Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck
am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem
Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls
Schiffer. Seine größte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen
herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die
Schifferei gestellt. Sein Hang war so groß, daß er aus jedem Span, aus
jedem Stück Baumrinde, das ihm in die Hände fiel, kleine Schiffe
schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrüstete und damit
auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein
größeres Vergnügen gab es für ihn, als wenn seines Onkels Schiff im
Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man möchte
ihn nach der Münde lassen.
Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Großvater war ein
großer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm
sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte
und okulierte.
[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig
Heine.]
Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im
Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil
man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit
Roggen auf der Reede anlangte, stieß es gegen den Hafendamm und sank in
den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren
eines von seinem Onkel geführt wurde, und der Knabe war beständig
zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnäßt; bald
waren alle Straßen mit Laken und Schürzen überdeckt, auf denen das
Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites
Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden.
Im nächsten Jahre schickte der Große Friedrich von Preußen eine
Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Früchte waren aber damals
noch völlig unbekannt, und die Bürger berieten hin und her, was wohl
damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie
beschnupperten und verschmähten. Was sollen uns die Dinger? hieß es; sie
riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mögen sie
fressen. Man glaubte, sie wüchsen auf den Bäumen und man müsse sie
herunterschütteln wie die Äpfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
seiner Eltern Tür, verhandelt. Erst als der König im andern Jahr eine
zweite Sendung von einem Landreiter begleiten ließ, der des
Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der
Bürger.
Der Knabe war auch ein großer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich
von seinem Frühstücksgeld so viel ab, daß er sich ein paar Tauben kaufen
konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab,
und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine
Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer für diese Sache
soweit, daß er oft im Winter bei strenger Kälte des Nachts, wenn klarer
Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die
Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit maß und danach die
Polhöhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so
verwunderte sich alles, erklärte ihn für einen überstudierten Narren,
und der Vater schlug ihn.
Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mußte, übte er
sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glöckners im Balkenwerk der großen
Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen überall herum, und oft
verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, daß einer
vom andern nichts mehr wußte, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des
Erzählens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In
dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes
hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rühren konnten.
Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre später wohl
zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezündet hatte und das Feuer
gelöscht werden mußte.
Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajütenwächter mit
auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er
die großen Indienfahrer und verspürte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf
einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefaßt, und
wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff
war für den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
später kam er nach Amsterdam zurück, schrieb an seine Eltern, die, froh
erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort
blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Länger vermochte er aber
seinem Abenteuer- und Tätigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh
neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann über Bord und
ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht.
Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung
mit Holz von Rügenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jüngerer
Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren
ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
Küste Schiffbruch und wurden von österreichischen Soldaten gerettet. Der
Oheim hatte aber eine tödliche Verletzung erlitten und starb in einem
Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und
Preußen verdächtigt und gemieden, mußten sich die drei jungen Burschen
durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mühsalen
gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der
überstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die
Werber des Königs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum
Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken für
alle Eltern jener Zeit und für alles junge Volk, das eine Flinte
schleppen konnte und nicht mochte.
Die entschiedene Abneigung des Bürgers gegen den Soldatenstand hatte
ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute
von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und
er fügt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen
Menschen aufs Grausamste mißhandelt, und es war ein kläglicher Anblick,
wenn bei solchen Auftritten die Mütter in Haufen daneben standen,
weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgeführt wurden.
Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestöber
wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mußte
sich im Stadtholz eines Rudels Wölfe erwehren. Endlich erreichte er die
Freistatt, hielt sich zwölf Tage dort verborgen, aber er ertrug es
nicht, untätig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Münde. Eines
Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kämmerchens, wo
er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief
ihm zu: »Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf
der Münde!« In der Bestürzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl
sich im Hemd auf die Straße und bemerkte, als er sich anziehen wollte,
daß er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock
über die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestört, er rannte zum
Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land,
wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Märznacht vor mehrere
Türen, wurde jedesmal abgewiesen und flüchtete endlich in einen alten
Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte
in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Kälte in einen Winkel
zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und
ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Königsberger Schiffer
gehörte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen.
Zwei Wochen später fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und
dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf
nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewässern der
Hebriden war der Klippen und starken Strömungen wegen sehr gefährlich,
das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen
Kapern zusammen, und alle diese Schnapphähne, so nennt sie Nettelbeck,
stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und
nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompaß.
Die Aufregung und das beständige Elend machten Nettelbeck krank. Er
mußte in Metemblick zurückbleiben und begab sich zu einem Kompaßmacher
in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von großem
Nutzen.
Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurück, und er war noch
nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch
die Russen. Durch die Entschlossenheit der Bürgerwehr blieben die
feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge
Pulver unnütz verschossen hatten, mußten sie wieder abziehen. Nettelbeck
begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitän Blanken
zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt,
hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff
nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurückgekehrt war,
wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand
dauerte nur drei Wochen. Während der Zeit des Siebenjährigen Krieges
blieb den preußischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum
etwas anderes übrig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren.
In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Königsberg und von
Königsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.
Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die späteren im
einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses
Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kämpfe mit allen Gefahren und
allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll beständiger Unruhe und
beständiger Tätigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und
verschlagen; ihrer Tücke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja
beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Stürme,
immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kümmerlicher Verdienst in
Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglück wieder
verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitän wahnsinnig und
trifft Verfügungen, die den Untergang des Schiffes herbeiführen müssen.
Eines Morgens stürzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck
nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die
eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu
gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
die Gelder und Barschaften des verunglückten Schiffers finden, die
Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und
silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er
mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhärtung
der Verdacht auf, daß er das Gut des Schiffers veruntreut habe.
Lästerung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
den er darüber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre später
wurde das Eigentum des toten Schiffers zufällig in einem Verschlag der
Kajüte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck
Abbitte, und die ihn geschmäht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den
Himmel, aber man muß nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefühle zu betrachten.
Allmählich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran;
doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen,
erlahmte dabei mitnichten. Während des großen Brandes in Königsberg
rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und
schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein
holländisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren
herbeigekommen, waren damit beschäftigt, Löcher in das Verdeck zu hauen,
um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gießen. Dadurch gewann aber
das Feuer nur um so größeren Zug, und Nettelbeck, der ein so
widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie
ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglück, sie müßten das Schiff
versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte
auf ihn hören. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit
ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehörte, und zeigte ihm eine
Planke dicht über dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte.
Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da könne er
schlimmen Lohn dafür haben. Nettelbeck riß ihm die Axt aus den Händen,
schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich
Hunderte von Menschen drängten, und schrie: »Herunter vom Schiff, was
nicht ersaufen will, in der Minute wird's sinken.« Und das Schiff sank.
Die holländischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralität und
forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das
Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.
Seine Rede war die: »Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das
Schiff in hellem Feuer stand. Hätte das nur noch eine halbe
Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt überhand, daß
es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung
preisgegeben werden mußte. Und wie sollte es dann fehlen, daß nicht die
Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; daß die flammende
Masse stromabwärts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese
mit ins Verderben zog? Jetzt ist großes und gewisses Unglück mit um so
geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu
bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, daß ich in
keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Bürgerpflicht erfüllt
habe.«
Die Sentenz lautete, daß der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und
löblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine
Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen.
Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schüttelte ihm
treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
Stadt und hieß ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat
sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm
und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schluß, ob
er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan,
das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und
Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter großen Schwierigkeiten,
und da er von den holländischen Kaufleuten außer dem Ersatz seiner
Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von
hundert preußischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
Zucker. Er seinerseits schenkte davon fünfundzwanzig Gulden den Armen,
damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten.
Es war das Sonderbare seines Geschicks, daß es ihn immer wieder zwang,
gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem
Feuer gegenüber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach
vielen und gefährlichen Reisen, nach vielen und ermüdenden Versuchen, da
und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjähriger
1777 wieder in seiner Vaterstadt saß, schlug eines Tages im April der
Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle
Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken wie Schneeflocken und
fielen bereits in die Domstraße hinüber. Nettelbeck, dies sehend, rannte
nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte
er, wie groß das Unglück werden müsse, da es wohl schwerlich jemand
unternehmen werde, bis in die höchste Spitze zu klimmen, wo er in den
finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner
frühen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wußte, daß auf
dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereitstanden, aber an
einer Handspritze, die hauptsächlich nottat, mochte es fehlen. Er
machte auf der Stelle kehrt, drängte sich an den vielen Menschen
vorüber, die alle hinauf wollten, eilte ins nächste Haus, dann ins
zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder,
die Angst und der Eifer gaben ihm Flügel, zum Turm hinauf. In der
sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere
Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wußte, was zu tun
sei. »Liebe Leute,« sprach er, unter sie tretend, »hier ist nichts zu
beginnen, wir müssen höher hinauf.« -- »Leicht gesagt, aber schwer
getan,« antwortete einer, »wir haben es schon versucht, doch es geht
nicht. Sobald wir die Falltür über uns haben, fällt ein Regen von
Flammen und glühenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung
in Brand.« Nettelbeck aber ließ sich die Falltür öffnen, stieg hindurch,
gebot, daß man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltür
wieder schließe, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er
mußte sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine
Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hände frei zu bekommen,
schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze
steckte. Den Bügel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die
Zähne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms mußten ihm
als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
fand er alles voll glühender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den
Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, daß ihm in
der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu
winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder
zehn Fuß über sich zischen und sprühen. Er klemmte den Wassereimer
zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins
Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber
auch der Eimer geleert. Aus Leibeskräften schrie er nach Wasser; einer
der Zimmermeister hob die Falltür und rief: »Wasser ist hier, aber wie
bekommst du es hinauf?« Er sagte, sie sollten es ihm nur bis über den
Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene
wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die
vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleißigen
Gebrauch machte, daß er endlich das Glück hatte, den Brand zu
überwältigen und völlig zu löschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder
Minute wurde ihm übler: das zurückspritzende Wasser hatte ihn bis auf
die Haut durchnäßt, und zugleich war eine unerträgliche Hitze im Turm.
Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallöchern
vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem
Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen
die Adern geöffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute
zu. Seine Hände waren überall verletzt, die Haare auf dem Kopf
abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen
Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten
Hand blieben ihm zeitlebens verkrüppelt.
Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von
Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen
Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder
Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu großem Geld
und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu
wenig kühler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel
Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg
seßhaft, und seine Mitbürger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten
des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle
Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten
sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und über See führen
konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fünfzehnmänner
geheißen, das die Gerechtsame der Bürgerschaft beim Magistrat zu
vertreten hatte. In dieser Körperschaft waren große Mißstände bemerklich
geworden; die Fünfzehnmänner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu
ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es
war eine enge Verbrüderung daraus entstanden, die sich einander zu
allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen
angegriffen, Scheinkäufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat
Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von
Ungebührlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht
anhängig. Es kam darüber zu einem langen und verwickelten Prozeß, und
keine Art von Ränken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht.
Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie
er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er während der ganzen Zeit keine
ruhige Stunde. Er gesteht, daß er oft mit Feuer und Schwert hätte
dreinfahren mögen, wenn das heillose Gezücht immer ein neues Mäntelchen
für seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die
unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schluß; das Kollegium
wurde aufgelöst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das
Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Repräsentanten zu wählen.
Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzählten
Lebensgeschichte, wo er von seinen häuslichen und ehelichen
Verhältnissen erzählt und die Bemerkung macht, daß ihm als Ehemann und
Vater sein besserer Glücksstern erst spät erschienen sei. Nur der
Anschein war günstig, als er sich im Jahre 1762 in Königsberg zu
heiraten entschloß. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
vier- oder fünfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und
solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz
glücklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur
ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als
unzertrennlicher Gefährte begleitete. Nach siebenjähriger Ehe entdeckte
er, daß ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich
unverbesserlich, da ließ er sich von ihr scheiden, und sie verkam im
Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er
stand nun verlassen in der Welt und wußte nicht, für wen er sich's noch
sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren
Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als
Fünfzigjähriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin,
die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die
Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die
fromme Witwe hatte gern ihr Räuschchen und hielt es eifrig mit
mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stören mußten. An ein
Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war länger nicht zu denken,
vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands
vor Augen, und was blieb ihm übrig, als eine abermalige Scheidung? Mit
trüben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehörte keinem Menschen an,
war nachgerade ein alter Mann geworden, und fühlte er gleich sein Herz
noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die
stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch
übrig waren, dachte er wohl noch hinzustümpern, und wenn nur noch der
Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine
Väter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So
klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden.
Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen
Patrioten, der die alten Zeiten und des großen Friedrichs Taten noch im
Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den
entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstädt und ihren Folgen. Er hätte
kein Preuße und abtrünnig von König und Vaterland sein müssen, wenn ihm
jetzt, wo alle Unglückswellen über sie zusammenschlugen, nicht so zu
Sinn gewesen wäre, als müßte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines
Lebens für sie aufbieten. So lautet sein eigenes Geständnis; nicht mit
Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und
rückwärts umzusehen.
Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestüme
französische Windsbraut sich immer näher und drohender gegen die
Weichsel heranzog, da ließ sich's voraussehen, daß bald genug auch die
Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im
November ein französischer Offizier als Parlamentär in der Stadt und
forderte die Übergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehörte, sah es trübselig aus.
Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei
Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten bloß zu
Lärmschüssen, wenn Ausreißer von der Besatzung verfolgt werden sollten;
alles übrige Geschütz lag am Boden, hoch von Gras überwachsen, und die
dazu gehörigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war
gering an Zahl, entmutigt durch die Unglücksbotschaften, und der
Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit
dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tüchtigen Offiziers genoß und
dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, daß er sich in der neuen
Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Während alles, was
Militär hieß, den trägen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fühlte sich
die ganze Bürgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis
ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ältesten Bürger
ausgewählt, sich mit dem Kommandanten über die Maßregeln zur
Verteidigung zu verständigen. Dem Obersten erschien dies anmaßend, und
er wußte nicht oder wollte es nicht wissen, daß von ältester Zeit her
die Bürger von Kolberg sich als die natürlichen und gesetzlich berufenen
Verteidiger ihrer Wälle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder
seinen Bürgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
daß diese Armatur ihm eigen angehöre, geschworen, daß er die Festung
verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Bürgerschaft war in fünf
Kompanien eingeteilt, mit einem Bürgermajor an der Spitze, und wo es im
Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht
und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck eröffnete
dem Obersten, daß die Bürger mit Gott entschlossen seien, in diesen
bedenklichen Zeitläuften mit dem Militär gleiche Last und Gefahr zu
bestehen, daß sie sich in ein Bataillon mit vollständiger Rüstung
organisieren wollten und bäten, sich vor ihm aufstellen zu dürfen, damit
er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie würden ihre
Schuldigkeit tun. Als die Bürgerschaft sich versammelt hatte, kam der
alte Oberst und sagte: »Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, daß ich euch
sehe?« Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und
seine Leute zu den nötigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit
einem höhnischen Lachen: »Die Bürgerschaft und immer wieder die
Bürgerschaft! Ich brauche die Bürgerschaft nicht.«
Eine solche Geringschätzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck
ließ sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den
Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in früheren Belagerungen
eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile außerhalb der Stadt,
geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze
wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was außerhalb der Stadt
geschähe, kümmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu
verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen
ihm die Bürger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmägde; als die
Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und
bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte für die Anschaffung von
Lebensmittelvorräten und nahm bei Bäckern, Bauern und Branntweinbrennern
ein Verzeichnis der Bestände auf. Er ging in die umliegenden Dörfer und
sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen
Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, daß er die
Vorräte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als hätte die Pest
an den Papieren geklebt, drückte sie ihm eilig wieder in die Hand und
sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen.
Der Oberst hatte auch eine alte Köchin, und die war jedesmal zugegen,
wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal
schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle überlief und er dem
unverschämten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten
nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte.
Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch kläglich, der
Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschloß sich
Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den König selbst in
Königsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in
Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.
Der machte sich gegen Nettelbeck erbötig, selber zum König zu gehen und
sein möglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den
Truppen Versprengten, die täglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand
sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum
Freund, und der junge Offizier erklärte sich bereit, in Kolberg zu
bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck
darin überein, daß vor allem die Maikule, der Schlüssel zum Hafen, um
jeden Preis festgehalten werden müsse, und doch war zur Verschanzung
dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung
gesetzt worden. Es waren keine Hände da, um auch nur einige Erdaufwürfe
zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermüdlich in der
Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelöhner und
Häusler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen
vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa
sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und
kümmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat
Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom König zurückgekehrt. Seine
Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh,
lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im
Überfluß füllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und
eingesalzen und die Böden der Bürgerhäuser mit Korn beschüttet.
Um die Mitte März hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung
beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kämpfen
verloren, auch die Anhöhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun
dringend geboten, die Überschwemmung des Geländes rings um die Festung
zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnäckigen Widerstand der
Grundeigentümer stieß. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen,
bei der darüber geführten Unterredung mischte sich wieder die Köchin in
ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens
zur Türe hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und
würde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm
gefallen wäre: »Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.«
Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentär, den der Oberst in
aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tür
verhandelte. Nettelbeck argwöhnte Verrat, und in der Fülle seines
beklommenen Herzens schrieb er an den König: Wenn Euere Majestät uns
nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
unglücklich und verloren.
Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in
Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill
stellte ihm das Unnützliche und Übereilte dieser Maßregel mit solchem
Gewicht vor, daß er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte
von Menschen die beweglichen Trümmer ihres Besitzes in Sicherheit
bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstörung statt. Der
Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und ließ ihn in
Arrest setzen. Soldaten und Bürger vernahmen mit Unwillen, was ihrem
Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und
Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde.
Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur
Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestürzt und das Unselige
dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu
hören. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der
vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an
beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles,
stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wäre das letzte und
größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht
arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die
Leute zur Ruhe geben.« Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich
auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend
zurückgenommen wurde.
Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl,
daß die Dächer mit Dünger belegt und das Pflaster aufgerissen werden
sollte, um die Geschosse unschädlicher zu machen. Nettelbeck äußerte
Zweifel über das Förderliche dieses Befehls; da die Dächer eine Neigung
von mehr als fünfundvierzig Grad besaßen, meinte er, der Dünger werde
wohl nicht haften bleiben, auch würden die Bomben vor den so bedeckten
Dächern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreißen des
Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefährlich, weil dann bei
entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg
durch die Steinhaufen und den umgewühlten Boden finden würden. Während
des Gesprächs fuhr in der Nähe eine Bombe nieder und zersprang. Der
Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: »Meine
Herren, wenn das so fort geht, so werden wir müssen doch noch zu Kreuze
kriechen.« Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle
Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: »Halt! Der erste,
wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze
kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand.« Dabei riß er den Degen aus
der Scheide, sein Nebenmann faßte ihn von hinten und zog ihn von
Loucadou zurück. »Arretieren,« knirschte der Oberst mit schäumendem
Mund, »gleich arretieren! In Ketten und Banden.« Alles drängte sich um
den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurück, und er
ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach
Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte
ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem
Glacis der Festung erschießen lassen. Der Landrat erschrak, machte
eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
Als die Bürger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die größte
Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und
ward mit jeder Minute größer, wälzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte
ihn, und die Wortführer bestürmten ihn so lange im guten und im bösen,
bis sie seine Entrüstung einigermaßen milderten oder vielleicht ihn
ahnen ließen, daß er kein so leichtes Spiel haben werde. »Gut, gut,«
sagte er endlich, »so mag der alte Bursche diesmal laufen. Hüt er sich
nur, daß ich ihn nicht wieder fasse.« Nettelbeck hatte von seinem
Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, daß es
ihn so nahe angehen könne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
auf ihn und sein Leben gemünzt gewesen.
Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche
zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu
machen schienen. In den Morgenstunden eröffneten sie ein furchtbares
Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Plätzchen mehr, wo
die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können.
Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und
aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer; überall die Gassen wimmelnd von
ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von
Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von
Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen
verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Löschen der Flammen
beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der
Waffen, es war herz- und ohrenzerreißend. Im Laufe des Tages erstürmten
die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes
war die Verteidigung gelähmt, und das Münderfort war nun zur
Beschützung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das
englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim
Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
zu gewinnen.
Zu spät hatte der König Unterstützungsmannschaften geschickt, zu spät
den unfähigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es
schien, daß die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum
drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei
vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende
Spannung des Gemüts und Sorgen für Weib und Kind und Eigentum fielen auf
die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie sich in den Trümmern
ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis
in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.
Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das
Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres
Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle
Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine
menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Männern, um
sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefühl beachteten
sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten.
In steigender Angst rannte er auf die Brandstätte zurück und packte
jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrötiger Kerl, dem er einen
gefüllten Löscheimer aufdrängte, nahm ihn und schlug das Gefäß mit
seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so
daß er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ruß bedeckt eine
jämmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kümmern eilte er in das
nächste Wachhaus auf dem Walle und stürmte wild in das halbdunkle
Wachzimmer. Auf der hölzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. »Bester
Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen!« schrie Nettelbeck. Der
Offizier erhob sich, schlug die Hände zusammen und rief aus: »Ach, du
armer Nettelbeck!« Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau.
Nun wurde die Lärmtrommel gerührt, die Soldaten erschienen, Patrouillen
durchzogen die Stadt, und die Löschanstalten kamen in Bewegung. Zu
gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine
Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Häusern zu
plündern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal
betroffen. Durch den tätigen Eifer des Militärs wurde die Rotte wieder
eingefangen und unschädlich gemacht.
So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine
Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
Ziele führen konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und
überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen
hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers, hielt er beider Herzen
durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende
Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das
unbedingteste Zutrauen.
Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und
Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde
Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten
Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im
gräßlichsten Tumult erkannt, daß der Feind Vorbereitungen traf, sich von
der Wolfsschanze aus über das Münderfort herzustürzen. Es war drei Uhr
nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war
in der lebendigsten Spannung, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz
auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des
Weltgerichts folgte eine lange, öde Stille. Jeder Atem stockte, niemand
begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger
losgelassener Kräfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentär, neben ihm
ein preußischer Offizier, und alsbald stürzte dieser mit den atemlos
hervorgestoßenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: »Friede! Kolberg
ist gerettet.«
* * * * *
Als im Jahre 1809 der König von Memel nach Berlin zurückkehrte, hieß es
zuerst, er werde seinen Weg über Kolberg nehmen; aber die Strenge der
Jahreszeit gebot die kürzeste Richtung, und da es bekannt wurde, daß das
königliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Bürgerschaft dorthin
zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, daß es
dafür zu spät sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen hätte
man sich noch den nämlichen Abend auf den Weg machen müssen. »Und warum
nicht schon in der nämlichen Stunde?« fragte Nettelbeck. »Ich bin dazu
bereit, aber ich bedarf noch eines Gefährten. Wer begleitet mich?«
Schweigen und Kopfschütteln ringsherum, und schon wollte der Alte im
feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Gölckel die Hand reichte,
sich ihm zum Gefährten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein
versprach. Sie kamen nach Stargard so früh am Morgen, daß sie noch alles
in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei
dicht besetzt und kein Unterkommen mehr möglich. »Aber liebe Leute, den
alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Straße stehen lassen!«
»Nein, wahrhaftig nicht,« scholl eine weibliche Stimme dagegen,
»tausendmal willkommen! Da muß sich schon ein Winkelchen finden.«
Im königlichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und
in das Empfangszimmer geführt. Der große Raum war voll von Offizieren,
Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
eine feierliche Stille, als der König und die Königin eintraten.
Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der König gegen die
glänzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: »Wenn jeder so seine
Pflicht getan hätte wie die Kolberger, dann wäre es uns nicht so
unglücklich ergangen.«
Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das
glühende Wort: »Verflucht sei, wer seinem König und Vaterland nicht treu
ist.« Und dann: »Wir hoffen, Eure Majestät werden uns nicht sinken
lassen.« Der König antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen:
»Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.«
Diese Stunde war vielleicht die schönste in Nettelbecks Leben, und keine
empfand er dankbarer als Lohn für alle Opfer und Mühen. Er begann nun
seine Hantierung wieder und fand auch ein notdürftiges Auskommen. Doch
fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, daß er so abgesondert und
verlassen dastand. Er war nun fünfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich
doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst
rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen,
und nach vielem Bedenken und Zögern folgte er ihrem Rat und heiratete
eine uckermärkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein spätes
Glück fand und die ihm sogar im nächsten Jahr eine Tochter schenkte.
Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens
beschäftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor
gehegt, der Lieblingswunsch, Preußen auch jenseits der Weltmeere groß,
geachtet und blühend zu sehen. Er verfaßte eine Denkschrift, worin er
den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb
von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner
sechsundsiebzig Jahre erbötig, das erste preußische Schiff, das solchem
Zweck dienen würde, selbst zu führen. Aber wie leicht zu denken,
erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung.
Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann
sein reiches Leben.