3. Capitel.

Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. -- Bivouak in den Ruinen. --

Unheimliche Gestalten. -- Die Expedition wird belagert. -- Ein

Nachtgefecht. -- Steinbombardement. -- Hülfe zur rechten Zeit.

Unter unsäglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne daß sich

etwas Bemerkenswerthes gezeigt hätte. Die engen Gassen, durch welche man

sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mühsam und unter

steter Lebensgefahr mußten diese Hügel, die noch dazu mannshohes

Gestrüpp bedeckte, überklettert werden. An anderen Stellen hinderten

Canäle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles

weithin überfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts übrig, als

mit unsäglicher Mühe einen weiten Umweg zurückzulegen, um schließlich

auf den Resten eines morschen Brückenbogens vorsichtig, Mann für Mann,

das andere Ufer zu gewinnen.

Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschöpft, erreichte man einen

kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner

Mannschaft die Nacht zu verbringen beschloß. Wunderbarerweise hatte sich

auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet;

einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt

worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die

Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen

Holzresten nährten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die

Nachtkühle hinreichend Schutz gewährten. Dem mitgenommenen Proviant

wurde tüchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fühlbarer

Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten

Thee's, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich führte, befriedigt

werden. Vorsichtshalber ließ Willy aus den umherliegenden Steinen und

Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager aufführen und an den

Ausgängen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so für die Sicherheit

der kleinen Schaar nach Möglichkeit gesorgt worden, streckten sich die

beiden Freunde auf ihre Mäntel in der Nähe eines Feuers nieder und

verfielen, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen

Schlummer.

Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt plötzlich

erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafür war der Mond über

den Giebeln der Häuser emporgestiegen und übergoß alles mit hellem

Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und

Vorsprünge an den umliegenden Ruinen nur desto schärfer abhoben. Während

der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb

sein Auge auf einem mehrstöckigen Hause ruhen, welches sich in der

Entfernung von etwa fünfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze

gegenüber, erhob.

Flüchtig glitten seine Blicke über die leeren, schwarz gähnenden

Fensteröffnungen, als er plötzlich erschreckt zusammenfuhr.

Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhöhle die

Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schärfer

hin -- aber nichts Verdächtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung,

sich getäuscht zu haben, sank er in seine frühere Stellung zurück. Dabei

fiel aber sein Blick auf eine andere Fensteröffnung, und wiederum war es

ihm, als sähe er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und

verschwinden. Und dort am nächsten Fenster, am zweiten, am dritten,

überall das nämliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in

den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in

Lumpen gehüllt, scharf abhoben.

Es war kein Zweifel mehr: diese Trümmerstadt hatte eine Bevölkerung, die

zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue

sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthüllen. Entsetzlicher Gedanke!

In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod

und Verwüstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden,

die wie das gräßlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen

Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare,

versteinerte Anklage gegen die Sünden verschollener Generationen.

Kurt rüttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; während er ihm aber

mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von

den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, daß sich überall in

den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Seitengassen unheimliches

Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb

nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich

indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurück. Die ganze

Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die

Waffen schußbereit in Händen, der Befehle ihres Commandanten gewärtig,

in Reih und Glied. Noch war es ungewiß, ob die Eingeborenen feindselige

Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Fälle geboten und so ließ

Willy zunächst die ausgestellten Posten zurückrufen, um seine kleine

Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich ließ er in Eile die niedere

Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhöhen und

verstärken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, daß sämmtliche

den Platz umgebenden Häuserfronten und Seitengassen nöthigenfalls unter

Feuer genommen werden konnten. In diesen Häusern war es unterdessen

furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensteröffnung, an der

sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt hätten. Die Scheu der

dämonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer

häufiger und immer länger zeigten sie sich; vielstimmiges,

unverständliches Geschrei ertönte bald da, bald dort und man sah

deutlich, wie Einzelne mit Feuerbränden in der Hand hin- und herliefen.

So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, daß das

nächtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens

berührte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Häuser,

einige Minuten später war Alles rings in nächtliche Dunkelheit gehüllt.

Die spähenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Männer

gewöhnten sich nach und nach soweit an die Finsterniß, daß sie

wenigstens auf zwanzig bis dreißig Schritte weit jede verdächtige

Erscheinung hätten wahrnehmen können. Plötzlich raunte einer der Männer

dem Commandanten in's Ohr: »Jetzt kommen sie!« Wie electrisirt fuhr

Willy empor und beugte sich über die Schutzwehr; seine Augen suchten

zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit

einem Male war es ihm, als hätten sich seine Blicke geschärft, und

deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in

einem großen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an

Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden

Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen.

Lautlos, eine lebendige Mauer, rückten sie Zoll für Zoll heran; man

hörte ihre Tritte nicht, man fühlte ihre Nähe mehr, als man sie sah, und

namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte

sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich

kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Häusern auf;

einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrände hoch

emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der

Feinde erkennen ließ. In der nächsten Secunde ein Kampfgeheul aus

tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger stürzten sie

sich, armsdicke Knüppel in den Fäusten, auf die umzingelte Schaar. Eine

furchtbare Salve empfing sie aus nächster Nähe; der niedrige Steinwall

glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein

Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen

wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der

Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen.

Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Häusern den

Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hörte

Geschrei und Geheul. Plötzlich sauste ein faustgroßer Stein durch die

Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen.

Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten;

ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer

schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende

Wurfgeschoß riß dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schüsse,

welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine

wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das

zeigte schon die große Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten.

Nach einer Viertelstunde war ein großer Theil der Mannschaft mehr oder

minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen

Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendämmerung Platz

gemacht; das Bombardement endete plötzlich und schon athmete die hart

bedrängte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen

neuerlichen Angriff verkündete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte,

der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn

Mann lagen bewußtlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen

Seitengassen quoll es nun unzählbar hervor. Die Schüsse, welche ihn

empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht

der von hinten Nachdrängenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam

vorwärts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen,

aber dies hielt die große Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die

Schutzwehr erreicht; riesige Knüppel sausten von allen Seiten auf die

Bedrängten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann,

dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war

die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des

Lagerraumes zusammengedrängt, wo sie, Rücken an Rücken, verzweifelt

kämpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick,

als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute

zusammenschmelzen sah, ertönte aus einer der Seitengassen im Rücken der

Angreifer ein Hornsignal. Einige Schüsse folgten, die Wuth der Angreifer

ließ nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten,

wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der

Trümmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz

rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das

Schießen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war

gerade zur rechten Zeit gekommen.

Mene tekel! Eine Entdeckungsreise nach Europa · 第 3 / 20 题