Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrühe, kam ein Mann von der
Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs außerhalb der Ringmauern, und
passierte in Eile durch das eben geöffnete Tor. Er war sonderbar
anzusehen; ein Schlafrock hing über seinem Körper, er war ohne Stiefel,
ohne Strümpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen
versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von großer
Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch
wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straßen
waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein
wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das
Wohnzimmer und fiel ohnmächtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch
und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren,
fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen
Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn
und sah, daß nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war,
sondern daß auch seine Hände blutig waren. »Um Gottes willen, Holzwart,
was ist geschehen?« fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur
verworrene Antworten, sprach von Flammen und daß seine Familie, die Frau
und seine fünf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen
Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie
kamen mit der Unglücksbotschaft zurück, daß man dorten sechs Leichen aus
dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon
eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft über die furchtbare
Katastrophe zu erhalten.
Sie trafen Holzwart krank und hinfällig durch den erlittenen
Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genüge zu leisten. Er
erzählte, daß ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen
eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei
mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue
Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen
stehend gefunden. Er sei zurückgewichen und fast ohne Besinnung in die
Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt.
Das alles klang weniger wie Lüge, als wie die unzusammenhängenden Reden
eines Fiebernden. Die Kleidungsstücke, die Holzwart am Leibe hatte,
waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher für
einen Selbstmordversuch als für Verwundungen von fremder Hand. Das Haus
war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Türen und Fenster boten den
Anblick einer gewaltsamen Zerstörung. Die verkohlten und verstümmelten
Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Töchter wurden in dem Zimmer
neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, daß an ihnen ein
zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Körper zeigten deutliche
Spuren der Ermordung; ihr Blut färbte die Dielen der Zimmer, tränkte die
Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den
Stühlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der
unschuldigen Kleinen überspritzt.
Sollte also der Vater dieser schönen, gesunden und wohlgeratenen Kinder
ihr Mörder sein? Aus welchem Grund? Aus Haß? Aus Habsucht? Aus Not?
Hätte er sie gehaßt, so wäre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu
entfernen. Die Welt ist groß, und es hat schon mancher die ihm lästig
gewordenen Familienbande abgeschüttelt, seine Kinder der Willkür des
Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde
Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon über
die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die älteste Tochter war
sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und
nur das jüngste Kind, ein Mädchen im Alter von vier Jahren, stand in der
ersten, ganz hilfsbedürftigen Jugend. Das Gerücht, daß die Kinder hätten
erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas
besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Daß sich die Familie in Not
befand, war gewiß. Man wußte, daß Holzwarts Verhältnisse von Jahr zu
Jahr zurückgegangen seien, ja daß er ein vollständig ruinierter Mann und
sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen
ausreichenden Anlaß bilden, fünf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu
verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mörder und
Mordbrenner, und daß er selbst tödlich verwundet im Gefängnisse lag und
nach den Berichten der Ärzte einem Verhör noch nicht ausgesetzt werden
durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie
hätten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur
als von einem verworfenen Mörder wissen. Was er gelitten und noch zu
leiden hatte, darum kümmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo
viele in sich gingen.
Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm
ins Gefängnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden,
daß eine schonende Vernehmung möglich war. Doch lag er noch im Bette,
sein Äußeres zeigte große Erschöpfung. Nachdem ihn der Richter mit
einigen Fragen über sein körperliches Befinden hingeleitet hatte,
erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermöge, was für Aussagen er
am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zögern bejahte Holzwart, fügte
aber sogleich hinzu, daß man ihm noch einige Tage Zeit gönnen möge, dann
würde er sich vollständig über die ganze Begebenheit aussprechen. Der
Richter wendete ein, es wäre besser, wenn er sich sogleich ausspräche,
namentlich wenn er etwas auf dem Herzen hätte, und machte ihm
bemerklich, daß er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen
solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern
einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefühl die Herzen der
Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die
einfache Frage: »Haben Sie sich vergangen?« Holzwart richtete sich von
seinem Lager auf, stützte sich auf den rechten Arm und sah den Richter
stumm an. »Sind Sie schuldig?« setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart
legte sich zurück, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete:
»Ja, ich bin schuldig.«
Mit dieser Erklärung mußte sich der Richter vorerst begnügen, wenn er
das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach
mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart
zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter,
und seine Aussagen stimmten so völlig mit allen Ermittlungen überein,
daß man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte.
»Ja, ich bin schuldig,« sagte er mit festem und ruhigem Ton; »es ist
aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls.
Jahrelang hatte ich erfahren müssen, daß ein Unglücksstern über mir und
meiner Familie war. Diese Überzeugung hat mich geleitet, als ich die
Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe hätte mich
veranlassen können, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab
mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und
erniedrigt dastehen würden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise
aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewußt und froh die letzten
Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner
Frau und endete sie mit meiner jüngsten Tochter.« Bei dieser Erklärung
durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglücklichen Mann, er preßte die
Augen zu und war unfähig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu
bewältigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nächsten Tage konnte
man das Verhör fortsetzen.
»Ich bin an Entbehrungen gewöhnt,« sagte er, »aber zur Niedrigkeit bin
ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern
von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, daß
nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der
entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet hätte, würde ich nicht die Kraft
zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein,
wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschluß, den ich schon
lange in mir trug, mußte also vor dem ersten Januar ausgeführt werden.
Je näher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde
ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen
sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mußte ich.«
Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der
verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwärzt und als
Münze kaum zu erkennen.
Der Richter wendete ein, daß er doch willens gewesen sei, nach
Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier für hundertdreißig
Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord
gegen Not zu schützen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur
Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die
Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. »Meine Existenzmittel
waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen
nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag.
Mein Entschluß schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag
zum anderen schob ich die Ausführung hinaus. Ich hatte schon überlegt,
ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach
dem fürchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der
Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in
seiner ganzen Stärke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine
Familie hielt sich gewöhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich
hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden
und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr
einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie saß mit dem Rücken gegen mich
gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
schlug ihr den Schädel und die Schläfen ein. Sie war augenblicklich tot
und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich
legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch
so, daß es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
hinüber und holte meine älteste Tochter. Unter dem Vorwand, daß ich ihr
etwas diktieren müsse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot
ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter
gesessen war. Ich diktierte ihr, ich weiß nicht ob Kremortartari oder
sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich über den Tisch bückte,
schlug ich ihr ebenfalls den Schädel ein. Sie endete wie ihre Mutter
ohne ein Schmerzgefühl. Ich trug die Leiche über den Flur in die Küche,
und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln
durch. Dann rief ich die zweite Tochter und tötete sie auf dieselbe
Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die übrigen drei Kinder
erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und
schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf
keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spüren und Schmerz empfinden
sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich
fehlte noch, nur ich und alles war gut.«
Er erzählte nun, wie er die Betten angezündet, sich daneben hingesetzt
und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete
weiter. Sein Arm erschien ihm plötzlich wie gelähmt und zurückgehalten.
An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
Kraft bewiesen, so mußte es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben
zu zerstören. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war
umsonst. Sein Blut floß, aber das Leben fühlte er nicht schwinden. Von
diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, über den er keine
Rechenschaft geben konnte. Er wußte nicht, wie lange er bei den Leichen
gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schließlich auf und
hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als müsse er den Tod
verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er
lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam
endlich an das Haus des Wundarztes Koch.
Der Richter fragte: »Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?«
Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne
Zaudern: »Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte
ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.«
Der Richter nennt Holzwart einen ungewöhnlichen Menschen, der sich meist
gewählt ausdrückte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel.
Er war groß und von stattlichem Körperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe,
sein Blick frei, sprechend und sanft.
Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in
Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit großer
Strenge behandelt und barbarische Züchtigungen über sie verhängt. Bei
näherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von
Härte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, daß
Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt
hatte als mancher ehrbare Bürger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes,
den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken
lassen und worin er die Unerläßlichkeit und heilsame Folge strenger
Zucht betont hatte. Darüber waren alle Zeugen einig, daß es keine
artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder,
insbesondere das jüngste sei ein höchst anmutiges Geschöpf gewesen, der
Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklärte auch die tiefe und
mächtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: »Das
jüngste Kind war das letzte, das ich tötete.«
Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem
Geschäftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, daß
Holzwart nicht fähig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er
dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und
Beklemmung. »Er war überhaupt ein sonderbarer Mann,« äußerte sich dieser
Zeuge; »ich kann mich darüber nicht so ausdrücken, wie ich möchte, aber
es scheint mir, als hätte er sich Vorbilder nach Büchern zum Muster
aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha
mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hören. Das waren seine Leute.
Er meinte immer: Großartig sterben müsse der Mensch.«
Und weiter erzählte Wothge: »Im vergangenen Jahre, als das fürchterliche
Gewitter über uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei
ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: 'Ich
wollte, alles wäre hin; was ich auch anfange, das Unglück ist immer
hinter mir her.' Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: 'Man muß
nie müssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate müssen, nur einer
will, das ist der König.' Ein andermal fragte er mich über
Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im
Katechismus stehe, rief er: 'Dann sind Sie ein Tor!' und ging von mir
fort. Er war übrigens ein sehr reeller Mann, wußte sich in Respekt zu
setzen und führte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. 'Bricht's,
so bricht's', pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschäftigung war das
Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn öfters besucht, bloß
um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu
sprechen, und da erzählte er mir, daß zwischen ihm und seinem Vater oft
wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater
ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glücksstern
untergegangen.«
Holzwarts Bruder erklärte dessen Vermögensverfall aus unglücklichen
Konjunkturen und bekräftigte, daß er mit redlichem Willen und
unermüdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie
zu ernähren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer
den Anschein gehabt, als solle seine Tätigkeit vergeblich sein. Er
schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
Es sei ihm nicht möglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich
anzuschließen. In Güte hätte man aber alles von ihm erlangen können;
wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder
wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.
»Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefühl,« äußerte
sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. »Es lag ein Stolz
in seinem Charakter, der es ihm unerträglich machte, die Hilfe anderer
in Anspruch nehmen zu müssen. Ebenso unerträglich war ihm der Gedanke,
seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder
Leute preisgegeben zu sehen. Außerdem hatte er die Idee gefaßt, daß
seinen Sohn ein ebenso unglückliches Dasein erwarte, wie er selbst es
geführt. Wie großmütig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein
Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewiß in
der Überzeugung, daß er nichts gewinnen werde, seiner Schwägerin die
Hälfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem
Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen
gemäß für verpflichtet, der Schwägerin die Hälfte davon zu zahlen,
obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur für Scherz
angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er müsse das Geld teilen, weil
er es versprochen habe, und er bräche niemals sein Wort. Als ich ihm vor
Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: »Glaube
mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht
ist, es zu geben.«
Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzählte,
trug das unverkennbare Gepräge der Wahrheit und folgt hier mit seinen
eigenen Worten.
»Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal
nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte
mich so sehr an Gehorsam gewöhnt, daß es mir nicht eingefallen wäre,
mich gegen seinen Befehl zu sträuben. Die Wahl des Meisters war nicht
günstig für mich. Ich merkte bald, daß ich unter solcher Anleitung
nichts vom Geschäft begreifen würde. Ich klagte es meinem Vater, daß
mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende,
doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hörte nicht
eher auf diese Klagen, als bis es zu spät war. Das Lehrgeld war
weggeworfen, und nach dreijähriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus
diesem Geschäft nicht um ein Haar klüger, als ich hingekommen war. Ich
trat die Wanderschaft an, fand natürlich wegen meiner Unbrauchbarkeit
nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die
Heimat zurück. Fürs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine
wünschenswerte Unterstützung an mir fand. Dann versuchte ich es noch
einmal in Eisleben als Volontär in einem Seifensiedergeschäft, doch
wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die
Seifensiederei für immer auf und blieb nun fünf Jahre in meines Vaters
Geschäft. Ich lebte dort in drückenden, sehr unangenehmen Verhältnissen,
die vornehmlich durch meines Vaters Schwäche, mit den Dienstmädchen
allzu vertraulich umzugehen, herbeigeführt wurden. Mein Vater
behandelte mich sehr nachlässig, was bei meinem ohnehin reizbaren
Ehrgefühl eine bedeutende Wirkung auf mich ausübte. Im Hause meiner
Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als
Ladenmamsell, sondern mehr aus Gefälligkeit gegen meine Mutter, die die
ganze Last des ausgebreiteten Schmälzergeschäfts allein zu tragen hatte.
Ich gewann das Mädchen lieb und wünschte sie zu heiraten. Im Grunde
meines Herzens trieb mich mehr die Unerträglichkeit meiner Lage als die
Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Gründung
eines Haushalts für mich anging. Lange sträubten sie sich gegen die
Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefähr
ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein
selbständiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewährten mir willig
und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermögens einer günstigen
Schicksalswendung entgegen.
Aber wenn früher meine Verhältnisse drückend waren, so verfolgte mich
jetzt ein Unglück nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an
mein Geschäft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der
Entbindung krank und blieb volle fünf Vierteljahre in ärztlicher
Behandlung. Sie mußte teure Bäder nehmen, und die Rechnungen für den
Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreißig Taler.
Ich mußte Schulden machen und erkannte bald die Unmöglichkeit, mich in
der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden
konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Gläubigern gerecht und gab
das Geschäft auf. Ich übernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den
Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal
ein Handel mit Schmälzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, daß diese
Art von Wirtschaft nichts für mich war; zu einer Schenkstube gehörte ein
anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem
elterlichen Geschäft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines
Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der
Schenkstube machte. Steuern für das Gewerbe, sowie Ladenmiete mußte ich
aber bezahlen. Dazu kam, daß bei dem Laden keine Wohnung war und ich die
Wohnung für meine Familie apart halten mußte. Es brach zu jener Zeit die
Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten
Gäste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die übrigen
Männer bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verödet,
und ich mußte neue Gäste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach
abermals zwei Jahren mußte ich das Geschäft mit einer baren Einbuße von
sechshundertsechzig Talern auflösen.
Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe für
wissenschaftliche Beschäftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir
unrecht getan. Ich hatte allerdings großes Interesse an der Literatur,
las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur
damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute
aufgefundene Gedanken verzeichnete, muß auch gestehen, daß ich nach der
Erzählung von Alvensleben »Der Racheschwur« ein Drama zu arbeiten
anfing; aber alles dies füllte nur meine Mußestunden aus, die von
anderen Männern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.
Ich versank nun in große Not, und meine Mutter unterstützte mich ein
wenig. Ich faßte den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen,
ob nicht irgendein Platz für mich zu finden sei, wo ich meinen
Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo
ein Bruder meiner Mutter, der Weißgerber Grosse, in guten Umständen
lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter
in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mütterlich
für sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die französische
Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein
Erwerbszweig, der einträglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag
gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo
man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer
wurde, stärkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, daß ich
meinen Vorsatz glücklich durchführte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe
des Meisters, der sich redlich Mühe mit mir gegeben hatte. Wieder in der
Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschäft
zu gründen. Mit etwas Geldmitteln wäre es mir wohl gelungen, allein ich
hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir
fünfzig Taler. Davon mußte ich die Hälfte für Arbeitszeug verwenden, und
es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war.
Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit.
Aber schließlich ging es bergab, und mein Ruin war täglich zu erwarten.
Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschäft als
Pächter ein. Anfangs machte ich gute Geschäfte, aber bald wurde der
Verdienst geschmälert durch die vielen neuerrichteten Schmälzerläden. Es
trat noch das Mißgeschick hinzu, daß die Schweine plötzlich sehr teuer
wurden, und dies ist ein harter Schlag für den Schmälzer, da die Waren
noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem
Schlachten zugesetzt werden muß. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
rückständig, der Magistrat erhöhte die Pacht des Ladens unter dem
Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich
bankrott. Ich übergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte
das Haus und ließ mir unter Anrechnung auf mein späteres Erbteil
fünfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstraße, wo
ich von neuem eine Schmälzerei anlegte. Ich mußte viel Geld verbauen; es
wäre aber doch gegangen, wenn nicht ein Gläubiger der zweiten Hypothek
mir sein Kapital gekündigt und ich einen neuen hätte erhalten können.
Ich mußte wieder verkaufen und habe großen Schaden erlitten.
Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr
helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine
Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes.
Fünf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
Meinigen wieder zurück. Meine Frau hatte sich mit dem Schmälzerladen im
Rathaus, der uns noch verblieben war, kümmerlich durchgebracht. Ich
versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das
Oblatenbacken. Meine Mutter schoß mir fünfzig Taler vor, und ich begann
dies Geschäft. Aber es war, als hätte das Schicksal nur darauf gewartet,
bis ich wieder Hoffnung gefaßt hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat
liegen, so kamen die neuen Blättchen mit der Namenchiffre auf, meine
Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da
ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurück, und wir blieben
dort ungefähr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und
meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten,
mit dem sich etwas beschaffen ließ. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem
Gelde kaufte ich ein Gehöft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben
wurde. Während meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
Landwirt tüchtig geübt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des
Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich
sah, daß nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre
vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft früh
genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
Taler in der Lotterie, von denen ich die Hälfte meiner Schwägerin gab.
Ich wollte mir nun ein kleines Gütchen kaufen, dazu reichten die Mittel
nicht. Obwohl ungern, entschloß ich mich endlich, wieder eine
Schmälzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg.
Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die
Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde
wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte
kein Futter für das Vieh und mußte verkaufen. Ich glaubte richtig zu
spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in
den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich
leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und
geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschäft geriet ganz und gar
ins Stocken. Schinken und Schlackwürste bewahrte ich für den Sommer auf.
Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorräte. Im nächsten
Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware
blieb auf dem alten Fuß. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler.
Die Einnahme war erbärmlich; der tägliche Erlös betrug oft nur fünfzehn
Silbergroschen. Wir mußten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war
ich dem Viehhändler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot
sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten
legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
Familie, nachdem ich den Viehhändler bezahlt hatte. Ich schlachtete
immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte
der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mußte ich meinen
armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stücken fünf
Taler zu Geschenken für meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhändler war
wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen.
Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und
meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend
wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das
Verhungern übrig. Ich war außerstande, die Meinen vor dem Untergang zu
retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie
nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurück:
Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwürfe über mein Leben und meine
Geschäftstätigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
richtige Maßregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber
meine Bemühungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust über Verlust, was
ich angriff, mißlang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein
Entschluß fester, und mein Gemüt stählte sich. Die Notwendigkeit trieb
mich zur Tat.«
Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in
das Verhörzimmer geführt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines
zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm
neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lächeln, als wollte er fragen:
wozu? Er wiederholte sein Geständnis, und es war ersichtlich, daß die
Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte.
Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der
Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung
im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lüge
angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lüge die einzige in seinem
ganzen Leben. Er habe nur den Fragen genügen, lästiges Zudringen
abwehren wollen, weiter nichts. Daß er verhaftet und vor dem Gesetz
verantwortlich gemacht werden könnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach
seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben
verpflichtet, und seine Tat mußte vor Gott allein verantwortet werden.
Eine Tat, straf- und todeswürdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen
und abscheulich von dem der Moral. Der fürchterliche Irrtum, eine
Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz
versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf
Gemütsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als
unauflöslich betrachten. Der Gedanke, daß die geliebten Menschen einzeln
ihre Nahrung suchen sollten, überstieg die Geisteskraft des Vaters; bis
dahin im Schoße der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt
der Verführung und der Verderbnis preisgeben? Die älteste Tochter war
schön, vorzeitig entwickelt, blühend in Gesundheit und reizend durch
freundliches Betragen. »Sie würde ihre Käufer schon gefunden haben,«
warf Holzwart einst im Gespräch mit bitterem Hohne hin, »aber ich habe
ihre Unschuld bewahrt und gerettet.« Der Richter wandte ein, das Mädchen
hätte ja bei seiner Schönheit eine günstige Wendung des Geschickes
erleben können. Da antwortete Holzwart: »Die Möglichkeit lag ferne, denn
sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.«
Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem
Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum
Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er
bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, daß ihm
das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er
habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er
wünsche in kürzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch
nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Königs Gnade um Milderung
der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzögern.
Bei dieser Erklärung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer
Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter übrig, als
seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit
sich an den König zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das für ihn
allen Wert und Reiz eingebüßt hatte. Er glaubte, durch seine
Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten
beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein
altes böses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte.
Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen
nötig, eine Formalität nach der anderen; bis zum September zogen sich
die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem König das Todesurteil
vorzulegen bereit war.
Während der Zeit saß Holzwart geduldig im Gefängnis und harrte auf
seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu
spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte
ein Schachbrett auf Pappe. Es gehörte zu seiner größten Freude, wenn der
Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.
Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte
wie dieses:
Ich bin belohnt, daß ich euch glücklich wähne,
Euch überhoben weiß alljeder Erdenträne.
Gibt's ein Elysium, so ist's für euch errungen,
Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.
Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schön und rein
Gingt ihr verklärt zur ewigen Ruhe ein.
Ich bin belohnt.
Dann Tagebuchblätter.
Am 10. März.
O könnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glück meinen Schlaf
durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Träume Spiel -- nein,
göttlich beglückend -- o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine
Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. -- Vor den Richterblicken der
Welt mag es unverdient heißen, doch in Träumen liegt mein Glück. Mein
liebstes Kind saß mir auf meinen Knien -- so war es mir heute, ich saß
mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich süß und dicht, die
andern schmiegten sich an mich -- von ferne sah die Mutter dieser Teuern
auf uns und sprach: »Ach, daß du diese Tat hast tun können -- wie schwer
muß sie dir geworden sein!«
Im April.
Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingeständnisses der Tat?
Nein! Nein! Er wußt sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie,
kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den
Meinen nur Schmach und Elend -- damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit.
Verkündet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmüden die ewige
Nacht.
Im April.
Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht
faßt. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstößt. Und
doch komme ich immer darauf zurück -- es gibt noch ein Etwas, nach
welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.
Im August.
Fünf Monate nach dem verkündeten Spruche. Himmel, diese Umstände um
einen einzigen Menschen. Ich weiß nicht, ob man bei einer Frage von
Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hängt das Leben von
Tausenden!
Es gibt ein Etwas im großen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen
treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es
waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dämonische Wesen
des Geisterreichs.
* * * * *
Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom König bestätigte Urteil zu bringen.
Das Gerücht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die
höheren Kreise und füllte manches gläubige Herz mit Entsetzen. Die
entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine
ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum
Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres
Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man
stieß auf klare und festgegründete Überzeugungen statt auf bösen Willen
und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller
fromme Bekehrungseifer machtlos.
Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden
stürmisch. Im Februar unterzeichnete der König das Todesurteil, und
endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg
einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
Leib von den Rädern zerstampft worden war. Hier sollte auch für Holzwart
das Schafott errichtet werden; die königliche Gnade hatte die Strafe des
Räderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wußte Holzwart nichts von
den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die
Nachgiebigkeit des Wärters verriet ihm zuerst die Nähe seines Endes.
Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein
Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der
Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelöst, und die Behörde
scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde
vertagt.
Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das
ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in
ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemächtigte sich seiner
eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber
tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, daß ihm davor bangte,
das Leben noch lange ertragen zu sollen.
Im Mai 1848.
Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts
nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken
zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter.
Armer König, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.
Im Juni.
Sie zögern. Und ich grüble. Was hält mich? Was möchte ich noch? Das Grab
der Meinen sehen, die Erde küssen, wo die Schlummernden ruhen.
Unbegreiflich, daß ich mich bis jetzt ließ vertrösten.
* * * * *
Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefängnisinspektors an den
Richter, daß Holzwart seit fünf Tagen die Speisen unangerührt lasse und
auf alle Vorwürfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu
erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und
Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:
»Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das
harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, muß ich Sie
für einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein
tributpflichtiges Opfer.«
Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurück, nachdem er vergeblich
den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preußischen Staate
die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in
lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es muß ihn ein ungeheurer
Schrecken bei der Verkündigung dieses neuen Urteils erfaßt haben; eine
mit flüchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die überhaupt
vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezüchtigt durch
Zuchthaus für eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!
Seit der Gewißheit seines Schicksals sprach er überhaupt nicht mehr.
Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche
Ruhe seiner Mienen war düsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fügte er
sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Fleiß
exemplarisch. Daß er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte,
schien jedermann natürlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des
Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich
bei den jetzt vermehrten Gründen zu solcher Tat der Verantwortung zu
entheben. Die Furcht schien unnütz. Ein Monat nach dem andern verlief,
ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben.
Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:
Der von dem Königlichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte
Christian Holzwart aus Magdeburg stürzte sich am Sonntag, den 28. Januar
1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der
Verbindungsbrücke des Flügels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen,
indem er sich den Hirnschädel gespalten und fast alle Glieder
zerschmettert hatte.
So war der unglückliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen
Gefühlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit
Menschen erlebt haben, die er als das Verächtlichste im weiten
Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefühlen mag er die Tiefe des
Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstürzte? Den Tod zu
zwingen, das war vielleicht seine stärkste Regung.