Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. -- Bivouak in den Ruinen. --
Unheimliche Gestalten. -- Die Expedition wird belagert. -- Ein
Nachtgefecht. -- Steinbombardement. -- Hülfe zur rechten Zeit.
Unter unsäglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne daß sich
etwas Bemerkenswerthes gezeigt hätte. Die engen Gassen, durch welche man
sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mühsam und unter
steter Lebensgefahr mußten diese Hügel, die noch dazu mannshohes
Gestrüpp bedeckte, überklettert werden. An anderen Stellen hinderten
Canäle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles
weithin überfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts übrig, als
mit unsäglicher Mühe einen weiten Umweg zurückzulegen, um schließlich
auf den Resten eines morschen Brückenbogens vorsichtig, Mann für Mann,
das andere Ufer zu gewinnen.
Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschöpft, erreichte man einen
kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner
Mannschaft die Nacht zu verbringen beschloß. Wunderbarerweise hatte sich
auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet;
einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt
worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die
Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen
Holzresten nährten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die
Nachtkühle hinreichend Schutz gewährten. Dem mitgenommenen Proviant
wurde tüchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fühlbarer
Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten
Thee's, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich führte, befriedigt
werden. Vorsichtshalber ließ Willy aus den umherliegenden Steinen und
Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager aufführen und an den
Ausgängen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so für die Sicherheit
der kleinen Schaar nach Möglichkeit gesorgt worden, streckten sich die
beiden Freunde auf ihre Mäntel in der Nähe eines Feuers nieder und
verfielen, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen
Schlummer.
Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt plötzlich
erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafür war der Mond über
den Giebeln der Häuser emporgestiegen und übergoß alles mit hellem
Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und
Vorsprünge an den umliegenden Ruinen nur desto schärfer abhoben. Während
der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb
sein Auge auf einem mehrstöckigen Hause ruhen, welches sich in der
Entfernung von etwa fünfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze
gegenüber, erhob.
Flüchtig glitten seine Blicke über die leeren, schwarz gähnenden
Fensteröffnungen, als er plötzlich erschreckt zusammenfuhr.
Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhöhle die
Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schärfer
hin -- aber nichts Verdächtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung,
sich getäuscht zu haben, sank er in seine frühere Stellung zurück. Dabei
fiel aber sein Blick auf eine andere Fensteröffnung, und wiederum war es
ihm, als sähe er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und
verschwinden. Und dort am nächsten Fenster, am zweiten, am dritten,
überall das nämliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in
den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in
Lumpen gehüllt, scharf abhoben.
Es war kein Zweifel mehr: diese Trümmerstadt hatte eine Bevölkerung, die
zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue
sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthüllen. Entsetzlicher Gedanke!
In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod
und Verwüstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden,
die wie das gräßlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen
Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare,
versteinerte Anklage gegen die Sünden verschollener Generationen.
Kurt rüttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; während er ihm aber
mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von
den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, daß sich überall in
den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Seitengassen unheimliches
Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb
nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich
indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurück. Die ganze
Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die
Waffen schußbereit in Händen, der Befehle ihres Commandanten gewärtig,
in Reih und Glied. Noch war es ungewiß, ob die Eingeborenen feindselige
Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Fälle geboten und so ließ
Willy zunächst die ausgestellten Posten zurückrufen, um seine kleine
Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich ließ er in Eile die niedere
Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhöhen und
verstärken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, daß sämmtliche
den Platz umgebenden Häuserfronten und Seitengassen nöthigenfalls unter
Feuer genommen werden konnten. In diesen Häusern war es unterdessen
furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensteröffnung, an der
sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt hätten. Die Scheu der
dämonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer
häufiger und immer länger zeigten sie sich; vielstimmiges,
unverständliches Geschrei ertönte bald da, bald dort und man sah
deutlich, wie Einzelne mit Feuerbränden in der Hand hin- und herliefen.
So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, daß das
nächtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens
berührte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Häuser,
einige Minuten später war Alles rings in nächtliche Dunkelheit gehüllt.
Die spähenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Männer
gewöhnten sich nach und nach soweit an die Finsterniß, daß sie
wenigstens auf zwanzig bis dreißig Schritte weit jede verdächtige
Erscheinung hätten wahrnehmen können. Plötzlich raunte einer der Männer
dem Commandanten in's Ohr: »Jetzt kommen sie!« Wie electrisirt fuhr
Willy empor und beugte sich über die Schutzwehr; seine Augen suchten
zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit
einem Male war es ihm, als hätten sich seine Blicke geschärft, und
deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in
einem großen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an
Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden
Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen.
Lautlos, eine lebendige Mauer, rückten sie Zoll für Zoll heran; man
hörte ihre Tritte nicht, man fühlte ihre Nähe mehr, als man sie sah, und
namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte
sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich
kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Häusern auf;
einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrände hoch
emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der
Feinde erkennen ließ. In der nächsten Secunde ein Kampfgeheul aus
tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger stürzten sie
sich, armsdicke Knüppel in den Fäusten, auf die umzingelte Schaar. Eine
furchtbare Salve empfing sie aus nächster Nähe; der niedrige Steinwall
glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein
Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen
wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der
Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen.
Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Häusern den
Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hörte
Geschrei und Geheul. Plötzlich sauste ein faustgroßer Stein durch die
Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen.
Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten;
ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer
schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende
Wurfgeschoß riß dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schüsse,
welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine
wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das
zeigte schon die große Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten.
Nach einer Viertelstunde war ein großer Theil der Mannschaft mehr oder
minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen
Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendämmerung Platz
gemacht; das Bombardement endete plötzlich und schon athmete die hart
bedrängte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen
neuerlichen Angriff verkündete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte,
der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn
Mann lagen bewußtlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen
Seitengassen quoll es nun unzählbar hervor. Die Schüsse, welche ihn
empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht
der von hinten Nachdrängenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam
vorwärts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen,
aber dies hielt die große Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die
Schutzwehr erreicht; riesige Knüppel sausten von allen Seiten auf die
Bedrängten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann,
dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war
die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des
Lagerraumes zusammengedrängt, wo sie, Rücken an Rücken, verzweifelt
kämpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick,
als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute
zusammenschmelzen sah, ertönte aus einer der Seitengassen im Rücken der
Angreifer ein Hornsignal. Einige Schüsse folgten, die Wuth der Angreifer
ließ nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten,
wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der
Trümmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz
rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das
Schießen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war
gerade zur rechten Zeit gekommen.