltern und Großeltern zurückzudenken vermochten, war Alles so
gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte,
in deren Trümmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wußten
ebensowenig, wer sie zerstört hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf
viele Meilen im Umkreise eine Wildniß und ähnliche Trümmerstätten
allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wußten sie beinahe
selbst nicht. Auf ausgehöhlten Baumstämmen fischten sie in der Elbe, sie
sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten
Fallen in den Wäldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes
Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber
nur in allerprimitivster Form. Im Großen und Ganzen stand ihre Cultur
etwa auf der Höhe derjenigen, welche die meisten Stämme Centralafrika's
am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht
im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und
Aufschluß zu erhalten über die Räthsel, die sich hier darboten, bewog
den Flottencommandanten, eine neue, größere Expedition auszurüsten,
welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche
Reich zu nehmen, die Alpen zu übersteigen und an einem bestimmten Punkte
der italienischen Küste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche
bis auf ein kleines Reservegeschwader, das für alle Fälle vor der
Elbemündung kreuzen sollte, ihre Rückfahrt durch den Canal und die Enge
von Gibraltar in's Mittelmeer antrat.
Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverständlich
an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren
ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren
die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine
geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses
Land bevölkerten, diejenigen Aufschlüsse zu erhalten, auf welche er mit
Sicherheit gerechnet hatte? Merkwürdige Ueberraschungen waren es denn
auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch
Europa zu Theil werden sollten.
Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere
Wüsten und Wälder bis an den Saum des Thüringer Waldes vorgedrungen,
ohne auf etwas Anderes zu stoßen, als auf verlassene Stätten einstiger
Cultur und halbwilde Stämme, welche nomadisirend die Wildniß durchzogen.
Kümmerliche Spuren von seßhaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine
Strecken öden Grundes mit Erdäpfeln und Haidekorn bestellt hatten,
fanden sich hie und da in den Wäldern verstreut, immerfort bedroht von
räuberischen Ueberfällen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere.
Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer
klarer, daß ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus
unbekannten Gründen eine Stätte des Elends und der Verzweiflung
geworden, daß hier eine uralte, zweitausendjährige Cultur für immerdar
untergegangen sei. -- Eines Tages rückte die Colonne in ein uraltes
Städtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Plätze, aus
einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem
Aeußern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens
einstöckigen Häuser längs der ziemlich breiten Straßen waren, wie es
schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber
grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensteröffnungen;
übelriechender Rauch drang hie und da in's Freie aus nothdürftig
verhängten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straßen waren
mit Gras bewachsen, während längs der Häuser Haufen von Unrath aller Art
lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewöhnt, alles, was ihnen
in ihren Behausungen lästig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im
Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche
bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Stätte nichts
weniger als scheu. Anfänglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern
und Thüren ihrer Häuser; später aber kamen sie auch auf den von den
Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe
gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gäste. Das Elend, welches
auf ihnen lastete, kam da so recht an's Licht des Tages.
Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den
Trümmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus
Flicken und Fetzen zusammengesetzte altväterische Kleidung, ihre
eingefallenen Wangen, ihr blödes Lächeln hervorrief, war noch weit
ergreifender.
Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und körperlich
verkümmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen.
Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem
cretinartigen Lachen oder unverständlich blökenden Tönen. Nicht einmal
den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wußten sie anzugeben und
dennoch sollte sich bald herausstellen, daß ihnen eine Erinnerung an
längst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthümlicher
Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein
Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in
Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grünbraune
Patinaschicht überzogen hatte, die überlebensgroßen Figuren zweier
Männer in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der
Jüngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszügen, richtete die
Blicke schwärmerisch gen Himmel, während der Andere, Aeltere, eine
imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in's
Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand
einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine
mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem
Denkmal ein Lagerfeuer zu entzünden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe
über die Eingeborenen. Mit ängstlichen Geberden drängten sie sich heran,
wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Händen und flehenden
Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu
berühren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weißem Haar und Bart, in
dessen Antlitz die Jahre unzählige Runzeln gegraben, wußte sich durch
einige Worte und Geberden soweit verständlich zu machen, daß die
Freilandleute endlich begriffen, das räthselhafte Monument gelte in den
Augen der Unglücklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berührung oder
Beschädigung den Zorn überirdischer Mächte heraufbeschwören könne. Kurt,
der hinzukam, trug Sorge, daß seine Leute in angemessener Entfernung von
dem Denkmale ihre Vorbereitungen für das Bivouak trafen und stellte
sogar eine Wache auf, welche jede Annäherung Unberufener an das
Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies
sahen, waren vor Freude fast außer sich; mit strahlenden Mienen,
unverständliche Worte des Dankes ausrufend, drängten sie sich an Kurt
heran, drückten ihm die Hände und küßten den Saum seines Rockes. Nachdem
er sich mit Mühe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er,
sich ihnen so gut als möglich verständlich zu machen. Er glaubte
annehmen zu dürfen, daß der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier
in der Nähe liegen müsse; vielleicht war es sogar dieses Städtchen, in
dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglücklichen
Geschöpfe Sprößlinge desselben Geschlechtes wie er.
Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen
schüttelten die Köpfe oder stießen ein blödes Lachen aus; von den Namen,
die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehört. Müde des
nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines
Weges. Da trat jener Greis, wehmüthig anzuschauen in seinem zerlumpten
Röckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu
folgen. Er führte ihn quer über den Platz durch mehrere Seitengassen,
bis sie endlich draußen vor den letzten Häusern standen, wo eine mit
niedrigem Gestrüpp bewachsene Fläche begann. Der Alte bog, diensteifrig
voranschreitend, die Zweige der nächsten Stauden auseinander, und nun
sah Kurt, daß er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand.
Im Schatten der niederhängenden Zweige lag da Stein an Stein, die
Grabstätten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von
Unkraut überwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten überzogen und
von Zeit und Wetter geschwärzt. Kurt's Führer schritt rasch und achtlos
zwischen den Gräbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer
verfallenen Mauer unter Fliederbüschen ein Grabstein lehnte, grau und
verwittert gleich den übrigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die
der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem
Steine nieder und begann mühsam die Inschrift zu entziffern. Nach
einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlüssel gefunden, die
Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name,
den er selbst führte, wohl in etwas veränderter Schreibweise, aber
deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein
versunkener Grabhügel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte.
Während sie den Rückweg antraten, gab er sich Mühe, seinem Führer
deutlich zu machen, daß er, wenn möglich, ein noch lebendes Mitglied
jener Familie zu sehen wünsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen
habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber
endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von
Verständniß in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis
nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff
dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengäßchen hinein, das von einer
Reihe elender baufälliger Hütten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem
sie etwa hundert Schritte zurückgelegt hatten, in einen Thorweg ein,
hinter dem sich ein enger von geschwärzten Mauern eingefaßter Hof
aufthat. In einem Winkel dieses düsteren Raumes führte eine schmale
zerbröckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte
der Alte hinan; offenbar war er es gewöhnt, derartige Wege
zurückzulegen; Kurt folgte zögernd; die ganze Excursion fing an, ihm
Bedenken einzuflößen und unwillkürlich griff er in den Gürtel, wo sein
Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles
Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt über die Schwelle des
unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurückfuhr. Vor ihm, von
einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr
an sich hatte. Ein unförmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose
Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte
das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen,
ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit
spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen überfiel ihn,
wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er
allein draußen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem
unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen
Blickes sich umschauend, eilte er mit großen Schritten dem Ausgange der
Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben
abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte
der brodelnden Speisen, sich gierig herandrängten und sehnsüchtige
Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an
Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt
wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch
saftigen Bissen zukommen lassen zu können und die Art, in welcher diese
verkümmerten Geschöpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rührend.
Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst
Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nähe des
Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung
verharrten. Die Menge vergrößerte sich durch Zuzug aus den umliegenden
Häusern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen
sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der
letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still
davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte
nicht bemerkt, daß Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner
Stimme emporfuhr:
»Sie glauben, daß die Männer da oben zwei Brüder aus göttlichem
Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel
herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit
der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurückzukehren.
Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, daß die
Göttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies
zurückbringen.«