So erzählte mir die kranke Mutter, was ihr geträumt, und ich hörte

ihr mit noch größerer Aufmerksamkeit zu, als wenn sie mir sonst eine

Geschichte erzählte. Da sie geendet hatte, sagte ich zu ihr: "Mutter,

das war sehr schön, aber schlafe wieder ein, und wenn die Taube

wieder kömmt, so bitte sie, daß ich auch mit fliegen darf, ich will

auch recht beten; der mir das Kräutlein gegeben, und mir die Truhe

geöffnet, der wird mir auch gewiß Flügel geben, daß ich mit dir

fliegen kann."--"Das wird er gewiß, liebes Elslein, so es dir gut

ist", sagte die Mutter, "aber wenn ich wieder einschliefe, und das

Täublein käme wieder, und ich flöge mit ihm fort, so würdest du gewiß

gern zurückbleiben bei deinem Vater, daß er nicht allein sei, so ich

dich darum bitten würde." Da sagte ich zu ihr: "Ja, das will ich, so

du bald wiederkehrst, und mir etwas mitbringest." Sie aber

antwortete: "Ich werde nicht wiederkehren, doch werdet ihr mir

nachfolgen, und da wird alles voll Herrlichkeit sein; aber hörst du,

Elslein, du mußt mir den Abschied nicht schwer machen, und auch den

Vater trösten, wenn er weinen sollte, und ihm erzählen, wie ich dir

gesagt, daß ihr mir nachkommen werdet; denn das Täublein wird bald

kommen, mir ist, als höre ich schon seinen Flügelschlag." Da küßte

ich die Mutter und sagte: "Ich will tun, wie du willst, und will dein

gutes Elslein sein", und die Mutter küßte mich wieder mit den Worten:

"O du gutes, gutes Elslein!" Dann bat sie mich, ihr das Lied von der

Taube zu sagen, das sie mich gelehrt; da sprach ich:

Hör, liebe Seel! Wer rufet dir?

Dein Jesus aus der Höhe:

"Komm, meine Taube, komm zu mir!"

Den Ruf ich wohl verstehe.

Wenn ich soll deine Taube sein,

Mußt du mir Flügel geben;

Die wasch in deinem Blut ich rein,

Und werde glaubend schweben.

Du rufest mir! Wie arm ich bin,

Darf ich zu dir doch kommen;

Die Mängel hat dein treuer Sinn

Ja all von mir genommen.

Sag, Herr, wird auch ein Nestlein fein

Für mich bei dir gefunden?

"Ja, meine Taube, komm herein,

Wohn hier in meinen Wunden!"

Mein Jesu, ach, was willst du mir

In deinen Wunden geben?

"Durch meine Wunden, sag ich dir,

Fliegst sterbend du zum Leben."

Wohlan, es zielt des Todes Pfeil,

Er wird mich nicht verderben;

Zu deinen Wunden, Herr, ich eil,

Da werd ichs Leben erben.

Da ich der Mutter das Lied hergesagt, war sie leise wieder

eingeschlummert. Der Tag brach an, und ich nahm ein Zweiglein von

dem Rosmarienstock, der bei ihrem Lager stand, und gab es ihr zu dem

Kreuze in ihre gefaltenen Hände. Da flog auch die Turteltaube,

welche bei unserm Haus nistete, an das Fenster und pickte daran und

rief: "Ruckuck." Sie tat es sonst alle Morgen, denn ich streute ihr

Futter dahin, aber heute hatte ich nicht den Mut, und gedachte: Ach,

da kömmt die Taube schon, welche die Mutter mitnehmen will, aber ich

soll ihr den Abschied nicht schwer machen. So stand ich leise, leise

von der Seite der Mutter auf, und ging hinaus und kniete an dem

Bächlein in das Gras und betete für sie. Da hörte ich ein Glöcklein

im Walde und sah bald meinen Vater kommen; der trug eine Leuchte, und

zwei Ordensherren gingen mit ihm, deren einer trug das Hochwürdige

Gut, und der andere das heilige öl, und ihnen folgten einige fromme

Männer und Frauen, die stille beteten. Da lief ich meinem Vater

entgegen und sprach: "Herzvater, die Himmelstaube ist schon da,

welche die Mutter abholen will; wir dürfen aber nicht gleich mit, ich

habe es ihr versprochen, bei dir zu bleiben und dich zu trösten, bis

wir nachkommen in die Herrlichkeit." Mein Vater verstand mich wohl

und trat mit dem Geistlichen in die Hütte, ich aber blieb draußen und

betete mit den Begleitern. Hernach kam die Edelfrau von der

Laurenburg mit ihrem Söhnlein, dem Junker Jörg, über die Lahn zur

Hirzentreu, wie sie den Abend vorher mir versprochen, und derselbe

alte Diener war wieder bei ihr. Die Edelfrau ging zu meiner Mutter

hinein, der Junker aber blieb bei mir, und wir spielten im Gras an

der Quelle; er fragte mich auch nach dem Rosmarin, den er mir gegeben

für meine Mutter; da erzählte ich ihm von der Taube und von allem.

Nach einiger Zeit aber trat die Edelfrau heraus und nahm mich mit in

die Hütte, da lag die Mutter ganz still, und der Vater kniete an

ihrem Bette und weinte; da ich zu ihm trat, hob er mich zur Mutter,

und sprach: "Agnes, segne das Elslein, ehe du scheidest", und er

legte der Mutter Hand auf mein Haupt. Die Mutter aber sagte: "Gott

segne dich, tröste den Vater, bis ihr nachkommet. Elslein, ich

fliege schon." Da sah sie mich mit unaussprechlicher Liebe an und

wendete dann den Blick zum Himmel. Ich sprach: "Geleit dich Gott,

lieb Mutter!" und weinte laut. Da trug mich die Edelfrau hinaus zu

ihrem Söhnlein, dem erzählte ich alles, und da ein paar Tauben

hinüber zur Laurenburg flogen, streckten wir beide kindisch die Hände

aus und riefen: "Da fliegen sie, da fliegen sie, geleit dich Gott,

liebe Herzmutter!"

Hernach nahm mich die Edelfrau mit nach der Laurenburg, und ich blieb

bis zum andern Tag dort, da die Mutter schon im Kloster Arnstein

begraben war. Der alte Knecht aber war bei meinem Vater geblieben,

und war mein Vater einen ganzen Tag in Kloster Arnstein gewesen, des

Trostes der geistlichen Herren zu genießen. Die Edelfrau ist auch

mit zu Grabe gewesen, und da sie nach der Laurenburg kehrte, brachte

sie ihren Herrn, den Ritter von der Laurenburg, und den ältern Sohn,

Johann, mit welchem der alte Laurenburger bei dem Grafen zu Nassau

gewesen, der des Johann Taufpate war, und hatte die Laurenburgerin

ihnen auf der Heimkehr begegnet. Der Ritter war mir freundlich und

gab mir Wecken von des Grafen von Nassau Tisch, und da seine Hausfrau

ihm den frommen Tod meiner Mutter erzählet, war er sehr mitleidig mit

meinem Vater, und sprach: "Der Graf Johann hat noch heute zu Tisch

von dem frommen Falkenmeister gesprochen, und vor allen seinen

Dienern sein in Ehren gedacht, ich habe ihm auch versprechen müssen,

den Vogler von ihm zu grüßen, und will er ihm nächstens einen kranken

Falken schicken, daß er ihn pflege. Komm, Elslein", sagte der Ritter

dann zu mir, "ich will dich selbst zu deinem Vater bringen; es ist

noch hoch am Tage, und mag er wohl Trostes bedürfen." Da brachte

mich der Ritter wieder zur Hirzentreu, und ging Georg wieder mit.

Die Edelfrau aber blieb mit Johann zurück; der sollte ihr von dem

Wesen des Grafen von Nassau erzählen. Wir fanden aber meinen Vater

mit dem Laurenburger Knecht vor der Türe sitzen in stillem Gespräch,

und als dieser seinen Herrn herankommen sah, der mich auf dem Arm den

steilen Pfad herauf trug, stand er auf und trat beiseite; mein Vater

aber lief mir entgegen, nahm mich von des Ritters Armen und herzte

mich unter Tränen. Da sprach ihm der Laurenburger ehrlich zu und

getröstete ihn, so gut er es vermochte, setzte sich auch zu ihm auf

die Bank und erzählte ihm von des Nassauers Gunsten zu ihm, und

sprachen sie mancherlei, nicht als ein Ritter zu einem Knecht,

sondern als gute Nachbarn und Freunde, denn das Unglück machet

Gesellen. Es war aber dem Laurenburger auch seine erste Hausfrau

mitsamt dem Kindlein in dem Kindelbett gestorben; deren gedachte er

mit vieler Liebe. Unter solchem Gespräch stand ich zwischen meines

Vaters Knien, und Georg neben dem Laurenburger, und spiegelten uns in

dessen blankem Brustharnisch, und lachten, weil es, hohl geschliffen,

unsre Gesichter auf mancherlei Weise verstellte. Dann sagte mir der

Vater ins Ohr, ich möge den Wein und die Würze von der Mutter

Tischlein bringen; da ging ich zur Stube, aber die war ganz anders

geworden; wo das Bett gestanden, stand der Betschemel und das

Altärlein, und hing ein neu Muttergottesbild an der Wand, und an

demselben der Mutter und des Vaters Brautkränzlein, ihre Spindel aber

stand vor meinem Bänklein, und war alles gar verändert. Das hatte

meinem Vater der gute alte Laurenburger Knecht so geordnet, daß er

seines Leids desto eher vergessen und ein neues Leben anfangen möge.

Nachdem ich mich genugsam über alles gewundert, nahm ich den Wein und

die Würze, was von dem Geschenk der Laurenburgerin noch übrig war,

und brachte es dem Vater hinaus; der reichte den Krug dem Ritter. Da

trank der Herr, und mußte ihm der Vater Bescheid tun. Auch sagte der

Ritter: "Das ist ein köstlicher Wein, den man wohl dem Kaiser bieten

dürfte; Ihr habt ihn wohl aus einem Klosterkeller? Einem Edelmann

wächst solcher Wein nicht um die Lanze, der schmeckt nach dem

Krummstab." Mein Vater lächelte und sagte: "Gnädiger Herr, Ihr habt

von dem Euren getrunken, aber er hat auf einem milden Fasse gelegen;

denn Eure liebe Frau Ida hat diesen Trunk meiner seligen Agnes zur

Labung gebracht, und wenn er Euch besser schmeckt als zu Haus, so

ists, weil Ihr Gottes Segen schmecket." Da trank der Laurenburger

nochmals, und sprach: "Wahrhaftig, in Gottes Segen soll man den Wein

legen, in Gottes Segen soll man des Weines pflegen, in Gottes Segen

gedeiht der Wein auf allen Wegen. Das Faß, aus dem Frau Ida diesen

Krug gefüllt, muß mir ebenso gut werden; Ihr müßt mir wohl erlauben,

daß ich es mit Euch hier oben austrinke, Kilian, da es mir so wohl

bei Euch geschmeckt." Da dankte mein Vater dem Ritter herzlich, und

sprach: "So Ihr einen armen Mann nicht verschmähet, will ich Euren

Zuspruch hoch in Ehren halten, aber Ihr müßt dann auch von meiner

Wasserquelle hier trinken, da fließt auch Gottes Segen drin." Nun

schied der Ritter freundlich von uns mit den Seinen, und ich ging mit

dem Vater in unser einsames Häuslein, worin die Mutter nicht mehr war.

Aus der Chronika eines fahrenden Schülers (Zweite Fassung) · 第 3 / 3 段