Odo sah ihn befremdet an. »Nichtige Worte redest du.«

Der Graf wies auf Ballen und Tonnen, welche am Ufer lagen. »Sie tragen

das Zeichen, womit ihr market, was euer ist. Ich rühme die Klugheit,

welche das Erbe durch Handel zu mehren weiß.«

Odo versetzte: »Rühmlicher wäre es, das Erbe durch Kaufmannschaft zu

mehren als durch raubgierigen Wolfssprung auf der Heide, den die Leute

dir zutrauen.«

Markwart hob zornig den Arm, doch als sechs hochstämmige Helden nahe

um sein Roß drängten, begnügte er sich, Feindseliges zu murmeln und

wandte sich zur Seite. Die Brüder aber ritten zu den Tonnen und sahen

erstaunt die Runenmarke, welche mit weißer Farbe den Stücken aufgemalt

war. »Das ist Immos Zeichen,« riefen sie wie aus einem Munde und Odo

frug den Schiffer, welcher dabei stand: »Woher kommst du und für wen

bringst du das?«

»Mein Wasserroß trug es vom Norden, drei Wochen haben wir gegen den

Strom gerungen und mancher treibende Baumstamm streifte an den Bord,

bevor wir ausluden. Für einen Burgmann im Lande ist es bestimmt.« Die

Brüder bestürmten ihn mit Fragen, aber von Immo wußte der Mann nichts

zu berichten.

In der hölzernen Halle, welche unweit des Baches errichtet war und

im Sommer allerlei Frachtgut bewahrte, saßen heute die Häupter der

Landschaft, Edle und Grafen, welche dem Feste zugeritten waren.

Markwart von Tonna war da mit seiner ganzen Sippe und seinen trotzigen

Dienstmannen, die Grafen aus dem Nordgau und andere, neben den

Thüringen auch Hessen, unter diesen Graf Gerhard aus den Buchen. Ihn

hatte die Gnade des Königs wieder zu einem stattlichen Herrn gemacht,

denn obgleich ihm die Waldwiesen und mancher andere schöne Acker

abgenommen waren, galt er noch immer für reich an Erbe und Lehen, auch

in Thüringen hatte er unweit der Horsila Hufen und hörige Leute. Heute

begrüßte er die edlen Thüringe zum erstenmal seit seinem Unglück, er

war leutselig und mild gegen jedermann, und wenn einer auf die letzte

Gefahr anspielte, so zuckte er nur wehmütig mit den Achseln. Aber die

meisten der Anwesenden vermieden davon zu sprechen, denn sie wußten

wohl, daß sie selbst um ein kleines in derselben Not gewesen wären.

Der Raum war mit Tischen gefüllt, und der Schenkwirt, auch ein Knecht

des heiligen Wigbert, lief mit den Kannen umher und drehte fleißig am

Hahn seiner Fässer. Die Sonne sank hinter die Berge und es dämmerte

in dem fensterlosen Raume, als die Söhne Irmfrieds eintraten. Odo

grüßte, und von mehreren Tischen klang der Gegengruß, aber Markwart und

sein Geschlecht, welches mit dem Grafen Gerhard unweit des Einganges

saß, sperrte, sich breit setzend, den Weg zu den Tischen. »Gib Raum,

Markwart,« sagte Odo, »damit wir dir nicht die Knie scheuern.« Aber der

Held streckte sein Bein kräftig aus und versetzte: »Mich wundert, daß

die Söhne Irmfrieds begehren, ihren Sitz unter den Edlen des Landes zu

nehmen, da sie sonst häufiger die schwieligen Hände der Bauern drücken,

als die unsern.«

»Harre, bis wir für ehrenvoll halten, deine Hand zu fassen,« versetzte

Odo, »unterdes wundere dich nicht, daß ich deinen Stuhl schwenke, da

du selbst das nicht tun willst.« Mit einem kräftigen Ruck drückte

er den beschwerten Stuhl beiseite. Markwart hielt sich mit Mühe im

Gleichgewicht; er fuhr auf und mit ihm sein Geschlecht, die Hände

griffen an die Schwerter und das Eisen klirrte in der Halle. Aber der

Hauptmann des heiligen Wigbert rief mit lauter Stimme: »Gedenkt des

Marktfriedens,« und Gerhard sprang begütigend dazwischen und rief: »Wer

eine Hand zu viel hat, der greife an das Schwert, ihr andern aber hütet

euch, denn jedes Tun hat seine Zeit und jetzt ist die Zeit friedlich zu

trinken.« Dieser Rede riefen viele Stimmen Beifall, der Tumult wurde

gestillt und der Wirt lief wieder mit den Kannen. Gerhard aber begann

in der schweigenden Versammlung versöhnliches Gespräch: »Obgleich an

dieser Stelle die Mönche Wigberts ihr Rauchfaß schwingen, so will

ich doch über sie die Wahrheit sagen. Ich weiß manchen, der größeres

Vertrauen zu andern Fürbittern hat. Darum möchte ich dich, Held Odo,

fragen, was dir von neuen Wundern des Glaubenshelden Meginhard bewußt

ist. Denn auch davon hören wir gern beim Trunke.«

Bevor Odo die Antwort gab, rief der Mönch, welcher während des Sommers

als Aufseher im Dorfe wohnte: »Ungewaschenes Zeug kommt aus eurem

Munde, Gerhard, weil ihr unserm Heiligen in seiner eigenen Halle

die Ehre vermindern wollt. Achtet lieber auf anderes, was draußen

vorgeht. Denn wundervolle Kunde vernehmen wir, die jedermann mit

Staunen erfüllt. Ein fremder Spielmann sagt sie den Leuten, auch euch,

ihr Herren, wird es freuen sie zu hören. Dich aber, du Geschlecht

Irmfrieds, geht sie noch mehr an als die andern.« Der Mönch steckte

eine Fackel an, daß ihr rotes Licht die Halle erleuchtete, und in das

Tor sprang ein Spielmann, gefolgt von einem großen Haufen Neugieriger,

er schwang sich auf eine Bank, die einer seiner Genossen vor den

Eingang stellte und lud mit heftigen Armbewegungen alle edlen Helden

und jedermann ein, die unerhörte Neuigkeit zu vernehmen, welche aus

dem Nordmeer gekommen war, vom Kampf der Sachsen gegen die Seeräuber.

Bei hartem Winterfrost hatten die Sachsen den Sieg gewonnen, indem

sie über das Strandeis zogen und die festen Burgen der Räuber

zerbrachen, und unter ihnen stritten die Helden der Thüringe, der

edle Immo, Irmfrieds Sohn, und Brunico, sein Genosse. Grimmig war

die Not der Helden im Streit gegen die Seegespenster und gegen die

Riesen unter dem Räubervolk, die mit Eisenstangen auf sie schlugen.

Und er schrie: »Alles, was je von Kämpfen gesungen wurde, ist wenig

gegen diesen Kampf, und alles, was je von einem Schatz geschaut

wurde, ist ganz wenig gegen den unermeßlichen Goldschatz, den die

Helden aus den Burgen der Räuber gewannen. Von ihm will ich euch

jetzt erzählen, soweit ich ihn selbst mit meinen Augen erkannt habe,

denn alles vermöchte einer nicht zu schauen. Zuvor aber spendet mir

etwas, denn später, wenn ihr gehört habt, lauft ihr auseinander.«

Da lachten die Zuhörer und viele griffen nach den Ledertaschen, der

Spielmann hob einen Beutel an einer langen Stange und fuhr damit

durch die Versammlung, er überging keinen, und wenn jemand mit dem

Kopf schüttelte, so schnitt er ihm ein Gesicht, oder sagte ihm etwas

Boshaftes, wenn er das wagte, so daß die Herren lachten und williger

gaben. Und als er eingesammelt hatte, erhob er sich wieder, beschrieb

die Herrlichkeit des Goldgerätes und schätzte es nach hundert Pfunden

recht genau, bis die Leute an der Tür vor Erstaunen die Hände

zusammenschlugen. Als er geendet hatte, schied er von seinen Zuhörern,

indem er schrie: »Jetzt ziehet dahin, ihr edlen Herren und guten

Leute und verkündet es jedermann im Lande, denn selig sind die Eltern

und selig ist die ganze Verwandtschaft der Helden, die mit so teurem

Goldschatz heimkehren.«

Die Zuhörer am Eingange liefen auseinander, in der Halle vernahm man

durch das Gesumme halblauter Reden Rufe des Erstaunens. Aller Augen

hefteten sich auf die Brüder und mancher trat an ihren Tisch und rief

ihnen scherzend Heil zu; auch neidisches Gemurr und mißgünstige Blicke

stachen gegen sie. Odo aber sprach verwundert: »Ist auch der Fahrende

ein verlogener Mann, vielleicht ist doch manches wahr. Haltet fest an

euren Sitzen und wehrt euch mit scharfer Zunge gegen jede Ungebühr,

denn ich merke, nicht in Frieden reiten wir heute nach Hause.«

Graf Gerhard aber eilte aus der Halle, gefolgt von einem vertrauten

Dienstmann, denn es zog ihn mächtig zu den geheimnisvollen Ballen

und Fässern, welche, wie er vernahm, dem glücklichen Immo gehörten.

Er wandelte längs dem Bach, und sein Mann wies auf den geschichteten

Haufen und die weißen Zeichen. »Alles riecht nach Fastenspeise, die

von der See kommt,« begann der Graf und seine Nasenflügel zuckten.

»Das ist die Schlauheit. Sie haben den Schatz ganz unscheinbar unter

Eßbarem oder auch unter andern Waren geborgen. Von je waren die

Sachsen ein listiges Volk, obgleich sie sich ganz einfältig zu stellen

wissen. Viel Wunderliches hörten wir längst über den Goldschatz der

Seeräuber. Aus allen Meeren haben ihn die Wilden zusammengeraubt, durch

viele Geschlechter haben sie gesammelt, wie Könige saßen sie in ihren

Strandburgen, sie tranken ihr Bier aus goldenen Schüsseln, welche mit

Edelsteinen besetzt waren und man sagt, daß sie die Hufe ihrer Rosse

nur mit Silber beschlugen. Dies alles hat ihnen Herzog Bernhard und

dazu Held Immo genommen, und was hier liegt, mag diesen zum reichsten

Manne im Lande machen, wenn er es auf seine Burg heimführt.«

Er blickte scharf um sich, in der Nähe war niemand zu erkennen, auf

den Bergen flammten die Osterfeuer, aus den Hütten klang Geschrei und

Jauchzen und weiter abwärts am Bache lautes Gezänk und der Ruf nach

Waffen.

Die Wächter der Ladungen waren sorglos zusammengetreten und schauten

nach der Stelle, wo wilde Worte und Schläge getauscht wurden. Der

Dienstmann traf eine kleine Tonne, welche von den andern abgerollt war,

mit einem Stoß, daß sie zur Seite fuhr. »Gefällt's euch, Herr,« sagte

er lüstern, »so gebe ich der Runden noch einige Tritte, und ihr könnt

in Ruhe prüfen, wie dieser Schatz der Räuber aussieht.«

Unwillig entgegnete der Graf: »Willst du mich im Königsfrieden zum

Diebe machen, du Wicht? Wie darf ein ehrlicher Mann fremdes Gut nehmen,

wenn er es nicht durch Gewalt und Schwertschlag gewinnt? Hallo,

Wächter! hütet euer Gut, die Fässer kollern.«

Ein Mann in langem Mantel, den Hut tief in das Gesicht gedrückt, sprang

herzu, hob das Faß an seine Stelle und brummte: »Hütet euch selbst, daß

ihr nicht auf den Boden kollert.«

»Enthalte dich der Grobheit, Freund,« versetzte der Graf sanftmütig,

»denn ich meine es gut. Ich hoffe, Held Immo läßt seinen Goldschatz

nicht lange im Wind und Mondenschein liegen.«

»Habt auch ihr gehört, daß der Held seinen Schatz in diesen Tonnen

bewahrt?« frug der Mann. »Wir harren der Wagen: noch während dort die

Feuer brennen, wird alles hinter Tor und Riegel geborgen.«

»Ich lobe die Vorsicht,« bestätigte Gerhard. »Die Osterfeuer werden

heute nacht den Weg zur Mühlburg erleuchten. Wer aber schreit dort und

schlägt so wild?« frug er einen der Wächter, welcher herantrat.

»Es sind wieder die Knechte der Heiligen, welche einander bei den

Haaren fassen,« antwortete dieser lachend, »die Fuldaer sind über das

Wasser gekommen, um die Dorfmädchen im Reigen zu schwingen, und die

Knaben Wigberts wollen das nicht leiden.«

Der Graf schüttelte mißbilligend das Haupt. »Uns schelten die Mönche,

wenn wir einmal das Schwert ziehen, aber niemand von uns hegt einen

solchen Grimm gegen seinen Feind, wie die Heiligen gegeneinander.

Wollen sie selbst nicht Frieden halten, so sollen sie sich nicht

wundern, wenn auch wir zuweilen einer dem andern den Weg verhauen.« In

schweren Gedanken schritt er der Halle zu, hinter ihm ballte Brunico,

der Mann im Mantel, die Faust.

Auch auf dem umfriedeten Raum vor der Halle hatte der nächtliche Jubel

begonnen. Überall loderten hohe Freudenfeuer, die Bänke, auf denen die

Krämer gute Bissen feilboten, waren umdrängt von Begehrlichen; was

stolze Knaben gern ihren Mädchen schenken: bunte Bänder, Glasringe,

Halsperlen und kleine Metallspiegel, wurde eifrig gekauft, am

dichtesten umlagert waren die Stellen, wo aus Fässern und großen Kannen

Bier und Met geschenkt wurde; überall wo ein Spielmann geigte, ein

Sänger sang, sammelten sich die Zuhörer. Um die Feuer aber schwangen

frische Knaben die Mädchen im Tanze, gesondert nach Gauen und Dörfern;

zwar fehlten ihnen die Abzeichen aus Baumlaub und Blüten, durch

welche sie sich im Sommer unterschieden, aber viele trugen das rote

Kreuz Wigberts, andere das Rad, mit welchem Erzbischof Willigis seine

Angehörigen bezeichnete, und die aus dem Nessebruch führten ein Büschel

roter Wolle, mit grünem Band umbunden, statt der Distel, welche sie zu

andrer Zeit auf ihren Mützen trugen. Viele tanzten in Eisenhemd und

Helmkappe, alle die klirrenden Schwerter an der Seite, zu ihren hohen

Sprüngen schrien Pfeife und Fiedel in gellenden Tönen. Von allen Feuern

erklangen Heilrufe und markdurchdringende Jauchzer, welche die Thüringe

vom Walde gewaltiger auszustoßen wußten als andere Helden.

»Mich wundert, daß diese hier so sanft sind und sich ganz ohne Messer

ergötzen,« bemerkte Gerhard im Durchschreiten zu seinem Dienstmann,

»sonst waren sie behender, das Eisen von der Hüfte zu holen.«

»Die einander raufen wollen, springen jetzt noch über den Zaun ins

Freie,« lachte der Dienstmann, »weil sie sich scheuen, ihre Hand unter

das Beil zu legen. Später reißen sie wohl die Schranken nieder, dann

klingen auch hier scharfe Weisen.«

Am Tor der Halle stieß Gerhard auf den Mönch, welcher von zwei Dienern

begleitet den großen Zinnbecher trug, in welchem St. Wigbert an diesem

Feste ansehnlichen Gästen den Ehrentrunk bot. Diese Spende war den

Herren der Halle die wichtigste Handlung des Abends, denn stets empfing

der zuerst den Becher, welcher seinem Geschlecht nach der Edelste war.

Viele der stolzen Herren erhoben den Anspruch und fühlten Eifersucht

gegen andere, darum schuf der Becher jedes Jahr, wenn nicht zufällig

einer von den höchsten Herren des Reiches anwesend war, dem bevorzugten

Geschlechte Händel und Feindschaft. Gerade deshalb war der Vortrunk um

so ehrenvoller. Der Mönch stand mit dem Becher in der Mitte der Halle,

segnete den Wein und begann: »Da unter den edlen Herren, welche St.

Wigbert begrüßt, niemand dem Königsgeschlecht der Sachsen angehört,

so reiche ich den Becher heute dem Helden aus dem ältesten Geschlecht

der Thüringe.« Und er trug den Becher zu Odo. Einzelne Stimmen riefen

Beifall, aber lauter war das mißfällige Gemurr und Geschrei. Die Gegner

steckten die Köpfe zusammen und fuhren von ihren Sitzen, Odo aber erhob

sich, trank der Versammlung Heil und reichte den Becher seinem Bruder

Ortwin. Da rief Graf Gerhard, den die anderen zu ihrem Wortkämpfer

gewählt hatten: »Sehr ungeschickt ist die Wahl des Mönches und eine

Kränkung für uns alle. Einen Jüngling hat er zum Vortrunk gerufen,

während hier nicht wenige sitzen, deren Haar im Rat und Kampfe ergraut

ist.«

»Eure Klage nenne ich ungerecht,« rief Odo zurück, »denn nicht den

jungen Krieger soll der Trunk ehren, sondern das Geschlecht, für

welches ich hier als ältester stehe.«

»Wir aber vermögen nicht die Ehren deines Geschlechtes zu rühmen,«

entgegnete Gerhard. »Haben deine Ahnen auch hier und da das Schwert

mannhaft geschwungen, was keiner von uns ableugnet, so führt ihr

doch kein Banner, welches der König euch in die Hand gelegt hat, wie

wir anderen, die wir als Herren das Schildamt üben. Und wenn ihr auf

eure edle Herkunft pocht, so wisset, daß man hier und anderswo euren

Bauernadel belacht.«

Die jüngeren Brüder sprangen von ihren Sitzen, und Odo rief: »Wenn der

König unsere entlaufenen Knechte mit Lehen und mit einem Banner begabt,

so rühmen sich die Knechte große Herren zu sein. Wir Bauern aber

meinen, der König kann zum Grafen und Markgrafen ernennen, wen er will,

aber niemanden zu einem Edlen.«

»Euch aber,« rief Gerhard wieder, »haben die Mönche zu Edlen gemacht,

ja man sagt auch, daß sie euch in der Stille zu kleinen Königen gekürt

haben, nur daß man nicht laut davon reden darf.«

Odo schlug an sein Schwert. »Ich erkenne, daß ihr selbst Lust habt, von

dem Königsstabe, den wir in der Hand führen, die Belehnung zu erhalten.«

Da erhob sich wieder der Hauptmann von St. Wigbert und rief mit

mächtiger Stimme durch die Halle: »Übel fügen sich heiße Worte zu

starkem Trunk, ich rate, daß ihr beide in dieser Nacht euren Wortkampf

stillt, morgen aber, wie euch Herren gebührt, an Versöhnung denkt oder

an Schwertschlag.«

Aber Gerhard fuhr eifrig fort: »Nicht wir anderen haben den Unfrieden

begonnen, sondern diese, vorhin, als sie hier eintraten. Und es ist

wohlbekannt im Lande, daß ihr sogar untereinander nicht Frieden halten

könnt. Schon zur Zeit eurer Väter raunte man im Volke mancherlei

von der Brudertreue, welche die Männer eures Geschlechts einander

beweisen, und jetzt hören wir wieder, daß ihr eurem ältesten Bruder

Unheil gesonnen habt, so daß dieser als ein fahrender Recke in der Welt

umherschweift.«

Da winkte Odo finster dem jungen Gottfried, daß dieser vor den

versammelten Edlen seine erste Kampfprobe ablege, denn er war schneller

Worte mächtig. Und in der Stille, welche dem kränkenden Vorwurf des

Grafen folgte, sprang Gottfried vor und rief laut: »Eure Rede ist

unwahr, Graf Gerhard, nie haben wir gegen unseren Bruder Immo Untreue

erwiesen, und jetzt leben wir in großer Sorge um den Abwesenden.

Deshalb ersuche ich euch, daß ihr die Kränkung zur Stelle widerruft.«

»Ein Hähnchen höre ich krähen,« versetzte der Graf lachend.

»So vernehmt, ihr edlen Herren,« fuhr Gottfried fort, »daß ich vor euch

allen den Grafen Gerhard einen Verleumder nenne, und überall außerhalb

des Marktfriedens will ich mit meinen Brüdern das an seinem Leib und

Leben erweisen, wo ich ihn treffe.« Er löste seinen Handschuh und warf

ihn vor den Grafen, dieser aber stieß verächtlich mit dem Fuß daran.

Da flog ein anderer Eisenhandschuh zu dem kleinen des Jünglings

Gottfried; und von dem Eingang her rief eine Stimme: »Nehmt auch den

meinen.« Ein hoher Krieger schritt auf den Grafen zu, dieser fuhr

zurück wie vor einem Geiste, als er die zornige Entschlossenheit in

einem wohlbekannten Antlitz sah, und vermochte nur zu antworten: »Dich

habe ich hier nicht erwartet, und dich habe ich nicht gemeint, Held

Immo.«

Als er den Namen nannte, der heute in aller Munde war, regten sich die

Anwesenden, viele sprangen auf und drängten heran, um den Helden zu

sehen. Immo aber wies auf die Fehdezeichen: »Widerruft die Kränkung und

gebt vor allen Edlen meinen Brüdern ihre Ehre, oder nehmt den Streit

auf auch mit mir.«

Gerhard blickte scheu auf den neuen Gegner: »Du selbst magst wissen,

Immo, daß ich ungern gegen dich kämpfe, wenn ich an Vergangenes denke;

und du weißt auch, daß meine Ehre mir nicht gestattet, Kampfesworte,

die vor den Edlen gesprochen sind, zu widerrufen.«

»Ob wir Gutes oder Arges in vergangener Zeit miteinander gehandelt

haben,« versetzte Immo, »das alles sei vergessen in dieser Stunde. Als

Sohn meines Geschlechts stehe ich dir gegenüber und Abbitte fordere ich

von dir, oder ich suche an deinem Leben die Rache.«

Da rief Gerhard mit querem Blick: »Meine nicht, mir durch dein stolzes

Drohen den Willen zu beugen, ich widerstehe dir, wenn du auch jetzt auf

deinen Goldschatz vertraust;« und die Handschuhe vom Boden hebend und

auf den Tisch werfend, rief er: »Du denke daran, wenn du den Schaden

trägst, daß nicht ich die Fehde gefordert habe, sondern du. Und darum

sei Unfriede zwischen uns statt Friede, sobald wir den Schranken den

Rücken kehren, und Kampf sei um Leib und Leben, Gut und Habe zwischen

mir mit meinen Helfern und dir mit deinen Helfern.« Er wandte sich

trotzig ab, setzte sich zu seinem Genossen Markwart und verhandelte

leise mit diesem. Immo trat zu dem Tisch der Brüder und den Jüngling

Gottfried küssend, sprach er: »Ich grüße euch, meine Brüder. Gewährt

mir einen Sitz in eurer Mitte und einen Trunk aus eurem Becher, damit

die Fremden erkennen, daß sich die Söhne Irmfrieds in der Not nicht

voneinander scheiden.«

Die Brüder rückten zusammen, Ortwin trug ihm den Stuhl und Odo goß

ihm den Trunk ein, der Stolz wehrte ihnen zu reden, und sie saßen

schweigend beieinander. Doch von den anderen Tischen eilten Bekannte

des Geschlechts mit den Trinkkannen heran, den Helden zu begrüßen, und

er stand von vielen umgeben und antwortete auf die neugierigen Fragen.

Aber sein Blick flog prüfend durch den Raum und nach dem Tische des

Grafen Gerhard, bis er an der Tür seinen Vertrauten Brunico erkannte,

da winkte er diesem und trat mit ihm zur Seite in heimlichem Gespräch.

Brunico drängte sich hinaus ins Freie; nicht lange, so klang in dem

Gewirr von vielerlei Tönen ein neuer Gesang, ähnlich dem Quarren

eines Frosches; bald hier, bald dort schrie einer aus dem Volk der

Langschenkel, so daß die Leute einander lachend frugen: »Ist auch der

brüllende Held Reginheri in seinem Sumpf erwacht?« Doch als sich der

Froschgesang auf einer Stelle außerhalb der Schranken vereinte und

mit einem lauten Heilruf endete, da dachten die andern, daß dies ein

Zeichen übermütiger Genossen war, welche miteinander zu den Bergfeuern

ausschwärmten.

Die Helden in der Halle aber, welche nicht selbst der Fehde teilhaftig

waren, freuten sich, daß der Festabend so rühmlich verlief, und daß man

davon im Lande singen und sagen würde. Sie saßen jetzt friedlich bei

ihren Kannen, denn ihr Gemüt war erfrischt, wie die Flur nach einem

Gewitter.

Plötzlich klang in das wilde Geschwirr des Marktes ein Klagegeschrei

und der Ruf nach Rache. Der Gesang verstummte, die Pfeifer und Fiedler

setzten ab, die Krämer liefen zur Abwehr vor ihre Bänke und warfen

mit ihren Knechten die Waren schnell in die geöffneten Kasten. In die

Halle sprang ein verstörter und blutender Mann und schrie: »Die Hunde

des Bonifacius sind über das Wasser gedrungen, einer von uns liegt

erschlagen, rächet den Schaden, ihr Wigbertmannen.« Und unter die

verstörten Haufen springend, rief der Mann dieselbe Klage. Da schwand

die Freude in wildem Zorn, die Frauen wichen in das Dunkel zurück,

die Männer fuhren zusammen, rissen flammende Brände aus den Feuern

und stürmten dem Flusse zu. Vergebens sprengte der Vogt mit seinen

Mannen dazwischen und schrie den Frieden aus, die Wütenden lösten die

Haltseile der leeren Kähne und drängten sich hinein, mancher Wilde

sprang ins Wasser und rang sich hinüber auf die Seite der Fuldaer.

Dort stürmten Bewaffnete entgegen, um die Einbrecher in die Flut zu

werfen, und dicht am Ufer entbrannte der Kampf. Aber neue Haufen

folgten über den Fluß, auf Tonnen und Bänken suchten sie durch das

Wasser zu schwimmen; die Fuldaischen wurden rückwärts gedrängt, die

rote Lohe flammte an dem Holzhaus, über welchem das Banner des heiligen

Bonifacius wehte, und das Banner selbst verschwand in den aufsteigenden

Flammen.

Auch die Herren in der Halle waren an das Ufer geeilt, die einen in

bitterer Sorge, die andern schadenfroh. Da sprach Immo zu seinen

Brüdern, und es waren die ersten Worte, die er seit dem Eintritt mit

ihnen wechselte. »Gefällt es euch, Söhne meines Vaters, so reiten wir.

Laßt euch nicht beschweren, wenn ich euch begleite; denn ich merke,

andere sinnen darauf, uns außerhalb des Friedens zu treffen.«

Und Odo antwortete mit derselben Zurückhaltung: »Da der Unfriede uns

alle angeht, so sei auch die Abwehr und der Angriff gemeinsam.« Sie

verließen zusammen die Halle und eilten zu ihren Rossen. Erstaunt

fanden die Brüder Immos, daß bei ihren Knechten und Rossen eine reisige

Schar von Landleuten aus den freien Dörfern hielt.

Nicht lange nachher knarrten die Räder beladener Wagen auf dem Wege,

welcher zwischen dem Leinbach und einem Waldhügel nach der Mühlburg

führte. Nur zwei Reiter bildeten die Bedeckung, die Knechte hatten

Mühe, die Pferde in dem aufgeweichten Wege bergan zu treiben, sie

schrien laut und knallten mit den Peitschen. Endlich kam an einer

kleinen Steile der Zug ganz in das Stocken. Da rasselte und klang es

im Holz, eine Anzahl Reiter sperrte die Straße und warf sich gegen

die Wagen. Die berittenen Wächter flohen ohne Kampf talab, auch die

Knechte sprangen flüchtig dem Bach zu. Als Graf Gerhard heransprengte,

war das Werk getan, die Wagen in Besitz seiner Reisigen. Er lachte und

rief: »Leichten Kaufes wurde großes Gut in ehrlicher Fehde gewonnen.

Lenkt die Wagen seitwärts in das Holz; treibt, meine Mannen, in einer

Stunde haben wir es hinter Wasser und Mauer geborgen.« Die Pferde

wurden einen Waldweg bergan geführt, sie schritten jetzt rüstiger als

vorher, und der Graf brummte vergnügt vor sich hin. »Ich hörte zuweilen

rühmen, junger Immo, daß dein Schwert gut schneidet, aber in Listen

bist du schwach, und der Alte hat dir behende abgeführt, worauf du

mit trotzigem Mute vertrautest.« Der Zug betrat eine kleine Lichtung

des Waldes, welche in hellem Mondschein lag, umgeben von dichtem

Niederholz, dessen laublose Äste die lichte Stelle mit dunklem Grau

einfaßten. Da flimmerte es in dem Holze hier und da wie von blankem

Eisen, die Reiter, welche die Vorhut bildeten, jagten zurück und

meldeten atemlos, daß der Weg durch Gewappnete versperrt sei; auch

hinter der kleinen Schar des Grafen klang ein Kriegsruf, Hörner und

laute Stimmen antworteten, und mit Erstaunen sah der Graf sich rings

eingehegt durch Fußvolk und Reiter. Er riß die Pferde des vordersten

Wagens herum auf die Mitte der Waldwiese und gebot den Reisigen, einen

Ring um die Wagen zu ziehen. Er umritt seinen Haufen, hob den Speer und

erwartete mutig den Anlauf.

Aber der Angriff erfolgte nicht. Den ganzen Rand der Lichtung hielten

schnellfüßige Knaben umstellt, auf dem Wege stampften die Rosse der

Gegner, und man vernahm ein Rollen und Dröhnen als ob Baumstämme

gewälzt würden. Jenseits des Weges zog sich ein offener Wiesengrund

dem Gebirge zu, dort hatten die Dorfleute der Umgegend einen mächtigen

Holzstoß getürmt, welcher in dieser Nacht als Freudenfeuer aufflammen

sollte. Um den Stoß schwebten die Schatten, er wurde zusehends kleiner.

»Herr,« warnte den Grafen sein vertrauter Dienstmann, »sie sperren die

Wege, denn durch das Niederholz vermögen unsere Rosse schwerlich zu

dringen. Brecht durch, bevor sie uns einhegen.«

»Soll ich den Schatz im Stich lassen?« frug der Graf unwillig,

»was in den Wagen liegt, gibt Gold und Ehre für euch alle,« und er

schrie hinüber zu den feindlichen Reitern: »Was säumen die Helden

heranzusprengen, offen ist das Kampffeld. Trotzige Worte hörten wir in

der Halle, hier aber, merke ich, schlottern euch die Beine im Bügel.«

Da rief Brunico zurück: »Schlecht kämpft sich's im Waldesdunkel, harret

noch ein wenig, bis wir euch die Osterfeuer anzünden.«

»Brecht durch, Herr,« rief der Vertraute aufs neue, »denn sie schichten

das Holz auf der Wegseite zu einem Walle.«

»Pfui über dich, Immo,« rief der Graf, in dem jetzt die Sorge mächtig

wurde, »unritterlichen Brauch übst du, ich harre deiner, komm heran und

schlage dich um den Schatz.«

Immo rief zurück: »Auch euch war der Pfad zum Kampfe geöffnet,

allzulange habt ihr euch um die Tonnen gedrängt, jetzt rate ich,

mit uns in Bauernweise den Festbrauch zu üben. Die Flammen lodern,

schwingt euch zum Tanze über die Scheite.« Eine kleine Flamme leckte

auf, die zweite, die dritte, bald sperrte das Feuer wie ein Wall die

Belagerten von dem Wege ab. Aber auch längs dem ganzen Rande des

Niederholzes leuchteten die Funken, jeder der Knaben, welche dort die

Wache hielten, schwenkte Kienfackeln, denen gleich, womit sich die

Dorftänzer auf den Bergen um die Flammen drehten; und jeder schleuderte

mit wildem Geschrei und Jauchzen die lodernden Brände gegen die Rosse

der Belagerten. Die Rosse scheuten und stiegen, die Reiter selbst,

entsetzt über das feurige Gefängnis, vermochten der wütenden Tiere

nicht Herr zu werden, mehr als einer wurde abgeworfen und lag ächzend

am Boden. In diesem Augenblicke brachen die Söhne Irmfrieds mit ihrer

Schar wie ein Wettersturm durch die Flammen, im Nu waren die Helfer des

Grafen überrannt, gefangen und gebunden. Der Graf selbst schlug tapfer

mit dem Schwert um sich, aber durch eine mächtige Faust wurde er am

Nacken gepackt und von seinem Rosse geschwenkt, daß er schwertlos auf

den Boden fiel. »Ergebt euch, Gerhard,« rief Immo, »gelobt als mein

Gefangener zu folgen, damit ich euch die Schmach der Weiden erspare.«

Betäubt gelobte der Graf.

In wenig Augenblicken war das Werk getan, behend rannten die Thüringe,

die flüchtigen Rosse der Gebundenen einzufangen. Sie bändigten die

Pferde an den Lastwagen und zerwarfen das Holz des brennenden Walles,

und nachdem sie sich auf ein Zeichen Brunicos mit hellem Jubelruf um

die Brüder gesammelt hatten, brach der ganze Zug mit den Wagen und den

Gefangenen nach der Mühlburg auf.

Längs der Freudenfeuer, welche überall auf den Hügeln und um die Dörfer

flammten, zogen die Sieger jauchzend und singend dahin. Es war tief

in der Nacht, als sie in die Burg kamen. Immo, der während der Fahrt

sich von den Brüdern ferngehalten hatte, ritt jetzt zu ihnen, als sie

im Hofe auf den Rossen hielten und sprach grüßend: »Seid willkommen

im Hause unserer Väter, nehmt vorlieb mit karger Bewirtung, denn erst

beim Licht der letzten Sonne ist der Wirt aus der Fremde heimgekehrt.

Gefällt es euch, so enden wir unseren Handel mit den Gefangenen noch

während der lustigen Nacht, wie er begonnen wurde.«

»Du warst beim Sprung um die Scheite der Vortänzer,« versetzte Odo

lächelnd, »wir vertrauen, daß du auch gegen die Gefangenen unser Recht

wahren wirst.«

Im Hofe der Mühlburg wurde ein großes Feuer entzündet und herbeigeholt,

was der Vogt aus dem Keller zu liefern vermochte. Kräftig tranken die

Thüringe, und auch den Gefangenen, welche kummervoll auf den Stufen der

Halle kauerten, wurden die Kannen geschwenkt. In der Halle aber saßen

die Söhne Irmfrieds mit ihren Dienstmannen und die Landleute von der

Nesse, unter ihnen mit gebeugtem Haupt der waffenlose Graf. Da rief

Immo ihm zu. »Hebt den Becher, Graf Gerhard, und trinkt trotz eurer

Not. Einst lag ich als Gefangener in eurem Turm, da ludet ihr mich in

eure Halle und botet mir den Trunk an eurem Tisch. Heute tue ich euch

mit Freuden dasselbe zur Vergeltung.«

»Ich lobe dich, Immo,« antwortete der Graf trübe, »daß du in dieser

Stunde an den Wechsel des Glückes denkst, beide haben wir ihn seit

jenem Abend in der Halle erfahren. Vergiß auch nicht, daß dem Sieger

eine Ehre ist, Maß zu halten in allem, was er dem Gefangenen auflegt.

Behandelt mich mit Billigkeit, ihr edlen Herren, denn glaubt meiner

Erfahrung, die ich mir zu meinem großen Kummer erworben, wer allzuviel

für sich begehrt, fühlt zuletzt selbst den Schaden.«

Immo versetzte ernsthaft: »Meine Brüder und ich, wir sind Herren

geworden über euren Leib und euer Leben, und wir vermögen euch jetzt zu

zwingen durch Haft und Bande und zu schatzen an Habe und Gut, weil ihr

wider die Wahrheit und wider eigenes Wissen das Ansehen und die Ehre

unseres Geschlechts mit gehässigen Worten angefeindet habt. Dennoch

sollt ihr erkennen, daß die Söhne Irmfrieds gegen einen bezwungenen

Feind Billigkeit üben. Eure Zunge hat euch in Unfrieden gebracht, eure

Zunge soll euch auch den Frieden wieder gewinnen, wenn ihr sie weise

gebraucht, solange die Thüringe sich in dieser Nacht um die Festfeuer

schwingen.«

In dem Grafen erwachte eine frohe Hoffnung und er rief: »Sage nur, was

ich reden soll, damit ich mich aus der Not löse.«

Und Immo fuhr fort: »Wollt ihr Abbitte tun wegen aller kränkenden Worte

und wollt ihr mit allen euren Helfern schwören, nichts von dem, was

in dieser Nacht gegen euch gesagt und getan worden ist, an uns oder an

einem unserer Helfer zu rächen, sondern in Zukunft Frieden und guten

Verkehr zu bewahren, so mögt ihr mit unseren Gefangenen, mit Waffen und

Rossen, frei und ledig von hinnen reiten, sobald der erste Sonnenstrahl

unsere Dächer bescheint.«

Graf Gerhard sprang erfreut in die Höhe und rief: »Wahrlich, Immo,

manchen Beweis deines guten Verstandes habe ich erhalten, aber diesen

will ich dir niemals vergessen. Ich bin bereit zu allem, was du von mir

verlangst, zu Abbitte und Gelöbnis.«

»Wohlan,« gebot Immo, »ladet jeden in die Halle, der jetzt im Hofe

weilt, zuletzt die Gefangenen. Und mit diesen werdet ihr euch barhaupt

und stehend demütigen.«

Ein Hornzeichen rief die Gäste und das ganze Gesinde zusammen, und

als alle versammelt waren, führte Immo den jungen Gottfried auf den

Ehrensitz und zu diesem sprach der Graf barhaupt die Abbitte: »Alles,

was ich gegen Ehre und Ansehen deines Geschlechtes jemals gesagt und

getan habe, das sei ungesagt und ungetan, alle edlen Rechte erkenne ich

ihm zu und auch den Vorsitz und Vortrunk. Denn wisset, ihr Herren, wenn

ich auch manchmal im Ärger anders sprach, immer habe ich das Geschlecht

Irmfrieds vor anderen hochgeschätzt. Und ich bin bereit, nachdem ich

Vergangenes abgebeten habe, alles Gute für die Zukunft zu geloben,

nicht nur weil ich in Not bin, sondern auch weil ich merke, daß dies in

Wahrheit meines Herzens Wunsch ist.«

Als der Graf dies nach Gebühr vollendet hatte und seine Worte durch die

anderen Gefangenen bestätigt waren, wurde er mit ihnen in die kleine

Kapelle vor den Altar geführt, dort gelobten die Helden für alle

Zukunft jedem Rachegedanken zu entsagen. Darauf ward der Graf auf den

Ehrensitz in der Halle geleitet, und jetzt trat Gottfried vor und bot

ihm den Friedensbecher. Gerhard tat einen tiefen Trunk und seufzte,

aber er wurde mild und froh, ja er lachte ein wenig über sein Unglück

und sprach allerlei Vertrauliches zu Immo.

Beim Aufgang der Sonne wurden die Rosse der Gäste vorgeführt und Immo

geleitete den Grafen selbst in den Hof. Als dieser aufsteigen wollte,

sah er die beladenen Wagen und mit einem sehnsüchtigen Blick sprach er

zu Immo: »Hätte ich diese in ehrlicher Fehde gewonnen, so würde ich

fortan meinen Met aus goldenem Becher trinken.«

Da antwortete Immo: »Eifrig habt ihr darum geworben und als ein Held

euer Leben dafür gewagt. Wisset, ihr habt gefochten wie der alte

Hildebrand, um wollene Decken, welche die Sachsen mit guter Kunst

verfertigen, und zumeist um den gesalzenen Seefisch, welchen die Leute

den Hering nennen.«

Als die Entledigten abgezogen waren, dankte Immo mit freundlichen

Worten die Landleute ab, welche als freiwillige Helfer herangeritten

waren. »Da die Gefangenen gegen den Gebrauch kein Lösegeld gezahlt

haben und auf ihren Rossen davonreiten, so nehmt dafür mit meinem Dank

einen Teil der Waren aus dem Sachsenland, welche ihr wieder gewonnen

habt; nicht als Entgelt, sondern zur Verehrung.« Das waren die Nachbarn

wohl zufrieden und Immo gebot dem Brunico, einen billigen Anteil

auszuscheiden. Diesen luden sie vergnügt auf einen Karren und schieden

mit Heilruf zu ihren Dörfern.

10.

Die Entführung.

In der Halle standen die Brüder zum Aufbruch gerüstet, als Immo ihnen

entgegentrat. »Den großen Goldschatz der Räuber hat der fahrende Mann

mir angelogen, doch brachte ich reiche Beute und die Gastgeschenke der

Sachsen heim; nicht die Wasserrosse führten meinen Kampfgewinn der

Mühlburg zu, sondern die Packpferde, welche Brunico leitete. Für euch,

Söhne Irmfrieds, sind die Ballen geöffnet, damit ihr daraus wählet,

was jedem von euch gefällt, und ich bitte euch, diese Gabe anzunehmen

anstatt der Schatzung, die ich den Gefangenen erließ, ohne euch zu

fragen.«

»Solches Angebot ist gebührlich gegen Fremde, nicht gegen die Genossen

des eigenen Geschlechts,« antwortete Odo finster, und Ortwin rief:

»Du tust uns weh, wenn du uns Gold bietest, wo wir brüderlichen Gruß

erwarten.«

Da flog helle Freude über Immos gramvolles Angesicht. »Wollt ihr

freundlich zu mir reden und brüderlich gegen mich handeln, so wißt,

meine Brüder, daß mein Herz sich viele Jahre nach eurer Liebe gesehnt

hat. Schon im Kloster fühlte ich traurig unter Fremden die Einsamkeit

und dachte mich täglich heim in eure Mitte, und auch jetzt unter den

Gastfreunden vermochte ich nicht die frohen Spiele ihrer Knaben zu

sehen, ohne daß sich mir das Herz in Gram zusammenzog. Denn wie ein

Ausgestoßener lebte ich, weil mir eure Freundschaft fehlte. Begehrt

ihr, liebe Knaben, daß ich euch brüderlich begrüße, so springt heran

wie einst, denn die Arme des Bruders sind geöffnet, euch zu empfangen.«

Ortwin warf sich um seinen Hals und küßte ihn, und wie er taten die

Jüngeren, nur Odo stand zur Seite. Gottfried aber ergriff Immos Hand

und legte sie in die Hand des andern. Odo drückte sie und begann: »Der

Zorn ist geschwunden mit dem grünen Laub dieses Sommers, beide wollen

wir vertrauen, daß in dem neuen Lenz unter uns Sieben sich die Treue

bewähre.« Und auf Gottfried weisend, fuhr er fort: »Du siehst, wir

haben ihn gewappnet, und da du zu uns zurückgekehrt bist, vermögen wir

jetzt in Frieden das Erbe zu teilen. Vor einem Jahre widerstand ich

dir, als du das Recht des Ältesten fordertest, fortan bin ich gleich

meinen Brüdern bereit, dir zu folgen, wenn du uns führst.«

Aber Immo rief mit ausbrechender Leidenschaft: »Leite du die Brüder und

bewahre du die Ehre des Geschlechts, denn ich kehre nicht zurück, um in

Frieden unter euch zu leben. Ein großes Leid berge ich in meinem Herzen

und mein Leben muß ich wagen in wilder Tat, noch bevor die nächste

Sonne aufgeht. Wisset, der Tochter des feindlichen Mannes, den wir

heute demütigten, habe ich heimlich mein Leben gelobt, der König aber

will sie schleiern, ob es ihr und dem Vater lieb oder leid sei. Bevor

sie morgen früh zu Erfurt die Klosterschwelle betritt, hole ich sie auf

die Mühlburg, was mir auch darum geschehe. Dem Zorn des Königs trotze

ich und dem Rechte des Landes widerstehe ich, um sie zu erwerben, denn

ohne sie ist mir mein Leben verhaßt.«

Die Brüder sahen betroffen einander an. »Zu früh habt ihr mich

brüderlich begrüßt, ihr Söhne Irmfrieds,« fuhr Immo heftig fort,

»mich wundert nicht, wenn ihr euch von mir abwendet, wie von einem

Kranken, dessen Berührung Unheil bringt. Meint auch nicht, daß ich

euch mahnen will an die Hand, die ihr mir jetzt gereicht habt und an

den brüderlichen Kuß. Denn eure Hilfe bei der Tat fordere ich nicht,

den Raub wage ich wohl allein mit denen, die sich mir gelobt haben.

Euch aber sage ich vorher, was ich tun werde, damit ihr mir tröstlich

seid, soweit ihr es vermögt, ohne euch zu verderben. Doch nein, liebe

Brüder,« unterbrach er sich selbst, »aus Klugheit und Vorsicht hätte

ich's euch nimmer bekannt, aber eure Freundlichkeit hat mir die

Seele weich gemacht. Denn Sommer und Winter habe ich die Last allein

getragen. Selig macht der Gedanke an das geliebte Weib, aber furchtbar

quält die Angst sie zu verlieren, und manche Nacht habe ich in der

Fremde auf meinem Lager die Faust geballt, oder kindisch geweint,

wie mir jetzt geschieht.« Er wandte sich ab, hielt die Hände vor das

Antlitz und sein starker Leib bebte im Krampf.

Es war totenstill in der Halle. Endlich begann Odo: »Wenn unsere

Eltern einen Rat hielten, der ihr Wohl und Wehe anging, so saßen sie

vertraulich nebeneinander am Herdfeuer nieder. Führe auch du uns zum

Herde der Burg, an dem unsere Vorfahren beraten haben, damit wir die

Flamme aufzünden. Dort erzähle du uns von dem Weibe, welches dir lieb

wurde, und wie alles gekommen ist bis heute, damit wir es wissen, denn

auch das ist ein Recht der Deinen.«

Da führte Immo die Brüder über den Hof zu dem Flur des Saales, worin

der Herd stand, er entzündete das Feuer und schloß die Tür. Die

sieben Brüder lagerten am Herde und Immo begann leise seinen Bericht,

zuerst, wie Hildegard unter den Buchen sein Geselle wurde, und wie er

ganz plötzlich sich glückselig fühlte, und danach alles andere. Und

er zeigte ihnen auch das Pergament mit den Goldfäden, welches alle

betrachteten, während er es in seiner Hand hielt, bis er es wieder im

Gewande barg. Die stolzen Knaben Irmfrieds vernahmen vorgebeugt mit

leuchtenden Augen die Kunde, welche auch ihr Leben nahe anging, und

Gottfried saß zu den Füßen des Bruders, hielt die Hände über dem Knie

desselben gefaltet und blickte ihm unverwandt in das bewegte Antlitz,

während Odo zuweilen einen neuen Span in das Feuer legte. Immo aber

wurde froh, daß er von Hildegard erzählen durfte, und lachte dabei

treuherzig wie ein Kind, er schilderte ihr Aussehen und ihre Art,

so daß sie auch seinen Brüdern gefiel, obwohl sie die Tochter eines

wunderlichen Mannes war.

Als Immo geendet hatte und alle in warmer Teilnahme schwiegen, begann

Odo nachdenkend: »Sage uns, welche Meinung hat Graf Gerhard zu dir?«

»Du kennst ihn ja auch,« versetzte Immo, »daß er hastig nach jedem

Vorteil züngelt und schmeichelnde Worte nicht spart; aber ich fürchte,

im Grund seines Herzens ist er mir abgeneigt, da er schon mit unserm

Vater in Unfrieden lebte.«

Odo nickte. »Klein ist der Funke, welcher ein großes Feuer entzündet,

auch uns bedroht die Flamme. Gegen dich stehen der König und der

Erzbischof, das Recht des Vaters und der Friede der Stadt, und es

wird ein Kampf gegen große Übermacht um Gut und Leben, für dich und

deine Helfer. Aber der König ist, wie wir hören, auf dem Wege nach

Italien, das Recht des Erzbischofs beginnt erst mit dem nächsten

Morgen, das Recht des Vaters werden wir alle ungern ehren, und wegen

des gebrochenen Stadtfriedens werden die Erfurter vielleicht mit sich

handeln lassen, zumal wir selbst einen Hof in ihren Mauern haben. Doch,

wenn auch all diese Hoffnung trügt, hartnäckiger Wille eines Mannes

vermag viel. Und zuletzt hast du noch deine Brüder. Denn ich denke

nicht, daß diese hier den Bruder in der Not verlassen werden.«

Da sprangen die Jüngeren alle in die Höhe, zuckten an den Schwertern

und riefen: »Nimm den Schwur.« Und Odo fuhr fort: »Lüfte dein Schwert,

mein Bruder, damit wir alle unsere Hände zugleich darum werfen. Während

das Herdfeuer lodert und das Dach unseres Hauses uns bedeckt, geloben

wir, dir mit Leib und Leben, Gut und Ehre zu helfen, damit du die Braut

heimführst. Denn wir alle wissen, daß wir im Tode zu dir gehören, wie

du zu uns.«

So schworen die Sieben sich zusammen und küßten einander am Herdfeuer.

Danach setzten sie sich wieder zu geheimer Beratung.

Eine Stunde darauf ritten die Brüder den Mühlberg hinab, Immo mit

Gottfried nach der Stadt Erfurt, die andern nach dem Herrenhofe. Immos

Seele hob sich in neuer Hoffnung, als der warme Frühlingswind um

seine Wangen wehte, und als der Bruder, welcher ihm am vertrautesten

war, ihn immer wieder an der Hand faßte und durch seine vertraulichen

Fragen lockte, von Hildegard zu reden. Sie ritten durch das offene

Tor in die große Marktstadt, die der ganzen Landschaft für ein Wunder

galt, obgleich sie in vielem einem ungeheuren Dorfe ähnlich war. Denn

hölzern waren die Häuser, neben den meisten öffnete sich ein Hoftor,

durch welches man auf die Dungstätte und die Ställe sah, die Gänse

wateten durch den Kot der Gassen und das Borstenvieh lief schonungslos

umher. Aber die Mauern und Tortürme ragten gewaltig, von den großen

Kirchen und Kapellen läuteten fast den ganzen Tag die Glocken, auf den

Marktbänken der freien Plätze war eine unendliche Fülle begehrenswerter

Sachen zum Verkauf gestellt, und wer selten nach der Stadt kam, der

wurde nicht müde, nach der Heimkehr von dem Unerhörten zu erzählen.

Diesmal achteten die Helden wenig auf die Waren und wenig auf die

stattlichen Männer und Frauen, welche in den Gassen ihren Geschäften

nachgingen, sie stiegen in dem Hofe ab, der dem Geschlecht seit alter

Zeit gehörte, und eilten zu Fuß nach dem Hause des Goldschmieds.

Der Hof Herimans war leicht kenntlich durch das große Wohnhaus, welches

sich neben dem verschlossenen Hoftor erhob. Denn ein Stockwerk ragte

über dem Flur vorspringend in die Straße und trug noch einen Giebel mit

mehreren Bodenräumen. Schon auf der Straße vernahm man Hammerschläge;

als Immo das Gatter öffnete, welches bei Tage den unteren Teil der

Türöffnung verschloß, fand er im Hausflur einen schlanken Knaben im

Schurzfell, der mit Raspel und Feile an einem Metallgerät arbeitete.

Auf die Frage nach dem Herrn führte der Knabe eine kleine Treppe hinauf

in den hinteren Teil des Hauses, wo die Werkstatt des Goldschmiedes

sich nach dem Hofe öffnete. Heriman saß mit seinem Knappen über der

Arbeit, im Takte schlugen die kleinen Hämmer, um glänzendes Silberblech

zu runden. Als er die beiden Krieger im Kettenhemd erkannte, sprang er

auf, warf den Hammer in eine Ecke, fuhr sich heftig durch die wallenden

Haare und über sein mannhaftes Gesicht flog ein Schatten von Besorgnis.

Aber er bot mit ehrlichem Gruß seinen Gästen die Hand und geleitete sie

aus der Werkstatt nach dem oberen Stockwerk. Durch die Lichtöffnungen

der verschlossenen Läden fielen die Sonnenstrahlen in ein großes

Zimmer, auf viele Truhen und Schränke und auf die schmale Bettstelle,

in welcher Heriman selbst als Wächter seiner Waren zu ruhen pflegte.

Während Gottfried sich neugierig nach dem Silber- und Goldgerät umsah,

welches der reiche Goldschmied in seinem Hause verwahrte, stieß Heriman

einen Laden auf, doch so, daß das Innere des Zimmers den Nachbarn

gegenüber verborgen blieb, und rief: »Bei Tageslicht will ich mit euch

verhandeln, obwohl es ein nächtliches Werk ist, an welches ihr denkt.«

Er holte tief Atem und fuhr sich wieder durch das Haar. »Bevor ihr

mir's sagt, weiß ich, weshalb ihr im Kriegskleide kommt, denn durch

meine Base Kunitrud erfuhr ich, daß heute abend ein Gast in der Stadt

einzieht, um den ihr Sommer und Winter gesorgt habt.«

»Sie darf die Schwelle des Klosters nicht überschreiten; und ich will

es hindern, oder meinen Leib in euren Mauern zurücklassen.«

Heriman setzte sich auf einen Schemel und neigte betäubt das Haupt.

Aber gleich darauf erhob er sich. »Ihr fordert, daß ich heute meine

Schuld bezahle? Ihr sollt euch in mir nicht geirrt haben, was mir auch

darum geschehe. Doch bevor ich euch meinen guten Willen erweise, frage

ich: ist es nötig, daß ihr im Frieden der Stadt wagt, was ihr tun

wollt?«

»Sie kommt mit reisigem Gefolge ihres Vaters und des Erzbischofs. Ganz

unsicher wäre das Gelingen bei einem Speerkampf auf offener Heide.«

»Dann also muß es hier sein. Sie rastet heute nacht im Hessenhofe,

wo ihr Vater immer einliegt, ein Reisiger hat die Ankunft gemeldet.

Morgen reitet der große Erzbischof in unsere Stadt, er selbst soll sie

nach dem Willen des Königs den frommen Müttern zuführen. Noch andere

Neuigkeit weiß ich: morgen früh wird die Heerfahne des Königs auf

seiner Burg ausgesteckt und die Boten werden durch das Land rennen, den

großen Kriegszug nach dem Land Italien anzusagen. Denn der König will

sich dort die Lombardenkrone holen. Das geht euch an, wie uns alle.«

»Dieser Abend aber gehört noch mir,« versetzte Immo finster.

»Die Burgmannen sind in Bewegung wegen der Kriegsreise, heute abend

werden die Straßen und Schenken gefüllt sein. Das mag euch frommen oder

auch hindern. Wollt ihr eure Hand um die goldene Spindel legen, die

euch im fremden Hause gehört, so müßt ihr sie nicht nur aus dem Hause

holen, auch sicher aus Tor und Mauer schaffen. Die Erfurter aber halten

an ihren Toren gute Wache und fordern Zoll von jeder Ware, die aus- und

eingeht.«

»Kannst du mir helfen, was mein ist, aus dem Hause zu schaffen, so

trage ich's mit meinen Schwurgenossen unter den Schilden durch das Tor.«

Heriman schüttelte den Kopf. »Kommt ihr mit einem Haufen, so findet

ihr hier einen größeren, und bringt ihr ein ganzes Heer, so werfen

euch meine Mitbürger Speer und Axt, den Sturmgesang vom Turme und ihre

Lärmhörner entgegen.«

»Nicht mit einem Heerhaufen gedenke ich auszubrechen. Nur sieben haben

ihr Leben für die Tat gelobt und zwei davon stehen vor dir.«

»Und ihr wollt, daß ich der achte sei?« frug Heriman, »reicht das Kreuz

eures Schwertes, ich bin bereit.«

Immo zog das Schwert und hielt den Griff in die Höhe, Heriman murmelte

sein Notgebet, dann legte er die Schwurfinger auf das Kreuz und sprach

die Worte, durch die er sich Immo gelobte. Seine Unsicherheit war

geschwunden, er warf das Schurzfell von sich, holte Mantel und Mütze

vom Haken, gürtete sein Schwert um und begann: »Vertauscht auch ihr

den Eisenhut mit dieser Mütze, ich hoffe, sie soll euch passen, und

schlagt den Mantel zusammen, damit ihr den Nachbarn weniger auffallt.

Euch aber, junger Held, ersuche ich, die Helmkappe des Bruders in der

Herberge zu bewahren, während wir beide durch die Straßen gehen, denn

zwei Wölfe sind nur ein Paar, aber drei eine Rotte. Ich geleite euch

zu dem Hofe, in welchem die Jungfrau heute nacht rastet, damit ihr die

Gelegenheit selbst erkennt, denn lichtlos wird am Abend Hausflur und

Treppe sein; seht scharf um euch und achtet auch auf Kleines.«

Sie verließen das Haus. Mit Mühe hemmte Immo in den Gassen seinen

Schritt zu dem langsamen Gange, in welchem sich Heriman seiner Würde

gedenkend bewegte. »Dies ist der Hessenhof,« murmelte Heriman, »der

Wirt ist ein Mann des Erzbischofs, aber ein redlicher Nachbar.« Immos

Blick achtete forschend auf die Umgebung und auf das Haus, welches dem

des Goldschmieds ähnlich, nur kleiner war, und auf das Hoftor, durch

welches man die Hintergebäude und Ställe sah. Sie traten in den Flur,

stiegen unaufgehalten die Treppe hinan, fanden die Tür eines Zimmers

offen und darin eine kräftige Frau, welche mit dem Besen umherfegte

und den Heriman vertraulich grüßte. »Dies ist Base Kunitrud, die Witwe

eines wackern Burgmannes, sie ist dem Wirt dieses Hofes befreundet und

steht seinem Haushalt vor. Dir aber, Base, führe ich den edlen Helden

Immo zu, weil er deinem guten Gemüt vertraut, das ich ihm gerühmt habe,

und einen Dienst von dir begehrt.«

»Auch wir in Burg Erfurt haben von Held Immo mancherlei vernommen,«

antwortete Kunitrud geschmeichelt, »und ich gedenke vor allem der

Guttat, die ihr diesem hier erwiesen habt.«

»Um dir alles zu sagen, Base,« fuhr Heriman auf einen bittenden Blick

Immos fort, »der Held trauert, wie du ihm leicht ansiehst, darüber, daß

das Grafenkind geschleiert werden soll. Denn er hat sie im Hause ihres

Vaters und auch sonst lieb gehabt, wie die Art junger Leute ist; und

darum möchte er ihr durch deinen Mund noch einen Gruß sagen, bevor sie

bei den frommen Schwestern eingeschlossen wird.«

Kunitruds Augen glänzten von Neugierde und Teilnahme. »Verliert nur

nicht den Mut, edler Herr, ich habe mehr als eine Nonne gekannt,

welche vom Erzbischof Urlaub erhielt und als ehrliche Hausfrau lebte

mit Kindern, so drall wie die Äpfel. Denn in dem Erdgarten ist alles

möglich, wenn man's nur erlebt.«

Während ihr Immo für die Teilnahme zu danken suchte, fuhren seine

Augen rastlos um die offene Tür, das Türschloß und die Treppe. Beim

Herabsteigen mahnte Heriman leise: »Achtet auf die ausgetretene Stufe,

ein falscher Tritt mag den Erfolg verderben. Und jetzt schnell vom

Hause weg und in gerader Richtung dem Tor zu, durch das ihr entrinnen

sollt. Einreiten müßt ihr bei Tage, solange das Tor geöffnet ist. Eure

Brüder sind hier wohlbekannt und ihre Ankunft wird in der Aufregung des

Tages niemandem auffallen. Mit Sonnenuntergang wird das Tor gesperrt

und den Ausreitenden geöffnet; wenn die Nacht so weit heraufgestiegen

ist, daß die Bürgerglocke zum zweitenmal läutet und die Schenken

geschlossen werden, dann wird auch die Brücke gehoben, und von da

vermögt ihr nur mit Heeresmacht hinauszureiten. Ihr müßt die Tat also

zwischen Sonnenuntergang und dem zweiten Glockenklang vollbringen.

Ich sende, wenn die rechte Zeit gekommen ist, meinen Knappen nach

eurem Hofe, ich selbst warte eurer in der Nähe des Hessen. Und noch

eins habe ich auf dem Wege bedacht,« fuhr Heriman fort, »gelingt es

euch nicht, zum Tor hinauszuschlüpfen, so müßt ihr die Hälse wagen

auf einem anderen Wege, den schwerlich jemand ohne Not wählt. Ein

Stück der Stadtmauer ist verfallen, gerade jetzt bessern sie an dem

Schaden, die Stelle ist nicht auf eurem Wege, sondern nordwärts,

und nahe der Königsburg. Dennoch sollt ihr sie beschauen, ob sie in

der Not euch Rettung gewährt.« Er führte vom Tor längs der Mauer zu

einem wüsten Platz, unter Schutthaufen. Die Trümmer der eingestürzten

Mauerwand ragten aus dem Grabenwasser und die Arbeiter hatten Bretter

darübergelegt, auch an der Böschung der Außenseite sah man den

Fußsteig, durch welchen sie aus- und einliefen.

»Lacht der Mond freundlich, so ist der Angstpfad wohl zu durchreiten,«

entschied Immo. »Jetzt weiche von mir, Heriman, damit du dich nicht

ohne Not gefährdest, denn deine Burgmannen werden bald mit Argwohn

meiner gedenken.« Nach kurzem Gruß entfernte sich der Goldschmied, Immo

eilte in die Herberge und sprengte gleich darauf mit dem Bruder aus dem

Tor.

Eine gute Wegstunde von Erfurt lag unweit dem Grenzwall, welcher

die Güter des Geschlechts von der Stadtflur schied, ein Hügel, der

mit Eichen bewachsen, auf seinem Gipfel ein altes Blockhaus trug,

in welchem die Jäger und Hirten zu rasten pflegten. Im Sommer war

die kleine Lichtung von dichtem Schatten umhüllt, auch jetzt bot

das Geflecht der Äste und Zweige einen sicheren Versteck. Zu dieser

verborgenen Stelle hatte Immo die Brüder und die Getreuen von der

Mühlburg geladen, wenn die Sonne die Mittaghöhe erreichen würde. Er

fand bei seiner Ankunft Brunico mit den Waffen und frischen Rossen, und

den Vogt der Mühlburg, welcher die letzten Befehle des Herrn empfangen

sollte. Als Immo absprang und seinem Bruder Gottfried zunickte,

erkannte er in dem erblichenen Antlitz des Jünglings die Erschöpfung,

er hob ihn in seinen Armen vom Pferde und streichelte ihm die Wangen.

»Zwei Tage und eine schlaflose Nacht im Eisenhemd waren für meinen

Liebling zuviel, noch hast du Zeit, ein wenig zu ruhen, damit dir am

Abend nicht die Kraft versagt.« Und mit freundlichem Zureden nötigte

er den Widerstrebenden auf ein Lager von Waldheu, das er im Blockhaus

breitete, er rückte ihm das Haupt zurecht und deckte ihn mit dem

Wollmantel. Dann trat er ins Freie und blickte unverwandt nach dem

Wege, der vom Herrenhofe herzulief.

Die Brüder stoben in ihrer Rüstung heran; als sie den Bruder auf der

Höhe erkannten, wirbelten die Jüngeren lustig die Speere. Odo führte

sein Roß zu Immo und bot diesem die Zügel. »Nimm heute den Sachsen

zurück,« sagte er, »denn die Braut, welche wir einholen, soll von

diesem Tiere getragen werden, welches der Stolz des Hofes war. Die

weiße Farbe ist gedeckt, damit es im Dunkeln nicht jedermann erkennbar

schimmere.« Da schlang Immo den Arm um den Hals des Bruders und

antwortete: »Die Gabe nehme ich nicht, edler Odo, denn größere Gunst

fordere ich von dir selbst. Nicht meine Arme dürfen die Braut, um

welche wir reiten, aus der Stadt tragen, sondern du selbst sollst es

tun. Mir gebührt die Abwehr, der Kampf und die Nachhut auf der Flucht.

Dir aber übergebe ich die Geliebte, daß du nur um sie sorgst und sie

rettest, was uns andern auch geschehe.« Da nickte Odo: »Es sei, wie du

willst.«

Schweigend standen die Männer und schauten zuweilen durch die Baumäste

nach dem Stand der Sonne. Endlich hob Immo den Arm nach dem Himmel,

da neigten alle die Häupter und flehten leise zu den hohen Engeln um

Rettung aus der Not, in welche sie ritten, dann traten sie an die

Rosse. »Wo bleibt Gottfried?« frug Odo.

Immo sprang in das Blockhaus. Der Bruder lag in festem Schlummer, er

hielt die Hände gefaltet und lächelte. Als Immo das Kind so im Frieden

liegen sah, wurde ihm plötzlich das Herz weich, er trat leise zurück

und zu den Brüdern kehrend, sprach er: »Er liegt in süßem Schlaf, ich

traue mich nicht, ihn zu wecken.«

»Bleibt er zurück, so wird er uns immerdar zürnen,« versetzte Odo

und wollte hinein, aber Immo hemmte ihn und sprach: »Denket daran,

Schwurgenossen, daß unsere Mutter einen Sohn behalte,« und dem

Dienstmann Berthold die Hand zum Abschiede reichend, bat er: »Wenn er

erwacht, so sage ihm, daß wir einen von uns gewählt haben, für unsere

Mutter zu sorgen, und der eine sei er.« Wieder hob er den Arm zur Sonne

und die Helden sprengten den Berg hinab der großen Stadt zu.

Im Walde vor Erfurt teilte sich die Schar, denn nicht zu gleicher

Zeit und zu einem Tore wollten sie einreiten. Die fünf Brüder zogen

auf dem nächsten Weg durch dasselbe Tor, zu welchem sie die Geraubte

hinausführen mußten. Immo aber mit Brunico betrat die Stadt durch

das Tor im Osten. In der Herberge trafen alle zusammen, sie fanden

viel Volk in den Straßen und in den Schenken, auch Bewaffnete aus der

Umgegend klirrten einher. Die Brüder aber gingen einzeln und zu zweien

durch die Menge und betrachteten die Gassen, durch welche sie reiten,

und die Ecken, an denen sie sich aufstellen sollten.

Die Sonne sank, in den Straßen wurde es dunkel, die Gassen leerten

sich, doch aus den Häusern glänzten die Herdfeuer und aus den Schenken

klang der Lärm lustiger Zecher. Die Brüder standen im Hofe ihrer

Herberge bei den gesattelten Rossen, sie wechselten gleichgültige

Worte, aber in der langen Erwartung hämmerte ihnen das Herz in der

Brust. Und wenn ein Laden oder die Flurtür geöffnet wurde, so kam

ihnen bei dem matten Lichtschein vor, als ob sie alle bleich wären wie

Leblose. Da fuhr eine dunkle Gestalt von der Gasse in den Hof, und der

Knappe des Goldschmieds flüsterte Immo zu: »Der am Idisbach lag, grüßt

euch und läßt euch sagen, es sei an der Zeit. Der Graf und sein Gefolge

sind beim Vogt des Erzbischofs zum Nachtmahle.« Gleich darauf ritten

die Brüder langsam aus dem Hofe, voran Immo neben dem Boten, nach ihm

Odo und Brunico, die andern Brüder folgten ganz allmählich zu zweien.

Vor dem Hessenhofe war die Straße leer, aus dem Hofraum aber vernahm

man Stimmen und das Stampfen der eingestallten Pferde. An dem

Kellerhals des Nachbarhauses tauchte ein Schatten auf und glitt neben

Immo bis nahe zu der Haustür. Den Zügel des Rosses ergreifend, mahnte

Heriman mit heiserer Stimme: »Steigt ab.«

Immo sprang in das Haus; langsam ritt Odo bis dicht vor die Haustür.

Das Zeichen der Nachtglocke klang gellend vom Turme, in den Höfen

rührte sich's und vom Markte her vernahm man den schweren Tritt und das

Klirren Bewaffneter. »Er ist verloren,« stöhnte Heriman. Da sprang Immo

über die Schwelle, eine verhüllte Gestalt im Arme, er schwang sie dem

Bruder auf das Roß und der Sachsenhengst fuhr in gestrecktem Lauf die

Gasse entlang dem Tore zu. Als Odo um die Ecke bog, war er nicht mehr

allein, denn hinter ihm ritten Adalmar und Arnfried, und als sie dem

Tor nahten, fanden sie Ortwin und Erwin schon in Verhandlung mit den

Torwächtern, welchen Ortwin zurief: »Frisch, ihr guten Männer, beeilt

euch aufzusperren, wir reiten zum Ehrentanze für eine Braut.« Odo hielt

im Dunkeln, er hörte das Knarren der Torflügel und mahnte zurück:

»Schließt dicht an.« Dann sprengte er hinter die vorderen Brüder, und

die Schar ritt eilig durch das Tor auf die Brücke. »Haltet, halt! was

tragt ihr hinaus?« schrie der Wächter, aber der Ruf verklang hinter den

Flüchtigen. Sie stoben gerettet unter dem Nachthimmel dahin und sahen

rückwärts nach dem Bruder aus.

Als Immo vor dem Sachsenhofe nach seinem Rosse sprang, schrie aus

dem Oberstock eine helle Frauenstimme: Raub, Zeter und Waffen. Die

Scharwächter stürmten heran, aus dem Hoftor drangen die Knechte, auch

diese riefen Feuer und Rache. Im Nu erhob sich wilder Tumult und

Waffengeklirr. Gegen Immo, der mit Mühe sein Roß gewonnen hatte, warfen

sich die Scharwächter, er wehrte den Führer mit dem Speer ab, und als

der Mann stürzte und die Genossen sich um ihn sammelten, riß Brunico

das Pferd seines Herrn am Zügel und schrie: »Fort, die Bahn ist offen.«

Aber indem Immo sich wandte, klang in seinem Rücken aufs neue Geschrei

und Schwertschlag, und die Stimme Herimans rief flehend: »Verlaßt

nicht euren Helfer, der für euch das Schwert hob.« Da merkte Immo, daß

die Stunde gekommen war, in welcher eine Lehre des Mönches Gehorsam

forderte, und daß dieser Gehorsam ihn von Freiheit und Glück schied.

Aber seiner Ehre gedenkend, rief er entgegen: »Des Rosses letzter

Sprung sei für dich,« und er warf sich zurück in den wütenden Haufen,

stach und schlug, bis er den Heriman herausgehauen hatte und dieser

hinter dem Roß in der Dunkelheit verschwand. Jetzt wandte sich Immo

aufs neue zur Flucht und stob mit Brunico dem Tore zu. Aber die Stadt

war geweckt, hinter ihnen stürmten mit lautem Hallo die Verfolger,

aus aufgerissenen Fensterläden fiel hie und da ein Lichtschein auf

die Flüchtigen, die Trinker sprangen mit gezückter Waffe aus den

Schenken und warfen sich ihnen entgegen. Als sie das Tor vor sich

sahen, erscholl auch von dort Alarmruf und Kampfgeschrei Bewaffneter,

welche auf sie zurannten. Da fuhr Brunico in der Bedrängnis zur Seite

in eine enge Gasse der gebrochenen Mauer zu, Immo folgte. Der größte

Teil der Verfolger lief nach dem nächsten Tor, um die Flüchtigen dort

abzuschneiden, die Gehetzten gelangten bis zu den Mauertrümmern. Dort

hielt Brunico. »Voran,« befahl Immo. Keuchend klomm das Roß des Mannes

hinab, dieser gelangte glücklich über den Bretterstieg, indem er

unterwegs brummte: »Nicht umsonst habe ich dich zum Feierabend zurecht

gelegt,« und fuhr auf der andern Seite in die Höhe. Ihm folgte Immo.

Er sah sich auf der wüsten Stätte um, noch waren die Verfolger zurück,

aber sein verwundetes Roß hinkte; als er es hinabtrieb, brach es an dem

Trümmerhaufen, welcher aus dem Wasser ragte, zusammen, warf den Reiter

hart gegen die Steine und glitt in das Wasser, in dem es angstvoll

stöhnte und um sich schlug. Immo erhob sich betäubt vom Fall, er merkte

jetzt, daß er selbst hart verwundet war; mühsam wankte er auf den Steg

und wand sich an der andern Seite des Grabenrandes empor. Dort blieb er

liegen.

»Fünf Jahre habe ich dich gezogen,« klagte Brunico zu seinem Hengst,

»und jetzt rinnt dir's heiß von der Hüfte und du ziehst auf dem Wege

eine Spur gleich dem verendenden Wild. Einem ruhmlosen Tölpel gehörte

der Speer, welcher auf das Roß zielte statt auf den Reiter.« Hinter

sich vernahm er einen leisen Ruf, er sprengte zurück. Unweit des

Grabens lag ein Mann am Boden, Brunico sprang ab. »Der Schildarm ist

getroffen,« seufzte Immo, »und er hängt nach dem Sturz machtlos in der

Achsel.«

»Ein wunder Mann und ein wundes Pferd sind einander jämmerliche

Gesellen,« rief Brunico. »Dennoch helfe ich dir auf mein Tier, mich

birgt die Nacht und der nächste Graben.« Er hob den Wunden mit starker

Anstrengung auf sein Roß, aber Immo schwankte wie betäubt. »Halt aus,

Brauner, bis zum nächsten Wald,« ermunterte Brunico, »dort lade ich ihn

auf meinen Rücken.« Er schwang sich hinter dem Verwundeten auf, die

Hinterbeine des Pferdes knickten unter der Last, Brunico trieb es mit

den Sporen dem Saum des Gehölzes zu, welches in der Dunkelheit schwarz

vor ihnen lag.

»Die Hunde werden im nächsten Augenblick hinter uns sein,« brummte der

Knappe nach rückwärts spähend, »und unsere Kunst geht zu Ende.« Er

sprang wieder ab.

»Birg mich seitwärts vom Wege und rette dich, vielleicht vermagst du

Hilfe zu bringen,« mahnte Immo.

»Der Mond scheint über kahles Land, sie finden dich, bevor ich ein

Pferd schaffe.«

Vor ihnen knarrte ein Karren und knallte eine Peitsche. »Der Wagen

fährt auf unsere Dörfer zu,« rief Brunico erfreut, »ich meine, es ist

ein Nachbar, der sich in der Stadt verspätet hat.« Er rief den Wagen an

und führte das Pferd zu ihm hin. »He, Landgenoß, kennst du den Freien

Balderich im Dorfe vor uns?«

»Vielleicht kenne ich ihn,« versetzte der Mann, mit der Peitsche

knallend.

»Willst du helfen, einen Verwundeten heimlich nach seinem Hofe zu

schaffen, so soll dir ein guter Lohn werden.«

»Es kommt darauf an, wer der Wunde ist,« versetzte der Mann auf dem

Karren. Als aber Brunico ihm näher kam, wandte er sich heftig ab. »Dies

Gesicht kenne ich, ich sah dich unter den Disteln, verflucht sei die

Hand, die sich dir zur Hilfe rührt.« Brunico zog sein Schwert.

»Laß den Mann in Frieden,« befahl Immo, aber er selbst glitt kraftlos

vom Roß in die Arme des Getreuen. Der Fuhrmann beugte sich über ihn.

»Halt,« rief er, »auch diese Stimme erkenne ich. Kann euch mein Wagen

helfen, Herr, so hebe ich euch herauf. Es sind dieselben Räder, die ihr

in meiner Not aus dem Wasser hobt.«

Immo nickte schwach mit dem Haupt. »Ladet mich auf.« Die beiden Männer

hoben ihn auf den Wagen, der Fuhrmann Hunold breitete eine Decke und

rückte die Strohbündel. »Euch schaffe ich in das Dorf, der andere möge

sich fern halten von meinem Messer.«

Immo streckte die Hand über das Wagengeflecht. »Fort mit dir,

Gespiele.« Der Knappe warf sich mit einem Seufzer auf das Pferd und

trabte dem Holze zu, während der Fuhrmann ihm zornig nachsah.

Hinter dem Wagen klang schneller Hufschlag. Hunold sah sich um und zog

die Decke über den Liegenden. Bewaffnete sprengten heran und frugen

barsch nach Namen und Fahrt. Auf die Antwort des Führers, daß er ein

Mann des großen Bischofs sei, klang die Gegenfrage, ob er Reiter

gesehen habe.

»Sicher sah ich sie, kaum ein Viertel Weges zurück am Kreuze, zwei

Männer auf einem Pferde,« und er wies rachsüchtig dorthin, wo Brunico

in der Dunkelheit verschwunden war. »Ihr mögt die Spur erkennen, denn

sie liegt rot auf dem Wege.« »Sie sind es,« riefen die Reiter und

stoben zurück bis zum Kreuzwege.

Aber sie erreichten weder Roß noch Reiter. Denn Brunico war, als er

sich in der Dunkelheit allein sah, vom Hengst gesprungen und hatte das

zitternde Tier mit einem Schlage vorwärts getrieben. »Hilf dir allein,

wenn du kannst, ich denke, den Weg nach deinem alten Stalle kennst du.

Ich laufe dem Karren nach Balderichs Hof vor, damit der Alte und mein

Mädchen über das Brautgeschenk, das ich ihnen sende, nicht allzusehr

erschrecken.«

11.

Die Mutter auf der Burg.

Von den Mauern der Mühlburg spähten Immos Brüder die ganze Nacht

sorgenvoll nach der Tiefe, immer wieder erwogen sie, ob er getötet sei,

ob er in Erfurt gefangen liege, oder ob er sich auf einem Umweg in die

Berge schlagen und zu ihnen kehren werde. Jedes Rauschen im Holz, jede

Tierstimme im Walde dünkte ihnen ein Zeichen des Nahenden. Als der

Morgen graute, sandten sie Läufer in die Dörfer, welche ihnen gehörten,

und forderten heimlichen Zuzug ihrer Dienstmannen, und zwei von ihnen

warfen sich mit den Knechten in das Gehölz, wo ein gedeckter Anritt zu

den Bergen möglich war. Aber friedlich lag die Landschaft, auch von

dem Turm des vorderen Berges, der am weitesten die Ebene nach Erfurt

überschaute, vermochten sie nichts zu erkennen, nur einzelne Reiter

sahen sie hie und da auf den Feldwegen, und ihre spähenden Knaben

verkündeten, daß es Reisige des Erzbischofs waren, welche vorsichtig

bei den Bauern nach der flüchtigen Schar forschten, aber den Rand des

Gehölzes vermieden. Als die Sonne im Mittag stand, rief Ortwin: »Nicht

länger vermag ich die Unsicherheit zu ertragen, es bringt uns wenig

Ehre, hinter den Mauern zu harren, während der Bruder in Not ist; ich

sattle und reite nach dem Hofe der Mutter und weiter der Stadt zu,

damit ich Bericht einhole, sei er böse oder gut.«

»Ich widerrate,« versetzte Odo, »daß du der Mutter unter die Augen

trittst, denn besser ist es, daß sie völlig keinen Teil habe an unserm

Handel und fortan ebensowenig der Jüngling Gottfried, so wollte es auch

unser Bruder Immo. Der Jungfrau aber hier auf dem Berge dient die alte

Gertrud, welche die Mutter auf meine Bitte gestern dem Bruder gesandt

hat. Auch deinen Ausritt vermag ich nicht zu loben, leicht könnten wir

noch dich verlieren; besser gefällt mir, daß wir den Müller Ruodhard

schicken, er versteht die Leute auszufragen und hat überall eher

Frieden, als ein anderer.«

Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts · 第 11 / 16 题