»Wie ich so an der Mauer herumschlich, vernahm ich, daß die Fechter
des Grafen in einem Erdloch miteinander zankten wegen der dreizölligen
Wunden, welche der König an ihnen sehen will.«
»Wie?« frug der König, »was habe ich mit den Fechtern des Grafen zu
tun?«
Aber Brunico, der froh war, jetzt aus seinem Gedächtnis die Rede eines
andern herauszuholen, fuhr herzhaft fort: »Ich selbst vernahm, daß der
Herr König die fahrenden Leute mißachtet, insbesondere die Weiber,
welche im Tanzen ihr Gewand abwerfen. Ja, man sagt, daß ihm alle Weiber
verleidet sind. Aber die Kämpfer beachtet er. Darum forderte Graf
Gerhard, daß seine Fechter vor dem Könige kämpfen sollten, dagegen
forderten wieder die Fechter eine Begabung. Als ich so über ihnen lag,
hörte ich sie weiterhin von den Waren sprechen, welche sie für ihren
Herrn von einem Kaufmann geraubt hatten. Das verkündete ich dem Helden
Immo, als er sich zu mir fand; wir berechneten die Zeit und suchten
die Spur der beiden Räuber; nicht lange, so fanden wir den Heriman,
den mancher von uns kannte, Immo verband die Wunden, wie er im Kloster
gelernt hatte, wir luden den Heriman auf unsern Wagen, brachen auf,
sobald der Morgen graute und schlugen uns südwärts in die Wälder. Mein
Gespiele Immo aber harrte mit einigen der schnellsten Knaben als Späher
im lichten Holz, wohin sich Graf Gerhard wenden werde. Ich blieb
unterdes bei den Karren und dem Heriman.«
Der König nickte. »Du hast alles treulich berichtet. Sorge, Gundomar,
daß Kundschafter ihn begleiten, die mit den Waldwegen Bescheid wissen.«
Er winkte Entlassung, aber Brunico stand unbeweglich und glättete aufs
neue an seinem Eisenhut. »Was begehrst du noch?« frug der König.
Brunico überlegte. »Auch gibt es noch eine Geschichte von einem Bündel,
welches mir Heriman für den Herrn König anvertraut hat.«
Heinrich sprang auf und packte den Arm des Thürings. »Wo ist die
Botschaft, wo ist das Bündel?«
Brunico sah den König gekränkt an. »Behalten will ich's nicht.«
Er wandte sich vom König ab und arbeitete mit den Händen längere
Zeit innerhalb seines Panzerhemdes, endlich brachte er eine kleine
Ledertasche heraus. »Sie soll für den Herrn König, aber mein Gespiele
weiß noch nichts davon,« sagte er und sah zweifelnd auf die Tasche.
Heinrich riß sie ihm aus der Hand, öffnete und rief Gundomar zu: »Die
Briefe sind es aus Magdeburg und dem Sachsenland, lange ersehnt und
glücklich geborgen. So ist doch unsere Fahrt gelungen und auch du hast
die Stöße nicht vergebens erhalten. Laß mich allein und diesen nimm mit
dir, er hat guten Botenlohn verdient.«
Als die Nacht über dem Heerlager heraufstieg, Männer und Rosse ermüdet
schliefen und die Lagerfeuer niedrig brannten, sah man noch immer im
Zelt des Königs das brennende Licht und Schatten seiner Boten, welche
herzu und hinaus eilten.
7.
Vor der Festung.
Im Ringe um das Königszelt wachten die Bogenschützen Immos; denn der
König hatte, um die kleine Schar zu ehren, ihr neben seinen Bayern
den Schutz des eigenen Leibes anvertraut. Zwei von ihnen hielten die
Speerwache am Eingang des Zeltes, die andern saßen nach altem Brauch,
den Bogen in der Hand, den Pfeil an der Senne, in weitem Kreise umher
und wechselten nur kurze Worte mit gedämpfter Stimme. Immo stand nahe
dem Zelt und schaute mit lebhaftem Anteil in das Tal vor seinen Füßen,
auf die Mauern und Türme der großen Feste, von welcher das Banner
des Babenbergers trotzig gegen das Königszelt wehte. Der Mauerring
war vor alter Zeit durch Sorben oder Böhmen im verwüsteten Grenzland
errichtet worden, und die Babenberger hatten ihn mit ihrer besten Kunst
erhöht, so daß er jetzt die stärkste von allen Burgen des Markgrafen
war. Darum hatte dieser seine Gemahlin, seine Kinder und Schätze darin
geborgen, viele seiner besten Helden hineingesetzt und seinen eigenen
Bruder als Befehlshaber. Gegen die Burg war der König wie ein Sturmwind
hereingebrochen und hielt sie mit eisernem Griff umklammert. Seine
Heerhaufen lagen unter ihren Bannern rings um den Bach, der in seinen
Armen die Festung einschloß, die Hütten und Zelte füllten den Talrand
und zogen sich an den Hügeln hinauf. Lange Züge von Gespannen führten
Fichtenstämme aus den Wäldern heran, und Scharen von Zimmerleuten
fügten das Holz zu hohen Türmen, von denen die Bogenschützen gegen
die Verteidiger der Mauer kämpfen sollten. Hier und da ragte ein
Sturmbock aus dem Haufen der Arbeiter, das Holzgerüst, in welchem an
starker Kette ein mächtiger Baumstamm hing, der von hinten nach vorn
geschwungen, auch festen Mauern das Gefüge zerbrach. Von allen Seiten
scholl kriegerisches Getöse zu dem Schlag der Äxte und Hämmer. Hornruf
trieb die Arbeiter zum gleichzeitigen Heben der Lasten und einzelne
Heerhaufen zum Ausschwärmen oder zum Rückzug. Längs dem Wasser lagen
hinter Holzschirmen oder in der Deckung, welche der Boden gab, behende
Bogenschützen, welche ihre Pfeile nach jedem Haupt und Arm richteten,
die sich über die Mauerbrüstung erhoben. Gegen die Schützen fuhren von
oben geschleuderte Speere und Steine, zuweilen, wenn ein größerer Haufe
näher herandrang, flog ein spitzer Baumpfahl oder ein Felsstück aus der
Standschleuder des Turmes. Dann erscholl ein heller Warnungsruf und der
Haufe stob auseinander, doch wer getroffen wurde, blieb zerschlagen am
Boden.
Immo trat schnell zurück und grüßte den Speer senkend, als der große
Erzbischof Willigis von Mainz, der mächtigste Herr nach dem Könige,
begleitet vom Kanzler, aus dem Zelte trat. »Oft sah ich Helden in der
Blüte des Lebens niedergemäht vom Schwert der Feinde oder durch den
Willen der Könige,« begann der Erzbischof, »und mir scheint, wer sich
am herrlichsten erhebt, den wirft sein Geschick am tiefsten. Dennoch
traure ich über den Fall des Ernst von Östreich, denn gleich einem
wonnigen Frühlingstag erschien sein Leben dem Volke. Aber der König
fühlt kein Erbarmen.«
»Ihr kennt ja selbst unsern Herrn, ehrwürdiger Vater,« versetzte der
Kanzler, »er ist mild, wenn er vertraut, aber wo er sich rächt, begehrt
er die Vernichtung.«
Der Erzbischof mahnte seinen Begleiter durch einen Blick auf Immo,
zu schweigen, der Kanzler wandte sich grüßend an den Jüngling. »Du
siehst, Held Immo, daß der Brief deines Abtes dir eine gute Stätte
bereitet hat, ich freue mich, daß der König gegen dich huldvoll gesinnt
ist. Auch ich habe wohl Günstiges zu ihm gesprochen, und wenn du eine
Gelegenheit findest, mir gute Dienste zu tun, so hoffe ich, du wirst es
an dir nicht fehlen lassen.«
Das Zelt öffnete sich wieder, von Gundomar und Wächtern begleitet trat
Graf Ernst in das Freie. Er hatte sein Todesurteil empfangen, aber er
trug sein Haupt hoch und grüßte mit würdiger Haltung die geistlichen
Herren. Da begegnete sein Auge dem Blick Immos, welcher ihn mit
Bewunderung und Trauer betrachtete, schnell trat er auf ihn zu und
begann: »Ich kenne dich wohl, Held, dein Schwertschlag war es, der mir
die Kraft lähmte, wo ich ihrer am meisten bedurft hätte, und du bist
es, der mein Haupt unter das Urteil eines strengen Richters gebeugt
hat. Aber willig rühme ich heut, daß du mannhaft gegen mich gestanden
hast. Es war ehrlicher Kampf, ohne Groll scheide ich auch von dir.« Und
er bot ihm die Hand.
Immo hielt die Hand fest und antwortete bewegt: »Oft, wenn ich von
euren ruhmvollen Taten vernahm, dachte ich, daß es mein größtes Glück
sein werde, dereinst im Schwertkampf an eurer Seite zu stehen. Jetzt
rührt es mein Herz, daß es diese Waffe war, die euch im letzten Kampfe
traf, und willig wollte ich die teure Ehre dahingeben, wenn ich euch
dadurch retten könnte.«
»Hilfe für mich ist nur noch beim Himmelsherrn,« versetzte der Graf mit
einem Blick auf den Erzbischof, »dir aber mögen die Heiligen besseres
Erdenglück zuteilen als ich empfing.« Mit gehaltenem Gruß wendete er
sich ab.
Gundomar aber begann unfreundlich gegen Immo: »Dem Helden stand wohl
an, dich mit Worten zu ehren, dir aber rate ich zu bedenken, daß ein
günstiger Schwertschlag noch keinen zum Helden gemacht hat.«
»Ich traf so gut ich vermochte und denke dasselbe gegen jeden zu tun,
der mir feindlich entgegentritt,« entgegnete Immo.
»Auch der Grashalm steigt üppig empor, wenn ihn die warme Sonne
bescheint, der erste Wetterregen schlägt ihn zu Boden,« spottete
Gundomar.
»Nicht eure Freundschaft hob mich empor, als ich auf dem Boden lag,«
versetzte Immo.
Als die beiden Helden einander gegenüberstanden, mit blitzenden Augen
und geröteten Wangen, da sahen die Anwesenden mit Staunen, wie gleich
sie einander in Antlitz und Gebärde waren, beide hochragende Gestalten
mit breiter Stirne und starken Augenbrauen, mit gewölbter Brust und
starken Gliedern; voller und heller ringelte sich das Haar Immos, in
den dunkleren Locken Gundomars schimmerten einzelne Silberfäden, aber
an Haltung und Gebärde glichen sie einander wie Brüder, ähnlich klang
sogar der Ton ihrer Stimme.
»Verzeiht, ehrwürdiger Vater,« wandte sich Gundomar zum Erzbischof,
»daß leerer Wortwechsel in eurer Gegenwart laut wurde. Mir ist das
Gemüt beschwert durch das Los eines edlen Waffengefährten.«
»Leicht eifern die Helden gegeneinander,« versetzte der Erzbischof
rücksichtsvoll, »auch wenn sie von einem Geschlechte sind. Bei der Not
des einen denkt der andere doch, was seiner Ehre geziemt.«
Während Immo den abwärts Schreitenden finster nachblickte, sah er vor
sich zwei Zeigefinger übers Kreuz gelegt und hörte nahe an seinem Ohr
die fragenden Worte: »~Es tu scolaris?~« Dies war der vertrauliche
Gruß, woran die lateinischen Schüler im Lande einander erkannten, und
der ihn so grüßte, war der König. Ehrerbietig trat er zurück und neigte
die Waffe. »Ich höre, dein Oheim sähe dich lieber im Kloster als im
Heerlager.«
»Ich bin ihm verleidet,« antwortete Immo, »und ich sorge, daß sein
übler Wille mir die Huld des Herrn Königs mindere.«
»Das besorge nicht,« versetzte Heinrich trocken. »Zudem magst du
wissen, daß Held Gundomar seine Feinde lieber ins Antlitz schlägt
als hinterrücks angreift; und soll ich dir Gutes raten, so meide
seine Nähe, wenn er die Brauen grimmig zusammenzieht, wie er manchmal
tut. Doch ein anderer Held hat dir, wie ich vernahm, besseres Lob
gespendet.« Er wies nach dem Wege, auf welchem Graf Ernst zwischen den
Wächtern ging. »Gräme dich nicht, daß du den Spielleuten ihren Helden
genommen hast; denn er ist einer von den Recken, welche durch das Lied
müßiger Gesellen gefeiert werden, selten aber durch das Lob bedächtiger
Männer. Sie werfen ihren Handschuh hierhin und dorthin und kämpfen
wie Bären um eine hohle Nuß, unbekümmert, ob Land und Leute darüber
zugrunde gehen. Darum gleicht auch ihr Ruhm der lodernden Schindel,
welche beim Hausbrande fliegt, wie gerade der Wind sie treibt, bis sie
am Boden flackert und in Finsternis verlöscht.«
»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo demütig, »wer unter dem Helme reitet,
wie mag der den Stolz auf große Taten entbehren?«
»Der Weise aber nennt eine Tat nicht darum groß, weil sie mit schwerer
Lanze und starkem Arm vollbracht wird, sondern weil sie großen Nutzen
bereitet. Vieles, was leise ins Ohr geraunt wurde, schuf besseren
Segen, als der wildeste Sprung über die Heide.«
»Dennoch verzeihe mir der König, wenn ich sage, wenige werden freudig
das Schwert schwingen und in den Feind reiten, wenn ihnen nicht die
Ehre, die sie gewinnen, der liebste Schatz auf Erden sein darf.«
»Du denkst ganz wie die Laien,« schalt der König, »ich traute dir
bessere Einsicht zu. Da du im Kloster warst, solltest du gelernt haben,
daß es höhere Siege gibt, als mit Schild und Schwert, indem man die
Seelen der Helden und der anderen begehrlichen Menschen bezwingt, damit
man ein Herr wird über sie.«
»Das ist das Amt des Königs,« antwortete Immo. »Ich habe gehört, daß
der große Kaiser Karl, der König Etzel und andere gewaltige Herren,
von denen die Sage kündet, sich ausdachten, was ihnen nützen könnte,
und dann ihre Helden sandten, damit sie es vollbrächten, zu dem einen
Werk die Klugen, zu dem andern die Starken; und daß sie jeden zu
gebrauchen wußten, wozu er diente. Ich aber bin nur einer, der dem
König mit seinem Schwerte dienen will. Und ich begehre die Ehre eines
Helden, welche mir gebietet, meine Genossen lieb zu haben und mich an
meinen Feinden blutig zu rächen. Ob die Rache auch zum Amt eines Königs
gehört, das weiß ich nicht.«
Heinrich sah ihn mit großen Augen an. »~Immo, tu es scolaris~. Du bist
weit schlauer, als ich dachte. Was willst du mir zu verstehen geben?
Fahre fort.«
»Herr,« sprach Immo kühn, »als ich den Grafen Ernst abwärts führen sah,
da fiel mir aufs Herz, ein hochgesinnter Held wie dieser vermöchte dem
König wohl noch seine Treue durch gute Dienste zu erweisen. Denn sie
sagen, daß er nur deshalb in Empörung und Unglück gekommen ist, weil er
dem Hezilo als Anverwandter die Treue gehalten hat.«
»Dem König aber hat er die Treue gebrochen,« rief Heinrich.
»In Zukunft könnte er wohl dem König allein nützen, denn des Königs
Würde versteht, wie man die Seelen der Helden und der anderen
begehrlichen Menschen zwingt, damit sie gehorsam dienen.«
»Hat St. Wigbert dir so gut die Zunge gelöst,« frug der König, »daß du
sie gegen mich für einen Verräter zu gebrauchen wagst?«
Immo beugte das Knie. »Mit dem Schülergruß wurde ich angerufen; habe
ich zu dreist gesprochen, so möge die Gnade des Königs mir verzeihen.«
Der König nickte. »Du hast recht und ich werde mich hüten, dir noch
einmal das Fingerkreuz zu zeigen, damit du mir nicht wieder eine
Lektion hersagst.« Und als Immo ihn bittend ansah, fuhr er mit
Königsmiene fort: »Sei ruhig, Hauptmann, ich zürne dir nicht.«
Reisige sprengten herauf, im Lager erhob sich Geschrei und Getümmel,
ein donnernder Jubelruf wälzte sich von Haufen zu Haufen durch das
ganze Heer. Unter dem Geleit einer reisigen Schar wurde ein langer Zug
von Heerwagen und beladenen Lasttieren durch das Lager geführt und
nahe dem Bach, den Belagerten sichtbar rund um die Festung bis zu
der Höhe des Königs. Das war der Schatz, den der Held des Markgrafen
gefangen und den der König zurückgewonnen hatte, nachdem er die Burg
des Magano eingenommen. Jetzt wurde der Schatz im Triumph durch das
Lager geführt, die Krieger zu trösten und die Feinde zu entmutigen. Die
Augen des Königs leuchteten, als sie dem Zuge der Wagen folgten, und
sich noch einmal zu Immo wendend, schloß er: »Suchst du gleich Ehre
und nicht Gold, ich hoffe doch, es soll auch für dich etwas Glänzendes
herausgehoben werden, wenn der König seine Treuen belohnt.« Er ging dem
Erzbischof entgegen, welcher dem Zelte des Königs zuschritt.
Als die Sonne sank, zog eine Schar breitschultriger Bayern mit
Stiernacken und großen Häuptern heran, die Königswache zu halten. Immo
wechselte mit dem Führer den Gruß, löste seine Knaben von ihren Plätzen
und führte sie zu der Stelle des Lagers, wo sie sich aus Fichtenzweigen
die leichten Hütten erbaut hatten. Während die Thüringe das Feuer
anzündeten, um ihr Mahl zu bereiten, warf er selbst einen dunklen
Mantel über, den Goldschmuck seiner Rüstung zu verdecken, vertauschte
seinen Helm mit der leichten Eisenkappe eines Gefährten und eilte ins
Freie. Rings um die Festung brannten die Lagerfeuer, zwischen den
rötlichen Flammen und den weißen Rauchsäulen schritten die Krieger wie
dunkle Schatten hin und her. Auch über der Festung schwebte eine rote
Dampfwolke, welche verriet, daß die Belagerten nach den Gefahren des
Tages für die ermüdeten Leiber sorgten.
Immo durchschritt die letzten Lagerreihen der Königsmannen,
beantwortete den Ruf der Wachen und trat in das offene Land, welches
dunkel und still vor ihm lag. Nur an einer Stelle wirbelte weit abseits
vom Lager ein feuriger Dampf, dessen Flamme in der Tiefe verborgen
war. Dorthin eilte Immo. Von der Höhe blickte er über eine Erdsenkung,
in welcher eine Anzahl Laubhütten und Zelte unordentlich durcheinander
stand. Saitenspiel und Gesang und das Geschrei Trunkener tönten zu ihm
herauf, Männer und Frauen glitten an den Feuern vorüber und schlüpften
von einer Hütte in die andere. Dort war das Lager der fahrenden Leute,
welche als Sänger und Fiedler, als Tänzer und Gaukler dem Heere
folgten, um die Krieger in den müßigen Stunden zu ergötzen und ihren
Anteil an der Beute zu gewinnen. Übel berüchtigt war die Stelle, denn
die Wanderer, welche dort hausten, waren aller Ehre bar und wurden
durch kein Recht geschützt, nur durch die Gunst mächtiger Helden,
welche sie zu gewinnen wußten. Als Immo in das Gewirr der Hütten und
der Feuerstellen eindrang, wurde der Lärm und das Gewühl lästig und er
zog seinen Mantel dichter zusammen. Bezechte Krieger schrien ihn an,
buntgekleidete Weiber boten ihm lustigen Gruß, ein riesiger Bär, der an
einen Pfahl gebunden war, zerrte brüllend an seiner Kette, die Fiedel
klang und das Sackrohr brummte; in einer Hütte schwang sich, umdrängt
von einem Haufen Gewappneter, eine zierliche Dirne in hohen Sprüngen
durch die Luft; in einer andern saß ein Spielmann, sang mit melodischem
Tonfall ein Lied von den Taten vergangener Helden und riß dabei
kräftig die Saiten der kleinen Harfe; neben einem großen Feuer sprang
ein schlauäugiger Gesell umher, welcher schnurrige Lügengeschichten
erzählte, und wenn die Zuhörer laut auflachten, mit dem Becher
herumlief, damit man ihm Silberblech spende. Endlich kam Immo zu einem
Zelt, welches inmitten der andern recht ansehnlich stand, mehrere gute
Rosse waren daneben angepflöckt und darüber wehte ein Banner, auf
dessen Tuch zwei gekreuzte Pfeile sichtbar wurden.
In der Zelttür saß Wizzelin, ein kräftiger Mann von mittleren Jahren
mit klugem Gesicht, er trug ein zierliches Gewand von zweierlei Tuch,
die eine Hälfte rot, die andere grün, um den Hals eine Goldkette, am
Armgelenk einen dicken Goldring. Er gebot dem Lager als Hauptmann und
schlichtete gerade einen Streit zweier Genossen, welche zu beiden
Seiten eines Esels standen. »Frei lief der Esel,« entschied er lachend,
»und zu gleicher Zeit packte ihn Gozzo am Schwanz und Bezzo am Ohr,
und jeder meint, daß darum der Esel ihm gehöre. Beide habt ihr Unrecht
geübt, denn ihr habt einander ärgerlich gescholten, der Fahrende aber
gewinnt nur durch Lachen sein Recht und seine Beute. Dem Esel vollends
habt ihr die Ehre gekränkt, denn da er als Freier lief, hat er das
Recht, sich seinen Herrn zu wählen.« Er wies auf einen Distelstrauch
zur Seite. »Jeder von euch nehme eine Blüte des wehrhaften Krautes in
die Hand, dann haltet beide die Fäuste vor den Helden: wessen Kraut er
frißt, dem will er sich angeloben.« Die Männer lachten und nickten und
Gozzo führte siegreich den Esel zu seiner Hütte.
Jetzt erst erhob sich Wizzelin, der seither Immo nur durch einen
Seitenblick begrüßt hatte; mit tiefer Verneigung führte er ihn in das
Zelt, zündete einen langen Kienspan an, den er in den Boden steckte,
und schloß den Eingang durch eine vorgezogene Decke. »Sprecht leise,«
sagte er, »denn meine Kinder sind treu, aber neugierig. Viele Augen
sehen nach dem stattlichen Helden und suchen die Geldtasche unter
seinem Mantel.«
»Sie öffnet sich gern für dich,« versetzte Immo darnach greifend.
»Laßt noch,« riet Wizzelin, »ich will die Gabe erst verdienen. Auch für
euch ersehne ich den Tag, wo die Kriegsbeute ausgeteilt wird und die
Scharen der Helden heimwärts ziehen. Ich selbst werde froh sein, wenn
ich wieder in die Höfe meiner Thüringe reite. Denn hier schwebt ein
Geier über uns und unsicher schlagen wir mit den Flügeln.«
»Doch merke ich, du hast auch hier Gunst gewonnen,« antwortete Immo
lächelnd, »ich sah im Vorübergehen manchen ansehnlichen Kriegsmann in
deinen Hütten.«
»Einem aber sind wir Fahrende verhaßt,« bekannte Wizzelin zutraulich.
»Kein Mönch ist so unhold gegen mein Volk, als der König; und wenn
es auf meinen Willen ankäme, so wäre ich drüben beim Heere des
Babenbergers, wo die Mehrzahl meiner Genossen weilt und weit besser
geehrt wird.«
»Willst du deine Kinder in den Mauern der Festung bergen? Ungern
erträgt, wie ich höre, dein Volk die Not einer belagerten Burg.«
»Vielleicht finden wir das Lager des Hezilo an einer anderen Stelle,«
antwortete der Spielmann.
»Weißt du, wo?« frug Immo schnell.
Wizzelin schüttelte das Haupt. »Wir Friedlosen, Herr, singen und
sagen nicht alles, was wir wissen und vergebens wäre es, aus uns
herauszulocken, was wir nicht gestehen wollen. Eins aber sage ich
euch: unser Lied wird den König Heinrich selten rühmen, und seit er
das Urteil gefällt hat über den Grafen Ernst, ist das fahrende Volk
ihm feind und der König mag sich vor der behenden Zunge meiner Kinder
hüten wie ein Roß vor einem Schwarm Hornissen.« Und bedeutsam setzte er
hinzu: »Auch der Held, welcher in seinem Heer Ehre gewinnt, mag sich
hüten, ihm zu vertrauen, denn kalt und hart ist er wie Stahl.«
»Ist dir der Markgraf lieber, wie kommt's, daß du bei uns lagerst und
nicht beim Hezilo?«
»Ihr selbst wißt einen Grund, daß ich hierher gesandt bin; andere
behalte ich für mich. Auch der Spielmann denkt zuweilen, daß es sein
Vorteil ist, dem Sieger zu folgen.«
»Sei gelobt, Wizzelin, daß du für uns den Sieg hoffst,« rief Immo.
»Noch ist er nicht erkämpft,« versetzte der Spielmann. »Hütet ihr euch
nur, daß ihr euren Anteil daran nicht verschlaft.« Und leiser setzte
er hinzu: »Soll ich euch Gutes raten, so wandelt morgen und an den
nächsten Tagen im Grase, bevor die Sonne aufgeht; sammelt den Frühtau
und streichet euch damit die Augen, er hilft, wie die Weisen sagen, zu
scharfem Gesicht.«
Immo überlegte die Worte, dann griff er schnell nach seiner Geldtasche.
»Sage mir mehr, Wizzelin.«
»Ich tue es nicht,« entgegnete der andere, »auch nicht, wenn ihr
versucht, mir die Augen durch Goldblech zu blenden.« Er schob den
Vorhang zurück und blies auf einer kleinen Querpfeife einige schrille
Töne ins Freie, gleich darauf vernahm Immo dasselbe Zeichen an mehreren
Stellen des Lagers. »Weshalb ihr kommt, weiß ich, ohne daß ihr mir's
sagt,« setzte Wizzelin ernsthaft die Unterredung fort, »den Gruß,
welchen ich euch im Kloster lehrte, hat mir noch keines meiner Kinder
zugetragen. Darum ist meine Meinung, daß euer Geselle, dessen Botschaft
ihr erwartet, nirgends weilt, wo der Wind über die Halme weht und ein
Baum Schatten auf die Flur wirft, sondern umschlossen von Stein und
Speereisen.«
»Du meinst in einer Burg des Hezilo?«
»Auch in den Burgen ziehen meine Kinder ein und aus. Wenn aber eine
Mauer vom Feinde umringt ist, so wird ihnen das Fahren gehemmt.«
»Sie ist in der Festung, die wir belagern,« rief Immo erschrocken.
Wizzelin lachte. »Ihr werdet euch behender auf die Mauer schwingen,
wenn ihr das hofft.« Als er aber den Schrecken im Gesicht des Jünglings
sah, fuhr er begütigend fort: »Meinung ist nicht Gewißheit; harret,
vielleicht kommt noch ein Bote für euch. Das wollte ich euch sagen. Und
jetzt öffnet die Tasche und gebt mir meinen Sold, denn jetzt werdet ihr
die Stücke nicht zählen.«
Immo reichte dem Spielmann die Geldtasche. »Nimm; mir laß nur, daß ich
nicht ganz leer bin, bis ich die nächsten Beuterosse gewinne.«
Wizzelin schüttete sich die Hand voll Silber und senkte sie behende in
sein Gewand. »Ich habe geteilt,« sagte er die Tasche zurückgebend. »Was
ich euch ließ, hole ich mir mit anderen, wenn ihr euren Anteil an der
Siegesbeute empfangt. Vergeßt den Mann nicht, ihr mögt ihn noch heut im
Morgentau brauchen. Ich selbst begleite euch bis an die Grenze meines
Landes.«
»Dein Land ist überall, wo Menschen unserer Sprache wohnen,« antwortete
ihm Immo zunickend. »Wo ist die Grenze?«
»Wo dies Sandloch aufhört,« versetzte Wizzelin, »und wer weiß, wie
lange.« Sie durchschritten eilig das Lager, die Feuer brannten
wie vorher, aber um die Hütten war es stiller; die Tänzerin war
verschwunden, der Lügenerzähler saß allein und packte über einem
Bündel, nur wenige Kriegsleute saßen und lungerten noch an den Zelten.
Doch um die Karren, welche am Abhang in der Reihe standen, bewegten
sich geschäftige Gestalten und im Aufsteigen sah Immo, daß der Esel,
welcher sich den Gozzo zum Herrn gewählt hatte, an einen Karren
geschirrt wurde. Immo, dem die Angst um das Schicksal der Geliebten
das Herz beklemmte, begann, auf die bespannten Wagen weisend: »Wie ein
Wanderer in der Wildnis bin ich, dem sein Roß davonläuft. Wann sehe ich
dich wieder, Wizzelin?«
»Frage die Wolken und den Wind, wohin sie schweifen, aber nicht einen
Fahrenden,« versetzte der Spielmann lachend. Er neigte sich vor Immo
und tauchte zurück, im nächsten Augenblick tönte wieder die scharfe
Querpfeife.
Auf dem Wege hielt Immo an und mühte sich, aus dem Feuerkranz, der um
die Festung loderte, die Lager der einzelnen Heerhaufen zu erkennen.
In weiter Entfernung war der Hügel, auf dem die königlichen Zelte
standen, dort und jenseits der Festung lagen bayrische Haufen, weiter
abwärts Schwaben, Mainzer und Fuldaer, gerade vor ihm Herzog Bernhard
mit seinen Sachsen. Da nickte er zufrieden und wandte sich schnellfüßig
dem sächsischen Lager zu. Bald unterschied er hinter der langen Reihe
flammender Feuer die starken Heerwagen, welche die Sachsen zu einer
Wagenburg zusammengestoßen hatten, um dahinter wie in einem Walle
sorglos zu ruhen. Von den Wachen angerufen, wurde er auf sein Begehr
zum Zelt des Herzogs geführt. Der Kämmerer kam unwirsch aus dem Zelte.
»Wie mag ich meinen Herrn wecken?« antwortete er auf die Forderung
Immos. »Jämmerlich ist Bier und Met in Bayerland, und mein Herr schöpft
hier so üblen Nachttrunk, daß ich allen Heiligen danke, wenn er nur
erst eingeschlafen ist.«
»Ist das die Meinung, die du von deinem Herrn hegst, du grober
Waldgötze,« rief eine tiefe Stimme aus dem hintern Zelt und ein
Lederstrumpf kam gegen den Rücken des Kämmerers herausgeflogen. »Ich
will wissen, wer da ist. Bist du es, Held Immo, so tritt herein.«
Der Kämmerer öffnete den Vorhang, Immo erkannte beim matten Schein
einer Lampe den Herrn, der mit einem Lodenmantel aus heimischer
Wolle zugedeckt lag und das gutherzige Gesicht ihm fragend zuwandte.
Er berichtete die Warnung, welche Wizzelin geraunt hatte, und den
plötzlichen Aufbruch der fahrenden Leute. »Sie wären nicht von ihren
Feuerstellen gewichen, wenn sie nicht besorgten, daß der Markgraf auf
ihrer Seite angreifen wird.«
»Schwerlich hat Hezilo die Spielleute zu seinen Vertrauten gemacht,«
versetzte der Herzog kopfschüttelnd. »Und wenn er kommen will, so sind
wir bereits da. Auch ist Hezilo ein Christ und ein ritterlicher Mann,
der seinen Feind niemals anfallen wird, während die Unholde der Nacht
durch die Lüfte fahren. Und wäre er, wie sein Vater war, so würde er
uns auch Tag und Stunde vorher wissen lassen, obwohl wir die Stärkeren
sind. Doch die jetzige Jugend mißachtet alte Bräuche, zumal wenn sie
ihr beschwerlich sind. Darum war deine Sorge unnötig.«
»Vielleicht liegt der Markgraf uns so nahe,« wandte Immo ein, »daß
er nicht bei Nacht, aber beim ersten Morgenschein in das Lager
einzubrechen vermag. Ihr selbst mögt ermessen, ob er im Vorteil kämpft,
wenn er zu dieser Stunde an unsere Hütten dringt.«
Der Herzog richtete sich mit halbem Leibe auf. »Wecken kann ich meine
Sachsen nicht, denn wenn sie bei Tage mannhaft kämpfen, so haben sie
dafür, sobald sie schlafen, ein solches Gottvertrauen, daß auch
ein brüllender Löwe sie schwerlich in die Höhe brächte.« Er setzte
gemächlich ein Bein auf den Boden und zog einen Lederstrumpf an.
»Dennoch will ich ein übriges tun.« Er befahl, den Hauptmann seiner
Leibwache zu rufen, forderte den zweiten Strumpf und schritt gewichtig
im Zelte auf und ab. »Sobald die erste Lerche aufsteigt, sollen sie
gerüstet bei den Rossen stehen.« Zuletzt warf er den Mantel um. »Komm
ins Freie, Held, damit ich selbst zum Rechten sehe.« Sie schritten die
Reihe der Wachen entlang, der Herzog prüfte mit scharfem Blick ihre
Aufstellung und gab dem Hauptmann Befehle. »Sende sogleich behende
Läufer zu den nächsten Scharen, aber vorsichtig, daß man aus der Ferne
die Bewegung nicht merke. Auch die Nachbarn sollen sich rühren.« Und
als der gute Herr alles vorsorglich bestellt hatte, sprach er zu Immo:
»Gedenke auch du der Ruhe, ich mißtraue jedem Manne, der sein Lager
gering achtet. Hast du uns Günstiges geraten, so soll dir's vergolten
werden, bleibt's bei deinem guten Willen, so werde ich auch diesen dem
König rühmen.«
»Gern möchte ich mit dem kleinen Haufen meiner Genossen morgen früh in
eurer Nähe sein,« versetzte Immo, »ich bitte, daß ihr mir's gestattet
und mich beim König entschuldigt, wenn ich eigenwillig zu euch
aufbreche.«
»Deine Knaben sollen eine rühmliche Ecke meiner Holzburg bewachen,«
entschied der Herzog, erfreut durch den Eifer, »du aber sollst unter
meinen Helden reiten und in meiner Nähe hoffe ich dich zu finden.«
Im ersten Morgengrau klangen bei den Sachsen die Alarmtöne, gleich
darauf erhob sich wilder Lärm, die Rufer schrien, Pfeifen und Hörner
gellten, das ganze Lager fuhr wie ein aufgescheuchter Ameisenhaufen
durcheinander, bald sprangen ledige Rosse über das Feld und verwundete
Helden wurden aus dem Gewühl getragen. Vom Sachsenlager her scholl
immer wieder das Kriegsgeschrei der Angreifer und Verteidiger und das
Dröhnen der feindlichen Äxte an den Bohlen der Wagenburg. Hin und her
wogte der heiße Kampf, dreimal suchte der Markgraf den Lagerring in
wildem Ansturm zu durchbrechen. Aber die Reiter des Herzogs brachen an
jeder Stelle, welche gefährdet war, aus ihrer Burg, hemmten dreimal den
Sturmlauf der Feinde und wehrten dem Durchbruch, bis der König selbst
mit neuen Scharen herankam. Da wandten jene plötzlich ihre Rosse und
verschwanden wie sie gekommen waren. Auch die Verfolgung, welche König
Heinrich befahl, vermochte sie nicht zu erreichen.
Als der Kampf vorüber war und Immo mit glühendem Antlitz sein
schäumendes Roß zur Ruhe zwang, ritt Herzog Bernhard zu ihm und ihn
vor allem Heere küssend, rief er: »Heute habe ich dich erkannt, wie
du bist; die alte Treue zwischen Sachsen und Thüringen ist aufs neue
bewährt, mir und meinen Helden bist du fortan ein Waffenbruder und ein
lieber Genosse, so oft du es begehrst.« Und auch König Heinrich nickte
dem glücklichen Immo mit freundlichem Lächeln zu, als er die Reihen der
Krieger entlang ritt.
Seit diesem Morgen wurde das Lager des Königs täglich beunruhigt,
bald hier, bald dort suchte der Feind überraschend einzudringen;
die leichten böhmischen Reiter, welche ihm zugezogen waren, warfen
sich auf ihren behenden Pferden überall, wo der Boden die Annäherung
begünstigte, gegen die Königsmannen; jeder Haufe, welcher Futter und
Vieh aus der Umgegend herbeitreiben sollte, mußte die plötzlich
auftauchenden Scharen des Markgrafen abwehren. Dieser aber fand in den
Wäldern und Seitentälern der heimischen Landschaft sicheren Versteck.
Auch die Belagerten rührten sich kräftig. Da sie von den hohen Türmen
der Feste weit in das Land schauten, so drangen sie zu derselben Zeit,
wo die Haufen des Markgrafen gegen die Belagerer ritten, mit ihrem
Fußvolk aus den Toren, verbrannten ein Turmgerüst, welches gegen sie
aufgerichtet war, warfen die Sturmböcke und führten die Ketten als
Siegeszeichen nach der Stadt.
Der König hielt beharrlich die Festung umschlossen, noch war er der
Stärkere, aber er wußte wohl, daß die beste Hilfe, auf welche er zählen
durfte, um ihn gesammelt war, während der Widerstand des Markgrafen
die Unzufriedenen in allen Teilen des Reiches ermutigte und das kleine
Heer des Feindes sich mit jedem Tage vergrößerte, nicht nur durch
böhmische Reiter, auch durch Banner aus dem Norden. Deshalb ritten die
Königsboten, meist geistliche Herren, nach allen Richtungen aus dem
Lager, um den Zorn der Mißvergnügten durch Verheißungen zu stillen und
die Verstärkung des Feindes zu hindern. Aber es wurde den Gesandten des
Königs bereits schwer, durch die Reiter des Hezilo ins Freie zu dringen.
An einem Abend, wo Immo mit seinen Knaben wieder die Königswache hielt,
trat Herzog Bernhard zu ihm und begann vertraulich: »Der Markgraf
kämpft gegen uns wie das Hündlein gegen den Igel, er springt bellend um
uns herum, zuletzt versetzt er uns doch einen Biß ins Weiche. Es macht
Sorge, das Heer zu ernähren und sorgenvoll wird auch der Lagerdienst.«
Er wies nach dem Felde, wo an Stelle der Wachen zahlreiche gepanzerte
Reiter in weiterer Entfernung aufgestellt waren. »Der König läßt
unablässig nach dem Versteck des Markgrafen spähen, aber keinem unserer
Läufer ist es gelungen, die Stelle zu erkunden. Vergebens hat der
König auch nach fahrenden Leuten umhergefragt, dies ruhmlose Volk ist
verschwunden, wurde einer auf dem Felde ergriffen, so schwieg er oder
log, obgleich der Büttel ihn hart ängstigte.«
»Dennoch sage ich dir, weder die Babenberger, noch wir andern haben
geahnt, welch ein Kriegsherr König Heinrich ist, denn mit Weisheit
erwägt er selbst Großes und Kleines.«
Während der Herzog sprach, sprang Harald, der erste Heerrufer, aus dem
Zelt des Königs und eilte den Hügel hinab, ihm folgten seine Genossen,
sich schnell durch das Lager verteilend. »Sieh dorthin, Held Immo, der
König ist müde, still zu kauern und er denkt selbst einen Sprung zu
tun.«
Am nächsten Morgen zogen beim ersten Hahnenschrei die reisigen Scharen
des Königs von allen Seiten ins Freie, geräuschlos, in kleinen
Haufen, ohne Feldzeichen, um sich außer Gesichtsweite der Festung zum
Heere zu vereinigen. Dem König war gelungen, das schwer zugängliche
Tal zu erkunden, in welchem der Markgraf sein Lager aufgeschlagen
hatte. Zugleich rüsteten die Bogenschützen und die übrigen Haufen
der Fußkämpfer einen Angriff gegen die Feste, ihnen hatte der König
geboten: »Haltet gute Wache, indem ihr mit dem Ansturm droht und
auf die Verteidigung denkt, hütet euch auch, ihr Helden, den Feind
allzusehr zu bedrängen, damit er nicht ausbreche, um sich zu retten. Am
liebsten werde ich euch belohnen, wenn ich das Lager so wiederfinde,
wie ich es verlasse.«
Auch Immo ritt unter den Wächtern des Königs, welche in der Schlacht
vor seinem Leibe kämpften und ihm die Gasse öffneten, wenn er selbst
einen erlauchten Helden bestreiten wollte. Mehr als eine halbe
Tagefahrt zog die reisige Schar über Hügel und Tal, die Sonne schien
heiß, die Panzerringe brannten durch Leder und Hemd auf die Haut und
der Schweiß rieselte von den Flanken der Rosse. Aber der Zuruf des
Königs trieb unablässig vorwärts, bald an der Spitze, bald am Ende
des Zuges befeuerte er die Müden durch Scherzworte oder scharfen
Tadel, er allein, den seine Feinde weichlich gescholten hatten,
schien Sonnenbrand und Durst nicht zu fühlen. In der Glut des Mittags
klomm die gepanzerte Schar eine steile Höhe hinan. Vielen wurde die
Anstrengung unerträglich, Rosse und Reiter brachen zusammen, aber der
König mahnte und trieb, wirbelte lustig den Wurfspeer, schalt und
verhieß Belohnungen. Kurz vor der Höhe hielten die Müden zu kurzer
Rast. Heinrich ordnete die Scharen in der Stille, auch lauter Rede
wurde gewehrt. Dann hob er grüßend den Speer, die Posaunen und Hörner
schmetterten und brüllten ihre wilden Weisen und in gestrecktem Lauf
stob die Heerschar auf günstiger Bahn nach dem engen Tale, worin die
Banner, die Zelte und Hütten des Hezilo standen. Es war die Tageszeit
nach dem Mahle, wo die Markgräflichen am sorglosesten ruhten; kaum
einer der Helden war mit seiner Rüstung bekleidet, auch die Rosse
standen ungesattelt an ihren Seilen. Furchtbar tönte den Feinden das
Kyrie eleison, der Schlachtruf des Königs, in die Ohren, nur die
Tapfersten wagten dem Ansturm entgegen zu sprengen und das drohende
Verderben aufzuhalten, sie wurden erschlagen oder verjagt, der Zaun des
Lagers wurde durchbrochen, bevor der Widerstand sich daran sammelte;
die Mehrzahl der Krieger gefangen, während sie nach den Waffen schrie.
Der Markgraf selbst entrann mit einer kleinen Zahl seiner Getreuen.
Als Immo in der ersten Reihe der Leibwächter den Hügel hinabritt,
suchte sein scharfes Auge unter den feindlichen Bannern das Zeichen
des Grafen Gerhard. Er sah es nicht, aber der erste Krieger, der gegen
ihn anritt, war Egbert, ein Günstling des Grafen. Immos Speer warf
den hochmütigen Dienstmann in das Gras und über den Gefallenen brach
der wilde Strom vorwärts. Der Held fand sich vor dem König im Kampfe
gegen Leibwächter des Markgrafen, er stieß, schlug und tat sein Bestes,
aber mitten in dem blutigen Gedränge suchte er immer wieder nach dem
Buchenreis, welches die Dienstmannen des Grafen an ihrer Rüstung zu
tragen pflegten. Als der Schwall verrauscht war und der laute Gesang
des Rufers die Helden zusammenlud, da sprengte er zurück zu der
Stelle, wo er den Egbert getroffen, aber sein Speer hatte die Arbeit
zu gut getan und er vermochte von dem Leblosen keine Kunde einzuholen.
Er durchritt die Haufen der Gefangenen, aber auch dort fand er die
Buchenzweige nicht und er holte mit Mühe die Kunde heraus, daß Mannen
des Grafen unter den Flüchtigen entronnen waren.
Nur die nötigste Rast verstattete der König den Siegern. Von allen
Ecken ließ er das Lager in Brand stecken und achtete nicht auf das
Murren seines Heeres, welches in den eroberten Hütten Ruhe und Beute
gehofft hatte. Eilig ließ er die Gefangenen und die Beuterosse
rückwärts treiben und brach wieder in Sonnenglut nach dem eigenen Lager
auf, obgleich die ermatteten Sieger mürrisch in ihren Sätteln hingen,
gleich geschlagenen Männern. Immo sah von der Höhe zurück auf das Tal,
welches mit lodernden Flammen und einer ungeheuren Rauchwolke gefüllt
war. Da hörte er wieder den treibenden Ruf des Königs, und Heinrich
winkte an seiner Seite reitend ihm zu: »Ich sah dich mannhaft treffen,
Held Immo, und mächtigen Staub aufregen ~quadrupedante putrem sonitu~,
wie der Heide sagt. Herzog Bernhard,« rief er sich unterbrechend, »gibt
es kein Mittel, aus diesem Schneckenritt herauszukommen?«
Der Herzog sprengte an die Seite des Königs. »Mann und Roß werden die
Glut des Tages lange fühlen.«
»Das mögen sie später halten, wie es ihnen beliebt, heute aber brauche
ich sie nicht auf dem Wege, sondern im Lager, und ich wollte, uns wäre
die Heidenkunst erlaubt, einen Sturmwind zu beschwören, der das Heer in
der Wolke dahintreibt.«
Der Herzog schlug ein Kreuz. »Die Himmlischen gewähren zuweilen dem
Bittenden Regen, auch dieser würde das Heer vorwärts treiben.«
»Ich kann nicht frei atmen, Vetter,« fuhr der König leise fort, »bis
ich das Lager gesichert sehe, denn wenn die in der Festung nicht
verblendet sind, so mag unser Schade größer werden als der Gewinn.«
»Reite voraus,« riet der Herzog.
»Dann fallen diese ganz von den Pferden und legen sich auf die Heide,«
versetzte der König.
»Willst du meinen Sachsen deinen Wein und Met preisgeben, so will ich
versuchen, ob ich sie noch vor Sonnenuntergang in die Wagenburg bringe.«
»Von Herzen gern,« versetzte der König, »denn wenn wir heute einen
Ausbruch des Feindes abwehren, so denke ich morgen den Krieg zu
beenden.«
Der Herzog befahl seiner Schar zu halten und ließ durch den Rufer
verkünden, daß der ganze Tonnenvorrat des Königs noch heute derjenigen
Schar als Ehrentrunk zugeteilt werden sollte, welche zuerst das Lager
erreiche.
Die Helden sahen einander mürrisch an, doch allmählich erschien ihnen
der Vorschlag nicht verächtlich, sie lächelten ein wenig und die Rosse
begannen zu traben. Als der Rufer den Bayern verkündete, daß die
Sachsen um des Königs Wein davon ritten, ärgerten sich die Bayern, weil
das Getränk aus ihrem Lande genommen war und ihnen zuerst gebührte, und
ihre Rosse trabten ebenso.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als Heinrich, der mit seiner
Leibwache dem Heere die letzte Meile vorausgesprengt war, von der
Höhe das Tal der Festung erblickte. Als er die Lagerstätten mit ihren
wehenden Bannern unversehrt vor sich sah, da brach er in einen lauten
Freudenruf aus und neigte sein Haupt, um das Gelübde, das er dem Himmel
in der Sorge getan, mit dankbarem Herzen zu wiederholen. Wie er zum
Lager hinabstieg, klang von der Seite Heermusik und eine Schar von
Reitern und Fußvolk zog mit ihren Wagen ganz gemächlich dem Lager zu.
Verwundert frug der König: »Wer sind diese, die so lustig am Feierabend
reisen, nachdem die andern das Werk getan haben?« Immo ritt vor: »Es
ist das rote Kreuz von St. Wigbert, Herr Bernheri sendet seine Mannen.«
Da lachte der König: »So hat der Jagdspieß des Alten doch die Empörer
gebändigt,« und der Schar entgegenreitend, rief er ihrem Führer Hugbald
zu: »Als säumige Schnitter nahet ihr, die Halme sind gemäht. Dennoch
seid willkommen zum letzten Sprunge um den Erntekranz.« Und als Immo
seinen alten Genossen Hugbald begrüßte, sprach dieser: »Unser Herr Abt
sendet dir seinen Segen und Dank für deine Mahnungen, die ihm die
Spielleute zugetragen haben. Manchen Heiltrunk hat er dir zu Ehren
getan. Jetzt hält er sich auf dem Berge gegen sein eigenes Kloster
verschanzt. Doch hoffe ich, euer Sieg soll den Tutilo mit seinem ganzen
Anhang austreiben.«
Am nächsten Morgen ließ der König die Gefangenen rings um die Mauern
führen, die Belagerten zu schrecken, und sandte seinen Rufer, die
Übergabe der Festung zu fordern. Dem Geschlecht des Markgrafen und
den Dienstmannen versprach er freien Abzug in das böhmische Land, bei
längerem Widerstand drohte er mit Austilgung durch Feuer und Schwert.
Die Helden der Burg saßen in sorgenvoller Beratung, die Bedächtigen
rieten, besser sei es, etwas zu retten, als alles zu verlieren,
denn reißendem Wasser und siegreicher Hand vermöge man schwer zu
widerstehen, aber die meisten riefen, sie wollten lieber sterben, als
die Mauern übergeben, solange ihr Herr noch in Freiheit lebe. Und sie
weigerten zuletzt die Übergabe. Den ganzen Tag wurde verhandelt, der
König aber beschloß, die Unschlüssigen am nächsten Morgen durch einen
Angriff zu zwingen.
Es war eine mondlose Sternennacht, Immo wachte mit seinen Knaben
am Ufer des Baches, nur einen Pfeilschuß von der Festung entfernt.
Wie Jäger im Bergwald lagen die Thüringe, ihre braunen Wollmäntel
über der Rüstung, Bogen und Pfeil in der Hand, wo ein Strauch oder
eine kleine Senkung des Bodens Deckung gab. Sie lauerten auf jedes
Geräusch und jeden Schatten, der hinter dem Bach und an den Zinnen
der Festung sichtbar wurde. Gerade vor ihnen erhob sich ein dicker,
viereckiger Mauerturm, welcher aus der Fluchtlinie der Mauer nach dem
Bach vorsprang, damit man aus ihm die anstürmenden Feinde von der
Seite treffen konnte. Die rötliche Rauchwolke, welche jede Nacht über
der Festung schwebte, sank tiefer, das Geräusch entfernter Stimmen
verhallte; Mitternacht war vorüber und der graue Dämmerschein am Rande
des Himmels rückte von Norden nach Osten. Da vernahm Immo neben sich
das leise Gequake eines Frosches, das Zeichen, durch welches die Jäger
einander mahnten; im nächsten Augenblick wand sich Brunico auf dem
Boden zu ihm. »Sieh zur halben Höhe des Turmes. Es regt sich in der
Luke, ich meine, dort ist ein Lebender zu merken, der graue Schatten
sinkt langsam abwärts.« Gleich darauf klang es im Wasser: »Er watet
oder schwimmt.« Immo gab das Zeichen, hier und da tauchte ein Haupt vom
Boden, die Rohrpfeile flogen an die Sennen und die spähenden Blicke
fuhren über jede Stelle des Ufers. Wieder rauschte es, der Leib eines
Mannes hob sich über den Rand des Baches, vorsichtig schob er sich auf
dem Boden vorwärts, gerade dem Versteck der Thüringe zu. Schon hatte
er einen niedrigen Strauch erreicht und richtete sich hinter ihm auf
der Lagerseite in die Höhe, um in das ferne Land zu blicken; da, als
seine Gestalt über dem Grunde erkennbar wurde, klangen von beiden
Seiten die Sennen und flogen die Pfeile gegen ihn. Der Mann stöhnte,
neben ihm fuhr Brunico in die Höhe, nach kurzem Ringen trat der Knappe
wieder an Immos Seite, und mit einer Gebärde des Abscheus sein Schwert
einsteckend, brummte er, »es war Ringrank, der Fechter.« Immo sprang
zu der Stätte, an welcher der Unselige lag, beugte sich über ihn und
das schwere Haupt hebend raunte er ihm ängstlich zu: »Wer sendet dich?«
Der Sterbende tastete mit der Hand nach seinem Messer, als er aber über
sich das traurige Antlitz Immos sah und die freundlichen Worte hörte,
murmelte er: »Der Rache des Königs dachte ich zu entrinnen, darum trug
ich einen Gruß für dich.«
»Wo ist sie?« frug Immo tonlos.
»Wo ich war,« seufzte der Mann wieder und fiel zurück.
Die bleichen Sterne schienen auf glanzlose Augen, Immo deckte dem toten
Fechter das Gewand über das Antlitz und wandte sich ab. Ihm hämmerte
das Herz in der Brust und sein Blick haftete fest auf dem Turme,
aus dem der Fechter herabgestiegen war. Er winkte Brunico an seine
Seite, dann wand er sich selbst bis an das Ufer des Baches. Als er
zurückkehrte, rief er seine Mannen in eine Talsenkung nach rückwärts.
»Mahnt den Hugbald, der neben uns liegt, daß er mit Wigberts Knechten
unsere Stelle besetze. Euch aber, meine Knaben, lade ich, daß ihr mir
folgt. Denn was mir auch geschehe, ich klimme den Pfad hinauf, den der
Tote herabgestiegen ist. Die in der Stadt vertrauen der Nacht und ihrem
Handel mit dem Könige, keinen Wächter erkenne ich auf der Zinne, noch
hängt das Seil. Halten wir erst den Turm, so soll Hugbald mit Sturmzeug
uns folgen.«
»Manche Klippe unserer Berge, die wir erklommen, war höher,« ermunterte
Brunico. »Führe, Immo, wir folgen.« Die schnellen Knaben stiegen
geräuschlos zum Bach hinab, sie tauchten in die Flut, wateten und
schwammen und waren nach kurzer Zeit am Fuß des Turmes versammelt. Immo
prüfte den Halt des Seils. »Der Erste sei ich,« brummte Brunico, ihm
den Arm haltend. »Keiner vor mir,« befahl Immo, »schwinde ich dahin, so
führe du die Treuen zurück.« Er schwang sich am Seile aufwärts und hob
sich in die Öffnung des Turmes, gleich darauf schüttelte er das Seil,
und seine Knaben folgten schnell einer dem andern.
Das Stockwerk des Turmes war menschenleer, die Tastenden fanden in der
Mitte eine große Standschleuder und an beiden Seiten offene Türen, sie
führten zu der Holzgalerie, welche an der inneren Fläche der Mauer
unter den Zinnen entlang lief. Auch die Galerie in ihrer Nähe war ohne
Bewaffnete, nur von dem nächsten Turme, durch welchen ein Tor nach
dem Wasser führte, klangen die Tritte der Wachen. Während Brunico
vorsichtig die kleine Treppe hinabstieg, welche von der Galerie zum
unteren Stockwerk des Turmes reichte, gab einer der Knaben rückwärts
dem Hugbald das verabredete Zeichen, einen flüchtigen Feuerschein. Dann
harrten die Thüringe ungeduldig auf das erste Tageslicht.
Unten aber am Bache rührte sich's. Hugbald hatte den bayrischen
Schanzmeister zu Hilfe gerufen; die Belagerer rollten leere Fässer an
das Ufer und schnürten sie mit Bohlen zu einem leichten Floß. Sie zogen
die Sturmleitern über den Bach und hoben sie mit Hilfe des Seils zu
der Turmöffnung. Als der Morgen dämmerte, war der Turm und die nächste
Galerie in den Händen der Königsmannen; ohne Lärmzeichen drangen sie
bis zu dem Tore, überfielen die sorglosen Verteidiger, zerschlugen die
Sperrbalken der Torpforte und warfen die Fallbrücke über das Wasser.
Da erhob sich in der Festung Alarmruf und Notgeschrei. Die geworfenen
Verteidiger liefen vom Tore brüllend durch die Straßen, Hörner und
Posaunen tönten, und aus den Gassen der Stadt stürmten die erweckten
Helden an das verlorene Tor. Ein heißer Kampf entbrannte um die
beiden Türme und die Mauer dazwischen. Die Markgräflichen umschanzten
mit Schild und Speer den Zugang zu den nächsten Gassen, sie liefen
unter ihren Schilden gegen die Toröffnung, drangen auf der Mauerhöhe
gegen die Türme und warfen ihre Geschosse von der Galerie auf die
Königsmannen, welche von außen über die Brücke drängten, und drinnen
die eroberten Türme besetzt hielten. Die Königsmannen aber sendeten
Speere auf die Andringenden und schossen Brandpfeile gegen die Dächer
der nächsten Häuser. Bald stiegen Rauchsäulen und lodernde Flammen aus
den Höfen, und in das Getöse des Kampfes mischte sich das Gebrüll der
Rinder und das Geheul der Einwohner.
Der König hielt auf einem Hügel nahe dem Tor, um welches gestritten
wurde, er sah, wie die lodernden Flammen hinter der Mauer aufstiegen,
und nährte den Kampf durch neue Haufen, welche er über die Brücke
trieb. Aber wie sehr er sich des Erfolges freute, er dachte auch daran,
daß der letzte Streit gegen die gesammelte Macht der Verzweifelten
seinem eigenen Heere einen guten Teil der Kraft nehmen könne, und daß
an der abgewandten Seite der Festung noch eine feste Burg lag, in
welcher die Feinde sich wohl zu halten vermochten, bis der Böhmenherzog
zu Hilfe kam. Deshalb bezwang er die Sehnsucht nach Rache und sandte
seinen Heerrufer über den Bach nach der Burgseite, um aufs neue mit den
Belagerten zu handeln.
In das Gewühl am Tor klang der Ruf, daß der König sich vertragen
wolle, und der Kampfzorn der Verteidiger wurde schwächer. Einer nach
dem andern warf sich nach rückwärts, um seine Habe aus der brennenden
Stadt zu retten und die Burg zu gewinnen, und die Königsmannen
stürmten mit hellem Siegesrufe vor. Als erster Immo, gefolgt von den
schnellsten seiner Knaben. Gleich einem Wütenden war er von der Mauer
gegen das Tor gefahren. Während er im Kampfe stieß und schlug und
jeden Ansturm der Feinde zurückwarf, hatte er nur einen Gedanken, zu
ihr durchzudringen, die zwischen Rauch und Glut und dem Todeskampf
der Männer die Arme zum Himmel hob. Jetzt sprang er wie ein wildes
Roß durch Qualm und züngelnde Flammen in die Gassen der Stadt. Laut
schrie er über die Haufen und in die offenen Höfe den Namen Hildegard.
Der geborstene Helm war ihm vom Haupt geworfen, das blutbesprengte
Haar flog ihm wild um die heißen Schläfe. Zwischen Herdenvieh,
beladenen Karren, über Leichen der Gefallenen, durch kleine Haufen
feindlicher Krieger stürmte er vorwärts, bald ausweichend, bald Schläge
tauschend, bis er den Marktplatz der Stadt erreichte, wo das Getümmel
am wildesten durcheinander wogte. Er überstieg die gedrängten Karren
der Flüchtigen und wand sich durch eine Schar feindlicher Reiter,
wie ein Verzweifelter mit dem Strome ringend. Da, in der Mitte des
Marktrings, wo das steinerne Kreuz auf einer Erhöhung ragte, sah er
einige böhmische Krieger auf eine helle Gestalt eindringen, die am Fuße
des Kreuzes lag und mit beiden Armen den Stein umschlang. »Hildegard,«
schrie er und ein schwacher Gegenruf: »Immo, rette mich,« klang in
sein Ohr. Den Wilden, welcher die Arme nach der Liegenden ausstreckte,
schleuderte er zur Seite, daß dieser das Aufstehen für immer vergaß,
seine heranspringenden Genossen verscheuchten den fremden Schwarm. Er
hielt die Gerettete in seinen Armen, küßte das bleiche Antlitz und
rief sie mit den zärtlichsten Grüßen, und als sie die Augen aufschlug,
da hob er sie lachend empor, während ihm die Tränen aus den Augen
stürzten, und mit dem Schildarm sie umschlingend, hielt er am Kreuze
die Wache für das geliebte Weib, das an seinem Hals hing und sich fest
an seine Brust drückte. Über ihm wirbelte der glühende Rauch, um ihn
krachten die stürzenden Balken und das Kampfgetümmel wälzte sich durch
die Straßen der Stadt, er aber stand, umgeben von Tod und Vernichtung,
wie ein Seliger, und er sah, wie die hohen Engel mit flammenden
Schilden und Speeren durch die Lohe schwebten und um ihn und die
Geliebte eine feste Schildburg zogen.
An der Ecke des Marktes wehte ein Banner, auf welchem er das weiße Roß
der Sachsen erkannte, da rief er: »Glückauf, mein Geselle, dort nahen
die Helden, denen ich am liebsten vertraue, damit sie dich zum König
geleiten.«
8.
Die Not des Grafen.
Der Kampf um die Krone war entschieden. Mit unwiderstehlicher Gewalt
trieb der König den Markgrafen der böhmischen Grenze zu, eine Burg nach
der andern fiel in seine Hände, die Flammen, welche aus den gebrochenen
Mauern aufstiegen, verkündeten dem erschreckten Lande den Sturz eines
edlen Geschlechtes und die Rache des Königs. Schonungslos wollte
der König alles mit Feuer und Schwert tilgen, was an die Herrschaft
seines Feindes erinnerte, und die harten Vollstrecker seines Willens
fühlten zuweilen ein Mitleid, das er nicht kannte, und milderten in
der Ausführung sein Gebot. So scharf war des Königs Zorn, daß sich
jedermann über die Schonung wunderte, die er einem der Verschworenen
zuteil werden ließ. An dem Grafen Ernst wurde das Todesurteil nicht
vollstreckt, der Held büßte nur mit einem Teil seines Schatzes und
wurde in milder Haft gehalten. Und die Leute rühmten den Erzbischof
Willigis, weil seine Bitten den Haß des Königs gedämpft hätten.
Während der Markgraf als landloser Flüchtling in Böhmen umherirrte und
die übrigen Empörer demütige Boten sandten, um die Gnade des Königs
zu gewinnen, hielt Heinrich seinen Hof in Babenberg, der Stammburg
seines Feindes. Dort sammelte sich das siegreiche Heer, der Belohnung
und Entlassung harrend, auch die Königin Kunigund kam von Regensburg
an; mit großem Geleite holte sie der König ein, und die Edelsten des
Heeres begrüßten die Herrin nach altem Heldenbrauch auf ihren Rossen
im Eisenhemd, indem sie zu zwei Scharen geteilt in gestrecktem Lauf
durcheinander ritten und dabei die Gerstangen durch wilden Wurf an den
Schilden der Gegner zerbrachen.
Immo hatte in dem Kampfspiel seine Reitkunst rühmlich erwiesen, die
Jungfrau aber, in deren Augen er am liebsten sein Lob gelesen hatte,
blickte nicht auf den glänzenden Zug. Er wußte, daß Hildegard auf
Befehl des Königs unter der Aufsicht einiger frommer Schwestern in der
Stadt weilte, aber ihm war trotz aller Mühe nicht gelungen, zu ihr zu
dringen. Als er jetzt vom Rosse stieg und in die Herberge trat, fand
er den Spielmann Wizzelin, der in neuem Gewande und mit klirrendem
Goldschmuck, das Saitenspiel in der Hand seiner wartete, umdrängt von
Kriegsleuten, welche mit dem wohlbekannten Mann Scherzreden tauschten
und ihn mahnten, seine Kunst vor ihnen zu erweisen.
»Gutes Glück bringe mir das Wiedersehen, du flüchtiger Wanderer,« rief
Immo.
»Auch euch ist alles gelungen,« antwortete der Spielmann, »und als ein
Glückskind rühmten euch die Leute, während ihr heute so hurtig rittet.
Liegt euch noch am Herzen zu erfahren, was ihr einst von mir begehrtet,
so vermag ich Bescheid zu sagen.«
Immo führte ihn schnell in seine Kammer.
»Sie ist hier,« sprach Wizzelin leise, »sie will euch sehen, und ich
vermag euch zu ihr zu führen. Die alten Nonnen, bei denen sie weilt,
sind keine strengen Wächter, auch sie vernehmen gern, wenn ich vor
ihnen die Saiten rühre. Folgt mir sogleich, wenn es euch gefällt, doch
haltet euch eine Strecke hinter mir zurück, denn ich bin den Helden
hier nicht unbekannt,« fügte er stolz hinzu, »und muß auf viele Grüße
antworten.«
Sie traten auf die Straße, der Spielmann glitt behend durch das Gewühl
von Reitern und Rossen, von Burgmannen und Landleuten, welche herzu
geströmt waren, den Einzug zu sehen. Oft wurde er angerufen, auch
Gelächter und Spottreden klangen ihm entgegen. Gegen die Huldreichen
verneigte er sich und versprach Besuch und Lied, den Spöttern
antwortete er mit dreister Gegenrede, so daß er die Lacher stets auf
seiner Seite hatte. Endlich bog er in eine stille Seitengasse und
fuhr durch das Tor eines dürftigen Hofes. Er wies auf eine niedrige
Fensteröffnung, hob einen Zipfel der Decke, welche das Innere verbarg,
und sagte zu Immo: »Springt dreist durch die Tür, ich halte die Wache.«
Immo eilte in das Haus. Mit einem Freudenschrei warf sich Hildegard in
seine Arme und drückte sich an seine Brust.
»Wie bleich du bist, Hildegard, und gleich einer Gefangenen sehe ich
dich bewahrt.«
»Sie sind nicht hart gegen mich, und wären sie es auch, ich würde es
wenig beachten, wenn ich an dich denke und dein Antlitz zu sehen hoffe.
Denn so oft mich die Einsamkeit ängstigt und die Gefahr bedroht, bist
du mir in meinen Gedanken nahe, du Lieber, mich zu trösten. Bald aber
werden sie mich von hier fortführen zu der Königin, in ihrem Gefolge
soll ich bewahrt werden.«
»Das ist gute Botschaft,« rief Immo, »dort vermag ich dir eher nahe zu
sein.«
Aber Hildegard schwieg, ihr Haupt lag schwer an seiner Brust, und ihr
junger Leib bebte in seiner Umarmung. »Hoffe das nicht, Immo, denn
nicht für ein fröhliches Leben denkt mich der König zu retten, nur
weil der große Erzbischof Mitleid mit mir hatte. Sie halten mich fest,
wie die frommen Mütter sagen, damit ich nicht gleich einer Dirne auf
die Straße geschleudert werde. Mein unglücklicher Vater!« rief sie mit
gerungenen Händen. »Geh' von mir, Immo, denn Elend ist mein Los, und
meinem Vater droht das Verderben.«
Immo wußte wohl, daß der König damals, als er dem Geschlecht des Hezilo
Abzug aus der Festung gestattete, den Grafen Gerhard mit seinem Gesinde
aus dem Zuge der Entweichenden herausgerissen hatte, um ihn für seine
Rache zu bewahren. Seitdem konnte niemand sagen, was mit dem Grafen
geschehen war. Deshalb frug Immo sorgenvoll: »Vernahmst du, wo er
weilt?«
»Er liegt im Turm der Stadt gefangen, ich war bei ihm und er begehrt
in seiner Not nach dir. Eile, Immo, denn kurz ist, wie sie sagen, die
Frist, welche ihm noch auf dieser Erde gestattet wird. Tröste ihn, wenn
du vermagst, und dann komm noch einmal zu mir, damit ich dich segne und
dir für deine Liebe danke. Denn, Immo, merke wohl, die Tochter eines
entehrten Mannes kann nicht ferner dein Geselle sein. Suche dir die
Braut unter den geschmückten Frauen, welche mit der Königin eingezogen
sind und sich gleich dir des Sieges freuen; ich aber und mein
Geschlecht schwinden dahin wie die flammenden Häuser und die Weiber und
Kinder, die ich mit der Peitsche hinaustreiben sah.«
Immo rief unwillig: »Ich hörte immer, die durch ein Band gebunden sind,
sollen auch Leid und Liebe miteinander teilen, solange sie leben.
Meinst du, Hildegard, daß ich dich losbinde von deiner Pflicht gegen
mich? Mein bist du, aus der brennenden Stadt habe ich dich getragen
und was sie auch über dich ersinnen, solange ich atme, darfst du dich
niemandem geloben als mir, nicht der Königin und nicht den Heiligen.
Zur Stelle suche ich deinen Vater auf, ob ich ihm nützen kann.« Er hob
ihr gesenktes Antlitz mit der Hand zu sich herauf und sah ihr in die
Augen. Lange dachte er an die heiße Liebe, mit der sie ihn bei diesem
Scheiden ansah. »Morgen bei guter Zeit bringe ich Botschaft,« rief er
noch an der Tür.
Am Fuß der Turmtreppe sprach der Wärter zu Immo: »Ihr werdet den
Grafen in unehrlicher Gesellschaft finden, wenn euch beliebt, jetzt
hineinzugehen. Einer seiner Fechter ist bei ihm, er hat ihn gefordert;
ich rate, daß ihr harret, bis der ruchlose Mann gewichen ist.«
»Öffne doch,« versetzte Immo, »er hat mich dringend begehrt.«
Als Immo mit dem Schließer eintrat, sah er den Grafen auf einer
Holzbank sitzen, und vor ihm stand Sladenkop, der Fechter, ein
unförmlicher Gesell mit Armen und Beinen, die aussahen, als ob sie von
einem riesigen Tiere genommen wären, mit kleinen scharfen Eberaugen,
kurzer Stirn und borstigem Haar. Die Miene des Mannes war verlegen
und sein Gesicht gerötet. Immo wandte den Blick mit mehr Teilnahme
auf den Grafen. Denn sehr bekümmert erschien dieser, die Augen lagen
tief und fuhren ängstlich umher, er war hagerer geworden und sein Kopf
stand nicht mehr so trotzig zwischen den Schultern wie sonst, sondern
hing ein wenig nach vorwärts. Immo grüßte und winkte dem Schließer
abzutreten, welcher mit einem argwöhnischen Blick auf den Fechter
sagte: »ich harre draußen an der Tür, wenn ihr mich ruft.«
»Ich freue mich, Immo,« antwortete der Graf dem Gruße, »daß du nicht
verschmähst mich aufzusuchen, obwohl ich im Unglück bin. Immer hat dein
Geschlecht mir edle Art gezeigt und gute Freunde sind wir von neulich,
wo du in meiner Halle saßest und wo du in meinem Lager den Würzwein
trankest. Jetzt verläßt mich alles, sogar dieser Köter,« er wies auf
den Fechter. »Betrachte seine Arme, so habe ich ihn gefüttert, und mir
hat er sein Leben gelobt, jetzt aber sträubt er sich, mir im Kampfe
einen Vorteil zu geben.«
»Verhüten die Heiligen, daß euch jemals das Los zuteil werde, diesem da
im Kampfe gegenüber zu stehen.«
»Emsig flehe ich zu den Heiligen, daß sie es verhüten mögen; aber
es scheint, daß sie Lust haben, es zu gestatten. Denn wisse, Immo,
der König hat Übles gegen mich im Sinn, und weil wir am Idisbach in
der Übereilung dem Erfurter Kaufmann seine Ballen genommen und den
Mann dabei beschädigt haben, so will der König mir die Ehre nehmen,
ich soll als gerichteter Räuber um mein Leben kämpfen, und weil ich
Fechter gehalten habe, so fordert er in seinem Zorn, daß ich vor dem
Ringe seiner Edlen gegen meinen eigenen Fechter streiten soll.« Immo
trat erschrocken zurück. Der Gefangene erkannte die Teilnahme und fuhr
vertraulicher fort: »Aus deinen Augen sehe ich, Immo, daß ich dir alles
sagen darf; merke wohl, dieser Undankbare, der meinen Silberring an
seinem Arm trägt und der mir gelobt hat, um Geld und Nahrung in jedem
Kampfe sein Leben für mich zu wagen, er will sich jetzt von mir nicht
treffen lassen.«
»Wie kann ich eine Abrede mit euch machen, Herr, da ihr kein Fechter
seid und des Handwerks nicht kundig,« fiel gekränkt der Fechter ein.
»Wäret ihr einer von meinen Genossen, so wollte ich einen Arm oder ein
Bein wohl daran wagen. Ihr aber würdet mir, wenn ich euch einen Vorteil
gäbe, das Eisen in die Glieder treiben, daß ich des Aufstehens für
immer vergäße.«
»Du bist ein Narr, das zu fürchten. Ich war in meiner Jugend
ein Schwerttänzer und treffe, wohin ich will, wenn mein Gegner
Bescheidenheit erweist. So nimm doch die besten Gedanken in deinem
dicken Kopf zusammen. Wenn ich dich wirklich ein wenig zu sehr träfe,
durch die Hand eines Edlen zu fallen, wäre für dich das ehrenvollste
Ende, das du finden könntest.«
Der Mann stand mit zusammengezogenen Augenbrauen und überlegte. »Ja,
Herr,« sagte er zögernd, »ihr sprecht nicht ohne Grund, auch der
Fechter hat seine Ehre. Und trefft ihr mich, so soll dies mein Trost
sein und es wird Nachruhm gewähren bei allem fahrenden Volk. Doch
wenn ihr mich nicht trefft, sondern ich euch, dann wäre der Ruhm noch
größer.«
»Du aber hast dich mir gelobt, wie kannst du mich treffen, du Schuft?«
rief der Graf zornig.
Der Fechter sah finster vor sich nieder. »Ich weiß, was ihr meint,«
begann er endlich, »und ich merke, daß ich in der Klemme bin wie ein
Marder. Sie sollen nicht sagen, daß ich gegen meinen Herrn unehrlich
gehandelt habe. Solange ich euren Ring trage, seid ihr sicher vor
meinem Eisen; feilen sie mir den Ring ab, so fechte ich als des Königs
Kämpe und dann, meine ich, darf ich euch treffen.«
»Weiche hinaus, du Elender,« rief der Graf zornig, »mich reut's, daß
ich so manches Kalb und Rind in deinen Magen gestopft habe und mich
reut's, daß ich in meiner Not bei einem Ehrlosen Hilfe suche.«
Der Fechter sah verlegen und unschlüssig auf den Zornigen, dann wandte
er sich trotzig zum Abgang. Als sich hinter ihm die Tür geschlossen
hatte, saß der Graf eine Zeitlang schweigend auf der Bank, und Immo
sah, daß ihm große Schweißtropfen von der Stirne rannen. Endlich begann
er mit gebeugter Haltung: »Wundere dich nicht, Immo, daß ich gerade
dich bitten ließ. Du kennst den Brauch in heiligen Dingen, du bist
selbst ein halber Geistlicher, obgleich du das Schwert führst, und vor
allem bist du jung, erst aus Wigberts Zucht gekommen, du kannst noch
nicht sehr viel Böses getan haben, und die Heiligen werden dir eher
etwas zugute halten, als einem andern. Darum möchte ich dir Vertrauen
schenken in der Sache, die mir jetzt zumeist am Herzen liegt. Willst du
mir geloben, eine Bitte zu erfüllen, so tue es.«
Da Immo erwartete, daß der Graf an seine Tochter denken würde, so war
er gern bereit und sprach an sein Schwert fassend: »Ich will, wenn ich
es ohne Schaden für meine Seele tun kann.«
»Es ist ein frommes Werk,« versetzte der Gefangene traurig. »Wisse,
Immo, daß es schwer ist, auf Erden ohne Sünde zu leben. So habe auch
ich, wie ich fürchte, zuweilen etwas getan, was mich den Heiligen
verleiden kann, ich sorge, daß es ihr Zorn ist, der mich in diese
Gefahr gebracht hat und daß sie mich gar nicht gutwillig hören werden,
wenn ich sie hier aus diesem Loche um meine Rettung anflehe. Denn in
meinem Jammer bekenne ich, wenig habe ich ihrer im Glück geachtet.
Dem Gebet der Mönche mich zu übergeben, kann gar nichts frommen, denn
auch diese sind mir zum Teil verfeindet, und sie beten nur eifrig,
wenn sie Hufen und reiche Gaben erhalten. Meines Gutes aber wird, wie
ich fürchte, der König mich entledigen. Darum ist mir eingefallen, was
mich wohl retten könnte. Ich habe meine Sünden aufschreiben lassen;
nicht gerade alle, denn mit den kleinen will ich den großen Fürsten
des Himmels nicht lästig werden, aber die schwersten. Drei Tage und
drei Nächte habe ich zwischen diesen Steinen darüber nachgedacht sie
zu finden und zu bereuen. Dem Beichtiger der Gefangenen -- er ist ein
ausgelaufener Mönch und ein guter alter Mann -- habe ich sie hergesagt
und er hat sie auf mein Drängen niedergeschrieben und versiegelt.«
Er holte ein zusammengelegtes Pergament unter seinem Sitze hervor,
wies es dem erstaunten Immo und sprach feierlich: »Hierin sind meine
Sünden, nämlich die groben. Mir kann Rettung bringen, wenn du sie zu
wundertätigen Reliquien großer Heiligen trägst und sie in ihrem Schrein
oder doch darunter birgst, damit die Heiligen selbst mein Bekenntnis
empfangen, und wenn sie es lesen, sich meiner erbarmen.«
Immo trat erschrocken zurück und sah scheu auf das zusammengelegte
Pergament. »Wie darf ich mich unterfangen, dies Blatt den Heiligen zu
übergeben, da ich kein Priester bin?« versetzte er. »Und wie kann ich
einen Reliquienschrein erreichen, da ich selbst kein solches Heiligtum
besitze?«
»Schaffe das Blatt an einen Ort, wo große Heilige hausen,« raunte der
Graf ängstlich.
»Ich selbst bin aus dem Kloster in Unfrieden geschieden,« antwortete
Immo, »und weiß nicht, ob mir die Mönche dort gestatten werden, dem
Altar des heiligen Wigbert oder gar den hohen Aposteln zu nahen.«
»Auch erwarte ich wenig Gutes von diesen Heiligen,« versetzte der Graf
zerknirscht, »denn ich leugne nicht, alte Händel habe ich mit ihnen
und sie möchten mir das gedenken. Auch in Fulda, fürchte ich, hat man
schon manches von mir vor den Altären geraunt. Wandle leise zu einem
hohen Heiligtum, wo man mich weniger kennt. Einen Reliquienschrein weiß
ich, den besten von allen,« und er hob seinen Mund zu Immos Ohr und
flüsterte: »das ist der Himmelsschatz unseres Herrn, des Königs. Er ist
hier zur Stelle und schnelle Fürbitte tut mir not, sonst kann sie mir
für dieses Leben nichts mehr helfen.«
»Wie vermag ich zu dem Heiligtum des Königs zu dringen?« rief Immo.
»Ich weiß, daß du zu den Auserlesenen gehörst, welche die Wache in
seiner Behausung haben, da mag dir wohl möglich werden, daß du das
Pergament ungesehen unter die Decke schiebst. Vielleicht gelingt
dir auch, den Geschorenen des Königs, der über dem Schrein wacht,
durch Flehen und Gabe zu gewinnen. Versprich ihm Großes; denn wisse,
einen Goldschatz, der nicht klein ist, bewahre ich unter einem Baume
verborgen; wird der Priester zu der Guttat geneigt, so will ich den
Schatz daran wenden und ihm die Stelle offenbaren.«
»Um die Heiligtümer des Königs sorgt jetzt der fromme Abt Godohard,«
versetzte Immo kummervoll, »der Goldschatz wird ihn nicht locken, den
hohen Himmelsfürsten, die für den König bitten, in deiner Sache so
zudringlich zu nahen.«
»Ich finde dich kalt, Immo, wo es gilt, einen alten Genossen deines
Vaters aus der Angst zu retten,« klagte der Graf und griff sich nach
der feuchten Stirn. »Besseres hatte ich von dir gehofft und anderes
hatte ich auch mit dir im Sinne. Denn als ich dich neben Hildegard,
meinem Kinde, sitzen sah, wie du als Geselle ihr zutrankest, da fiel
mir einiges ein, was ich mit deinem Vater beredet hatte, als ihr beide
noch klein waret, und ich dachte, was nicht geworden ist, vielleicht
kann es doch noch werden, wenn die Heiligen es fügen und auch dein
Wille dahin geht. Jetzt freilich bin ich arg verstrickt, du aber bist
im Glücke. Dennoch erinnerte ich mich an die Augen, die du damals
machtest, als ich dich in meinen Saal laden ließ. Aber ich sehe, der
Menschen Sinn ist veränderlich, zumal wenn sie jung sind.« Er setzte
sich seitwärts auf die Bank und faltete die Hände, aber er sah von der
Seite scharf nach dem offenen Antlitz des Jünglings, in welchem der
innere Kampf sichtbar war.
Wild stürmte es durch Immos Seele, Hoffnung, die Geliebte durch den
Vater zu erwerben und wieder Mißbehagen darüber, daß der Vater sie ihm
für eine heimliche Tat verkaufen wollte. Er stand in innerm Ringen
und dabei fiel ihm die Lehre ein, welche ihm der alte Bertram für
sein Leben mitgegeben hatte, daß er dem Gelöbnis eines Mannes, der
in Todesnot sei, niemals trauen solle. »Wegen deiner Tochter fordere
ich keinen Eid von dir, und du gedenke mich nicht durch ihren Namen
zu beschwören, daß ich dir helfe. Denn deine Not will ich nicht
mißbrauchen zu einem Gelöbnis.«
»Du denkst edel, Immo,« rühmte der Graf, »sei auch barmherzig.«
»Gib mir das Pergament,« rief Immo entschlossen, »ich will tun, was
ich kann, wenn auch nicht gerade so wie du meinst, doch nach meinen
Kräften; obwohl ich zage, daß mir die hohen Gewalten deshalb zürnen
werden. Vermag ich nichts, so lege ich deine Sünden wieder auf deine
Seele wie ich sie empfing.«
»Ganz hochsinnig finde ich dich, Immo, und ich vertraue deinem Mut und
deiner Klugheit,« rief der erfreute Graf. Er legte das Pergament in
die Hand des anderen und hielt sich mit beiden Händen an seinem Arme
fest. Immo schob das Pergament vorsichtig in die Tasche seines Gewandes
und wandte sich zum Abgange. »Ich fürchte, das Blatt verbrennt mir den
Rock,« sagte er unruhig, »lebe wohl, soweit du es hier vermagst. Ich
kehre wieder, sobald ich die Tat versucht habe.« Den wortreichen Dank
des Grafen unterbrach das Klirren des Schlosses.
Als der König am Abend nach dem Mahle in seine Herberge kam und durch
den Haufen der Edlen und Geistlichen schritt, welche ihn erwarteten, um
Segen für seine Nachtruhe zu erflehen oder ihm aufzuwarten, da sah er
huldvoll, wie seine Gewohnheit war, nach allen Seiten umher, grüßte und
nickte. Die neu Angekommenen aber, wenn sie Edle waren oder Geistliche,
faßte er bei der Hand und küßte sie. Als der König Immo erblickte, der
sich in die vorderste Reihe gestellt hatte und ihn bei dem Gruß flehend
ansah, da merkte er wohl, daß dieser Huld begehre, winkte ihm gütig
zu und sprach: »Als ein stolzer Held hast du dich heute getummelt,
edler Immo, hell klangen deine Speere an den Schilden.« Und weil er
gern daran dachte, daß Immo ein Gelehrter war, fügte er, um ihn vor
den anderen noch mehr zu ehren, einen lateinischen Vers hinzu: Stolz
schwingt der Held Ascanius die Waffen im Kampffeld. Und nachdem er,
wie dem Könige geziemt, jedem seinen Anteil an Ehren gegeben hatte,
trat er in sein Schlafgemach. Als er sich dort ermüdet niedersetzte,
begann der Kämmerer zu ihm: »Der Thüring Immo fleht um die Gunst,
deiner Hoheit etwas zu sagen.«
»Hat er es so eilig, Lohn zu fordern für seinen Sprung von der Mauer,
ich habe ihm ja soeben vor allen Leuten wohlgetan.«
»Er sagte,« antwortete der Kämmerer sich entschuldigend, »daß er dem
König etwas Geheimes vertrauen müsse.«
»Die Geheimnisse des Jünglings hättest auch du empfangen können.«
»Das meinte ich auch,« versetzte der Kämmerer, »er aber flehte.
Gefällt's dem König, so sende ich ihn fort, denn er harrt vor der Tür.«
»So führe ihn herein,« befahl der König und stützte müde das Haupt in
die Hand.
Immo trat ein, kniete nieder und zog das Pergament des Grafen aus
seinem Gewande.
»Was bringst du mir so spät, Immo?« frug der König und sah kalt auf den
Knienden.
»Die Sünden des Grafen Gerhard,« antwortete Immo und legte das
Pergament zu den Füßen des Königs.
»Verhüten die Heiligen, daß ich so unselige Gabe annehme,« versetzte
der König, mit dem Fuß das Pergament wegstoßend, »Unheil bedeutet
solche Spende, sprich, was soll der Brief?«
»Die Beichte ist es des Grafen,« sagte Immo feierlich, indem er das
Kreuz schlug. Der König folgte schnell seinem Beispiel. »Der Graf
verzweifelt in seiner Not, durch die Mönche bei den Himmlischen Gnade
zu finden, zumal er ihnen nichts mehr zu spenden hat, denn sein Gut
und Geld liegen in des Königs Hand. Da ließ er in der Herzensangst
durch einen armen Priester seine Sünden niederschreiben und forderte
von mir, daß ich sie heimlich zu den Heiligtümern meines Herrn und
Königs trüge, damit die gewaltigen Nothelfer sich seiner erbarmten.«
»Und du hast ihm den Sündenbrief nicht zur Stelle vor die Füße
geworfen, Verwegener?«
»Zürne mein König nicht, wenn ich gefehlt habe, mich erbarmte seine
Angst. Wohl weiß ich, daß es ein Unrecht wäre, zu dem heiligen
Geheimnis meines Königs zu schleichen und den Brief des armen Sünders
dort zu verstecken, wie er begehrte. Dennoch wagte ich nicht, seiner
Seligkeit hinderlich zu sein, und ich meine als redlicher Mann und
nicht als Hehler zu handeln, wenn ich von der Gnade des Königs erbitte,
daß mein Herr der Seele des hilflosen Mannes beistehe und seinem
Priester gestatte, das Pergament zum Heiligtum des Königs zu tragen.«
»Und was hat dir der Graf versprochen, damit du diese freche Bitte
wagst?« frug der König hart, »denn meine Edlen pflegen nichts für
nichts zu tun.«
»Man hat mich gelehrt, von einem Manne in der Todesnot nicht Gabe und
nicht Versprechen anzunehmen,« antwortete Immo.
»Der dich so seltene Vorsicht gelehrt hat, hätte dich auch lehren
sollen, gegenüber deinem Könige die Scham zu bewahren. Wie mögen die
hohen Gewaltigen des Himmels, deren Gnade ich selbst froh bin, wenn sie
sich zu meinem Heiligtum herniederneigen und mich schützend umschweben,
wie mögen diese zugleich die Beschützer meiner Feinde werden? Und wie
kannst du das wollen, wenn du kein Verräter bist?«
»Ich vernahm die hohe Lehre,« versetzte Immo kniend, »daß der
Himmelsherr gern Erbarmen mit dem Sünder hat, und wenn der König, der
des Herrn Schwert auf Erden hält, hier den Schuldigen richten muß, so
mag ihn doch in seinem Amte trösten, daß die Bitte seiner Heiligen den
armen Sünder aus den Krallen des üblen Teufels errettet.«
»Mir aber liegt gar nichts daran,« rief der König ungnädig, »den
untreuen Mann dereinst an der Himmelsbank wiederzufinden, wenn die
Himmlischen mir dort den Herdsitz bereiten wollen. Das mußtest du
wissen, du Tor, bevor du seine Sünden mir auf die Seele legtest. Denn
wenn ich nach seinem unverschämten Verlangen tue, so schaffe ich einem,
der mein Feind war, Hilfe in jenem Leben und vielleicht auch noch in
diesem. Und wenn ich ihm dagegen seinen Willen nicht tue, so mögen die
Heiligen mir zürnen, weil es mir an Erbarmen fehlt. In solche Gefahr
setzt mich dein dreistes Verlangen. Entweiche mit dem Briefe und trage
ihn zu einem anderen Heiligtum, zu welchem du willst, wenn dir an der
Gunst des Grafen mehr gelegen ist, als an dem Vorteil deines Königs.
Doch halt,« rief der König noch zorniger, »wer weiß, ob der Bösewicht
nicht manches hineingesetzt hat, was mir selbst zum Schaden gereichen
könnte, wenn die Unsichtbaren darauf hören.« Der König neigte sich
schnell zu Boden, faßte den Brief und erbrach das Siegel. »Die Beichte
des Grafen Gerhard will ich zuerst vernehmen, ehe sie zu den Heiligen
dringt.« Er bekreuzte sich und setzte sich nahe zu der Kerze. »Schwach
war die Kunst des Geschorenen, der diese Krähenfüße hingesetzt hat,«
murmelte er. »Mit seiner letzten Verräterei fängt der Sünder an, ich
glaube wohl, daß sie ihn am meisten ängstigt. Sie reut ihn, solange
er im Turm sitzt. -- Dann kommt der Kaufmann. Der Goldstoff, den er
geraubt hat, war für die Königin bestimmt, und er hat ihn noch nicht
einmal herausgegeben.« Und er las fort mit gespannter Aufmerksamkeit.
Immo merkte, daß der König seine Gegenwart ganz vergessen hatte, denn
er sprach zuweilen laut von den geheimen Taten.
»Den Grafen Siegfried im Walde überfallen, wobei ihn leider mein Mann
Egbert erschlug. Die Missetat blieb ungerochen,« rief der König, »die
Leute sagten damals, der Gefällte sei von Räubern erschlagen worden.
-- Hier folgen Sünden gegen die Wigbertleute. Es ist eine ganze Reihe.
Schwerlich würde Abt Bernheri dafür Absolution erteilen. -- Mit Herzog
Heinrich, dem Zänker -- der dreiste Bösewicht, meinen Vater so zu
nennen.« -- Der König sah um sich, und als er Immo noch auf den Knien
fand, sprang er auf und winkte ihm zornig die Entlassung. Dann ergriff
er wieder das Pergament: »Mit Herzog Heinrich verschworen gegen Kaiser
Otto.« Der König warf das Pergament auf den Tisch und schritt heftig
im Zimmer auf und ab. »Das Unrecht meines eigenen Vaters soll ich zum
Schrein der Heiligen tragen, damit die Heiligen es wissen und an mir
rächen. Unerhört ist die Bosheit.« Wieder eilte er zum Tisch. »Und
hier steht es, meine eigene Sünde,« und er las: »mit Herzog Heinrich,
der jetzt König ist, Verabredung getroffen gegen seinen Vetter, den
jungen Kaiser Otto.« Der König faßte das Pergament, drückte es mit
der Faust zusammen und schleuderte es in den Kamin. Er riß die Kerze
aus dem Leuchter, hielt sie daran, bis das Blatt sich bräunte und
knisternd verkohlte und stieß heftig mit dem Fuß in die Asche. »Dies
sei der Heiligenschrein, zu dem ich deine Sünden trage, du Ruchloser.
Mich selbst soll ich verklagen vor meinen Nothelfern um deinetwillen.
Lieber lasse ich dich unter deiner Sündenlast leben wie bisher, als
daß ich dir den Himmel öffne. Siehe selbst zu, ob du auf dieser Erde
das Erbarmen der Himmlischen gewinnst, ich weigere dir die Hilfe, die
du begehrst.« Der König stand finster vor dem Kamin. »An mein eigenes
Unrecht mahnt er mich und ich fühle den Schrecken und die bittere Reue.
Für mich selbst will ich zu den Ewigen flehen wegen alter Sünden, und
daß ich jetzt dem Flehen einer armen Seele nach der Seligkeit meine
Hilfe verweigerte.« Und Heinrich eilte zu dem vergoldeten Schrein, um
den, wie er meinte, die hohen Fürsten des Christenhimmels unsichtbar
walteten, enthüllte die heilbringenden Reliquien und warf sich mit
gerungenen Händen vor ihnen nieder.
In der Frühe des nächsten Tages begann die Feier der Heerschau. Unter
den Mauern der Festung Babenberg waren auf freiem Felde Schranken
errichtet, die Pfosten mit grünen Zweigen umwunden, die Treppen mit
kostbaren Teppichen belegt, an einer Seite stand auf hohen Stufen der
goldene Königsstuhl. Dort wollte der König die Gaben verteilen und sein
siegreiches Heer entlassen. Als die Sonne aufging, zogen die Scharen
von allen Seiten der Ebene zu und lagerten bei ihren Bannern in weitem
Ringe um den eingefriedeten Raum. Eine unzählige Menge Volkes drängte
an den Schranken, um den König und das Festgepränge zu schauen. Die
Helden des Heeres ritten in ihrem besten Schmuck herzu, stiegen von den
Rossen und sammelten sich in der Umzäunung. Als der König auf seinem
Schlachtrosse herankam, in Königstracht, die Krone auf dem Haupt,
begleitet von der Königin und einem endlosen Gefolge geistlicher und
weltlicher Herren, da brauste der Heilruf durch die Scharen, und auch
die Landleute schrien und hoben die Arme, obgleich viele von ihnen
über das Schicksal ihrer alten Herren bekümmert waren. Der König und
die Königin stiegen die Stufen hinauf und setzten sich würdig auf den
Königsstuhl, um sie herum saßen auf niedrigen Stühlen die Edelsten
des Reiches. Nachdem der Rufer Stille geboten hatte, erhob sich der
Erzbischof von Mainz, sprach das Gebet, segnete den Tag und verkündete
mit mächtiger Stimme, die weit in das Feld schallte, den Willen des
Königs. Zuerst die Strafen, welche der königliche Richter über die
Empörer verhängt hatte. Jeden derselben nannte er beim Namen, dann
seine Missetat und die Strafe, welche nicht sanft war. Nur den Bruder
des Königs nannte er nicht, um das hohe Geschlecht zu schonen.
Immo stand in den Schranken nahe den Stufen und lauschte gespannt auf
jedes Wort des Erzbischofs. Als in der unseligen Reihe der Besiegten
der Name des Grafen Gerhard gerufen wurde, hielt er ängstlich den Atem
an, denn er wußte, daß der Geliebten unsägliches Wehe bereiten würde,
was darauf folgte. Aber ihm schoß vor Freuden das Blut ins Gesicht und
durch die ganze Versammlung ging ein leises Summen, als der Erzbischof
aus dem großen Pergament verkündete, daß die Gnade des Königs die
Missetat des Grafen nicht an seinem Leben und seiner Ehre, sondern
nur an einem Teile seines Gutes rächen wolle, und daß dem Treulosen
gestattet werde, seinem Lehnsherrn aufs neue den Treueid zu schwören.
Immo machte eine heftige Bewegung, um aus den Schranken zu eilen, und
der alte Hugbald, welcher als Führer der Klostermannen auch die Ehre
genoß, in den Schranken zu harren, mußte ihn am Arme halten, daß er die
Feierlichkeit nicht störte. Sorglos und mit lachendem Munde vernahm
er eine lange Reihe von Belohnungen, welche der Erzbischof verkündete,
denn der König teilte die großen Lehen der Babenberger unter seine
Edlen. Jeder, der ein Herrenlehn empfing, ritt mit seinem Gefolge in
gestrecktem Lauf dreimal um die Schranken, stieg am Eingange ab, trat
die Stufen hinauf, empfing kniend die Fahne und schwor den Eid in die
Hand des Königs. Das währte lange, und die Sonne brannte heiß, bevor
alles nach Gebühr vollendet war. Aber die Krieger und das Volk ertrugen
gern den Sonnenbrand, denn was darauf folgte, war der freudigste Teil
der Begabung. Der Kämmerer des Königs schritt in die Schranken, gefolgt
von einer langen Reihe wohlgekleideter Diener, welche an Stangen große
Truhen trugen, die sie vor den Stufen des Königsstuhls nebeneinander
niedersetzten. Die Decken wurden abgehoben, und ein Goldschatz, wie ihn
wenige Menschen geschaut hatten, blinkte in der Sonne. Große Kannen,
Becher und Schalen, Dolche und reichgeschmückte Helme, Ketten und
Armringe lagen kunstvoll geschichtet übereinander. Nach der Enthüllung
scholl ein lautes Geschrei und zahllose Heilrufe, die Zuschauer
drängten ganz außer sich an die Schranken, die zahlreichen Trabanten
mußten stoßen und sich entgegenstemmen, um den Einbruch abzuwehren. Und
die Verteilung der Ehrengeschenke an die Tapfern des Heeres begann. Der
Kanzler trat vor und öffnete eine Pergamentrolle, welche bis an den
Boden reichte, laut rief er den Namen jedes Helden und die Gabe, womit
er geehrt wurde. Die rechte Seite innerhalb der Schranken war durch den
Rufer geräumt; wer von dem Kanzler geladen wurde, trat vor den Stuhl
des Königs, empfing sein Geschenk, huldigte und schritt vergnügt der
anderen Seite zu. War er aber aus vornehmem Geschlecht, so überreichte
der Kanzler dem König die Spende, und dieser teilte sie selbst dem
Glücklichen zu und sprach, wenn er ihn hoch ehren wollte, einige
huldreiche Worte. Auch das Heer und Volk begleitete mit lautem Zuruf
die Gaben, wenn der Empfänger rühmlich bekannt und im Heere beliebt
war. Aus der Nähe Immos wurden viele Helden gerufen, Hugbald trat
vor und empfing seine Kette, nicht lange darauf hörte Immo den Namen
seines Gespielen Brunico, welcher ganz hinten an den Schranken stand,
und als dieser einen schweren Goldring erhielt, sprach der König vom
Throne: »Den Schmied hast du mir gerettet, trage dafür seine Arbeit.«
Aber Immo wurde nicht gerufen. Die Truhen leerten sich, die Unruhe in
der Umgebung des Königs zeigte an, daß der Aufbruch nahe war. Immo
stand mit einer kleinen Zahl andrer unbeachtet auf seiner Stelle. Er
merkte, daß sich verwunderte Blicke nach ihm richteten, und er begann
zornig die Kränkung zu fühlen. Hatte ihn auch der König am letzten
Abend ungnädig entlassen, er wußte doch, er hatte dem König gut gedient
und war oft vor anderen ausgezeichnet worden. Zwar um den Goldschatz
hatte er wenig gesorgt, aber auch er hatte zuweilen daran gedacht, daß
ein Schmuckstück eine gute Erinnerung sein werde. Jetzt erkannte er,
daß der düstere Blick Gundomars von der Höhe auf ihm haftete, und er
fühlte, ärgerlich über sich selbst, daß er errötete und den Leuten ein
gleichgültiges Gesicht zu zeigen nicht vermochte. Er merkte auch, daß
Herzog Bernhard, dem seine Würde erlaubte, in der Nähe des Königs sich
freier zu rühren, hinter den Stuhl des Königs trat, und daß der König
sich einen Augenblick nach rückwärts wandte. Er verstand die Worte des
Königs nicht, und sie hätten ihn auch nicht erfreut, denn Heinrich
antwortete der gutherzigen Frage des Herzogs nach Immo: »Er hat bereits
weit mehr erhalten, als er verdient.« Da stieg der Herzog die Stufen
herab und schritt über den Platz dahin, wo Immo fast allein stand,
stellte sich behaglich neben ihn und sagte lächelnd: »Für uns beide,
für dich, Held Immo, und für mich, klingt heute das Goldblech nicht.«
»Euch, erlauchter Herr,« versetzte Immo mit einem dankbaren Blick,
aber mit zuckenden Lippen, »vermag keine Königsgabe an Ehren etwas
zuzusetzen, mir aber, hoffe ich, soll die Verweigerung der Gabe die
Ehre nicht mindern.«
»So ist es recht, Held,« mahnte der Herzog, »sieh trotzig geradeaus.
Vernimm ein Gesuch, das ich dir zur Stelle ausspreche, weil ich
erkenne, daß du schwerlich im Dienste des Königs beharren wirst. Komm
als mein Gast mit mir in mein Sachsenland, wir jagen miteinander die
wilden Ochsen in der Heide. Du sollst das Weidwerk bei uns nicht
schlechter finden als in deinen Bergen. Und noch anderes begehre ich
von dir. Die Burgen, welche fremde Seeräuber an der Küste im Wasser
geschanzt haben, will ich brechen, sobald der Eisfrost eine harte Bahn
zu ihren Holzringen bereitet, dabei sollst du mir helfen. Ist dir's
recht, so schlage ein.« Er hielt ihm die Hand hin, welche Immo freudig
ergriff. Und der Herzog fuhr fort: »Der König erhebt sich, das Heer zu
entlassen. Unsere Krieger sind ungeduldig, die Herden der Beutetiere
und der gefangenen Böhmen zu teilen.«
Der König und seine Edlen bestiegen die Rosse, die Helden sprengten
auseinander zu ihren Haufen. Vor jeder Schar hielt der König an, zollte
seinen Dank und sprach die Worte der Entlassung. Auch als er zu dem
kleinen Haufen der Bogenschützen kam, welche Immo führte, neigte er das
Haupt und rief: »Treu erfüllt habt ihr den Eid, den ihr freiwillig
gelobtet, ich löse euch von der Pflicht, zieht in Frieden heim zu
euren Bergen.« Aber dabei ruhte sein Blick kalt und feindselig auf
ihrem Führer, und dieser erkannte, daß der König ihn ungnädig von sich
entfernte, und daß sein Schicksal ihn anders als er selbst gedacht
hatte, aus dem Königsdienst löste. Er grüßte zum letztenmal mit seiner
Waffe den Kriegsherrn und führte seine Knaben nach der Stadt zurück.
Aus der Herberge eilte er zum Grafen Gerhard, bayrische Königsmannen
hielten die Wache und weigerten ihm den Zutritt; er stürmte zu dem
Hofe der Nonnen, die frommen Mütter waren mit Hildegard durch Reisige
aus der Stadt geleitet, niemand wußte zu sagen, wohin. Da suchte er
den Kanzler auf, dieser empfing ihn kalt. »Soll ich dir Gutes raten,
so entziehe dich dem Auge des Königs, denn ich fürchte, er sinnt dir
nichts Günstiges. Für die Jungfrau wird der König selbst sorgen; wie
ich vernehme, will mein Herr, daß sie geschleiert werde, damit sie für
die Missetaten des Vaters von den Heiligen Verzeihung erwerbe.«
Mit Mühe bewahrte Immo die Kraft, den Segen des Kanzlers zu erbitten,
den dieser mit einer nachlässigen Handbewegung erteilte. Er kam
verstört in seine Herberge und trat in die Kammer, in welcher Heriman,
der Goldschmied, lag, der von seiner schweren Wunde langsam genas. Oft
hatte Immo während der Belagerung in der Hütte des Kranken gesessen
und dem klugen Landsmann vertraut, was ihm auf der Seele lag, jetzt
setzte er sich bleich und erschöpft neben ihn. »An einem Tage habe ich
alles verloren, worauf ich hoffte, und wenn ich von hier weiche, wie
ich soll, so nehme ich ein Herz voll Angst und Sorge mit mir. Dennoch
vermag ich das Land nicht zu räumen, bevor ich die Jungfrau wieder
gesehen habe.«
»Ich bleibe zurück,« versetzte Heriman tröstend, »dir danke ich, Immo,
daß ich lebe und meine Glieder wieder zu regen beginne. Diese Schuld
zahle ich dir jetzt oder wann du verlangst. Besser vielleicht als
du selbst, vermag ich dir zu nützen. Denn Kundschaft habe ich beim
Könige und vielen Großen, und mancher Stolze beachtet in der Stille
meine Worte. Ziehe mit dem Herzog, denn weilst du hier, so wird es
dein Verderben. Du läßt einen zurück, der ein wenig die Weise kennt,
wie man die Geheimnisse der Mächtigen erkundet. Noch ist die Jungfrau
nicht geschleiert. Und was ich erfahre, Günstiges oder Ungünstiges, das
sollst du wissen.«
Während der Burgmann dem jungen Helden Trost einsprach und dieser
gern seinen Worten lauschte, scholl in der Haustür und auf der Straße
ein wirres Getön von Pfeifen, Fiedeln und Menschenstimmen, ein wilder
mißtönender Lärm von allerlei Weisen, welche durcheinander klangen,
von Gelächter und trunkenem Geschrei. Immo eilte die Treppe hinab. Im
Hausflur saß Brunico an der weit geöffneten Tür, eine Trinkkanne in der
Hand, umgeben von seinen Bogenschützen, vor ihm aber auf der Schwelle
und auf der Straße stand ein großer Haufe fahrender Spielleute, von
denen jeder unbekümmert um die anderen in seiner Kunst das Beste tat,
so daß ein unordentliches und greuliches Getöse durch das Haus und
über die Straße schallte. »Schneller,« trieb Brunico, »ihr zirpt wie
die Mädchen, die zum erstenmal im Reigen springen. Wer um die Wette
läuft, darf seinen Atem nicht sparen.« Von neuem begann das tolle
Gefiedel und Geschrei. »Jetzt merkt auf,« mahnte Brunico lachend, »der
schnellste fängt den Preis.« Er zog den goldenen Ring vom Armgelenk und
hielt ihn in die Höhe, schleuderte ihn über die Köpfe der Spielleute
in den Staub der Straße und rief: »So wirft der Bauer von Friemar den
Armring des Königs.« Gleich Hunden sprangen die Fahrenden nach dem
Ringe, sie fielen und überschlugen sich in wirrem Knäuel, das Volk
schrie, jauchzte und balgte sich mit den Unehrlichen, bis endlich einer
der Spielleute den Goldschmuck faßte, emporhielt und schnellfüßig mit
dem Preise entrann. Und als Immo den Gespielen schalt: »Wie magst du
eine wertvolle Gabe vergeuden, die dein Geschlecht und dein Mädchen
lange erfreut hätte?« da antwortete Brunico: »Ich warf sie fort, damit
sie mir nicht die Augen blenden sollte. Denn übel stände mir an, das
Ehrengeschenk eines Königs zu tragen, der dich gekränkt hat, während er
mir spendete.«
9.
Unter den Rößlein der Horsila.
Die Felder in Thüringen waren geleert, die Viehherden weideten auf den
Stoppeln und die Jäger zogen mit ihren Hunden in den Bergwald. Auch die
Brüder Immos hatten durch einige Wochen den Heerschild getragen, sie
waren gegen die Elbe gezogen, um einen Einbruch der Böhmen zu rächen,
aber der Feind war ihnen eilig hinter seine Berge ausgewichen und sie
fanden nur die verkohlten Trümmer der niedergebrannten Höfe. Da waren
sie unzufrieden heimgekehrt und sannen mit ihren Landsleuten auf einen
vergeltenden Zug für das nächste Frühjahr.
Als sie an einem hellen Herbstabend von der Jagd zurückkamen und gerade
über die Brücke eines Nachbardorfes ritten, fanden sie den Weg durch
Gedränge der Einwohner gesperrt, und noch immer liefen die Leute aus
den Höfen, einander zurufend und heranwinkend. In der Mitte hielten
Reiter, und um diese schloß sich der Ring. Die Jagdhunde der Brüder
fuhren mit wütendem Gebell gegen den Haufen, und Erwin hatte Mühe, die
Zerrenden an ihren Riemen zurückzuhalten.
»Es sind Fremde, welche ausgefragt werden,« rief Ortwin, und schneller
trabten die Rosse. Die Dorfleute machten den Jünglingen grüßend Platz,
und diese fanden in der Mitte den Spielmann Wizzelin, der wie ein Herr
gekleidet und von einem dienenden Genossen begleitet war, welcher das
Saitenspiel bewahrte. Zwei Landleute hielten das Roß des Spielmannes
am Zügel, vor ihm standen die Ältesten des Dorfes und in großem Kreise
alt und jung mit aufgerissenen Augen, Verwunderung und helle Neugierde
in den Gesichtern. »Sei gegrüßt, Spielmann,« rief Odo lächelnd, »wer
deine Pferde betrachtet, muß rühmen, daß du Glück im Kriege gehabt
hast.« Wizzelin neigte sich artig und trieb sein Pferd, damit es die
wohlgeformten Glieder rege. »In dem siegreichen Heere findet auch ein
armer Spielmann etwas Gutes,« versetzte er stolz.
»Wunderbares erzählt er von dem Glück des Königs und wie die Burgen des
Markgrafen brannten,« berichtete ein alter Bauer.
»Tag und Nacht könnte ich euch erzählen, niemand vermöchte in einem
Niedersitzen alle Heldentaten herzusagen,« fuhr Wizzelin fort. »Auch
bei euch raste ich wohl einmal und singe unter der Linde; jetzt aber
öffnet den Weg, denn ich begehre dringend weiter zu ziehen.«
»Ich hoffe, du herbergst heute bei uns im Hofe,« mahnte Odo. Doch unter
den Dorfleuten erhob sich Gemurr. »Er hat noch wenig gesagt,« riefen
mehrere Stimmen. »Wir verlangen von den Nachbarn zu hören, welche
freiwillig zu König Heinrich gezogen sind,« schrien andere.
»Als Helden kehren sie zurück, ihre Wagen sind schwer mit dem
Kampfgewinn beladen und Beuterosse führen sie in langer Reihe, auch
böhmische Knechte, welche ihnen der König zugeteilt hat, wenn sie
dieselben nicht bereits an die Händler verkauft haben; denn ihnen wird
mühsam sein, die Menge der Sklaven auf der Reise zu ernähren.«
Ein lauter Schrei der Verwunderung antwortete, und die Knaben schlugen
in ihrer Aufregung Purzelbäume im Staube.
»Sahst du den Dindo, den Sohn meiner Schwester Wendilgard?« frug eine
stattliche Bäuerin.
»Dindo?« versetzte Wizzelin, »der Held mit den runden Backen, sicher
kenne ich ihn. Er kehrt ganz heil zurück, und ich meine, in seinem
Reisegepäck liegt auch eine Spange, welche das stolze Herz seiner Base
erfreuen wird.«
»Was weißt du von Engilbrecht,« klang es aus dem Haufen, »und vom
Vortänzer Richilo?«
»Engilbrecht kommt ohne Wandel, sowie er gegangen ist, und der schnelle
Richilo hat neue Reigen getanzt von der Mauer in eine brennende Stadt,
beide schreiten mit gebauschten Taschen einher und bringen für manche,
die ihnen lieb sind, Gutes in ihren Säcken; geduldet euch jetzt und ihr
alle werdet erstaunen.«
Wieder ging das frohe Schwirren durch die Versammlung und aller Blicke
richteten sich nach den Brüdern. Niemand wollte die Frage tun, die
zuerst ihnen gebührte. Da sie aber schwiegen, rief Sigilind, ein
mutiges Weib: »Weißt du etwas von Brunico, dem Sohn des alten Baldhard?«
»Ha,« rief Wizzelin, »du nennst einen von den großen Helden des Königs
Heinrich; laut hörte ich seinen Goldschatz rühmen, denn Armringe aus
Königsgold, die wohl ein halbes Pfund schwer waren, hat er meinen
Genossen auf die Straße hingeworfen als Lohn für ihre Lieder.«
Da scholl wieder ein lauter Schrei des Erstaunens, und Sigilind, Gisa,
Engiltrud und die anderen Weiber hoben die Hände zum Himmel und rannten
von dannen, um den Höfen die unglaubliche Kunde zuzutragen.
»Schnatternd wie Gänse fahren sie mit gereckten Hälsen auseinander,«
spottete Wizzelin leise zu Odo, »die Bahn ist gefegt, gefällt's euch,
so dringen wir durch.« Und nach allen Seiten grüßend und Rückkehr
verheißend, trabte er mit den Brüdern von dannen.
Kaum war der Spielmann in das Tor des Herrenhofes geritten, so flog
die Kunde von seiner Ankunft durch jeden Stall und jede Kammer; auch
hier drängten die Leute heraus, die Knechte waren beflissen, ihm und
seinem Gefährten die Pferde anzubinden, und die Mägde steckten die
Köpfe zusammen und bewunderten sein schönes Gewand und die klirrende
Kette. Nur Murhard, der Hofhund, und sein Geschlecht waren nicht willig
zu wedeln, sie bellten wütend und unablässig und sprangen feindselig
an den Spielleuten herauf, und Wizzelin klagte gegen Odo, welcher die
Hunde scheuchte, mit finsterem Lächeln: »Der Fahrende vermag die Gunst
der Männer und Frauen zu gewinnen, die Köter aber bleiben seine Feinde,
sie erkennen ihn in jedem Gewande.« Er ordnete Haar und Rock und zog
sein Gesicht in ehrbare Falten, als er in den Saal vor die Augen der
Herrin Edith trat. Hinter ihm sammelten sich die Dienstleute, alle in
froher Erwartung der Kunst, die er nach dem Mahle spenden würde. Den
Spielleuten wurde ein besonderer Tisch gestellt, aber Edith winkte,
daß ihnen gute Kost geboten wurde und der beste Met des Hauses. Und
Wizzelin erhielt den Met in einem Silberbecher, welcher ihm der Ehre
wegen noch lieber war als der Trank.
Nach dem Mahle begann Edith: »Da du beim Heere des Königs weiltest, so
gib uns Kunde, soweit du vermagst. Denn nur Undeutliches hörten wir von
seinem Siege und dem Unglück der Feinde.«
Der Spielmann erhob sich und begann seine Sage vom Raub des Schatzes,
von Belagerung der Feste und von den Kämpfen gegen Hezilo. Er sprach
langsam und feierlich und seine Rede tönte zuweilen wie Gesang;
vieles berichtete er getreu nach der Wahrheit, anderes wie es ihm in
den Sinn kam. Den Namen des Mannes aber, an den jeder in der Halle
dachte, nannte er nicht. Regungslos, mit verhaltenem Atem lauschten
die Zuhörer, nur wenn er vom Schlachtgewühl erzählte, rührten sich die
Männer, ihre Augen glänzten und sie nickten einander zu, und so oft
er den Fall der Helden und den Brand der Burgen beklagte, seufzten
die Frauen. Als er seinen langen Bericht beendet hatte, sprach Edith:
»Füllt ihm aufs neue den Becher. Du aber bewahre das Silber mit
unserm Dank, denn große Dinge hast du uns verkündet, die wir alle im
Gedächtnis behalten, solange wir leben.« Da sprang Gottfried auf,
überreichte dem Spielmann den Becher und begann: »Weißt du etwas von
meinem Bruder Immo, so verkünde auch das, denn an ihn dachten wir
alle, während wir dich hörten.« Bei diesen Worten des Knaben brachen
die Dienstleute in einen Freudenschrei aus, es war ein kurzer Ruf, der
schnell verhallte, aber er kam aus bedrängten Herzen, die von einer
Last befreit wurden. Wizzelin hob den Becher und rief: »Heil sei dir,
junger Held, daß du als der erste nach ihm frägst im Saale seiner
Väter.« Er ergriff sein Spiel, fuhr schnell über die Saiten und sprach:
»Dieses Spiel hat oft von seinem Namen getönt, denn wir Fahrenden
singen mehr als ein Lied von ihm auf den Märkten und am Herdfeuer.
Wollt ihr das eine hören, wie er den Grafen Ernst schlug?« Und die
Saiten rührend, stimmte er die Weise an: »Einen Helden weiß ich, Immo
aus Thüringeland. So lautet das Lied,« erklärte er, »höre Geschlecht
Irmfrieds!« Und er begann seinen Sang, wie Immo an der Furt des Baches
die Helden des Babenbergers schlug, den Waltram, Hartwin und den jungen
Hadamund, und wie er darauf die Wache am Felsentor hielt, um durch
seinen Leib den König zu decken. Dort lief der edle Graf Ernst gegen
ihn an, die Speere flogen, die Schilde krachten und aus den Schwertern
fuhr die feurige Lohe, bis der Babenberger mit zerschlagenem Helme
betäubt zurückfuhr. Da warf Wolfere von fern her den Hammer und traf
dem jungen Helden das Haupt, daß er blutend zurücksank. Aber den Fall
seines Edlen zu rächen, sprang König Heinrich selbst in den Kampf.
Oft hatte der Spielmann die Herzen der Hörer bewegt wie er wollte,
und er war gewöhnt, daß sie durch hellen Ruf und leises Stöhnen
ihren Anteil kundgaben. Heute aber freute sich der Schlaue über das
Entzücken, welches er erregte. Die dienenden Frauen streckten in ihrer
Aufregung die Hände immer wieder dem Himmel zu, Gertrud schluchzte vor
Freude, und die Dienstmannen schnoben heftig mit den Nasenflügeln und
griffen mit den Händen um sich. Der Knabe Gottfried stand wie verzückt
mit glühenden Wangen und aufgerissenen Augen, seine schlanke Gestalt
schien zu wachsen und sein goldenes Haar sträubte sich um das Haupt.
Auch andere sah der Sänger, welche sich gegen die Gewalt seiner Töne
wehrten, bis ihr stolzer Groll dahinschmolz in der heißen Freude über
die Ehren eines Haussohns. Die Mutter barg nach den ersten Tönen ihr
Gesicht in der Hand, und als er den Sturz Immos verkündete, erhob sie
sich von ihrem Sitz und trat zurück in das Dunkel. Die Brüder saßen im
Anfange mit zusammengezogenen Brauen gleich Männern, welche gefaßt
sind, Unwillkommenes zu hören. Doch auch ihr Widerstand wurde schwach,
in ihren Augen leuchtete die Freude, die jüngeren sprangen auf und
traten nahe zu dem Sänger, nur Odo blieb sitzen, aber um seinen Mund
zuckte die Bewegung. Und als der Sänger endete und ein Jubelgeschrei
der Dienenden, welches nicht enden wollte, durch den Saal brauste,
da trat Odo zu dem Spielmann, bot ihm den Becher, aus dem er selbst
getrunken hatte, und sprach: »Nimm noch dies Silber, das dir die Söhne
Irmfrieds spenden. Leben wir auch in Zwist mit dem Bruder, wir freuen
uns doch, wenn der Name unseres Geschlechtsgenossen im Lande gerühmt
wird.«
»Weißt du mehr von ihm?« rief Gottfried.
Der Spielmann rührte sogleich wieder die Saiten. »Ihr mögt wählen
unter den Liedern, die ich von ihm habe.« Und er verkündete ihnen nach
der Reihe alles, wie Held Immo unter den Sachsen ritt, wie er den
Dienstmann Egbert schlug und wie er als erster sich mit seinen Genossen
in die Festung schwang.
Der Sang war verklungen, die Hörer saßen schweigend, ganz aufgelöst von
der starken Bewegung. Da ergriff Wizzelin seine Fiedel und begann mit
dem Bogen die Saiten zu rühren, langsam, in einer rührenden Weise, aber
er sang und sprach nicht mehr. Auch die Versammelten saßen still und
wenn einem das Herz zu weich wurde, so wischte er verstohlen die Träne
ab.
Das war die erste Kunde von Immo, welche in sein Vaterhaus drang.
Nicht lange darauf kehrten die Bogenschützen in ihre Dörfer zurück
mit hochbeladenen Wagen und manchem schönen Beutestück. Mehr als
einer wurde nach dem Hofe geladen und erzählte, so gut er vermochte,
von sich selbst und von seinem Anführer, und daß Immo mit dem Sohne
Baldhards am Main von ihnen geschieden war, um zu den Sachsen an die
See zu fahren. Seitdem kam keine Nachricht von dem Helden, auch die
Eltern Brunicos wußten nichts zu erkunden. Die Blätter fielen und
der Sturmwind tobte um die Mauern der Mühlburg, von welcher der alte
Dienstmann Berthold täglich nach seinem Herrn aussah. Berg und Wald
lagen unter weißer Schneedecke. Jeder, der einen warmen Ofensitz
erlangen konnte, schlüpfte hinein und lauschte vergnügt auf das Brodeln
im kupfernen Topfe. Aber der Stuhl, den Edith täglich dem Herrensohne
rückte, blieb leer, und niemand wußte zu sagen, ob er unter dem Dach
eines Gastfreundes geborgen saß, oder ob er auf wilder See umhertrieb
in rasendem Sturm und wirbelndem Schnee.
Die weiße Decke, welche den Bergwald verhüllte, schwand im
Frühlingswind. In tausend Rinnen rieselte und strömte das Wasser zu
Tale, jeder kleine Quell wurde zum Bach, die Waldbäche fluteten wie
große Ströme, die Weiher und Seen am Fuß der Berge überschwemmten
Ried und Wiesen, und dem Fremden, welcher von einer Höhe auf die
thüringische Ebene herabsah, glitzerte überall zwischen Wald und
Ackerbeeten eine gewundene Wasserfläche entgegen, aus welcher die
Dorfzäune hervorragten, und er konnte zweifeln, ob er einen ungeheuren
See vor sich sah mit zahllosen Inseln, oder einen breiten vielarmigen
Strom. Dann lagerte am Morgen und Abend dichter Nebel auf der Flut,
und bei Tage flatterten ungeheure Schwärme von Wasservögeln darüber
hin. Aber nach wenigen Wochen war der Schwall vermindert, Sonne
und Wind verscheuchten den Wasserdunst, die Erde sog begierig das
befruchtende Naß und während die Knospen der Bäume schwollen, hob sich
der Wiesengrund wieder aus der Flut, und die Waldbäche zogen gebändigt
durch ihre Ufer den Flüssen zu und strudelten, wo ein Baumstamm oder
eine Erdscholle in ihrem Bett haftete. Dies war die Zeit im Jahre,
wo die Männer aus den Waldlauben sich ihrer Schiffahrt freuten. Denn
auch ihnen war ein Fluß zuteil geworden, nur klein, aber ehrwürdig dem
ganzen Lande, welcher aus den Waldbächen zusammenrann und zwischen
dem Gebirge und steilen Hügeln der untergehenden Sonne zufloß. Die
Horsila war damals kein unscheinbarer Bach, sie trug befrachtete Kähne
in die Werra, und weit von Norden her kamen Fahrzeuge der Sachsen
und Friesen die Strömung hinauf bis an den Wald. Dort war bei dem
alten Dorfe Horsilgau der kleine Hafen, wo sie ein- und ausluden;
eine wertvolle Stätte für die Waldleute, denn die Landfracht vom
Norden her war teuer und der Weg oft unsicher. Das Wasser brachte
ihnen die kunstvolle Arbeit der friesischen und flämischen Weber und
manches Kaufmannsgut, das ihre Frauen ungern entbehrt hätten; sie aber
tauschten dagegen ein, was ihr Land an Waren bot: Honig und Wachs,
Pelzwerk und Tierhäute. Auch die Erfurter kamen heran, so oft die
Kähne abfuhren und anlegten, sie schlugen am Ladeplatz ihre Bänke
auf, kauften und tauschten und führten die Fracht auf hochbepackten
Karren nach ihrem großen Markt. Vor andern aber freuten sich die
Mönche des heiligen Wigbert der Schiffahrt, sie waren seit alter Zeit
die Herren der kleinen Wasserstraße und sie hielten die Burg Gotaha
zumeist darum hoch, weil diese eine Feste ihres Hafens war und ihr
Herrenrecht über den Fluß behaupten half. Denn der Zehnte, welchen die
Mönche von allem Schiffsgut erhoben, war eine wertvolle Einnahme des
Klosters, er lieferte die Wolldecken ihrer Lager, Stoff zu ihren Kutten
und vor allem die geehrte Fastenspeise, den gesalzenen Heerfisch,
welcher ihnen das ganze Jahr Freude an ihrem Trunk gab. So wertvoll
war dies Herrenrecht, daß sie durch viele Jahre blutige Kämpfe darum
geführt hatten. Dennoch vermochten sie es nicht ungeschmälert gegen
einen Nachbar zu bewahren, welcher klug gleich ihnen und stärker als
sie ebenso auf der Nordseite der Horsila herrschte, wie sie längs dem
Walde. Ihr Feind war das Kloster von Fulda, in welchem der heilige
Bonifacius beigesetzt war. Und die beiden Glaubensboten Winfried und
Wigbert, kämpften aus ihren Klöstern zweihundert Jahre nach ihrem
Tode grimmige Fehden um die Heringstonnen der Nordsee und um die
Gewebe derselben Friesen, deren Vorfahren sie einst bekehrt hatten. So
heftig tobte der Kampf zwischen den Bewaffneten der beiden Klöster,
daß die Sachsenkönige mehr als einmal gezwungen waren, sich zwischen
die Streitenden zu stellen. Endlich hatten die Mönche von Fulda das
Recht erworben, daß auf ihrer Uferseite Kähne frei von dem Zoll der
Wigbertleute fahren durften. Aber der Haß der Klöster wurde durch den
Schiedsspruch des Königs nicht gestillt, und fast in jedem Jahre wurden
Männer erschlagen und Häuser niedergebrannt.
Diesmal brach das Eis und schmolz der Schnee früher als sonst. Das
Tauwetter vereitelte einen Rachezug, den König Heinrich über die
gefrorenen Sümpfe in das Slawenland gerüstet hatte. Dafür bereitete es
den Waldleuten die Freude, daß sie am Fest der Tag- und Nachtgleiche
auf schneelosem Anger ihre Reigen sprangen, und daß sie an demselben
heilbringenden Tage auch die Kahnfahrt auf ihrem Fluß eröffneten.
Die Fahrt war eine Woche vorher zu Erfurt und auf dem Lande angesagt
worden, damit sich beizeiten rüste, wer Gut und Ware nach der Werra zu
den Hessen und Sachsen abwärts führen wolle. Schon hatten die Erfurter
ihre Lastwagen zu einer kleinen Wagenburg beim Dorfe vereint. In langer
Reihe lagen die Kähne, welche von den Waldleuten die Wasserrößlein
genannt wurden, am Ladeplatz, neu geteert, lang und schmal, zum Teil
beladen auf die Abfahrt harrend, während die andern durch Schiffer
und starke Lastträger gefüllt wurden. Aber auch von der Mündung des
Flusses waren bereits einige Kähne stromauf geführt, die Schiffer
hatten ihre Güter an dem Ufer geschichtet und harrten der neuen Ladung,
sie waren an ihren Strohhüten, den langen weißen Röcken und den
breiten Schwertmessern als Sachsen zu erkennen. Ein weiter Raum war
auf dem Anger abgesteckt und mit einem Seil umfriedet, dort stand das
Marktkreuz und St. Wigberts Banner, und daneben hielt der Hauptmann mit
seinen Bewaffneten und dem Büttel, um den Marktfrieden zu erhalten und
von Vieh und Waren den Zoll zu erheben. In der Ferne auf der andern
Seite des Baches wehte neben einem Schuppen das Banner von Fulda,
geschützt durch Gewappnete, welche der großen Familie des heiligen
Bonifacius angehörten. Doch auf der Wigbertseite war der rege Verkehr.
Auch die Landleute, welche nicht selbst um Schiffahrt sorgten, eilten
an diesem Tage gern zu der Stätte. Wer Freunde und alte Genossen
begrüßen wollte, konnte sie dort finden, wer sich einem Herrn zum
Dienste geloben wollte, suchte dort die Gelegenheit, Rosse und
Herdenvieh wurden aus den Winterställen zum Verkauf herangetrieben.
Die Edlen der Umgegend kamen im Eisenhemd mit ihrem Gefolge und das
Volk der Fahrenden fehlte nicht mit seiner Musik, mit neuen Liedern und
Kunststücken. Im ganzen Lande war die Lust dieses Tages berühmt und sie
erschien den streitbaren Männern um so ehrenvoller, weil selten ein
Fest verging ohne Schwerthiebe und tiefe Wunden.
Die Sonne schien hell, und größer als seit langer Zeit war das Gewühl
der zugewanderten Gäste. Nicht allein an dem Flusse, in allen Dörfern
längs dem Bergwald wurde der Ausgang des Winters und die junge
Herrschaft des Sommers gefeiert, man sah lange Reihen geschmückter
Dorfleute im Freien tanzen und vernahm ihren Gesang und das Getön
der Fiedeln und Pfeifen, überall auf den Hügeln und den Vorsprüngen
der Berge waren Holzstöße errichtet, welche nach Untergang der
Sonne brennen sollten, denn die ganze Nacht galt für günstig und
heilbringend, sie wurde beim Trinkkrug, unter Gesang und Reigentanz
durchwacht und war vielen der liebste Teil des Festes.
Zwischen den Bänken, worauf die Erfurter ihre Ware ausgelegt hatten,
zogen die Dienstmannen der Edlen mit ihren Knechten, daneben junge
Dorfhelden vom Nessebach; auch die Leute aus den Wendendörfern waren
mit ihren Frauen gekommen, und neben thüringischer Sprechweise vernahm
man sächsische Worte und die feintönende Rede der Slawen. Durch das
Gewühl sprengten sechs hochgewachsene Reiter, die Söhne Irmfrieds,
unter ihnen Gottfried, der heute zum erstenmal im Schwertgurt über das
Land ritt und stolz auf die Grüße und Glückwünsche antwortete, welche
ihm hier und da aus den Haufen zugerufen wurden. Neugierig blickte der
junge Krieger auf die fremdländischen Männer und Waren, aber die neue
Würde hielt ihn ab von freudigem Ausruf und Fragen. Die Brüder stießen
auf einen Trupp berittener Spielleute, darunter auch Weiber in fremder
Tracht, welche ihre Pferde in künstlichem Tanze trieben, während die
Männer um die Raststelle handelten. Als die Sechs einen Augenblick in
der Nähe hielten, scheute das Roß eines fahrenden Weibes und sie glitt
dicht vor den Brüdern auf den Boden. Mitleidig sprang Gottfried ab,
um sie vor den Pferdehufen zu bewahren, aber wie ein Federball hob
sich das Weib vom Boden und bevor er sich's versah, fühlte er einen
leichten Schlag auf seiner Wange, das Weib schwang sich in den Sattel
und davonsprengend rief sie lachend: »Gesegnet seien dir die hübschen
roten Wangen.« Da lachten die Leute rings umher, Gottfried aber wurde
vor Zorn noch röter und warf einen feindlichen Blick auf die Dirne.
Noch grollte er über die Dreistigkeit, da hörte er, wie Graf Markwart
von Tonna spottend den Brüdern zurief: »Seit wann treibt ihr Helden
Kaufmannschaft wie die Krämer zu Erfurt?«