Weg, als wir hergekommen waren. Sie hatte den Korb am rechten Arme
und trug mich auf dem linken; ich sagte ihr, daß ich nicht müde sei,
und es ihr sauer werde, sie solle mich gehen lassen. Aber sie wollte
mich nicht loslassen, und ich merkte in ihr eine geheime Lust, mich
zu tragen, und sie schloß mich manchmal fester mit dem Arme an ihre
Brust, so daß ich den Schlag ihres Herzens fühlte. Da ward ich mir
so recht lebendig ihrer Liebe bewußt, und genoß ihrer Güte mit
kindlicher Freude; denn sie pflegte mich sonst nicht zu tragen, weil
sie, wenn gleich groß und schlank, doch durch manche Sorge und
Nachtwache entkräftet war. Sie war zart und weiß mit langen blonden
Haaren, und wie goldne Strahlen waren die Wimpern über ihren reinen
blauen Augen, die mich noch immer mit Friede, Liebe und Warnung
anblicken. Ja, ihr liebes Angesicht war wie ein durchsichtiges
Fensterlein ihres Herzens, aus dem ihre Seele mit jeder innern
Bewegung errötend und erbleichend zum Himmel schaute. Ihr Mund aber
war ruhig und zart geschlossen, und erregte eine züchtige Ehrfurcht.
Ich sage dies hier; denn ich werde nimmermehr vergessen, mit welcher
Liebe ich damals ihr edles Angesicht betrachtete, und wie gut und
holdselig sie aussah, da sie mich so zärtlich durch die freie Luft
über die grüne Wiese hintrug, und meine Härlein und ihre langen
blonden Haare in dem Winde durcheinanderflogen, und die Lerche über
uns, gegen die Sonne schwebend, lobsang. Da war mir unendlich wohl,
und meine Sehnsucht, sie nicht zu ermüden, ward so inbrünstig, daß
ich glaubend fühlte, ich ermüde sie nicht, und, mit ihren Haaren
spielend, zu ihr sagte: "Liebe Mutter, bin ich nicht recht leicht?
Mir ist, als träume ich, ich flöge." Sie aber antwortete nicht, als
mit einem zärtlichen Druck ihres Arms, und ich begann ihr ihre Haare
in Zöpfe zu flechten, daß ihr der spielende Wind nicht beschwerlich
fallen möge, und sie ließ es mit freundlichem Hinneigen ihres Kopfes
gern geschehen. Da ich aber fertig war und sie mich durch den Wald
unter den Bäumen hintrug, brach ich einen grünen Eichenzweig ab, wand
ihn in einen Kranz, und setzte ihn ihr auf das Haupt mit den Worten:
"Liebe Mutter, nun bist du geschmückt wie der kniende Ritter in St.
Jörgen Kapelle, nun hast du auch ein Kränzlein auf, und wenn er uns
nun durch den Wald entgegengeschritten käme, würdet ihr euch beide
wohl sehr aneinander erfreuen über die schönen Kränze?" Meine Mutter
aber antwortete nicht und ging traurig fort, worüber ich auch betrübt
wurde.
So zogen wir still und einsam wohl eine Stunde lang durch den dichten
Wald, als wären wir die einzigen Menschen auf der Welt, und hätten
nicht viel Freude. Nun ward es lichter in den Zweigen, und der Wald
endete sich gegen den Rand des Berges, der sich in das einsame
Lahntal senkte; hier küßte mich die Mutter und ließ mich an die Erde.
Wir standen aber auf einer grünen Waldwiese, die ein frischer Quell
erquickte, der mit Umwegen an dem mannigfaltig unterbrochenen Abhange
zu der Lahn hinabeilte. Wo wir standen, war die Gegend sanft und
mild, ein großer alter Birnbaum hing schwer voll gelber Birnen, und
um ihn her standen mehrere Vogelbeerbäume, die mit ihren
feuerfarbenen Früchten lustig gegen den dunkeln Wald abstachen;
außerdem begrenzten und durchschnitten den Platz mancherlei
Fruchtsträucher, Haselbüsche, Johannis--und Klosterbeersträucher, und
ich hatte die Fülle zu brechen und zu genießen. Gegen uns über
erschien die Gegend ernster. Das Lahntal schließt, von diesem Punkte
gesehen, den Spiegel des Flusses mit einer Krümme wie einen
tiefliegenden See ein, und die Berge lagen, mit dunklem Walde bedeckt,
streng und finster um diesen her, als hätten sie tiefsinnige
Gedanken über ein Leid, das hier geschehen. Die Mutter stand stille
und schaute ruhig in die Gegend hinein, ich hatte aber den Deckel des
Korbes genommen, ihn mit breiten Haselnußblättern bedeckt, und
sammelte mit ängstlichem Fleiße die schönsten Brombeeren und
Himbeeren, und was sonst an wohlschmeckenden Träublein zu reichlicher
Lese sich darbot. Zwischen der Arbeit schaute ich oft nach ihr, sah
auch mit Freude, wie der Anblick der Gegend ihr Antlitz zu erheitern
schien, und als ich meine Ernte ihr darbot, lächelte sie freundlich,
strich mir mit der Hand über die Stirne und sagte: "Schönen Dank,
Johannes, du bist ein gutes Kind."
Dann führte sie mich rechts dem Dickicht zu, wo wir nach wenigen
Schritten vor einer kleinen verlassenen Hütte standen; der Efeu hatte
frei die Wände umrankt, und selbst die verschlossene Tür mit seinem
Gitter umzogen. Die Mutter hob mich an einem alten Wacholderbaum in
die Höhe, der neben der Türe stand, und ich mußte ihr aus einem Loche
in demselben einen Schlüssel holen, mit welchem sie die Türe
aufschloß, nachdem ich ihr geholfen hatte, die Efeuranken behutsam,
ohne sie zu zerreißen, von der Türe abzulösen. Nun gingen wir durch
eine kleine, gerätlose Küche in eine viereckte Stube. Ich trat mit
Scheu hinein; denn die wenigen Strahlen, welche durch die
verschlossenen Fensterladen fielen, zeigten mir allerlei große Vögel
an den Wänden in unbestimmtem Lichte. Meine Mutter aber stieß
sogleich einen Fensterladen auf, und da sah man nach der andern Seite
des Lahntals, wo das alte Laurenburger Schloß aus schwarzem Bergwald
hervorragte. An den Wänden der kleinen Stube sah ich auf
eingemauerten Hirschgeweihen vielerlei ausgestopfte Vögel befestigt,
und besonders eine Reihe alter Falken; außerdem lehnten und hingen
mancherlei Jagdgeräte, Armbrust, Speere, Netze u. dgl., in schöner
Ordnung um einen einfachen Betschemel, der vor dem holzgeschnitzten
heiligen Hubertusbilde stand. Da war St. Hubertus abgebildet, wie er
vor einem Hirsche kniet, der ihm mit einem Kreuze zwischen den
Geweihen auf der Jagd entgegengetreten, da ihm der Herr sein wildes
Herz gerührt. Ich betrachtete alle diese Dinge, die ich früher nie
gesehen, mit bangem Staunen, während meine Mutter, auf einem
hölzernen Stuhle sitzend, still dem Fenster hinaus nach der
Laurenburg sah. Alles, was mir seit dem letzten Abend begegnet war,
hatte die ruhige Folge der gewohnten Eindrücke in meiner Seele
unterbrochen, und wenn ich jetzt zurückgedenke, möchte ich meine
damalige Empfindung wohl dem Gefühl eines Rades vergleichen, wenn es
in der Mühle plötzlich lebendig werden und sehen könnte, wie es sich
selbst und alle die andern Räder sich mit ihm herumdrehen, ohne sich
doch gleich vorstellen zu können, was es selbst und die andern Räder
eigentlich sollen, und was überhaupt eine Mühle ist. Besonders aber
befremdete es mich, daß meine Mutter mit allem dem Geräte der Hütte
ganz vertraut war, und in der Hütte tat, als wäre sie immer darin
gewesen; darum fragte ich sie mit den Worten: "Liebe Mutter, bleiben
wir nun hier, ist dies auch unser Häuslein? Dann will ich uns einen
kleinen Garten bauen und ein Vogelsteller werden." Da entgegnete sie
freundlich: "Was willst du dann mit den Vöglein anfangen?", worauf
ich sagte: "Ich will sie das Vaterunser beten lehren." Da fragte sie:
"Weißt du denn, wo dein Vater ist?" Und ich antwortete: "Im Himmel."
Nun nahm sie mich zu sich, und ich mußte mich zu ihren Füßen
setzen, und da erzählte sie mir ohngefähr das, was ich hier weiter
niederschreibe.
Wenn ich auch gleich jedes ihrer lieben Worte jetzt, da ich erwachsen
bin, nicht mehr so recht eigentlich wissen kann, dürfte es doch nicht
viel anders gelautet haben; denn ich habe mir alles scharf in das
Gedächtnis gefaßt, und es mir oft wieder von ihr erzählen lassen, so
daß wohl eher zu viel als zu wenig hier stehen mag. Sie sprach aber:
"Lieber Johannes, du hast mich seit gestern wohl trauriger als je
gesehen, denn ich dachte gestern, da die Arbeit vollendet war, schon
daran, wie ich heute alle die Wege gehen würde, die du mit mir
gegangen bist. Du hast mich auch gestern abend gefragt, warum ich
weine, da ich vor deinem Bettlein stand, aber ich habe dir keine
Antwort gegeben, sondern nur mit dir gebetet, damit wir ruhig
schlafen möchten. Jetzt aber will ich dir vieles erzählen; denn ich
glaube, es wird dir frommen, wenn du früh weißt, wie auf Erden viel
Traurigkeit ist, und im Himmel allein die Freude, die wir durch
unwandelbare Treue und Stärke in dem irdischen Leide allein verdienen
können. Du wirst dann deine Sinne immer mehr zu Gott wenden, und
dich führen lassen von seinen Engeln auf Erden, dem Glauben an Jesus,
der Hoffnung auf Jesus, und der Liebe zu Jesus, deren Gespielen sind
die Einfalt, die Demut, die Unschuld und die Wahrheit. Auch sollst
du nicht traurig sein um des Leides willen, das dich auf Erden
treffen wird, nein, nur um deine und aller Schuld, deren Strafe das
Leid ist. Auch sollst du nicht trauren um deinen Schmerz, sondern
allein um die Leiden deines Erlösers am Kreuze, an dem er gestorben
ist wie ein unschuldiges Lamm, das dahinnimmt die Schuld der Welt,
und zu dieser Versöhnung sollst du dich wenden, und fest an sie
glauben und auf sie hoffen, und dich rein erhalten von aller Sünde,
damit du deine Seele nicht wieder befleckest, die dein Jesus, dein
Erlöser, dein Heiland, dein Gott dir mit seinem heiligen Blute rein
gewaschen hat; dann wird dein Glaube, dein Vertrauen alles Leid
überwachsen, und du wirst dir ein freudiges Herz erkämpfen zu deinem
Gott, der dich erschaffen hat im Vater, erlöset im Sohn und
geheiliget im Heiligen Geist."
Was mir meine selige Mutter, die schöne Laurenburger Els, in dem
Häuslein meines seligen Großvaters, des Voglers Kilian, auf der
Hirzentreu von sich und dem lieben Großvater erzählt hat
Diese Berghöhe heißt die Hirzentreu, und dieses Häuslein, worin wir
sitzen, gehörte meinem lieben seligen Vater, dem Vogelsteller Kilian,
den man weit und breit nur den guten Kilian und den frommen
Falkenmeister nannte. Er ist zu Gott gegangen vor zehn Jahren, und
liegt begraben auf dem Kirchhofe zu Kloster Arnstein. Er ist geboren
zu Kitzing in Franken, und hat sich dies Häuslein hier selbst erbauet,
da er als ein Falkenier des Grafen von Nassau meine selige Mutter,
eines Jägers zurückgelassene Waise, zu seiner Hausfrau wählte, und
sich hier mit ihr niederließ. Es stehet auch draußen im Garten noch
der Baum, an welchem mein Vater meine Mutter zum ersten Male gesehen;
da rettete er ihr das Leben; denn als mein Vater einen Hirsch
verfolgte, fand das erzürnte Tier hier meine Mutter, welche als ein
armes Mägdlein Kräuter für die Klosterherren in Arnstein sammelte,
und faßte der Hirsch in seinem Grimm meine Mutter auf die Geweihe.
Mein Vater, der herzulaufend dieses sah, schoß einen Bolz von seiner
Armbrust nach dem Hirsch, und traf ihn nicht ohne Gefahr meiner
Mutter in das rechte Auge, und das verwundete Tier trat ihm,
geblendet, nun grade entgegen; da faßte mein Vater einen guten Mut,
und riß ihm die halbtote Jungfrau von dem Geweihe, legte sie unter
jenen Baum und erquickte sie an dem Bächlein, das hier entspringt.
Als sie sich wieder erholt hatte, sahen sie zu ihrer großen
Verwunderung, daß der Hirsch neben ihnen im Gebüsche stand, und mit
Schmerzen das Haupt bald hin und her schwenkte, bald traurig zur Erde
senkte. Da rührte das niederrinnende Blut meinen guten Vater, er
trat zu dem leidenden Tiere, zog ihm den Bolz aus dem Auge, und wusch
ihm die Wunde mit Wasser aus, welches alles der Hirsch ruhig
geschehen ließ. Als aber mein Vater die erschreckte Jungfrau nach
Kloster Arnstein begleitete, lief ihnen der Hirsch durch den ganzen
Wald nach, was sie beide sehr rührte und ihrem Gespräche eine größere
Vertraulichkeit gab. Vor Kloster Arnstein reichten sie sich die
Hände, und trennten sich mit der gegenseitigem Versicherung,
miteinander in christlicher Ehe zu leben.
Nun machte sich mein Vater von seinen herrschaftlichen Diensten los,
baute mit Erlaubnis der Klosterherren diese Hütte, und führte meine
Mutter Agnes, als seine liebe Hausfrau, hinein. Der gute Hirsch war
durch die Hülfe, die ihm mein Vater geleistet, so mild und zahm
geworden, daß er ihm immer zur Seite war, wenn er hier an seiner
Hütte mit der Mutter baute. Mein Vater pflegte dabei immer des
Hirsches krankes Auge, welches bald ausheilte, aber blind wurde.
Hernach, als meine Eltern hier wohnten, hielt sich der Hirsch immer
freundlich zu ihnen, und ich weiß noch recht wohl, daß er, wenn wir
aßen, den Kopf hier zum Fenster hereinsteckte, und ich als ein Kind
ihm Brot gab. Einstens aber hörte mein Vater ihn in der Nacht heftig
schreien; da stand er mit der Mutter auf, und sie gingen hinaus, zu
sehen, was dem guten Tiere fehlte. Er war aber im Kampf mit andern
Hirschen, welche ihm seines blinden Auges wegen überlegen waren, so
heftig verwundet, daß er mit anbrechendem Tage zu den Füßen meiner
Eltern starb. Wir weinten um ihn, wie um einen treuen und dankbaren
Freund, und hat ihn mein Vater unter demselben Baume, wo er ihn
geschossen, begraben, sein Geweih aber in den Baum so befestigt, daß
es, zu ewigem Gedächtnis in denselben verwachsen, noch zu sehen ist,
und hat mein Vater diese Hütte wegen des treuen Hirschen Hirzentreu
genannt.
Meine gute Mutter ist auch bald gestorben, und ich war noch ein so
kleines Mägdelein, daß ich nicht recht wußte, was Sterben ist. Ich
erinnre mich noch recht wohl, daß ich auf ihrem Bette saß, als sie
krank war, und ihr die Fliegen wehrte und ihr alle die kleinen Gebete
und Sprüche, die sie mich gelehrt, vorsagte, und meinem Vater zur
Hand ging, sie zu pflegen, soviel es ein Kind vermag. Da ich nun oft,
wenn meine Mutter Arzneikräuter suchte, mit ihr im Walde gewesen war,
und sie mir dabei allerlei Heilkräfte der Pflanzen mitgeteilt hatte,
so war meine Seele damals so erfüllt von der Begierde, ihr zu helfen,
daß ich einstens in der Nacht vor einbrechendem Tage in den Wald
hinauslief, um ihr einige Kräuter zu suchen, von welchen mir geträumt
hatte. Ich lief lange herum und suchte mit unbeschreiblicher Angst
die Kräuter, welche ich mich vorher gesehen zu haben nicht erinnerte.
Schon stand die Sonne hoch am Himmel, und ich war weit von unsrer
Hütte verirrt, aber ich vergaß, vor Begierde, das Arzneikraut zu
finden, meinen Hunger, und als ich endlich in großer Ermüdung
niederkniete und mit Tränen zu dem lieben Jesuskinde betete, es möge
mir doch das Kraut suchen helfen, ich wolle ihm auch mein Brot
schenken, bin ich darüber vor Müdigkeit entschlafen. Nach einigen
Stunden erwachte ich, und sah eine schöne edle Frau vor mir stehen;
ein Diener führte ihr Roß, auf welchem ihr Söhnlein saß, und war sie
abgestiegen, als sie mich so allein im wilden Walde liegen sah. Sie
fragte mich, wer ich sei, und da ich ihr gesagt, ich sei Voglers Els
von der Hirzentreu, und heute früh ausgegangen, ein Kräutlein für die
kranke Mutter zu suchen, küßte sie mich und sagte, daß sie mich
heimfahren wolle mit sich nach der Laurenburg, denn sie war die
Hausfrau des alten Laurenburgers, deine Großmutter; von da wolle sie
mich über die Lahn nach der Hirzentreu bringen lassen. Sie setzte
sich nun auf das Roß und nahm mich vor sich auf des Pferdes Hals; ihr
Söhnlein aber, Jörg, saß hinter ihr und hatte sie mit den Armen
umfaßt.
So zogen wir ein Stück Wegs nach dem Lahntal hinab, und hatte ich
schier auch alles vergessen; denn das Reiten, die fremde Frau und ihr
Söhnlein, das mancherlei kleine Lieder mit ihr sang, beschäftigten
meine Seele. Aber der Hunger fing mich an zu drücken, und ich
bemerkte mit Weinen, daß ich mein Brot nicht mehr in meiner Tasche
fand. Da fragte mich die Edelfrau: "Els, was weinst du?" und ich
sagte ihr: "Ich hungre, denn ich habe dem Jesuskind mein Brot gegeben,
und das Kräutlein von ihm erhalten, aber nun habe ich das Kräutlein
verloren und hungre", und dabei verlangte ich heftig, sie möge mich
in den Wald zurücklassen, das Kräutlein zu suchen. Ich mußte der
Edelfrau das Kraut aber beschreiben, denn seinen Namen wußte ich
nicht. Da sagte sie auf einmal: "Mein liebes Kind, du hast wohl
geträumt, aber die Barmherzigkeit Gottes ist groß, denn sieh, mein
Diener trägt ein solches Kraut in einem feuchten Tuche eingeschlagen
in seinem Wadsack auf dem Rücken; dies Kraut aber wächst nicht hier
zu Lande, sondern habe ich es im Kloster Arnstein, wo ich zur Beichte
war, von dem Gärtner erhalten, der es von einem Priester aus fremden
Landen jenseits des Meeres hat." Da mußte der Knecht den Wadsack
öffnen, und siehe da, es war dasselbe Kraut darinnen, das ich im
Traume gesehen. Meine Freude war unaussprechlich, und die gute
Edelfrau befahl dem Knechte, sogleich das Kraut meinem Vater zu
bringen, und ihm zu erzählen, wie ich es gesucht, und wie mich die
Edelfrau mit nach der Laurenburg genommen. Der Diener kannte meinen
Vater gar wohl und lief mit Freuden die Waldstege nach unsrer Hütte
zu. Nun ritt die Edelfrau mit mir und ihrem Söhnlein allein vollends
zur Lahn hinab und an einer seichten Stelle hinüber nach der
Laurenburg, wohin der Diener bald auch kam und mich auf dem Kahne zu
meinen Eltern hieher zurückbrachte. Die gute Edelfrau hatte mir
viele Liebe erwiesen und gab mir noch ein Krüglein mit altem Wein,
und einige stärkende Gewürzküchlein für die kranke Mutter mit, und
versprach, sie selbst morgen zu besuchen. Ihr Söhnlein aber, das
nicht zugegen war, als ich aus der Laurenburg ging, kam mir bis zum
Wasser nachgelaufen und gab mir einen ganzen Rosmarienstock, den er
aus seinem Gärtlein ausgerissen, und sprach: "Du Kleine, das stell an
deiner Mutter Bett, das ist ein guter Ruch, wenn man siech ist.
Elslein, komm wieder!" Da gab er mir die Hand, und wir schieden.
Als wir auf Hirzentreu ankamen, trug mich mein Vater an der Mutter
Bette; die umarmte mich und sagte: "Els, ich habe den ganzen Tag
nicht leben und nicht sterben gekonnt aus Sorge, daß du verloren
seist; Gott aber hat mich wunderbar getröstet durch das, was
geschehen, und hat mir dein Vater von dem Kraute einen Trank gekocht,
der hat mich wunderbar erquicket." Da gab ich dem Vater den
Rosmarienstock, der pflanzte ihn in einen schönen neuen Krug neben
der Mutter Lagerstätte, und nun nahm der Diener Abschied, nachdem er
den Wein und die Würzküchlein dem Vater gegeben.
Es war darüber Abend geworden, mein Vater gab der Mutter noch von dem
Weine und der Würze, und sie fand sich so gestärkt, daß sie das
Abendlied mit dem Vater mit großer Andacht leise mitsang, worüber ich
zu ihren Füßen auf ihrem Lager entschlief. Gegen Morgen aber weckte
mich der Vater und sagte mir mit Weinen: "Wach auf, lieb Elslein, und
schau nach der Mutter, und gib ihr, was sie verlangt; sie ist gar
krank, und ich will nach Kloster Arnstein laufen um die letzte
heilige Wegzehrung für sie. Halte dich still, so sie schläft, und
bete still, und so sie es verlangt, reiche ihr zu trinken, auch
schaue nach dem brennenden Kienspan im Kamin, daß kein Unglück
entsteht." Dann trat er zur Mutter, trocknete ihr das Antlitz und
sprach: "Gott erhalte dich, liebe Agnes, zu christlichem Geleite, ich
geh nach Kloster Arnstein; O wie ist dir, liebe Agnes?" Da sagte die
Mutter: "Ich lege wie ein Kind mein krankes Haupt in den Schoß dessen,
der gesagt hat: "Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter
tröstet", und ich habe das Vertrauen, er wird mich mit vollem Troste
von dir scheiden lassen; so gehe dann hin, und bringe mir den letzten
Trost!" Da küßte sie der Vater und ging fort.
Ich aber redete leise zu Füßen des Bettes: "Mutter, darf ich zu dir
kommen?" Da sagte sie: "Ja, lieb Elslein, doch steh erst auf und
bringe mir das kleine Kreuz aus meiner Truhe; mich verlanget sehr
darnach." Geschwind eilte ich an die Truhe, doch der Deckel war so
schwer, daß ich ihn nicht erheben konnte; das klagte ich der Mutter,
die sagte: "Elslein, bete! Der dir das Kraut gebracht, das mich so
erquickte, wird dir auch helfen, die Truhe zu eröffnen, so du ihm
vertrauest." Da fiel ich vor der Truhe auf die Knie und betete,
Jesus möge mir die Truhe eröffnen, und Gott erbarmte sich meiner, ich
öffnete die Truhe mit kleiner Mühe und brachte der Mutter das kleine
Kreuz. Es ist dasselbe, welches noch in Polsnich an meinem Bette
hängt, und unsre Truhe zu Haus ist auch dieselbe Truhe. Die Mutter
nahm das Kreuz in ihre gefalteten Hände und küßte es, und drückte es
an ihr Herz, und ich legte mich zu ihr auf das Hauptkissen und
drückte meine Wange an die ihrige. Sie sprach nicht, sie flüsterte
betend, und so entschlief ich; bald aber weckten mich laute Worte von
ihr, und ich hörte sie sagen: "Hüter, ist die Nacht schier hin? Wer
da? Gut Freund! Sei getrost! Ich bins! Fürchte dich nicht! Herr,
bist du es, so heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser!" und nach
diesen Worten bewegte sie sich mühsam im Traume. Ich verstand sie
nicht, und weckte sie mit Küssen: "Lieb Mutter, was verlangt dein
Herz?" Da schlug sie die Augen auf und sagte: "O mein Jesus, ich bin
noch nicht bei dir! Elslein, mein Kind, sage, hast du den lieben
Heiland gesehn, wo ist er hingegangen?" Ich verstand sie nicht, und
suchte ihr das Kreuzlein in dem Bette, das ihren Händen entfallen war,
und legte es ihr wieder in die Hände mit den Worten: "Herzmutter, da
ist der liebe Heiland." Da küßte sie das Kreuz wieder, und sagte
dann: "Elslein, ich war allein auf einem Kahn auf einem großen Wasser
eine lange, lange Nacht, kein Stern am Himmel, und sehnte mich nach
dem Tage; endlich sah ich ein Sternlein, das zog leise über das
Wasser, wie ein Wächter durch die Flur, und da rief ich mit aller
Macht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" und der Stern antwortete:
"Wenn der Morgen schon kömmt, so wird es doch Nacht sein; wenn du
schon fragest, so wirst du doch wieder kommen und wieder fragen." Da
kam es gegen mich über die Wogen geschritten, und ich sah, daß es
eine einsame Gestalt war. Da rief ich: "Wer da?" und es antwortete:
"Gut Freund!" Ach, da ward mein Herz so freudenvoll, und ich
gedachte: Sollte es wohl mein Jesus sein? Da sprach er: "Sei getrost,
ich bins, fürchte dich nicht", und ich sprach: "Herr, bist du es, so
heiße mich zu dir kommen auf dem Wasser." Da winkte er mir, und ich
trat aus dem Kahn auf das Wasser, konnte aber den Herrn nicht
erreichen, der vor mir herschwebte, wie eine Wolke oder ein Schatten,
und wenn ich so recht mutig und begierig auf ihn zuging, und recht
glaubte, daß er es gewiß sei, daß er sich meiner erbarmen werde und
einen Eliaswagen vom Himmel rufen, mich zu sich hineinsetzen und zu
dem himmlischen Paradiese fahren werde, ach, da war er mir so nah, so
nah, daß ich schon das Wehen der Seligkeit fühlte; dann kam aber
plötzlich eine Welle und erhob sich ein Wind, und ich verzagte und
glaubte zu versinken auf dem Wasser, und wie meine Sorge wuchs,
schwand das Bild des Herrn vor mir in die Ferne, ja, es ward wieder
zu dem einsamen Stern, den ich zuerst gesehen, und auch der
verschwand. Da war ich ganz allein auf dem Wasser, und der Kahn
trieb zu mir her, da sah ich dich drauf sitzen und nach mir weinen,
und ich wandelte mit Mühe zu dir hin, und saß bei dir im Kahn, und
herzte dich, und du entschliefst in meinem Arme. Ich aber wachte,
und die Nacht ward wieder so lang, so lang. Da hörte ich den
Flügelschlag einer Taube durch die Luft, und ich rief abermals mit
großer Sehnsucht: "Hüter, ist die Nacht schier hin?" Es flog aber
ein Täublein über meinem Haupt, das rief zu mir: "Lege Flügel der
Liebe an, und folge mir nach, deine Seele findet nicht, da sie ruhe
auf der Sündflut; sieh, der himmlische Noah strecket seine Hand aus
der gestirnten Arche, aus der du ausgeflogen, um dich wieder
hineinzunehmen; aber achte, daß dein Gefieder rein sei!" Da sah ich
den Himmel voll Sterne; aus dem blickten die Hände, die Füße und die
Seite des Herrn, und die heiligen fünf Wunden leuchteten wie Rubin
und bluteten hernieder, und die Taube flog ihnen zu; ich aber hatte
Flügel und breitete sie aus und wollte sie schwingen, aber sie waren
schwer und unrein; ich rief aber: "O Herr, nur einen Tropfen deines
Blutes auf meine Flügel, und sie werden gereinigt sein." Und es floß
nieder zu ihnen, da waren sie rein, und ich schwang sie freudig, aber
du lagst in meinem Schoß; da wollte ich dich küssen und Abschied
nehmen von dir, da schlangst du die Hände um mich und wolltest mich
nicht lassen, und deine Worte erweckten mich von dem seligen Traume."