4. Capitel.

Eine neue Expedition wird ausgerüstet. -- Deutschland eine Wüste.

-- Ein Grab im Thüringer Walde. -- Kurt findet seine Verwandten.

-- Was aus Schiller und Goethe geworden.

Nach den Vorgängen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an

Bord der Flotte zurückgekehrt. Man hatte die Opfer des nächtlichen

Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch

eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht

worden und es war seltsam zu sehen, mit welch' grenzenlosem Erstaunen

diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf

reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen stärkende Labung

reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich

beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein

solcher Transport im Hafen an's Land gesetzt werden sollte, fand man das

Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre

friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden

Unterhandlungen angeknüpft, was um so leichter möglich war, als die

Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verständliches

Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald geläufig wurde. Aber

unmöglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu

gewinnen über die Ursachen der entsetzlichen Veränderung, welche sich in

ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wußten von nichts; so weit sie und

ihre Eltern und Großeltern zurückzudenken vermochten, war Alles so

gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte,

in deren Trümmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wußten

ebensowenig, wer sie zerstört hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf

viele Meilen im Umkreise eine Wildniß und ähnliche Trümmerstätten

allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wußten sie beinahe

selbst nicht. Auf ausgehöhlten Baumstämmen fischten sie in der Elbe, sie

sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten

Fallen in den Wäldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes

Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber

nur in allerprimitivster Form. Im Großen und Ganzen stand ihre Cultur

etwa auf der Höhe derjenigen, welche die meisten Stämme Centralafrika's

am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht

im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und

Aufschluß zu erhalten über die Räthsel, die sich hier darboten, bewog

den Flottencommandanten, eine neue, größere Expedition auszurüsten,

welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche

Reich zu nehmen, die Alpen zu übersteigen und an einem bestimmten Punkte

der italienischen Küste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche

bis auf ein kleines Reservegeschwader, das für alle Fälle vor der

Elbemündung kreuzen sollte, ihre Rückfahrt durch den Canal und die Enge

von Gibraltar in's Mittelmeer antrat.

Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverständlich

an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren

ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren

die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine

geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses

Land bevölkerten, diejenigen Aufschlüsse zu erhalten, auf welche er mit

Sicherheit gerechnet hatte? Merkwürdige Ueberraschungen waren es denn

auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch

Europa zu Theil werden sollten.

Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere

Wüsten und Wälder bis an den Saum des Thüringer Waldes vorgedrungen,

ohne auf etwas Anderes zu stoßen, als auf verlassene Stätten einstiger

Cultur und halbwilde Stämme, welche nomadisirend die Wildniß durchzogen.

Kümmerliche Spuren von seßhaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine

Strecken öden Grundes mit Erdäpfeln und Haidekorn bestellt hatten,

fanden sich hie und da in den Wäldern verstreut, immerfort bedroht von

räuberischen Ueberfällen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere.

Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer

klarer, daß ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus

unbekannten Gründen eine Stätte des Elends und der Verzweiflung

geworden, daß hier eine uralte, zweitausendjährige Cultur für immerdar

untergegangen sei. -- Eines Tages rückte die Colonne in ein uraltes

Städtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Plätze, aus

einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem

Aeußern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens

einstöckigen Häuser längs der ziemlich breiten Straßen waren, wie es

schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber

grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensteröffnungen;

übelriechender Rauch drang hie und da in's Freie aus nothdürftig

verhängten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straßen waren

mit Gras bewachsen, während längs der Häuser Haufen von Unrath aller Art

lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewöhnt, alles, was ihnen

in ihren Behausungen lästig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im

Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche

bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Stätte nichts

weniger als scheu. Anfänglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern

und Thüren ihrer Häuser; später aber kamen sie auch auf den von den

Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe

gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gäste. Das Elend, welches

auf ihnen lastete, kam da so recht an's Licht des Tages.

Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den

Trümmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus

Flicken und Fetzen zusammengesetzte altväterische Kleidung, ihre

eingefallenen Wangen, ihr blödes Lächeln hervorrief, war noch weit

ergreifender.

Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und körperlich

verkümmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen.

Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem

cretinartigen Lachen oder unverständlich blökenden Tönen. Nicht einmal

den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wußten sie anzugeben und

dennoch sollte sich bald herausstellen, daß ihnen eine Erinnerung an

längst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthümlicher

Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein

Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in

Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grünbraune

Patinaschicht überzogen hatte, die überlebensgroßen Figuren zweier

Männer in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der

Jüngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszügen, richtete die

Blicke schwärmerisch gen Himmel, während der Andere, Aeltere, eine

imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in's

Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand

einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine

mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem

Denkmal ein Lagerfeuer zu entzünden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe

über die Eingeborenen. Mit ängstlichen Geberden drängten sie sich heran,

wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Händen und flehenden

Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu

berühren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weißem Haar und Bart, in

dessen Antlitz die Jahre unzählige Runzeln gegraben, wußte sich durch

einige Worte und Geberden soweit verständlich zu machen, daß die

Freilandleute endlich begriffen, das räthselhafte Monument gelte in den

Augen der Unglücklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berührung oder

Beschädigung den Zorn überirdischer Mächte heraufbeschwören könne. Kurt,

der hinzukam, trug Sorge, daß seine Leute in angemessener Entfernung von

dem Denkmale ihre Vorbereitungen für das Bivouak trafen und stellte

sogar eine Wache auf, welche jede Annäherung Unberufener an das

Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies

sahen, waren vor Freude fast außer sich; mit strahlenden Mienen,

unverständliche Worte des Dankes ausrufend, drängten sie sich an Kurt

heran, drückten ihm die Hände und küßten den Saum seines Rockes. Nachdem

er sich mit Mühe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er,

sich ihnen so gut als möglich verständlich zu machen. Er glaubte

annehmen zu dürfen, daß der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier

in der Nähe liegen müsse; vielleicht war es sogar dieses Städtchen, in

dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglücklichen

Geschöpfe Sprößlinge desselben Geschlechtes wie er.

Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen

schüttelten die Köpfe oder stießen ein blödes Lachen aus; von den Namen,

die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehört. Müde des

nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines

Weges. Da trat jener Greis, wehmüthig anzuschauen in seinem zerlumpten

Röckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu

folgen. Er führte ihn quer über den Platz durch mehrere Seitengassen,

bis sie endlich draußen vor den letzten Häusern standen, wo eine mit

niedrigem Gestrüpp bewachsene Fläche begann. Der Alte bog, diensteifrig

voranschreitend, die Zweige der nächsten Stauden auseinander, und nun

sah Kurt, daß er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand.

Im Schatten der niederhängenden Zweige lag da Stein an Stein, die

Grabstätten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von

Unkraut überwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten überzogen und

von Zeit und Wetter geschwärzt. Kurt's Führer schritt rasch und achtlos

zwischen den Gräbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer

verfallenen Mauer unter Fliederbüschen ein Grabstein lehnte, grau und

verwittert gleich den übrigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die

der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem

Steine nieder und begann mühsam die Inschrift zu entziffern. Nach

einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlüssel gefunden, die

Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name,

den er selbst führte, wohl in etwas veränderter Schreibweise, aber

deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein

versunkener Grabhügel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte.

Während sie den Rückweg antraten, gab er sich Mühe, seinem Führer

deutlich zu machen, daß er, wenn möglich, ein noch lebendes Mitglied

jener Familie zu sehen wünsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen

habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber

endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von

Verständniß in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis

nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff

dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengäßchen hinein, das von einer

Reihe elender baufälliger Hütten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem

sie etwa hundert Schritte zurückgelegt hatten, in einen Thorweg ein,

hinter dem sich ein enger von geschwärzten Mauern eingefaßter Hof

aufthat. In einem Winkel dieses düsteren Raumes führte eine schmale

zerbröckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte

der Alte hinan; offenbar war er es gewöhnt, derartige Wege

zurückzulegen; Kurt folgte zögernd; die ganze Excursion fing an, ihm

Bedenken einzuflößen und unwillkürlich griff er in den Gürtel, wo sein

Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles

Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt über die Schwelle des

unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurückfuhr. Vor ihm, von

einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr

an sich hatte. Ein unförmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose

Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte

das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen,

ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit

spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen überfiel ihn,

wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er

allein draußen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem

unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen

Blickes sich umschauend, eilte er mit großen Schritten dem Ausgange der

Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben

abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte

der brodelnden Speisen, sich gierig herandrängten und sehnsüchtige

Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an

Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt

wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch

saftigen Bissen zukommen lassen zu können und die Art, in welcher diese

verkümmerten Geschöpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rührend.

Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst

Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nähe des

Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung

verharrten. Die Menge vergrößerte sich durch Zuzug aus den umliegenden

Häusern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen

sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der

letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still

davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte

nicht bemerkt, daß Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner

Stimme emporfuhr:

»Sie glauben, daß die Männer da oben zwei Brüder aus göttlichem

Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel

herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit

der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurückzukehren.

Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, daß die

Göttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies

zurückbringen.«

Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa · 第 4 / 20 题