Karl August von Weimar

Die siebzehnjährige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet

ein unvergängliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter

ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit

sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen

Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen

ist.

Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn

Jahre alt; fünf Jahre des siebenjährigen Krieges fielen noch unter ihre

Herrschaft. Die Männer, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren

alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persönlichkeit, und

mit dieser setzte sie es durch, daß man sie ihre eigenen Wege gehen

ließ. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem künftigen Herzog, gab,

machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich

in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen

Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in

Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen

Fürstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.

Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum

Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: »Sie ist klein

von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine

braunschweigische Nase, schöne Hände und Füße, einen leichten und doch

majestätischen Gang, spricht sehr schön, aber geschwind, und ihr ganzes

Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste

Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr generös und

verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange

beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging

nicht eher fort als bis um drei Uhr früh, da alles aus war.«

Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von

Schlitz-Görtz, ein ernster, gravitätischer und formenstrenger Herr, der

mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei

Kurzweil zuließ. Friedrich der Große hatte ihn während des bayrischen

Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in München verwendet,

später war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche

Reich begraben sah. Daß er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand,

daß er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als

Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem

jungen Karl August Goethe zuführte. Goethe berief Herder, und Herder

wurde der Magnet für Schiller.

Karl Ludwig von Knebel war ein gebürtiger Franke; er war Major unter

Friedrich dem Großen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant

durch seine barocke Genialität, war er zugleich ein tiefer Hypochonder.

Durch eine krankhafte Empfänglichkeit für unangenehme äußere Eindrücke

war er von ihnen abhängig und durch sie gestört. Wieland war sein

Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche übersetzte, sein langjähriges

Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mönch und den

menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel

seinem Herzog den Verfasser des Götz und des Werther vorstellte. Auf die

Einladung des Grafen Görtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und

in seiner jugendlichen Schönheit und Liebenswürdigkeit schien er dem

Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu

werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe förmlich

nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurückgebliebene Kammerjunker

von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straßburg erwarteten

Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes

fürstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: »Nah

bei Hof, nah bei der Höll« die Furcht in die Seele geworfen, er könne

nur der Spielball einer fürstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits

die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch

aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, daß Goethe nicht nach

Weimar kam; noch in späten Jahren hat er sich des wahrhaft Dämonischen

dieser Situation erinnert.

»Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in

Wolken und Nebel verhüllte,« schreibt Knebel; »jeder hing an ihm,

sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und

viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des

Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der

sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte.

Manche Exzentrizitäten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu

beschreiben Lust habe, die uns aber auswärts nicht in den besten Ruf

setzten. Goethes Geist wußte ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu

geben.«

Die Gerüchte über die Zustände in Weimar mußten von recht schlimmer Art

gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als

Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit

zurück, und es kam zum Bruch zwischen beiden.

Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er

hieß, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland

nennt die Herzogin eines der liebenswürdigsten Gemische von Menschheit,

Weiblichkeit und Fürstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem

Leben, das ihr Sohn mit Goethe führte, und nahm selbst daran teil. Schon

als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf

einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstädt gefahren,

es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regenguß, und die Herzogin, die

wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock

an. Sie faßte alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie

Griechisch, und zwar so gut, daß sie nach kurzer Zeit den Aristophanes

in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte

auch und schwärmte für Italien und die italienische Literatur, in der

ihr Führer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mönch. Die

theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten

oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg.

Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der

Fürstin viele lustige Gelegenheitsstücke gegeben, so 1778 Goethes

Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts

Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie:

»Weine nicht, du Abgott meines Lebens« wurde auf die lächerlichste Art

mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich

langer Triller gesungen. Nach dem Stück folgte die sogenannte

Kreuzerhöhungsgeschichte mit einem üblen Buch von Jacoby; Merck nagelte

das Buch mit dem Einband an einen Baum, so daß die Blätter im Winde

flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort

herab ein hochnotpeinliches Halsgericht über die Scharteke.

Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berühmte Erklärung gab,

die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet:

»Einsichtsvolle wünschen mir Glück, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf,

sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte

gebrauchen, als wo er selbst seine außerordentlichen Gaben gebrauchen

kann, heißt ihn mißbrauchen. Was aber den Einwand betrifft, daß dadurch

viele Leute sich für zurückgesetzt erachten würden, so kenne ich erstens

niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte,

und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung

mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach

der Anciennität, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben.

Das Urteil der Welt, welches vielleicht mißbilligt, daß ich den Doktor

Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne daß er zuvor Amtmann,

Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ändert gar nichts. Die Welt

urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere,

nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich

vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu können.«

Er war eher klein als groß von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag

von der Jugend bis in das späteste Alter etwas Selbständiges und

Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form;

man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel

gegenüber legte der vierundzwanzigjährige Fürst einmal folgendes

Selbstbekenntnis ab: »Ich muß erstaunlich wehren, meinem Herzen und den

Leidenschaften nicht die Zügel schießen zu lassen; es ist gar zu schwer,

sich wieder in den unnatürlichen Zustand zu fügen, in dem unsereiner

leben muß und an den man so langsam sich gewöhnt zu haben glaubt.«

[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A.

Schwerdgeburth; 1824.]

Merck, Goethes wunderbarer Freund, ließ sich, als alle Welt über die

Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte,

die Köpfe schüttelte, nicht beirren und vertrat nachdrücklich den Wert

des seltenen Fürsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an

den Buchhändler Nikolai in Berlin: »Ich hab Goethe neuerlich auf der

Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder

gelebt. Mich freuts, daß ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner

Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem

schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter

ist. Ich würde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die

Märchen kommen alle von Leuten, die ohngefähr so viel Auge haben, zu

sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und

deren Gespräch beurteilen können. Dazu mischt sich die scheußliche

Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder

die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich

sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und

gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.«

Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des

Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhütte

im Park auf und konnte, während Goethe in seinem Gartenhaus am Stern

weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische

Konversation über das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780

schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: »Es hat neun Uhr geschlagen,

und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag

war außerordentlich schön, ich war so ganz in der Schöpfung, und so weit

vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei

des Geschäftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht größer zumute, als

wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es kühl werden

sieht und fühlt, und das alles so für sich, so wenig der Menschen

halber; und doch genießen sie's, und so hoch, daß sie glauben, es sei

für sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schöpfen,

der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange.« Nach dem Bad in

der Ilm fährt er fort: »Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in

seinem Schoß. Als ich den ersten Schritt hineintat, war's so rein, so

nächtlich dunkel; über den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote

Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhörner hörte man nur von weitem,

und die stille Ferne machte mich reinere Töne hören, als vielleicht die

Luft erreichten.«

In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des

Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklärt,

er stand jetzt goldrein im Pokale. »Täglich wächst der Herzog und ist

mein bester Trost,« schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen

an die Frau von Stein findet sich auch manches schärfere Urteil über

Karl August, das freilich später immer wieder gemildert wurde. Einmal

äußerte er sich: »Mich wundert nun gar nicht mehr, daß Fürsten meist so

dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als

der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verständige Menschen um

sich und zu Freunden als er, und doch will's nicht nach Proportion vom

Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich's

versieht, wieder hervor.« Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn

ein wenig bitter, daß der Herzog häufig sehr mutwillige Neckerei mit

seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen

ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn

übereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:

Es ist doch nichts so zart und klein

So wird's doch jemand plagen.

Zum Beispiel macht dein Briefelein

Husaren sehr viel klagen.

Heut sagte der, der's Goethen bracht

Und schwur's bei seinem Barte,

Viel lieber ging ich in die Schlacht

Als trüg so Brieflein zarte.

Denn wie im Hui ist das Papier

Aus meiner weiten Tasche,

Und wer, wer stehet mir dafür,

Daß ich es wieder hasche.

Unheimlich sagt er, es ihm sei,

Wenn er so etwas trage,

Denn Billetdoux und Zauberei

Ist gleich, nach alter Sage.

Drum schreibe Du, nach altem Brauch,

Auf Groß-Royal-Papiere,

Damit der Träger künftig auch

Ja nichts vom Teufel spüre.«

Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Gräfin

Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise

war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, daß es

Mühe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im

September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte

von Stein: »Es ist mir lieb, daß wir wieder auf eine abenteuerliche

Wirtschaft ausziehen, denn ich halt's nicht aus. So viel Liebe, so viel

Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.«

Die Herzogin war im höchsten Grade schwerblütig und schwerlebig, einsam

in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu

leicht. Bei der Gräfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten

festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: »Auf Ostern besuche ich die

Gräfin, welche doch die beste aller Gräfinnen ist, die ich kenne.« Um

dieselbe Zeit schreibt Goethe: »Der Herzog ist vergnügt, doch macht ihn

die Liebe nicht glücklich, sein armer Schatz ist gar zu übel dran, an

den leidigsten Narren geschmiedet, krank und für dies Leben verloren.

Sie sieht aus und ist wie eine schöne Seele, die aus den letzten

Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach

dem Himmel sehnend erhebt.« Der Graf Werthern war nämlich ein

hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten

geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle

Hausordnung eingeführt; kamen vornehme Gäste, so ließ er Bauernjungen,

die als Neger geschwärzt und kostümiert waren, bei Tisch aufwarten. Die

Gräfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die größten Manieren, und

Goethe gestand, daß er alles, was er von Welt besaß, von ihr gelernt

hatte.

Der Herzog gab sehr viel Geld für Jagd und Tafelfreuden aus, und oft

finden sich unwillige Äußerungen Goethes über die Schmarotzer bei Hof

und ihre Unersättlichkeit. In einem Brief an Knebel heißt es: »Selbst

der Bauersmann, der der Erde das Notdürftige abfordert, hätte ein

behaglich Auskommen, wenn er nur für sich schwitzte. Du weißt aber, wenn

die Blattläuse auf den Rosen sitzen und sich hübsch dick und grün

gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten

Saft aus den Leibern, und so geht's weiter, und wir haben's so weit

gebracht, daß oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in

einem beigebracht werden kann.«

So großmütig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch

häufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe würdig waren, in

würdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mußte auch Schiller am Hof

zu Weimar ein gar trauriges und bedrücktes Leben führen. Es war nicht so

viel Geld für ihn da wie für irgendeinen Kammerjunker, und wie

Beethoven durch englisches, wurde Schiller schließlich durch dänisches

Geld der schlimmsten Sorgen überhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten

zu können mußte er sich um die Professur in Jena bewerben, die

zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer

Art, daß er dem Herzog selbst für das Wenige, das er für ihn tat oder

tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit

seines Lebens in Unordnung. Fast unmöglich hielt es, ihn zu gewöhnen,

daß er seine Ausgaben in das richtige Verhältnis zu seinen Einnahmen

setzte. In späteren Jahren machte er alle seine Geschäfte mit

Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, ließ er seinen Wagen

anspannen und fuhr nach Frankfurt.

Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und

burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des

Gemüts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein überaus herrlicher

Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der

Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen

ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war,

pensioniert worden. Im Unmut darüber hatte er den Plan gefaßt, wieder in

preußische Dienste zu treten; von diesem Entschluß brachte ihn der

Herzog durch folgenden Brief ab.

»Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so

sklavisch, so sinnlicher Bedürfnisse voll, daß Du nur durch Graben,

Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen nützen kannst? Ist denn

das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, daß Du nirgends ein Plätzchen

findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schönes, Gutes und

Großes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt

hat, ausfüllen kannst? Sind wir denn so hungrig, daß Du für unser Brot,

so furchtsam und unstet, daß Du für unsere Sicherheit arbeiten mußt?

Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe

fähig, können wir keinen Genuß finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem

Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmückung des

Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strauß

von den Blumen des Lebens gebunden vorhältst? Sind unsre Klüfte so

quellenlos, daß wir nicht eines schönen Brunnens brauchen, uns selbst

unsrer Ausflüsse freuend, wenn sie schön in demselben aufgefaßt sind?

Sind wir bloß zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und

können wir nichts neben uns leiden als Klötze, die uns gleichen und nur

von harter, anhaltender Masse sind? Ist's denn ein so geringes Los, die

Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu

sein? Ist das Kind dieser Wohltäterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein

schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie

immer gepflügtes Land; ist's erniedrigend, der vorsichtige Gärtner zu

sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Sämereien holen

zu lassen, sie auszulesen und zu säen? Muß er nicht etwa daneben auch

das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufüllen? Bist

Du nun so im Bösen, so über Dich selbst erblindet, daß Du Dir einbilden

könntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest

Du uns gering genug, daß Du glauben könntest, wir würden Dich so lieben

wie wir tun, wärest Du uns hierin unnütz und überflüssig oder

entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schöne Geschäft, diese würdige

Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreißen, gleich einem

Anfänger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott weiß wohin, unter

Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und

Dir gewohntes Verhältnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder

Dir machen, mehr Gute, mehr Böse kennen lernen, sehen, wie die

Abscheulichkeiten so überall zu Hause, das Gute überall so befleckt ist?

Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die

Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht

gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich

flüchten? Nimmst Du nicht überall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr

und leichter hast als andere? Sind nicht überall Knechte, die es

entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser

aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr

geachtet halten, als Du es hier sein möchtest? Siehst Du etwas

Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses

Erreichbare so gewiß? Schlägt's fehl, kann es Deine Existenz dann

ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und

so herumzuirren? Willst Du also das Beständige für das Unbeständige

hingeben? Laß uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das Übel nicht

für so unheilbar halten. Ist's Deiner Natur gut, sich zu verändern, so

reise. Warum sich immer ersäufen wollen, wenn's mit einem schönen Bade

getan ist?«

Es ging damals eine wohltätige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich

Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784

schrieb er an Knebel: »Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr,

daß ich jedem Glück wünsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie

beweist und lehrt so bündig, daß das Größte, das Geheimnisvollste, das

Zauberhafteste so ordentlich, einfach, öffentlich, unmagisch zugeht; sie

muß doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem

Außerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, daß das Außerordentliche

so nahe, so deutlich, so unaußerordentlich, so bestimmt nahe ist.«

Das Jahr 1789 brachte auch für den Weimarer Hof Veränderungen mit sich,

besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an

Knebel: »Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft.

Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem

fürstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein

Fremder dazu gebeten. Sie können denken, was die Hofdamen dazu sagen,

und es ist unbegreiflich, daß sie nicht schon aus Furcht vor zukünftiger

langen Weile zum voraus verschmachten.«

Über die französische Revolution äußerte sich der Herzog am 13. Januar

1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: »Wer die

Franzosen in der Nähe sieht, muß einen wahren Ekel für sie fassen; sie

sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefühls

ist bei ihnen ausgelöscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er

lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur

Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhält, geht er

zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre

Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrückte das

andere im Reich, und nun unterdrücken die Unterdrücker selbst ihre alten

Beherrscher, weil diese nachlässig und stupid waren. Nicht das mindeste

Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art

Moralität oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.«

Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin,

daß er sich ihnen gegenüber ganz und gar als Deutscher fühlte. Karoline

von Wolzogen schrieb darüber einmal an Schiller: »Ich dankte auch dem

Himmel beim Lesen des Mirabeau, daß alles, was mir lieb ist, nichts mit

der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fäden hängen diese

Weltbegebenheiten! Es muß ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht

umstricken und so zusammenhalten wie es hält; was diese Menschen dabei

zu tun wähnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine

Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine

Glückseligkeit hingäbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz für

sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um

herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und

ärgerlich, man könnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr

im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun hätte,

glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, daß er Mirabeau

übel begegnet hat.«

Im übrigen wurde das stille Weimar durch die großen Weltereignisse wenig

berührt. Der Herzog, der zu Goethes Mißvergnügen eine wachsende

Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der

Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man weiß, hat er dieses

kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in

Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu betätigen und auszuleben. So

liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die

Leidenschaft zur Gräfin Werthern vorüber war, wurde die reizende

Sängerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Für sie

schrieb Goethe die Eugenie in der natürlichen Tochter. Sie war sehr

schön und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs

kühl gegenüber, denn eben ihres künstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es

nichts Verlockendes für sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen

Bühne die Mätresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die

Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach;

sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es

wird berichtet, daß sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue

Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei,

besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.

Frisch an Körper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem

innersten Bedürfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrücken war

der seinen gemäß. Ihr Einfluß war groß und dauerte bis zum Tode des

Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die

russische Großfürstin Marie, und es kam wohl vor, daß sie im Gefühl

ihrer Überlegenheit diese der Zarentochter zu fühlen gab. Einmal hatte

die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer

schönen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder

vorüber kam, waren die schönen Bäume abgehauen. Frau von Heygendorff

hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August

fürchtete, daß seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein übles

Schicksal widerfahren könnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen,

für den Fall, daß er außerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit

der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken.

Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstäblich Folge

geleistet. Als die fürstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs

bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen

und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland,

ihre Ausbildung genossen hatte.

Karl August hatte auch für die Literatur der #Ars amandi# viel übrig

und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten

Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie später seiner guten

Freundin, der Gräfin Henckel, die sich sehr für das geheime Fach

interessierte.

Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Großfürstin veränderte alle

Lebensverhältnisse in Weimar. »Sie können kaum einen Begriff haben von

dem Glanz, der uns neuerlich umgibt,« schreibt Fräulein von Göchhausen

im September 1804, »der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen

strahlenden Orden geziert. Meine gute Fürstin strahlt nicht weniger ...

Überhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von

Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Völker, die noch mehr dergleichen

bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet.« Die wilden Völker, das

waren die Russen. Zwei Monate später schreibt das Fräulein: »Der Einzug

war prächtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen,

zu Pferd und zu Fuß festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig

und würdig, ich möchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks

nennen. Am Montag kam die Großfürstin zum erstenmal ins Theater. Sie

können sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von

Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist

ein Engel an Geist, Güte und Liebenswürdigkeit; auch habe ich noch nie

in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen über alle Zungen

ergehen hören, als seit sie der Gegenstand aller Gespräche geworden.

Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und

macht wieder Verse.«

Ein Jahr später kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner

Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner

Abreise schrieb Fräulein von Göchhausen an Böttiger: »Nächst dem

Andenken im Herzen an den liebenswürdigen Kaiser hinterließ er auch

blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine

Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden

Halsbändern, Kämmen und Gürtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,#

schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.

Künftigen Donnerstag kommt das erste preußische Regiment hier an; bald

wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Ländchen fühlt

die schützende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden

Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend

Mann lassen uns ängstliche Blicke in die Zukunft tun.«

Während der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preußische

Offiziere in einem Weinhaus über die Wohnungen, die sie gefunden hatten.

Ein alter, dickbäuchiger Major sagte: »Ich stehe da bei einem gewissen

Gothe oder Goethe, weiß der Teufel, wie der Kerl heißt.« Man machte ihn

aufmerksam, es sei der berühmte Dichter Goethe, wo er stehe, da

antwortete er: »Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe

dem Kerl auf den Zahn gefühlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu

haben.«

Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und

Auerstädt. Am 4. Oktober fuhren der König und die Königin von Preußen

auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem

preußischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig,

kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in

Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags

trafen die gefürchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der

Nähe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang

geplündert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr

ungehalten darüber zeigte, daß der Herzog von seiner Residenz abwesend

und bei der preußischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener,

der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach,

abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rückkehr aufzufordern. Ihr

Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen

Regierungsrat Müller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den

Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen

Abenteuern und Irrfahrten traf Müller den Herzog in Berlin, aber Karl

August war durchaus nicht geneigt, den gewünschten Fußfall vor dem

Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl höchst ungnädig gegen den Herzog

gestimmt, ließ ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner

Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander.

Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere

Drangsale gestürzt, und nicht immer gelang es dem klugen und

diplomatisch geschickten Friedrich von Müller, das größte Elend

abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder

verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu

bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise

gegenüber eine große, vielleicht empfundene Hochschätzung an den Tag

legte.

An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen

Anteil. Napoleon hatte gewünscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld

von Jena zu zeigen; dazu sollte eine große Jagd am Ettersberg und auf

den Hügeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Müller berichtet darüber

in seinen Memoiren:

»Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von früh an

mit unzähligen Wagen, Reitern und Fußgängern bedeckt. Es war der

schönste, klarste Herbsttag, kein Wölkchen am ganzen Himmel. In der

Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger

Walde gegen einen großen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzäunt

worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren

Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit

drei Abteilungen, wovon die mittlere für die beiden Kaiser und für die

Könige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen

umschmückten Säulen. Dicht dabei sah man große, freistehende Balkone,

von denen bequem das Ganze überschaut werden konnte. Ringsumher liefen

Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich

um große Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getränken eine

Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze

Nacht hindurch ermüdet hatte. Dazwischen ertönten muntere Jagdhörner und

Gesänge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der

ganzen Jägerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem

Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in

einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzäunten Walde heraus und so

getrieben, daß es am großen Pavillon in Schußweite vorüber mußte.

Napoleon ergötzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien

überhaupt sehr vergnügt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der

geringste Unfall hatte sie getrübt. Ich war in Erfurt zurückgeblieben

und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,

worauf ich mich eiligst nach Weimar verfügen sollte. Es war fünf Uhr,

als die Monarchen unter dem Geläute aller Glocken in Weimar einzogen.

Wie Napoleon sich in die für ihn bereiteten Zimmer begab, war ich

zufällig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging

sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mußte ihm

einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine

Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer

großen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfünfzig Personen

bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretär Maret und dem

Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich saß. Aber wir

waren noch kaum bis zur Hälfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde,

daß die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun

strömte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,

doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von

Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der

Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor

dem Schlosse stand ein sechzig Fuß hoher Obelisk, geschmackvoll

erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze

Schloß und seine Umgebungen sowie alle Straßen bis zum Schauspielhause

waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im

Theater ganz wie die zu Erfurt. Die französischen Schauspieler führten,

wie ich schon oben erwähnt, #La mort de César# von Voltaire auf.

Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus übertraf sich selbst.

Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Cäsar dem Antonius, der

ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:

#»Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;

Ne me conseillez point de me faire hair.

Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,

Allons, n'écoutons point ni soupçons ni vengeance,

Sur l'univers soumis régnons sans violence,«#

war es, als ob ein elektrischer Funke mächtig alle Zuschauer

durchzuckte.

»Hatte die Aufführung des Trauerspiels #La mort de César# immerhin

etwas seltsam Ominöses gehabt, so mußte es auf diejenigen, die diesen

Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschütternden Eindruck

machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, daß diese Aufführung

wirklich zum größten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden

wäre. Es hatte sich nämlich eine kleine Anzahl verwegener preußischer

Offiziere, das Unglück und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief

empfindend und von glühendem Haß gegen dessen Unterdrücker erfüllt,

verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater

zu erschießen. Sie hatten die Lokalität aufs genaueste erkundet,

Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und

sich zum größten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im

letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, daß dieser

Umstand die übrigen abschreckte, oder daß sie Reue empfanden, genug, das

Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so

grausiger Tat unmittelbar und zunächst für Weimar nach sich gezogen

hätte, ist kaum zu ermessen.«

Die Befreiung Deutschlands wäre durch einen Pistolenschuß erfolgt; die

Hunderttausende von Opfern der nächsten Kriegsjahre hätten nicht

geblutet, aber es hätte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks

gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen

der Menschen seinen ehernen Weg gehen.

Karl August trat mit den übrigen Fürsten des ernestinischen Hauses dem

Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongreß persönlich. Graf

Nostiz notiert über ihn in seinem Tagebuch: »Der alte Herzog von Weimar

lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefällt

ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die

Jahre seine Beweglichkeit schwächen.«

Er trat als erster Großherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein

fünfzigjähriges Regierungsjubiläum und seine goldene Hochzeit. Im Mai

1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preußen

verheiratet, im Frühjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des

jungen Paares nach Berlin, und auf der Rückreise starb er auf dem Gestüt

zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt

in der Fürstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin

er wenige Monate früher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen

und wo vier Jahre später auch Goethe begraben wurde.

Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast beständiger

Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb

diese Tage in einem Brief an den Kanzler Müller, der seinerseits wieder

Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schönen Gespräch,

das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darüber eingehend

zu lesen, und es möge, auch wegen des profunden und ewig gültigen

Urteils, das Goethe über seinen Herzog fällt, zum Abschluß hier folgen.

»Es war nicht ohne höhere günstige Einwirkung,« sagt Goethe, »daß einer

der größten Fürsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie

Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir

von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch

einiges daraus mitteilen.«

Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich

wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah

Tränen in seinen Augen. »Lesen Sie es für sich,« sagte er dann, indem er

mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab,

während ich las.

»Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten

erschüttert werden,« schreibt Humboldt, »als ich, den er seit dreißig

Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so

aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu

jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luzidität wie bei

den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes,

nie habe ich den großen, menschlichen Fürsten lebendiger, geistreicher,

milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender

gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaßen.

Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und beängstigt, daß

diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so

viel körperlicher Schwäche, mir ein schreckhaftes Phänomen sei. Er

selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und

Erwartung der großen Katastrophe.

Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frühstück, krank

und ohne Neigung, etwas zu genießen, fragte er noch lebendig nach den

von Schweden herübergekommenen Granitgeschieben baltischer Länder, nach

Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphäre trübend einmischen

könnten, nach der Ursache der großen Winterkälte an allen östlichen

Küsten.

Als ich ihn zuletzt sah, drückte er mir zum Abschied die Hand mit den

heiteren Worten: 'Sie glauben, Humboldt, Töplitz und alle warmen Quellen

seien wie Wasser, die man künstlich erwärmt? Das ist nicht Küchenfeuer!

Darüber streiten wir in Töplitz, wenn Sie mit dem Könige kommen. Sie

sollen sehen, Ihr altes Küchenfeuer wird mich doch noch einmal

zusammenhalten.' Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem

Manne.

In Potsdam saß ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er

trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine

Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr

erschöpft. In den Intervallen bedrängte er mich mit den schwierigsten

Fragen: über Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, über

Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, über Mondatmosphäre, über die

farbigen Doppelsterne, über Einfluß der Sonnenflecke auf Temperatur,

Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwärme. Er

schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und

sagte dann, über seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich

um Verzeihung bittend: 'Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!'

Auf einmal ging er desultorisch in religiöse Gespräche über. Er klagte

über den einreißenden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwärmerei

mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller

freieren Geistesregungen. 'Dazu sind es unwahre, Bursche,' rief er aus,

'die sich dadurch den Fürsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und

Bänder zu erhalten! -- Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben

sie sich eingeschlichen.'

Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Tröstliches in

der christlichen Religion finde. 'Das ist eine menschenfreundliche

Lehre,' sagte er, 'aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die

ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.'«

Ich gab Goethe über diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu

erkennen. »Sie sehen,« sagte Goethe, »was für ein bedeutender Mensch er

war. Aber wie gut ist es von Humboldt, daß er diese wenigen letzten Züge

aufgefaßt, die wirklich als Symbol gelten können, worin die ganze Natur

des vorzüglichen Fürsten sich spiegelt. Ja, so war er! -- Ich kann es am

besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch

wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, daß kein Unterschied ist

und daß auch ein solcher Mensch so früh dahin muß! -- Nur ein lumpiges

Jahrhundert länger, und wie würde er an so hoher Stelle seine Zeit

vorwärts gebracht haben! -- Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so

rasch zum Ziele, als wir denken und wünschen. Immer sind die

retardierenden Dämonen da, die überall dazwischen und überall

entgegentreten, so daß es zwar im ganzen vorwärts geht, aber sehr

langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, daß ich recht

habe.«

Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte

ich.

»Wer weiß,« erwiderte Goethe, »-- vielleicht auf Millionen! Aber laß die

Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen

fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie

ihre Kräfte entwickle. Klüger und einsichtiger wird sie werden, aber

besser, glücklicher und tatkräftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.

Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er

abermals alles zusammenschlagen muß zu einer verjüngten Schöpfung. Ich

bin gewiß, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen

Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjüngungsepoche eintritt.

Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir können noch

Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Fläche, wie

sie ist, allerlei Spaß haben.«

Goethe war in besonders guter erhöhter Stimmung. Er ließ eine Flasche

Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gespräch ging

wieder auf den Großherzog Karl August zurück.

»Sie sehen,« sagte Goethe, »wie sein außerordentlicher Geist das ganze

Reich der Natur umfaßte. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie,

Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehört, er hatte

für alles Sinn und für alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als

ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen,

was einst der Baum sein würde. Er schloß sich bald auf das innigste an

mich an und nahm an allem, was ich trieb, gründlichen Anteil. Daß ich

fast zehn Jahre älter war als er, kam unserm Verhältnis zugute. Er saß

ganze Abende bei mir in tiefen Gesprächen über Gegenstände der Kunst und

Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saßen oft tief in die

Nacht hinein, und es war nicht selten, daß wir nebeneinander auf meinem

Sofa einschliefen. Fünfzig Jahre haben wir es miteinander fort

getrieben, und es wäre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas

gebracht hätten.«

Eine so gründliche Bildung, sagte ich, wie sie der Großherzog gehabt zu

haben scheint, mag bei fürstlichen Personen selten vorkommen.

»Sehr selten,« erwiderte Goethe. »Es gibt zwar viele, die fähig sind,

über alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern

und krabbeln nur an den Oberflächen. Und es ist kein Wunder, wenn man

die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstückelungen bedenkt, die das

Hofleben mit sich führt und denen ein junger Fürst ausgesetzt ist. Von

allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bißchen Das kennen und ein

bißchen Das, und dann ein bißchen Das und wieder ein bißchen Das. Dabei

kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehört der

Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in

Rauch aufzugehen. Der Großherzog war freilich ein geborener großer

Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.«

Bei allen seinen höheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen,

sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.

»Es war ein Mensch aus dem Ganzen,« erwiderte Goethe, »und es kam bei

ihm alles aus einer einzigen großen Quelle. Und wie das Ganze gut war,

so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte.

Übrigens kamen ihm zur Führung des Regiments besonders drei Dinge

zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden

und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er

noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von

dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit

ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glück des

Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen

entgegenzukommen, gute Zwecke befördern zu helfen war seine Hand immer

bereit und offen. Es war in ihm viel Göttliches. Er hätte die ganze

Menschheit beglücken mögen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt

ist, hat leicht regieren.

Und drittens: Er war größer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die

ihm über einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,

bessere, in sich selber. Fremde Zuflüsterungen glitten an ihm ab, und er

kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfürstliches zu begehen, indem er

das zweideutig gemachte Verdienst zurücksetzte und empfohlene Lumpe in

Schutz nahm. Er sah überall selber, urteilte selber, und hatte in allen

Fällen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer

Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.«

Wie leid tut es mir, sagte ich, daß ich nicht viel mehr von ihm gekannt

habe als sein Äußeres; doch das hat sich mir tief eingeprägt. Ich sehe

ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel

und Militärmütze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr,

seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als

auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als

zweispännig. Ein Gepränge mit sechs Pferden und Röcke mit Ordenssternen

scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.

»Das ist,« erwiderte Goethe, »bei Fürsten überhaupt kaum mehr an der

Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit

wiegt; alles übrige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit

sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum

dieser. Übrigens hing die alte Droschke des Großherzogs kaum in Federn.

Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Stöße auszuhalten. Aber das war

ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind

aller Verweichlichung.«

Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo

sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.

»Er war damals sehr jung,« erwiderte Goethe, »doch ging es mit uns

freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in

gewaltiger Gärung. Er wußte mit seinen Kräften nicht wo hinaus, und wir

waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden über Hecken,

Gräben und durch Flüsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten,

und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im

Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm

nichts, aber hätte er sich eines erringen, erjagen und erstürmen können,

das wäre ihm etwas gewesen.

Das Ilmenauer Gedicht,« fuhr Goethe fort, »enthält als Episode eine

Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre

hinter uns lag, so daß ich mich selber darin als eine historische Figur

zeichnen und mit meinem eigenen Ich früherer Jahre eine Unterhaltung

führen konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nächtliche Szene

vorgeführt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge.

Wir hatten uns am Fuße eines Felsens kleine Hütten gebaut und mit

Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu übernachten. Vor

den Hütten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die

Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt

wurde, saß dem Feuer zunächst und ergötzte die Gesellschaft mit allerlei

trockenen Späßen, während die Weinflasche von Hand zu Hand ging.

Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich

behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei

Poetisches. Abseits, in einer ähnlichen, kleinen Hütte, lag der Herzog

im tiefen Schlaf. Ich selber saß davor, bei glimmenden Kohlen, in

allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern über

mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und

Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und

auch der junge Fürst nicht, in diesem düstern Ungestüm seines

zwanzigsten Jahres.

Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,

Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;

Der Unfall lauert an der Seite

Und stürzt ihn in den Arm der Qual.

Dann treibt die schmerzlich überspannte Regung

Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,

Und von unmutiger Bewegung

Ruht er unmutig wieder aus.

Und düster wild an heitern Tagen,

Unbändig, ohne froh zu sein,

Schläft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,

Auf einem harten Lager ein.

So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug

übertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der

Herzog bald zu wohltätiger Klarheit durchgearbeitet, so daß ich ihn zu

seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner früheren Jahre

sehr wohl erinnern mochte.

Ich leugne nicht, er hat mir anfänglich manche Not und Sorge gemacht.

Doch seine tüchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum

besten, so daß es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.«

Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame

Reise durch die Schweiz.

»Er liebte überhaupt das Reisen,« erwiderte Goethe, »doch war es nicht

sowohl, um sich zu amüsieren und zu zerstreuen, als um überall die Augen

und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Nützliches zu

achten, das er in seinem Lande einführen könnte. Ackerbau, Viehzucht und

Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden.

Überhaupt waren seine Tendenzen nicht persönlich egoistisch, sondern

rein produktiver Art, und zwar produktiv für das allgemeine Beste.

Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der über dieses

kleine Land weit hinausgeht.«

Sein sorgloses einfaches Äußere, sagte ich, schien anzudeuten, daß er

den Ruhm nicht suche und daß er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als

sei er berühmt geworden ohne sein weiteres Zutun, bloß wegen seiner

stillen Tüchtigkeit.

»Es ist damit ein eigenes Ding,« erwiderte Goethe. »Ein Holz brennt,

weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berühmt, weil der

Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen läßt sich der Ruhm nicht, und alles

Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen

und allerlei künstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber

dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hält nicht auf den andern

Tag.

Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den

Leuten keineswegs schön; aber das Volk liebte ihn, weil es fühlte, daß

er ein Herz für sie habe.«

Deutsche Charaktere und Begebenheiten · 第 14 / 17 题