Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die
römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.
Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in
ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes
sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und
dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich
ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid
und eine verzehrende Eifersucht.
Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals
nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre
Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern
Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.
Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es
kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das
vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt,
überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner
Sammelwut.
Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere.
Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit
ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf
Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her
peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und
griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen,
Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der
Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte.
Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast
zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld
veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht
verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.
Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die
Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst
in seinen Dienst gezogen.
Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und
manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine
Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten;
er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie
mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
und in der Retorte Menschen zu erzeugen.
Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß
dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen
Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der
Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen
gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen
Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt
voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte
in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit
sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große
Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach
Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen
als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem
Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der
geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der
einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die
unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im
Gefängnis.
Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich
Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
trismegistos,# und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man
fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
Ziegelsteinform gegossen waren.
Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
fundamentales Werk #»nova astronomia de stella martis«# in die Welt
sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus
angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm
zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.
Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem
Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon
liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu
mildern versuche:
[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]
»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der
Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens
hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt,
deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den
Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt,
freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei
losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel
zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen
worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den
Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich
sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück
beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung
hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten
und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«
Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien;
die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen
Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen
Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen
seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren
Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der
Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige
Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich
war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob
sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich
diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr.
Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark
vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ
er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich
Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte,
erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall;
er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern
seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.
Daniel L'Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen
Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine
Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese
gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch
immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und
setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt
einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten
weißen Hose ein spanisches Wams.«
In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an
sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen
Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute
den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er
gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit
Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig
stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.
Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen,
Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe
auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit
Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus
fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich
als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu
nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für
ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß
sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.
Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit
mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte
sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den
Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der
Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen
Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren
gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief
auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte
Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte
ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später
die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu
können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht,
daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du
undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du
deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«
Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser,
indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des
kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens
höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem
Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«
In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische
Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt
hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie
dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den
Ordensketten.
Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische
Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur
Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel
niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben
mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«
Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte
Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier
Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das
Herz.
Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er
ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im
Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen.
Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen
Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals
auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper
wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der
Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im
Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das #aurum purificatum,# das
er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.
Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein
wildes Blut erbten. Don Carlos d'Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein,
der vierte jedoch, Don Cesare d'Austria, hatte an einem Edelfräulein
Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater,
ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.
Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581
Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war,
ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner
Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine
ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach
schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die
Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil
Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die
Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend
ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde
die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von
Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um
Ordnung zur Heimführung zu geben.
Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen
mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten
sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und
zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die
andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die
Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann
drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen
Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei
Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen
Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann
Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen
Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein.
Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und
mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs
gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen
hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch
bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine
Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen
um zwölf Uhr Mittag.
Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan,
ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen
worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen
Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich
und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden
gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann
gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst-
und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben
werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach
der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander,
und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und
die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen,
Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen
aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.
Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und
die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde
Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten.
»Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der
Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf
genannt, Herrn Gabriel Streinz' Diener, der ist im Saal gewesen und hat
das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches
gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer
vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist
nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf
Ehrenreich Streinz' Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt
woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne
Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe
gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche
außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl
ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind
überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er
hat nichts sehen können.
Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren,
Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.