Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. --
Socialdemokratische Zukunftsbilder und ihre Folgen. -- Der
Staatsstreich des Jahres 1900. -- Untergang der Socialdemokratie.
»Eine wilde schreckliche Zeit liegt hinter mir. Ich bin Zeuge von
Ereignissen gewesen, an die ich noch jetzt, wo seitdem schon Jahre
verflossen sind, nur mit Schaudern zurückdenken kann. Alles Bestehende
habe ich zusammenbrechen sehen, ein mächtiges Reich in Trümmer fallen
und die Menschen sich zerfleischen wie wilde Thiere. Mit Entsetzen habe
ich erkannt, daß es kein Zufall war, der all' den Jammer über mein armes
Vaterland brachte; eigenes Verschulden der verblendeten Menschheit hat
das Geschick heraufbeschworen, dem nun Alles, was Jahrhunderte
geschaffen, zum Opfer gefallen ist. Rechtzeitige Erkenntniß, gepaart mit
ein wenig gutem Willen, hätte uns vor dem Abgrunde bewahren können. Aber
es war, als seien Alle mit Blindheit geschlagen. In der unersättlichen
Gier nach Reichthum taumelten die Menschen vorwärts, der Warnungsrufe
nicht achtend, immer dem Ende zu, das auch mit Schrecken gekommen ist,
just als sie es am weitesten entfernt glaubten. Ich habe die
Aufzeichnungen, die ich in der schrecklichsten Zeit meines Lebens
machte, gesammelt, in der Erwartung, daß einst kommende Geschlechter
eine Lehre aus denselben ziehen werden. Die Ereignisse, welche dem
allgemeinen Zusammenbruch vorausgingen und die ich nur theilweise selbst
erlebte, stelle ich in Kürze an die Spitze meiner Aufzeichnungen. Und
somit beginne ich:
Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Deutschland das mächtigste
Reich der Welt. Unzählige reiche blühende Städte und freundliche Dörfer
bedeckten seinen Boden; sein Heer und seine Flotte war bewundert und
gefürchtet, deutsche Kunst und Wissenschaft galten der übrigen Welt als
glänzende Vorbilder, und was deutsche Arbeit in rastlosem Wetteifer
schuf, ging als vielbegehrte Waare hinaus bis in die fernsten
überseeischen Länder. Auf dem Kaiserthrone saß ein junger thatkräftiger
Herrscher, der es mit kluger Mäßigung verstand, die ungeheuere ihm zu
Gebote stehende Macht nur zur Wahrung des Friedens in die Wagschaale zu
werfen und eine Schaar blühender Söhne schien ihm auf unabsehbare Zeit
hinaus Glück und Bestand seines Hauses zu verbürgen.
Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewölke, das von Zeit zu Zeit
emporstieg, aber stets verstand es die Kunst der Staatsmänner, die
Gefahren, welche von rachsüchtigen oder neidischen Nachbarn drohten,
wieder zu beschwören; der Respect vor der großartigen Wehrkraft
Deutschlands und seiner Verbündeten that aber stets das Meiste zur
Erhaltung des Friedens. Für weit bedenklicher indessen hielt man die
Gefahr, welche dem Reiche von Innen drohte.
Zur Erläuterung dessen muß ich auf eine noch weiter abliegende Zeit
zurückgreifen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die
Industrie zu einer noch nie vorher erreichten Höhe aufgeschwungen. An
Stelle der kleinen Handwerksbetriebe des Mittelalters war zuerst die
Manufactur getreten, d. h. jene Gattung von Großbetrieben, in welcher
jeder Arbeiter jahraus, jahrein nur einen ganz bestimmten Theil eines
Productes herstellte, in denen also eine weitgehende Arbeitstheilung
herrschte, die Geschicklichkeit des Arbeiters aber immer noch
ausschlaggebend war für die Beschaffenheit des fertigen Productes. Ein
großer Theil der einst selbständigen Handwerker war schon damals zu
Lohnarbeitern geworden, deren Existenz von den Fabrikanten abhängig war;
in ganz rapider Weise aber begann sich dieser Umwandlungsproceß zu
vollziehen, nachdem der Fortschritt in den Naturwissenschaften zu der
Erfindung zahlloser Arten von Maschinen geführt hatte, welche die
Herstellung der Producte ganz unabhängig machten von der Tüchtigkeit des
Arbeiters und mit ungeheuren Massen Waaren aller Art den Weltmarkt
überschwemmten. Die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter schwoll zu einer
solchen Höhe an, daß ihr gegenüber diejenige der Besitzenden fast
verschwand, und diese Masse wurde noch fortwährend vermehrt durch solche
Handwerker, welche den Wettkampf mit der im Großen arbeitenden Industrie
nicht auszuhalten vermochten und ihre Selbständigkeit verloren. Auf der
einen Seite standen also die Besitzenden, ein kleiner Bruchtheil der
Gesammtheit, welcher allen Grund und Boden, alle Rohstoffe, Gebäude,
Maschinen sein Eigen nannte, und deshalb den Nutzen der gesammten
Arbeitsthätigkeit und aller menschlichen Erfindungen einheimste, während
auf der anderen Seite die ungeheure Masse der Besitzlosen stand, denen
nichts geblieben war, als ihre Arbeitskraft, von deren Verkauf sie ihr
Leben fristete. Je mehr sich aber das Maschinenwesen vervollkommnete,
desto krasser gestaltete sich dieses Mißverhältniß. Die Arbeit an den
Maschinen vereinfachte sich derart, daß ein Weib oder schließlich ein
Kind genügte, um das zu verrichten, was ehedem die Thätigkeit von
zwanzig Männern erheischt hatte. Die Fabrikanten entließen also ihre
Arbeiter und behalfen sich mit Frauen- und Kinderarbeit, die ihnen weit
billiger kam. Dadurch entstand nicht nur ein Heer von Arbeitslosen, die
meistens bis zur tiefsten Stufe menschlichen Elends herabsanken, sondern
es wurde auch der Lohn der noch in Arbeit befindlichen Männer auf ein
Minimum herabgedrückt, so daß diese Unglücklichen auch bei
angestrengtester Arbeit von früh bis in die Nacht nicht mehr im Stande
waren, sich und die Ihrigen mit den nothwendigsten Lebensbedürfnissen zu
versorgen. Diese Zustände hatten aber noch Anderes im Gefolge. Die
Arbeiterfamilie löste sich gänzlich auf in dem Augenblicke, als die Frau
ihrem häuslichen Wirkungskreise entzogen und in die Fabrik versetzt
wurde; der Schulbesuch der Arbeiterkinder wurde vernachlässigt, Wohnung
und Kost der Proletarier sank zu einer menschenunwürdigen Stufe herab
und die Prostitution begann in erschreckender Weise um sich zu greifen.
Waren diese schreienden Uebelstände schon fühlbar in solchen Zeiten, in
denen die Industrie in Flor stand und es an Arbeit meistens nicht
fehlte, so wurden sie noch weit fühlbarer, sobald, in Folge der
allzueifrigen Production, die Preise der Waaren sanken, der Handel
stockte und zahlreiche Fabriken den Betrieb einstellten. Das Heer der
Arbeitslosen, der ohne Nahrung und Obdach Umherirrenden, wuchs
dann lawinenartig an und schreckliche Leiden kamen über die
Arbeiterbevölkerung.
Aber auch die Besitzenden waren in solchen Zeiten nicht auf Rosen
gebettet. Das verwickelte Getriebe der ganzen Wirthschaftsmethode, in
welcher die Concurrenz die einzige Triebfeder war, stellte einen überaus
empfindlichen Mechanismus dar. Ein geringfügiges Ereigniß konnte
genügen, um unzählige Existenzen zu vernichten; Niemand, auch der
Reichste nicht, durfte sicher sein, daß ihn der nächste Tag nicht in die
Reihen der Besitzlosen hinabschleudern werde. Seit Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts machte sich nun in den Arbeiterkreisen eine Bewegung
bemerkbar, welche auf eine Umwandlung dieser wahnsinnigen
Productionsweise in eine vernünftigere abzielte. Man erkannte in dem
Umstande, daß sich alle Behelfe zur Erzeugung von Producten, d. h. Grund
und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe &c., im Privatbesitz
Einzelner befanden, somit die große Mehrheit der Bevölkerung von diesen
Productionsmitteln getrennt war, die Grundursache der verderblichen
Wirthschaft. Das Heil Aller, so lautete die Parole, liege darin, daß an
die Stelle des Privatbesitzes an den Productionsmitteln, der
Allgemeinbesitz trete. Die Partei, welche dieses Ziel anstrebte, nannte
man die socialistische, oder socialdemokratische und ihre Anhänger waren
von Seite des Staates und der besitzenden Classen allerhand Bedrückungen
und Gewaltmaßregeln ausgesetzt. Die sociale Frage aber, deren Lösung sie
auf ihre Fahne geschrieben hatte, war nachgerade die brennendste von
allen geworden; sie beschäftigte alle Gemüther, hielt die Parlamente in
Athem, setzte Tausende von Federn in Bewegung und bemächtigte sich aller
Gebiete des öffentlichen Lebens. Wie hundert Jahre früher der
Bürgerstand um seine Erlösung aus den Fesseln des Absolutismus gekämpft
hatte, so suchte jetzt die große Masse des Proletariats nicht allein
sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlösen von einer täglich
ungesunder werdenden Productionsweise, von einer wirthschaftlichen
Knechtschaft, deren Druck zwar am empfindlichsten auf den untersten
Volksschichten ruhte, welche aber auch den oberen Ständen in immer
unangenehmerer Weise fühlbar wurde. Die Socialdemokratie hatte in der
zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus bescheidenen Anfängen,
trotz aller Hindernisse, welche ihr der Staat in den Weg legte, eine
großartige Organisation geschaffen, welche sich über die ganze
civilisirte Welt erstreckte und Millionen begeisterter Anhänger in ihren
Reihen zählte. Diese ungeheure, ein und derselben Parole folgende Masse
verhielt sich indessen durchaus streng in den Grenzen der bestehenden
Gesetze. Aber mit unverwüstlicher Zähigkeit strebte sie unausgesetzt
darnach, politische Rechte zu erringen, wo ihr dieselben versagt waren,
oder ihre Wünsche und Beschwerden in den gesetzgebenden Körpern zur
Geltung zu bringen, dort wo sie Vertreter in die Parlamente entsenden
durfte. Nicht zufrieden damit, unablässig an der materiellen Hebung des
Arbeiterstandes zu wirken, bestrebte sie sich auch, stets eingedenk des
Wortes: »Bildung ist Macht«, das geistige Niveau ihrer Anhänger zu heben
und dies war ihr mit Hülfe unzähliger Vereine, Bibliotheken,
Zeitschriften, Flugblätter u. s. w. bereits am Ausgange des neunzehnten
Jahrhunderts so gut gelungen, daß das durchschnittliche Bildungsniveau
der Arbeiter dasjenige der Kleinbürgerschaft merklich überstieg und daß
sie im Stande waren, aus ihren Reihen Schriftsteller, Journalisten und
Redner auf den politischen Kampfplatz zu schicken, welche den
Geisteskoryphäen der Bürgerschaft, des Adels und der Geistlichkeit
nichts nachgaben. Mit ungeheurer Kraftanstrengung und eiserner Energie
hob sich die Arbeiterschaft aus tiefstem Elende zu einer geistigen und
sittlichen Höhe empor, welche sie befähigen mußte, in jenem Momente als
zielbewußte, politisch reife Macht aufzutreten, in welchem die Zügel den
schlaffen Händen der besitzenden Klassen entfallen würden. _Je tüchtiger
und reifer die Arbeiterschaft in diesem Augenblicke war, desto leichter
und schmerzloser mußte sich die unvermeidliche Umwälzung vollziehen._
Fast alle Staaten der civilisirten Welt sahen sich wohl oder übel durch
die immer gewaltiger anschwellende Bewegung genöthigt, ihr Augenmerk den
socialen Mißständen zuzuwenden, was sie bisher gänzlich verabsäumt
hatten. Man versuchte von Staats wegen das oft überaus traurige Loos der
arbeitenden Klassen zu bessern; man gründete Krankenkassen, Unfalls- und
Altersversicherungskassen für die Arbeiter, man stellte
Gewerbeinspectoren an, welche die Thätigkeit in den Fabriken und anderen
Gewerben überwachen und Mißbräuche abstellen sollten, man baute
Arbeiterhäuser, Volksküchen u. s. w., aber man verfuhr dabei in den
meisten Fällen mit einer so pedantischen Engherzigkeit, daß der Nutzen
aller dieser Anstalten ein sehr mäßiger blieb und die berechtigten
Forderungen der Arbeiter dadurch nicht befriedigt wurden. Gleichwohl
schien es zu jener Zeit, als sollte sich die Umwälzung in der
wirthschaftlichen Productionsweise, welche von der Socialdemokratie
angestrebt wurde, auf friedlichem Wege und sehr langsam vollziehen, denn
einerseits wurde die capitalistische Gesellschaft durch die Macht der
Verhältnisse immer mehr und mehr in eine Bahn gedrängt, auf der ihre
Umgestaltung nach dem Sinne der Socialdemokratie nur noch eine Frage der
Zeit sein mußte, und andererseits wäre eine gewaltsame Auflehnung gegen
die furchtbaren Machtmittel des Staates heller Wahnsinn gewesen, eine
Erkenntniß, welcher sich selbst die radicalsten Führer der socialen
Bewegung nicht verschließen konnten.
So standen die Dinge zu Beginn des letzten Decenniums im neunzehnten
Jahrhundert, als ein unvorhergesehenes Ereigniß die friedliche
Entwicklung der Gesellschaftsreform für unabsehbare Zeit verhinderte.
Im Jahre 1892 erschien in der Hauptstadt des deutschen Reiches ein
Büchlein, welches ungeheueres Aufsehen machte und in Hunderttausenden
von Exemplaren verbreitet wurde. Der Titel dieses verhängnißvollen
Büchleins war: »Socialdemokratische Zukunftsbilder«, der Verfasser:
einer der ersten Redner des Parlaments, Eugen Richter, welcher an der
Spitze der sogenannten freisinnigen Partei stand und ein erbitterter
Feind der Socialdemokratie war. In diesem Buche schilderte er mit
glühender Phantasie die Schreckensbilder, denen Deutschland
entgegengehen werde, falls es jemals der Socialdemokratie gelingen
sollte, ihre Pläne zur practischen Ausführung zu bringen, d. h. den
socialen Staat an Stelle des capitalistischen in's Leben zu rufen. Mit
gieriger Hast wurden die, in den düstersten Farben gehaltenen
Schilderungen vom deutschen Publikum verschlungen; die Wirkung war eine
ungeheure. Mit _einem_ Schlage war der ganze erschreckliche Abgrund, dem
das Vaterland entgegentaumelte, vor den bestürzten Blicken enthüllt;
Tausende und Abertausende, von Entsetzen übermannt, für ihre eigene, wie
für die Existenz ihrer Familien zitternd, verlangten ungestüm Hülfe und
Rettung von der Allmacht des Staates. Der Kaiser schwankte; noch konnte
er sich nicht entschließen, zu dem früher oft angewendeten Mittel
gewaltsamer Unterdrückung zu greifen.
Da kamen die Reichstagswahlen von 1895, und die socialdemokratische
Fraction, bisher sechsunddreißig Mitglieder zählend, wuchs auf fünfzig
an; es kamen die Wahlen des Jahres 1900 und mit _einem_ Schlage ward die
Socialdemokratie zur mächtigsten Partei des Parlamentes, in dem sie
nicht weniger als neunzig Mandate ihr Eigen nannte, während die
sogenannten Ordnungsparteien, in zahllose Fractionen und Fractiönchen
gespalten, dieser ehernen Phalanx gegenüber in ohnmächtiger Verwirrung
dastanden. Ein Todesschrecken erfaßte die ganze Bourgeoisie, den Geld-
und Geburtsadel, die Geistlichkeit aller Confessionen und nicht zum
Mindesten den Kaiserhof selbst. Es schien, als stünde das jüngste
Gericht vor den Thoren, und der Ruf nach Hülfe vor dem drohenden
Untergange wurde lauter und eindringlicher als je. Noch stand ja der
Regierung die große, herrliche, in hundert Schlachten und Gefechten
siegreich gewesene Armee zur Verfügung, auf die man sich fest verlassen
konnte, wenn es galt, die schwer bedrohte Gesellschaftsordnung zu
retten. Die Regierung, von allen Seiten bestürmt, zögerte nun auch nicht
mehr länger, energische Maßregeln zu ergreifen.
Am Morgen des 10. April 1900 prangten an allen Straßenecken Berlins
große Zettel, welche die Auflösung des Reichstages und die Abschaffung
des allgemeinen Wahlrechtes für die neu auszuschreibenden
Reichstagswahlen ankündigten. Zugleich erfuhr man, daß sämmtliche
socialistische Abgeordnete beim ersten Morgengrauen durch starke
Abtheilungen von Militär und Schutzleuten aus ihren Wohnungen abgeholt
und in geschlossenen Wagen unter Kavallerie-Eskorte nach Spandau
transportirt worden wären.
Die erste Wirkung war die eines lähmenden Schreckens, welcher das Volk
in der Hauptstadt urplötzlich ergriffen zu haben schien. Anfänglich
blieb Alles ruhig, aber die Straßen im Centrum der Stadt füllten sich
von Stunde zu Stunde immer mehr mit den von den Vorstädten
hereinströmenden Volksschaaren. Alle Geschäfte, alle Fabriken stellten
ihre Thätigkeit ein, und die dort beschäftigten Arbeiter vergrößerten
die durch die Straßen wogenden Massen. Aber auf dieser ganzen
ungeheueren Menge lastete ein dumpfes Schweigen; nur flüsternd ward die
Kunde von dem, was geschehen, von Mund zu Mund getragen; man ahnte, daß
Schreckliches folgen werde, aber Niemand hatte den Muth, das Losungswort
zu geben. So wurde es Mittag; mit klingendem Spiele kam, wie alltäglich,
die Wache zur Ablösung der Posten am Schlosse und den anderen
öffentlichen Gebäuden dahergezogen. Die Menge stand unbeweglich wie eine
Mauer, und wie das Grollen der See, wenn der erste Windstoß über sie
hinfährt, so begann beim Anblick des Militärs ein dumpfes Murren und
Brausen in der hunderttausendköpfigen Masse. Erst der Versuch, diese
lebendige Mauer mit Gewalt zu durchbrechen, brachte Bewegung in
dieselbe. Zwei Minuten später war die Abtheilung Soldaten über den
Haufen gerannt, entwaffnet, wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht; das
erste Blut war geflossen und der Anblick desselben berauschte das Volk.
Der Aufruhr hatte begonnen! Aus den Riesengebäuden der Kasernen ergossen
sich die bereit gehaltenen Regimenter in die Straßen und vertheilten
sich nach dem schon vorher festgestellten Plane, während aus den
Nachbarstädten bereits Zug auf Zug, vollgepfropft mit Truppen, zur Hülfe
herbeisauste. Fünf Tage und Nächte lang wogte der Straßenkampf von einem
Ende der Residenz bis zum anderen. Auch das Volk erhielt Verstärkung;
Tausende von Bauern und Fabrikarbeitern zogen von allen Seiten zur
Unterstützung herbei, aber das Ringen war, trotz allen Heldenmuthes der
Insurgenten, vom Anfang an durch die Ueberlegenheit der Waffen und der
Disciplin zu Gunsten der Truppen entschieden. Auch die anderen blutigen
Aufstände, welche an zahlreichen Orten des Reiches emporloderten, wurden
bald niedergeschlagen; die letzten Schaaren der Freiheitskämpfer
flüchteten in die Wälder und Gebirge an der böhmischen Grenze und
führten dort noch Monate lang einen erbitterten Guerillakrieg gegen die
sie verfolgenden Soldaten und Gensdarmen.
Das Strafgericht, welches folgte, war schrecklich; die überall
eingesetzten Kriegsgerichte verfuhren mit draconischer Strenge, und bald
lag die Ruhe des Friedhofes über dem aus tausend Wunden blutenden
Vaterlande.
Einige Monate später trat der, nach dem neuen Wahlgesetze, dem ein
engherziger Census zu Grunde gelegt worden war, gewählte Reichstag
zusammen. Natürlich war kein einziger Socialdemokrat mehr in demselben
zu erblicken. Was die Waffen begonnen, sollte nun die Gesetzgebung
vollenden: die gänzliche Niederwerfung, nein! Ausrottung der
Socialdemokratie. Alle »Ordnungsparteien« halfen bereitwilligst der
Regierung bei diesem Werke. Sämmtliche Arbeiterblätter wurden
unterdrückt, die Arbeitervereine aufgelöst, jeder politisch Verdächtige
festgenommen. In letzterer Beziehung gingen übereifrige Polizeiorgane
sogar so weit, daß Herr Eugen Richter, am nämlichen Tage, an welchem der
Reichstag den Regierungsantrag einstimmig annahm, Herrn Richter wegen
seiner Verdienste um die Vernichtung der Socialdemokratie bei Lebzeiten
schon ein Denkmal zu setzen, -- daß Herr Eugen Richter am nämlichen Tage
bei einem Haare auf den Schub gekommen wäre. Gleichzeitig ging man auch
daran, den Arbeitern durch Erschwerung ihrer Existenz den »Brodkorb«,
wie man sich ausdrückte, höher zu hängen. Hunger und Elend sollte die
gefährliche Masse mürbe machen. Zuerst wurden sämmtliche
Gewerbeinspectorate abgeschafft, die Bestände der Krankenkassen,
Unfallversicherungs-, Invaliditäts- und Altersversicherungskassen
eingezogen und zur Gutmachung jenes Schadens verwendet, den der Aufstand
verursacht hatte.
Den Arbeitgebern wurde vollständig freie Hand gelassen in Bezug auf
Verwendung weiblicher und jugendlicher Arbeiter, sowie schulpflichtiger
Kinder; die Beschränkungen der Arbeitszeit, sowohl bei Tage, wie bei
Nacht, wurden aufgehoben -- mit einem Worte: Alles, was vor dem großen
Aufstande an Schutzmaßregeln zu Gunsten der Arbeiter und _aus Furcht vor
der Socialdemokratie_ geschaffen worden war, wurde rückgängig gemacht.
Zu Anfang des Jahres 1901 war das große Werk gethan: _Die
Socialdemokratie hatte aufgehört zu existiren, der ruhigen Entwicklung
der capitalistisch organisirten Gesellschaft stand nichts mehr im Wege_,
denn auch in allen übrigen civilisirten Staaten hatten sich ähnliche
Vorgänge abgespielt. Zum ersten Male seit langen, langen Jahren athmete
der friedliche Bürger wieder beruhigt auf. Herr Eugen Richter aber stand
auf dem Gipfel einer Popularität, gegen welche selbst die seines
einstigen Feindes Bismarck verblaßte.