antwortete Gertrud, die Knie beugend.
»Im Gastgemach des Hofes stehe ich, das den vornehmen Fremden bereitet
wird,« rief Immo traurig, »ich meinte in das Haus meiner Väter zu
kommen.«
»Du dienst ja dem Himmelsgott schon hier auf Erden,« wiederholte
Gertrud die Worte der Herrin. »Unter uns andern Menschen bist du ja
nichts weiter als ein Gast, du armes Kind.«
Immo winkte der Dienerin die Entlassung und als sie sich mit
Segenswünschen entfernt hatte, setzte er sich nieder und barg sein
Gesicht in den Händen, denn die Worte der Alten schnitten ihm in
das Herz; er merkte, daß sie recht hatte und daß er nur ein Gast im
Vaterhause war.
Als er am Morgen erwachte, hörte er draußen an der Wand das
Schwalbenvolk schwatzen und singen, gerade wie in der Schule und
er wartete, daß die kleine Glocke am Michael läuten werde. Draußen
aber pfiff ein junger Knecht geschickt eine lustige Weise, die Immo
in seiner Kinderzeit oft gehört hatte. Da erkannte Immo wieder die
Heimat und er dachte vergnügt, daß der Knabe wohl einer Magd des
Hofes, die ihm lieb war, seinen Morgengruß zugerufen habe, was in dem
Kloster niemals geschah. Als er die Augen aufschlug, sah er, daß die
Lichtöffnungen seiner Fensterläden nicht in Kreuzesform geschnitten
waren wie im Kloster, sondern als runde Herzen, und ein großes Herz
voll Licht lag golden auf dem Fußboden. Da lachte er und sprang auf,
und während er sich anzog, nahm er sich vor geduldig zu sein und auch
Schmerzliches zu ertragen, bis er das Vertrauen der Brüder gewonnen
und bis er die Mutter mit seinen weltlichen Gedanken versöhnt hätte.
Und er fürchtete, daß dies ein schwerer Kampf sein werde.
Nach dem gemeinsamen Frühmahl schürzte Frau Edith ihr Gewand, um in der
Wirtschaft nach dem Rechten zu sehen, und Immo gedachte des vertrauten
Briefes, den ihm Herr Bernheri für den Dienstmann auf der Wassenburg
übergeben hatte. Als er der Mutter bekannte, daß er dorthin reiten
werde, sahen die Brüder einander bedeutsam an und tauschten leise
Worte. Darum begann Immo freundlich zu Odo: Ȇberall sorgen die Leute,
daß ein großer Krieg bevorsteht, sage mir, mein Bruder, seid ihr für
König Heinrich oder Hezilo?«
»Noch ist die Kriegsfahne nicht aufgesteckt,« versetzte Odo vorsichtig,
»wir aber hören aus der Ostmark, daß die Slawenherzöge rüsten und diese
sind für uns die nächste Sorge.«
»Unter den Mönchen vernahm ich, daß die Böhmen sich dem Hezilo
verbündet haben, sicher weißt du, ob die Grafen der thüringischen und
sächsischen Mark den Böhmen widerstehen wollen.«
»Wir vermuten,« antwortete Odo, »daß ihr Wille ist, ein Heer zum Schutz
der Grenze zu sammeln; dann hoffe ich, werden auch wir reiten.«
»Sonst zog unser Wald zu dem Banner, welches der Vogt des Königs in
Erfurt aufsteckte,« warf Immo ein.
»Ich aber meine,« versetzte Odo, »daß der Königsvogt sich nicht beeilen
wird, seine Burg zu verlassen und nach Süden zu ziehen, wenn an der
nahen Grenze der Kriegslärm erhoben wird. Bei uns denkt jeder daran,
sich im Hause zu wahren, denn einer mißtraut dem andern.«
Immo schwieg gekränkt, denn er sah, daß auch die Brüder ihm
mißtrauten. Er rief deshalb den Knaben Gottfried und erbat von der
Mutter, daß dieser mit ihm reite. Auf dem Wege erzählte ihm der
Harmlose, was er bereits ahnte, daß die Mutter für König Heinrich
war, die Brüder aber für den Babenberger. Und noch mehr erfuhr er.
Auch seinetwegen war ein langer Kampf zwischen Mutter und Brüdern
gewesen, denn die Brüder hatten sich dagegen gesträubt, dem ältesten
die Mühlburg vor der Teilung zu überlassen, damit sie dem Stift des
Erzbischofs zufalle, und nur widerwillig hatten sie dem Ansehen
der Mutter nachgegeben. »Die Brüder hatten recht,« rief Immo dem
verwunderten Gottfried zu. Auf der Wassenburg wußte der alte Dienstmann
wenig vom Laufe der Welt, doch freute er sich des Briefes und besserte
auf Hugbalds Rat an den Mauern. Auch in Arnstadt, der dritten Burg,
welche das Kloster am Walde besetzt hielt, vermochte Immo nicht viel
zu erfahren. Da ritt er nach Erfurt zu dem Vogt des Königs, der seinem
Vater vertraut gewesen war; dort wurde er freundlich empfangen und
vernahm vieles, was dem Abt wertvoll sein mußte. Auch das Pergament zum
Briefe kaufte er in der Stadt und den Dienstmann Hugbald brachte er als
Gast nach dem Hofe, nachdem er ihm einen Wink gegeben hatte, über die
letzten Tage im Kloster zu schweigen.
So vergingen die ersten Tage in der Heimat unter der Arbeit, die er
für Herrn Bernheri übernommen hatte. Er war wenig mit den Hofgenossen
zusammen, und Frau Edith erfreute sich an dem Eifer, den Immo für
seinen Abt bewies. Und als sie merkte, daß er in der Kemenate über dem
Pergament saß, ging sie selbst in den Hof und scheuchte die Mägde und
den Kranich mit seinem Hühnervolke in die entfernteste Ecke, damit kein
Geräusch die seltene Arbeit störe.
5.
Die Trennung.
Immo trat zu seinen Brüdern, welche gewappnet, in der Eisenhaube die
Rosse sattelten. Das Herz lachte ihm, als die hochgewachsenen Knaben
sich so geschwind mit den Pferden tummelten. Da sah er, daß Odo den
weißen Sachsenhengst herausführte und ihm schoß das Blut nach dem
Haupte, aber er bewältigte die Erregung in Mönchsweise, indem er
schnell ein Vaterunser sprach; dann ging er an das Roß und sprach ihm
leise zu, das Tier spitzte die Ohren und wieherte. »Einst gehörte das
Pferd mir,« sagte er zu Odo, »und als ich schied, schenkte ich es
unserm Bruder Gottfried.«
»Das tatest du,« versetzte Odo gleichmütig, »aber da es das beste Pferd
im Hofe ist und für die Zucht wertvoll, so reite ich es lieber selbst;
denn der Knabe ist unvorsichtig und tummelt sich wild, wo der Hengst zu
Schaden kommen könnte.«
Immo schwieg, führte das Roß, welches ihm Herr Bernheri zur Reise
geschenkt hatte, aus dem Stall, sattelte es neben den andern und
begann: »Gefällt es euch, so reite ich mit.«
Die Brüder sahen einander an, und Immo merkte, daß eine stille
Abweisung in ihren Blicken lag, endlich sprach Odo zu den andern: »Da
er als unser Bruder im Hofe weilt, so mögen wir es nicht wehren. Doch
nicht müßig reiten wir über das Feld, Immo, und für einen Gast aus der
lateinischen Schule wird es ein langer Ritt, denn wir streifen über die
Fluren wegen Sicherheit der Dörfer, sowohl in unserem Erbe als auch auf
dem Lande der Nachbarn nach altem Brauch.«
»Ich kenne den Brauch,« versetzte Immo, »und möchte euch begleiten, wie
ich zuweilen unserm Vater gefolgt bin.«
Odo nickte, aber Immo fühlte, daß es keine freundliche Einwilligung
war, und die jungen Adalmar und Arnfried sprachen leise zueinander und
lachten.
»Wie kommt es, daß Gottfried uns nicht begleitet?« frug Immo auf dem
Roß.
»Er trägt nicht den Schwertgurt,« versetzte Odo kurz. »Vorwärts,« und
in gestrecktem Lauf sprengten die Reiter aus dem Hofe.
Die Brüder sahen von der Seite prüfend auf Immos Reitkunst.
»Langgefesselt sind die hessischen Pferde,« begann Erwin spottend,
»übel steht ihnen die Bocknase.«
»Hättet ihr dem Bruder ein Roß aus der Hofzucht geboten, wie sich
gebührte, so würde das fremde Gesicht euch nicht ärgern,« versetzte
Immo und sah so finster auf den Tadler, daß dieser zur Seite ausbog.
»Ich habe nicht gehört, daß du uns das Begehren gestellt hast,« sagte
Odo trocken.
»Freundlicher Sinn wartet bei dem, was sich geziemt, nicht auf die
Bitte,« entgegnete Immo.
»Bei uns aber ist die Gewohnheit,« antwortete Odo, »daß der Gast am
liebsten das eigene Pferd besteigt, dessen Tugenden er vertraut.«
»Ich lobe den Reiter,« rief Immo mit blitzenden Augen, »dem auch auf
einem mäßigen Pferde ein guter Sprung gelingt. Folgt mir, ihr Knaben.«
Er hob die Hand und setzte über Graben und Hecke, die sich längs dem
Wege hinzogen. Sogleich folgten die Brüder einer nach dem andern,
nur Odo ritt gleichmütig auf dem Wege weiter, und als die Reiter
zurücksprangen und lachend die aufgeregten Tiere zum Trabe bändigten,
sagte er kühl: »Wir haben heut einen langen Ritt und ein verstauchtes
Bein wird uns hindern.« Aber das schnelle Wesen Immos gefiel doch
den andern, sie wandten sich seitdem vertraulicher zu ihm und hörten
teilnehmend auf seinen Bericht über die Zucht der Klosterfüllen.
So ritt die Schar in scharfem Trabe über die Fluren, voran Ortwin,
der Sprecher, zuletzt Erwin, der Marschalk. Nahten die Reiter dem
Wallgraben eines Dorfes, so blies Ortwin in ein Horn des Auerstiers,
das er am Riemen trug, und sie sprengten in die Dorfgasse vor den
Hof des Ortsmeisters, wo sie anhielten, bis der Mann heraustrat.
Verschieden waren Gruß und Fragen, wenn er ein Freier und wenn er ein
Höriger des Geschlechtes war. Auch in der Flur hemmten die Reiter den
Trab, wo Arbeiter auf dem Acker schafften oder wo Hirten weideten;
dann eilten auch diese heran und berichteten: ob fremdes Volk über die
Flur gestrichen, ob ein Diebstahl im Felde erkannt, ob ein Raubtier in
die Gehege gebrochen sei und ob ein Wanderer neue Kunde aus der Welt
zugetragen habe. Verwundert starrten die Landleute auf den fremden
Reiter, aber wenn sie ihn erkannten, traten sie mit lautem Zuruf heran
und boten ihm treuherzig die Hand, in den Dörfern drängten sich auch
die Weiber und Kinder um ihn, und Immo hatte zuweilen Mühe, sich aus
dem Haufen zu lösen, wenn Odo wartend nach ihm zurücksah.
Über kahle Höhen und Gestrüpp ritten sie in einen alten Buchenwald
und wanden sich zwischen mächtigen Stämmen, an denen selten die Axt
klang, der Höhe zu. Dort gab Ortwin das Zeichen, aus der Tiefe vor
ihnen antwortete ein ähnlicher Hornruf und wildes Geheul von Hunden.
Die Reiter stiegen in ein Kesseltal hinab und sahen vor sich die
Hütte, welche der Sauhirt für den Sommer aus Stangenholz und Rinde
zusammengeschlagen hatte, und daneben das Gehege für die Schweine. Es
war ein düsterer Ort, in den Vertiefungen des aufgewühlten Bodens stand
sumpfiges Wasser, um welches sich die entblößten Baumwurzeln wie dicke
Schlangen dahinwanden; das Roß Immos schnaubte und scheute vor der
unholden Stätte. Ein riesiger Mann in einem Rock aus Fellen, mit hohen
Lederstrümpfen und Schuhen, an denen noch die Haare hingen, kniete auf
dem Boden, beschäftigt, einen toten Wolf abzubalgen. Er erhob sich,
scheuchte die anspringenden Hunde und begann mit finsterm Lächeln: »Den
alten Grauhund traf mein Holz diesen Morgen. Wollt ihr, daß die Herde
nicht zersprengt werde, so helft selbst die Wölfe schlagen, ihr Herren,
denn seit vielen Jahren haben sie nicht so arg zwischen den Hügeln
geheult als in diesem Sommer; ich allein mit den Knechten vermag ihrer
nicht Herr zu werden. Die Nachtgänger wissen, daß die Helden in der
Ebene sich zur Kampfheide rüsten und sie heulen nach ihrem Anteil an
Lebendem und Totem.«
»Was hast du von der Herde verloren?« frug Odo.
Der Knecht wies auf eingekerbte Zeichen an den Pfosten der Hütte.
»Die Waldweide wird gut,« sagte er kurz, »und ihr könnt den Schaden
ertragen. Ein fremdes Roß sehe ich,« fuhr er fort, »aber darüber zwei
Augen, die einst meinen Wald so gut kannten als ich.«
»Sei gegrüßt, Eberhard,« rief Immo und faßte die Hand des Mannes.
Eberhard musterte den Arm. »Es ist eine Herrenfaust. Kommst du
festzuhalten oder wegzugeben?«
»Ich gedenke zu bewahren, was mir zufällt,« versetzte Immo.
Da erhellte sich das Gesicht des Mannes und er rief: »Ich dachte
wohl, daß du von dem Glockenseil der Geschorenen zurückkehren
würdest. Denn du gehörst zum Walde, und hier merkt der Mann andere
Unsichtbare, welche ungern auf das Bimmeln der Ordorfer Glocke hören.«
Er betrachtete die Brüder und fuhr dann fort: »Sechs Söhne Irmfrieds
stehen vor mir und allen weide ich mit meinen Knaben ihre Herden.
Dennoch will ich wissen, wem ich selbst in Zukunft angehöre und ihr
sollt mir's kund tun.«
Die Brüder sahen einander lächelnd an. »Du sollst es wissen nach der
Teilung.«
»Meint ihr den alten Knecht gleich seiner Herde durchs Los einem
unter euch anzuwerfen? Anders gedenke ich meinen Herrn zu finden.
Steigt ab und folgt mir, ihr Jünglinge, denn ich will euch den Willen
eures Vaters verkünden.« Er führte hinter die Hütte zu dem stärksten
Eichbaum, den er mit Bündeln Astholz umschichtet hatte. »Seit acht
Jahren liegt das Astholz an dieser Stelle und jedes Jahr binde ich und
schichte ich aufs neue, damit das Holz vor fremden Augen verberge, was
mir das liebste Stück meiner Habe ist.« Als er geräumt hatte, sah man
an dem Stamme eine Waldaxt, die mit starkem Schwunge eingetrieben war.
»Diese Axt,« begann der Hirt, »schlug Herr Irmfried in den Baum, als
er das letzte Mal zu seinen Ebern kam. Damals bot er mir eine Hand zum
Abschiede, weil ich ihm ein treuer Knecht gewesen war, und die andere
Hand legte er auf mein Haupt. Ich frug unter seinen Händen: Herr, wenn
ihr nimmer heimkehrt, wem soll ich ferner dienen? Darauf sprach er:
Deiner Herrin Edith, solange sie dir das Brot hinaussendet und dir das
Lager bereiten läßt, wenn du im Winter zum Hofe kehrst. Ich antwortete:
das tue ich gern. Aber sieben Frischlinge laufen auf dem Hofe, und
wenn mich die wilden Gewalten des Waldes bis zu dem Tage verschonen,
an welchem ihnen die Eberzähne schießen, welchem der jungen soll ich
angehören? Laßt mich nur dem besten dienen.« »Wer der beste wird, weiß
nur der Christengott, versetzte der Herr, nicht ich. Herr, sagte ich
dagegen, der stärkste ist mir im Walde der beste. Da sprach der Herr:
Wenn der Tag kommt, wo die Sieben miteinander zu deinem Baum treten, so
nimm diese Axt, neu geschärft und mit neuem Stiel, und biete sie meinen
Söhnen dar, damit jeder von ihnen die Axt in diesen Baum schlage, mit
dem besten Schwunge, den er vermag, der jüngste zuerst, der älteste
zuletzt, so wie ich sie jetzt schlage. Und siebenmal sollst du selbst
die geschwungene Axt aus dem Holz reißen, dabei prüfe, welcher von
meinen Knaben am schärfsten schlägt; und der dir selbst als der
stärkste erscheint, dem magst du dienen. Da hob Herr Irmfried seine
Axt aus dem Sattelgurt und schlug sie in den Stamm, so wie sie jetzt
noch hängt.« Die Jünglinge traten neugierig an die Waffe des Vaters.
Der Alte aber stellte sich abwehrend davor und fuhr mit gehobenen Armen
fort: »So bezeuge der Eichbaum und bezeuge die Herrenaxt, daß Held
Irmfried mir solches Versprechen getan hat. Vor meinen Zeugen frage ich
euch, ihr Söhne des Toten, ob ihr den Willen eures Vaters zu ehren
gedenkt oder nicht.«
»Wir gedenken seines Willens,« antwortete Odo.
»So helft auch mir, daß ich darnach zu tun vermag. Achtmal hat das Laub
gegrünt, niemand hat die Axt gehoben; das Eisen ist verrostet, das Holz
ist herumgewachsen, ich selbst hütete sorglich meine Zeugen an ihrer
Stelle. Jetzt aber naht die Zeit, wo ihr Sieben zu euren Tagen kommt
und im Schwertgurt das Erbe eures Vaters teilen werdet. Für diesen Tag
muß ich den Stiel schnitzen und das Eisen schärfen und darum will ich,
daß heut einer von euch die Herrenaxt heraushebe und mir in die Hand
lege, damit ich mein Recht gewinnen kann.«
Da rief der junge Adalmar nach dem Axtstiel greifend: »Gefällt es euch,
Brüder, so schärfe der Knecht zur Stelle die Schneide und heut schon
prüfen wir die Kraft, damit er seinen Willen habe.«
»Mir aber gefällt es nicht, daß ihr leichtherzig an dem Stiele zerrt,«
versetzte der Sauhirt finster. »Nicht alle seid ihr versammelt,
der jüngste ist noch ein Kindlein und ganz richtig begehre ich die
Herrenwahl, wie euer Vater gebot. Heut will ich selbst einen von euch
rufen, der zuerst nach seinem Vater den Stiel erfassen soll.«
Odo antwortete: »Wenn dein Ruf nur ein Spiel sein soll, das dir
gefällt, so spreche ich nicht dawider.«
Da sprach der Hirt: »Ich aber wähle die Hand, die von Wolfsblut rot
ist. Denn du, Immo, warst der einzige, der dem alten Knechte die Hand
gereicht hat, wie dein Vater tat. Tritt an den Stamm und zucke dreimal,
dann weiche zurück.«
Immo trat herzu und rückte gewaltig am Holzgriff. Beim dritten Zuge
brach der Stiel, Immo aber riß das Eisen aus dem Baume, daß es auf
den Grund fiel. Da hob der Alte das Eisen auf und betrachtete es
kopfschüttelnd: »Eine Vorbedeutung erkenne ich für dich selbst, Immo;
fest ist dein Griff, mit dem du die Herrschaft erwirbst, doch hüte
dich, daß sie dir nicht bei hastiger Tat entgleite. Ich aber bewahre
die Axt bis zu dem Tage, an dem sich der Knecht seinen Herrn sucht.«
Der Alte kehrte zu dem Wolfsbalg zurück, die Brüder schwangen sich auf
die Rosse. Aus der Markung ihrer eigenen Dörfer führte Ortwin die Schar
auf fremden Grund.
Wenige Wegstunden nordwärts umgab der Nessebach mit Teichen und
sumpfigem Moor wie ein großer Wallgraben andere Höhen, an welchen
fruchtbares Ackerland unter lichtem Laubwald lag. Auch dort waren
alte Wohnstätten der Thüringe, während hinter ihnen im Norden viele
angesiedelte Franken saßen, welchen der Graf von Tonna gebot; die
Bauern vom Moor der Nesse aber hielten sich gern zu ihren Landgenossen
am Walde. Sie waren stolz auf ihre Freiheit und wurden von den
Dienstmannen des Grafen als altväterisch in Bräuchen und Bewaffnung
verspottet. Denn sie zogen ungern zu Rosse ins Feld, auch wenn sie es
vermochten. Aber sie waren auch als trotzige Gesellen in der ganzen
Gegend gefürchtet und man wußte, daß sie in Kriegsfahrten starke Fäuste
bewährt hatten.
Seit alter Zeit bestand zwischen ihnen und dem Geschlecht des Irmfried,
welches um die roten Berge wohnte, ein gutes Vernehmen. Niemand wußte
zu sagen, woher das Bündnis kam, es war seit je gewesen und die Weisen
sagten, daß es schon lange bestanden hatte, bevor die Ungarn ins Land
brachen. Und es war ein alter Brauch, daß das Geschlecht Irmfrieds
bei allen Fehden, welche die Dörfer mit den Nachbarn hatten und auch
bei Missetaten, über welche das Geschrei erhoben wurde, im Eisenhemd
herzuritt und mit den Freien dort gemeinsam die Abwehr und Rache
betrieb; dafür zog auch die Jugend der Dörfer dem Geschlecht mit Speer
und Bogen zu Hilfe, wenn dieses mit andern verfeindet war. Diese gute
Nachbarschaft war den Grafen und den geistlichen Herren unlieb. Denn
die Landleute wehrten sich trotziger gegen jede neue Last, welche
die Grafen auflegen wollten, und man sagte ihnen nach, daß sie auch
heimlich abseits von dem Grafenstuhl untereinander Urteil fänden gegen
ihresgleichen in schweren Fällen.
Als die Reiter dem ersten Dorfe nahten, erhob Ortwin den Horngesang
und sie fanden an Tor und Brücke die Alten des Dorfes aufgestellt. Odo
ritt vor und wechselte mit ihnen alte Sprüche, welche den Freien am
Walde eigen waren und anderen ungebräuchlich. »Im Sonnenschein, beim
Wandel des Mondes, unter glitzerndem und fallendem Stern kommen wir zu
euch wegen Recht und Rache.« Worauf die Bauern antworteten: »So grüße
euch die Sonne, der Mond und der lichte Morgenstern, seid willkommen in
unserer Burg.« Und als die Reiter abgestiegen waren, wurde ihnen ein
Trunk gereicht und den Rossen Hafer in kleinen Krippen, dabei sagte ein
alter Bauer: »Freiwillig reitet ihr und freiwillig schütten wir den
Hafer,« worauf Odo antwortete: »Und wenn wir nicht ritten, dann würdet
ihr reiten und wir würden euch den Hafer schütten.« Darauf besprach
sich Odo heimlich mit den Alten und die Schar brach zum nächsten Dorfe
auf.
Als sie aus einem Gehölz herab kamen, um den Bach zu durchreiten,
sahen sie vor sich eine hohe Rauchwolke aus niedergebranntem Hause
aufsteigen. Ortwin hielt und rückwärts gewandt sah er seinen Bruder
Odo bedeutungsvoll an, dieser nickte und die andern Brüder tauschten
leise Worte. Als sie nun weiter hinunterkamen zum Rand des Baches,
fanden sie die Furt durch einen Wagen gesperrt, Hausrat, Leinwand und
Kleider lagen unordentlich und halbverbrannt darauf. Ein bleiches,
vergrämtes Weib hockte auf dem Sitz und hielt ein schreiendes Kind in
den Armen, während der Mann mit verstörtem Gesicht und geschwärzten
Händen vergebens auf sein Pferd schlug, damit das kraftlose Tier aus
dem strudelnden Wasser die Höhe gewinne. Der Mann grüßte die Reiter
mit scheuem Blick, aber gleich darauf rief er kläglich um Hilfe. Doch
Odo wandte das Pferd ab und die Brüder sprengten aufwärts zu einer
andern Stelle des Baches, ohne den Gruß des Mannes zu erwidern und
seine Not zu beachten. Immo, der im Kloster gewöhnt war, den Armen und
Notleidenden Mitleid zu erweisen, sprach den Brüdern zu: »Schmählich
ist es, wegzureiten, während der Arme mit Weib und Kind im Wasser
ringt.« Odo rief herrisch zurück: »Soll ich dir Gutes raten, so folge
uns, ohne diesen anzureden.«
»Pfui über euch,« rief Immo wieder, »daß ihr ein Weib und Kind in der
Angst zurücklaßt.« Er sprang ab, band sein Pferd an einen Baum und
watete in das tiefe Wasser. »Treibe noch einmal,« riet er dem Manne und
griff selbst mit voller Kraft in die Räder, die Peitsche knallte, der
Mann schrie und mit Hilfe des Starken gelang es, den Karren aus dem
Bach heraufzuführen. »Wer bist du?« frug Immo, »und warum entfährst du
hilflos der Feuerstätte?«
»Hunold bin ich genannt, wir gehören dem großen Bischof zu Erfurt.
Sein Vogt hat mich auf neuer Rodung angesiedelt, im Frühjahr haben
seine Leute mir geholfen, die Hütte zu bauen. In dieser Nacht wurde
sie mir niedergesengt und als der Hund in der Stube bellte und ich
erwachte, war die Tür von außen verschlagen. Mit der Axt mußte ich sie
unter loderndem Feuer aufbrechen, um diese zu retten. Einsam blieb ich
während des Mordbrandes, kein Notschrei führte mir einen Helfer zu.«
»Und wo willst du hin, Unglücklicher?«
»Hinweg von hier, die Flur ist unheimlich für Fremde; den Herrn Vogt
will ich anflehen, daß er mich ansiedle, wo es auch sei, nur weit
von hier. Beschwerlich ist ein Lager unter den Disteln.« Das Weib
heulte und das Kind schrie, Immo griff in den Beutel, den ihm der Abt
geschenkt hatte und legte der Frau eine Handvoll runden Silberblechs
in den Schoß. »Aus dem Kloster seid ihr blanken, und in Klosterweise
streue ich euch aus,« sagte er gutherzig. Er schüttelte sich das Wasser
aus dem triefenden Gewande, sprang in den Sattel und ritt den Brüdern
in gestrecktem Laufe nach. Als er ihre Schar erreichte, warfen die
andern finstere Blicke auf ihn und wandten die Gesichter ab.
»Seit wann beschützen die Söhne Irmfrieds den nächtlichen Mordbrand?«
frug Immo zu Odo reitend verächtlich.
»Nicht wir haben das Feuer entzündet,« versetzte Odo. »Kränkt dich,
daß wir von einem Vogelfreien abwärts ritten, so kränkt uns deine
hilfreiche Hand.«
»Galt euch der Mann als vogelfrei, so lobe ich den Brauch nicht, ihm
Weib und Kind zu sengen.«
»Führt der Hahn sein Volk in die Burg des Fuchses, so büßt es Henne und
Huhn. Ich riet dir nicht, unserm Ritt zu folgen.«
»Unwillkommen ist der Mahner,« rief Ortwin, »der unsere Bräuche nicht
kennt.«
Und Erwin: »Dünkst du dich klüger als deine Landsleute, so wärst du
besser bei den Mönchen geblieben.«
»Kommst du uns Mönchslehre zu geben,« spottete Adalmar, »so wirst du
hier eine demütige Gemeinde nicht finden.«
»Wie die Eule schreist du deinen Warnungsruf und dein Gesang klingt
widerwärtig im Lande,« höhnte auch der junge Arnfried.
»Daß ich der älteste unter euch bin,« versetzte Immo sich hoch im
Sattel aufrichtend, »das will ich euch, ihr zuchtlosen Knaben, bewähren
durch meine Lehre, die ihr mit Achtung hören mögt, und durch die Faust,
mit der ich die Ungehorsamen strafe.« Sein Roß setzte im Sprunge
zwischen die Schreier und so gebieterisch war seine Haltung, daß die
Jüngeren verstummten.
»Du irrst, Immo,« begann Odo, »nicht du bist der erste im Hofe und auf
unserer Flur, und nicht dir kommt es zu, die Knaben zu ziehen, sondern
mir. Denn ich bin, da der Oheim uns verfeindet ist, der älteste des
Geschlechts, welcher ein Schwert trägt und auf Heldenwerk denkt, du
aber wirst ein betender Pfaffe.«
»Ob ich dereinst ein geistliches Gewand tragen werde oder nicht, jetzt
führe ich mein Schwert wie ihr, und die Ehre des Ältesten fordere ich
als mein Recht, das nicht du und kein anderer mir nehmen soll.«
»Nicht die Jahre allein zählen wir, auch die Taten des Mannes,«
antwortete Odo. »Während du auf der Schülerbank saßest, zog ich mit
deinen Brüdern zum Kampf. Viermal hielt ich die Schildfessel im
Grenzkriege gegen die Slawen, auch deine jüngeren Brüder sind mehr als
einmal auf die Kampfheide geritten. Wo sind die Heldentaten, deren du
dich rühmen kannst?«
»Ihr sahet zu, wenn Häuser brannten und Weiber in der Not ihre Arme
hoben. Wenig vermag ich eure Kriegstaten zu loben,« rief Immo. »Fahret
dahin auf eurem Wege, ich finde den meinen allein.« Er wendete zornig
sein Roß und ritt seitwärts über die Flur.
Als Immo in beschwertem Mute dahin fuhr, hörte er aus der Ferne
kunstvollen Peitschenknall, einen Gruß, den er wohl kannte. Er sprengte
über das Brachfeld zu dem Acker, den Brunico, der Bruder des Mönches
Rigbert, mit den Ochsen des Vaters pflügte. Der junge Landmann hielt
an, Immo streckte schon von weitem die Hand aus, den Jugendgespielen zu
begrüßen. »Denkst du der Reden,« sprach Immo, »die wir einst in unserm
Hofe tauschten; daß wir miteinander im Eisenhemd reiten wollten?«
Brunico nickte. »Langsam wandeln die Ochsen und langweilig dünkt mich
die Schollen zu treten.«
»Ich komme dich mahnen, ob du mit mir zum Heere des Königs ziehen
willst als mein vertrauter Mann, der sich mir für die Schwertreise
gelobt.«
Die Augen Brunicos glänzten. »Wenn der König und der Markgraf nur noch
ein Jahr warten wollten, bevor sie aufeinander losschlagen, so wäre das
besser wegen des Hengstes, auf dem ich dich begleiten will. Denn das
Roß ist noch jung für die Kriegsfahrt. Ich selber bin meines Vaters
Sohn und sitze an seiner Bank. Und wenn ich auch etwas tun will, so bin
ich doch der Worte nicht mächtig, um den Alten zu bereden; das mußt du
wagen. Und dann gibt es noch jemanden, den ich gern darum früge.«
»Ist die Jungfrau aus eurem Dorfe?« frug Immo lächelnd.
Brunico schüttelte das Haupt und wies nach Osten. »Weiter aufwärts am
Bach. In der nächsten Nacht hole ich dort Bescheid.«
Als Immo die Schar der Brüder aus dem Dorfe reiten sah, lenkte er sein
Pferd dem Hofe des Baldhard zu. Der Bauer stand in seinem Hoftor. »Sei
gegrüßt, Immo,« rief er ihm zu, »einem Helden gleichst du auf deinem
Rosse, reite ein, damit du der Mutter von ihrem Kinde erzählen kannst.«
Immo saß zwischen den beiden Alten und vertraulicher als gegen sein
eigenes Geschlecht sprach er zu ihnen vom Kloster und von der treuen
Gesinnung des Rigbert. Frau Sunihild trug auf, was sie vermochte,
um den Gast zu ehren und pries ihn glücklich, daß er den Heiligen
dienen sollte; doch in der Miene des Hausherrn erkannte Immo trotz der
gutherzigen Weise eine Unzufriedenheit. »Manches Mal hast du mir Gutes
geraten, Vater,« begann Immo, »auch heute begehre ich etwas von dir,
was meiner Zukunft nützen soll.«
»Willst du Geheimes von mir hören,« versetzte der Alte, »so tritt
hinaus ins Freie, denn der Wind, der über das Halmfeld weht, verträgt
geheime Worte besser als die hallende Hauswand.« Baldhard führte seinen
Gast aus der Niederung nach der alten Grenzeiche, die auf freier Höhe
weit im Lande sichtbar stand. »Du kennst die Sage,« begann der Alte,
»welche verkündet, daß um diese Eiche vorzeiten ein Lindwurm gehaust
hat, welcher Feuer in die Höfe trug und sich die Menschen zum Fraß
raubte, bis einmal ein starker Held mit seinem kleinen Sohn des Weges
kam. Dieser setzte seinen Sohn auf einen Stein, und als der Arge
herankam, das Kind zu holen, erlegte der Held den Wurm, aber ihn
selbst verbrannte die flammende Lohe, welche aus dem Rachen des Untiers
kam. Ein Weib aus unserm Dorfe drang mutig zu der Stätte, sie fand den
Helden tot, den Knaben unversehrt unter brennendem Holz und versengtem
Gras. Unsere Väter meinen, der Knabe sei von deinem Geschlecht gewesen
und das Weib, welches ihn bewahrte und erzog, von meinem. Darum ist
dies die Stelle, wo ich mit dir am liebsten vertraulich reden will.«
Er trat unter die Eiche, wies nordwärts über die große Flur seines
Dorfes und die benachbarten Markungen und begann: »So weit du hier das
Land siehst, war einst alles freies Erbe handfester Männer, siehe zu,
was die Kirche und die Grafen daraus gemacht haben. In allen Dörfern
liegen jetzt die Hufen unter verschiedenem Recht. Viele gehören den
Mönchen deines Klosters, andere den Mönchen von Fulda, noch mehrere
dem Erzbischof von Mainz, und was am leidigsten ist, viele auch den
gräflichen Dienstmannen. Diese sitzen unter uns und sperren, wenn
sie es vermögen, ihre Höfe mit einem Graben gegen das Dorf, obgleich
sie vielleicht als unfreie Leute unter der Faust der Grafen stehen.
Völlig zerrissen ist die Gemeinschaft der Dorfgenossen, schon sind
an vielen Stätten unseres Stammes die Freien in der Minderzahl,
alljährlich verschlingen die Kirche oder fremde Gebieter mehr von
unsern Hufen und Behausungen. Wie sollen die Landleute noch zusammen
halten, wenn sie von allerlei Herren Befehle empfangen und um die
Gunst Verschiedener zu sorgen haben. Keine Dorflinde kenne ich, unter
welcher der Friede bewahrt wird, bei jeder Fehde der Großen streiten
die Genossen desselben Dorfes gegeneinander und über jede Flur reiten
fremde Herrenrosse. Wer aber mächtig ist, ob er die Kutte trägt oder
den Schwertgurt, der weiß sich auszubreiten, wenn er sich einmal in
einer Flur eingenistet hat. In unserem Dorf mißlang es den Fremden
bisher noch, in den Bund der Freien einzudringen. Denn wenn die Grafen
wider das Recht im Gemeindeholz gerodet hatten, um ihre Leibeigenen
anzusiedeln, so weigerten unsere Knaben den Unfreien Gruß und Verkehr
auf dem Anger und verbrannten bei Nacht die neuen Hütten.« Er sah mit
einem wilden Blick nach der Seite, von welcher die Rauchsäule aufstieg.
»Ich selbst habe einen Sohn auf den Altar gelegt, weil die Mutter
das weinend von mir erbat, und ich hoffe, die Gabe wird den Heiligen
willkommen sein. Auch bin ich nicht säumig, dem Kloster Spenden zu
geben, und mehr als ein Füllen und manches junge Rind habe ich nach
Ordorf geführt. Aber das Land, auf dem wir im Herrenschuh schreiten,
wollen wir, soweit es uns noch geblieben ist, vor den begehrlichen
Mönchen bewahren, obgleich sie uns viel Günstiges in der großen
Wolkenburg verheißen. Darum vernahmen wir Landleute mit Trauer, daß dein
Geschlecht um deinetwillen eine gute Burg der Kirche übergeben will.
Denn wir gedenken wohl, daß die roten Berge zur Zeit unserer Väter
der ganzen Landschaft vor den wilden Ungarn Zuflucht gewährt haben.
Damals lagen die Weiber und Kinder und das Herdenvieh unserer Dörfer in
eurem Bergwall und die Männer verschanzten die Talwege und die Höhen
mit Verhau und Wasser und wehrten den Einbruch der grausamen Heiden
siegreich ab. Damals öffnete dein Geschlecht uns die rettende Burg und
seine Helden geboten im Kampfe. Jetzt aber sollen die Pfaffen dort
herrschen und niemand weiß, wem sie bei einer Fehde anhängen werden.«
Immo ergriff die Hand des Bauern. »Vater, so wie du, denke auch ich.
Wenn ich es zu hindern vermag, soll kein Geschorener auf der Mühlburg
gebieten, nicht der Erzbischof und nicht ein anderer.«
»Du selbst aber bist der Kirche verlobt?« frug Baldhard erstaunt.
»Als Kriegsmann will ich zu König Heinrich reiten, wie sehr auch meine
Mutter traure, und grade deshalb komme ich zu dir.«
»Wahrlich,« rief der Bauer, dem Jüngling kräftig die Hand drückend,
»jetzt gefällst du mir ganz und gar, Immo, und ich hoffe auch, obwohl
du jung bist, daß du diesen Sinn bewahrst und in deinem Leben allem
Herrendienst widerstehst.«
»Gefällt dir was ich will, mein Vater,« fuhr Immo fort, »so hilf mir
auch, daß ich's ausführe. Denn nicht als Einzelner möchte ich dem König
zuziehen, sondern mit der Jugend unserer Dörfer. Auch deinen Sohn
Brunico, der einst mein Gespiele war, erbitte ich von dir für die erste
Schwertreise.«
Baldhards Gesicht zog sich ernst zusammen und er überlegte lange, bevor
er entgegnete: »Willst du mit einem Gefolge, wie dir geziemt, zum Heer
des Königs reisen, so siehe zu, ob dir manche unserer jungen Männer
mit freiem Willen folgen, ich wehre dir's nicht und ich spreche nicht
dagegen. Doch einen Heerdienst über das harte Maß, welches uns ohnedies
aufgelegt ist, vermag ich auch nicht zu loben.«
»Vielleicht gefällt dir der Zug besser, mein Vater,« beredete Immo,
»wenn du selbst an das denkst, was wir an deinem Herde über den bösen
Willen der thüringischen Grafen sprachen. Denn ist der König in
Bedrängnis durch die Untreue der Großen, so wird er es rühmen, wenn
die freien Waldleute ihm jetzt ihre Treue beweisen und darum mag der
Zug euch in Zukunft frommen gegen die Grafen.«
»Verständig sprichst du, um mich zu überreden,« versetzte der Alte,
»aber wer mehr tut als ihm obliegt, der wagt vielleicht auch mehr als
ihm recht ist. Wenn der König seinen Feinden unterliegt, dann würden
wir's büßen, daß wir mehr Eifer gezeigt haben, als uns geboten war.
Darum dürfen unsere Knaben nur als Freigänger der Donau zuziehen, auf
ihre eigene Gefahr und ohne Ladung der Gemeinde. Nützt uns ihr Zug
beim Könige, so haben wir den Vorteil, im andern Falle tragen sie den
Schaden. Ich sehe auch ungern, daß du meinen jüngsten Knaben zu deinem
Roßdienst werben willst und ich würde dir ihn am liebsten versagen.
Aber ich gedenke, daß es mir nützen kann, wenn mein Geschlecht sich dem
deinen wert erhält. Auch der Kriegskunst des Knaben kann es frommen,
daß er einmal an deiner Seite sich im Schwertdienst übt. Dennoch
fürchte ich für ihn die Verführung. Denn wenn er mit dir unter dem
Rittervolk dahinfährt, werden ihm die roten Strümpfe der fränkischen
Dienstmannen und ihr weißer Schwertgurt vielleicht gefallen und er
wird fortan lieber den Speer halten als den Pflugsterz. Ich aber kann
nicht ertragen, daß der ehrliche Bau in unserer Flur ihm verleidet
wird. Darum gelobe mir, daß du meinen Knaben nur auf Jahr und Tag an
dich bindest und daß du ihm, soweit du vermagst, sein Heimatsdorf lieb
erhältst und auch die Peitsche, mit welcher er einst auf seinem freien
Erbe über Rinder und Rosse gebieten soll.«
Das gelobte Immo und in gutem Einvernehmen verhandelten beide über die
Fahrt zum König.
Als Letzter kehrte Immo am Abend in den Saal zurück, die Brüder saßen
zusammen an der Bank, beachteten seinen Eintritt wenig und sprachen
leise miteinander. Immo sah finster über sie weg, begrüßte die Mutter,
welche auf ihrem Stuhl seine Ankunft erwartet hatte, und setzte sich
abseits. Ihm gegenüber hingen an der Wand die Rüstungen, welche sein
Vater als Siegeszeichen aus dem Kriege heimgebracht hatte, daneben
auch Slawenschwerter und Streitkeulen, die er noch nicht kannte. Er
wußte, es waren Beutestücke seiner jüngeren Brüder. Da wurde ihm der
Sinn noch mehr beschwert; er trat an eine Rüstung seiner Ahnen, hob das
Schwert vom Pflock, trug es zu seinem Sitz, zog es aus der Scheide,
prüfte seine Schärfe und legte es neben sich. Odo stand schweigend
auf, nahm die Waffe weg und schritt zu dem Nagel, um sie aufzuhängen.
Da fuhr Immo empor, riß dem Bruder das Schwert aus der Hand und rief:
»Unheil bringe dir der Griff nach meiner Waffe, denn dies Erbstück des
Geschlechtes fällt nach dem Brauch dem Ältesten zu.«
»Vielleicht dem ältesten Kriegsmann,« versetzte Odo, »der aber bist
du nicht. Besseres hat das gute Eisen verdient als an der Seite
eines Pfaffen zu hängen, der das Schwert nur trägt, wenn es seines
geschorenen Haares vergißt.«
»Versuche es zu nehmen,« rief Immo, »so sollst du selbst erfahren, ob
meine Hand es zu schwingen vermag.«
Gertrud, die zu den Füßen der Herrin saß, tat einen gellenden Schrei.
Edith erhob sich aus ihren Gedanken und als sie die Brüder kampflustig
gegeneinander sah, wurde ihr Antlitz totenbleich und sie stürzte
zwischen die Hadernden: »Gib mir die Waffe, Immo,« rief sie und faßte
die Scheide, »Unheil hängt an dem Eisen.« Sie löste die Waffe aus der
Hand des Sohnes. »Wisset, ihr Zornigen, euer Vater selbst mied das
Schwert, denn er trug es an einem Tage, der ihn oft gereut hat. Und als
ein Unglückszeichen hängt es seitdem ungebraucht an der Wand. Harret
der Zeit, wo das Los geworfen wird über diese und andere Habe, ich
meine, keiner von euch wird dann noch lüstern sein, die Waffe an sich
zu reißen.« Sie hing das Schwert an den Pflock und trat zu ihrem Sitz
zurück, während die Söhne voneinander abgewandt gegen ihren Unwillen
rangen.
Die Mutter, in deren Antlitz noch der Schrecken zuckte, gebot von
der Höhe: »Töricht war euer Streit. Den Frieden des Hauses habt ihr
gebrochen, gleich unbändigen Knaben widerstrebt ihr einander. Reichet
euch die Hand zur Versöhnung, damit auch ich euren Frevel vergesse.«
Und da die Söhne unbeweglich standen, rief sie mit flammenden Augen:
»Du zuerst, Immo, ich befehle es.« Widerwillig streckte Immo die Hand
aus, die Odo ebenso ergriff. Ein langes unbehagliches Schweigen folgte,
endlich begann Edith: »Sage mir, Immo, wie kommt es doch, daß du zu
deiner Mutter so gar nicht von dem Kloster sprichst und von deiner
Lehrzeit.«
»Du selbst weißt, Mutter, daß es nicht ziemet, die Geheimnisse des
Klosters kund zu tun.«
»Ist denn alles geheim, was ein Schüler dort erfährt?« frug die Mutter.
»Ich meine, nur die Mönche sind gebunden.«
»Auch mich bindet ein Gelöbnis, das ich vor Herrn Bernheri getan,«
versetzte Immo.
»Dann lobe ich dein Schweigen,« fuhr Edith fort, »doch laß die Mutter
noch eine Frage tun, wie kommt es doch, daß du die frommen Väter zu
Ordorf nicht begrüßt hast, da du doch sonst jeden Tag durch die Flur
reitest? Mancher von ihnen kennt dich aus dem Kloster und von früher
her, und mehr als einer will dir wohl. Und daß ich dir alles sage,
der Magister war heut in unserm Hofe, deinetwegen kam er hierher und
er klagte, daß die Väter und die Scholastiker in seiner Zelle sich
beschwert fühlen, weil du dich von ihnen fern hältst, obgleich du doch
auf der Wassenburg mit den Dienstmannen verkehrt hast.«
»Gute Kundschaft haben die Mönche,« entgegnete Immo bitter, »und
neugierig schleichen sie hin und her.«
»Du hast unrecht,« versetzte Edith, »guten Leumund haben sie im Lande.«
Da Immo schwieg, fuhr sie fort: »Der Magister klagte, daß ein Bruder,
der von dem großen Mann Tutilo gesandt ist, schwere Kunde aus dem
Kloster gebracht habe. Von hartem Zwist der Mönche sprach er und daß
viele aus dem Kloster scheiden wollten. Auch dem Boten des Tutilo lag
es sehr am Herzen, daß du in die Zelle nach Ordorf kämest.«
»Wenn ein Bote Tutilos mich ladet,« rief Immo, »so wird er vergeblich
harren. Er mag seine Botschaft, wenn er es wagt, hierher zu meinem
Ohr tragen.« Immo schritt aus der Halle in Mißbehagen und Sorge. Er
gedachte einer guten Lehre des Bertram, die er nicht befolgt hatte.
Weil er der Mutter und den Brüdern am ersten Tag seinen Willen
verborgen hatte, fand er sich in Widerwärtigkeiten verstrickt. Auf
den Beifall der Brüder durfte er nicht mehr hoffen und das Herzeleid
der Mutter ängstigte ihn jetzt viel mehr als auf der Reise. Dennoch
erkannte er, daß er seinen kriegerischen Sinn nicht länger bergen
durfte, und er beschloß, am nächsten Tage sich zuerst den Brüdern
mit versöhnlichem Gemüt zu eröffnen und darauf der lieben Mutter.
Als er aber nach wortkargem Abend in seinem Schlafgemach wieder den
Weihrauch roch und die Kerze und die gestickte Herrendecke sah, da
bedrängte ihn die Ehre schwer, und auch am andern Morgen machten ihm
die zwitschernden Vögel und der pfeifende Knabe das gepreßte Herz nicht
leichter.
* * * * *
Auf einem Vorsprunge des Mühlbergs waren die streitbaren Söhne
Irmfrieds versammelt, dazu die Dienstmannen, welche die Burg und die
Warttürme der nächsten Höhen besetzt hielten. Hinter den Männern erhob
sich die starke Burgmauer, welche die beiden Türme und das hohe Dach
eines Herrensaals umschloß, seitwärts ragten die Gipfel und Bergleiten
des langgezogenen Ringwalls. Grade unter dem Vorsprung war der Ring
gegen das Tal geöffnet, gegenüber dem Mühlberg stand ein hoher Vorberg,
gekrönt mit festem Turme, die beiden Höhen beschützten gleich Schanzen
den Zugang. Durch die Talöffnung dazwischen warf die Abendsonne
ihr Licht in die umschlossene Tiefe, auf Ackerstücke und Wiesen,
und auf den großen mit hohem Rohr bewachsenen Teich, über welchem
dichte Schwärme von Staren und Wasservögeln auf- und niederflogen
in unaufhörlichem Schwatzen und Zanken. Hoch aber über ihnen zogen
zwei Bergadler ihre Kreise, bis sie in die Wolken der flatternden
Vögel hinabstießen, ihre Beute zu holen, dann schrie und rauschte der
ungeheure Schwarm und stob in wildem Getümmel auseinander.
Immo stand seinen Brüdern gegenüber. Er sagte ihnen, daß er für die
Tage seiner Zukunft den Schwertgurt gewählt habe statt der Stola, und
er bat sie mit herzlichen Worten, ihn als Bruder in ihre Genossenschaft
zu nehmen und ihm als sein Recht die Ehren des Ältesten zu gewähren und
seinen Anteil am Erbe. Er gestand ihnen auch, daß er dem König zuziehen
wolle, und daß seine Ehre nicht gestatte, als Landloser unter den
andern Edlen zu reiten.
Als er seinen Willen verkündete, ein Kriegsmann zu werden, riefen
ihm die Dienstmannen Heil und schlugen ihre Waffen zusammen, die
Brüder aber standen mit umwölkter Stirn und waren nicht willig ihm
nachzugeben. Endlich begann Odo: »Hat sich dein Sinn so gewandelt, daß
du gegen den Willen der Eltern ein Kriegsmann werden willst, so siehe
zu, wie du dich vor unserer Mutter entschuldigst. Darüber mit dir zu
rechten, steht uns Brüdern nicht zu. Die Teilung des Vatererbes aber
vollbringen wir erst in Jahr und Tag, wenn das Kind Gottfried sein
Schwert trägt und bei der Teilung als Jüngster sein Recht ausüben darf,
vorweg zu wählen. Denn so ist es beschlossen und wir alle haben uns
seither in der Gemeinschaft wohl befunden. Die Mühlburg hatten wir
widerwillig auf das Bitten der Mutter von dem Erbteil ausgeschieden,
doch nur für den Fall, daß du die Pflicht der Weihen über dich nimmst,
welche das Geschlecht dir aufgelegt hat. Weigerst du dich, dein Haupt
zu scheren, so bestehen wir andern darauf, daß die Burg uns allen
gemeinsam bleibe bis zur Teilung. Die Herrschaft aber im Geschlechte
über Dienstmannen und Höfe gestehen wir dir nicht zu, obgleich du an
Jahren der älteste bist, denn aus dem Kloster kommst du, fremd dem
Lande und fremd kriegerischer Sitte, und wir vermögen keinem, der von
der Schülerbank entlief, die Sorge um unser Wohl und Wehe zu übergeben.
Ziehe du dem Heere des Königs zu, wenn dich der Wunsch übermächtig
treibt, versuche, ob du dort als Ältester Ehre gewinnst. Im Walde aber
und im Tale der Heimat behaupte ich bis zur Teilung mein Recht, die
Brüder und Mannen zu führen.«
Immos Hand ballte sich und das Blut schoß ihm zum Haupte, aber
Berthold, der alte Dienstmann, welcher in der Mühlburg gebot, trat
schnell in den Ring und begann gegen Odo: »Traurig ist dieser Tag für
einen Alten, der euch beide auf dem Arme hielt, als ihr noch lachende
Kinder waret. Euch Herrensöhnen steht wohl an, heiß nach Ehre und
Macht zu streben, doch hörte ich den Mann noch höher rühmen, der sich
friedlich mit seinem Geschlecht verträgt. Aber deiner Rede, Herr Odo,
muß ich widerstehen. Denn nicht zwischen euch allein schwebt der
Streit, auch uns verdirbt er das Leben. Das Erbe des Vaters mögt ihr
teilen, wann es euch gefällt, über die Ehre des Ältesten aber müßt ihr
euch zur Stelle entscheiden. Das fordern wir, die wir euch dienen, als
unser Recht. Ihr ladet uns und gebietet, daß wir auf die Kampfheide
ziehen und gegen jeden streiten, der euer Feind ist, und jeden ehren,
den ihr ehrt. Dem Geschlecht Irmfrieds haben wir Treue geschworen
und wir folgen, solange das Erbe ungeteilt ist, dem Ältesten. Bisher
warst du, Odo, uns der Älteste. Jetzt aber steht ein Bruder, der an
Jahren dir voraus ist, im Schwertgurt gegen dich und begehrt sein
Geburtsrecht. Euch beiden zugleich vermag keiner von uns zu gehorchen,
wenn ihr uneinig seid. Und ich sage dir, wir Dienstmannen müssen, bevor
die Sonne untergeht, den Herrn erkennen, welchem wir fortan folgen.
Darum vertragt euch zur Stelle gütlich, was ich herzlich wünsche, oder
entscheidet euren Streit wie Helden geziemt, indem ihr ein Urteil sucht
vom Himmel oder von der Erde oder von eurem Schwert.«
»Gut spricht der Alte,« rief Immo. »Ich biete dir die Hand zur
Versöhnung, mein Bruder, behalte du bis zur Teilung das Recht der
Erstgeburt in allen Höfen, ja auch unter den Nachbarn, welche
uns freiwillig ehren; mir laßt die Burg mit den Bergen und den
Dienstmannen, bis in Jahr und Tag das ganze Geschlecht sich gütlich
vergleicht.«
»Hältst du die roten Berge in deiner Hand,« versetzte Odo, »so bleibt
das Geschlecht in der Ebene wehrlos und die Mutter und die Brüder
mögen büßen, was dein wechselnder Sinn ihnen erfindet. Nötig scheint
mir, daß in dem Kriege, der jetzt entbrennt, Land und Leute in einer
Hand stehen, damit nicht auf dem Grunde unserer Väter der Kampf
zwischen Brüdern beginne. Darum vermag ich nicht nach deinem Willen
zu tun, selbst wenn ich dir bessere Gesinnung gegen uns zutraute, als
du seither bewiesen hast, und bevor ich dir nachgebe, hole ich ein
Urteil von meiner Schwertseite.« Er griff nach dem Schwert, die Brüder
sammelten sich um ihn.
»So bezeugt mir, ihr Helden, die ihr meinem Geschlechte dient,« rief
Immo in aufbrennender Wut, »bezeuge mir, hoher Himmel und du Grund
meiner Väter, daß ich den gerechten Stolz gebändigt und ihm nachgegeben
habe, soweit ich vermochte, und daß er mich schmäht und meinen guten
Willen verachtet. Entehrt vermag ich nicht zu leben, das Blut des
Bruders scheue ich mich zu vergießen. Darum fordere ich ein Urteil vom
Himmel oder aus der Tiefe. Besser ist es, daß einer von uns beiden
dahinschwinde, als daß das ganze Geschlecht in Zwist verderbe. Seht um
euch, ihr Männer, wo ihr steht, die roten Berge gleißen und leuchten
zu der Herrenwahl und die in der Erde hausen, rüsten sich einen Helden
zu empfangen.« Er wies vor sich hin, die Tiefe lag in grauem Dämmer,
der Dunst auf Wasser und Wiese schied den Bergring von der Ebene;
wie abgelöst vom Boden schwebten die Gipfel in der Luft und in der
Abendsonne leuchtete das Erdreich gleich glühendem Metall.
»Gewaltig sind die Worte, die du in der Schule gelernt hast,« warf
ihm Odo mit düsterm Blick entgegen, »doch schwerlich gleicht ihnen
die Tat. Du warst behend, über geschorene Köpfe zu hüpfen, aber denke
nicht, dich ebenso mit leichtem Fuß in die Ehre des Geschlechts zu
schwingen.«
»Verhöhnst du meine Sprünge,« schrie Immo außer sich, »so wage auch
du, mir einen Sprung nachzutun, den ich jetzt um mein Recht wage. Das
Gottesurteil hole ich von dem Boden unserer Väter, vertraust du deinem
Recht, so folge mir nach, oder entweiche.« Er wies nach der Seite.
Dort gähnte wenige Schritte von den Männern ein Erdriß, der nahe am
Gipfel begann und sich bis zum Fuß des Berges hinzog. Vielleicht
hatte das herabstürzende Wasser die Kluft geöffnet, vielleicht hatte
unterirdische Gewalt das Gefüge des Bodens gesprengt. Die Stelle war
unheimlich, und die Leute wußten, daß sich die Schlucht in mancher Zeit
schloß und wieder öffnete, so oft Unheil die Landschaft bedrohte. Nackt
und kahl starrte das wilde Erdreich in dem Spalt, kein grünes Kraut
haftete darin, nur beim Gewitterregen rauschten schäumend die Wasser
in trübem Schwall hinab und führten den roten Schlamm über das lichte
Gehölz und den Wiesengrund. Ungern klomm jemand längs dem Riß hinab,
denn man sagte, daß dort der Eingang in das Innere des Berges sei, und
daß böse Gewalten aus dem Reich des alten Gottes das Tor hüteten. Mehr
als einer der Burgleute hatte bei Nacht ihr Geschrei gehört, Schnauben
der Rosse und Bellen der Hunde, und viele hatten im Abendlicht erkannt,
wie große Rudel von Wölfen hinein- und herausfuhren. Jetzt gerade war
der Riß auf der Oberfläche breiter als wohl sonst, an manchen Stellen
so tief, daß man von oben in das Innere des Berges hineinzusehen meinte.
Immo sprang an den Schlund, aber Berthold lief ihm nach und schlang
die Arme um ihn. »Halt ein,« rief er, »greulich ist die Stelle, kein
Menschenfuß vermag die Tiefe zu überfliegen, fürchte die Unsichtbaren,
welche dort unten lauern.«
Aber Immo schüttelte den Alten ab und rief: »Den guten Gewalten meines
Lebens vertraue ich, ob sie mir gnädig sind. Sieh her, Odo, der
Springer schwingt sich in sein Erbe, folge mir, Kriegsmann, wenn du
vermagst.« Und weit ausholend, setzte er in mächtigem Schwunge über den
Schlund. Erschrocken sahen die Männer die wilde Tat, als er aber am
andern Rand des Schlundes auf die Knie sank und die beiden Arme gegen
die untergehende Sonne hob, da schrien die wilden Genossen lautes Heil
und zogen die Schwerter. Im nächsten Augenblick verstummten die Rufe,
der Leib eines Mannes sank mit schwerem Fall, Odo stürzte in die Tiefe.
Immo wandte sich um und Entsetzen durchfuhr ihn, als er den Bruder
undeutlich unter sich liegen sah. Die jüngeren Brüder liefen abwärts,
die Gewappneten drängten sich mit starren Blicken um den Spalt. Sobald
aber Immo erkannte, daß Odo, der weiter abwärts an das Licht getragen
wurde, die Glieder regte und sich auf die Schulter eines Bruders
stützte, hob er sich empor auf den Vorsprung, der untergehenden Sonne
zu, riß das Schwert aus der Scheide, schwang es dreimal gegen die Sonne
und rief: »Zu mir, ihr Helden. Von der Sonne holten meine Ahnen ihr
Recht und von keinem geborenen Manne. Bezeuge mir, milde Herrin, daß
ich als rechter Erbe Besitz ergreife von Burg und Herrschaft.«
Die Schatten der Nacht lagen auf dem Lande und dunkle Wolken verdeckten
das Sternenlicht, als Immo in den Hof zurückkehrte. Vor der Tür harrte
seiner der jüngste Bruder. »Wie geht es dem Gestürzten?« frug Immo. »Er
sitzt zerschlagen im Saal,« antwortete der Knabe traurig. Immo atmete
tief und stieß die Tür auf, die Mutter saß bleich auf ihrem Sitz, die
Brüder schweigend an der Bank.
Als Immo auf der Schwelle der Mutter gegenüber stand, erhob sie sich,
riß das Schwert, welches sie den Abend vorher den Händen des Sohnes
entwunden hatte, von der Wand und schleuderte es zwischen sich und Immo
auf den Boden. »Hier nimm, was dir zukommt,« rief sie, »die Teilung des
Erbes suchst du bei den bösen Geistern des Abgrundes. Das Recht des
Ältesten begehrst du an Leib und Leben deiner Brüder. Dem Helden, der
so mannhaft denkt, gebührt die unheilvolle Waffe; prüfe die Schneide,
du Held. Erkennst du alte Rostflecke darauf, so wisse, daß die Waffe
schon einmal von Bruderblut gerötet ist.«
Immo trat einen Schritt auf Odo zu. »Mich reut der wilde Zorn, mein
Bruder, und groß war meine Angst, als ich dich in der Tiefe sah. Zur
Stelle fühlte ich schweres Leid. Daß ich dich wiederfinde, nimmt mir
das Grauen von der Seele.«
Aber Odo sah finster vor sich hin und antwortete nicht.
»Ich lobe die Entschuldigung,« rief Edith bitter, »welche eine
Untat abbläst, wie den Staub der roten Berge. Und da wir alle hier
gesellt sind, das ganze Geschlecht Irmfrieds mit freundlichem Herzen
und guter Meinung zueinander, so vernehmt eine Sage, meine Söhne,
welche die Mutter am Feierabend für euch bereit hält. Einst, da ich
Jungfrau war im Vaterhause, dachte ein junger Held der Thüringe
darauf, ein Sachsenmädchen zur Hausfrau zu werben und der Vater war
ihm wohlgeneigt. Da kam der ältere Bruder des Jünglings, mächtiger an
Gut und Ehren, von einem Kriegszuge in den Sachsenhof, dieser gewann
größere Gunst des Vaters und erhielt die Jungfrau zum Weibe. Unter den
Brüdern entbrannte Feindschaft, in den Mauern ihrer Stammburg zogen
sie gegeneinander die Schwerter und der jüngere wurde durch die Waffe
des Bruders schwer getroffen. Seitdem ahnte den Gatten Übles für die
Zukunft und sie meinten den Zorn der Ewigen zu versöhnen, wenn sie das
erste Kind dem Dienst des Himmelskönigs weihten. Dies Kind warst du,
Immo. Heute aber trug ein Bruder deines Klosters mir die Kunde zu, daß
du am Altar der Heiligen die Hand gegen einen Geweihten erhoben hast
und als ein Missetäter aus dem Kerker des Klosters entwichen bist.«
»Den Tutilo schlug ich am Altar nieder,« rief Immo dagegen, »weil
er die Faust gegen seinen Abt ballte und gegen mich selbst die
Geißel schwang. Wurde die heilige Stätte entweiht, nicht ich war der
Verbrecher, sondern er. Und wagt der Babenberger mir noch einmal
gegenüber zu treten, bei allen Heiligen des Himmels, wo es auch sei,
ich tue ihm dasselbe. Du selbst aber weißt, daß ich nicht aus dem Zaun
des Klosters gebrochen bin, sondern durch den Abt in Freiheit zu dir
gesandt.«
»Nicht als ein Freier kehrtest du in das Haus deiner Väter, als
Geweihten des Herrn begrüßten wir dich und du täuschtest die Mutter
durch unwahren Bericht.«
»Das tat ich nicht,« rief Immo. »Als ich die Freude sah, mit der du
auf meine Weihen hofftest, da wurde mir allzu schwer, dir zu sagen,
daß ich die Stola für mich nicht begehre. Heut aber bekenne ich dir's,
obwohl du zornig bist. Ich vermag nicht den Heiligen zu dienen, wie du
begehrtest.«
»Ungehorsam willst du sein deinen Eltern und treulos gegen den
Himmelsherrn,« rief Edith heftig.
»Gehorsam wirst du mich finden in allem, worin der Sohn seiner Mutter
gehorchen darf, und um die Gnade des Himmelsherrn denke ich als ein
ehrlicher Kriegsmann zu werben. Aber ein Pfaff werde ich nicht.«
»Als ich dir das erste Gewand auf deinen Leib zog, habe ich dich dem
Dienst der Heiligen gelobt. Wie darfst du wagen, das Gelübde deiner
Mutter unwahr zu machen?«
»Hast du dein Kind zum Opfertiere geweiht, um dich von der eigenen Not
zu lösen,« rief Immo, »so siehe zu, ob du ihm seine Hörner zu binden
vermagst. Ist das die Liebe der Mutter, daß sie den Sohn in das Elend
stößt und mit seinem Haupte die Buße bezahlt, um sich selbst das
irdische Heil zu sichern?«
Edith zuckte wie unter einem Schlage, ihr Antlitz erblich, als sie
sprach: »Eines Gottlosen Stimme höre ich. Für ein Elend gilt dir der
heilige Dienst und einen Verstoßenen nennst du dich, während ich dir
das Beste bereiten will, was dem Menschen auf dieser Erde vergönnt ist.
Mein bist du, von meinem Leibe kommst du und meine Treue hat dir das
Leben bewahrt. Wem gehörst du an, wenn nicht deiner Mutter?«
»Gabst du mir das Leben, so gabst du mir doch nicht denselben Wunsch,
der dir die Seele füllt. Nicht nach deinen Gedanken vermag ich zu
wandeln, Liebe und Leid fühle ich anders als du und dem eigenen Willen
gedenke ich fortan zu vertrauen, wenn ich auch deinen Rat ehrfürchtig
höre.«
»Bist du so frei von der Pflicht gegen die Mutter und gegen dein
Geschlecht, so vergiß auch, wer dich laufen lehrte und wer dir
zuerst die Worte deiner Rede vorsprach, vergiß, daß du ein Sohn des
Irmfried und der Edith bist, und wandle dahin gleich einem Vater- und
Mutterlosen, der irgendwo am Wasser oder unter dem Baum gefunden ist.
Alles Gute, das dir von der Mutter und den Ahnen kommt, willst du für
dich nützen, deines Geschlechts willst du dich rühmen, und wenn sie dir
sagen, daß dein Antlitz dem deines Vaters gleicht, willst du lachen und
nicken. Aber was dir von Pflichten obliegt als dem Sohne deines Hauses
und dem Kinde deiner Eltern, dem willst du dich frevelhaft entziehen.
Ich lobe die Klugheit, Immo. Doch wisse, du Freier, wenn du deine
Pflicht gegen die Mutter verachtest, so naht der Tag, wo die Mutter
sich deiner schämt.«
Mit glühendem Antlitz sprang Immo zurück: »In der Halle meiner Väter
höre ich die Kuttenträger zischen; sehnsüchtig kam ich her und begehrte
die Liebe der Mutter und der Brüder; geschwunden ist die Treue, kalte
Hohnrede vernahm ich von den Lippen der nächsten Verwandten. Lenke du
den Flug deiner Nestlinge, Mutter, wie es dir gefällt, mir aber hast du
den Sinn verwandelt und unter den wilden Tieren will ich lieber hausen
als hier.« Er sprang aus der Tür und über den Hof, riß sein Pferd aus
dem Stalle, hob den Balken des Hoftors und sprengte über die Brücke,
während die Mutter in der erleuchteten Halle stand und die Hände über
ihr Herz preßte. »Eilt ihm nach,« befahl die Mutter, »daß seine Seele
nicht unter den bösen Geistern der Nacht verderbe.«
»Wie mögen wir ihn hindern, er ist ja der ältere,« versetzte Odo
trotzig. Doch Gottfried lief in den Hof und rief den Namen des Bruders
in die Nacht hinaus, nur undeutlich klang die Kinderstimme in das Ohr
des Entweichenden. Es war ein leiser Ton, aber die Tränen brachen dem
Flüchtigen aus den Augen, da er ihn hörte. In die Nacht hinein ritt
Immo halb bewußtlos, das Blut hämmerte in seinem Haupte, die Mondsichel
am Himmel zitterte und die Sterne flirrten und verschwanden vor seinen
Augen; er sprengte durch den Bach, daß die Flut um sein Haupt spritzte,
und fuhr über Wiesengrund und Felder den Bergen zu. Dort fand er sich
in dichter Finsternis, schwarze Baumwipfel bargen das Wolkenlicht, die
Äste und Zweige schlugen in sein Gesicht und hielten wie mit Krallen
sein Haar und Gewand. Zitternd suchte das Roß einen Weg durch das
wilde Gestrüpp, bis der Reiter wieder den Nachthimmel über sich sah
und einzelne Hügel, die dunkel vor ihm aufstiegen. Als er sich in dem
Talkessel zwischen den roten Bergen fand, da hob er den Arm in wilder
Freude nach den Gipfeln und ritt längs dem Bergwall dahin. Die Stimmen,
welche in dem hohen Rohr schrien und stöhnten, warnten ihn, daß er sein
Roß der Höhe zu riß, denn dort unten hausten tückische Geister, die Roß
und Mann festhielten und langsam hinab in die grundlose Tiefe zogen.
Vor ihm flackerte durch den Wasserdunst ein rotes Feuer und undeutliche
Schatten fuhren riesengroß durch den Lichtschein. Da sträubte sich ihm
das Haar, auch das Roß ächzte und stauchte zurück und er hörte eine
Menschenstimme: »Wer stört das Mahl und dringt in den Reigen, haltet
ihn fest und werfet ihn zu Boden.« Er spornte das Roß zu weiten Sätzen
und als er vorüberfuhr, sah er eine Flamme auf Steinhaufen, grell
beleuchtete Gestalten von Männern und Weibern, wilde Gesichter und
gehobene Arme. Wie vom Sturmwind getragen fuhr er hindurch, hinter ihm
flogen Speere und krachte eine geworfene Axt, lautes Hallo und Geheul
folgte. Dann war er wieder allein in dichtem Nebel. Er schlug sein
Kreuz und sprach hastig das Kredo, er wußte, jene hinter ihm waren
Landleute aus der Ebene, die dort heimlich alten Opferbrauch übten. Als
Kind hatte er Schreckenvolles gehört von der Grausamkeit, mit welcher
sie die Störer ihrer abgöttischen Feier straften, und er erinnerte
sich, daß er schon einmal als Knabe von fern den Lichtschein gesehen
hatte und daß der fromme Bruder, der damals sein Lehrer war, ihn
ermahnt hatte sich abzuwenden, damit der teuflische Schimmer ihm nicht
den Sinn verstöre.
Wieder umschloß den Reiter unheimliche Nacht. Kläglich seufzten die
Unken im Teich und über ihm jammerten die Nachtvögel, die Rudel der
Wölfe bellten und heulten und ihre schwarzen Schatten fuhren durch
den Nebel dahin, da meinte er in der Luft die Gewaltigen der Nacht zu
schauen, riesige Männer auf dunklen Rossen, welche ihm zuwinkten und
nach dem Tor im Berge wiesen. Denn vor ihm gähnte der Erdriß, den er
heute übersprungen hatte, und die Schatten mahnten zur Rache. Er hielt
wie fest gebannt, das gellende Geschrei der Nachttiere und das Flattern
in der Luft betäubte ihm das Hirn, daß er im Sattel schwankte. Aber
im nächsten Augenblicke rückte er sich kräftig auf dem Rosse zurecht
und atmete tief wie einer, welcher erkennt, daß sein Bangen unnötig
war. Denn zwischen dem wilden Heidenlärm vernahm er laut und lauter
das Rauschen eines gebändigten Wassers, unter welchem sich ein Rad
schwang, und er vernahm das Klappern des Mühlwerks, die freundliche
Stimme, welche von den Mönchen durch die Worte gedeutet war: Hilf,
Herre Gott. Daran dachte er jetzt. Die Mühle klang bei Tag und Nacht
langsam und schneller, wo Menschenwerk fleißig geübt wurde, sie hatte
Frieden bei Heiden und Christen und Gutes bedeutete ihr Gesang jedem,
der ihn hörte; alle Hausfrauen im Lande riefen ihr Heil und Segen zu,
denn das kluge Werk befreite ihren Hof von der Mühe, die Handsteine zu
drehen; die wilden Tiere fürchteten den Lärm und sogar der tückische
Wassergeist saß, wie die Leute wußten, stundenlang am Ufer und horchte
erstaunt auf das lustige Pochen. Und er hatte einst, da die Mühle
grade still stand, dem Vater des jetzigen Müllers zugerufen: »Müller,
laß dein Hackebrett klingen, damit meine Kleinen darnach tanzen.« Da
lachte Immo und er gedachte, daß er einst im Kloster als Schüler bei
großer Wassersnot mit dem Sintram und einigen Jünglingen dem Müller zu
Hilfe gesandt worden war. Dort hatte Vater Sintram in der Nacht lange
gegen den Wasserschwall gebetet, bis er darüber entschlief. Die frechen
Knaben aber hatten dem schlafenden Greise sein Gesicht und den Scheitel
ganz mit Mehl bestreut, daß er aussah wie ein Schneemann. Und als der
Alte so verwandelt vor den Müller trat und aus dem Lachen des Mannes
die Untat erkannte, da hatte er ruhig sein Haupt in das Wasser getaucht
und darauf zu Immo gesagt: »Mir geschah recht, weil ich im Schlaf meine
Pflicht vergessen hatte. Du aber mein Sohn hast unrecht getan, einem
alten Manne die Ehre zu kränken.« Seit diesen milden Worten bestand das
gute Vernehmen zwischen ihm und den beiden Greisen.
Immo sprang vom Rosse und blickte lange auf das stäubende Wasser und
die weißen Blasen, welche in der Finsternis dahinschwanden, übertönt
war das wilde Geschrei in seinem Rücken, er stand im Frieden, den der
Mensch von den Gewalten der Natur erzwingt. Er beugte sich nieder zum
Wasser und schöpfte einen Trunk mit der hohlen Hand, dann schlug er
kräftig an die Pforte, bis Ruodhard, der Müller, öffnete und verwundert
den Herrensohn und das Roß in seinem Gehege aufnahm.
Am Morgen saß Immo allein in dem öden Turmgemach der Mühlburg, der
Gewitterregen schlug gegen die Mauern und goß sein Wasser durch die
kleine Fensteröffnung auf den Steinboden. Die gute Lehre, welche der
Mönch im Garten ihm zugeteilt hatte, war von ihm mißachtet worden.
Hätte er der Mutter und den Brüdern sogleich bei der Ankunft die ganze
Wahrheit gesagt, so hätte der Zorn nicht wie ein verdecktes Feuer um
sich gefressen, bis er die Freundschaft verdarb. Er gedachte auch der
Rede des Sintram und frug sich selbst, ob er noch jemanden in der Welt
hätte, der für ihn bete. Denn den Himmlischen war er wohl verleidet,
die im Kloster haßten ihn und die eigene Mutter hatte ihn von sich
gestoßen. Ein Gefühl der Einsamkeit, wie er es im Kloster nie gekannt,
bedrückte ihm das Herz, jetzt war er frei, er saß als Herr in der Burg,
welche die Feinde das Nest der Zaunkönige nannten, aber er war auch
frei wie ein Vogel und freundlos.
Als er aufsah, stand vor ihm die alte Gertrud, vom Regen durchnäßt und
stellte einen Tragkorb zu seinen Füßen nieder. »Dies sendet dir Frau
Edith, Immo.«
»Was sprach die Mutter?« frug Immo wild.
Gertrud hob ein leinenes Bündel aus dem Korb und breitete es mit
zitternden Händen auf der Bank aus. »So redete Frau Edith zu mir: Trage
dies dem Jüngling Immo und sage ihm, ich sende, was ihm gehört, und
was ich in der Stille von seiner Habe bewahrte. Dies ist das erste
Hemdlein, das ich ihm spann und das er trug, die Leinwand ist vergilbt,
denn kein Sonnenstrahl hat sie gebleicht und kein Nachttau hat sie
genetzt, aber die bittern Tränen der Mutter hängen daran, denn als
er das erste Gewand auf seinem kleinen Leibe trug, habe ich ihn dem
Dienst der Heiligen gelobt. Und hier sind andere Gewänder des Kleinen,
sein Spielwerk, an dem er sich freute, als er zu meinen Füßen saß und
die Kinderwaffen, welche ihm der Vater geschnitzt hat. Alles hob ich
auf in der Truhe und oft hat mich gefreut, es herauszuholen und dabei
an meinen Sohn zu denken. Jetzt hat er sich feindlich von mir gelöst,
darum sende ich ihm, was sein ist.«
»Hart ist die Mutter,« rief Immo, seine Augen in der Hand verbergend.
»Und Frau Edith sprach weiter: Sage dem Kriegsmann, daß die Treue einer
Mutter nicht verloren geht, wenn auch der Sohn statt des Vaterhauses
sich die finstere Nacht erwählte. Solange ich lebe, werde ich harren,
daß er zu den Heiligen zurückkehrt. An dem Tage werden ihm meine Arme
geöffnet sein, und der Ehrensitz im Saal seiner Väter bereitet.«
»Vergebens wird sie diesen Tag erwarten,« rief Immo.
»Beide seid ihr feurig,« fuhr Gertrud begütigend fort, »wenn auch die
Mutter ihre Hast besser zu bergen weiß als du. Denn ganz ruhig sprach
sie zu mir, aber ich weiß wohl, wie ihr zumute war. Euch beiden kommt
wohl die Überlegung, daß eins dem andern sich fügt. Unterdes gebot mir
Frau Edith, daß ich auf dem Berge bei dir bleibe, mein Sohn, damit dir
in der Einsamkeit die Pflege nicht fehle.«
Immo reichte der Alten die Hand. »Du wirst nicht lange für mich sorgen,
denn ich gedenke von hinnen zu reiten.«
Am nächsten Tage sprengte der Knabe Gottfried in den Hof. »Heimlich
habe ich mich aufgemacht,« begann er schüchtern, »ich komme dich zu
bitten, mein Bruder, daß du meiner in Liebe denkst.«
Immo drückte den Treuen fest an sich. »Sprich auch, wenn ich nicht da
bin, freundlich von mir zu der Mutter.«
»Auch sie gedenkt deiner,« versetzte Gottfried zutraulich, »denn wisse,
zum Mittagsmahl trägt sie selbst deinen Stuhl an ihre Seite und setzt
deinen Teller und deinen Becher auf den leeren Platz.«
»Vergeblich ist die Sorge der Mutter, der Sitz wird leer bleiben,« rief
Immo finster.
6.
Auf der Reise.
Hügel und Tal lagen im Sonnenlicht und der Bergwind wehte kräftig vom
Walde her, als eine Schar junger Thüringe von der Höhe in das Tal des
Idisbachs hinabzog. An ihrer Spitze ritt Immo im eisernen Kettenhemd,
den Stahlhelm am Sattelgurt, den Holzschild um den Hals gehängt, einen
starken Speer in der Hand, neben ihm Brunico in ähnlicher Rüstung.
Ihnen folgten zu Fuß wohl dreißig rüstige Jünglinge in kurzem Eisenhemd
und leichter Helmkappe, mit hohen Lederstrümpfen und nackten Knien, auf
dem Rücken den runden Schild mit eisernem Buckel, darunter den Köcher
mit Pfeilen, in der Hand den Kampfbogen und zwei Wurfspeere. Mitten
in der Schar führten zwei Heerwagen, mit starken Rossen bespannt, den
Kriegsbedarf: Waffen, Wollmäntel und Säcke mit Lebensmitteln. Mit
behendem Fuß schritten die Knaben des Waldes und mancher hob unnötig
die Beine, um ein wenig den Reigen zu springen, welchen der Rufer des
Haufens vorsang. In der Nähe eines Gehölzes hielt der Zug. Die Späher
eilten voran, auf die Zeichen, welche sie zurückgaben, tauchte der
ganze Haufe in den Busch. Immo sprang zur Erde, stellte die Wächter
und die Jünglinge bereiteten sich und den Rossen das Mittagsmahl. Nur
Brunico ritt vorwärts, begleitet von einem leichtfüßigen Genossen.
Nicht lange, und er kehrte eilig zurück: »Eine reisige Schar liegt vor
uns auf dem Wege, gerade unter der Idisburg. Sie sorgen wenig um Wache
und Ausguck. Das Banner, welches sie führen, gehört, wenn wir recht
erkennen, dem Grafen Gerhard. Es sind mehr als hundertzwanzig Rosse,
die Reisigen bereiten das Mahl am Bache und hausen übel im Dorfe unter
der Burg; ich sah sie Garben und Gerät aus den Höfen herzuschleppen und
die Landleute liefen ihnen nach und schrien.«
»Ob uns die Begegnung lieb oder leid ist,« entschied Immo, »wir
vermögen sie schwerlich zu vermeiden. Denn da auch Graf Gerhard dem
König zuzieht, so ziemt uns nicht, gleich Wölfen heimlich hinter ihm
herzutraben. Folge mir zu seinem Lager, ihr andern aber bergt euch im
Versteck.« Und er besprach mit dem Hauptmann seiner Knaben, was die
Vorsicht gebot.
Die beiden Reiter mieden den geraden Weg zum Lager des Grafen, um
die Richtung ihrer Raststelle nicht zu verraten, über einen Hügel
ritten sie im Trabe dem Banner zu. Brunico stieß in das Horn, das er
am Halse trug, und sie harrten der Antwort. Im Lager entstand eine
Bewegung, zwei Gewappnete kamen ihnen entgegen, Ruf und Gegenruf wurden
getauscht, die Gräflichen fuhren rückwärts zu ihrem Herrn und brachten
eine höfliche Einladung.
»Sei gegrüßt im Kriegskleide, du Flüchtling aus Wigberts Stall,« rief
der Graf lachend dem Ankommenden zu. »Auch meine Helden werden dich
als Reisegenossen willkommen heißen. Denn nur bis zum Main ist unser
Weg frei, von da müssen wir uns länger als eine Tagfahrt an den Burgen
des Hezilo vorbeiwinden, und wir sorgen, ob er uns die Straße verhauen
wird. Mit geringem Gefolge kommst du, hoffst du allein beim König
Ansehen zu gewinnen?«
»Meine Knaben blieben zurück, sie schreiten auf ihren eigenen Beinen,«
versetzte Immo.
»Mit Fußläufern ziehst du heran?« spottete der Graf. »Doch ihr in den
Waldlauben übt alten Bauernbrauch. Mich wundert, Immo, daß du nicht
besser für dich gesorgt hast. Geringe Ehre wird dir die unritterliche
Schar erwerben, denn an solchem Troß fehlt es dem Könige nicht.«
»Ihr werdet anders von ihnen denken, wenn ihr erst ihre Schläge geprüft
habt,« versetzte Immo.
»Wohlan, jeder versuche sein Bestes,« fuhr der Graf fort und Immo
glaubte ein ehrliches Wohlwollen in seinem Gesicht zu erkennen. »Andere
Arbeit beginnt jetzt, als unser Hader mit den Mönchen war. Setze dich
neben mich, heute biete ich dir mit gutem Willen den Trinkkrug, da du
zu uns gehörst. Der lateinischen Reden bist du ledig, obgleich meine
Tochter Hildegard deine Stimme wohl vernehmen würde, wenn du ein
Mönchsgeschrei erheben wolltest, denn sie begleitet unsern Zug und
rastet nicht gar weit von meinen wilden Knaben.«
Immo hatte Mühe, die freudige Überraschung zu verbergen. »Warum führt
ihr die Tochter in das Heerlager?«
Der Graf lachte schlau. »Die Königin hat sie nach Regensburg geladen,
die hohe Frau Kunigund hat, wie der Bote rühmt, Gutes von dem Kinde
gehört und will der Mutterlosen eine Beschützerin sein. Verstehst du
wohl, Immo, was diese Huld bedeutet?«
Immo bekannte seine Unwissenheit.
»Die Händler haben den Brauch, wenn sie ein Geschäft für die Zukunft
bereden, so geben sie einander ein Unterpfand für treue Erfüllung. Du
hast bereits etwas von den Waldwiesen vernommen. Diese halte ich, der
König aber begehrt dagegen die Jungfrau. Und gern führe ich sie ihm
zu, denn ich vertraue auf das Glück und die Klugheit des Königs. Ihm
ist bisher vieles gelungen, und ich hoffe, daß auch mir dieser Krieg
Land und Leute mehren soll, denn meine Wälder grenzen an die Mark
des Hezilo. Und darum bringe ich mein ganzes Heergefolge dem Könige,
wahrlich mit großen Kosten. Sieh, Immo, auch meine Kampfhähne führe
ich mit mir,« er wies auf die beiden Fechter, welche in neuem, buntem
Gewande zuunterst auf dem Rasen saßen und mit ihren riesigen Armen
große Trinkkrüge schwenkten. »Denn König Heinrich achtet wenig auf
die fahrenden Leute und vor andern sind ihm die schweifenden Frauen
verhaßt, welche sich im Tanze vor den Helden drehen und dabei ihres
Gewandes entledigen. Ja man sagt, daß ihm alles Weibervolk verleidet
ist. Doch die Kämpfer schaut er gern, wenn sie herzhaft gegeneinander
schlagen. Und dies sage ich euch, Hahn Ringrank und Hahn Sladenkop,
wenn ich euch zum Ergötzen des Königs gegeneinander kämpfen lasse, so
begehre ich andere Wunden als die einzölligen, die ihr im Vertrauen
auf meine Gutherzigkeit einander anzumessen pflegt. Denn dergleichen
schwache Ritze kann der König bei jeder Kirchweih sehen. Herrenwunden
verlange ich diesmal, dreizöllig, und wenn ihr den König ehren wollt,
noch tiefer und länger und zwar mit spitzem Eisen und nicht auf die
Arme, sondern auf die Brust.«
Die Fechter sahen bekümmert einander an und Ringrank antwortete sich
erhebend: »Drei Zoll auf der Brust mögen unsern Brotherrn um zwei
Kämpfer ärmer machen. Fordert der Herr großen Dienst, so ersehnt sich
der Mann großen Lohn. Sorgt wenigstens, daß wir beide gegeneinander
kämpfen und nicht gegen die Kämpfer, welche der König mit sich führt,
denn diese sind ungerecht bei dem Messen der Wunden, um ihren eigenen
Ruhm gegen andere zu erhöhen.«
Die Herren lachten und saßen in guter Laune beim Mahl, tranken und
riefen Heil, wie unter Helden Brauch ist.
Da nahte in gestrecktem Lauf Egbert, der Dienstmann, und trat
staubbedeckt, mit heißem Antlitz vor den Grafen. »Durch wilden Ritt
holte ich Kunde, die manchem sorgenvoll wird,« rief er. »Dem König ist
sein ganzer Schatz genommen. Held Magano, der Diener des Babenbergers,
hat den Schatz auf der Reise gefangen, ich selbst sah den Mann des
Markgrafen und ich sah die lange Reihe der Saumrosse und Karren in
seine feste Burg treiben.«
Mit Schreckensrufen sprangen die Bankgenossen von ihren Sitzen und
drängten sich um den Boten, auch der Graf erhob sich bestürzt. »Wie
ein Unsinniger gebärdest du dich, daß du diese Kunde vor aller Ohren
ausrufst.«
»Herr, sie läuft durch das ganze Land wie Wasser durch den gebrochenen
Damm, in den Dörfern liefen die Leute zusammen, und ich sah, daß
frische Gesellen, die dem Lager des Königs zuritten, von den Rossen
stiegen und die Köpfe senkten; wie soll einer unter dem Habicht
dahinreiten, welchem die Federn gerupft sind?«
»Oft hörte ich den großen Schatz des Königs rühmen,« begann
kopfschüttelnd ein alter Kriegsmann, »und gern dachte ich an das
goldene Kreuzgeld darin, an die Armringe und Becher, mit denen er seine
Getreuen lohnen würde; die Bayern haben lange an dem Schatz gesammelt,
manch uraltes Schmuckstück lag darin aus Sachsenland, das einst
Wieland, der Held, geschmiedet hat.«
»Jetzt aber ist der König so kahl wie meine Handfläche,« rief Egbert,
»wer ihm dient, mag zusehen, wie er die Kosten des Zuges wiederfindet.
Denn nicht der Goldschatz allein ist in die Hand des Markgrafen
gefallen, sie sagen, daß auch die Königskrone dabei war, die heilige
Lanze und die hohen Reliquien, an denen die Königsmacht hängt.«
Die Krieger erschraken, viele bekreuzten sich und die Augen aller
wandten sich nach dem Grafen, dessen unsicherer Blick verriet, daß
er mit schwerem Zweifel rang. »Ist die Krone verloren, wie mag er
das Reich bewahren?« fuhr ihm heraus. »Unheil brachte der Tag, an
dem wir auszogen, und üble Vorbedeutung war es, daß der Sauhirt die
Faselschweine über den Weg trieb.«
»Auch andere Botschaft bringe ich, Herr,« fuhr Egbert fort. »Als ich
vom Main den Kieferwald heraufritt, rastete an der Landstraße Heriman,
der Goldschmied aus Erfurt, der nach seinen Worten zum König Heinrich
reist. Da er ein Packpferd bei sich hatte, so riet ich ihm, sich unter
euren Schutz zu begeben, er aber widerstrebte, und ich verließ ihn im
Walde allein mit seinem Knechte.«
Der Graf sah seinen Dienstmann kummervoll an, ohne zu antworten. Aber
Immo vermochte seinen Unwillen nicht zu unterdrücken.
»Dreiste Worte höre ich von den Helden eurer Bank, Graf Gerhard; mich
dünkt, sie stehen solchen übel, die dem König zuziehen.«
»Wie vermag ich ihre Gedanken zu beugen,« versetzte der Graf ärgerlich,
»da sie doch recht haben? Kann der König seinen Kriegern nicht
lohnen, wie sollen sie ihm dienen? Entweicht zur Seite,« rief er den
Dienstmannen zu, »vergällt ist mir der Trunk, harret, bis ich allein
den Rat finde, der uns frommt.«
Die Bankgenossen brachen auf und setzten sich in die Nähe ihrer Rosse
mit bedrängtem Gemüt zu kleinen Haufen.
Immo merkte, was in der Seele des Grafen vorging und daß seine stille
Hoffnung, der Jungfrau in den nächsten Tagen als Reisegenosse nahe zu
sein, schnell dahinschwand. Er begann deshalb: »Zürnt meiner Jugend
nicht, wenn ich dreist mit euch rede. Ich ahne, daß euch die Reise zum
König verleidet ist, denkt daran, daß seine Gefahr größer ist als die
eure und daß ihr ihm gerade jetzt eure Treue erweisen müßt. Denn er
ist nach Recht unser Herr, und er hat euch, wie ihr mir vertrautet, im
voraus gelohnt. Ich vernahm immer, daß Treue und Dankbarkeit starke
Ketten sein sollen, welche den Helden binden.«
»Du sprichst gut,« versetzte der bekümmerte Graf, »aber du bist jung.
Glaube mir, Immo, als ich in deinen Jahren war, lebte ich so treu und
dankbar wie ein Hündlein, ich lief hin und her, um andern zu dienen,
und wenn mir die Könige einen Brocken zuwarfen, so sprang ich vor
Freude. Jetzt aber habe ich eigenes Gut zu bewahren und muß vielen
Begehrlichen spenden, jetzt rät mir die Vorsicht, vor allem zu fragen,
was mir vorteilhaft ist, damit ich mich in meiner Macht erhalte
zwischen Pfaffen und Laien, welche sämtlich gierig sind, sich zu meinem
Schaden auszubreiten.«
»Zürnt mir nicht, Graf Gerhard, wenn ich euch sage, daß es edler ist,
mit Ehren unterzugehen als in Schande zu leben,« rief Immo.
»Dasselbe ist immer auch meine Meinung gewesen,« versetzte der Graf.
»Ganz wie du war auch ich in meiner Jugend willig, mich für den Herrn
töten zu lassen, dem ich damals diente. Jetzt aber bin ich selbst ein
Herr, welcher andere erhält, die für ihn auf der Walstatt sterben,
jetzt habe ich um eine Herrenehre zu sorgen und diese befiehlt mir vor
allem, daß ich Herr bleibe über andere und mit hundert oder zweihundert
Rossen ins Feld ziehe, für oder gegen wen es auch sei. Darum will ich
auch dir Gutes raten. Setze dich nicht in ein Haus, welches stürzen
will.«
»Soll ich umkehren?« frug Immo prüfend. Da der Graf keine Antwort gab,
fuhr er nachdrücklich fort. »Ich gehe zum König, und wenn alle von ihm
abfallen, so soll er doch im letzten Kampfe nicht allein stehen.«
»Auch du bist nicht allein, Immo, du hast für andere zu sorgen, welche
dir folgen.«
»Ich will sie fragen, ob auch ihnen mit dem Raub des Schatzes die
Kampflust geschwunden ist. Die ich führe, sind freie Knaben vom Walde,
und ich weiß die Antwort im voraus.«
»Wieviel sind ihrer?« frug der Graf mit einem Wolfsblick. »Mich
wundert, daß du sie von meinen Leuten getrennt hältst.«
Immos Auge flog über das Tal, er sah, daß er selbst in der Gewalt
des Grafen war, denn ein Wort vermochte die ganze Meute gegen ihn zu
hetzen, er trat deshalb zurück, legte die Hand an das Schwert und
antwortete: »Meine Knaben sind schnell zu Fuß und von der Heimat her an
Waldversteck gewöhnt, auch ihr Lager haben sie vorsichtig gewählt und
wer sie bewältigen wollte, würde harte Stöße erhalten und schwerlich
Beute aus ihren Taschen davontragen. Darum ist es besser, daß ihr
uns ungekränkt ziehen laßt, wohin wir wollen. Ihr aber vernehmt zum
Abschied noch eins: Große Lügen erzählen die Leute auf der Landstraße,
vielleicht war es gar nicht der Schatz des Königs, welcher gefangen
wurde, oder doch nicht der beste Teil. Wer die Ehre eines Herrn hat,
wie ihr nach eurer Rede, der sollte vorsichtig sein, bevor er sie gegen
Schande weggibt. Lebt wohl, Graf Gerhard, wenn wir uns wiedersehen, so
möge es in Frieden sein, denn zweimal habe ich als Gast an eurem Tisch
gesessen und ungern würde ich euch feindlich gegenüberstehen.«
Während der Graf betroffen die kluge Warnung erwog, gewann Immo sein
Roß, welches Brunico bereit hielt, und verließ unangefochten das Lager.
Als die Sonne sank, warf sie ihr goldenes Licht über die Höhe, auf
welcher die Idisburg stand. Der alte Turm glänzte wie mit leuchtender
Farbe übergossen und an der niedrigen Burgmauer lagen die Ranken der
Brombeeren wie mit Purpur und Goldfäden umwunden. In der unteren
Hälfte des umschlossenen Raumes brüllten die Rinder, welche von den
Dorfleuten dort zusammengetrieben waren. Auf der höchsten Stelle im
Burgwall stand eine Sommerlinde, welche ihre großen Blätter als ein
dichtes Laubdach fast bis zum Boden breitete. Es war ein wonniger
Platz, wilde Glockenblumen blühten in dem lichten Schatten und kleine
Schmetterlinge fuhren hin und her, die Vögel lockten ihre Jungen in den
Ästen des Baumes zusammen und die Grillen schwirrten den Chorgesang
zu dem Ruf der Gefiederten. Dort saß Hildegard, das Grafenkind; die
Hände im Schoß gefaltet sah sie in das Tal über das Lager der Reisigen,
über den Laubwald und über die geschwungenen Höhen dahinter bis in die
Ferne, wo Erde und Himmel im Dämmerlicht zusammenfloß. In ehrerbietiger
Entfernung lagerten einige alte Dienstmannen, welche zum Schutz der
Jungfrau hinauf gesandt waren, auch sie schauten abwärts nach dem Main
hin und wiesen einander unter dem lichten Gewölk die Grenzburgen des
Feindes. Es war still um die Jungfrau, nur einzelne Klänge aus dem
geräuschvollen Lager drangen herauf, zur Seite blökte das Herdenvieh
und zuweilen lief eine Ferse nahe heran und rupfte die Blätter des
Baumes. Dann knackte und rauschte es hinten in den Zweigen, Hildegard
wandte sich um und scheuchte die Vorwitzigen, aber sie kamen doch
wieder, und das Mädchen vergaß zuletzt in ihren Träumen die genäschigen
Gäste.
Ihre Lippen bewegten sich und leise klangen die gesungenen Worte des
heiligen Liedes:
~Audi, benigne Conditor,
nostras preces cum fletibus[3].~
Aber sie gedachte im Singen nicht sehr an den Schöpfer, sondern mehr
an einen Flehenden, der ihr dieselben Worte vor wenig Wochen im Scherz
zugerufen hatte. Und während sie so sang und mit verklärtem Blick
vor sich hinsah, war ihr, als tönte der Sang noch einmal über ihr in
dem Baume. Sie hielt inne, da rauschte es in den Zweigen und bei dem
Säuseln der Blätter klang über ihr wieder dieselbe Weise, aber mit
anderen Worten, und sie vernahm von der Höhe:
~Rana coaxat suaviter
In foliis viridibus[4].~
Sie saß unbeweglich, ein Lächeln flog um ihren Mund und eine hohe Röte
ergoß sich über ihr Antlitz, aber sie wagte nicht aufzusehen, damit
der lustige Traum nicht entschwinde. »Bist du es, Geselle?« frug sie
leise. Aber gleich darauf schämte sie sich der vertraulichen Rede.
»Ich liege über dir in den grünen Blättern,« klang es von oben zurück.
»Ganz gut ist mein Lager auf starkem Ast; blicke aufwärts, wenn dir's
gefällt, damit ich einmal deine großen Augen sehe, denn diese haben
mich hergezogen.«
Das Mädchen erhob sich schnell und wandte sich dem Ast zu, in demselben
Augenblick neigte Immo das Haupt behend abwärts, umschlang von der
Höhe mit einer Hand ihren Hals und küßte sie auf den Mund. »Guten Tag,
Geselle,« sprach er, »so hatte ich mir's ausgesonnen und so ist es
vollbracht.« Er fuhr wieder aufwärts und sah von seinem Aste zärtlich
in das gerötete Antlitz.
»Wenn ich die Wächter rufe, fangen sie dich,« murmelte Hildegard halb
bewußtlos.
»O tue es nicht,« flehte Immo, »denn bei Tag und Nacht dachte ich
daran, ob ich dich wiedersehe. Wenn die liebe Sonne nach Westen ging,
so freute ich mich, daß sie deine Wangen bescheinen würde. Oft habe ich
dir Botschaft gerufen über Berg und Tal und den Bergwind ermahnt, daß
er dir etwas von mir zutragen solle. Aber ruhelos schweift der Wind
und unsicher ist, ob er nach unseren Bitten tut. Darum kam ich lieber
selbst.«
Hildegard sah ihn furchtsam an. »In unserem Turme fand ich ein graues
Käuzlein, als es in Not war, das bewahrte ich mir gern in meinem
Gemache. Aber über Nacht hat es sich in ein Raubtier verwandelt. Ganz
anders erscheinst du mir hier als daheim in der Halle; wie ein Drache
in seinem Schuppenkleide liegst du auf dem Ast, und ich weiß nicht,
bist du noch der, an den ich dachte, oder bist du ein Fremder.«
»Aus dem Gewand des Kauzes bin ich geschlüpft und das Eisenhemd trage
ich, Hildegard, auch um deinetwillen. Wenn einmal der Spielmann vor dir
singt und du vernimmst, daß er auch meine Taten rühmt, dann sollst du
stolz sein auf deinen Gesellen.«
»O du törichter Immo,« rief das Mädchen kummervoll, »wie soll ich
mich freuen, wenn ich von den Schwertern höre, die dich bedrohen, und
bedenke, daß die Streitaxt gegen dich fliegt. Leidig ist mir der Ruhm,
den die Sänger geben, denn sie preisen am liebsten die Helden, welche
tot auf der Walstatt liegen. Ich aber dachte dich zuweilen gern an
meiner Seite, dann sangen wir zusammen und ich strafte dich, wenn du
unartig warst, indem ich dich an deinen Haaren zog.«
»Tue das jetzt,« bat Immo, neigte den Kopf wieder zu ihr herab und sah
sie bittend an. Aber der Jungfrau rannen die großen Tränen aus den
Augen, sie lehnte ihr Haupt an den Baumstamm und weinte still vor sich
hin. Immo schob sich näher, wieder legte er seinen Arm um ihren Hals
und sprach ihr leise ins Ohr: »Geliebte, dich selbst will ich gewinnen
auf der Kampfheide. Wenn ich mein Haupt stolz tragen darf, erbitte ich
dich von deinem Vater zum Gemahl.«
Hildegard blickte ihn treuherzig unter Tränen an und antwortete: »Das
weiß ich, und darum weine ich.«
Da küßte er sie wieder und sie widerstrebte ihm nicht. »Auch du bist
meinem Herzen lieb geworden,« fuhr sie, seine Hand haltend, leise
fort, »zuerst am Abend in der Halle und dann an jedem Tag und Abend
noch lieber, wenn ich in der Einsamkeit an dich dachte. Denn einsam
lebte ich im Hause unter den Buchen und nur selten vernahm ich ein
Freundeswort. Der Bruder ist unbändig, meinen Vater sah ich wenig und
er ängstigt mich durch wilde Reden und durch die Sorge, die ich um
seine Seele habe. Da, wenn ich allein saß, schaute ich dein lachendes
Antlitz vor mir und ich sprach vertraulich zu dir als zu meinem
lieben Gesellen. Und ich dachte auch an dich, wenn die Amsel in ihrem
schwarzen Kleide schlug, denn im schwarzen Schülerkleide saßest du
neben mir; und ich dachte zuweilen auch an dich, wenn ich längs dem
Weiher ging, wo die Quaker so lustig schrien. Das darf dich nicht
verdrießen,« und ein flüchtiges Lächeln zog über ihr unschuldiges
Gesicht. »Jetzt aber soll ich dein gedenken, wenn die Grauwölfe nach
Raub heulen und wenn die Geier über mir in der Luft schweben. Wie
vermag ich Gutes für dich und mich zu hoffen, da du das Glück erst vom
Schlachtfelde holen willst. Immo,« rief sie angstvoll, »wenn du auf die
Kampfheide ziehst, so weiß ich nicht mehr, ob du an der Seite meines
Vaters kämpfen wirst oder gegen ihn; denn der Vater« -- sie hielt inne
und legte ihre Wange auf seine Hand.
»Ich weiß, was mir deine Lippe verbirgt,« antwortete Immo, »ich aber
gehe zum Könige, denn ich höre, er ist in der Not.« Da drückte sie
krampfhaft seine Hand und weinte wieder darauf. »Leidvoll ist für uns
beide, Hildegard, daß ich zum König halte, obwohl dein Vater ihn meiden
wird?«
Die Jungfrau sah ihn mit großen Augen an. »Du wirst tun, was dir dein
redliches Herz gebietet. Wenn ich auch traure, denke nicht, daß ich
dich bei dem Vater festhalten will.«
»So spricht mein guter Geselle,« rief Immo froh und neigte das Haupt
wieder zu ihr herab. »Den hohen Engeln vertraue ich, deren Segen du mir
gesendet hast, daß sie uns beide wieder zueinander führen. Dich aber
flehe ich an, wenn ein fahrender Spielmann vor dir singt, so wende dich
nicht ab, wie die Klosterfrauen zuweilen tun, sondern spende ihm etwas
und sprich dabei die Worte: »auch für dich fliegt ein Engel,« dann
freut er sich und sagt dir vielleicht Kunde von mir. Und hast du eine
Botschaft für mich, so gib sie mit denselben Worten einem Fahrenden,
daß er sie ins Lager des Königs zu seinem Gesellen Wizzelin trage.
Diesen kenne ich als einen treuen Mann, obgleich er ohne Ehre lebt. Das
versprich, Geliebte, mir aber gib den Scheidegruß.«
Die Jungfrau hob sich zu ihm empor und hielt ihre Hand über sein Haupt:
»Du denke mein, wenn du allein bist und zuweilen auch unter den wilden
Helden, und vor allem im Abendlicht, wenn du die grünen Blätter über
dir siehst, wie jetzt, und immer -- und immer.« Sie warf die Hände um
seinen Hals und küßte ihn herzlich. Er aber hielt sie fest; und das
Geschwirr der Grillen übertönte leise Worte, Seufzer und Küsse der
Liebenden.
Noch einmal umschlang sein Arm die Weinende, dann verschwand er im
grünen Laubdach. Hildegard saß wieder auf dem Stein und lauschte; die
Zweige rauschten und knickten hinter ihr, dann wurde es still. Noch
immer malte die Abendsonne das Baumlaub mit rötlichem Gold, die Grillen
und Vögel im Wipfel schwirrten und schrien und die blauen Glockenblumen
standen so lustig wie vorher. Aber das Mädchen sah ernsthaft in eine
fremde Welt, das Kind war unter der Sommerlinde zur Braut geworden.
* * * * *
Auf einem Hügel im bayrischen Frankenlande, der weite Aussicht bot,
saß zwei Tage später ein fremder Krieger am Zaun eines einsamen
Bauernhofes. Er trug die gewöhnliche Rüstung eines Reisigen, hatte
den Helm neben sich auf die Bank gelegt, schnitt mit seinem Dolch in
ein großes Schwarzbrot und verzehrte behaglich die Bissen. Daß der
Kriegsmann einen Wachtposten befehligte, war leicht zu erkennen.
Denn aus dem Hofe vernahm man das Schnauben und den Hufschlag von
Pferden, welche dort geborgen waren; zur Seite hielt in Entfernung
eines Pfeilschusses ein gepanzerter Reiter auf schwerem Kriegsroß,
unbeweglich das Antlitz nach Norden gewandt, und weiter vorwärts
standen im Halbkreise hinter Büschen und am Rande der nächsten Höhen
berittene Späher; wo den Rossen auf der Höhe die Deckung fehlte, waren
sie in Senkungen des Bodens zurückgeführt, während ihre Reiter hinter
Steinen oder im Grase versteckt lagen. Auch der Befehlende auf der Bank
unterbrach zuweilen seine Mahlzeit, um in die Ferne zu schauen. Als
einige Reiter heransprengten, erhob er sich ungeduldig. »Wen bringst du
dort wider seinen Willen heran, Bernhard?« rief er dem Führer zu, als
dieser am Fuß des Hügels hielt.
»Es sind zwei wilde Knaben. Der eine gibt vor, das Lager zu suchen.
Bote nennt er sich mit einem Brief an den Kanzler.«
Der Kriegsmann winkte, Immo wurde zu Fuß durch zwei Bewaffnete den
Hügel heraufgeführt. »Wer sendet dich mit dem Briefe?« frug der
Gebietende, den Jüngling mit scharfem Blick musternd.
»Frage den Kanzler, wenn du das wissen willst,« versetzte Immo. »In
meiner Heimat lobt man den Boten nicht, der gegen Fremde von seiner
Sendung schwatzt.«
»Wo ist deine Heimat?«
»Ein Thüring bin ich, und freundlichen Gruß habe ich von den Mannen
König Heinrichs gehofft, denn Schwertgenosse will ich ihnen werden
gegen den Markgrafen.«
»Schlägt dein Arm so scharf als deine Zunge behende ist, so mag der
König dich wohl gebrauchen,« versetzte der andere gleichgültig, »doch
damit wir sehen, ob du die Wahrheit sprichst, so weise uns den Brief.«
»Das denke ich nicht zu tun,« entgegnete Immo unwillig, »mein Auftrag
lautet, den Brief dem Kanzler in seine eigene Hand zu geben; dich aber
ersuche ich um Geleit, damit ich ihn finde.«
»Ich will den Brief sehen,« wiederholte der Kriegsmann seinem Wächter.
Dieser winkte den Kriegern und faßte den Arm Immos, aber der Starke
entwand sich ihm, sprang zur Seite und zog sein Schwert. »Wer mir das
Pergament entreißt, den mache ich zum toten Mann,« rief er zornig.