Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs
des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von
Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des
Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein
äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der
muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner
Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits
in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht
möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar
nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von
England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde;
sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg
seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.
Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen
Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft
brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur
Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff,
welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen
bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten,
um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.
Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als
Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der
zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die
Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so
witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie
nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen
von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes
beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte
es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine
entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich
gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle
âme,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf
Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle
Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da
solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die
nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller
Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein
ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging
es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen,
die Musik war ihm geradezu unleidlich.
In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das
Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin
bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer
war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des
Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der
Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien
und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt.
Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den
Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war
ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er
ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte
Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan
einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein
so guter Christ er auch war.
Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später
nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in
ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder
Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem
Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
Sohn Friedrich angedeihen ließ.
Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von
seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie
befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den
Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war
acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel
führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß
der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine
immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich
in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und
auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur
Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline
heiratete später den englischen Georg.
In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer
Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough
hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin
zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines
Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude
war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen
mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie
Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie
war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet
und lebhaft, ehrgeizig und stolz.
Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur
Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer
seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles
war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich
sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von
Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände,
und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß
beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze
abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ,
anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer
Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den
Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm
ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und
Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten
Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt.
Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer
besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows
Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche
Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später
im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie,
deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der
englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die
Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn
dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er
Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die
Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod
erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der
Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so
hätte ich ihn verhaften lassen.«
Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den
Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem
italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf
die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann
wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in
der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs
des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen
Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.
Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten
Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das
Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold
hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am
Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet
dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt
verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten.
Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die
schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz
vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er
die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler
zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den
Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König
durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in
leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des
Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder
zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen
verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern,
das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich
verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu
Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow
schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach
göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch
zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker
Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit
langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er
bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und
ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen
verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein
Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.
Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß
Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das
Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so
werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und
erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte,
ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not
war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er
den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In
Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die
beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und
das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.
Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit
der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen.
Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst
erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre
Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt
dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister
spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin
Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter
Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das
preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem
freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt,
gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er
ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals
regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie
irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine
Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten
sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die
stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter
den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn
hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und
beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein
Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts
verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in
sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu
erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft
vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch,
was er an ihm besaß.
Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch
immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu
erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich
hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von
derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb
das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das
Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich
ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine
merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom
Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich
genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei
Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter
Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur
wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man
mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer
starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter
keiner Maske.
Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem
vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche
Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten
vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber
in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des
Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an
Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände
gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und
verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2.
Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele
stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher
Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten
Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte
der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8
klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und
Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich
sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle
verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er.
Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße
Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden
für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von
befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber
mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
»Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth
vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für
jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren
schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen
deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im
Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr
langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit
sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach
einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der
Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu
beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der
Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und
den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem
Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn
aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische
und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich
entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann
die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als
Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt
hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer
Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie
Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter.
[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.]
Der gewöhnliche Preis eines langen Kerls von fünf Fuß zehn Zoll
rheinländischen Maßes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fuß wurde
mit tausend Talern bezahlt, und war er noch länger, so stieg der Preis
noch höher. Einer der teuersten war der Irländer Kirkland; für diesen
zahlte der preußische Gesandte in London neuntausend Taler. Für einen
andern bekam der General Schmettau fünftausend Taler und eine
Stiftsstelle für seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten,
damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte.
Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote
Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle
Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Königs, recht
lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen
wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht
von Giganten aufzuziehen, mißglückte leider.
Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Königsregiment
genannt, war das schönste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von
allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Holländern, Engländern,
Schweden, Dänen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
waren grundsätzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fuß maßen,
konnte der König nicht widerstehen. Die »lieben blauen Kinder« waren
seine größte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein
Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die größten hatte er
malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gängen des Potsdamer
Schlosses. Der Flügelmann Jonas mußte sogar in Stein gehauen werden, und
zwar, befahl der König, so ähnlich wie möglich. Es war den lieben blauen
Kindern gestattet, Bier- und Weinhäuser, Material- und Italienerläden zu
halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der König Häuser, andern
schenkte er Geld und Grundstücke, verheiratete sie und hob ihre Kinder
aus der Taufe.
Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu
halten, bedurfte es der schärfsten Disziplin. Die Truppen wurden
jährlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie weiß, die
Husaren rot. Alle trugen, wie der König selbst, den langen Zopf und
Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, daß die Leute oft nicht
wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Röcke könnten zerreißen. Einmal
bemerkte der König vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der
einen zu langen Rock an hatte; er ließ ihn sogleich rufen und schnitt
ihm eigenhändig mit der Schere das vorschriftswidrige Stück weg.
Exerziert wurde unaufhörlich, und es war das größte Glück des Königs,
wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim
Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schuß zu
hören war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren
furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, mußten Bürger und Bauern die
Sturmglocken läuten, und wer den Flüchtling wieder einbrachte, bekam
zwölf Taler. Um dem allmählich überhand nehmenden Werbeunfug zu steuern,
erließ der König im Jahre 1733 das berühmte Kantonreglement, das den
Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle
Einwohner des Landes wurden als für die Waffen geboren erklärt;
ausgenommen waren nur die kleinen, die Söhne des Adels und die Söhne
derjenigen Bürger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten.
Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm für Kaiser und Reich eine
Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mächtigen
Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht
vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und
einmal sagte er: »Ich würde mich begnügen, wenn ich des Kaisers
Kammerpräsident wäre.«
Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich
waren ihm die Franzosen ein Greuel »mit ihren Quinten und französischen
Winden«. Um den Berlinern die französischen Moden zu verleiden, ließ er
seinen Profosen französische Kleider tragen, grüne Röcke mit
großmächtigen Aufschlägen, gelbe Westen und gelbe Strümpfe, dazu
ungeheuer große Hüte wie Wetterdächer und Haarbeutel wie riesige Säcke.
Auf dem Theater ließ er einmal ein Stück aufführen, das den Titel hatte:
»Der anfangs hitzig und großsprechende, zuletzt aber mit Schlägen
abgefertigte Marquis«. Ebenso verhaßt waren dem König »die hoffärtigen
Leute über dem großen Wassergraben«, wie er die Engländer nannte. Als
ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Söhne nach
England zu den Erzbischöfen von Canterbury und York schicken zu dürfen,
schlug er es mit der Begründung ab, daß in England keine Orthodoxie in
der Religion statuiert werde und es überhaupt ein Sündenland sei. »Der
König,« schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, »ist sehr gegen die
englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, daß selbige
durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.«
Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu
einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter
Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut
bekommen. England forderte nur, daß der König den Minister Grumbkow als
einen Verräter im Dienst und Solde Österreichs entferne, und der
Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem König vor,
daß England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr
Einfluß am preußischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften
seien unterschoben und künstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
kam und die Zuversicht aussprach, daß der König den Verräter sofort
entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, daß er dem
Gesandten Großbritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den
Fuß aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine
Übereilung und ließ sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte
er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel nötigen, auf
Englands Untergang zu trinken.
Mit Holland und Sachsen-Polen stand der König gut, aber seine größte
Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr für die russische Allianz,
und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbündnisses schwebte ihm immer
vor der Seele. Der große Kurfürst war anderer Meinung gewesen und hatte
tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bären, die man
nicht loslassen muß, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden.
Die Königin Sophie Dorothea verübelte es ihrem Gemahl sehr, daß er sich
allerwegen für das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei
Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: »Ich will noch
erleben, daß ich Euch Ungläubige will gläubig machen und dartun, wie Ihr
seid betrogen worden.« Aber der König ließ sich nicht irre machen. Einst
schrieb er an Seckendorf: »Meine Feinde mögen tun was sie wollen, so
gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser muß mich mit Füßen
wegstoßen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab
verbleibe.« Er war auch der Ansicht, die deutschen Fürsten müßten
geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
»Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren,« schrieb er,
»so muß man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, daß der
ganze Pelz nit verdorben sei.« Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und
da schrieb der König an Seckendorf: »Ich wünsche, daß es losgehe und
kann versichern, daß ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es muß
alles reichskonstitutionsmäßig sein, und die Auswärtigen müssen
attackieren, dann ohne Räsonieren drup! drup! Mit die größte Pläsier von
der Welt, die stolzen Leute zur Räson bringen zu helfen, sie sollen
sehen, daß das deutsche Blut nit verwüstet ist.« Aber als es fünf Jahre
später zum Krieg zwischen Frankreich und Österreich kam, wollte er seine
Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: »Ich gebe keinen Mann
und kein Geld. Ich muß wissen woher und wohin.« Dann ließ er aber doch
zehntausend Blauröcke ins Feld rücken. Der Kardinal Fleury schickte ihm
eine künstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf
fünf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der König sich für Frankreich
erklären würde. Er wies das Anerbieten zurück. In der Folge wurde er
aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde
Preußens Stimme nicht einmal gehört. Ein halbes Jahr später sagte er bei
einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mißhandelten
Sohn Friedrich wies, die berühmten Worte: »Da steht einer, der mich
rächen wird.« Noch zwei Jahre früher freilich hatte er dieses Genie so
über die Achsel angesehen, daß er sich geäußert hatte: »Fritzchen #ne
sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst
und alles drunter und drüber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe
über dich lachen.«
Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei
militärische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward
eingeschärft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das
einzige Mittel, so schreibt der König selbst in seiner Instruktion, die
von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suveräne Macht in den
Schranken der Gebühr zu erhalten. Man müsse ihn zum Guten antreiben und
die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern,
Komödien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als
möglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne
Ekel und Verdruß beigebracht werden. »Sie müssen ihn nicht bei Leib und
Leben verzärteln oder gar zu weichlich gewöhnen. Vor der Faulheit, als
woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrößte Abscheu von der
Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag
noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen.
Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei
einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der
Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, daß solches verhütet werde,
widrigenfalls sie mir mit ihren Köpfen davor haften sollen.« Und in
einem späteren Reglement heißt es: »Am Sonntag morgen soll er um sieben
Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette
auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, daß
alle, die im Zimmer sind, es hören können. Dann soll er sich hurtig
anziehen und proper waschen, schwänzen und pudern; dann soll er
frühstücken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken
und Duhan hereinkommen, das große Gebet gehalten, auf die Knie, darauf
Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle
Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das
Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was
zum wahren Christentum nötig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii#
repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem
Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und
essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn
Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich
sehr geschwind ausziehen, die Hände waschen, dann soll Duhan ein Gebet
auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine
Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen
soll.« So war auch für die Wochentage die Stundeneinteilung aufs
genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein kärglich
bemessen, und der König prüfte alle Rechnungen selbst.
Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter
Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch
das pedantische Leben, das er führen mußte, das unablässige Exerzieren,
das Absperren von Musik und Büchern, zu denen ihn seine innerste
Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs
tiefste bedrückt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich
Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und
unbefriedigten Seele der französischen Philosophie in die Arme. Der
König, dem die Änderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte,
behandelte ihn nur um so strenger. Die Königin hatte Friedrich heimlich
Unterricht im Flötenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten
Gewölben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den
Wald bestellt; während sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flöten und
Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der
König kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verächtlich den
Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Königin den
berühmten Flötenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der König hatte
Nachricht davon erhalten und den Prinzen überrascht; Quanz konnte zwar
noch glücklich in einem Kamin versteckt werden, er erzählte später, daß
ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der König hatte
im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafröcke und französische
Gedichtbücher gefunden. Die Schlafröcke ließ er verbrennen, die Bücher
verkaufen. Wütend darüber, daß sein Sohn den Petitmaitre machte,
schickte der König eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich
mit dem Befehl, ihm die schönen, langen, braunen Seitenlocken
abzuschneiden und ihn vorschriftsmäßig einzuschwänzen. Als der gutmütige
Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken
in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der
zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne
anschaffen ließ, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten
wurde er von seinem Vater mißhandelt, und seine Lage erschien ihm
plötzlich so unerträglich, daß er den Plan faßte, zu entfliehen. Aber
der unvorsichtige Katte, der überall in Berlin mit der Freundschaft des
Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der König, den sein Sohn auf
einer Rheinreise begleitete, ließ ihn in Wesel verhaften und fragte ihn,
warum er habe desertieren wollen. »Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn,
sondern wie einen niederträchtigen Sklaven behandelt haben,« antwortete
Friedrich. »Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertör ohne
Ehre?« sagte der König. »Ich habe so viel Ehre wie Sie,« antwortete
Friedrich, »und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben,
Sie würden es an meiner Stelle tun.« Der König zog den Degen und wollte
in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel
rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem
König zu: »Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!«
Der neunzehnjährige Prinz ward aus der preußischen Armee gestoßen und
auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Gefängnis war sehr hart. Die Tür
war mit zwei großen Vorlegeschlössern versperrt, sein Essen, aus der
Garküche mittags für sechs Groschen und abends für vier Groschen, mußte
ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten,
ebenso Tinte und Feder, Bücher und Flöte. Niemand durfte sich länger als
vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der
wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulöschen. Einmal
erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine
Ohrfeige. Am andern Morgen erschoß sich der Offizier. Die beabsichtigte
Desertion allein hätte nicht des Königs Zorn so erregen können, wie es
der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich
Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, daß Friedrich nach Österreich
fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu
verheiraten. Katholisch werden, das war für den König der Schrecken und
das Grauen. Grumbkow, der sich überzeugt hatte, daß die Königin und die
Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten,
drängte den Prinzen zu Aussagen über einige Punkte. Friedrich antwortete
mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu
drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker könne nur mit Vergnügen von
seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren
Geständnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, daß er zur Flucht
fünfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein
Liebesverständnis mit der schönen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter
zur Last gelegt. Der König befahl, das Mädchen auszupeitschen und nach
Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das
furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht
gezögert, weil ein Mädchen ihn hielt, war arretiert und vom
Kriegsgericht zur Ausstoßung aus der Armee und zu lebenslänglicher
Festung verurteilt worden. Der König verschärfte das Urteil auf die
Todesstrafe. Am sechsten November früh sieben Uhr wurde der
zweiundzwanzigjährige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall
geführt. Friedrich öffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
»Verzeih mir, lieber Katte.« Katte erwiderte: »Der Tod für einen solchen
Prinzen ist süß.« Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel.
Friedrich wurde ohnmächtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am
Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtstätte gerichtet.
Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine völlige Umkehr und
Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam
und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem höheren Sinne
Notwendigkeit.
Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern
und äußern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die
Tabaksstube war auf holländische Art wie eine Prachtküche mit einem
hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs
Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch
länger. Es gehörten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der
Graf Dönhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von
Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee,
bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschütze, Dubislav Gundomar von Natzmer,
Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm
Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und
Gesandten.
Um den Haupttisch saßen die Herren mit ihren breiten Ordensbändern und
rauchten aus langen holländischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein
weißer Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich
rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, mußten
wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf
war sogar so gefällig, sich durch fortwährendes Blasen mit den Lippen
den Anschein eines geübten Rauchers zu geben. Es ergötzte den König
höchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gäste anwesend waren, betrunken
gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut
Sterbensübelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend
dreißig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die
Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener,
auch holländische und französische. Ein Vorleser war bestellt, der sie
vorlesen, und, was unverständlich war, erklären mußte. Dieser Vorleser
hieß Jakob Paul Freiherr von Gundling.
Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nürnberg. Er
war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der
Ritterakademie gewesen, der König erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum
Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mußte den König auf allen seinen
Gängen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven
Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der
russische wie der kaiserliche Hof verschmähten es nicht, ihn durch
Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besaß,
recht lächerlich zu machen, mußte er beim König den Hofnarren abgeben.
Der König erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Würde, der des
Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten
Besser, den dieser beim Krönungsfest getragen hatte; es war ein roter,
mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit großen französischen
Aufschlägen und goldenen Knopflöchern, dazu eine große Staatsperücke mit
langen Locken aus weißen Ziegenhaaren, ein großer Hut mit weißen
Straußfedern, gelbe Beinkleider, seidene Strümpfe mit goldenen Zwickeln
und Schuhe mit roten Absätzen. Der König machte ihn, und zwar an Stelle
des großen Leibniz, zum Präsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er
gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwürde.
In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlüssel ab.
Der König drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr
verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen
hölzernen Schlüssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen müssen, ward
ihm der verlorene wieder eingehändigt, und er ließ ihn nun von einem
Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockschoß befestigen. Alle Würden
und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und
Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und
Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die Ämter damit zu
verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbäume in der
preußischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der König zum
geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister,
»man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum
voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Würmer
im ganzen Land übertragen«.
Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, daß er seiner nicht
mächtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und
Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man ließ ihn
aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel über seine eigene Person
vorlesen, die der König eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen.
Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem
Kammerherrnschlüssel geschmückt war, an seine Seite; der König
behauptete, der Affe sei Gundlings natürlicher Sohn, und er wurde
gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
Wusterhausen, wo auf dem Schloßplatz immer mehrere junge Bären
herumliefen, legte man ihm einige Bären in sein Bett, die Vorderfüße der
Bestien waren zwar verstümmelt, dennoch hätten sie ihn mit ihren
Umarmungen beinahe totgedrückt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
Winter taumelte er betrunken über die Wusterhausener Schloßbrücke; da
packten ihn auf Befehl des Königs vier handfeste Grenadiere, und an
Stricken ließen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen
Schloßgraben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das
Eis durchgestoßen hatte. Diese Szene mußte zur besonderen Ergötzlichkeit
des Königs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu
Gaste geladen und ließ sich in einer Sänfte tragen. Plötzlich wich der
Boden der Sänfte unter ihm, er schrie den Trägern zu, sie möchten
halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Träger und
zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkümmel mit ihnen zu laufen.
Häufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer
zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu können mußte er stundenlang
die Türe suchen und endlich an der Treppe schlafen.
Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem
Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der König ließ ihn aber wieder
holen und machte Miene, ihn als Desertör zu bestrafen. Da er aber eine
ungewöhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Köder der
Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar
mit der Anciennität von sechzehn Ahnen väterlicher und mütterlicher
Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der König ließ wieder einen
seiner derbsten Schwänke an ihm verüben. Auf seinen Befehl schrieb
Faßmann, der Autor der damals beliebten »Gespräche im Reich der Toten«
eine bösartige Satire auf Gundling, betitelt: »Der gelehrte Narr«, und
erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu überreichen.
Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, daß er eine der
zum Pfeifenanbrennen mit glühendem Torf gefüllten Pfannen ergriff und
sie Faßmann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern
versengt wurden. Sofort setzte sich Faßmann vor den Augen Seiner
Majestät in Avantage, entblößte Gundling die hinteren Kleider und
bearbeitete ihn mit der heißen Pfanne dermaßen, daß er vier Wochen lang
nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn
im Tabakskollegium niemals, ohne daß es zum Faustkampf kam. Der König,
die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu.
Schließlich verlangte der König, die beiden Herren sollten ihren
Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Faßmann forderte
Gundling auf Pistolen, Gundling mußte die Forderung annehmen, er mochte
wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloßplatz erschienen,
warf Gundling die Pistole weg, Faßmann schoß ihm die seinige, die nur
mit Pulver geladen war, in die Perücke, welche zu brennen anfing;
Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten
Wassers, den man über ihn schüttete, konnte ihm nicht die Gewißheit
geben, daß er noch lebte.
Achtundfünfzig Jahre alt, beschloß Gundling sein Dasein. Bei der Sektion
ergab sich, daß er im Magen ein großes Loch hatte; der Magen war vom
vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom König ein mächtiges
Weinfaß zu seiner letzten Ruhestätte bestimmt worden. In seinem besten
Staatskleid angetan, ward er in dieses Faß gelegt und so in Bornstädt
bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben.
Faßmann hielt dem preußischen Freiherrn mit der Anciennität von sechzehn
Ahnen, dem preußischen Kammerherrn, Präsidenten, Finanzrat und
Historiographen die Nach- und Trauerrede über seine Weinfaß-Ruhestätte.
In Potsdam gab der König im Winter einige Assembleen, in Berlin
unterließ er dies aus Sparsamkeitsgründen, da mußten die Generale und
Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo
Friedrich Wilhelm ein freies Gespräch liebte, verbat er sich die
Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner
Knauserei bekannter General, bei dem sich der König zu Gast geladen
hatte, entschuldigte sich einst, daß er keine eigene Wirtschaft führe.
Der König verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit großem
Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim
Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das
Gedeck koste. »Ohne den Wein einen Gulden die Person,« antwortete der
Wirt. »Schön,« sagte der General, »hier ist ein Gulden für mich und
einer für Seine Majestät; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe,
bezahlen für sich.« Der König lachte und erwiderte, das sei ganz fein;
er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt.
Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.
Später wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
Komödianten übertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein
Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom König von Dänemark geadelt
worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Körperkraft in Erstaunen
gesetzt; man hieß ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei
Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Höhe heben und solange
halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich
nach Berlin, baute ein Haus, stand beim König, dem er die Husarenpferde,
dänische Hengste, besorgte, in großer Gunst, und er war es auch, der das
Theater wieder einigermaßen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltänzer,
Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit
zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch
einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts Ärgerliches und
Skandalöses auf der Bühne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel
eines Königlichen Hofkomödianten und durfte mit einer vom König
besoldeten Truppe Aufführungen veranstalten, »nur keine gottlosen und
dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum
honetten Amüsement.« Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten
Straße; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust
aufgeführt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehängt wird.
Der »Premierplatz« kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komödie auch
in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultät erhob wegen des
Gaukel- und Teufelsspiels beim König Protest. Der König schrieb zurück,
es würden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein
Mensch könne zweifeln, daß dies die beiden ersten Universitäten der Welt
seien.
Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah
darin nur Üppigkeit. Das Scheibenschießen hob er auf, Tee- und
Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den
Wirtshäusern betreffen ließ, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn
der König nach der Friedrichstadt kam, flüchteten die Leute, machten
Türen und Fenster zu, und die Straßen waren öde. Für die Künste hatte
Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den
späteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewöhnlich waren es Bauern,
die er porträtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Für die Musik
hatte er wenig übrig; einmal ließ er Glockenspiele aus Holland kommen,
die von den Türmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche
ließ er an Winterabenden Arien und Chöre aus heroischen Opern vorführen,
etwa aus Händels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten
von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die
Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals,
und der König saß ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den höchsten Spaß
bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch für sechs Fagotte
komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er
hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich
wollte einmal dieses Konzert hören, und um den Komponisten zu verspotten
lud er eine große Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
mußte sich aber dem Willen des Prinzen fügen. Er kam nicht mit sechs,
sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute
ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte:
»Herr Kapellmeister, sucht Er etwas?« Pepusch antwortete, es fehle ihm
noch ein Pult. »Ich dachte,« versetzte Friedrich lächelnd, »es seien nur
sechs Schweine in seiner Musik?« -- »Ganz recht, königliche Hoheit,« gab
Pepusch zurück, »aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto
solo#.« Und Friedrich, der Flötenspieler, war angeführt.
Was der große Kurfürst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit
der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der
Graf Alexander Dohna, Marschall der Stände Preußens, in seinem Bericht
an den König die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruinés,#
schrieb Friedrich Wilhelm die denkwürdigen, unsterblich gewordenen
Worte: »#les pays seront ruinés? Nihil credo,# aber das #credo,# daß die
Junkers ihre Autorität wird ruiniert werden. Ich stabiliere die
Suveränität wie einen #rocher# von Bronze.« Friedrich Wilhelms Herz
neigte sich mehr zu den Bürgern als zu den Junkern. Wenn er einmal
äußerte, daß er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich
seine bürgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmähler und Hochzeiten, auch
richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach bürgerlich ein, wie
ein guter deutscher Haushalter. Fleißige Handwerker und reinliche
Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an
seinem ganzen Körper nicht genug tun; ferner war er äußerst
wahrheitsliebend. In der Instruktion für die Räte seines
Generaldirektoriums schrieb er: »Wir wollen die flatterien durchaus
nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.«
Aber er war ein sehr gewalttätiger Herr und König, im Zorne wild und
furchtbar. Friedrich der Große und seine Schwester hatten ihm den
Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, daß
seine Weste fast vier Ellen weit war.
Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universität Halle
stellte einmal beweglich vor, daß ein Studiosus von einigen Soldaten des
Abends auf der Straße angefallen und zum Tor hinausgeführt worden sei.
Der Bescheid des Königs lautete: »Soll nicht räsonieren! Ist mein
Untertan.«
Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleißige Bürger und tapfere
Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine
Strenge und Härte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und
öfters äußerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den
Staat regierte er nach seiner eigentümlichen Weise mit Gewalt, um ihn
zu beglücken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin
einen Beamten durch den Henker prügeln lassen, kurz darauf stellte sich
die Unschuld des Mannes heraus, da ließ er ihn an seiner Tafel speisen,
um ihm eine öffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht
zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst für Recht
erkannte. Er war religiös, aber nur in dem, was er bei sich selbst als
Religion gelten ließ; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept.
Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine
Pflicht nicht gehörig erfüllen zu können. Er hielt sich in der genauen
Bedeutung des Wortes für einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte
Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus
königlicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile
der Richter und verschärfte sie weit öfter als er sie milderte. Da galt
kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domänenrat von Schlubhut in
Königsberg hatte Gelder unterschlagen, die für die Salzburger Emigranten
bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
Festung. Der König wollte das Urteil nicht bestätigen, verschob den
Spruch bis zu seiner Reise nach Königsberg, befahl den Kriegsrat vor
sich und kündigte ihm an, daß er ihn hängen lassen werde. Schlubhut
erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preußischen Edelmann
zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der König geriet in
den höchsten Zorn und schrie: »Ich will dein schelmisches Geld nicht
haben.« Darauf ließ er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs-
und Domänenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Räte
Schlubhut daran aufknüpfen.
Er haßte die Juristen und hätte sie gerne alle vertilgt, besonders die
Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern
nicht prozeßsüchtig würden. Als er an die Stände Preußens das Verbot
erließ, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
Verheißungen zu enthalten, wagten die Stände einzuwenden, Gott, der
allmächtige Vater, gestatte doch auch, daß man ihm Beschwerden vortrage,
und bleibe nichtsdestoweniger allmächtig, mithin werde es Seine Majestät
ebenfalls nicht ungnädig deuten. Aber Seine Majestät kehrte sich daran
nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hieß es gewöhnlich: Wir sind Herr
und König und tun, was Wir wollen.
In Reden und Schriften war er ausbündig derb. Die Ehrentitel Hundsfott,
Kujon, Halunke schwebten beständig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die
ihm nicht behagten, malte er Eselsköpfe und -ohren an den Rand, und in
den Resolutionen, die er ausgehen ließ, hieß es fortwährend: Wenn das
und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den
König zum Feinde haben, so wird Lärm werden, so wird der Donner
dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spät in die
Sitzungen kam, mußte er hundert Dukaten Strafe zahlen. »Die Herrn sollen
arbeiten, wofür Wir sie bezahlen,« sagte der König. Einer seiner
Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte
kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfältige Mensch in seiner
Unterwürfigkeit »der Herr segne Sie« lesen zu müssen. Da fuhr ihn der
König an: »Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
genau so ein Hundsfott wie du.« Die Bedienten waren allerdings ihres
Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben
sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf
sie ab.
Seine Sparsamkeit war so pedantisch, daß er sich alle Küchenzettel
vorlegen ließ und an den geringfügigsten Ausgaben mäkelte. Die Zettel
mußten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein,
und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um
Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point
d'argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die
Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts
des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schöne Papier nicht
wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug.
Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Für den Hofstaat der Königin
hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste
Königin gehabt. In ihrem Kabinett war sämtliches Gerät von Gold, Kron-,
Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
Weihnachten eine goldene Brandrute für den Kamin, die sechzehnhundert
Taler kostete.
Er war ein rastlos tätiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm.
»Der König,« schreibt Seckendorf im Juni 1726, »kann allem menschlichen
Ansehen nach unmöglich in die Länge die Art zu leben kontinuieren, ohne
an Gemüt und Leib zu leiden, maßen der Herr vom frühen Morgen bis in die
späte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr früher
Tagesstunde das Gemüt mit verschiedenen und differenten Materien,
Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten,
Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen
und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getränke
sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schläft, folglich sein
ohnedem vehementes Naturell dermaßen echauffiert, daß mit der Zeit üble
Folgen daraus entstehen dürften.«
Es kam vor, daß Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner
Eckensteher mit eigenen Händen durchprügelte. Ein andres Mal prügelte er
einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten
ließ, mit den Worten: »Guten Morgen, Herr Torschreiber« aus dem Bette.
Recht mißlich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er
so nahe heran, daß der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stieß,
und dann begann das Verhör. Sah er einen französischen Prediger, so
fragte er jedesmal, ob sie Molière gelesen hatten, um ihnen damit
anzudeuten, daß er sie für Komödianten halte. Am schlechtesten erging es
denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
Juden, der Reißaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte
der Jude, er habe sich gefürchtet. Da prügelte ihn der König mit seinem
Stock und schrie dabei in einemfort: »Lieben sollt ihr mich, lieben und
nicht fürchten.«
So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklärte er sich doch mit allem
Nachdruck für die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die
Jesuiten waren ihm zuwider, »die Vögels, die dem Satan Raum geben und
sein Reich vermehren wollen«. Schon im Anfang seiner Regierung erließ er
ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
gebot, aller Schmähungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu
verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der
Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissäre zu den Salzburger
Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen,
sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung
abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum
Halberstadt und drohte die Einkünfte der Klöster in Beschlag zu nehmen.
Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preußen Zuflucht; als der
erste Zug eintraf, begrüßte ihn der König selbst am Leipziger Tor und
hieß die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der
Königin wurden sie in Monbijou bewirtet.
Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religiöse
Schwermut. Er sprach unaufhörlich davon, daß er die Krone niederlegen
und sich in den Haag zurückziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft
Wilhelms des Dritten das Lustschloß Honslardik zugefallen war. Es war
August Hermann Franke, der einen solchen Einfluß auf das Gemüt des
Königs gewonnen hatte. Die Markgräfin von Baireuth schreibt: »Dieser
Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er
verwarf alle Vergnügungen als verdammlich, selbst die Musik und die
Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war
verboten.« Grumbkow und Seckendorf legten dem König immer wieder die
Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er
einen solchen Schritt später bereuen würde. Aber der König versank nur
noch tiefer in seine Grübeleien, und man durfte in seiner Nähe nicht
mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und
Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie überredeten den König, dem
sächsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glänzendste in
Deutschland war. Politische Gründe bestimmten Friedrich Wilhelm, den
Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu
Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der
Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Könige war die
innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, führte der
König von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort
schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die
Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in
einen schön verzierten Raum, und während Friedrich Wilhelm das prächtige
Gerät bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames
Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mädchen von vollendeter
Schönheit lag nachlässig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott
erschaffen, mit einem Körper wie die mediceische Venus. Das Kabinett,
worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, daß sie das
Tageslicht überstrahlten. Der König von Polen sowohl als Grumbkow
glaubten, daß Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde
widerstehen können; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm
Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht
und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum König von
Polen, sagte trocken: »Sie ist recht schön,« und ging fort. An
Seckendorf schrieb er ein paar Tage später: »Ich gehe zu kommendem
Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben;
ist gewiß nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, daß Ich
kein Pläsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause
hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.«
Schon im Winter 1735 hatte der König an der Wassersucht gelitten, und
sein Leben war in großer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des
Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er ließ den lutherischen Propst
Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen
seinen Feinden, schließlich sogar seinem Schwager, dem König von
England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
habe. Er bereute seine Sünden und zählte sie in Gegenwart vieler
Umstehenden so ausführlich auf, daß Roloff ihn bitten mußte, es zu
unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesänderung, dazu aber war der
Herr lange nicht zu bewegen. Er führte auf, daß er die Geistlichkeit
immer respektiert, Gottes Wort immer fleißig gehört habe und seiner Frau
immer unverbrüchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht
gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach
dem und erinnerte ihn an die Verschärfungen der Todesurteile, an die
ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Häuserbauen in Berlin, zur
großen Bedrückung seiner Untertanen, und des Königs Verantwortung wollte
er als vor Gott genügend nicht gelten lassen. Da sagte der König: »Er
schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher
Mann mit Mir. Ich danke ihm dafür und erkenne nun, daß ich ein großer
Sünder bin.« Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
fahren; er gab Anordnungen für sein Leichenbegängnis, bei dem das
Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen ließ er sich das
Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grämen? Als die Stelle kam:
Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Sänger mit den
Worten: »Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.«
Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, daß es dort oben keine
Soldaten gäbe; da rief der König: »Was? Sapperment! Wieso?« Und er
schien nun sehr niedergeschlagen.
Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen
Söhnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er ließ sich ans
Fenster rücken, von wo er den Marstall überblicken konnte, und befahl,
daß man die Pferde herausführe, denn er wollte dem Fürsten von Dessau
und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf
die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefähr eine
halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte
lächelnd: »Ich bin recht verändert, ich werde beim Sterben ein garstiges
Gesicht machen.« Später wiederholte er die Frage an den Arzt. Der
Leibmedikus befühlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: »Er
steht still.« Da hob der König seinen Arm, schüttelte die Faust und
rief: »Er soll nicht stillstehen.«
Friedrich Wilhelm starb im zweiundfünfzigsten Jahre seines Alters; er
starb, wie Friedrich der Große an Voltaire schrieb, mit der Neugierde
eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des
Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines großen Mannes. Er
ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst
ausgewählten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens
dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.