Der Rat gefiel den Brüdern und Ruodhard stieg eilig von dem Berge. Auf

dem Herrenhofe fand er alles in Schrecken und Verwirrung, Frau Edith

hielt das Tor geschlossen, nur über dem Grabenrand konnte er mit den

Knechten verhandeln. Niemand dort wußte etwas von Immo und seinem

Knappen. Dann lief er bis Erfurt. Alle Schenken waren gefüllt, und

jedermann sprach von dem Raube, aber die Leute stritten, wer der Räuber

sein möge, und von Immo vernahm er völlig nichts und er meinte, daß

dieser schwerlich in Haft liegen könne, weil die Reisigen noch auf der

Jagd wären.

Da beschlossen die Brüder, still zu harren, aber sie frugen unsicher,

wie lange sie die Jungfrau bewahren sollten, wenn ein Landgeschrei

erhoben würde und wenn gar die Mutter die Entlassung forderte.

Wieder am nächsten Morgen hielten zwei der Brüder auf dem Wartturm die

Wache, da lachte Ortwin: »Den Kranich Ludiger hörte ich schreien, wie

lief der Vogel aus unserm Hofe über das Land?« und als er hinabsah,

erkannte er, daß an der Außenseite des Grabens mitten auf dem Wege

etwas Fremdes lag. Er ließ das Tor aufsperren, die Brücke werfen,

eilte hinab und hob vorsichtig den Fund in die Höhe, dann sprang er

abwärts bis an das Gehölz, aber er vernahm nur noch ein Rasseln der

Zweige, als ob jemand schnell hinabgleite, und suchte vergebens den

Springer zu erkennen. Er flog zurück, rief in den Hof: »Eine Botschaft

bringe ich, was sie bedeute, mögt ihr selbst erkennen,« und hielt ein

kleines dicht umwundenes Bündel in die Höhe. Das Gebinde ging von Hand

zu Hand, und Odo sprach: »Sicherlich ist es ein Zeichen, ruft die alte

Gertrud, denn sie versteht alles Geheime besser zu deuten als wir

andern.« Gertrud betrachtete mit scharfen Augen das fremde Stück, sie

setzte sich nieder, murmelte Unverständliches darüber, löste behutsam

das Band und dachte nach. Endlich hob sie die Hand und rief: »Ich

verstehe den Gruß, Günstiges kündet er dem Hause; denn daß der Kranich

rief, meldet euch, daß die Botschaft von einem Sohne des Hofes kommt;

blau ist das Band, welches das Zeichen umschließt, und mit blauer Farbe

malt ihr Helden eure Schilde, in der Schlinge liegen fünf Pfeile um

ein Haselreis und eurer sind fünf, und das Reis in der Mitte meint

die Jungfrau. Der dies gesandt hat, will, daß ihr mit euren Waffen

die Jungfrau umringt wie die Pfeile das Reis. Das Reis ist noch ganz

frisch, darum ist, der es sandte, nicht weit entfernt.« Da rief Odo:

»Geendet ist der Zweifel. Er lebt und er denkt seine Beute zu bewahren,

er soll erkennen, daß auch wir nach seinem Willen tun; wir halten die

Jungfrau und wir halten die Burg gegen jedermann; denn hoch ist der

Berg und fest die Mauer, und viele Helmkappen mögen daran zerschellen,

wenn die Grafen aus der Ebene sich gegen uns erheben.«

Der flüchtige Bote war ein junger Sohn des Bauern Balderich, in dessen

Hofe Immo verborgen lag. Ungeduldig forderte der Verwundete, daß

Brunico ihn nach der Mühlburg schaffe; sein verrenkter Arm war ihm

eingerichtet, aber der Schmerz und Blutverlust einer tiefen Armwunde

hinderten, das Roß zu besteigen, und Brunico merkte, daß die Wege auch

in der Nacht von Reisigen umlauert waren. Da dachte Immo, daß der

Balsam, welchen die Mutter bewahrte, ihm schnelle Heilung verschaffen

könnte, und er mahnte seinen Knappen, das Heilmittel mit Gottfrieds

Hilfe zu gewinnen. Deshalb lief der kluge Knabe von der Mühlburg nach

dem Herrenhofe, um die Arznei, welche Brunico selbst nicht zu holen

wagte, vertraulich zu erbitten.

Dem Knaben gelang es, in den Hof zu schlüpfen und den Herrensohn

heimlich zu grüßen. Als Gottfried in den Saal trat, fand er seine

Mutter in Unterredung mit einem Mönch des heiligen Wigbert, den er

nicht kannte; es war eine düstere, breitschulterige Gestalt, mehr

einem Kriegsmann als einem Mönch zu vergleichen. Und er vernahm, wie

die Mutter zu dem Fremden sprach: »Ich wußte längst, daß die Geweihten

auch die hohe Pflicht üben, ihren Feinden zu vergeben und für sie zum

Himmelsherrn zu bitten, aber daß ihr, ehrwürdiger Vater, gegen den mein

armer Sohn am ärgsten gefrevelt hat, so treu der hohen Lehre anhängt

und ihm jetzt eure Fürbitte zuteil werden laßt, das nimmt schwere Sorge

von meinem Herzen.«

Gottfried winkte die Mutter zur Seite und sagte ihr heimlich: »Gib mir

den Balsam der Kaiserin für einen Verwundeten, aber frage nicht, wer er

ist.«

Edith sah ihn mit großen Augen an, dann eilte sie in ihre Kammer, riß

die Büchse aus der Truhe, trug sie in den Saal und hielt sie dem Mönch

hin, indem sie sprach: »Segnet die Arznei, ehrwürdiger Vater, denn vor

jedem andern Gebet mag das eure dem Unglücklichen frommen, der sich

dies begehrt.«

Der Mönch neigte sich darüber und segnete, Gottfried sprang hinaus und

übergab dem Knaben die Büchse. Der Wigbertmönch aber sah mit finsterm

Blick dem enteilenden Knaben nach.

Am nächsten Tage rief Ortwin von dem Turme in den Hof: »An das Tor, ihr

Genossen, Staub wirbelt auf der Straße, einen reisigen Zug sehe ich mit

Wagen und Herdenvieh, und Eisen blinkt über den Rossen.« Die Brüder

sprangen herzu, in kurzem waren die sechs Kinder Irmfrieds auf der Höhe

des Turmes gesammelt. »Ich sehe kein Banner wehen,« sprach Erwin, »und

sorglos ziehen sie dem Gehölz zu.«

»Nur klein ist der Haufe, mehr Rinder und ledige Rosse als Männer,«

rief Adalmar, »wie Flüchtige nahen sie und nicht wie Feinde.« »Weiber

erkenne ich im Haufen und den jüngsten Bruder,« lachte Arnfried.

»Es ist die Mutter selbst,« rief Odo. Die Brüder sahen einander mit

kummervollen Mienen an. »Sie naht mit ihrem Gesinde, die Bewaffneten

des Gutes führt sie herbei.«

»Hart ist es, gegen die eigene Mutter zu kämpfen,« murmelte Erwin.

»Schwerlich dürfen wir den Zugang wehren,« sprach Ortwin, »aber wie

sollen wir ihrem Willen widerstehen?«

»Alles hat seine Zeit,« rief Odo, »wenn sie fordert, mögen wir weigern,

jetzt rate ich, ihr entgegenzugehen.«

Die Söhne eilten hinab, das Tor wurde geöffnet, auf der Mauer drängten

sich die Mannen, und die Herren traten vor die Brücke, um den Zug zu

empfangen. Schweigend nahten die Reiter, ohne Gruß und Willkommen

sahen die alten Bankgenossen einander ins Gesicht, schweigend traten

auch die Söhne an das Roß der Mutter, sie aus dem Sattel zu heben. Als

Edith den Boden berührte, begann sie: »Es ist mir lieb, daß ihr mich

empfangen habt, geleitet die Mutter in das Haus des Bruders. Du aber,

Odo, gestatte, daß deine und meine Leute den Hof betreten,« und nach

rückwärts gewandt rief sie: »Gehorchet, wenn Herr Odo euch fordert,

denn er hat hier zu gebieten.« An der Hand des Sohnes schritt sie in

den Hof und grüßte die Kriegsleute, welche ihr jetzt zuriefen und die

Waffen zusammenschlugen. Unterdes sprachen die jüngeren Brüder mit

Gottfried. »Sie hat unsern Hof geräumt,« erzählte dieser, »alle, die

treu an ihr hängen, führt sie unter Waffen her. Was sie hier begehrt,

hat sie mir nicht vertraut.«

Edith blickte über den Hof auf das Gedränge von Männern, Weibern und

Vieh, und auf die unsichern und verlegenen Blicke, mit denen sie

betrachtet wurde. »Harrt nur ein wenig, ihr Treuen; du, Odo, führe mich

zu dem Herde, an welchem mein Sohn Immo gerastet hat, bevor ich ihn

verlor.«

Die Brüder geleiteten sie in das Haus, Edith neigte sich zu dem leeren

Herrensitze am Herde und ihre Lippen bewegten sich im stillen Gebet,

dann trat sie unter ihre Söhne. »Euch wundert, wie ich erkenne, die

Mutter hier zu sehen, und kalt ist der Willkommen, den ihr mir bietet,

ich aber komme, bei euch zu bleiben und euer Schicksal zu teilen.

Sorget nicht, daß ich euch den Sinn mit Klagen beschwere oder gar

mit Vorwürfen, weil ihr gefrevelt habt gegen Frieden, Recht und die

heilige Kirche. Andere werden euch darum bedrohen, ich aber will euch

dienen, so weit eine Mutter vermag. Denn wir alle erkennen, daß wir

in Todesnot stehen. Wisset, meine Söhne, der König naht mit großem

Heergefolge, der Erzbischof und die Grafen im Lande haben ihre Mannen

in den Sattel gefordert, heute oder in den nächsten Tagen wird der

Feind die Burg umschließen, und die Kinder des Helden Irmfried werden

hinter Mauern ihren letzten Kampf kämpfen, wenn sie nicht demütig ihr

Haupt beugen und das Erbe ihres Bruders ausliefern.«

Die Brüder standen betroffen.

»Wir gedenken die Burg zu halten, Mutter, auch gegen den König,«

antwortete Odo, »obwohl wir erkennen, daß wir in großer Gefahr stehen.

Aber Mutter, daß ich alles sage, mehr als den König und den Erzbischof

fürchten wir deinen Wunsch, daß wir die Braut des Immo den Feinden

ausliefern.«

Da antwortete Edith: »Stets habe ich gehofft, daß mir die Heiligen

gewähren würden, ohne große Missetat mein Leben zu beschließen; aber

anders hat der üble Teufel es gefügt. Will ich meinem Geschlecht die

Treue beweisen, so muß ich die Mitschuld auf mich nehmen zu meinem

Schaden hier und dort. Eure Mutter bin ich, ihr Knaben, ich habe

euch gezogen und über eurem Haupt gebetet von dem ersten Tage eurer

Geburt. Darum will ich auch jetzt die Last mit dir tragen, du einsames,

verfeindetes Geschlecht. Und die Engel mögen es wissen und die Heiligen

mögen mir verzeihen. Ich lasse euch nicht und ich scheide mich nicht

von eurem Los, wie es auch falle.« Da riefen ihr die Söhne Heil und

hingen sich ihr um Hals und Hände. Edith aber fuhr fort:

»Laßt uns an die nächste Arbeit denken, Odo, unsere Getreuen sollen

wissen, daß die Herren einig sind. Alle, die ich dir herführe, sollen

dem Herrn Immo in deine Hand sich zuschwören. Ich bringe auch, was

zumeist die Sorge der Frauen ist, Vorrat von den Gütern für Küche und

Keller, vertraue mir die Aufsicht darüber an, damit ich mit meinen

Mägden dir nütze, und ich rate, laß abladen und einräumen, solange

nicht größere Sorge bedrängt.«

»Gestatte, Mutter, daß ich dir die Jungfrau zuführe,« bat Odo. Das

Antlitz der Edith erblich, ihre Hand zog sich zusammen und sie rang

nach Fassung, aber im nächsten Augenblick sprach sie lächelnd: »Erst

machen wir das Haus fest, damit unsere Leute der Unsicherheit enthoben

werden. Denn der Zweifel lähmt auch den Mutigen, aber wer seine Pflicht

kennt, bewahrt leichter die Kraft. Ist Burg und Hof versorgt, dann

denken wir des Gastes, der bei uns eingekehrt ist.«

Als Odo die Tür des Gemaches öffnete, in welchem Hildegard geborgen

war, saß die Jungfrau gebeugt auf dem Lager, die Hände im Schoß

gefaltet. Sie fuhr auf und sah erschrocken auf eine hohe Frauengestalt

und den strengen Ausdruck eines edlen Antlitzes. »Es ist unsere

Mutter,« sagte Odo, »welche zu dir kommt.« Da sank Hildegard vor Frau

Edith auf den Boden und Odo verließ leise das Zimmer.

»Steh auf, Jungfrau,« begann Edith, »ich bin nicht der Herr, welchen du

dir gewählt hast.«

Hildegard sah furchtsam zu ihr auf. »Im Traume sah ich dein Angesicht,

es gleicht dem seinen, aber feindlich blicken die Augen. O sei

barmherzig, Herrin,« rief sie in ausbrechendem Schmerze, »der Sturmwind

riß ein Blatt vom Baume und es flatterte bis vor deine Füße. Zertritt

nicht die Bebende.«

Edith hob ihr das Antlitz empor und sah scharf in die tränenfeuchten

Augen. »Das sind die Züge, welche meinem Sohn lieber wurden als der

Wille der Eltern und das eigene Heil. Waren es deine Tränen oder war

es dein Lachen, womit du sein Herz umstrickt hast? Ich denke wohl, mit

Lächeln begann's und die Tränen folgten, das ist das Schicksal aller,

welche einander lieb haben auf dieser Erde. Leid brachtest du uns und

Leid brachte er dir. Steh auf, Jungfrau,« fuhr sie milder fort, »ich

komme nicht, dich zu schelten und zu richten, sondern damit ich dir

Frauenrat gebe, so oft du ihn begehrst. Setze dich zu mir und wenn du

mir gefallen willst, so sprich mir von ihm.« Sie führte Hildegard zu

dem Lager, aber die Jungfrau glitt wieder an ihren Knien herab und

klagte: »Laß mich liegen, Herrin, und zu dir aufsehen wie zu einer

Fürbitterin, denn mir ist, als hätte ich dir Großes abzubitten, daß ich

hier bin und daß ich ihn liebe.«

Edith neigte sich zu ihr herab: »Rede nicht weiter, bevor du mir eins

gesagt hast. Als meine wilden Knaben dich hertrugen, folgtest du mit

gutem Willen oder haben sie eine Widerwillige auf das Roß gehoben? Bist

du als Braut meines Sohnes hier oder als Gefangene?«

Über das verstörte Gesicht der Hildegard flog eine holde Röte und sie

neigte das Haupt in den Schoß der Mutter. »Als er eintrat,« murmelte

sie, »erschien er mir wie damals, wo er mich am Kreuz mit seinem

Schilde deckte. Gleich dem hohen Engel Michael stand er bei mir im

Kriegskleide und mir schwand die quälende Angst vor dem Kloster.«

Edith seufzte schwer, aber sie legte ihre Hand auf die feuchte Stirn

der Jungfrau.

Hildegard warf ihre Arme leidenschaftlich um den Leib der Herrin und

klagte: »Meine Mutter ist tot, und freudenlos lebte ich. Da trat er

in unsere Halle. Holdselig waren seine Worte, fröhlich seine Art,

und unter den Männern wußte er sich zu behaupten, daß ihm keiner zu

widersprechen wagte. Er wurde mir schnell so vertraulich, als hätten

wir lange beieinander in der Schule gesessen. Und er lachte mich an und

faßte meine Hand. Sein Lachen ist lieblich, Herrin. Er trank aus dem

Becher, den ich ihm bot, und aß von meinem Teller.«

»Darum hat die Mutter ihm Becher und Teller vergebens gestellt,«

murmelte Edith.

»Sie preisen ihn auch als einen Helden, Herrin, denn keiner kommt im

Kampfe gegen ihn auf, und die kleinen Spielleute erzählen, daß er mit

dem Speer sicherer als ein anderer auf die Stelle trifft, nach der er

wirft. Jedermann wundert sich, wo er im Kloster so Schweres gelernt

hat.«

»Er war schon als Knabe geschickt in aller Reiterkunst,« versetzte

Edith, »und sein Vater staunte selbst darüber. Ich sorge, auch im

Kloster hat er mehr an Holz und Eisen gedacht, als an die Bücher.«

»Dennoch, Herrin, versteht er ganz gut das Lateinische, obgleich er

selbst sein Wissen nicht rühmt; und er weiß so geschickt mit Sprüchen

und Versen zu antworten, daß es eine Wonne ist, ihn anzuhören.«

»Du warst auch in der Schule und verstehst das Latein?« frug Edith.

»Das war es, was ihm gefiel, ich dachte sonst, die heilige Sprache

hilft nur dazu, den Glauben vertraulich zu machen, ich merke aber, sie

verlockt auch Männer und Frauen zueinander.«

»Du sagst die Wahrheit, Herrin. Denn die in der Schule waren, verstehen

einander leicht unter fremden Leuten. Damals, als ich ihn zuerst

sah, wurde mir weh ums Herz, weil er mir gestand, daß er ungern im

Kloster weilte. Aber später kam mir ganz andere Sorge.« Sie hielt an

und sah vor sich nieder. »Denn als ich ihn im Kriegskleide wiedersah

und erkannte, daß er dereinst mein Herr werden sollte, da erschrak ich

über den schweren Gedanken. Und ich saß im Sonnenuntergang auf dem

Idisberge, bis die Nacht heraufstieg; und als der Nachtwind in den

Zweigen rauschte, hörte ich immerdar seine Stimme und daneben eine

andere, als wenn ich selbst mit ihm redete, aber fern und leise wie

oben aus dem Wipfel des Baumes, und die eine Stimme sprach: Selig war

ich, Held, denn ich habe deine Liebe gefunden, und jetzt zittre ich,

dich zu verlieren. Und die andere Stimme antwortete: Ruhm ersehne ich,

und schrecklich will ich meinen Feinden werden, gedenkst du das Weib

eines Helden zu sein, so darfst du nicht vor dem Tode beben. Wenn

zwei einander lieb haben, sollen sie auch beten, daß sie miteinander

sterben. Da merkte ich, Herrin, was es bedeutet, einen Mann im Herzen

zu tragen. Mein Geschlecht habe ich verlassen um seinetwillen,«

unterbrach sie sich selbst, »und jetzt ist er nicht hier, ich aber

gehöre zu ihm, wo er auch weilen mag.«

»Allzu ungeduldig bist du, an seinem Hals zu hangen,« versetzte Edith

finster. »Verwundet ward er in jener Nacht.«

»Die Brüder sagten mir's,« antwortete Hildegard leise, »an sein Lager

will ich, und fühlst du Erbarmen mit meiner Not, so sage mir, wo ich

ihn finde.«

»Auch der Mutter bergen sie die Stätte,« rief Edith. »Meinst du, mich

quält es weniger als dich, daß er unter Fremden liegt in traurigem

Versteck?«

Hildegard sprang auf. »Wenn du ihn liebst, so komm mit mir aus diesen

Mauern; wir hüllen uns in niederes Gewand und suchen ihn, bis wir ihn

finden. Denn der treue Mann, der ihn im Heereszug begleitete, weiß es,

wo er weilt.«

»Eitel ist dein Wunsch,« antwortete Edith, »wenn wir diese Burg

verlassen, so würden wir ihn eher verraten als retten. Denn wisse,

Jungfrau, der König naht mit seinem Heergefolge in feindlichem Willen,

um den Raub zu rächen. Meinen Sohn, seine Brüder und uns alle auf

dieser Burg bedroht des Königs Zorn.«

Hildegard verhüllte das bleiche Antlitz und sank abgewandt von der

Mutter auf die Knie. Edith saß lange Zeit schweigend, endlich begann

sie forschend: »Klagst du, daß er und sein Geschlecht um deinetwillen

an Leben und Ehre bedroht sind? Die Klage allein schafft keine Hilfe,

auch der Himmelsherr erhört nur die Bitten derer, welche in Demut und

Reue zu ihm flehen. Reut dich das Unheil, das allen droht, so denke

auch auf die Rettung. Um dich allein geht der Kampf. Du vermagst

ihm Leben und Freiheit zu bewahren. Denn milder wird die Strafe des

Richters sein, wenn er Ergebung und Gehorsam findet.«

Hildegard lag unbeweglich, Edith trat näher und sprach über ihrem

Haupt: »Liebst du ihn über alles, wie du sagst, so kannst du das jetzt

erweisen: kehre zurück zu deinem Geschlecht, wende deine Schritte dem

Kloster zu und entsage ihm, damit du ihn rettest.«

Ein Schauer flog über Hildegards Leib, sie richtete sich auf, und ihre

großen Augen starrten entsetzt auf die Mutter. »Ist deines Herzens

Meinung, Herrin, daß ich tue, wie du sagst?«

»Ich sagte dir's, du aber antworte.«

Hildegard fuhr in die Höhe. »Eine Feindin hörte ich des geliebten

Mannes und eine Feindin meiner Liebe. In den Abgrund will ich tauchen,

in die Flammen will ich springen, um sein Leben zu retten, bezeugt ihr

guten Engel, die ihr meine Gedanken bewacht, daß ich die Wahrheit rede.

Mein Leben nehmt für ihn, aber meine Liebe verrate ich nicht. Hat er

alles für mich hingegeben, ich habe dasselbe getan. Gebunden bin ich an

ihn und solange ich atme, gehöre ich ihm zu. Jetzt ist meine Treue der

Stab, an den er sich hält auf seinem Lager, in seiner Angst. Du aber

willst mich zerbrechen und hinwerfen, damit er erkenne, daß seine Liebe

nichtig war und die Jungfrau, der er alles geopfert hat, feige und

schwach und seiner unwert. Und wenn alle Menschen auf uns blicken wie

auf zwei wilde Tiere, welche von den Jägern umstellt sind, wisse auch,

unter den friedlosen Tieren ist der Brauch, wenn der Bär verwundet ist

und von den Hunden umstellt, so läuft die Bärin nicht abwärts, um ihn

zu retten, sondern sie wirft sich der Meute entgegen. Die Kraft der

Glieder ist mir versagt, aber mein Wille ist fest wie der seine. Sage

mir, wie ich sterben soll, um ihn zu retten, aber mahne mich nicht, daß

ich lebend ihm entsage.«

Da rief Edith: »Jetzt erkenne ich, wie du bist. Einer Taube siehst du

ähnlich, aber wer dir die Kappe von dem Haupte löst, der erkennt die

edle Art eines Falken. Zürne nicht, daß ich dich versucht habe. Denn

ganz fremd warst du mir. Auch das Herz einer Mutter fühlt Eifersucht,

und sie frägt zuerst, ob das Weib, das der geliebte Sohn sich erkor,

würdig ist, seine Vertraute zu werden anstatt der Mutter. Gesegnet

seist du, Jungfrau, und willkommen bist du mir als Braut des Sohnes und

als Genossin im Hause. Deine Mutter bin ich von heute und du mein Kind,

und verteidigen will ich dich gegen den König und alle Welt. Komm zu

mir, Hildegard, zusammen wollen wir den Himmelsgott anflehen, daß er

mir das Glück gewähre, deine Hand in die meines Sohnes zu legen.«

Hildegard warf sich an die Brust der Mutter.

* * * * *

Frau Edith hatte recht verkündet. Als der König durch reitende Boten

des Erzbischofs die Kunde von dem Raube der Jungfrau erhielt, da hemmte

er, wie sehr auch sein Herz sich nach dem Süden sehnte, sogleich die

Fahrt und kam mit den Edlen und den Heerhaufen, welche um ihn gesammelt

waren, über die Werra zurück. Der Erzbischof ritt ihm entgegen. Er

fand den König hocherzürnt und wortkarg, und als er ihm von dem Raube

berichtete, unterbrach ihn der König heftig: »Wer ist Kläger?« Und

da der Erzbischof erwiderte: »Ich selbst durch meinen Vogt, und der

Vater der Jungfrau,« hob der König drohend die Hand und rief: »Sagt

dem Grafen, er soll seine Pflicht nicht säumig tun, denn des Königs

Auge ist noch über ihm.« Zuletzt sprach der Erzbischof: »Ist auch die

Stunde ungünstig, um die Verzeihung des Königs zu erbitten für einen

andern, der in Ungnade lebt, so darf ich doch dem Flehenden mich nicht

versagen, da er ein Geweihter ist. Der Mönch Tutilo begehrt, sich vor

dem König zu demütigen; unstet treibt er umher im Zwist mit seinem

Abte, er kam von Ordorf zu mir und stöhnte, daß ich ihm die Huld des

Königs wieder erwerbe.«

»Er hat also Lust, die Rute zu küssen, wie die andern Empörer seines

Geschlechtes getan haben,« spottete der König. »Manchen bessern Anblick

weiß ich, als einen hochfahrenden Mann, der widerwillig die Knie beugt

und seine Miene zur Demut zwingt. Doch da dem Könige nicht ziemt, gegen

einen Mönch zu hadern, so laßt ihn herein.«

Kaum hatte der Erzbischof das Gemach verlassen, so lag Tutilo vor dem

Könige auf dem Fußboden. Als der Mönch nach kurzer Unterredung mit

gesenktem Haupt, einem reuigen Manne ähnlich, entwich, trat Heinrich in

den Saal, in welchem sein Gefolge harrte, und rief: »Ihr sagtet mir,

ehrwürdiger Vater, daß der Räuber Immo spurlos verschwunden sei, wenn

er nicht etwa bei seinen Genossen auf der Mühlburg hause, ihr waret im

Irrtum.« Und er rief Gundomar und gab ihm einen leisen Befehl.

An demselben Tage ritt eine Schar Königsmannen dem Dorfe zu, in welchem

der Hof des Bauern Balderich lag. Die Reiter umstellten das Dorf und

drangen unter harten Drohungen in den Hof. Gundomar trat mit dem

Königsvogt von Erfurt in die Kammer, in welcher Immo saß. Dieser wandte

sich finster ab, als er seinen Oheim erblickte, aber dem Vogt reichte

er die Hand. »Mir tut's von Herzen leid, Held Immo,« sprach dieser

traurig, »daß ich dich zur Stelle dem König überliefern muß.«

»Ich vermag mich nicht zu wehren, wie du siehst,« antwortete Immo

ruhig, »nur eine Bitte erfülle mir, verhindere deine Reisigen, daß sie

den Leuten hier einen Schaden an Leib und Gut zufügen, denn aus Mitleid

haben diese mich aufgenommen, als ich hilflos vor ihrer Schwelle lag.«

Das versprach der Vogt.

Am andern Morgen sahen die von der Burg in der Morgensonne blinkende

Speere und wehende Banner; der König hielt mit seinem Heerhaufen bei

dem nahen Dorfe, in welchem die Sachsenkönige seit alter Zeit einen

Hof hatten, das Königsbanner ließ er auf einem Hügel errichten, der zu

dem Erbe Irmfrieds gehörte, und rings herum die Wagenburg schlagen.

Aus dem Heerlager bewegte sich zur Mühlburg langsam ein friedlicher

Zug, an dessen Spitze der Erzbischof Willigis ritt und neben ihm der

Mönch Reinhard. Edith selbst mit ihren sechs Söhnen empfing die frommen

Väter am Tor und geleitete sie in die Halle. Sie begann, auf ihre Söhne

weisend: »Als ich zum erstenmal nach meiner Vermählung vor dem Altar

kniete, erbatet ihr, hochwürdiger Vater, den Segen der Himmlischen

für mein Leben; hier seht ihr, was ich von meinem Glück zu bewahren

vermochte. Daß ihr jetzt in unserer Not zu uns kommt, dafür danke ich

dem Ewigen, denn als eine gute Vorbedeutung sehe ich euer geweihtes

Haupt in diesen Mauern.«

»Ich komme nicht als Bote des milden Himmelsgottes,« versetzte

Willigis, »sondern als Diener eines strengen Richters. Eile hinauf,

gebot er mir, zerwirf das Nest unholder Vögel und bringe mir die Brut

herab unter meine Hand. Darum übergebt euch der Gnade des Königs ohne

Widerstand, denn scharf ist sein Zorn und schnell folgt seinem Willen

die Tat.«

Odo versetzte ehrerbietig: »Wir stehen hier in festen Mauern unter

treuen Schwurgenossen, wir haben nicht die Wahl, ob wir die Feste und

die Jungfrau dem König ausliefern wollen oder nicht, denn unser Bruder

Immo, der hier gebietet und heute fern ist, befahl uns, beide zu halten

gegen jedermann.«

Da entgegnete der Erzbischof: »Es ist eures Bruders Hals, um den ich

sorge, wenn ich von euch die Ergebung fordere. Denn wisse, Geschlecht

Irmfrieds, Held Immo liegt gefangen in des Königs Gewalt.«

Edith rang die Hände gegen den Himmel und die Brüder traten bestürzt

zusammen.

»Diesen Morgen brachten Reisige des Königs den Verwundeten in das

Lager, sein Versteck wurde dem König durch einen Feind verraten.«

»Tutilo,« schrie die Mutter entsetzt.

»Seitdem hält der König fest, was euch zwingt. Liefere mir die

Nestlinge des toten Irmfrieds, befahl der König, bevor die Sonne zur

Mittagshöhe gestiegen ist; wenn sie länger zaudern, so lasse ich den

Gefangenen an den Fuß der Mühlburg führen, wo man von der Höhe sein

Haupt sehen kann, und ich werfe sein Haupt auf den Grund. Austilgen

will ich den frechen Trotz, der Landrecht und Königsmacht mißachtet,

und ausbrennen will ich die Mauern, hinter denen die Räuber mir

widerstehen. Darum wollt ihr, junge Helden, den Bruder vor jähem

Tode bewahren, so folgt mir aus der Burg zum Könige. Wenn er eure

Ergebenheit sieht, wird sein Sinn eher der Gnade zugänglich und dem Rat

solcher, welche euch Gutes wünschen.«

Da wandte sich Odo zu seinen vier Brüdern: »Unsere Lose warfen wir am

Herdfeuer, als wir uns dem Bruder gelobten. Wenn wir willig waren, in

den Gassen der Stadt unser Leben für das seine zu wagen, so müssen wir

dasselbe vor dem Schwert des Königs tun. Ich bin bereit, den Priestern

zu folgen. Vier von euch lade ich, daß sie zu mir treten.«

Da traten alle Fünf auf seine Seite, Odo aber wies seinen Bruder

Gottfried zu der Mutter: »Nach dem Willen des Gefangenen gehörst du

zu ihr, und dir ziemt auch jetzt diesen Willen zu ehren. Hochwürdiger

Herr, wir sind gerüstet, euch zu folgen. Wir allein, denn nur wir fünf

waren Genossen des Bruders bei der Tat. Die Burg unseres Geschlechts

aber, die Dienstmannen und die Braut des Bruders vermögen wir euch

nicht zu übergeben; darüber zu entscheiden, steht bei unserm Bruder

Immo, wenn er auch gefangen ist; und solange wir nicht deutlich

erkennen, daß er die Übergabe fordert, dürfen wir Brüder sie nicht

vollbringen. Darum lege ich die Gewalt über die Burg und über alles,

was sie umschließt, in die Hand unserer Mutter. Sorge du, Mutter, für

Braut und Erbe deines Sohnes Immo, uns aber segne, da wir uns von dir

scheiden.«

Die fünf Brüder warfen sich vor der Mutter auf die Knie und küßten ihr

Hände und Gewand. Sie riß bleich und tränenlos einen der Liegenden nach

dem andern an ihr Herz, ihre Lippen bewegten sich im Gebet, aber man

vernahm keine Worte. Und als die Fünf der Tür zuschritten, stürzte sie

ihnen nach und umfaßte ihnen noch einmal Hals und Haupt, bis sich die

Weinenden von ihr lösten.

Die geistlichen Boten hatten der Trennung teilnehmend zugesehen,

obgleich sie gewöhnt waren, alle irdische Liebe als nichtig zu

betrachten. Jetzt begann der Erzbischof: »Den redlichen Entschluß eurer

Söhne, edle Edith, will ich gern dem König rühmen; die Helden haben

wohlgetan, dem Urteil der Mutter zu vertrauen, denn als fromm und weise

wird sie im ganzen Lande geehrt.«

»Sechs junge Leben, die mir gehören, hat König Heinrich für sich

genommen, was will er von der verwaisten Mutter noch mehr?«

»Die Burg und die geraubte Jungfrau, die eure Söhne darin bewahren,

begehrt er von euch.«

»Die Braut meines Sohnes Immo gehört in das Frauengemach, in welchem

die Mutter gebietet, und nicht in das Heerlager des Königs. An die Burg

aber hat der König völlig kein Recht, und ich bewahre sie selbst um der

Lebenden und Toten willen.«

»Denkt in eurem Schmerz auch daran, edle Frau, daß eure Söhne durch

ihre Missetat dem Spruch des Königs verfallen sind.«

»Sind meine Söhne schuldig zu büßen für eine schwere Tat, so bin ich,

ihre Mutter, in derselben Schuld. Denn Blut sind sie von meinem Blut,

und wenn sie jetzt auch auf ihren eigenen Beinen dahinschreiten, wohin

sie ihr Mut treibt, meine Seele wandelt mit ihnen allen bei Tag und bei

Nacht. Dies Geheimnis einer Mutter vermag kein Priester zu begreifen.

Haben sie Missetat geübt, so bin ich dem Richter verfeindet, wie sie;

und gleich ihnen will ich das Erbe des Geschlechts bewahren gegen

jedermann, auch gegen den König selbst.«

»Hütet euch, Frau,« mahnte der Erzbischof, »freiwillig eure schuldlose

Seele mit derselben Schuld zu beladen, welche auf jenen liegt.

Denn nicht nur den irdischen Richter haben sie erbittert, auch dem

Himmelsherrn haben sie geraubt, was ihm zukam, als sie eine Jungfrau

entführten, die geweiht werden sollte. Darum sorgt für das Heil ihrer

Seelen, indem ihr die Jungfrau zurückgebt, sonst möchte der große

Richter des Himmels sich ungnädiger erweisen als König Heinrich, und

eure Söhne für ihre Tat hinabstoßen in das Reich des üblen Drachens.«

Da rief Edith mit flammenden Augen: »Und wenn wahr wäre, was ihr sagt,

und wenn der große Himmelsgott ihnen die Wolkenhalle verschließt um so

kleine Schuld, weil sie den Besitz eines geliebten Weibes begehrten

und weil sie alle treu waren in der Not; meint ihr, ehrwürdige Väter,

daß die Mutter allein im Himmelssaal kauern wird, getrennt von ihren

Kindern? Werden diese verworfen, so will auch ich verworfen sein,

lieber will ich meinen sieben Knaben ihre Becher und Schüßlein in

der finstern Hölle zureichen, als fern von meinen Kindern euch, ihr

Heiligen, in der strahlenden Burg des Himmels.«

Der Mönch Reinhard warf sich auf die Knie und Willigis schlug schnell

das Kreuz. Er war ein alter und gestrenger Herr, der eifrig für die

Kirche sorgte. Aber als Frau Edith so empört vor ihm stand, höher als

sonst und einem Weibe aus der Urzeit ähnlich, da dachte er daran,

daß sie von den wilden Sachsen herstammte, wie er selbst auch; und

obschon ihm graute, so kam ihm doch vor, als ob er wohl auch so reden

könnte. Aber seiner Würde gedenkend, zog er sein Gewand zusammen und

wandte sich zum Abgang. »Wer die Strafen der Menschen nicht scheut und

die Strafen der Ewigkeit nicht über alles fürchtet, mit dem hat ein

Priester nichts mehr zu reden.«

Edith jedoch faßte ihm das Handgelenk mit eisernem Griff. »Haltet

an, ehrwürdiger Vater, ihr selbst und wohl auch andere haben mich in

meinem Glücke über Gebühr gerühmt als ein gottseliges Weib, das den

Heiligen treu diene. Weshalb meint ihr wohl, bin ich verwandelt? Den

ältesten Sohn habe ich verloren, weil ich nach eurem Rat forderte, daß

er gegen seinen Wunsch der Kirche diene und diese Burg den Heiligen

übergebe. Als er sich weigerte, habe ich ihm gezürnt und mein Auge hat

ihn seitdem nicht wieder gesehen. Finstern Gedanken habe ich seine

junge Seele preisgegeben, gerade als er den Rat und die Liebe der

Mutter am meisten bedurft hätte. Untreu war ich als Mutter, weil ich den

Heiligen zu getreu diente. Jetzt ist er, wie ich fürchte, in dieser

Welt für mich verloren, und diese Burg, die der König ein Nest unholden

Geflügels nennt, soll zerworfen werden durch Eisen und Feuer. Versucht

das rühmliche Werk, laßt eure Knechte kommen mit der Haue und dem

Brande, stürmet die Mauern, erschlagt meine Getreuen und führt hinaus

an Strick und Kette, was ihr hier an lebenden Häuptern findet. Einen

Leib werdet ihr dennoch zurücklassen. Folgt mir, ihr Geweihten, zu

der Stelle, die auch ihr ehren solltet, wenn ihr eures Amtes denkt.«

Sie zog den Erzbischof aus der Halle über den Hof und öffnete die Tür

der kleinen Kapelle. Es war nichts darin als ein Altar mit dem Kreuz

darüber. »An dieser Stätte hat der große Verkünder Winfried einen

Stein der Heiden geworfen und sein Genosse Wigbert hat darüber den

Altar geweiht. Euch, Erzbischof, und dem frommen Könige sollte dieser

Ort ehrwürdig sein, und ich meine, ihr solltet für Frevel halten,

dies Mauernest zu zerreißen und den Flug der Vögel, welchen hier die

Heiligen ihren Sitz geweiht haben. Was ihr tun wollt, steht bei euch,

was ich tun will, berge ich euch nicht. Brecht ihr das Haus, dann wird

dies die Stätte, wo ich ausharre unter berstenden Mauern und brennenden

Balken. Sagt dem König, daß hier das Grab der Edith ist, und daß die

Mutter der sieben Knaben keine andere Antwort für ihn hat.« Sie warf

sich am Altar nieder, die Sendboten verließen schweigend den Raum.

»Wilde Worte hörten wir,« begann der Erzbischof zu Reinhard, als sie

herabritten. »Doch auch der schüchterne Vogel wandelt seine Art, wenn

ein Feind die Krallen nach seiner Brut ausstreckt.«

Reinhard antwortete seufzend: »In meinem Herzen fühle ich den

Jammer über das Schicksal, welches diesem Geschlecht bereitet wird.

Hochwürdiger Vater,« bat er, die Hände faltend, »wenn jemand den Helden

Immo vom Tode zu retten vermag, so ist eurer Weisheit diese gute Tat

vorbehalten.«

Der Erzbischof schüttelte das Haupt. »Du kennst noch zu wenig den

Sinn dieses Königs. Meinst du, daß Heinrich seine Reise unterbrochen

und uns alle als Zeugen seines Tuns mitgeführt hätte, wenn er nicht

seine eigene Macht erhöhen wollte, indem er die Häupter eines edlen

Geschlechts auf den Rasen wirft. Selbst wenn er dem Schuldigen nicht

feindlich denkt, ja auch, wenn er die Missetat in seinem Herzen

entschuldigt, ihm ist doch willkommen, sich vor seiner Kriegsfahrt

als strenger Richter zu erweisen. Denn die Trauer über des Richters

Spruch fühlen nur wenige, die Kunde aber, daß er wieder einen Räuber

aus der Zahl der edlen Schildträger getroffen hat, fliegt durch das

ganze Land, sie schreckt die Argen und gewinnt dem König die Herzen

der Friedlichen. Auch hat der König hier wenig um die Rache mächtiger

Herren zu sorgen, denn einsam und ohne großen Anhang von Lehnsleuten

haust das Geschlecht am Walde.«

»Dennoch vernahm ich, daß der König einst den Helden Immo wert hielt,«

warf Reinhard bittend ein.

»Mir aber scheint sein Sinn gegen ihn verhärtet,« versetzte der

Erzbischof, »vielleicht weil Held Gundomar dem Jüngling feind ist,

vielleicht wegen anderem. Nicht umsonst wurde König Heinrich in

Klosterzucht gezogen, er hat gelernt, was dem Manne am schwersten ist,

seine Gedanken zu verbergen. Dreien Königen habe ich in die Tiefe ihrer

Seelen gespäht, jetzt handle ich mit dem vierten, und eifriger als

die früheren dient er der Kirche durch Huldbeweis und reiche Spenden.

Dennoch erkenne ich zuweilen unter dem Lammfell die Tatze eines

Raubtiers, und ich merke, wenn er sich vor den Heiligen am tiefsten

demütigt, denkt er am meisten an den eigenen Vorteil. Mich aber freut

die kluge Art, denn auch wir sind nicht einfältig, und beide verstehen

wir, wo unser Vorteil gemeinsam ist.«

Am Fuß des Berges gab der Erzbischof seinem Gefolge ein Zeichen, die

Reisigen rückten im Kreis um das Geschlecht Irmfrieds, und Willigis

begann zu Odo: »Steigt von den Rossen, ihr jungen Helden, und gebt

eure Waffen meinem Hauptmann, daß er sie euch bewahre.« Die Brüder

saßen unbeweglich, sahen drohend auf den Herrn und zogen ihre Schilde

am Arm herauf. »Demut rate ich euch, wenn ihr dem Leben des Bruders

nützen wollt; du selbst weißt, edler Odo, daß du nicht hoch zu Roß dem

Könige vor die Augen reiten darfst. Denn er fordert, daß ihr euch ihm

ergebt, und barhaupt, mit den Füßen im Staube müßt ihr ihm nahen.« Die

Brüder sahen einander grimmig an und Erwin gebot leise: »Schließt euch

zusammen, damit wir wenden und rückwärts durchbrechen.« Aber Ortwin

mahnte: »Dann stolpern die Rosse über das Haupt unseres Bruders,« und

Odo sprach: »Der Pfeil flog vom Bogen, wir ändern nicht mehr seinen

Lauf, taucht zur Erde und fügt euch.« Da sprangen sie von den Rossen,

hingen die Schwerter ab, lösten die Helme und schritten zu Fuß unter

den Bewaffneten dem Lager zu mit gerötetem Antlitz und Tränen der Scham

in den Augen. Vor dem Lager ritt Willigis noch einmal zu ihnen und riet

in guter Meinung: »Leichter biegt sich im Sturm der junge Stamm als

der alte, und er schnellt auch wieder in die Höhe und breitet seine

Wipfel lustig in der Sonne. Denket daran, daß der König vor allem Demut

fordert; vermögt ihr sie nicht in eurer Rede zu erweisen, so werdet ihr

euer Heil am besten bedenken, wenn ihr schweigend kniet.«

Der König hielt auf seinem Roß mit großem Gefolge, er sah finster über

die Söhne Ediths, welche schwerfällig die Knie beugten. »Trotzig finde

ich die Waldleute noch in ihrer Haft. Wo habt ihr die Jungfrau? Auch

erkenne ich nicht des Königs Banner auf der Burg.«

Willigis antwortete: »In der Burg gebietet die edle Edith und sie

weigerte mir die Jungfrau, welche, wie sie sagte, in Frauenzucht gehöre

und nicht in ein Heerlager, da sie die Braut ihres Sohnes sei. Und weil

Frau Edith aus edlem Sachsengeschlecht stammt, welches in alter Zeit

mit dem Hause des Königs befreundet war, so hielt ich für Recht, daß

der König selbst gebiete und der Sachsenfrau seinen Willen verkünden

lasse. Denn schwere Worte sprach die Mutter in ihrem Schmerz, und ich

fürchte, sie begehrt sich den Tod im brennenden Hause.«

Der König zog den Mund zu einem herben Lächeln. »Ich sah Frau Edith

einst, als ich ein Knabe war. Meint sie mit dem König zu streiten, weil

er sie damals im Kinderspiel auf die Hände schlug. Ist sie so bereit,

die Pfänder zu verlieren, welche ich von ihr in der Hand habe? Ein Ende

will ich machen mit dieser Widersetzlichkeit. Führt die Räuber ab,

doch so, daß sie sich nicht ihrem Bruder gesellen. Euch, hochwürdiger

Vater, bitte ich, zur Stelle mit den Fürsten und Edlen, welche mir

folgen, im Rat niederzusitzen über den Raub der Jungfrau, damit ihr mir

eure Meinung erklärt, die ich gern beachte, soweit ich vermag. Denn

ich selbst will richten.« Und sein Pferd wendend, rief er Gundomar zu

sich. »Dies geht dich an,« sprach er gütiger, »denn ist dir das Haus

des toten Irmfried auch verfeindet, so wirst du doch um deiner eigenen

Ehre willen dafür sorgen, daß die Frauen nicht in ihrer Torheit das

Schicksal der Männer teilen. Reite hinauf und sage ihnen mein Gebot,

daß sie vor mir erscheinen.«

Gundomar vernahm die Botschaft mit umwölkter Miene. »Hartes gebietet

der König,« murmelte er, »mein Fuß betrat die Mauer nicht seit den

Jahren meiner Jugend.«

Aber mit blitzenden Augen rief der König: »Willst auch du mir

widerstehen? In guter Meinung sprach ich zu dir. Wahrlich, es ist Zeit,

eine Warnung zu geben, denn unbändig und eigenwillig gebärdet sich

jeder in dieser Waldecke.«

Da warf Gundomar sein Roß herum, winkte mit der Hand, daß seine Ritter

ihm folgten, und sprengte dem Berge zu. Weit vor den anderen fuhr er

dahin, und die Hofleute sahen freudig auf den streitbaren Helden. Doch

hätten sie sein Antlitz geschaut, die Angst darin hätte sie gewundert.

Als er den steilen Bergweg hinaufritt, sank ihm das Haupt auf die Brust

und er seufzte schwer. Vor dem Wallgraben hielt er still wie einer, der

nicht ganz bei sich ist, er vergaß sein Begehr, zum Turme hinaufzurufen

und vernahm auch nicht, daß der Vogt ihn anschrie. Erst als der

drohende Ruf zum zweiten Male erklang, hob er das Haupt und starrte wie

ein Träumender um sich. Da rief der alte Berthold: »Ein Antlitz sehe

ich, das ich vorzeiten fröhlicher schaute. Bringst du Frieden, Herr, so

harre, daß ich dich unserer Herrin verkünde.« Er eilte von der Mauer,

nicht lange und das Tor wurde geöffnet, Gundomar winkte seinem Gefolge

zurückzubleiben und ritt allein in den Hof. Auch dort zögerte er

abzusteigen und zuckte am Zügel, als ob er wieder hinauswenden wollte.

Aber neben ihm erhob sich die alte Gertrud vom Boden: »Graues Silber

glänzt in deinem Haar, aber deine ersten Locken wuchsen, als ich dich

auf dem Arme trug. Kannst du dem Weibe deine Hand reichen, das allen

Söhnen Irmfrieds als Wärterin diente, so sei gesegnet.«

Gundomar schüttelte das Haupt und Gertrud rief zornig: »Sieh dorthin,

du Held, der Schlehenstrauch steht noch an der Mauer. Weiß ist die

Blüte, aber schwarz die Frucht; dort trank der Boden das Blut zweier

Brüder, die im Todeshaß gegeneinander schlugen. Dort binde dein Pferd

an, du Feind des Geschlechts. Sechs Söhne Irmfrieds sind deiner Rache

verfallen, nur das jüngste Kind ist noch übrig; ich denke, du kommst,

auch mit dem letzten den Kampf zu beginnen.«

»Schweig, Alte,« versetzte Gundomar grimmig, »führe mich zu deiner

Herrin.«

Gertrud wies auf die kleine Kapelle. »Traust du dich den Ort zu

betreten, wo die Sünden vergeben werden, so wirst du sie finden.«

Schwerfällig stieg der Held ab und trat in das Heiligtum. An einer Ecke

des Altars saß Edith auf den Stufen, sie wies auf die andere Seite.

»Dort sitze nieder, Gundomar, denn die Nähe der Heiligen tut uns beiden

not, wenn wir miteinander reden.«

Gundomar warf sich auf die Stufen des Altars, und es war ein langes

Schweigen im Raume. Als er sich aufrichtete, warf er scheue Blicke

nach Edith und sprach abgewandt: »Eine Lüge ist es, daß die Zeit

das Herz des Menschen wandelt. Die Wunde brennt heute, wo ich dich

wiedersehe, wie vor fünfundzwanzig Jahren. Die Krallen des Hasses und

der Eifersucht fühle ich, wie damals, wo ich dich verlor; und was die

Priester als schwere Sünde strafen, das hege ich unablässig in meinem

Innern, den heißen Wunsch, der mich zu dir treibt.«

Edith wandte ihm ihr Antlitz zu: »Du siehst eine Mutter, die ihre Söhne

großgezogen hat und im Witwenschleier des toten Gemahls gedenkt.«

»Blicke mich nicht an mit deinen Augen, deren lichter Glanz mich einst

selig machte. Nicht die Mutter erkenne ich und nicht die Witwe eines

anderen, nur das Weib, das ich selbst begehrt habe.«

Edith schob ihr Gewand zusammen und wandte sich ab.

Aber Gundomar fuhr fort: »Wie im Traum habe ich dahingelebt alle diese

Jahre, nur meine Sehnsucht nach der einen und mein Haß gegen einen

anderen haben wahrhaft in mir gebrannt; alles übrige war mir wie ein

Spiel der Gaukler. Oft habe ich gebüßt und die Geißel über meinem

Rücken geschwungen, aber fruchtlos war das Fasten und vergeblich die

Schläge, denn die bösen Feinde versuchten mich immer wieder. Noch hier

merke ich sie,« raunte er scheu um sich blickend. »Vieles habe ich auf

Erden erlebt, sündige Liebe und sündigen Haß, ich sah, wie man eine

Krone gewinnt und was die Herrlichkeit der Welt wert ist. Unterdes,

wenn die warme Himmelssonne mich bescheint, fühle ich den Eisfrost in

meinen Gliedern, verleidet ist mir diese Erde und ich schmecke die

Galle aus dem Honig. Mich jammert, daß die Menschen so begehrlich sind

nach Goldschmuck und Kampfspiel und nach nichtiger Ehre. Das sage ich

dir, da ich dich wiedersehe gegen deinen Willen, damit du mich nicht

hassest, wenn du an mich denkst. Denn nur an deiner Meinung ist mir

gelegen, um die andern sorge ich wenig. Ich ringe und suche, was mir

die Kraft gibt, zu überwinden, damit mir das ewige Erbarmen nicht

fehle.«

Edith wies nach dem Kreuz auf dem Altare: »Meide den König und suche

dir einen anderen Herrn.«

»Ich denke daran bei Tag und Nacht,« antwortete Gundomar leise. Und

sich erhebend, fuhr er mit verändertem Tone fort: »Der König sandte

mich. Forderst du meinen Rat, so weißt du, daß ich dir nichts berge.«

»Rate mir, so wahr du ein Sohn dieses Geschlechtes bist.«

»Dem König liegt am Herzen, seine Hoheit in einem Herrengericht zu

erweisen. Dazu bedarf er die Geraubte und dich ladet er zur Mehrung

des Ansehens. Ich rate dir, daß du gehst. Denn der wird den Königen am

meisten verhaßt, der sie hemmt, wo sie vor dem ganzen Volk ihre Würde

erweisen wollen.«

Edith machte eine abweisende Bewegung und Gundomar fuhr fort: »Willst

du dem König in der Burg widerstehen, so vermagst du das ganz wohl;

denn ihm fehlt alles Sturmgerät, und er kann nur wenige Tage vor diesen

Mauern liegen, weil die Königspflicht ihn übermächtig nach dem Süden

treibt. Beim Abzug wird er dem Gerhard und den Grafen in der Ebene die

Fehde gegen dich und die deinen übergeben. Auch diesen Feinden kannst

du siegreich entgegentreten. Merke, Edith, die Burg und den jüngsten

Sohn vermagst du lange gegen den König zu bewahren, nicht die Häupter

der Söhne, welche in seiner Gewalt sind. Denn diese wird er Rache

heischend werfen. Kommst du dagegen mit der Jungfrau in sein Heerlager,

so denkt er vielleicht auch an deinen Wert und an dein Herzeleid. Darum

flehe ich dich an, Edith, daß du mir folgst.«

»Rate anderes, Gundomar; die Braut meines Sohnes und die Burg übergebe

ich nicht.«

»Was frommt die Brautschaft, wenn der Bräutigam schwindet, und wie

kannst du ihm die Burg bewahren, wenn du ihn selbst verlierst.«

Edith barg ihr Antlitz in den Händen. »Du sprichst die Wahrheit. Aber

wo die Gedanken in der Seele feindlich gegeneinander ringen und der

Mensch angstvoll zweifelt, was ihn retten werde, da findet er einen

Trost, wenn er treulich die Pflicht tut, welche ihm aufgelegt ward. Der

Herr dieser Burg und der Jungfrau hat uns geboten, beide festzuhalten;

seinem Gebot folge ich, was uns allen auch darum geschehe.«

»Du verdirbst dich und andere,« rief Gundomar heftig. »Wohlan, manchen

Dienst habe ich dem König geleistet und ich meine, er wird sich

scheuen, mir die Ehre zu kränken. Um deinetwillen will ich wagen,

was Heinrich mir nicht befahl. Ich biete dir mit der Jungfrau und

dem jüngsten Sohne freies Geleit zum Gerichte des Königs, und wenn

du es nach dem Gericht begehrst, wieder in die Burg zurück. Bis zu

eurer Rückkehr mögen deine Dienstmannen die Burg halten, nur daß sie

friedlicher Botschaft des Königs den Zutritt nicht weigern, wenn er

sich Zeugen rufen will zu seinem Gericht.«

Da erhob sich Edith: »Gelobe mir, Gundomar,« und er warf sich am Altar

nieder und legte die Finger auf sein Schwert.

* * * * *

Unterdes war der König nach dem Hofe gesprengt, in welchem er rasten

wollte. Als er durch das Gedränge von Edlen und Landleuten schritt,

und hier und da anhielt, um einem ehrenwerten Mann Gnade zu erweisen,

erkannte er Heriman, den Goldschmied, welcher sich demütig verneigte.

Der König winkte ihm ein wenig zu. Und da er seltene und kostbare

Waren, wie sie der Goldschmied häufig aus der Fremde brachte, gern

ansah und kaufte, so befahl er seinem Kämmerer: »Frage den Heriman, ob

er etwas begehrt oder etwas bringt; begehrt er, so laß du dir seinen

Wunsch sagen, und bringt er, so führe ihn zu mir.« Dem Eintretenden

rief er gütig entgegen: »Wie gedeihen dir deine Fahrten auf des Königs

Straße?«

»Wir Thüringe danken dem König, daß er die Raublust der Schildträger

gebändigt hat,« versetzte Heriman.

»Dennoch wagt sich freche Gewalttat auf die Straße, sobald der König

nur den Rücken kehrt. Ich bin hier, um über einen Friedensbruch zu

richten, der euch Erfurter nahe genug angeht; und ich denke eine

Warnung zu geben, welche andere Missetäter abschrecken soll, damit

friedliche Leute wie du zu Ehren des Königs gedeihen. Was birgst du

Gutes in deinem Sack? laß sehen.«

»Nur wenig habe ich, was wert ist, von dem König betrachtet zu werden,«

versetzte der Goldschmied, öffnete einen Lederbeutel und breitete

seine Schätze auf den Tisch: geschliffene Edelsteine, goldene Borten

und zierliche Ketten, Gewürze und Balsam aus dem Orient in seltsamen

Kapseln, Schnitzwerk aus Elfenbein, Dolche und Messer mit kostbarem

Griff und Scheide.

Der König betrachtete mit Kennerblick Schmuck und Steine und schob hier

und da ein Stück zurück. »Was bewahrst du in dem Kästlein?«

»Es ist ein Ring,« versetzte Heriman, »mit dem Stein, den sie Saphirus

nennen, er verändert die Farbe, wenn der Ringfinger einen Becher

berührt oder auch einen Teller, in welchem Gift ist. Der Stein wird

jetzt sehr begehrt von vornehmen Geistlichen und Laien.«

Der König warf einen gleichgültigen Blick darauf und wies an seinem

Finger einen Ringstein derselben Art. »Nicht jeden Helden meines

Geschlechts hat dieser Stein vor dem Verderben bewahrt, Heriman, es ist

sicherer, den eigenen Augen zu vertrauen, als der Warnung, welche aus

Steinen kommt.«

»Besseres hoffe ich dem König zu bieten,« versetzte Heriman, »sobald

ich von der nächsten Fahrt über den Rhein zurückkehre. Denn was hier

im Lande Pilger und fremde Händler zutragen, das gelangt meist in die

Hände der ungläubigen Juden, und diese legen es zuerst dem ehrwürdigen

Herrn Willigis vor, weil er ihr Schutzherr ist; ich aber dem Könige.«

»Du meinst also, die Juden stören dir das Geschäft,« frug der König,

einen Edelstein gegen das Licht haltend.

»Sie haben das Geld, und wer mit kostbarer Ware handelt, vermag sie

nicht zu entbehren. Auch klage ich nicht über sie, zumal Herr Willigis

ihnen günstig ist, weil sie seiner Macht in der Stadt nützen.«

»Und dir gefällt die Macht des Erzbischofs in der Stadt Erfurt,« warf

der König hin, in Betrachtung des Steines vertieft.

»Ein weiser Herr ist Willigis; bald werden die Mauern der Stadt zu

enge sein für die Zahl der Unfreien, welche er von den Hufen des

Stiftes und anderswoher unter seinem Gericht versammelt. Wir alten

Burgmannen aber, die wir uns rühmen, von den Vätern her freie Leute

zu sein, sehen ungern, daß der Vogt des Königs nicht mehr allein zu

Gericht sitzt, denn es fehlt nicht an Schlägereien zwischen unseren

Leuten und den Zugehörigen des Erzbischofs. Ich fürchte, in kurzem sind

wir die Minderzahl. Doch wir wissen, es ist schwer, den Heiligen zu

widerstehen.«

Der König legte den Stein weg und frug in verändertem Ton: »Wie war's

mit dem Raub der Grafentochter? Erzähle, was du davon weißt.«

»Die Leute des Erzbischofs haben die Notglocke geläutet,« entgegnete

Heriman vorsichtig, »sonst würde die Stadt wenig davon wissen, zumal da

niemand erstochen wurde. Selten vergeht eine Woche, wo nicht größerer

Lärm in den Gassen ist. Unter den Burgmannen sind viele dem Helden Immo

und seiner Sippe wohl geneigt; denn diese gelten sonst im Lande für

redliche Männer, und wer ungerecht bedrückt wird, findet zuweilen bei

ihnen Schutz.«

Der König sah mit großen Augen auf den Goldschmied und befahl streng:

»Packe deinen Kram ein, ich will heute deine Steine nicht sehen; denn

du kommst nicht um des Kaufes willen, sondern du begehrst etwas anderes

von mir.«

»Als ich todwund am Idisbach lag,« antwortete Heriman, seine Steine

langsam in den Sack sperrend, »da war es Held Immo, der mich aufhob,

und ihm verdanke ich, daß ich heute vor den Augen des Königs stehen

kann. Ich wäre niederträchtig, wenn ich nicht gut von ihm redete, da

der König zuerst mich seinetwegen gefragt hat.«

Heinrich nickte: »Du hast recht, laß nur liegen.« Heriman packte

aus, und der König sah wieder auf die Steine. »Also die Leute des

Erzbischofs schlugen an die Glocke. Ich höre, daß einige aus der

Stadt den Räubern Vorschub leisteten und sogar mit ihren Wehren die

Bewaffneten des Herrn Willigis an der Verfolgung hinderten. Weißt du

auch darüber etwas?«

Heriman besann sich. »Sie sagen, daß ein scharfer Schwertschlag

getauscht wurde, und daß Held Immo nur darum ins Unglück kam, weil er

einen andern, der, wie sie sagen, ein Erfurter war, nicht unter den

Schwertern der Reisigen zurücklassen wollte. Und da manche in Erfurt

glauben, daß der Held wegen seiner Treue gegen ein Stadtkind verwundet

und gefangen wurde, so trauern diese über sein Unglück.«

Da schob der König den Kram heftig von sich und stand auf. »Räume fort,

ich will gar nichts mit dir zu tun haben.«

Heriman öffnete zum zweitenmal seinen Beutel und packte ruhig ein.

»Wenn der Herr König meint, daß die Erfurter Lämmern gleich sind,

welche sich scheren lassen und dann noch aus der Hand, die sie

geschoren hat, das Futter nehmen, so kennt er seine treuen Bürger

nicht. Bei uns lebt mehr als einer, der einen Racheschwur gegen den

Grafen Gerhard getan hat, weil dieser ein raubgieriger und ungerechter

Mann ist.«

»Jetzt verstehe ich,« versetzte der König sich setzend. »Das an dem

Dolch ist ja wohl Byzantiner Arbeit, laß sehen.« Und Heriman packte

wieder aus. »Wie kommt's, daß man den Mann nicht mit Weiden geschnürt

hat, der, wie du sagst, für den Räuber Immo das Schwert zog, und dem

der Räuber, wie du sagst, Treue erwies. Mich wundert's, daß einer, der

des Königs Frieden so frech gebrochen hat, frei in den Gassen wandelt.«

»Die Wächter des Erzbischofs waren Stadtfremde,« entgegnete Heriman

argwöhnisch nach dem König blickend, »und die Erfurter haben vielleicht

nicht sehr nach dem Einheimischen gesucht. Auch hat der Bürger eine

Gewohnheit. Bevor er im Zwielicht das Schwert zieht, so streicht er

sein Haar, wenn er es lang trägt, über das Gesicht; vielleicht birgt er

auch seine Glieder in einem wendischen Kittel.« Er trat an den Tisch,

bereit die Steine wieder einzupacken.

»Laß nur liegen,« sprach der König, »ich sehe, dein Haar ist kurz

genug. Sagtest du nicht, daß sich die Dienstleute des Erzbischofs zu

eurem Schaden in der Stadt mehren?«

»Herr, die Stadt wird dabei groß, und wenn auch schlechtes Volk unter

den Zugewanderten ist, so muß man doch zugeben, der Stiftsvogt des

Mainzers hält über seine Leute strenges Gericht. Nur sorgen bei uns die

Alten, welche Bescheidenheit haben, daß die Königsmacht dadurch kleiner

wird, und daß sie vielleicht einmal ganz schwindet.«

»Denken viele wie du, daß sie lieber dem König dienen wollen als dem

Erzbischof?«

»Das Mehrteil wird sagen, es kommt darauf an, wie der König ist und

wie der Erzbischof ist. Dennoch, wenn der König eine starke Hand hat

und sein Vogt billig denkt, so wird der Bürger freudiger einem Helden

dienen, der ein Schwert trägt, als einem geschorenen Haupte.«

»Ihr selbst sitzt am liebsten daheim; aber ihr hört es gern, wenn

der Spielmann vor euch singt, wie die Knie des Königs im Drange der

Schlacht wund gerieben wurden,« sagte der König mit trübem Lächeln.

»Gemächlicher ist dein Herdsitz, Heriman, als der Sitz deines Königs,

welcher das ganze Jahr im Sattel reitet. Geh in Frieden mit deinen

Waren, dies hier habe ich für die Königin ausgewählt, laß dir den

Preis von meinem Kämmerer zahlen. Und vernimm noch eins, was ich dir

in deiner Redeweise vertrauen will. Die bescheidenen Leute in Erfurt

und anderswo meinen, der Mann handelt unweise, welcher mit unbedecktem

Haupt auf der Straße läuft, wenn der Hagel herunterschlägt. Besser täte

er, sein Antlitz zu bergen, bis das Wetter vorübergerauscht ist.«

»Das ist gute Lehre,« versetzte Heriman demütig, »zumal wenn sie ein

König gibt. Aber wir im Lande haben ein Sprichwort, womit wir uns

trösten: je treuer der Sinn, desto dicker der Kopf.«

Als Heriman das Gemach verlassen hatte, sprach der König zu dem

eintretenden Kämmerer: »Das ist ein redlicher Thüring. Sorge, daß er

sein Geld ohne Verzug erhält.«

12.

Das Gericht des Königs.

Auf niedriger Anhöhe stand unweit dem Mühlberg eine große Linde; dort

wurde innerhalb gezimmerter Schranken dem König der Richterstuhl erhöht

und Sitze für die Großen des Reiches, welche in seinem Gefolge ritten.

Die Diener breiteten Teppiche und Polster auf das Holzwerk, das Banner

des Königs ward aufgesteckt, der Rufer trat an den Eingang des Geheges

und die Leibwächter schritten mit ihren Spießen in die Runde, das

versammelte Volk abzuwehren. Die Frühlingssonne schien warm und die

Lerchen sangen freudig von der Höhe, aber Landleute und Burgmannen,

welche in großen Haufen herzugeeilt waren, hielten sich abseits,

sprachen leise miteinander und sahen scheu nach dem Gerichtsbaum und

zurück nach dem Dorfe, bei welchem das Lager des Königs war. Nicht die

Ehrfurcht allein bändigte ihnen Stimme und Gebärden, sonst zogen sie

wohl einem scharfen Gericht wie einem Feste zu und freuten sich, wenn

das Haupt eines Missetäters auf den Rasen fiel; diesmal war den meisten

der Mut beschwert, entweder weil sie dem Helden Immo wohlgeneigt waren,

oder weil sie dem Grafen Gerhard geringes Glück gönnten.

In gesondertem Haufen standen die freien Bauern vom Nessebach, in

ihrer Mitte, der alte Baldhard mit Brunico und seinem Geschlecht,

und Baldhard streckte den Arm nach dem Ring der roten Berge aus, auf

welchen die Mühlburg ragte: »Seht dorthin.«

Auf dem Grunde lag der weiße Wasserdunst, darüber strahlten die Höhen

wie abgelöst vom Erdboden und wie von eigener Glut durchleuchtet. An

den waldlosen Stellen schimmerte das Erdreich hier rosenfarben und

blau, dort blutig rot. »Schaut alle,« rief Baldhard, »gleich rotem

Golde glänzt Erde und Stein. Manches Mal sah ich den alten Götterschein

an den Höhen, und jedermann aus der Umgegend kennt das Gleißen, das man

schwerlich an anderen Bergen schaut. Aber niemals erblickte ich solches

Feuer, und bekümmert fragen wir, was das blutige Licht dem alten

Landgeschlecht bedeute, gegen welches heute der Richterstuhl gezimmert

wird.«

Alle starrten mit scheuer Verwunderung nach den Hügeln.

Und Ruodhard, der Müller begann: »Die letzte Nacht war still und der

Mond stand am wolkenlosen Himmel, dennoch hörte ich im Berge ein

Dröhnen und Brechen; wie mit schweren Hämmern arbeiteten Riesenhände in

dem Gestein und ich sah, daß die Grauwölfe heulend die Nasen hoben und

in den Berg hineinfuhren.«

Da rief eine rauhe Stimme: »Die in der Tiefe hausen, rüsten sich, um

junge Helden zu empfangen, welche vom Tageslicht geschieden werden.«

Brunico stöhnte und wandte sich ab.

»Beklagst du die Söhne Irmfrieds?« frug die Stimme neben ihm. Brunico

sah auf eine riesige Gestalt in einem Rock von Wolfsfellen, das

buschige Haar des Mannes starrte wild um das Haupt, in dem Gurt steckte

eine Axt mit neuem Stiel. »Jammervoll ist dieser Tag, Eberhard,«

murmelte der Knappe.

»Du hattest dich einem von ihnen gelobt,« versetzte der Hirt finster,

»ich aber war allen Sieben ein Knecht von den Vätern her. Darum bin ich

neugierig zu sehen, wie meine Herren auf ihrem eigenen Grunde von einem

Fremden geschlagen werden.«

»Wisse, Eberhard, der König selbst ist gekommen zu richten.«

»Bis heute waren die Söhne Irmfrieds Könige des Waldes, trifft ein

fremder König die Sieben in den Nacken, wie mag ihr Knecht sich noch

seinen Herrn suchen? Der Stiel ist neu und das Eisen ist scharf.

Schwingt keiner der Herren die Axt in den Baum, so hebt der Knecht

selbst die Axt zu einem Herrenwurf, und er wählt sich das Ziel. Von

meinen Ebern bin ich entwichen, damit ich den fremden Richter schaue,

weißt du mir ihn zu zeigen?«

»Du wirst ihn erkennen, wenn er auf dem Richterstuhl sitzt,« antwortete

Brunico und wandte sich scheu von dem Wilden ab.

Der König ritt aus seinem Hofe auf das Feld hinaus. Die Leute sahen,

daß er einen Hauptmann der Reisigen zu sich winkte, und daß dieser nach

dem Lager der Königsmannen eilte. Gleich darauf tönten von dem Anger

Hörner und das Getöse einer aufbrechenden Schar.

Als der König herankam mit großem Gefolge von Geistlichen und Laien,

klang der Heilruf nicht freudig wie wohl sonst, und der König merkte

das und schaute düster über die Haufen. Die Leute vernahmen, wie der

Rufer Stille gebot und des Königs Gericht nach den vier Winden ausrief,

und sie drängten schweigend an die Schranken. Als darauf Immo zum

Hügel geführt wurde zwischen entblößten Schwertern und nach ihm seine

Brüder, da hörte man trotz dem Gebot des Schweigens lautes Klagen und

Jammern der Weiber, und viele knieten nieder, hoben die gefalteten

Hände und taten Gelübde, damit die Heiligen sich der Angeklagten

erbarmten.

Der König setzte sich auf den Richterstuhl und ergriff den weißen Stab,

an welchem das goldene Königszeichen einer Lilie ähnlich glänzte.

Erzbischof Willigis trat mit den Bischöfen und Edlen, welche der König

zu Ratgebern gewählt hatte, vor den Stuhl und begann: »Da des Königs

Würde selbst den Spruch tun will gegen den edlen Thüring Immo wegen

Raubes einer Jungfrau und wegen Friedensbruch, so ist uns das Vorrecht

geworden, im Rat zu sitzen über die Tat und die Rache. Denn so ist es

Brauch, wenn der Spruch des Königs gegen das Leben eines Edlen geht.

Was wir befunden haben, verkündet jetzt mein Mund dem Könige, wenn

seine Hoheit es vernehmen will.« Der König winkte und der Erzbischof

fuhr fort: »Gegen die ruchbare Tat des Helden Immo und seiner Brüder

hat Graf Gerhard Klage erhoben wegen des nächtlichen Raubes seiner

Tochter Hildegard aus dem Dach der Herberge, und daneben mein Vogt zu

Erfurt wegen Friedensbruches und schwerer Verwundung seiner Reisigen.

Darum möge die Gerechtigkeit des Königs erwägen, ob die schwere Tat

verübt wurde gegen die Jungfrau selbst, gegen den Vater und gegen den

Frieden der Stadt. Bekunden ehrliche Zeugen, daß der Mann Immo ein

Räuber der Magd war, so büße er mit seinem Haupt und Leben. Hat er nur

durch gezücktes Schwert den Frieden der Straße geschädigt, so möge der

König ihn strafen, nicht an seinem Leben, aber an seinen Gliedern,

an seiner Freiheit, an Gut und Habe, wie es dem König gefällt. Seine

Gesellen aber, weil sie als jüngere Brüder die Treue des Geschlechtes

erwiesen haben, möge der König strafen oder verschonen.«

Der König antwortete: »Ich rühme den Rat, den ihr Bischöfe und Herren

gefunden, als gerecht und billig.« Aber hart war der Ausdruck seines

Angesichts, als er auf die Gefangenen hinsah.

»Sind hier alle Söhne des toten Irmfried versammelt? Von sieben

Nestlingen hörte ich singen und sagen.«

Gundomar trat heran. »Einer ist zurück, der jüngste Sohn Gottfried;

schuldlos ist er, Herr, und hat keinen Teil an diesem Frevel seiner

Brüder.«

»Ist er schuldlos, warum wird er dem Auge des Königs entzogen?« frug

Heinrich, »brachtest du ihn von der Burg, so führe ihn her.«

Gundomar eilte aus dem Ring und Gottfried trat in die Schranken. Er

trug das Panzerhemd, das ihm die Brüder geschenkt hatten, um das runde

Gesicht ringelten sich die goldenen Locken. In holder Scham stand er

da; auf eine leise Mahnung seines Begleiters trat er näher, kniete vor

dem König nieder und senkte sein Haupt.

Der König sah überrascht auf den Knaben. Im Kreise der Herren erhob

sich ein beifälliges Gemurmel und aus dem gedrängten Volke klangen

Heilrufe der Männer und Segenswünsche der Frauen. Der König erkannte,

daß die Edlen und das Volk ihn rühmen würden, wenn er dem Unschuldigen

seine Gnade erwiese. Und da ihm der Knabe gefiel, so gedachte er

bei sich, das Geschlecht nicht ganz zu vernichten, sondern diesen

zu bewahren und er sprach gütig zu ihm: »Steh auf und sieh mir ins

Gesicht.«

Gottfried starrte aus seinen großen Augen so erstaunt den König an,

daß dieser lächelte. »Tritt näher,« gebot er, faßte den Knaben bei

der Hand und strich ihm über die Wange. »In jungen Jahren trägst du

das Eisenhemd, wer hat dich so früh mit dem Schwert gewappnet, du

Singvogel? Noch ziemt dir nicht der wilde Flug. Danke den Heiligen, daß

jene dich bei ihrem nächtlichen Ritt zurückließen.«

»Gern wäre ich mitgeritten,« antwortete Gottfried arglos, »und mich

reut gar sehr, daß ich's verschlafen habe.«

Da lachten die Herren ringsum über die Kinderstimme und nickten

einander zu. »Ich merke,« sagte der König, »wir sind hier in dem Lande,

wo schon die Nestvöglein trotzig singen, wenn auch ihre Stimme noch

fein ist. Daß du den Ritt verschlafen hast, Knabe, war dir diesmal

größeres Glück als die beste Heldentat. Sieh auf deine Brüder; der

einzige bist du aus deinem Hofe, der ein Schwert trägt, obgleich es in

deiner Hand noch schwerlich tiefe Wunden schlagen wird.«

Gottfried sah erschrocken auf seine Brüder, gürtete sich schnell das

Schwert ab und legte es dem König zu Füßen. »Verzeiht mir, Herr König,

ich will nicht anders gehalten sein als meine Brüder, laßt mich das

Unglück, das sie trifft, auch teilen,« und er lief von dem König zu den

Gefangenen und stellte sich als letzter in ihre Reihe. Aber Gundomar

ergriff ihn bei der Hand und führte ihn zum Stuhl des Königs zurück.

»Hebe dein Schwert auf,« befahl der König gnädig, »damit ich dich

selbst damit umgürte; als Kriegsmann sollen dich, Gottfried, Sohn des

Irmfried, von heute an meine Edlen ehren.«

Da erhob sich ein Summen und Brausen in der versammelten Menge, und

es verstärkte sich zu einem donnernden Heilruf für den König, so daß

dieser wieder befremdet über das Volk sah. Denn die Leute hofften, daß

die Huld, welche der König dem Jüngsten erwies, eine gute Vorbedeutung

sei für das Schicksal der anderen Brüder. Aber solche, die den König zu

kennen meinten, urteilten anders.

Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts · 第 12 / 16 题