Produced by Michael Pullen. HTML version by Al Haines.
Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung)
Clemens Brentano
Vorwort
Vor funfzehn Jahren machte es mir Freude, die folgende einfache
Geschichte niederzuschreiben. Sie sollte nur die Einfassung mehrerer
schöner altdeutschen Erzählungen sein, die sie mit mancherlei
Ereignissen aus dem Zusammenleben des alten Ritters Veltlin von
Türlingen und seiner drei Töchter unterbricht, mit deren Versorgung
und der Abreise des Erzählers sie schließt. So lieb ich das Gedicht
hatte, blieb es doch unterbrochen; der Sinn der Leser schien dazu zu
fehlen. Jetzt, da diese Erzählung mehr, ja selbst die altdeutschen
Röcke vor sich hat, fiel sie mir wieder in die Hände, und ich
versuche es, sie den Lesern vorzulegen mit der Erinnerung, daß sie zu
pädagogischen Zwecken entworfen worden, als ich von der sogenannten
Romantik noch wenig wußte, und daß sie daher neben den allerneuesten
Ritterromandichtern in ihrer redseligen Einfalt um Schonung bittet.
Sollte dem Leser, durch Eisenfresserei und Isländisches Moos verwöhnt,
diese Geschichte wie unsre deutsche Kamillen--und Hollunderblüte
nicht behagen, so bringe er sie einem kranken Freunde oder Mägdelein,
denen sie Gott gesegnen möge!
Im Jahr, da man zählte nach Christi, unsers lieben Herrn, Geburt 1358,
am zwanzigsten Tage des Maimonats, hörte ich, Johannes, der
Schreiber, die Schwalbe in der Frühe an meinem Kammerfenster singen
und ward innigst von dem Morgenlied des frommen Vögeleins erbauet,
bedachte auch auf meinem Bettlein, wie die Schwalbe in daurender
Freude lebet, gegen den Winter in ferne wärmere Länder ziehet und,
der Heimat getreu, gegen den Frühling wiederkehrt; also nicht der
Mensch, der arme fahrende Schüler, der wohl viel gegen Sturm und
Wetter ziehen muß, ja der oft kein Feuer findet, die erstarrten Hände
zu erwärmen, daß er sie falte zum Gebet; aber so er es ernstlich
meinet, haucht er hinein.
Da ich in solchen Betrachtungen versunken war und das Schwälblein
auch auf seine Weise fortphantasierte, wäre ich schier wieder
eingeschlummert, aber der Wächter auf dem Münster blies: "In süßen
Freuden geht die Zeit", welches ich hier noch nie gehöret; denn ich
war zum ersten Male in Straßburg erwacht.
Nun richtete ich mich in meinem Bettlein auf, und schaute in meinem
Gemache umher; das hatte aber Fenster rings herum und war in einem
Sommerhäuslein des Gartens. Links stand der Mond noch blaß am Himmel,
und rechts war der Himmel wie das lauterste Gold. Da fand ich mich
zwischen Nacht und Tag und faltete die Hände, und es fiel mir freudig
aufs Herz, daß heute mein zwanzigster Geburtstag sei, und wie mir es
viel besser geworden als in dem letzten Jahre, da ich meinen lieben
Geburtstag auf freiem Felde in einem zerrissenen Mäntelein empfangen
und mit einem Bissen Almosenbrot bewirten mußte. O Freude und Ehre!
dachte ich bei mir selbst und schaute zum Morgenlichte hin und sprach:
"Du bist mein Licht, du wirst mein Tag!", glaubte auch schier in
meiner Einfalt, der Himmel sei golden um meines Besten willen, die
Schwalbe habe nur gesungen, mir Glück zu wünschen, und der Türmer
habe allein so lieblich geblasen mir zur Feier; da der Himmel sich
doch nur gerötet vor der Sonne, die der Herr gerufen, da die Schwalbe
doch nur gesungen in Gottes Frühlingslust, und der Wächter nur
geblasen zu Gottes Ehren, ja wohl gern noch ein Stündlein geschlafen
hätte, so es ihm von den Münsterherren verstattet wäre. Also wird
der Mensch leicht übermütig in der Freude, und glaubet, er sei recht
der Mittelpunkt aller Dinge, und sei er mit allem gemeint. Da ließ
ich die Augen fröhlich in der Kammer umherschweifen, und sah auf dem
Schemel ein neues Gewand liegen, das mir mein gütiger Herr und Ritter
Veltlin von Türlingen am Abend im Dunkeln hatte herauftragen lassen,
und konnte ich meine Begierde nun nicht länger zurückhalten, sprang
auf von meinem Lager, und legte diese Kleider nicht ohne Tränen des
Dankes an. Es war dies aber ein feines blaues Wams, um die Lenden
gefaltet und gestutzet, und rot und weißes Beinkleid von ländschem
Tuch, auch stumpfe Schuh und eine schwarze Kogel mit einer blauen
Feder, nicht zu vergessen ein Hemmet von weißem Hauslinnen, am Halse
bunt genäht und gekrauset, dergleichen ich vorher nie getragen. Da
ward es mir fast leicht und fröhlich zumute, und hätte ich wohl mögen
einen Sprung tun, als hätte ich einen neuen Menschen angezogen mit
dem neuen Kleide.
Aber meine Hoffart währte nicht lange; denn mein zerrissenes
Mäntelein, welches ich als einen Vorhang vor das Fenster gehängt
hatte, erleuchtete sich durch die aufgehende Sonne, und alle seine
Löcher waren so viele Mäuler und alle seine Fetzen so viele Zungen,
die mich meiner törichten Hoffart zeihten. Es war, als sage das
Mäntelein zu mir: "O Johannes, bist du ein so eitler Kaufherr, daß du,
angelanget in den Hafen, des zerrissenen Segels vergißt, das dich in
denselben geführet? Johannes, bist du ein so stolzer Schiffbrüchiger,
daß du das Brett, welches dich mit Gottes Hülfe an ein grünes Eiland
getragen, mit dem Fuße undankbar in die Wellen zurückstößest? O
Johannes, du undankbarer Freund, willst du, gerettet, mich nicht auf
deinen Schultern in ein Gotteshaus tragen und aufstellen als ein
Gedächtnis, daß sich Gott deiner erbarmet?"
Ach, das waren wohl harte und wahre Worte meines Mänteleins, und ich
nahm es mit Schämen von dem Fenster, und legte es um über meinen
neuen Staat, und faßte es fest mit den Händen um die Brust, als
wollte ich es um Verzeihung bitten, und ging mit dem Gedanken die
Treppe hinab in den Garten: Wenn ich ein armer fahrender Schüler
gewesen bin, so werde ich immer ein armer fahrender Schüler bleiben;
denn auf Erden sind wir alle arm und müssen mannigfach mit unserm
Leben herumwandeln, und lernen, und bleiben doch arme Schüler, bis
der Herr sich unser erbarmet, und uns einführet durch seinen bittern
Tod in das ewige Leben.
Da ich nun in den Garten gekommen war, den ich vorher auch noch nicht
gesehen--denn mein gnädiger Herr und Ritter war den Abend spät mit
mir angekommen und ich im Finstern in mein Stüblein gebracht worden--,
konnte ich vor Staunen und Betrachten der neuen Dinge um mich her
auch nicht zum Gebete kommen. Ich fand mich von den schönen
Laubgängen, Zierfeldern und Pflanzen und den blühenden Bäumen schier
ebenso sehr überraschet als von meinem neuen Gewande. Ich fand mich
gleich einem neugebornen Kinde, welches mit allem spielet, und noch
nicht beten kann, und erst nach einiger Erfahrung in der Süßigkeit
des Lebens seine Hände zum Danke falten lernet. Der blühende Mal,
das lustige Singen der Vögel, die vielen jungen Kräuter und Blümlein,
die mit Taublicken vor der Sonne erwachten, der kühle Wasserstrahl,
welcher in einem mit bunten Kieseln und Muscheln ausgelegten Brunnen
tanzte, schienen mir alle so neu und wunderbar, als hätte ich
dergleichen niemals gesehen, und wußte ich auch nicht, was aus allem
diesem werden sollte.
So wie die lieben Kinder durch die Blumen gehen und sie brechen, und
Kränze winden und sich bei den Händen fassen und mit den Kränzen im
Kreise tanzen, gleichsam selbst ein lebendiger Blumenkranz; wie sie
aber nicht gedenken der Frucht im treibenden Sommer, und der Ernte im
reichen Herbst, und des Todes in dem trüben, tiefsinnigen Winter:
also wandelte auch ich armer Schelm wie ein einfältiges Kind ohne
Witz durch den Garten und konnte vor großer Bewegung über mein neues
Glück, das mir gestern früh noch nicht geträumt hatte, nicht zum
Gebete gelangen.
Mein freudiges Erstaunen wollte aber nicht lange dauern; denn als ich
meine Augen ersättiget hatte, ward es mir als einem Hungrigen, der
sich ohne Gebet zu einer reichlichen Mahlzeit gesetzet hat, welche
ihm Gott darum nicht gesegnet. Alle das häusliche, wohlgepflegte
Behagen des schönen Ziergartens erfüllte mich mit traurigen Gedanken,
und die Armut, die Einsamkeit meines eigenen Lebens trat mir in
dieser reichen Umgebung zum erstenmal recht lebendig vor die Seele.
Was mag trauriger sein als das Bild eines Bettlers, auf goldnem
Grunde gemalet?
"O meine Mutter", sagte ich mir, "wer war sanfter und schöner, und
feiner und edler als du, wer war würdiger, zwischen Blumen zu wandeln,
als du, die wohl ihre Schwester und Gespielin sein konnte? Standen
die Tränlein nicht auf den Wangen wie die Tautröpflein auf diesen
Rosen, gingst du nicht durch den Wald wie ein Lüftlein durch die
Blüten, und waren deine Augen nicht getreu und süß schauend wie die
blauen Veilchen, deine Lippen nicht wie die rosinfarbenen Nelken, und
flog dein gelbes Haar nicht wie der Sonnenschein? Aber du mußtest
gehen wie Hagar mit deinem Ismael durch die Dornen in der Wüste. Ach,
warum ward nicht dir so ein Garten und so ein Haus, und warum
wohnest du zwischen fünf Brettern und zwei Brettlein und bist deines
Lebens nicht froh geworden noch deines Todes? Sie haben dir keinen
Kranz geflochten. Mir aber ist nichts geblieben als deine Zucht, und
ich kann dein nicht gedenken in Freuden, denn mir gehöret nichts als
die Armut, und ich habe keinen Säckel, aus dem ich dir das schönste
Grab könnte erbauen lassen von Marmelstein und Gold."
Wie traurig ward ich da und wendete meine Augen von allem, was ihnen
wohlgefiel, und wollte nichts anschauen, weil sie es nicht mit mir
sehen konnte, weil sie ihre Augen nie mit so erlaubter Lust erquicken
konnte. Auch fiel es mir bittrer noch auf die Seele, daß ich eines
Ritters Sohn sei, ohne Wappen und ohne Waffen. Tränen füllten mir
die Augen, und Unwill erfüllte meinen ganzen Leib, der in dem neuen
geschenkten Gewand zu brennen schien, und ich spannte mein enges,
durchlöchertes Mäntelein so um mich, daß es noch mehr zerrissen.
So schritt ich, als suche ich die Wildnis, nach einem einsamem
ungepflegten Teile des Gartens, und kaum stand ich im hohen Gras
unter hohen Linden, so konnte ich schon nicht mehr begreifen, wie
dieser innre Schmerz und Zorn in mich zum ersten Male in meinem Leben
gekommen sei, und gegen die Mauer des Gartens schreitend, sah ich an
derselben in einem tiefen Bogenraum ein Heiligenhäuslein angebracht,
darinnen war wohlvergittert ein buntgemaltes Schnitzwerk, die
Anbetung der heiligen drei Könige im Stall zu Bethlehem, aufgestellt.
Davor kniete ich nieder ins Gras und betete von ganzem Herzen. Da
zerrann bald all mein Leid und meine Hoffart vor dem Sohne Gottes,
der nackt und arm in einer Krippe vor mir lag, und dem doch die
Könige dienten. Wie fühlte ich mich in meiner Ungebärdigkeit
beschämt! Und da ich mich mit Tränen angeklagt hatte, dankte ich von
ganzem Herzen dem Herrn, daß er mich armen fahrenden Schüler nicht
vergessen, und mich durch seine Barmherzigkeit zu meinem gnädigen
Herrn und Ritter gebracht, gelobte auch, ferner mich aller Hoffart zu
enthalten und die Künste, welche ich durch seinen Beistand mit
schwachen Sinnen erlernet, zur Mehrung seines Reiches auf Erden treu
anzuwenden.
Da ich nun nach solchem Gebete einen merklichen Trost in meinem
Herzen spürte, nahm ich ein gülden gewirktes Band, worauf das Ave
Maria stand, aus meinem Gebetbüchlein, und hängte es, durch das
Gitter langend, dem Bilde der Jungfrau Maria über den Arm, als das
Opfer eines törichten Menschen, der vor ihrem Sohne betend Trost
gefunden hatte. Dieses Band aber war mir das Liebste, was ich hatte.
Eine fromme Klosterfrau, meiner selgen Mutter Befreundte, hatte es
mir einst für ein Lied, das ich ihr gedichtet und gesungen,
geschenket, und war es zu Marburg an St. Elisabethen Grab angerühret
worden; ich aber hatte es bisher als einen Blattzeiger in meinem
Gebetbüchlein geführet. Dann nahm ich auch mein Mäntelein ab, und
rollte es zusammen in einen langen Wulst und flocht es durch die
obern Stäbe des Gitters vor dem Bilde, als einen aufgerollten Vorhang,
zum Gedenken meiner zeitlichen Armut, welche durch Gott sich in
Freud und Fülle gewandelt hatte. Nun wendete ich mich nach dem
Garten zurück, der mir ganz anders erschien als vorher.
So mag nichts vor dem Gemüte des Menschen bestehen, welches alles
nach sich umgestaltet. Jetzt, da ich gebetet hatte, erschienen mir
alle die roten, leibfarben und weißen Blümlein des Gartens jene
Blumen, durch die der König Ahasverus in seinem Schloßgarten zu Süsan
gewandelt, seines Zornes zu vergessen. Ja, es war mir, als sei der
liebe Gott durch diese Blumen gegangen und habe seinen gerechten Zorn
über meine Ungebärde hier an der Lieblichkeit seiner Werke
gesänftiget; denn hier an diesem ersten Morgen meines zwanzigsten
Jahres ist mir vieles Licht in der Seele aufgegangen, und ist mir der
Frühling ein weiser Lehrer geworden.
Besonders aber hat mich der hohe Münsterturm erschüttert, als ich aus
einem schattichten Baumgang hervortrat und ihn über die Dächer der
Nachbarhäuser auf mich niederschauen sah. War mir es doch im Anfang
so bange vor ihm, wie es einer Grasmücke sein muß, wenn ein Riese den
Busch über ihrem Neste öffnet und auf sie niederblickt. Alles
Menschenwerk, so es die gewöhnlichen Grenzen an Größe oder Vollendung
überschreitet, hat etwas Erschreckendes an sich, und man muß lange
dabei verweilen, ehe man es mit Ruhe und Trost genießen kann.
Ich habe dieses aber nicht allein bei dem Anblick dieses
schwindelhohen Turmes empfunden, sondern auch bei gar lieblichen und
feinen Werken, von welchen ich nur nennen will die überaus feinen und
natürlichen Gemälde des Malers Wilhelm in Köln, der von den Meistern
als der beste Meister in allen deutschen Landen geachtet wird, denn
er malet einen jeglichen Menschen von aller Gestalt, als lebe er.
Die Werke dieses Wilhelms aber, die ich zu Köln gesehen, sind
dermaßen zart, fein, scharf und lebendig, daß man schier glauben
sollte, sie seien von Händen der Engel gemacht, und erbebet man bei
ihrem Anblick, weil sie zu leben scheinen und doch nicht leben. Man
fühlet da wohl, daß der Mensch etwas sein und schaffen kann, was viel
herrlicher ist als sein gewöhnliches Sein und Schaffen, und man
erschrickt darüber, daß diese Herrlichkeit so fremd und selten ist;
daher wohl eine Menge Sprossen auf der Leiter zu dieser
Vollkommenheit wo nicht fehlen, doch unsichtbar sein müssen und wir
alle wohl tief herunter geworfen sind.
Die gewaltige Künstlichkeit des wunderwürdigen Münsterturms hätte
mich beinahe wieder niedergeschlagen; denn ich bedachte mit
Verwunderung, wie ich doch unter den hohen Eichen, in finstern
Wäldern, auf hohen Bergen, an steilen Abgründen und bei stürzenden
Wasserfällen in einsamen Tälern recht in Einöde, ja ganz verlassen,
auch wohl gar hungrig gesessen und mich doch nicht so bewegt gefühlt
als bei dem Anblick dieses Turmes. Wenn ich die Blätter und Zweige
der Bäume betrachte, so frage ich nicht, wie sie da hinauf gekommen,
und erschrecke nicht, wenn sie sich hin und her bewegen mit Rauschen;
aber wenn ich diesen wunderbaren Turm anschaue mit seinen vielen
Türmlein, Säulen und Schnörkeln, die immer auseinander heraustreiben
und durchsichtig sind wie das Gerippe eines Blattes, dann scheint er
mir der Traum eines tiefsinnigen Werkmeisters, vor dem er wohl selbst
erschrecken würde, wenn er erwachte und ihn so fertig vor sich in den
Himmel ragen sähe; es sei denn, daß er auf sein Antlitz niederfiele
und ausriefe: "Herr, dies Werk ist nicht von mir in seiner
Vollkommenheit, du hast dich nur meiner Hände bedienet, mein ist
nichts daran als die Mängel, diese aber decke zu mit dem Mantel
deiner Liebe, und lasse sie verschwinden im Geheimnis deiner Maße."
Keiner aber hat dieses wohl erlebet, keiner hat einem solchen Werke
seiner Erfindung die Krone aufgesetzet, ganze Geschlechter sind von
den Baugerüsten herabgestiegen und haben sich zu Ruhe in die Gräber
zu den Füßen des Turmes gelegt, der nichts davon weiß, und dasteht
ernst und steinern, der kein Herz und keinen Verstand hat, ja
eigentlich ein recht unvernünftiger Turm ist, und doch dasteht, als
wäre er aus sich selbst hervorgewachsen und brauche es keinem
Menschen zu danken. Dieser gewaltige Ausdruck der Erhabenheit aber
in einem solchen Werke, an welchem die Weisheit und Mühe und Andacht
von Jahrhunderten an unendlichen Linien des Gesetzes, des
Verhältnisses, der Not und der Zier mit halsbrechender Kühnheit
hinangeklommen, um auf dem Gipfel dem Herrn zu lobsingen, verbunden
mit seinem eigentlichen inneren Tode, so daß er, der alles durch sein
Dasein im tiefsten Herzen rühret, doch gar nichts davon mitempfindet,
das ist es, was seinem Anblick und der Erscheinung aller gewaltigen
Menschenwerke einen Schrecken beimischet. Es ist, als frage er: Was
bin ich, und warum bin ich, und was ist es, das dich also rühret in
mir? Was können wir ihm aber anderes antworten als: Die Werke des
Herrn sind unbegreiflich, er treibt uns, zu bauen und schaffen über
das Leben hinaus, denn wir waren unsterblich und vollkommen, und wir
sind gefallen in den Tod durch die Sünde; du Turm aber stehe, als ein
Zeuge, daß wir dunkel fühlen, was wir waren vor dieser Zeit, und daß
wir noch ringen nach unendlichem Ziel; so stehe du dann als ein
Träger unsrer Mühe und unsrer Buße zu Ehren unsres Heilands und
Seligmachers Jesu Christi, der uns erlöset hat durch sein bittres
Leiden und Sterben. Amen.
Also gedachte ich in mir, und wenngleich umgeben von lebenden Bäumen
und Blumen, in welchen, wie selbst in den harten Felsen, eine Seele
zu wohnen scheint, welche mit dem Menschen atmet und fühlet, im
Frühling sich mit ihm freuet, und im Winter mit ihm trauert, konnte
ich doch meine Augen nicht von dem Turme wenden. Der Sinn des
Menschen strebet immer nach dem Unbegreiflichen, als sei dort das
Ziel der Laufbahn und der Schlüssel des Himmels; denn bewundern kann
der Mensch allein, und alles Bewunderung Erregende ist ein Bote
Gottes, der uns mahnet an das Licht, das wir verloren, und das uns
wieder verheißen ist durch das Blut Christi, so wir uns dessen
teilhaftig machen. Also ist mir auch immer alle meine Drangsal
erschienen als eine Sehnsucht nach einem bessern Leben, und alle
meine bittern Stunden waren nur die kalten, stürmenden Tage des
Winters, denen der liebliche Frühling, angekleidet mit Blumen und
Gesang, folget, so ich säe guten Samen und fülle meine Seele mit dem
Lobe Gottes.
In solchen Betrachtungen wollte ich wieder nach dem Sommerhäuslein
gehn, sah aber meinen gnädigen Herrn und Ritter gar tiefsinnig mit
gefalteten Händen unter einem Baume im Sonnenschein sitzen, und
traute nicht, ihm vorüberzugehen, damit ich ihn nicht störe. Ich
stellte mich darum in seiner Nähe bescheidentlich an die Laubwand,
und nahm mein Barett in die Hände, erwartend, ob er seine Augen
vielleicht nach mir wenden möge.
Der Anblick meines Herrn erweckte eine große Ehrfurcht in mir. Ich
hatte ihn gestern nicht recht gesehen, denn es dunkelte schon, da er
mich am Wege barmherzig zu sich nahm. Er hatte ein schneeweißes Haar
am Haupt und Bart, und mochten wohl viele Sorgen über ihn hingeflogen
sein. Ich erinnerte mich, nie einen so frommen alten Ritter gesehen
zu haben, der mit seinem ernsten und milden Antlitz ein solches
Vertrauen in mein Herz senkte. Gott gebe, daß ich also in Ehren grau
werden möge! dachte ich bei mir und fühlte mich mit ganzer Seele zu
dem lieben Herrn hingezogen. Er aber schien sehr betrübt zu sein,
seufzte auch oft und tief, und die kleinen Vöglein, die über ihm in
dem Baume so lustig sangen, konnten ihn nicht trösten.
Da ich so eine Weile nach ihm hingesehen hatte, wendete er die Augen
zufällig zu dem Orte, an dem ich stand, und redete mich freundlich an
mit den Worten: "Wie ist dir, Johannes, daß du so stille dastehest?"
Worauf ich ihm entgegnete: "Ich wollte Eure Ruhe nicht stören, Herr;
Ihr scheinet mir in schweren Gedanken."
Der Ritter aber sprach hierauf: "Johannes, wie gefällt dir deine neue
Heimat; bist du zufrieden bei mir?"
Da sagte ich: "Herr, sollte ich nicht froh sein? Da ich nun weiß, wo
schlafen und wo Brot finden und wem dienen um des Herren willen, da
weiß ich nun auch, wen lieben, wem danken außer Gott, und für wen
beten außer für mich. Herr, meine neue Heimat gefällt mir wohl; Gott
gebe, daß ich auch ihr wohlgefalle, und ihrer würdig werde." Da
lächelte der Ritter und sprach: "Johannes, wenn dir deine Worte ernst
sind, so werden wir gute Gesellen sein, denn deine Rede gefällt mir
wohl. Aber was willst du tun, mir wohlzugefallen; was willst du mir
geben, da du nichts hast?"
Hierauf erwiderte ich: "Herr, ich bleibe Euer Schuldner vor der Welt,
denn ich kann Euch kein Wams geben für das Wams, das ich durch Eure
Gnade trage; aber vor Gott gebe ich Euch einen guten Zahlmann, denn
vor ihm schenke ich Euch mein Herz."
Da versetzte der Ritter scherzhaft: "Wenn ich dir nun auch mein Herz
geben wollte für das deinige, so behielt ich doch das Wams zugute;
wie dann, Johannes?"
Worauf ich entgegnete: "Herr, Ihr rechnet so gestreng, als wolltet
Ihr mich versuchen in Gegenrechnung, und so muß ich dann schon sagen,
daß mein Herz gewiß nicht Wert hat gegen das Eure, welches geprüfet
ist durch lange Jahre, da das meinige arm ist und ohne Verdienst, ja
da ihm alles Gute, was es gewollt hat, nicht zugute kömmt, da es
keinen Wert hat, den es Euch mit sich geben kann, weil der Glaube an
die Barmherzigkeit des Heilands nicht mit dem Herzen geschenkt werden
kann und dieser Glaube allein doch ein Herz zu beseligen und selig zu
machen vermag. So nehmt es denn hin, wie es ist, und füget hinzu,
was man nicht mitgeben kann. Doch habe ich noch eine Gabe, deren ich
Euch genießen lassen will, und die Ihr mir nicht so leicht einholen
sollet; denn sie ist rasch und fliehet davon, auch werdet Ihr sie mit
allem Ernste nicht leicht verdrängen mögen; denn sie ist lieblich und
lustig anzuschauen, und könnte ich sie Euch wirklich zu eigen geben,
so würdet Ihr sie nicht gerne wieder lassen, eine also gute Gesellin
ist sie."
Mein Herr, der sehr ernst geworden war, sagte hierauf, traurig vor
sich niederschauend: "Und was ist das vor ein Kleinod, Johannes, mit
dem du so prahlest?"
Da erwiderte ich: "Herr, es ist meine Jugend; deren will ich Euch
genießen lassen, wie ich kann. Damit Ihr Euer Alter vergesset bei
mir, will ich Euch erfreuen mit mancherlei fröhlichen Reden und
Gedanken."
Aber was ich da zuletzt gesprochen hatte, war wohl töricht und ein
schlechter Anfang meiner versprochenen erfreulichen Reden; denn mein
gnädiger Herr ward nun sehr stille und finster. Weil ich ihn an sein
Alter erinnert hatte, glaubte ich. Da redete ich ihn schüchtern an:
"Herr, ich habe Euch mit törichten Worten erzürnet."
Er aber sprach: "Das hast du nicht getan, Johannes, du hast die
Wahrheit gesprochen, aber mir ist schwerer aufs Herz gefallen, was
mir lange schon darauf liegt, mein Unwert. Nun aber bedenke ich, ob
dein fröhlicher Mut mir wohl diese Last von der Brust nehmen wird;
aber das mag wohl nicht sein; hast du mich nicht gefunden hier im
Grünen, in einem lustigen Garten, von der lieben Sonne beschienen,
und angesungen von den unschuldigen Vögelein, nachdenklich und
betrübt? Wirst du können, was der Frühling nicht vermag? So du aber
Künste gelernt hast, die ich nicht besitze, so wirst du mein
Schuldner nicht bleiben, wenn ich gleich selbst ewig Gottes Schuldner
bleibe. Setze dich zu mir und sage mir treulich, wie du zur Armut
gekommen bist im Guten, und wie es sich mit dir begeben, bis ich dich
gestern an der Eiche gefunden habe im Blobsheimer Wald, und dann
sollst du ebenfalls von mir hören, warum ich betrübt bin."
Da ich die große Freundlichkeit meines Herrn aus dieser Rede
vernommen hatte, faßte ich einen guten Mut, setzte mich zu ihm unter
den Baum, und sprach also: "Mein gnädiger Herr und Ritter, es gibt
keinen ehrlicheren Weg ins Leben als die Geburt, denn unser Heiland
ist ihn auch gewandelt, und so gibt es auch keinen ehrlicheren Weg
zur Armut, als in ihr geboren zu sein, denn auch unser Heiland ward
in ihr geboren, und so kam ich zur Armut, als ich zur Welt kam. Aber
ich bin doch nicht lang arm geblieben; denn ich fand eine
unaussprechlich liebe Mutter; die ließ mich an ihrem Herzen
schlummern, und sah auf mich nieder mit sorgenden Liebesblicken, und
weckte sie mich nicht mit ihren Tränlein, die auf mich niederfielen,
so weckte sie mich mit Küssen, und ließ mich ihr eignes Leben aus
ihren Brüsten trinken; o Herr, war ich nicht reich, wer ist reicher
als ein neugebornes Kindlein?--Ja, ich war so reich, daß ich meiner
lieben Mutter Freud und Leid verdoppeln konnte, was Ihr wohl aus
einem Liede vernehmen werdet, das meine Mutter oft sang, wenn sie
mich in frühster Jugend einschläferte, und habe ich es nach ihrem
Tode in ihrem Gebetbüchlein liegend gefunden; es ist aber gestellt,
bald als rede ein Kindlein zur Mutter, bald die Mutter zu ihm; nun
höret:
O Mutter, halte dein Kindlein warm,
Die Welt ist kalt und helle,
Und trag es fromm in deinem Arm
An deines Herzens Schwelle.
Leg still es, wo dein Busen bebt,
Und, leis herab gebücket,
Harr liebvoll, bis es die äuglein hebt,
Zum Himmel selig blicket.-Und weck ich dich mit Tränen nicht,
So weck ich dich mit Küssen;
Aus deinem Aug mein Tag anbricht,
Sonn, Mond dir weichen müssen,
O du unschuldger Himmel du!
Du lachst aus Kindesblicken,
O Engelsehen, o selge Ruh,
In dich mich zu entzücken!
Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
Muß ewig zu dir schauen,
Und wenn mein Himmel träumend lacht,
Wächst Hoffnung und Vertrauen.
Komm her, komm her, trink meine Brust,
Leben von meinem Leben;
O, könnt ich alle fromme Lust
Aus meiner Brust dir geben!
Nur Lust, nur Lust, und gar kein Weh,
Ach, du trinkst auch die Schmerzen;
So stärke Gott in Himmelshöh
Dich Herz aus meinem Herzen!
Vater unser, der du im Himmel bist,
Unser täglich Brot gib uns heute,
Getreuer Gott, Herr Jesus Christ,
Tränk uns aus deiner Seite.-Du strahlender Augenhimmel du,
Du taust aus Mutteraugen,
Ach Herzenspochen, ach Lust, ach Ruh,
An deinen Brüsten saugen!
Ich schau zu dir so Tag als Nacht,
Muß ewig zu dir schauen;
Du mußt mir, die mich zur Welt gebracht,
Auch nun die Wiege bauen.
Um meine Wiege laß Seide nicht,
Laß deinen Arm sich schlingen,
Und nur deiner milden Augen Licht
Laß zu mir niederdringen.
Und in deines keuschen Schoßes Hut
Sollst du deine Kindlein schaukeln,
Daß deine Kinder, so lieb, so gut,
Wie Träume mich umgaukeln.
Da träumt mir, wie ich so ganz allein
Gewohnt dir unterm Herzen;
Da waren die Freuden, die Leiden dein
Mir Freuden auch und Schmerzen.
Und ward dir dein Herz ja allzu groß,
Und hattest nicht, wem klagen,
Und weintest du still in deinen Schoß,
Half ich dein Herz dir tragen.
Da rief ich: Komm, lieb Mutter, komm!
Kühl dich in Liebeswogen!
Da fühltest du dich so still, so fromm
In dich hinabgezogen.
So mutterselig ganz allein
In deiner Lust berauschet,
Hab ich die klare Seele dein,
Du reines Herz, belauschet.
Was heilig in dir zu aller Stund,
Das bin ich all gewesen;
Nun küß mich, süßer Mund, gesund,
Weil du an mir genesen.
O selig, selig ohne Schuld,
Wie konnt ich mit dir beten;
O wunderbare Ungeduld,
Ans scharfe Licht zu treten!
O Mutter, halte dein Kindlein warm,
Die Welt ist kalt und helle,
Und trag es fromm, bist du zu arm,
Hin an des Grabes Schwelle.
Leg es in Linnen, die du gewebt,
Zu Blumen, die du gepflücket,
Stirb mit, daß, wenn es die äuglein hebt,
Im Himmel es dich erblicket.
So lallt zu dir ein frommes Herz,
Und nimmer lernt es sprechen,
Blickt ewig zu dir, blickt himmelwärts
Und will in Freuden brechen.
Brichts nicht in Freud, brichts doch in Leid,
Bricht es uns allen beiden.
Ach, Wiedersehen geht fern und weit,
Und nahe geht das Scheiden!
Als ich das Lied ganz hergesagt, waren ich und mein Herr Ritter ein
bißchen stille. Dann hob er an und sprach: "Du hast recht, lieber
Johannes, du warst recht reich, eine so liebe Mutter auf Erden zu
finden; das ist ein schönes Lied, aber es ist auch viel Trauer darin;
wer hat es denn also gesetzet, daß es am Ende so schmerzlich vom
Scheiden spricht?"
Da sagte ich: "Mein Vater hat es gesetzt, als ich noch nicht geboren
war, da er von meiner Mutter scheiden mußte, und hat sie ihn nie
wiedergesehn, und kenne ich ihn auch nicht." Da brachen mir die
Tränen aus, aber mein gnädiger Herr fuhr mir freundlich mit der Hand
über das Haupt und sagte: "Sei wohlgemut! Ich will dein Vater sein,
das reicht auf Erden hin, Gott gebs!" Da küßt ich ihm die Hand und
fuhr fort: "Ach, Herr Ritter, solcher Reichtum an einer so lieben
Mutter war noch nicht genug; denn gute Leute nahmen mich auf ihre
Arme und trugen mich in die Kirche; da ward ich durch die heilige
Taufe aufgenommen unter die Kinder Gottes und ward gereinigt von
aller Sünde und ward teilhaftig der Versühnung unseres Herrn Jesu
Christi. Da ward ich erst reich über alle Maßen, da hatte ich das
ewige Leben und den Schlüssel des Himmels geschenket. Dann aber auch
ward mir gegeben viele irdische Herrlichkeit, und was zum Leben nötig
und lustig ist; denn ich ward gelehret, daß der Glanz der Sonne all
mein Gold sei, der Spiegel der Flüsse all mein Silber, die grünen
Wiesen mit ihren Blumen all meine Teppiche und Tapezereien, der
Himmel mit seinen blauen gestirnten Gewölben und der grüne hohe Wald
alle meine Gebäude und Hallen; ja endlich bin ich so reich geworden,
daß mir die ganze Welt offen stand, und alle guten Menschen meine
Diener warden, zu denen ich sprechen durfte: Gib mir dies, gib mir
jenes; und hatte ich auch keinen Herrn, als den Herrn aller Herren,
den lieben Gott, der mir das Leben zu einem Leben gegeben, und in
dessen Hände ich es, so der heilige Geist seine Gnade verleiht, und
mein Herr Jesus sich meiner erbarmt, ohne große Makel zurückzugeben
hoffe, und habe ich mir zum Spruche auf mein Schild erwählt--denn ich
bin eines Ritters Sohn--:
Der Himmel ist mein Hut,
Die Erde ist mein Schuh,
Das heilge Kreuz ist mein Schwert,
Wer mich sieht, hat mich lieb und wert."
Da lächelte Herr Veltlin und sprach: "Dein Hut ist besser als deine
Schuh, die wirst du dir bald ablaufen, aber dein Schwert ist das
mächtigste auf Erden und hat einen guten Waffenschmied gehabt, du
bist ein guter Ritter, und deine Fahrt mag friedlich abgehen, denn
die dich sehen, haben dich lieb und wert. Aber erzähl mir nun dein
Herkommen!"
Da zog ich ein Buch aus meinem Buchbeutel und sprach: "Ich will es
Euch lesen, denn ich habe angefangen, es mir aufzuschreiben, und zwar
so recht ausführlich, wie es mir eingefallen, mit allerlei Rede und
Betrachtung; wie mir bewußt ward, daß es gewesen ist und gewesen sein
kann." Da sprach Herr Veltlin: "Du kannst schreiben? Johannes, das
kann ich nicht, und bin ich begierig zu hören, ob du auch alles so
aufgeschrieben, daß ich es wohl genießen mag; denn da die Schrift als
etwas Künstlicheres und dem Menschen Merkwürdigeres gegeben wird als
gewöhnliche Rede, die schnell dahin fliegt, so soll sie auch des
Aufbehaltens würdiger dem Menschen dargereicht werden, und also
wohlgesetzt und deutlich sein. Lies nun!" Da hob ich an: Chronika
des fahrenden Schülers Johannes Laurenburger, von Polsnich an der Lahn
Dieses Buch ist mir wert und lieb;
Wer es mir stiehlt, der ist ein Dieb.
Ich bin geboren am 20. Mai 1318 zu Polsnich an der Lahn; das ist ein
Hof, der gehört zum Kloster Arnstein, darin ich getauft wurde
Johannes. Meine Mutter selig wohnte in einem kleinen Häuslein vor
dem Hof, und nannte man sie die schöne Laurenburger Els; mein Vater
aber, den ich nie gesehen, war der Ritter von der Laurenburg, die dem
Kloster Arnstein gegenüber an der Lahn liegt. Was es aber für eine
Beschaffenheit mit ihm habe, will ich hier niederschreiben, so viel
ich erfahren, wenn ich zu der Zeit in meinem Leben gelange, da es mir
selbst bekannt worden.
Das erste, dessen ich mich aus frühster Jugend von meiner Mutter
recht deutlich erinnre, ist, daß sie mich lehrte, mich mit dem
Zeichen des heiligen Kreuzes zu bezeichnen und die Hände zu falten
und das Vaterunser und den englischen Gruß zu beten. Sie sagte mir
die Gebete vor, ich schaute nach ihren Lippen und sprach ihr nach,
und ich erinnere mich noch recht sehr deutlich meiner großen Freude,
als ich zum ersten Male abends neben ihr an ihrem Betschemel kniete,
und diese heiligen Gebete mit ihr fertig und ohne Fehl sprach. Jetzt
noch, wenn ich bete, ist es mir oft, als schaute ich nach ihren
Lippen und spräche ihr nach.
Sie war arm, fromm und arbeitsam, und wenn ich sie gleich später in
mancherlei Geschäft gesehen, schwebt mir ihr Bild doch meistens
betend, singend oder spinnend vor Augen. Wenn sie mich manchmal
abends schon im Bette entschlafen glaubte, wachte ich noch und
horchte auf das Schnurren ihrer Spindel und ihren rührenden Gesang;
denn sie saß spät auf, ihr Brot in Ehren zu verdienen.
Der Anblick meiner holdseligen Mutter, wenn sie so bei Lampenschein
vor sich hinsang und spann, rührte mich oft bis zu Tränen; warum, das
weiß der liebe Gott gewiß, zu dem ich wohl zuhörend mit kindischem
Herzen für sie gebetet habe.
Einmal weiß ich, daß ich gar sehr weinen mußte; als ich sie nachts
bei ihrem Rocken so vor sich hin singen hörte, da fing eine
Nachtigall vor unserm Fenster auch an zu singen; es war schon sehr
spät, und der volle Mond schien klar und hell. Meine Mutter aber
hörte nicht auf zu singen, und sang das Vögelein und sie zugleich.
Da habe ich zum erstenmal Traurigkeit empfunden und kindische Sorgen
um den Ernst des Lebens gehabt, die ich wohl noch fühle, aber nicht
auszusprechen vermag; da habe ich mich auch leise im Bette
aufgerichtet und meiner Mutter zugehört. Sie sang aber ein Lied, das
lautete also:
Es sang vor langen Jahren
Wohl auch die Nachtigall;
Das war wohl süßer Schall,
Da wir zusammen waren.
Ich sing und kann nicht weinen
Und spinne so allein
Den Faden klar und rein,
Solang der Mond wird scheinen.
Da wir zusammen waren,
Da sang die Nachtigall;
Nun mahnet mich ihr Schall,
Daß du von mir gefahren.
So oft der Mond mag scheinen,
Gedenk ich dein allein;
Mein Herz ist klar und rein,
Gott wolle uns vereinen!
Seit du von mir gefahren,
Singt stets die Nachtigall;
Ich denk bei ihrem Schall,
Wie wir zusammen waren.
Gott wolle uns vereinen,
Hier spinn ich so allein;
Der Mond scheint klar und rein,
Ich sing und möchte weinen!
Besonders traurig aber kam es mir vor, daß der Vogel und meine Mutter
zugleich sangen und doch nicht recht miteinander, und hätte ich
damals wohl wissen mögen, ob der Vogel auch in seinem Gesange meiner
Mutter gedachte, und ob er auch lieber geweint als gesungen hätte.
Ich fragte darum meine Mutter mit den Worten: "Mutter, was singt denn
die Nachtigall dazu?"
Da sagte sie: "Die Nachtigall sehnt sich und lobet Gott; also tue ich
auch. Aber, Johannes, warum wachst du? Schlafe, du mußt morgen früh
heraus und mit mir nach Kloster Arnstein gehn; wenn du nicht schläfst,
so nehme ich dich nicht mit." Da löschte sie die Lampe aus, und
trat vor mein Bettlein und machte mir das Zeichen des Kreuzes auf
Stirne, Mund und Herz und küßte mich, und da ich fühlte, daß sie
weinte, schlang ich meine Arme um ihren Hals und drückte ihr Antlitz
fest an das meinige, und da weinten wir beide.
Ich fragte sie aber: "O liebe Herzmutter, was weinest du, und warum
machst du mir nochmals das Kreuz? Ich habe ja schon gebetet."
"Lieber Johannes", sprach sie hierauf, "ich mache dir immer das Kreuz
und küsse dich, wenn ich schlafen gehe, daß dir Gottes und deiner
Mutter Segen in der Nacht zugute komme; aber du hast bisher immer
schon geschlafen, wenn ich es tat, und wußtest es darum nicht." Aber
warum sie weine, sagte sie mir damals nicht. Darauf entkleidete sie
sich und legte sich zu Bette, und betete laut, ich aber sprach ihr
nach:
Herr Jesus, ich will schlafen gehn,
Laß vierzehn Engel bei mir stehn,
Zwei zu meiner Rechten,
Zwei zu meiner Linken,
Zwei zu meinen Häupten,
Zwei zu meinen Füßen,
Zwei, die mich decken,
Zwei, die mich wecken,
Zwei, die mich weisen
Zum himmlischen Paradeise!
Worauf wir ruhig einschliefen.
Am folgenden Morgen wachte ich früher auf als die Mutter. Die
Schwalbe begann zu singen. Ich kleidete mich leise an und trat an
das Bett meiner Mutter; die hatte die Hände ruhig gefaltet, und der
junge Tag schien auf ihr Angesicht. Ihr Anblick erfüllte mich mit
Liebe und Trauer, denn ich hatte Barbara, die Tochter des Hofmeiers,
neulich also mit gefaltenen Händen stille im Sarge liegen sehn, und
ergriff mich eine so tiefe Angst, daß ich meine Mutter mit ungestümen
Küssen erweckte. Sie erwachte in meinen Armen, und als ich ihr die
Ursache meiner Tränen sagte, nahm sie meine Hände von ihrem Hals und
faltete sie, und schloß sie in ihre lieben Hände, und so beteten wir
zusammen zu Gott, und dankten ihm, daß er uns diese Nacht erhalten
und uns verliehen habe, diesen Tag zu unserer Besserung anzutreten.
Am Schlusse des Gebetes sagte die Mutter: "Du hast gefürchtet, ich
sei tot, Johannes; sterben müssen wir alle, halte dich an unsern
Herrn Jesum und die himmlische Mutter Maria, die werden dir Vater und
Mutter sein, besser als dein irdischer Vater und ich, wenn auch ich
dich verlassen muß. Und wenn ich einst die Hände so schließe, um zu
beten, da ich zur ewigen Ruhe entschlafe, so schließe auch deine
Hände so in die meinigen und bete mit mir, auf daß uns der Heiland
zusammen in die ewige Herrlichkeit seines Angesichts schauen lasse.
"-Da wurd ich still und trat an das Fensterlein unsrer Kammer und sah
nach dem kommenden Tag. Als sich aber meine Mutter angekleidet hatte,
trat sie hinter mich, und hielt mir freundlich die Augen zu, mit den
Worten: "Warte ein wenig, liebes Kind, gleich wirst du etwas sehen,
das du nie gesehen." Während sie mir so die Augen zuhielt, fragte
ich sie: "Liebe Mutter, ist das Gebet dann kräftiger, und gefällt es
dem lieben Gott dann besser, wenn man die Hände so zusammen faltet,
wie du mit mir getan?"--"Gewiß", sagte die Mutter, "wenn die, so es
tun, sich so lieben wie wir, aber den lieben Gott doch noch viel mehr
als einander, und wenn in der Kirche alle Leute zusammen beten und
der Priester am Altare betet, da ist das Gebet des Priesters die Hand,
in die sie alle ihre Hände gefalten haben. Was habe ich dich von
der christlichen Liebe gelehrt?" Da sprach ich: "Du sollst Vater und
Mutter lieben, auf daß du lang lebest auf Erden; du sollst deinen
Nächsten lieben wie dich selbst und Gott über alles."--"Recht", sagte
die Mutter, "o wie selig wäre die Welt, wenn alle Menschen so
vereinet beteten, wie wir es heut tun konnten, und wie es eine fromme
Gemeinde in der Kirche tut." Da sagte ich kindisch: "Aber alle
Menschen können doch nicht ihre Hände zu zwei Händen zusammenlegen.
"--"O gewiß, das können sie", erwiderte die Mutter, "und das in
unsers lieben Erlösers Jesus Christi Hände, der überall und an allen
Orten ist, und seine heiligen Hände für uns am Kreuze ausgespannt hat,
uns zu erlösen von der Sünde. Denn er hat uns ja das Gebet gelehret,
und er ist die Hand, in welche wir unsre Hände legen müssen, so
unser Gebet zu Gott dringen soll; denn er selbst hat auf Erden gesagt:
"Alle Dinge sind mir übergeben von meinem Vater, und niemand
erkennet den Sohn, als nur der Vater, und niemand kennet den Vater,
als nur der Sohn, und wem es der Sohn will offenbaren. Kommet her zu
mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken."
Und der heilige Johannes sagt: "Der Vater hat den Sohn lieb und
hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wir haben einen Fürsprecher
beim Vater, Jesum Christum, den Gerechten; der ist die Versöhnung für
unsre Sünden, doch nicht allein für die unsrigen, sondern für die
Sünden der ganzen Welt. Es ist ein Gott und ein Mittler zwischen
Gott und den Menschen, der Mensch Jesus Christus, der sich selbst für
uns alle zur Erlösung hingegeben hat." Ach, möchten nur alle ihre
Hände in des Heilands Hand, in die Gott alles gegeben hat, glaubend,
hoffend und liebend legen; dann würden wir alle zusammen schauen in
das Angesicht Gottes." Nach diesen Worten tat die liebe Mutter ihre
Hände von meinen Augen und sprach: "Gelobet sei Jesus Christus!", und
ich erwiderte: "In Ewigkeit, Amen!" und sah mit großer Seligkeit in
den Glanz der Morgensonne, die über dem Lahntal hervorstieg. "Ach,
Mutter", rief ich aus, "ist dieses Gottes Angesicht?"--"Nein, mein
Kind", erwiderte sie, "das ist nur seine erschaffene Sonne, die er
über uns arme sündige Menschen scheinen läßt; aber denen, die ihn
lieben, hat Gott bereitet, was kein Auge gesehn und kein Ohr gehört
hat, und was in keines Menschen Herz gekommen ist."
Ich habe aber damals die Sonne zum ersten Male aufgehen sehen, weil
ich so früh vorher nie aufgestanden. Dieses Morgens und aller meiner
Mutter Rede und Tun an demselben habe ich bis jetzt gar oft mit
großem Nutzen gedacht. Nun aber nahm meine Mutter Linnen, das sie
gewebt, und Garn, das sie gesponnen und gezwirnet, um es in dem
Kloster zu verkaufen. Sie trug es in dem Korbe auf dem Kopfe, und da
ich sie darum gebeten, gab sie mir einige Stränge des Garns zu tragen,
welche ich mit einer großen Liebe zu meiner Mutter sehr sorgfältig
bis nach Arnstein getragen habe. Wir kamen daselbst in des Abtes
Stube, die war mit schönen Bildern ausgemalt; auch handelte der Abt
selbst um das Tuch mit der Mutter und war ein heiliger, aber sonst
gar freundlicher und lustiger Mann, fragte mich auch, da ich die
schönen Bilder an den Wänden so fleißig betrachtete: "Hans, dir
gefällt wohl meine Zelle; hast du auch Lust, ein geistlicher
Ordensherr zu werden? Wenn du fromm und fleißig bist, kannst du mit
der Zeit diese meine Bilder besitzen und Abt sein, wenn ich in dem
stillen Konvent unter der Kirche schlafe."
Da erwiderte ich: "Ich hätte wohl Lust dazu, Abt in der schönen Zelle
zu sein, Hochwürdiger Herr, wenn meine liebe Mutter mit drinnen
wohnen wollte." Da lachte der Abt und sprach: "Lieber Hans, wenn die
schöne Laurenburger Els mit in den Zellen wohnen dürfte, möchte wohl
das kleine Klosterpförtlein zu enge werden, so viele sollten den
heiligen Orden suchen; aber das geht nicht, denn der Herr spricht,
wir sollen das Kreuz auf uns nehmen, alles verlassen und ihm
nachfolgen; und doch wohnet eine Mutter mit uns in unsern Zellen, die
ist noch viel lieblicher und milder als die deine." Da sah ich bald
den Abt, bald meine Mutter an und konnte seine Rede nicht recht
glauben, sagte auch zuletzt: "Ach, Hochwürdiger Herr, zeiget mir sie!"
Da lachte der Abt wieder und sprach: "Mein Hans, zeigen kann man
sie nicht, aber wir leben alle in ihrem Schoße, und auch du; es ist
die heilige Mutter, die Kirche, welche unser lieber Herr Jesus sich
zu einer Braut erkoren; aber das verstehest du noch nicht." Da sagte
ich: "Nein!", und er gab mir drei Bildlein aus seinem Gebetbuch, das
war St. Jörgen Bild, meines Vaters, Ritter Jörgen von der Laurenburg,
Patron, St. Elsbethen Bild, meiner Mutter Patronin, und St. Johannsen
mit dem gülden Mund Bild, mein Patron, worüber ich große Freude
empfand, und als ich ihm den ärmel küssen wollte, reichte er mir die
Hand und sprach: "Johannes, bitte Frau Else, deine Mutter, daß sie
dich bald herauf zur Schule tut, da sollst du zur Messe dienen lernen,
und für jede Messe einen halben Heller von mir erhalten." Da bat
die Mutter den Abt um seinen Segen, und knieten wir beide vor ihm,
und er legte seine Hände auf uns und betete.
Meine Mutter ließ aber von dem Geld, das er ihr für die Linnen
gegeben, zurück, eine heilige Messe für ihr Anliegen in Sankt Jörgen
Kapelle zu lesen, und da der Abt fragte: "Laurenburgerin, was ist
Euer Anliegen?", traten meiner Mutter die Tränen in die Augen, und
sie sprach mit Schämen: "Das stell ich Gott anheim, Hochwürdiger Herr."
Der Abt erwiderte hierauf mit ernster und freundlicher Stimme:
"Laurenburgerin, nehmet Euer Geld zurück und wendet es Eurem Kinde zu;
ich weiß, Ihr lebet bedrängt, ich will das heilige Meßopfer selbsten
für Euch halten und von ganzem Herzen für Euch beten; aber ergebet
Euch auch in den Willen des Herrn, und hanget nicht weltlichem Kummer
allzu sehr nach." Meine Mutter aber wollte das Geld nicht wieder
nehmen und sprach: "Der Himmel segne Euch, Hochwürdiger Herr, für
Eure Milde, aber ich bedarf des Geldes nicht, welches ich zu heiligem
Opfer erarbeitet; tut des edlen Laurenburgers Weib den Schimpf nicht
an, als könne sie nicht ein kleines Opfer erarbeiten." Da sprach der
Abt: "So Ihr Euch das zu Herzen nehmet, will ich dafür ein Kerzlein
vor St. Jörgen Bild aufstecken lassen. Linnen und Garn gebet unten
im Kloster dem Bruder Sulpizius, daß er Chorhemden daraus mache; denn
Eure Linnen sind gar fein." Da nahm die Mutter die Linnen, und gaben
wir sie unten dem Bruder Schneider; der hielt aber der Mutter den
Korb zurück, bis wir aus der Kirche kamen.
In der Kirche gingen wir zur Linken in eine Kapelle; da stand auf dem
Altar St. Jörgen Bild, wie er den Drachen durchbohret; den Altar
haben die Ritter von der Laurenburg gestiftet und viele Gaben zu dem
Kloster getan, haben auch ihr Begräbnis in dieser Kapelle, wie ich
nachmals erfahren. Zur Rechten des Altars kniete ich mit meiner
Mutter nieder, bei einem steinernen Bilde, das in die Wand gemauert
war. Dieses stellte aber einen alten Ritter vor, der hatte ein
langes geistliches Gewand an, und legte einem jungen Ritter, der vor
ihm kniete, die Hände auf das Haupt. Meine Mutter sah oft und mit
recht innerlicher Bewegung nach dem knienden Ritter. Ich betrachtete
ihn auch, und empfand eine große Freude an ihm, hätte ihm auch gern
etwas Liebes getan und setzte ihm drum einen grünen Kranz auf sein
steinern Haupt, den ich mir im Walde geflochten und noch spielend in
der Hand trug. Da meine Mutter dies sah, fuhr es wie ein Blitz durch
ihre Augen, und umarmte sie mich heftig in der Kirche, aber ihre
Wangen wurden schamrot und ihre Augen voll Tränen; da ließ sie mich
los und senkte das Haupt auf den Betstuhl. Ich empfand große
Bangigkeit um ihre rührende Gebärde. Da trat ein Ordensbruder aus
der Sakristei mit einer schönen bunten Wachskerze; die zündete er an
der ewigen Lampe an, nahte dann unserm Betstuhl und reichte sie
meiner Mutter und mir zu küssen, und als wir dies getan, steckte er
sie auf St. Jörgen Leuchter, der neben St. Jörgen Altar stand und
gestaltet war wie eine Lanze, die durch einen Lindwurm gestochen ist.
Das war die Opferkerze, die uns der Herr Abt versprochen. Nun klang
das Glöcklein, und der fromme liebreiche Herr trat mit dem
Ministranten zum Altar und las uns die heilige Messe selbst mit
großer Andacht. Da sagte mir meine Mutter ins Ohr: "Bete hübsch
fromm, Johannes, der stehende alte Ritter ist der alte Laurenburger,
dein Großvater, bete hübsch für ihn!" Nun hatte ich den Mut nicht
mehr, nach dem Bilde zu schauen, und ward mir mein Großvater von
damals an ein gar ernster und sorglicher Gedanke, aber ich habe zum
ersten Male gebetet mit einer recht innerlichen Herzensangst, wie
früher nie; warum ich aber so gebetet, kann ich mich nicht mehr
deutlich entsinnen.
Da die Messe zu Ende war, fragte ich meine Mutter wieder nach dem
steinernen Bilde mit den Worten: "Mutter, was macht denn der alte
Laurenburger da?" Aber sie antwortete nicht, und sah mit nassen
Augen den knienden Ritter an, dem ich das Kränzlein aufgesetzet. Als
ich sie nochmals fragte, sagte sie: "Der alte Laurenburger tut, was
ich dir gestern abend tat, da ich dich im Bette mit dem heiligen
Kreuze bezeichnete." Da fragte ich sie weiter: "Will denn der alte
Laurenburger auch schlafen gehn?" Und sie sprach: "Ja, er will
schlafen gehn in die ewige Ruhe." Ich aber fragte weiter: "Will denn
der kniende Ritter auch schlafen gehn?" Da sprach sie: "Ach, Gott
gebe ihm ein seliges Erwachen, so er schon schläft!" und ward wieder
sehr traurig, und hob mich hinauf an dem Bilde, mit den Worten:
"Küsse den Knienden, habe ihn recht lieb, es ist dein guter Vater."
Da küßte ich ihn herzlich und setzte ihm das Kränzlein zurecht auf
seinem Haupt, wollte ihn auch nicht lassen. Meine Mutter aber
behielt mich auf dem Arme und trug mich aus der Kirche hinaus, und
hätte sie schier auch ihren Korb vergessen, der noch bei dem Bruder
Sulpizius stand. Der aber kam uns nachgelaufen und brachte den Korb;
da war ein schönes weißes Klosterbrot drinnen und ein Krüglein voll
Weins, das schenkte uns der Herr Abt.