»Du weilst ungern im Kloster, mir aber wurde das Scheiden bitter,«

begann Hildegard zutraulicher, »denn selig waren die Tage meiner

Jugend unter den frommen Frauen, und wilde Reden höre ich hier unter

den Männern.«

»Manches Vöglein, das aus dem Bauer kam, duckt sich furchtsam auf dem

Aste, zuletzt lernt es doch unter dem blauen Himmel fliegen,« tröstete

Immo.

»Als mir die Mutter starb, fand ich unter den frommen Frauen getreue

Pflege.«

»Waren sie streng in der Schule?« frug Immo teilnehmend.

»Am Vormittag durften wir nur lateinisch reden,« erklärte Hildegard,

»und wir lasen im St. Augustinus und die Verse im Virgilius:

~Conticuere omnes~.«

»~Infandum regina jubes renovare dolorem~,« rief Immo, »manchmal hat

mir der Heide den Kopf heiß gemacht,« und beide lachten vergnügt

einander an.

»Auch andere Kunst lernten wir,« fuhr Hildegard mutig fort, »denn im

Schreiben war Mutter Mechthild sehr geschickt und sie vergönnte mir,

daß ich die Hymnen für mich schrieb. Ich habe auch das Buch genäht,

ich habe es auch selbst in Holz gebunden und der Schmied hat acht

Edelsteine in die Ecken gesetzt.«

»Diese Kunst vermag ich nicht zu üben,« versetzte Immo.

»Auch mit der Nadel lernten wir Bilder sticken aus Purpur und bunten

Seidenfäden. Sogar Goldfäden für die Kunstreichen fehlten selten im

Kloster. Sieh her, das habe ich mir selbst gestickt,« und sie wies ihm

die Verzierungen am Ärmel ihres Gewandes.

Immo sah bewundernd darauf. »Dir ist es besser gelungen als mir. Aber

beide sind wir Waisen, ich kam in das Kloster, weil mir der Vater

starb, jetzt fürchte ich, daß bald einmal die Schere knipst, um mir das

Haar zu scheren.«

»Du meinst wohl, es sei schade um deine Locken,« spottete Hildegard,

aber sie sah doch teilnehmend auf sein Haar, welches im Lichte glänzte

und länger herabhing, als strenge Klosterzucht sonst den Schülern

gestattete. »Wenn der Mutter Mechthild einmal die Goldfäden fehlen, so

kann sie deinen Haarschopf dazu verspinnen.«

»Lieber wäre mir, wenn dir gefiele, für mich einen Goldfaden aus deinem

Gewande zu ziehen. Hier ist mein Finger, binde ihn mit deinem zusammen,

da du doch heut mein Geselle bist. Denn wisse, das ist Brauch in der

Welt.«

»Das ist übler Brauch,« versetzte das Mädchen errötend, »ich vermöchte

dich doch nicht bei mir festzuhalten. Auch habe ich vernommen, daß

treue Gesellen solche Gewohnheit haben, sie sitzen beieinander auf

demselben Zweige und singen dieselben Lieder. Deine Weise aber ist, wie

ich merke, sehr ungleich der meinen.« Sie neigte das Haupt ein wenig

auf die Seite und lud ihn durch einen lustigen Blick zum Wortkampf ein.

»Mir gefällt's, wenn das Glöcklein im Kloster klingt, dann singen wir

fromme Hymnen.«

»Mir aber gefällt's, wenn das Waldhorn tönt,« antwortete Immo ebenso,

»dann bellen die Hunde, dann springen die Hirsche und lustig reitet der

Jäger im wilden Wald. Was sagst du dazu, mein Geselle?«

»In deinem grünen Wald heult der Wolf und haust der wilde Bär,

im Kloster aber ziehen wir mit Kreuz und Fahne und danken dem

Himmelsherrn.«

»Mühselig ist es, immer den Kopf zu neigen und mit langsamem Fuße zu

schleichen. Ich lobe mir den grünen Anger und bunten Klee, dort werfen

die Knaben und Mädchen den Ball und springen den Reigen. Wie gefällt

dir das, mein Geselle?«

»Beim wilden Reigen sah ich die Knaben das Messer ziehen und blutige

Streiche störten den Tanz; ich lobe mir, wenn das junge Geschlecht im

Kreise sitzt und die Vorleserin Gutes aus den Büchern verkündet.«

»Leicht kommt der Schlaf, wenn man tatlos kauert. Viel lieber schwinge

ich selbst den Speer und das Schwert und reite im Eisenhemd über die

Heide. Was sagst du dazu, mein Geselle?«

»Ein Kriegsmann willst du werden,« rief das Mädchen erschrocken, »sie

werden dich töten,« und sie vergaß das Redespiel.

»Wenn sie das vermögen; ich aber will sorgen, daß es ihnen nicht

gelinge.«

Die Jungfrau sah scheu aus ihren großen Augen auf den Nachbar. Daß er

nicht geistlich werden wollte, störte ihr die Sicherheit, sie schob ihr

Gewand zusammen und schwieg.

Immo achtete in seinem Übermut nicht auf ihre Bewegung und rief: »Mir

ist heut manches schlecht gelungen, die Schwertleute haben sich an mich

gehängt und mich hart geschnürt, und ich weiß nicht, was mir dein Vater

ersinnen wird. Dennoch bin ich froher als je in meinem Leben und ich

könnte auf meinem Stuhl hüpfen. Ich fühle auch gegen niemanden Groll

und es ist mir ganz lieb, daß sie mich gefangen haben. Ich weiß nicht,

woher das kommt, wenn mir nicht darum so wohl ist, weil ich neben dir

sitze und mit dir aus einem Becher trinke. Wonnig ist mir zumute und

ich möchte wohl einmal aus Herzensgrund aufjauchzen oder auch singen.

Aber mein Gesang würde nicht jedermann freuen, denn meine Stimme ist

rauh. Noch anderes Recht habe ich als dein Geselle, und auch das sollst

du wissen. Denn küssen darf ich dich, wenn ich will.«

Hildegard erschrak und wandte sich ab. »Hüte dich, daß der Vater das

nicht hört, schnell würde dein Ehrensitz dir genommen werden.«

»Um den Vater sorge ich nicht, nur um deinen Zorn,« versetzte Immo

übermütig, »und daß ich dich vor den Kriegsleuten nicht beschäme. Aber

wenn ich dich einmal allein wiedersehe, dann bestehe ich auf meinem

Recht. Mögen die guten Engel fügen, daß dies bald geschehe.« Und er

sang halblaut die Worte des Hymnus: »~Audi, benigne, Conditor, nostras

preces cum fletibus~.«

Das Mädchen nahm die Weise auf und sang halblaut andere Zeilen des

Liedes entgegen; »~dona, per abstinentiam jejunet ut mens sobria~[1].

Flehe zu den Heiligen, daß du nüchtern wirst, denn wie ich höre, redest

du gleich einem Berauschten.«

»Wie du geschickt zu entgegnen weißt,« rief Immo begeistert, »du bist

ein sinnvolles Weib, wenn du mich auch verhöhnst.«

Der Graf hatte unterdes mit seinen Mannen emsig dem Wildbret und

starkem Bier zugesprochen und nur einzelne Reden mit den Vertrauten,

welche ihm zunächst saßen, gewechselt, jetzt lehnte er sich zufrieden

auf dem Stuhle zurück und hörte die lateinischen Worte des Hymnus,

welche seine Tochter sprach. »Merkt auf unsere Klosterleute,« rief er,

»sie summen nach Art der Mönche mit geneigten Köpfen,« und da er im

geheimen stolz auf das Wissen seiner Tochter war, fuhr er fort: »Fremde

Worte sprechen mag jeder, aber das Gesprochene verstehen ist schwerer.

Vermagst du einzusehen, Immo, was das Mädchen zu dir gesungen hat?«

»Ja, Herr,« versetzte Immo, »sie mahnt mich mäßig zu sein, damit euer

Trank mir nicht das Hirn betäube.«

»Allzu streng ist Hildegard,« lachte der Graf, »dir soll auch

einmal etwas Gutes gegönnt sein. Obwohl ich erkenne, daß es dir an

Dreistigkeit nicht fehlt, du junger Zaunkönig. Denn Zaunkönige nennt ja

wohl das Volk die Männer deines Geschlechtes.«

Immo bezwang mit Mühe den aufsteigenden Zorn. »Weil meine Vorväter als

alte Landherren auf freiem Erbe saßen, deshalb haben die Mönche ihnen

im Scherz den Namen Reguli, kleine Könige, gegeben.«

Da rührte sich auch Egbert, ein unfreier Dienstmann des Grafen, welcher

stattlich in rotem Gewande dasaß, weil er der Sprecher war und ein

Liebling seines Herrn, und rief spottend in den Saal: »Eine Sage weiß

ich. Als die Vögel den Genossen zum König wählen wollten, der sich am

höchsten schwingen würde, barg sich ein Zwerg von Vogel in den Federn

des Adlers und ließ sich hinauftragen bis dahin, wo er den Weltenherrn

auf seinem Stuhle sah, dort flatterte er über das Haupt des Adlers und

piepte: König bin ich. Da lachte oben der alte Gott in seiner Halle und

unten schrien die Vögel im Zorn, bis der Herr des Erdgartens gebot, daß

der Betrüger seine Krone nur heimlich in den Waldhecken tragen dürfe,

wo ihm niemand zusieht. Darum heißt auch ihr Zaunkönige, weil eure

Herrlichkeit im Busch versteckt ist.«

Immo erhob sich im hellen Zorn und rief: »Nicht dem Diener antworte

ich, sondern dem Herrn. Ihr selbst habt es ja wohl erfahren, Graf

Gerhard, daß die Helden meines Geschlechtes ihr Haupt nicht in der

Waldhecke bergen. Nie hat einer von meinen Ahnen sein Land vom König

oder von der Kirche zu Lehen genommen, wie die erbelosen Franken und

Sachsen, welche von der Dienerbank in das Land kamen, um bei uns Grafen

zu werden. Manchen weiß ich, der sich jetzt rühmt, ein Edler zu sein,

weil er als Diener eines Königs mit großem Gefolge reitet, obgleich

seine Vorfahren aus der Küche und aus dem Stall geschlüpft sind.«

Mißtönender Lärm erhob sich an den Bänken und die Hand des Grafen

Gerhard griff nach dem Messer, das er an seiner Seite trug, der

Jüngling aber sah mit blitzenden Augen über die Versammlung, stattlich

stand er da trotz seinem Schülerkleide und rief laut in das Getöse:

»Zürnt mir nicht, starke Helden, daß ich als ein unberühmter Jüngling

vor euch meine Stimme erhebe. Aber keiner unter euch würde schweigend

zuhören, wenn man seinem Geschlecht durch stechende Worte die Ehre

mindert. Auch zu euch, Graf Gerhard, flehe ich, daß ihr ohne Kränkung

vernehmt, was ich nur zur Abwehr sprach. Heil trinke ich euch und euren

Kindern und Dank sage ich euch, wie dem Gaste gebührt.« Er leerte den

Becher und setzte sich.

Der Graf barg seinen Groll hinter gezwungenem Lachen. »Ich höre, du

hast unter den Mönchen gelernt, mit zwei Zungen zu reden.«

»Überall rühmen die Leute,« versetzte Immo, »daß die Zunge eine gute

Waffe ist und wir Schüler haben, wie ihr wißt, vor andern darin Ruf.«

»Oft haben auch wir erfahren, wie scharf die Zunge der Mönche

schneidet,« entgegnete der Graf, »vor andern aber bei den Mönchen des

Wigbert, und wir alle wissen, daß ihr dort sehr ungeistlich lebet und

der Gebete für arme Seelen wenig gedenkt. Auch von dir selbst, Immo,

erinnere ich mich gehört zu haben, daß du wild in dem Kloster hausest

und sogar den Mönchen üble Streiche spielst. Soll deine Rede mir

besser gefallen als seither, so berichte ein wenig von deinem Streit

mit den Geschorenen.«

»Verzeiht, Herr,« versetzte Immo ernsthaft, »die Rinder kämpfen oft mit

ihren Hörnern gegeneinander, wenn aber der Bär naht, dann schließen sie

sich einmütig zusammen und weisen ihm die bewehrte Stirn; so wäre auch

mir Unrecht, an fremdem Tisch von den Vätern Übles zu berichten, denn

als ein Kind des heiligen Wigbert hast du mich ergriffen.«

»Du sorgst schlecht für dein Wohl,« rief der Graf zornig, »wenn du

dein Kloster in dieser Halle rühmst. Denn undankbar und treulos haben

Wigberts Mönche an mir und meinem Geschlecht gehandelt. Oft habe ich

mich enthalten, ihnen Übles zu tun, wo ich es doch vermocht hätte,

und mühsam habe ich den Zorn meiner Mannen gebändigt, wenn sie die

Rinder des Klosters begehrten und den Übermut eurer Dorfleute ansahen.

Auch wegen der Wiesen und Fluren, von denen ich heut den geschorenen

Schwarm vertrieben habe, ertrug ich schon lange das Unrecht. Denn

meinem Vater gehörte der ganze Grund und er hat ihn, wie die Mönche

behaupten, dem Kloster zugeschrieben, da ich noch jung war, unter der

Bedingung nämlich, daß sie seine arme Seele von dem Höllenfeuer frei

beten sollten. Dies aber haben sie uns zum Unheil und zur Schmach

versäumt. Und ihr alle sollt es wissen, was mir begegnet ist, damit ihr

mein Recht gegen die Wigbertleute erkennt. Jämmerlich war das Gesicht,

welches ich neulich hatte, da ich auf meinem Bette lag.« Er bekreuzte

sich heftig und fuhr fort: »Ich sah im Traum eine unselige Gestalt von

Flammen umgeben und mit glühenden Ketten an den Beinen gefesselt und

ich erkannte, daß sie so gestaltet war wie mein Vater, da er lebte.

Der traurige Geist wies auf den Grenzhügel, welchen die Mönche nach

der Schenkung neu geschüttet haben, und seufzte: mein war es und dein

soll es wieder sein. Mir fuhr das Entsetzen durch den Leib, bis die

Gestalt verschwand. Daraus erkannte ich deutlich, daß die Geschorenen

als Lügner an meinem Vater gehandelt haben oder auch, daß ihr Gebet

ganz unwirksam geworden ist, weil sie in Weltsünden leben; und darum

beschloß ich, mein Eigentum wieder zurückzufordern. Vermag Wiese und

Feld nicht meinem Ahn einen guten Sitz in der Himmelsburg zu erwerben,

so soll dasselbe Land doch solchen, die mir treu sind, einen warmen

Sitz auf Erden bereiten; denn es wird dazu helfen, zwei bis drei

Kriegsleute mit ihren Rossen zu erhalten, wenn ich es ihnen als Lehn

zuteile.«

Ein freudiges Geschrei ging um die Tische und laute Heilrufe erklangen

dem Sprecher. Der Graf tat einen herzhaften Trank und sah zufrieden

über seine Bewaffneten. »Dies sage ich in deiner Gegenwart, Immo. Denn

obgleich du dich heut trotzig an meinem Tische gebärdest, so will ich

dich doch morgen zu deinem Abt entsenden, damit du ihm meine Beschwerde

verkündest. Ich wähle aber dich, weil ich merke, daß du recht gut

verstehst, deine Worte zu setzen und weil ich dich als nutzlosen

Schüler nicht im Kerker bewahren mag. Die Geschorenen, welche mein

Gesinde fing, habe ich entlassen, damit sie nicht als Gefangene in

meinen Mauern Unheil herabbeten, die Klosterknechte aber halte ich in

Banden, bis dein Abt sie auslöst oder sich mit mir wegen der Wiesen

verträgt. Und ich fordere, daß er sich mit der Lösung beeile, wenn

er sie lebend wiedersehen will, da ich sie nicht lange zu füttern

gedenke. Den Hugbald aber bewahre ich zu anderm Tausch. Denn zwei

meiner Knechte, sattelfeste Knaben, liegen auf der Burg des Abtes

verstrickt, weil sie neulich auf meinen Stuten beim Roßgehege des

Abtes vorbeiritten. Da brachen die jungen Hengste des Herrn Bernheri

aus und jagten eigenwillig hinter den Stuten her, und als meine Knaben

den Füllen die Leine umwarfen, nur damit sich diese nicht in den Wald

unter die Wölfe versprengten, da kamen Dienstmannen des Klosters herzu,

schrien meine Leute trotz ihrer guten Meinung als Roßdiebe an, rissen

sie von den Pferden und führten sie samt den Stuten nach dem Berg des

Abtes. Mich aber kränkt dies Unrecht sehr und ich fordere meine Knaben

und Pferde gegen den Hugbald und sein Pferd; das magst du deinem Herrn

verkünden.«

Immo hörte erstaunt die Rede des Wirtes, ihm fiel schwer aufs Herz, daß

auch sein Geschlecht dem Kloster wertvolle Hufen verkauft hatte und er

fühlte nicht den Drang, die Mönche zu verteidigen. Er sah nach Hugbald,

welcher mürrisch hinter seinem Becher saß, und begnügte sich, trotz der

Freude über seine nahe Befreiung ruhig zu sagen: »Alles, was ihr mir

auftragt, werde ich dem Herrn Abt berichten, auch euer Traumgesicht,

wenn ihr das begehrt.«

Als er aber seitwärts nach Hildegard blickte, war ihr Antlitz gerötet

und große Tränen rannen aus ihren gesenkten Augenlidern herab. Da

erkannte er, daß die Jungfrau bitteres Leid über die Reden ihres Vaters

empfand und sie wurde ihm dadurch noch lieber. Sie aber vermied ihn

anzusehen, stand schweigend auf, hob den Bruder von seinem Sitz und

erbat leise vom Grafen die Entlassung, der ihr gleichgültig durch

eine Handbewegung gestattete aus der Halle zu scheiden. Und zu der

Bank seiner Mannen gewandt, rief er: »Führt auch die Verstrickten in

ihre Zelle zurück, wenn sie nüchtern abwärts steigen, so ist es ihre

Schuld.«

»Lebe wohl, Hildegard,« sprach Immo leise und faßte heftig ihre Hand.

»Denke mein, lieber als alles auf der Welt wird mir sein, wenn ich dich

wiedersehe.«

»Sei auch du gesegnet,« antwortete Hildegard und neigte sich vor dem

Vater. Immo freute sich, daß sie die Mannen stolz als Herrin grüßte;

die kleine Tür öffnete sich und sie verschwand. Jetzt brannten die

Fackeln dem Jüngling trübe, die wilden Mienen der Männer erschienen ihm

unheimlich, und er folgte mit stummem Gruß dem Kämmerer. »Sorge dafür,

daß die beiden Klosterkrähen einen besonderen Käfig erhalten und Stroh

zu warmem Sitze,« rief der Graf unter dem Gelächter der Reisigen dem

Kämmerer nach.

Während Hugbald schweigend auf der Streu lag, bis er im Schlafe

seines Kummers ledig wurde, saß Immo neben ihm in seligen Gedanken,

er überlegte jedes Wort und jede Miene der Jungfrau, spät sank er in

Schlummer.

Am nächsten Morgen wurde er in den Hof geführt und vernahm noch wie

im Traume ungnädige Entlassung und harte Worte aus dem Munde des

Grafen. Als er aber auf das Pferd steigen wollte, das ihm ein Reisiger

zuführte, ging eine junge Magd aus dem Frauengemach bei ihm vorüber,

legte ihm verstohlen etwas in die Hand und sagte leise: »Nimm zurück,

was dir gehört.« In ein großes Lindenblatt war ein Blättchen Pergament

gewickelt, auf dem Pergament stand mit schöner Schrift der Reisegruß:

»Die lieben Engelein sollen dich hüten und segnen auf allen deinen

Wegen;« rings um die Schrift war mit der Nadel ein Goldfaden durch das

Pergament gezogen. Er drückte das Blatt an seine Brust und barg es in

seinem Gewande.

Immo ritt aus den Buchen, von einem Reisigen des Grafen bis an die

Grenze begleitet. Er fand das Tor St. Peters geschlossen, die Brücke

gehoben, wurde von Bewaffneten angerufen und mußte längere Zeit harren,

bevor ihm der Eingang gestattet wurde. Herr Bernheri, welcher im

Klosterhofe vor seinen Dienstmannen saß, vernahm unwirsch die Botschaft

des Grafen und entsandte den Boten mit dem Mönch Eggo sogleich zur

Fulda hinab in das Kloster. Auch das Kloster war in ein Kriegslager

verwandelt, am Eingang des Dorfes standen die Weiber in Haufen, sie

schrien dem Kommenden entgegen, umringten sein Roß und forderten Kunde

von den Gefangenen. In dem Hofe der Reisigen drängten sich Kriegsleute

und Knechte, das Rüsthaus war geöffnet und die Knechte trugen

Eisenhemden und Waffen zu langen Reihen. In den Arbeitshöfen schwärmten

die Brüder, aus der Klausur entlassen, aufgeregt durcheinander; bei

der Mauer und dem Pfahlwerk zimmerten Arbeiter an den Treppen und

Bänken für die Bogenschützen, und im Vorhof der Kirche stand Tutilo,

ein Schwert über der Kutte, als Hauptmann der großen Burg, welche zur

Verteidigung gerüstet wurde. Unfreundlich sah er auf Immo: »Hugbald

liegt gefangen. Leichter hätte das Kloster dich entbehrt als seinen

Dienstmann.«

»Nicht mein ist die Schuld,« versetzte Immo, »daß Hugbald gegen die

Feinde keine andere Hilfe fand als meinen Stab.«

Finster wies ihn Tutilo mit einer Handbewegung zur Seite, Immo aber

eilte zu seinen Genossen, welche vor allem froh waren, daß sie heut

nicht durch den neuen Lehrer in die Schule gerufen wurden. Von ihnen

umdrängt, berichtete Immo seine Fahrt und führte die Willigen vor das

Rüsthaus, wo die Älteren gewappnet wurden, um mit den Knechten die

Mauer und die Umgegend des Klosters zu bewachen. Eggo aber verkündete

den Mönchen, daß Herr Bernheri am nächsten Morgen herabkommen werde,

um die Brüder im großen Konvent zu versammeln. Mit düsteren Mienen

vernahmen die meisten die Botschaft.

Der ganze Tag verging im Getümmel; trotz der Nachricht, welche Immo

gebracht hatte, sorgten die Mönche, daß der Graf einen Anlauf gegen

das Kloster wagen oder daß seine Dienstmannen in Herden und Dörfer

einbrechen würden. Bis zum Abend kamen von allen Seiten Flüchtlinge

mit ihrer wertvollsten Habe, auch das Herdenvieh wurde herangetrieben

von Anger und Weide, zuletzt kam noch der Sauhirt mit seiner Herde und

die Brüder hatten Not, die Menge der Menschen und Tiere in den Höfen

zu bergen. Als die Sonne unterging, war in dem Kloster, das sonst am

Feierabend so still in der Landschaft stand, ein wirres Getöse und

Geschrei, die Rinder brüllten, die Schweine grunzten, die Schmiede

schlugen auf die Speereisen und die Zimmerleute hieben Balken und

Bretter für die Verschanzung.

3.

Der letzte Tag im Kloster.

Im Chor der Kirche sammelte sich der Konvent; hastiger als sonst

drängten die Brüder herzu, heiß die Köpfe, gefurcht die Stirnen; und

ein Summen, das nichts Gutes bedeutete, ging durch die Gemeinde. Als

Herr Bernheri mit seinen Begleitern in den Chor trat, blieben die

Nacken der Mönche steif und aus dem Summen wurde ein mißtönendes

Geschrei. Der Abt stand einen Augenblick überrascht bei seinem Sitz

und sah auf mehr als hundertundzwanzig Häupter seiner aufsässigen

Kinder, aber da er von Natur ein mutiger Mann war, wenn auch ermüdet

durch Müßiggang und Wohlleben, so zog er seine Augenbrauen zusammen,

blickte aus seinem großen Haupt herausfordernd über den Haufen und

setzte sich steif in den Abtstuhl. Die Hora begann und der Abt selbst

erhob die Stimme: »~Deus in adjutorium~«, aber unordentlich tönte der

Gesang der Brüder und der Lektor eilte so sehr er konnte, versprach

sich und mengte die Zeilen. Als die letzten Klänge verrauscht waren,

begann wieder das unzufriedene Brummen. Da erhob sich Herr Bernheri von

seinem Stuhl und stand auf seinen Krückstock gelehnt gewichtig vor den

Brüdern. Er eröffnete den Konvent durch den lateinischen Gruß und fuhr

mit lauter Stimme fort: »Mein ist das Recht zu befehlen und euer die

Pflicht zu gehorchen. Dennoch habe ich heut, wie die Regel erlaubt,

die ganze Gemeinde zur Beratung versammelt; sorgt dafür, daß es mir

nicht leid tue und daß es euch bei den Heiligen nicht zum Schaden

gereiche, wenn ihr mir unbändig widersteht. Gutes und Übles habe ich

euch zu verkünden. Das Gute ist von unserm Herrn, dem König Heinrich

gekommen, denn er hat uns den großen Bannwald bei St. Peter, den wir

uns längst ersehnt, mildtätig geschenkt.« Der Abt hielt an, aber

keinerlei Beifall dankte für die Begabung, und der Abt setzte die Rede

unzufrieden fort: »Das Üble aber kommt von dem Grafen Gerhard. Sehr

gröblich hat dieser das Kloster geschädigt, durch den Schüler Immo hat

er unpassende Worte hierher gesandt, nämlich, daß er ein Recht auf die

Waldwiesen erhalten habe, weil sein Vater im Höllenfeuer stöhne.«

Aufs neue erhob der Konvent zorniges Gebrumm; Herr Bernheri schwenkte

die Hand verächtlich gegen die Worte des Grafen: »Ich kenne seit

lange den argen Wicht Gerhard und seine Gewohnheiten. Immer hat er

üble Traumgesichte, wenn er den Frieden brechen will. Schon vor

vielen Jahren träumte ihm etwas wegen unserer Hirschjagd, die er sich

begehrte; er würde alle seine Väter und Mütter auf die heißeste Bank

der Hölle setzen, wenn er dadurch für sich einen weltlichen Vorteil

erreichen könnte. So viel gebe ich auf seine Träume,« -- er blies

kräftig den Atem in die Luft. »Ich aber fürchte sehr, er selbst wird

dafür in den Höllenrachen geworfen werden, obwohl er zuweilen beim

Weidwerk und bei einem starken Trunk nicht schlechter war als andere.

Denn wenige kenne ich unter den weltlichen Fürsten und Herren, die

nicht ebenso raubgierig sind. Alle trachten darnach, viele Dienstmannen

mit Lehen zu begaben, damit diese ihnen bei ihren Fehden die reisigen

Knechte zuführen. Die Dienstmannen greifen das Kleine im Wald und

auf der Straße und ihre Herren das Große vom Könige und der Kirche;

zum Kriege sind sie nötig, aber den Frieden vermögen sie schwer zu

bewahren, wenn nicht ein starker Herr sie zur Ruhe zwingt.«

Der Abt holte Atem und aufs neue tönte das dumpfe Brausen der Menge,

doch war es weniger feindselig. Und Herr Bernheri hob wiederum an:

»Gekränkt bin ich wie ihr alle, und wären meine Beine gesund und mein

Sinn weniger gewitzigt, so würde ich vielleicht selbst den Streithengst

besteigen; so aber mahnt mich die Erfahrung vieler Jahre und meine

eigene Krankheit zur Vorsicht. Zuerst will ich euch verkünden, was

unfehlbar geschehen wird, wenn wir gegen den Grafen rüsten. Dorfhäuser

werden brennen und Männer erschlagen werden und das Ende wird sein,

daß er außer dem Raub, den er jetzt gepackt hat, sich noch größeren

fordert wegen der Mühe und Kosten seiner Rüstung, und daß er uns mehr

schädigt als wir ihn, denn das Kloster bedarf zum Gedeihen den Frieden,

er aber den Krieg, und er vermag uns von unsern Gütern in Thüringen

zu scheiden. Vor dem König aber wird er recht behalten und nicht wir,

denn schwerlich hätte er seinen Vater in der Hölle geschaut, wenn er

nicht wüßte, daß der König ihm bei den Wiesen gegen das Kloster helfen

will. Darum, wie sehr ich den Grimm über seine Missetat fühle, bin ich

dennoch gewillt, ihm diesmal ein wenig nachzugeben, vielleicht, daß

er sich begnügt das Land nur auf seine Lebenszeit zu behalten und bei

seinem Tode dem Kloster zurückzugeben. Dies ist die Hoffnung, welche

uns bleibt, denn er ist ein angefressener Stamm und mancher Wurm nagt

in seinem Holze, auch ihn ängstigen zuweilen seine Missetaten jetzt

und noch mehr in der Zukunft.«

Unter hellem Geschrei der Mönche sprang Tutilo auf und rief dem Abt

mit harter Stimme entgegen: »Jetzt erkennen die Brüder alle, in

welchem Sinne du die Worte des Gebetes gerufen hast: ›Erlaß uns unsere

Verpflichtung, wie auch wir sie erlassen unsern Verpflichteten,‹ du

selbst hoffst, daß du für dein eigenes Unrecht ein mildes Urteil

empfangen wirst, weil du andere Verbrecher straflos dahin ziehen läßt.

Aber du sollst auch verstehen, was die Brüder gemeint haben, als sie

laut riefen: ›Befreie uns von dem Argen,‹ denn damit meinten sie nicht

den Grafen Gerhard allein, sondern noch jemanden. Niemals hätte der

Graf gewagt, Klostergut anzugreifen, wenn er nicht wüßte, daß solche,

die zu Wächtern des Klosters gesetzt sind, selbst eigennützig mit

dem Gut der Kirche schalten. Oft hast du das bewiesen; unter anderm

auch neulich, als der fremde Händler starb, den wir in seiner letzten

Krankheit ein Jahr lang gepflegt hatten. Denn bei seinem Tode verließ

er dem heiligen Wigbert ein Kästchen mit edlen Steinen, die er aus

Welschland gebracht hatte, und wir hofften, daß die Steine den Altären

ein Schmuck werden sollten und außerdem vielleicht einmal jährlich den

Brüdern ein frohes Liebesmahl verschaffen. Du aber hast die Steine an

dich genommen und durch den Schmied in Becher schlagen lassen, die du

selbst gebrauchen wirst oder auch ein anderer, wie es dir gefällt.

Nicht als ein Vater, sondern als ein Tyrann herrschest du über die

Gemeinde. Deinen Günstlingen gestattest du jede Unbill und dagegen

versagst du den Brüdern auch die erlaubte Erquickung. So tatest du

neulich, da du ein Verbot erließest, welches ich lächerlich und

kindisch schelte, daß nämlich der Koch an den Fasttagen den Brüdern

niemals Lebkuchen backen soll. Diese Speise war vielen eine heilsame

Ergötzlichkeit, worauf sie sich durch die Woche freuten. Du aber hast

dies aus Bosheit verwehrt, weil es ihnen lieb war. Antworte, wenn du

vermagst, zuerst wegen der kleinen Dinge, denn noch weiteres haben wir

über dich zu klagen.«

Dieser Angriff wurde durch starkes Gebrumm der Brüder bekräftigt. Da

ihnen manche Speise versagt war, so hatte das Erlaubte für die meisten

um so größeren Wert und sie dachten und murmelten viel über Trunk und

Kost. Und Tutilo wußte, daß sie wegen dem entzogenen Gebäck ihrem Abte

stärker zürnten als wegen Ärgerem.

Das Gesicht des Abtes rötete sich bei der Beschuldigung und er rief:

»Schweig mit deinen ungebührlichen Reden, sowohl aus Scham vor mir, als

aus Furcht vor den Heiligen. Ganz ungehörig ist, was du an geweihter

Stätte über das Pfeffergebäck vorbringst. Denn jeder Verständige wird

mir recht geben, daß der Pfeffer, welchen sie hineintun, für Mönche

allzu hitzig ist, und weil sie die Speise stark mit Honig würzen,

schmeckt ihnen nachher jeder Wein sauer und sie ziehen bei ihrem Trunk

ärgerliche Gesichter. Was aber den Schatz betrifft, so habe ich allein

das Recht zu erwägen, wie er dem Kloster den größten Vorteil bringt.

Die Becher habe ich zum Geschenk bestimmt für solche, an deren gutem

Willen das Heil des Klosters hängt, und ich selbst traure, daß es nötig

ist, durch Gaben zu sühnen, was deine Untreue verbrochen hat. Denn mit

Empörern verhandelst du, und du verleitest die Brüder zur Untreue gegen

Herrn Heinrich, unsern König. Aber allzulange habe ich die Tücke deines

Wesens ertragen, und ich bin entschlossen, mit dir zu verfahren, wie

unser Vater, der heilige Benedikt, gebietet, wenn ein Präpositus von

dem bösen Geiste des Hochmuts aufgeblasen wird. Mehr als viermal habe

ich dich mit Worten gemahnt, jetzt naht der Tag deiner Strafe; fügen

sollst du dich, oder du wirst aus dem Kloster geworfen zu einer Warnung

für die andern. Die Pforte sperre ich dir auf, du magst auslaufen,

wohin du willst, und die Toren, welche dir anhängen, mit dir.«

Da erhob sich der Konvent in wilder Bewegung, die Bande der Zucht

zerrissen in der Wut, welche die Seelen erfüllte. Dicht vor den

heiligen Reliquien brach die Empörung aus, von ihren Sitzen sprangen

die Mönche an die Stufen des Hochaltars mit heißen Gesichtern und

glühenden Augen; starke Arme streckten sich und mißtönendes Geheul

erfüllte die Kirche.

Aber auch im Rücken der Streitenden klang lauter Ruf und die eiserne

Gittertür, welche den Vorhof vom Hauptschiff der Kirche trennte,

krachte in ihren Angeln. Denn dort hinten drängte gewaltsam ein wilder

Haufe mit Leibern und Stangen. Nur wenige von den Mönchen hörten

auf den Lärm, der von außen kam, doch Rigbert lief durch die Kirche

nach dem Eisengitter und schrie, sich mit ausgebreiteten Armen davor

stellend: »Immo, Unseliger, was wagst du? Bist du des Lebens müde, daß

du mit den Ungeweihten in die Klausur brichst?«

»Wir sind nur müde vom Stehen und Harren,« rief Immo lustig hinein.

»Meinst du, die Schule wird fern bleiben, wo die Mönche einander

knuffen? Öffne die Tür, Rigbert, wenn du ein guter Genosse bist.«

»Niemals, denn es wird euer Verderben. Was willst du in der Kirche?«

»Schläge zu Ehren des heiligen Wigbert austeilen, wen es auch trifft.

Wer ist in der Not?«

»Sie bedrängen den Herrn Abt.«

»Wie, das gute Weinfaß? Gesellen, wir helfen dem Abt!«

Die Schüler riefen gellenden Kampfschrei und wieder rasselten die

Stangen an dem Tor, gegen welches sich der Mönch mit seinem Leib

stemmte; da griff Immo behend durch das Gitter und schob den Riegel

zurück. Die Tür flog auf und die Schüler drangen herein; allen weit

voraus sprang Immo dem Chore zu. Über den Rücken zweier Mönche, die er

als Bock gebrauchte, flog er wie ein Federball vor den Altar und stand

allein mitten unter den Tobenden, nahe dem Abt, der das schwere Kreuz

vom Altar gehoben hatte und den Aufrührern entgegenhielt, während die

Brüder seiner Partei wie eine Schar gescheuchter Hühner auseinander

geflattert waren und hinter dem Altar und den Stühlen Schutz suchten.

»Hara!« rief der wilde Immo, »zu Hilfe dem Herrn Abt. Komm heran, Dekan

Tutilo, damit ich dich lehre, deinem Abt den Fuß zu küssen.«

Die Mönche wichen beim Anblick des Jünglings zurück, der mit drohender

Gebärde einen Eisenstab schwingend vor ihnen stand. Der allgemeine Zorn

wandte sich gegen den Einbrecher. »Hinaus mit dem Frevler!« schrien

viele Stimmen. »Die Klausur ist gebrochen, geißelt den Missetäter!«

Ein Mönch sprang hinter den Altar und riß die Geißel, welche dort

für die Mönchbuße lag, aus dem Kasten; von Hand zu Hand ging die

blutbesprengte, Tutilo packte sie und stürzte damit auf den Schüler

los. Aber im Nu lag der starke Mann von einem Schlage getroffen am

Boden, Immo hob die Geißel über ihn und rief: »Das sei dein Lohn,

bellender Hund!« So schnell war die Tat, so unerwartet der Frevel

und so wild schlug der trotzige Jüngling, dessen Kraft die Brüder

wohl kannten, daß alle einen Augenblick starr standen und dem Getöse

plötzliche Stille folgte. Aber gleich darauf erhob sich wieder das

Getümmel und Geschrei: »Zu Boden mit dem Bösewicht, werft ihn in den

Kerker, bindet ihn auf das Kreuz!« Während sich so die Anhänger des

Tutilo zum Angriff anfeuerten und Immo mit flammenden Augen gegen sie

die Stange hob, da geschah, was allen unerhört war: die beiden Alten

Bertram und Sintram warfen sich zwischen den Haufen gegeneinander auf

die Knie und baten zu gleicher Zeit und mit denselben Worten einer

den andern um Verzeihung. Denn als der Kampfzorn die Brüder ergriff

und zwiespältig schied, da hatte sich zum erstenmal ereignet, daß die

Beiden nicht derselben Meinung waren und Bertram hatte auf der Seite

des Abtes, Sintram aber auf der des Tutilo die Faust geballt. Und

als sie nun beide zu gleicher Zeit sahen, daß sie einander mit der

drohenden Faust gegenüberstanden, hatte jeder sich über sein eigenes

Unrecht entsetzt und sie baten mit Tränen einander ab und umarmten

sich, während sie auf den Knien lagen. Als der empörte Haufe die Greise

am Boden sah, wurde ihm der Anblick unheimlich, einige von den Rohesten

lachten, aber die Mehrzahl fuhr entsetzt zurück. In diesem Augenblick

sprang Reinhard auf die Stufen des Altars und rief die Arme erhebend:

»Herr, gehe nicht ins Gericht mit uns Sündern! Kniet nieder, ihr

Brüder, und flehet um die Vergebung der Heiligen. Nicht durch Geschrei

wird der Schaden des heiligen Wigbert geheilt; ihr seht selbst: wie ihr

euch gegen den Vater des Klosters, so empört sich Bruder gegen Bruder,

und die ruchlose Jugend gegen euch alle. Eure Feindschaft stärkt nur

die Feinde draußen. Wollt ihr euch helfen, so rate ich, daß heut nicht

in der Menge verhandelt wird, was zum Frieden des Klosters dient,

sondern daß die Dekane und die Alten sich mit unserm Herrn Bernheri in

friedlicher Beratung vereinen. Du aber, Jüngling, wirf die Geißel weg,

mit der du an heiliger Stätte gefrevelt hast, und erwarte in Demut die

Strafe, welche die Brüder dem Verbrecher finden.«

Die Geißel fiel zur Erde neben Tutilo, welcher ächzend auf dem Boden

saß und betäubt seinen Kopf auf die Hand stützte. Immo starrte wild

umher. Da er merkte, daß er allein war und daß seine Genossen sich

in den Ecken und hinter den Säulen zu bergen suchten, trat er an den

Stuhl des Abtes zurück, aber seine Augen flogen herausfordernd über den

Haufen. Herr Bernheri begann zornig: »Nicht die Geweihten des Herrn

sehe ich vor mir, sondern eine Herde wilder Eber, welche begierig ist

die eigenen Ferkel zu fressen. Ich aber verachte euer Grunzen und das

Schnauben eurer ungewaschenen Rüssel, denn, wie sagt der hohe Apostel:

›Sie wandeln dahin in ihrer Dummheit.‹ Was aber hier Reinhard, der

würdige Bruder, vorschlägt, das gefällt auch mir. Mit den Dekanen und

mit den Ergrauten, welche nicht Hechsel in ihrem Kopf haben, gedenke

ich in späterer Stunde die Leiden des Klosters zu erwägen, bis dahin

mögen sie selbst in der Stille prüfen, ob sie eine Hilfe finden. Denn

auch der Esel schreit laut, wenn er müßig steht, wenn er aber die Säcke

tragen muß, so schweigt er geduldig. Sie sollen auch einmal die Last

tragen, ich bin es müde, allein für euch grobe Klötze Rat zu suchen,

wo es keinen gibt. Und so scheide ich jetzt den Konvent, wandelt bis

morgen dahin in Frieden. Ich aber verweile hier in meinem Hofe, damit

niemand meint, daß ich den Unzufriedenen das Feld räume. Bestelle was

nottut, mein Kämmerer Eggo, und diesen behenden Springer nimm mit dir.

Nie sah ich einen Scholastikus so wild auf geschorenen Köpfen zum

Altar reiten.« Der Abt wandte sich schwerfällig zum Altar und neigte

sich. Reinhard eilte zu den Brüdern und sprach nachdrücklich in die

Ältesten hinein, doch mürrischer Widerspruch erhob sich und laute

Stimmen riefen: »Der Schüler gehört in unsern Kerker, denn er hat gegen

einen Mönch gefrevelt.« Der Abt wandte sich wieder dem Haufen zu: »Der

Scholastikus gehört unter die Zucht des Lehrers Reinhard, dem Reinhard

aber gebiete ich, mir zu folgen, denn ich bedarf seiner, damit ich ihn,

wenn es nottut, zu euch sende.« Herr Bernheri stieg langsam vom Altar,

warf noch einen verachtenden Blick auf die empörte Gemeinde und schritt

unaufgehalten durch seinen Ausgang nach dem Abtshofe. Um ihn drängten

sich die Getreuen von St. Peter, sein Kämmerer hielt den Jüngling,

welcher friedlich folgte, bei der Schulter; als letzter ging Reinhard.

Hinter dem Abte brauste noch lange die wogende Menge, die erste Wut war

verraucht, aber bitterer Groll zurückgeblieben. Tutilo wurde von zwei

Brüdern in die Klausur geführt, wo er sich erst erholte, nachdem der

Kellermeister einen Krug Würzwein in seine Zelle gestellt hatte. Neben

dem Kruge saßen einige alte Brüder, den Kranken zu pflegen; sie prüften

und billigten den Trunk und zürnten, obgleich sie mit gedämpfter Stimme

sprachen, heftig auf mehrere, welche abwesend waren.

Unterdes stand Immo in der Büßerzelle der Abtei, ein Bruder von St.

Peter, der ihm fremd war, hatte ihm ein Bund Stroh hineingebracht und

einen Krug mit Trinkwasser ohne ein Wort zu sprechen, und Immo, der

den Klosterbrauch kannte, hatte auch keine Frage getan, um sich nicht

über die versagte Antwort zu ärgern. Einen Augenblick dachte er daran,

den Bruder festzuhalten und an seiner Stelle hinauszuspringen, aber mit

leisem Stöhnen gab er den Gedanken auf, denn er wußte wohl, daß das

Haus des Abtes von Reisigen besetzt und keine Möglichkeit zur Flucht

war. Er untersuchte seinen Kerker, doch dieser bot geringen Trost, er

war nicht in freier Höhe gezimmert und kein Dach erhob sich über ihm,

es war ein Kellerloch, nicht viel länger als ein Mann, und die kleine

Lichtöffnung vermochte kein Geschöpf, das größer war als eine Katze, zu

durchklettern. So blieb ihm nichts übrig als auf dem Stroh zu sitzen

und die finstern Gedanken wegzuscheuchen, welche wie Fledermäuse um

sein Haupt schwirrten. Lange tröstete ihn ein wenig die Überlegung, daß

er den Tutilo, der immer herrisch gegen ihn gewesen war, so schön zu

Boden geschlagen hatte. Er griff nach dem Pergament mit dem Goldfaden

und wiederholte sich die Worte, welche Hildegard zu ihm gesprochen

hatte, aber dabei wurde der Gedanke in ihm übermächtig, daß er jetzt

zum zweitenmal als Gefangener in elendem Kerker saß. Als gar der Abend

kam und der Hunger stark in ihm nagte, wurde ihm frostig zumute und

ihm fiel ein, daß seine Zelle für eine furchtbare Stätte galt. Manche

Geschlechter vergangener Mönche hatten hier jahrelang gebüßt und in

Kreuzesform dagelegen, während die Geißel über ihren Rücken flog

und ihr Blut auf den schwarzen Boden rann. Unheimliche Geschichten

erzählten die Schüler von der Not der Frevler, welche der Abt gefesselt

hielt und wer in der Dämmerung an der Zelle vorübergehen mußte, der

wandte das Haupt ab und beeilte den Schritt. Daß Tutilo und seine

Genossen ihm todfeind geworden waren, erkannte er jetzt deutlich, und

ihm kam auch vor, als könnte er wohl das Sühnopfer werden, über dessen

Leib der Abt mit den Mönchen Frieden mache. Wild sah er umher und griff

im letzten Zwielicht an die Wände; es waren dicke Mauern, hier und da

hatte ein Büßer sein Kreuz in den Kalk geritzt, um davor zu beten. Da

neigte auch er das Haupt und begann einen lateinischen Psalter, aber

unter den heiligen Worten kam ihm die Angst, was wohl die Apostel Simon

und Thaddäus, vor deren Gebeinen er den Tutilo niedergeworfen hatte,

von seinem Tun denken würden. Er konnte nicht glauben, daß Tutilo als

ein arger Mann in Gunst bei den Hohen stehe, aber ob sie besonderes

Wohlwollen für ihn selbst hegen könnten, erschien ihm sehr zweifelhaft,

denn sicher hatte er eine schwere Tat begangen und ihr Heiligtum

entweiht. Da faltete er die Hände und bat den heiligen Wigbert, sein

Fürsprecher zu werden. Dieser war ihm immer hold erschienen und am

liebsten hatte er vor seinem Altar gebetet, denn er dachte sich, daß

der Heilige auf Erden ein guter Geselle seines Ahnherrn gewesen und

seit alter Zeit dem Geschlechte vertraulich war. So bat er jetzt

demütig um seine Hilfe. Und als er an die Heimat dachte, wurde ihm das

Herz weich.

Aber stürmisch hoben sich wieder die Gedanken. Wenn er die Eisenstange

nur hätte, die er heute früh geschwungen, dann könnte er wohl die Tür

erbrechen. Und er stampfte mit dem Fuß auf den Boden, ob es irgendwo

hohl klänge. Denn aus der Tiefe der Erde kam geheimnisvoll die Fülle

aller guten Dinge, nicht nur die Landleute, die noch Heidenbrauch

übten, auch die Mönche wußten das. Vielen Goldschatz barg die Mutter

Erde, aber auch anderes Metall schenkte sie aus ihrem Vorrat den

Bedrängten. Warum sollte nicht auch er in seiner Not eine Waffe aus

der Erde graben, die ihn von der drohenden Schmach erlöste. Er griff

und stieß wieder an Wänden und Boden umher, aber nirgends erkannte er

hartes Eisen. Und er faltete aufs neue die Hände und kauerte auf dem

Stroh.

Während er demütig in der Finsternis saß, vernahm er von außen

langsame Tritte, ein Lichtstrahl fiel durch das Eisenschloß golden

in die Zelle, ein Schlüssel knarrte, die Tür ging ächzend auf, und

ein Mann trat schwerfällig herein und beleuchtete vom Eingange mit

seiner Blendlaterne den Sitzenden. Immo schnellte empor, er erkannte

Bernheri, seinen Abt und Herrn. »Stemme dich von außen gegen die Tür,

Eggo,« begann der Abt nach rückwärts gewandt, »damit der Scholastikus

Saliarius nicht auf den Einfall komme, uns selbst als Springböcke zu

gebrauchen oder gar in unserm eigenen Keller einzuschließen.« Immo ließ

sich auf die Knie nieder und senkte schweigend das Haupt, suchte aber

doch durch verstohlene Blicke die Meinung des Herrn zu erraten.

»Sieh, Immo,« fuhr der Abt feierlich fort, auf den Gebeugten

herabblickend, »du bist zum Greuel geworden vor allem Volke und die

Töchter Israels schreien wehe über dich; welches aber nur tropice

gemeint ist, denn ich hoffe, daß du Unglücksvogel dich in Wirklichkeit

von jüdischen Weibern stets fern gehalten hast, zumal keine in der Nähe

des Klosters zu finden sind. Aber was die Schrift sagt, das gilt jetzt

von dir: ›Aus der Tiefe schreie ich und niemand hört meine Stimme.‹

Ganz verworfen bist du und die hohen Engel würden dich mit zahllosen

Backenstreichen begaben, nur daß solche Regung der Hände für Himmlische

unschicklich ist. Was dich erwartet, weißt du. An ein Kreuzholz wirst

du gebunden und so lange gegeißelt, bis dein Vater Tutilo für dich

bittet; ich meine, er wird sich nicht beeilen. Und später wirst du

auf Stroh gelegt in der Klausur der Brüder, wo nicht Sonne noch Mond

dich bescheinen. Solches sind die Folgen deiner Springerei und deines

nächtlichen Dachkletterns. Meinst du, daß ich nicht weiß, wer mir die

Böcke bei Mondschein aus dem Walde holt; item, das sind die Folgen

deines Abtspiels am Feste der unschuldigen Kindlein. Meinst du, daß mir

unbekannt ist, wie du dir damals in der Schule ein Kissen unter deine

Kutte gebunden hast, um deinen hagern Leib gleichsam zum Hohn für mich

mit einem Bauch zu versehen? Je mehr ich deine Art erwäge, desto mehr

Sünde finde ich in dir und erkenne, daß du zu denen gehörst, von denen

geschrieben steht: »Sie sollen vertilgt werden wie Spreu.« Erkenne

deine Missetat und bereue, denn es bleibt dir nicht viel Zeit. Auch der

Floh springt nur so lange, bis er geknickt wird.«

Immo schauerte. Doch nicht ohne Nutzen war er sechs Jahre im Kloster

gewesen und er hatte ein wenig die Mönchskunst gelernt, die Miene des

andern zu beobachten und vorsichtig die Worte zurückzuhalten. Darum

antwortete er demütig: »Mein Herr und Vater, mich reut nicht, daß ich

so geschwind war, so lange den Tutilo nicht reut, daß er die Hand gegen

seinen Herrn erhoben hat.«

»Ich merke,« rief Herr Bernheri, »du hoffst, daß ich in dieses Loch

herabgestiegen bin, um dich daraus emporzuheben. Darin irrst du

gänzlich. Da ich Abt der Brüder bin, so fordert meine Würde, deine

Missetat zu strafen, wenn diese auch in guter Meinung für mich verübt

wurde. Denn sobald der Morgen anbricht, werden viele das Urteil über

dich fordern. Heut aber denke ich daran, daß du aus altem Geschlechte

bist und daß auch ich einst mich meiner Abkunft rühmte, bevor ich mich

einem Herrn gelobte, vor dem alle gleich sind, Freie und Unfreie.

Darum komme ich zu dir. Hast du das Gitter der Kirche gebrochen, so

vermagst du vielleicht auch diese Tür zu öffnen und hinauszufahren,

ohne daß dich jemand sieht, du bist ja gewöhnt die Pfade eines Marders

zu wandern.« Aus dem Faltengewand des Abtes sank ein eisernes Werkzeug

auf den Boden. Immo schnellte in die Höhe und seine Augen glänzten,

aber er faßte sich und antwortete: »Mein Herr möge mir verzeihen,

wenn ich nicht wie ein Dieb ausbrechen will. Wohin soll ich fliehen?

In den Hof meiner Väter vermag ich nicht zurückzukehren, wenn ich als

Verbrecher dem Wigbert entweiche, denn schnell würden die Väter den

flüchtigen Schüler zurückfordern vor ihr Gericht.«

»Sprichst du so stolz, du Tor,« rief der Abt, »ich meine, jede Stelle,

wo der Himmel dich deckt oder das Laub dich verbirgt, wird für dich

lustiger sein als die Mauersteine dieses Kerkers.«

Immo ließ sich wieder vor dem Abt auf die Knie nieder. »Dennoch flehe

ich, daß mein Herr mir ehrlichen Urlaub gibt und mich als Freien

entsendet.«

»Mit einem Gefolge von Zinken und Posaunen,« versetzte der Abt

unwillig, »ganz toll bist du in weltlichem Hochmut. Und welche

Herrlichkeit der Erde gedenkst du für dich zu begehren, wenn du den

Klostermauern entweichst?«

»Ein Schwert will ich finden und ein Roß; denn hochwürdiger Vater, ein

Kriegsmann will ich sein und kein Mönch.«

»Wirst du ein Mönch, so wird bald der üble Teufel dein Abt werden,

und wirst du ein Kriegsmann, so wirst du einer von den Wölfen, welche

um St. Wigberts Stall heulen, bis sie dir auf grüner Heide ein Bett

schaufeln.«

»Herr,« versetzte Immo flehend, »zu deinen Füßen will ich geloben, daß

ich in allen meinen Tagen daran denken werde, wie ich an dir einen

gütigen Vater fand.«

»Bin ich eine Dirne, daß du mich mit Verheißungen und mit schönen

Worten bereden willst? Außerdem ziemt mir nicht, an diesem kalten Ort

der Buße von weltlichen Dingen zu reden. Und deshalb frage ich dich zum

letztenmal, ob du lieber die Geißel wählst oder eine zerbrochene Tür.«

»Nicht die Geißel will ich und nicht die heimliche Flucht. Um gnädige

Entlassung flehe ich zu meinem Herrn, damit ich mein Haupt hoch tragen

kann unter meinesgleichen.«

»Einem nimmersatten Windhund gleichst du,« versetzte Herr Bernheri,

»und ärgerlich willst du mir werden.« Aber er sah dabei mit

Wohlgefallen auf den Jüngling. »Ich schließe dich wieder ein. Bleibe

auf den Knien und sprich den 37. Psalm, wo er lautet: ›~Miser

factus sum et curvatus~,‹ wenn du die Worte vermagst, was ich dir

nicht zutraue. Und dabei harre auf die Heiligen, ob sie sich deiner

erbarmen.« Der Abt wandte sich ab, Immo faßte ihm nach dem Gewand, aber

Herr Bernheri entzog sich eilig, der Riegel fuhr in das Schloß und Immo

war allein in tiefer Finsternis. Er griff nach dem Eisen und preßte

die Hand darum, wild stürmten ihm die Gedanken durch die Seele, Sorge

und Hoffnung, dennoch hielt er jetzt das Gerät in der Hand, welches

seine letzte Hilfe sein konnte. Wie durch ein Wunder war ihm auf den

Boden gelegt, was er von den Gewaltigen, die unter der Erde hausten,

ersehnt hatte. Brachte die Nacht keine andere Hilfe, so konnte er diese

gebrauchen. Er stand in der Finsternis und horchte auf jedes Geräusch,

das von außen kam.

Nicht lange, so vernahm er wieder Tritte und sah einen Lichtstrahl,

der Riegel rasselte und der Mönch Eggo winkte, ihm zu folgen. Leise

gingen beide die Stufen hinauf; ein großer Raum, in den sie traten, war

undeutlich erhellt durch die glimmenden Holzkloben im Kamin. Auf Bänken

an der Wand und auf dem Boden lagen Reisige des Abtes in tiefem Schlaf.

Wieder mahnte ein Zeichen des Mönchs zur Vorsicht, er öffnete eine

eisenbeschlagene, niedrige Tür und führte eine Wendeltreppe hinauf.

Als Immo aus der Tiefe emportauchte, stand er in einem kleinen Zimmer,

dessen Wände zierlich mit dunklem Holz getäfelt waren.

Auf dem Tisch stand eine metallene Lampe, deren rötliche Flamme im

Luftzuge flackerte und rauchte; Eggo trug eine Wolldecke herzu,

legte sie auf den Boden und flüsterte: »Rühre dich nicht und schlafe

wenn du vermagst.« Gehorsam setzte sich Immo auf die Dielen und als

er zur Seite blickte, sah er den Mönch wie einen Schatten an der

Wand dahingleiten und hinter einem Teppich verschwinden. Er starrte

in den dämmrigen Raum, auf die dunklen Bretterwände, an denen die

Hirschgeweihe sich im lodernden Lichte bewegten, und auf die Waffen

in den Ecken, deren Metall bald hell erglänzte, bald in Finsternis

schwand. Aber das Herz war ihm leicht geworden, denn er erkannte wohl,

daß Herr Bernheri ihn nicht für die Rache des Tutilo aufbewahren

wollte; er schloß die müden Augen und entschlief.

So mochte er lange gelegen haben, da erwachte er von einer leisen

Berührung, er fuhr auf und blickte erstaunt um sich. Noch war es

Nacht, die Lampe brannte trüber, über den Waldhügeln lag der graue

Dämmerschein des nahen Morgens, und an seinem Lager erkannte er eine

dunkle Gestalt. Erschrocken hob er den Leib und stützte sich auf die

abgewandte Hand. Neben ihm saß der fremde Mönch, der als Lehrer in das

Kloster gekommen war. Immo wollte aufspringen, aber Reinhard drängte

ihn durch eine Bewegung zurück. »Sitze an meiner Seite, Immo, und öffne

dein Ohr, damit eine leise Mahnung in deine Seele falle. Höre mich

mit Vertrauen, wenn ich dir auch noch fremd bin, denn nicht als dein

Kerkermeister, sondern wie ein Freund will ich zu dir reden und von

deiner Heimat will ich dir Gutes verkünden. Frau Edith sendet dir ihren

Muttersegen: Sage meinem Sohn, sprach sie, jeden Abend und jeden Morgen

flehe ich zu den Heiligen, daß sie ihm das Siegestor öffnen. Schwer

wird der Mutter, das Angesicht des Sohnes zu missen, auch darum hoffe

ich, daß die Himmlischen das Opfer gnädig annehmen.«

Immo senkte das Haupt, erweicht durch den Gedanken an die Heimat.

Reinhard fuhr fort: »Schon in der nächsten Zukunft hätte sich dir die

Pforte des Klosters geöffnet, damit du unter den Kindern der Welt

dem Herrn dienest. Aber dein frecher Mut hat dich schuldig gemacht,

schwerer Strafe bist du verfallen. Darum komme ich, um mit dir zu

erwägen, wie du dich rettest.«

Immo neigte sich über die Hand des Lehrers und sprach demütig: »Kannst

du mir helfen, Vater, so flehe ich, verlaß mich nicht.«

»Eine Rettung weiß ich,« fuhr Reinhard fort, »die seligste von allen:

demütige dich selbst, Immo, vor dem Altar und trage geduldig die

Folgen deiner Untat. Ein Weltgeistlicher solltest du werden, wähle das

Mönchsgewand und gelobe dich dem heiligen Wigbert. Das ist die Buße,

welche dir alle hohen Fürsten des Himmels geneigt macht und ebenso die

Herzen der Brüder im Kloster.«

Immo sprang auf, seine Hände ballten sich und zornig rief er: »Meinst

du, daß ich als büßender Mönch vor dem Altar liegen und daß Tutilo die

Geißel über mir schwingen soll, wie ich sie heut über ihm schwang?«

»Fürchtest du die Geißel des Tutilo, dann denke lieber daran, daß du

jetzt unter seiner Faust stehst und daß ihm morgen die Brüder die Rache

geben werden, die er an deinem Leibe zu fordern hat.«

»Nimmer schwingt er die Peitsche über mir, während ich atme,« schrie

Immo. »Wenn sie mich zur Verzweiflung treiben, so sollen sie einen

Verzweifelten finden. Vor dem Altar töte ich ihn und jeden, der mich

anzugreifen wagt; von der Klostermauer springe ich, vom Turm stürze ich

mich und Feuer lege ich in das Haus der Mönche. Wenig liegt mir an dem

Leben eines Hundes und ich werfe es von mir, wie ich dieses Gewand von

mir schleudere, wenn ich ein anderes auf meinem Wege finde.«

»Wie ein Heilloser schreist du,« versetzte Reinhard, »Tutilo sprach

nicht unrecht, als er dich mit einer wilden Katze verglich.«

»Tat er das,« rief Immo, »so freut's mich, daß er die Krallen gefühlt

hat.«

»Dennoch rate ich dir, mein Sohn, daß du dich noch einmal an meine

Seite setzest, wenn du deine Wut zu bändigen vermagst. Wehre mir nicht,

dir zu raten, weil dies eine, die dir lieb ist, von mir erbat.«

Immo ging langsam zu seinem Lager zurück, setzte sich zu den Füßen des

Mönchs und stützte sein heißes Haupt in die Hand.

»Wundere dich nicht, Immo, wenn ich dich einlade zu werden, was ich

selbst bin. Denn auch ich habe mich von Vater und Mutter geschieden

und ich habe die Rosse und Hufen, die mein Erbteil sein sollten, den

Heiligen dargebracht, weil ich um meiner Seele Heil bebte und lieber

die Gnade des Herrn wählte als die vergänglichen Freuden dieser Welt.

Auch ich entsage und gehorche und wandre wie ein Fremdling durch die

Welt. Ob der Frost den Leib bedrängt, der Hunger quält und Gefahren

drohen, gleichgültig und verächtlich ist mir das alles in den Stunden

seliger Freude. Nicht Liebe des Weibes, nicht das Lied des Sängers,

welches den Helden ehrt, schaffen solches Glück wie die Heiterkeit

ist, die ich im Herzen trage, wenn ich zu den Füßen des Herrn liege,

dem ich mich als Knecht gelobt habe. Darum möchte ich deine Seele und

die Seelen aller, welche mir vertraut werden, den Greueln der Welt

entreißen und den Handgriffen des üblen Teufels.«

Immo schwieg nachdenkend. »Vater,« sprach er, »beantworte mir eine

Frage, die ich unwissend tue. Wenn es dir und andern frommen Männern

nun gelänge, alle Christen auf deinen Weg zu leiten, und wenn alle zu

Mönchen und Nonnen würden, verzeih, Vater, aber ich meine, dann wird es

an Kindern fehlen.«

»Ob du arglos sprichst oder ob du mich durch gewundene Rede versuchen

willst, du sollst die Verkündigung hören,« versetzte Reinhard

feierlich. »Käme diese selige Zeit, die, wie du selbst weißt, noch

weit entfernt ist, dann wird sich der Himmel auftun und der Herr wird

mit den himmlischen Heerscharen heranziehen zum Gericht; aus der alten

Welt des Jammers und der Sünde wird eine neue erstehen, in welcher die

Seligen im Lichtglanz dahin wandeln.«

Immo sah bei dem rötlichen Schein der Lampe, wie das Auge des Mönchs

leuchtete und seine Hände sich unwillkürlich zum Gebet schlossen. »Du

selbst weißt, mein Vater,« begann er bittend, »daß der gute Gott den

Vögeln ungleichen Gesang gegeben hat. So hat er auch den Menschen

verschiedene Gaben ausgeteilt, als er in den Erdgarten kam, um die

Kinder durch seine Geschenke zu ehren. Ich aber möchte den Gaben

vertrauen, die ich an mir erkenne.«

»Mit guten Sinnen sprichst du, Immo,« versetzte Reinhard, »und

verwundert höre ich, wie klug du die Worte setzest. Auch dies ist eine

Gabe, die der Herr solchen verliehen hat, die er für seinen Dienst

bestimmt.«

»Nicht zum erstenmal füge ich die Worte in dieser Sache,« versetzte

Immo, »denn oft haben Väter des Klosters, die mir günstig waren,

ähnlich zu mir gesprochen wie du. Wisse, Vater, da du so gutherzig mit

mir redest, zu lange weile ich schon im Kloster und ich bin seiner

herzlich müde. Wenn ich auf dem Roß sprenge, bin ich glücklicher als

zu Fuß und, Vater, als ich gegen die Reiter des Grafen ritt, um den

Hugbald herauszuziehen, da war mir so fröhlich zumute, wie nach deinen

Worten dir bei dem Altare. Daran erkenne ich, daß ich nicht gemacht

bin, Mönch zu werden.«

»Und doch, Immo,« entgegnete Reinhard, »sollen alle Menschen in jenem

Leben teilhaftig werden der Gemeinschaft der Heiligen.«

»Und meinst du, Vater, daß man in der großen Halle des himmlischen

Königs nur Ehre erlangen kann, wenn man den Freuden dieser Welt

gänzlich entsagt und als Mönch oder Nonne betet?«

»Wie magst du zweifeln,« entgegnete Reinhard eifrig, »da es verkündet

ist. Weißt du nicht, daß geschrieben steht: wer sich erniedrigt, der

soll erhöhet werden? Wer lebt demütiger als der Mönch? Schwer ist's,

in den Freuden der Welt dem Herrn wohlgefällig zu bleiben, und die

liebsten Genossen des Himmelsherrn werden nur die sein, welche hier

entsagen und büßen.«

»Wahrlich, Vater,« rief Immo, »wenn es in der Himmelsburg so ist wie du

verkündest, daß die Mönche und Nonnen vor den andern an der Herrenbank

sitzen, dann will ich in den Pferdestall, wo die Rosse des Engels

Michael stehen und anderer schneller Boten, denn lieber will ich dort

die Pferde striegeln und die Steigbügel halten, als ewig den Kopf

neigen und in das Ohr wispern und nach der Miene des Präpositus und der

Dekane sehen, wie hier die Mönche tun.«

Dem Mönch empörte sich das Herz, aber er antwortete ruhig: »Zuchtlose

Worte vernehme ich in den Mauern des Klosters; sonst hört man sie nur

auf den Burgen der Gewappneten, welche eilig sind, Menschenblut zu

vergießen. Deine Rede ist heillos auch für einen Weltgeistlichen, wenn

du ein Kanonikus zu Erfurt wirst, wie dein Geschlecht will.«

»Verleidet ist mir das weiße Gewand wie die wollene Kutte,« rief Immo,

»und verhaßt auch der Sitz im Chore von Erfurt.«

»Zu dem Grunde, auf welchem dein Geschlecht haust, gehört die

Mühlburg. Diese Burg wollen deine Verwandten dem Erzbischof zu Mainz,

der dem Stift in Erfurt gebietet, übergeben, damit du als Kanonikus

ausgestattet werdest, wie Brauch ist.«

Wieder fuhr Immo in die Höhe. »Um meinetwillen soll mein Geschlecht

verzichten auf den festen Sitz, der unsere Ehre war. Mehrmals flüchtete

der Vater, wenn der Grenzkrieg entbrannte, die Rosse und Rinder und

unsere ganze Habe in den sichern Bau, und ich und meine Brüder sprangen

auf den Mauern und kletterten in den Schluchten. Ein Ahn von mir hat,

wie du wissen wirst, den Berg, auf dem die Wigbertleute die Wassenburg

gebaut haben, dem Kloster geschenkt, jetzt soll auch die zweite

Burgstätte dahinschwinden um meinetwillen! Jammervoll ist mir zu sehen,

wie unser Erbe weggegeben wird, damit die Geschorenen in den Wäldern

gebieten, wo sonst unser Jagdruf erklang. Wehe mir, daß ich niemanden

habe, der meine Klage anhört, als einen landlosen Mönch.«

»Vermagst du noch einmal den Rat des Landlosen anzuhören,« antwortete

Reinhard sich erhebend, »so vernimm, was ich dir ungern sage und nur,

weil es mir befohlen ward, was aber für deinen weltlichen Sinn die

letzte Hilfe sein kann in der Not, welche dich bedrängt. Merke wohl,

Immo, du kannst frei von hier ziehen, wohin dich dein Gelüst treibt,

ein Kriegsmann magst du werden, der auf die Mühlburg sein Gemahl

heimführt und unter den Edlen von Thüringen im Heergewand reitet.«

»Sage mir, Vater, was soll ich tun, damit ich dies Glück erreiche?«

»Gelobe, bevor du scheidest, Burg und Berg deinem Herrn Bernheri in

die Hand zu geben, damit du sie als Lehn für dich und dein Geschlecht

zurückerhältst. Nützen wirst du dem Kloster auch als Lehnsmann und

Vogt, der für das Kloster sorgt, wie ja viele aus den edelsten

Geschlechtern tun, um den Heiligen zu gefallen. Gelobst du dies, so

vermag der Abt dich zu schützen gegen jeden Feind, den du hier und

anderswo hast; denn auch so dienst du den Heiligen und du weißt ja

selbst, es ist leichter Dienst, den sie dir auflegen.«

Immo stand betroffen. Der Weg, welchen ihm der Mönch wies, bot vieles,

wonach sein Herz sich sehnte, er wußte recht gut, wie stolz das

Kloster auf seine Burgen war und daß er als Lehnsmann des Klosters den

Wigbertleuten wertvoller wurde, wie als Mönch. Dennoch empörte sich

sein stolzes Herz bei dem Gedanken, als Dienender den Schild zu tragen.

Er schwieg und starrte vor sich hin.

Reinhard, der den Kampf des Jünglings beobachtete, fuhr fort: »Einer

deiner Ahnen starb in der Heidenzeit unter dem Schildrand für die

heilige Kirche. Wie darf sein Enkel zaudern? Dienstmann der Heiligen

wurde jener im Tode, du aber sollst in demselben Dienste mit Ehren

leben.«

Immo fuhr zusammen, denn bei der Rede des Mönchs vernahm er noch eine

andere Stimme und neben dem hagern Antlitz des Lehrers sah er das

rundliche Gesicht und das herzliche Lächeln des Greises Bertram und

in ihm klangen die Worte, welche ihm übergeben waren: »Birg nie in

fremder Hand, was du allein zu halten vermagst, wenig frommt dem Manne

zu dienen, wo er gebieten könnte.« Da sprach er: »Ich höre eine Mahnung

in meinem Innern, daß ich deinem Rat nicht vertrauen soll, und ich will

nicht.«

»Eine Waise bist du, ohne Freundschaft stehst du hier, dein eigenes

Geschlecht ist deinen weltlichen Wünschen zuwider; St. Wigbert aber

vermag dich zu schützen wie ein Vater und keinen erlauchteren Herrn

kannst du wählen als den hohen Heiligen.«

»Ich will nicht dienen,« antwortete der Jüngling; die Lippen schlossen

sich fest und er sah in seinem Trotz aus wie ein älterer Mann.

»Nur kurz ist die Zeit, die zum Widerstande bleibt,« mahnte Reinhard,

nach dem Fenster deutend, »sieh diesen Docht, welcher verglimmt und den

Morgen, welcher aufsteigt.«

»Und ich will nicht und will nicht,« antwortete Immo tonlos.

Reinhard wandte sich traurig ab: »Fruchtlos ist die Mühe, dir durch

Worte den trotzigen Sinn zu wandeln. Dennoch bleibst du ein Kind

meiner Sorgen und käme der Tag, wo du gute Meinung für dich begehrst,

so wisse, Immo, daß du sie bei mir findest.« Er hob die Hand zum

Segensgruß und verließ das Zimmer.

Immo sah ihm nach und dachte: ob dieser so ist, wie Sintram sprach,

daß er treulich für mich beten wird? und er schüttelte das Haupt. Er

warf sich auf sein hartes Lager zurück, aber die Gedanken fuhren ihm

stürmisch durch das Haupt und er mußte immer wieder nach dem Himmel

sehen, der im Osten sich rötete.

Da öffnete sich die Seitentür und Herr Bernheri selbst trat herein,

hinter ihm Eggo mit einer großen Kerze in kupfernem Leuchter. Immo fuhr

in die Höhe und neigte das Haupt vor dem Gebieter. Mürrisch begann der

Abt: »Da seht den Nestling aus den Waldhecken; aber störrisch ist er

wie ein junger Geier und Reinhard hat sich vergebens bemüht, ihm die

Kappe umzulegen. Obwohl ich im voraus gesagt habe, daß von dir nicht

viel Gutes zu erwarten ist. Ganz unlieb ist mir deine Widerspenstigkeit

und ich täte am klügsten, dich gänzlich deinem Schicksal zu überlassen,

welches wahrscheinlich jämmerlich sein wird.«

Immo schwieg, aber das Herz hämmerte ihm in der Brust. Herr Bernheri

ging schwerfällig auf und ab, an seinen zwinkernden Augen und der

gesträubten Haarkrone konnte man erkennen, daß er sich erst vor kurzem

vom Lager erhoben hatte. »Bringe mir einen Becher mit gewürztem Wein,

Eggo, und stelle ihn hier auf den Tisch. Mit dir aber, du springender

Scholastikus, will ich ein Ende machen auf meine Weise und es soll

mich nicht kümmern, ob sie dir oder andern mißfällt.« Wieder ging er

nachdenkend auf und ab. »Setze dich an das Pult, nimm die Schreibtafel

und den Griffel und laß mich erkennen, ob du etwas von der Kunst der

schwarzen Buchstaben gelernt hast.«

Immos Hand bebte und seltsam erschien ihm in dieser Stunde die

Forderung des Abtes, aber er setzte sich gehorsam und frug: »Welchen

Duktus befiehlt mein Herr?«

»Vermagst du,« fuhr der Abt überlegend fort, »in lesbarem Latein

einen Brief zu schreiben? Verfertige zur Stelle etwas Passendes an

mich, damit ich dich prüfe. Schreibe also, daß du wegen des Fastens

und deiner Körperschwäche einen Trunk Wein ersehnst und mich darum

anflehst.«

Immo überlegte. Endlich begann er mit geröteten Wangen die Arbeit,

welche einige Zeit in Anspruch nahm. Unterdes trug auch Eggo ein

Schreibpult herzu und schrieb nieder, was der Abt ihm leise gebot.

Es war darüber zwischen beiden ernste Beratung und Immo sorgte, daß

sie gar nicht zu Ende gehen würde. Endlich wandte sich der Abt um und

sah den Scholastikus, welcher mit der Tafel zur Seite stand. Der Herr

streckte die Hand darnach aus und hob sich, um dem Licht näher zu sein.

»Wie?« sagte er, »du hast dich sogar getraut, einen Vers einzuflechten?

~Bibere si vis vinum, scribere debes latinum~[2]. Ist auch der Vers nur

rhythmice und nicht metrice gestellt, so hast du dir damit doch den

Trunk verdient.« Er wies auf den Becher. »Wage ihn zu heben, damit du

die Kellerluft vergessest. Und jetzt hole Atem und antworte: Würdest

du imstande sein, auf Pergament an diesen Bruder Eggo aus der Ferne zu

schreiben in dem gebührlichen Duktus?«

»Ich getraue mir's wohl,« versetzte Immo freudig.

Der Abt seufzte. »Da du so unverschämt bist, von meiner Würde zu

verlangen, daß ich für dich gerade so unter die Brüder springe, wie du

für mich getan hast, so habe ich mich entschlossen, dich von hier zu

entsenden, bevor die Sonne aufgeht. Du sollst als mein Bote reiten. --

Was siehst du mich an, Eggo? Du meinst, ich soll ihn durch einen Eid

binden? Laß die heiligen Reliquien in ihrem Schrein, ungeschoren geht

er von uns, er soll auch ungeschworen seine Straße ziehen. Solange

ich lebe, sah ich hohe Eide schwören und hohe Eide brechen. Ich habe

erkannt, daß der ein Tor ist, welcher auf die Treue der Menschen

baut. Dennoch habe auch ich jemanden gefunden, der sich mir bewährt

hat im Spiel und in der Todesnot. Denn als ich jung war und einst mit

meinem Jagdbogen im Waldversteck lag, wo das Wild zur Tränke läuft, da

überfielen mich Nachtschächer, blutdürstige Räuber. Ich rief meinen

Notschrei, aber nur einer hörte, der damals mein Geselle war, er sprang

über die Felsen herzu und schlug ungerüstet wie Simson mit seiner

Keule unter die Mörder. Zweien setzte ich den Fuß auf den Hals und

durchstach ihnen die Gurgel. Ich trug keinen Hautritz davon, der andere

aber einen schweren Hieb in die Schulter. Du selbst kannst die Narbe

gesehen haben, Jüngling, wenn du an der Achsel deines Vaters standest,

denn er war es, der mich damals vom Tod löste. Und an ihn habe ich

gedacht, als ich dich aus dem Kerker holen ließ. -- Jetzt aber merke

auf, denn ich will deinen leeren Kopf mit allerlei gewichtiger Kunde

füllen. Von allen Seiten heben sich die Nacken der Großen gegen unsern

König Heinrich. Klein ist die Zahl seiner Getreuen, auch im Kloster

leben vielleicht solche, welche den Feinden des Königs Gutes gönnen.

Vermagst du zu verstehen, was ich dir sage?«

»Gewiß Herr,« versetzte Immo eifrig, »außer dem Tutilo sind die Dekane

Hunico, Wolferi, Sigibold und vor andern der Pförtner Walto für den

Babenberger, und die andern Alten haben nicht den Mut, diesen zu

widerstehen; doch Heriger hält zu dem König und er ist meines Herrn

Abtes beste Hilfe. Von den jüngeren aber sind die Thüringe und Sachsen

wohl zur Hälfte dem König gutgesinnt.«

Der Abt starrte den Jüngling an. »Weiß die äußere Schule so gut, was in

der Klausur vorgeht?«

»Auch zu uns fliegt mancherlei über den Zaun,« fuhr Immo fort, »ich

merkte auch, daß vorgestern Graf Ernst, der ruhmvolle Held, heimlich in

der Herberge des Klosters lag.«

»Führe ihn zu den Reliquien,« rief schnell der Abt, »und binde ihn

durch einen teuren Eid, daß er niemals einem andern verkünde, was er

von Wigberts Geheimnissen erraten hat.«

Eggo führte den Jüngling vor den Schrein und nahm ihm den Schwur ab,

während Herr Bernheri noch immer erstaunt dasaß und zuweilen mit dem

Kopf schüttelte. Als Immo wieder vor dem Abte stand, begann dieser

prüfend: »Du also gedenkst dich an den König zu hängen.«

»Meine Mutter stammt aus einem Geschlecht, welches sich der

Verwandtschaft mit den Sachsenkönigen rühmt.«

Der Abt lachte. »Wer König wird, dem wachsen die Vettern wie Hederich

im Hafer. Dir aber bleibt ohnedies keine Wahl, seit du so ruchlos den

Tutilo gebläut hast. Darum vertraue ich dir diese drei Briefe an,« er

hob die Arbeit des Eggo vom Tische. »Mit dem ersten reitest du in deine

Heimat, er geht an deine Mutter und spricht von deiner Entlassung

wegen der wilden Kriegszeit, damit die Frau meine gute Meinung für dich

erkenne.«

Immo ergriff freudig den Brief.

»Dafür sollst du mir in deiner Heimat dienen. Die Seelen der Brüder in

Ordorf sind durch die Bosheit eines andern, der hier im Kloster weilt,

vergiftet, aber der Vogt auf der Wassenburg ist mir treu. Diesem trägst

du den zweiten Brief und da er als Kriegsmann des Lesens unkundig ist,

wirst du allein ihm den Brief vertraulich vorlesen, damit keiner von

den Brüdern die Schrift erblicke. Und was du von ihm und andern über

die Rüstungen in Thüringen erfährst, das sollst du an Bruder Eggo

schreiben und durch den Reisigen, welcher dich begleitet, hierher

senden. Dann aber rate ich dir, daß du so bald als möglich deine

Helmkappe bindest und dich allein oder mit Kriegsleuten, welche dir

folgen wollen, über die Berge zum Könige durchschlägst. Du wirst Herrn

Heinrich in Regensburg an der Donau finden oder doch in der Gegend.

Dort gibst du den dritten Brief an seinen Kanzler Erkambald. Spähe nach

den Mienen des Kanzlers und erlausche, soviel du vermagst, über den

Kriegszug und die gute Meinung des Königs für mich. Was du erkundest,

das schreibe wieder an Bruder Eggo. Setze keine Namen in deine Briefe,

aber die Anfangsbuchstaben, damit wir erkennen, wen du meinst. Als

Boten gebrauche den Spielmann Wizzelin, welchen du kennst, denn diesen

habe ich geworben und in das Lager gesandt. Du selbst aber sei bemüht,

dem Kanzler zu gefallen, ich habe ihm auch deinetwegen einige Worte

geschrieben.«

Von der Wachskerze fiel eine metallene Kugel, deren Faden durchgebrannt

war, in die große Tülle; der eherne Ton klang scharf durch das Zimmer.

Aus der Klosterkirche tönte der Gesang der Vigilien. Der Abt erhob

sich. »Es ist Zeit, daß dein Fuß aus den geweihten Wänden gleite, sonst

möchtest du sie schwerlich verlassen. Es ist auch Zeit, die unheiligen

Gedanken abzutun. Ein ungewohnter Dienst ist meiner zuchtlosen Herde

dieser Nachtgesang, ich meine die Angst um ihre Missetat hat sie vom

Lager gescheucht. Uns allen tut Vergebung not. Auch mir, der ich erhöht

bin zum Abte, gebührt jetzt, meiner Nichtigkeit zu gedenken und wie

die Regel befiehlt, tief hinabzusteigen bis zu der siebenten Stufe

der Demut, um mit dem bekümmerten Hiob zu sprechen: Ein Wurm bin ich

und nicht ein Mensch, scheusälig den Leuten und greulich dem Volke.

Ungerecht habe ich mich vor dir, o Jüngling, meiner weltlichen Geburt

gerühmt und, was noch jämmerlicher ist, meiner wilden Taten im Walde.

Hochmütig bin ich im Grunde meines Herzens und wer über meinen Bauch

spottet, hat guten Grund, denn gar wenig lebe ich nach der Regel; oft

habe ich gesündigt durch Gebratenes und Buttergebäck, vom gewürzten

Wein zu geschweigen; manchmal habe ich voll mein Lager gesucht und wer

mich mit einem Weinfaß vergleicht, der spricht nicht unwahr. Vielen Haß

nähre ich in meiner Seele gegen manche und andere verachte ich; viel

denke ich auch an meinen Schatz von Silber und edlen Steinen, an die

wilden Ochsen im Walde und an die Fährten der Hirsche; ein ungetreuer

Verwalter bin ich und in Furcht lebe ich vor der Strafe. Denn zu einem

Eckstein war ich bestellt, aber ich bin nur gut dazu, daß die andern

ihre unsauberen Sohlen auf mir abstreifen.« Er stöhnte tief und faltete

die Hände, während Immo, der sich bei dem Beginn des Nachtgesanges auf

die Knie niedergelassen hatte, dem Gottesdienste des Abtes verwundert

zuhörte, obwohl er wußte, daß es zu den Geboten des Klosters gehörte,

sich selbst zu erniedrigen. Nach vielen Seufzern erhob der Abt das

Haupt, als einer, der schwerer Pflicht Genüge getan hat und begann

rauh: »Was kauerst du noch, du Heupferd, um zu warten, bis dich die

Schnäbel der dunklen Vögel zerhacken, die dort drüben so hastig singen,

nicht gleich Heiligen des Herrn, sondern wie Stare in den Weiden des

Teiches. Enthebe dich aus meinen Augen.«

»Ich kann nicht gehen ohne den Segen meines Herrn; denn wie ein Vater

habt ihr euch gegen mich erwiesen heut und sonst in der Schule.«

Der Abt legte ihm die Hand auf das Haupt, sprach den lateinischen

Segen und strich über das lockige Haar. »Sei dankbar gegen mich,

soweit du vermagst, obwohl ich fürchte, daß dein Gedächtnis darin

kurz sein wird. Mancher, der wie du als ein Springer aus dem Kloster

in die Sünden der Welt hineinfuhr, schlich mit grauem Haar unter der

schweren Bürde seiner Schuld in das Kloster zurück. Gedenke, daß am

Altar eine Heimat aller ist, die müde werden unter ihrer Last.« Er

zog einen ledernen Beutel aus seinem Gewande. »Nicht als ein kahler

Schüler sollst du Bote reiten, denn unter Kriegsleuten ist der Geldlose

verloren. Die Briefe gib nicht von dir, solange du deinen Arm heben

kannst, die Feinde abzuwehren. Eine Reiterkleidung und Waffen findest

du bei dem Rosse, damit nicht kundbar wird, daß du aus dem Hühnerhofe

des Klosters entflogen bist.« Er reichte dem Jüngling die Hand, welche

dieser mit nassen Augen küßte. Eggo winkte ungeduldig und führte ihn

die Wendeltreppe hinab durch die dämmerige Halle, in welcher die

Gewappneten lagen. Lautlos durchschritten sie den Hof; der Mönch

öffnete eine Pforte der Mauer, wies auf den schmalen Steg, der über den

Graben führte und auf einen Reiter, der jenseit des Grabens ein leeres

Roß am Zügel hielt, dann grüßte er mit der Hand und schloß hinter dem

Jüngling die Pforte. In großen Sätzen sprang Immo ins Freie, während

aus der Klosterkirche feierlich das Ambrosianum erklang.

Als Immo die Rosse erreicht hatte, warf ihm der Reiter die Zügel zu.

»Hugbald!« schrie der Jüngling in freudiger Überraschung, da er das

ehrliche Gesicht des Dienstmanns erkannte.

»Schweig, Geselle,« murmelte der Reiter, auf die weißen Wolkenstreifen

weisend, welche aus dem Nebel der Niederung wallend gegen das Kloster

zogen. »Ungern hören die Wasserfrauen den Ruf der Männer, während sie

in der Luft schweben. Hier draußen walten andere Geister als innerhalb

der Mauern und obgleich hinter uns noch Wigberts Stimme ertönt, werden

diese hier einen Dienstmann des Heiligen doch wenig ehren, wenn er

ihren Zorn erregt. Harre, bis wir über die Brücken gedrungen sind und

die freie Höhe erreicht haben.«

Sie ritten schweigend durch den dichten Nebel die Fulda entlang. Aber

Immo konnte sein pochendes Herz nicht bändigen, er drängte sein Roß an

das des Alten, ergriff seine Hand und rief: »Mich freut's, daß du durch

den Wechsel aus der Gefangenschaft gelöst bist.«

»Wenig Ehre brachte mir der Tausch,« brummte der Alte, »gegen einen

Pferdedieb ausgewechselt zu werden, ist kränkend genug, mich haben sie

gar für zwei gerechnet. Doch da jetzt ein Sonnenstrahl auf uns scheint,

sollst du dich in einen Kriegsmann wandeln.« Er nestelte einen Bund vom

Sattel. »Wirf dir den Reitermantel um,« dann knüpfte er den Eisenhut

und das Schwert los und reichte beide dem Jüngling. »Hier nimm auch den

Wurfspieß, er ist von den schweren, ich weiß, daß du ihn zu werfen

vermagst. Recht wohl steht dir die Stahlkappe und mich reut nicht,

Immo, daß ich dich im Walde und auf der Heide meine Singweisen lehrte.«

Immo umschlang vom Rosse den Lehrmeister und küßte ihm den grauen

Bart: »Gesegnet seist du, daß du mich zur Reise gewappnet hast,« dann

sprengte er in gestrecktem Laufe vorwärts, wirbelte den Speer, und

während der Tau von seinen Locken träufelte und über die heißen Wangen

lief, jauchzte er dem goldenen Licht des Tages zu.

4.

In der Heimat.

Am nächsten Tage ritt Immo mit Hugbald aus Gotaha, einer Burg des

Klosters, der Heimat zu. Auf beiden Seiten des Weges zogen sich

niedrige, langgestreckte Hügel dahin, die Rücken mit Wald bewachsen,

an den Gehängen die Ährenfelder, deren Frucht sich bräunte. In den

Niederungen dehnten sich zwischen sumpfigen Wiesen große Teiche, die

mit Erlen und Weiden umgeben waren. Zahlreich und ansehnlich waren die

Dörfer der Landschaft, jedes durch Pfahlwerk und breiten Graben oder

durch das Wasser eines Sees gesichert. War ein Dorftor geschlossen,

dann zogen die Reiter auf der Außenseite herum über den Anger, auf

welchem das Dorfvieh weidete, fanden sie ein Tor geöffnet, so sprengten

sie über die Brücke und antworteten auf die Frage des Wächters, der

eilig seinen schweren Spieß aus der Ecke holte und ihnen entgegentrat.

Immo fuhr dahin mit fröhlichem Herzen und unter dem Druck der Schenkel

hob sich sein Roß zum Sprunge.

Vor den Reitern zog sich eine Flurscheide quer über den Weg, ein

breiter Graben, dahinter ein aufgeworfener Wall mit einer dichten

Baumhecke, bei der Brücke ein hoher Grenzhügel, auf dem ein

wettergraues Turmgerüst stand. »Sieh das alte Grenzzeichen meiner

Väter,« rief Immo, »einst war das ganze Land dahinter unser Erbe,

jetzt freilich gehören viele Hufen fremden Herren, dagegen liegen

wieder Höfe, die uns gehören, außerhalb der Mark. Doch ehren wir das

alte Malzeichen.« Er schwang sich vom Rosse, sprang auf den Hügel, riß

blühendes Kraut ab und steckte es an seinen Hut. »So nehme ich Besitz

von dem Lande meiner Ahnen, bezeuge mir's, liebe Sonne, daß Laub und

Gras mir diene.« Am Ufer eines Gebirgsbachs ritten sie wohl eine Meile

dahin, Immo wies auf das klare Wasser und auf die bunten Steine, welche

den Bach von beiden Seiten umsäumten. »Jetzt rinnst du niedrig, Bach

meiner Heimat, und ein Knabe vermag dich zu durchwaten, aber ich kenne

die Macht deiner Strömung, denn im Frühjahr und nach dem Wettersturm

brausest du wild zwischen den Hügeln dahin und oft schlug deine Flut an

die Schwelle unseres Saals und wir hüpften barbeinig im Hofe durch den

wilden Schwall.«

Südwärts zur rechten Hand hoben sich die Hügel steiler, an ihrem

Fuße breiteten sich weite Seen, die Abhänge bedeckte der Laubwald,

dazwischen aber schimmerte bald rot, bald bläulich die nackte Erdmasse

der Berge; auf den Gipfeln stand hier ein Wartturm, dort eine Burg und

wieder eine. »Das ist der rote Bergwall, um welchen mein Geschlecht

sich gelagert hat,« erklärte Immo stolz, »hoch sind die Berglehnen und

steil der Weg zu den Gipfeln, manches Mal haben die Helden dort ihren

Feinden widerstanden.«

An einem Wege, der nach Süden führte, hielten die Reiter und nahmen

Abschied, denn Hugbald sollte nach der Wassenburg vorausziehen; und sie

besprachen das Wiedersehen in den nächsten Tagen.

Als Immo allein war, ritt er in gestrecktem Laufe vorwärts. Vor ihm

lag in der Niederung durch eine Mauer umschanzt der große Hof seiner

Väter, der Bach teilte sich und umfloß den festen Sitz Ingramsleben

von allen Seiten. Viele Gebäude standen innerhalb des Hofes, in der

Ecke ein dicker viereckiger Turm, mit kleinen Fensterritzen, oben mit

Zinnen gekrönt, durch einen Graben von dem übrigen Baue getrennt, er

war die feste Burg des Hofes, in welche sich bei schnellem Überfall

die Hofherren zurückziehen konnten zu ihren Kindern und Schätzen, die

sie dort geborgen hatten. In der Mitte des Hofes aber erhob sich das

Herrenhaus mit hohem Dach, mit einer Laube auf der Sonnenseite und

einer Galerie darüber, um das Haus standen nahe der Mauer zahlreiche

Ställe und Wohnungen der Dienstleute. Außerhalb des Hofes erkannte man

längs dem Wasser die Dächer des kleinen Dorfes, welches dazu gehörte.

Der Reiter hielt vor der Brücke an, ihm pochte das Herz, er neigte

einen Augenblick das Haupt und flehte zu den Heiligen, dann setzte er

mit großem Sprunge durch das offene Tor. Sein Roß stieg, er hob sich

hoch im Sattel und grüßte den Hof seiner Väter.

Still lag der Hof in der Ruhe der ersten Abendstunde, niemand kam, den

Gast anzurufen und das Roß zu halten. Immo lenkte sein Pferd abwärts

den Ställen zu. Dort kauerte auf der Dungstätte des Hofes das Federvolk

in großen Schwärmen, auch der Hahn mit den Hennen saß zusammengeduckt

unter dem Dach der Ställe. Nur der alte Kranich, welcher dem Geflügel

zum Vogt gesetzt war, stand mitten auf dem Strohhaufen, richtete

den Hals hoch auf und wandte seinen scharfen Schnabel dem fremden

Reiter zu. Als aber Immo vom Pferde sprang und fröhlich den Namen des

Kranichs: »Ludiger« rief, da erkannte der kluge Vogel seinen alten

Herrn und vergaß gänzlich seiner Würde, er schrie und rannte mit

ausgebreiteten Flügeln und aufgesperrtem Schnabel dem Sohn des Hauses

entgegen, gerade als wollte er ihn umfangen und schmiegte seinen Kopf

an den Leib des Mannes. Immo aber strich ihm liebkosend den roten

Scheitel, bis der Vogel wieder vergnügt zu seinem Volke lief. Dort

breitete er die Flügel und fing vor der ganzen Gemeinde an sich zu

drehen und zu tanzen, so daß die Hühner gackerten, und das Geschlecht

der Enten und Gänse sich erhob und lautes Schnattern begann, erstaunt

über die Gebärden des ernsthaften Meisters. Alle Vögel schrien und

hinten im Hundezwinger bellten die Bracken. Da sah die alte Dienerin

Gertrud aus einer Seitentür der Halle und rief zurück: »Gutes Glück

steht dem Hofe bevor, Herr Ludiger tanzt vor seinem Volke;« aber im

nächsten Augenblick stieß auch sie einen Schrei aus, lief die kleine

Hintertreppe hinab und umschlang mit ihren Armen den Fremdling.

Aus der Umarmung der Wärterin sprang Immo in den Saal. Von der Schwelle

erkannte er auf dem Herrenstuhl die Herrin des Hofes im braunen

Trauergewande, das Haar mit dunklem Schleier umhüllt, das edle Antlitz

wenig gewandelt in den Jahren seiner Abwesenheit, noch immer so schön

und gebietend, wie er es sehnsüchtig in seiner Seele geschaut hatte.

»Meine Mutter,« rief er außer sich, warf sich zu ihren Füßen, umschlang

ihre Knie und weinte wie ein Kind in ihrem Schoß. Frau Edith wollte

sich heftig erheben, als der fremde Mann zu ihren Füßen niederstürzte,

aber gleich darauf faßte sie sein Haupt mit ihren Händen und drückte

ihn fest an sich. Als der Sohn zu dem Antlitz der Mutter aufsah, hielt

sie ihn an den Locken und sah ihn starr an, während ihr Gesicht sich

rötete. »Ein Mann bist du geworden,« sprach sie erschrocken, aber im

nächsten Augenblick warf sie die Arme wieder um ihn und küßte ihn

auf die Stirne und das Haar, wie die Mutter einem kleinen Kinde tut.

Schnell folgte Frage und Antwort. »Wisse, Immo,« begann die Mutter,

»nicht ganz unerwartet kommst du. In der letzten Nacht hatte ich einen

Traum, gleich einer Verkündigung. Auf meinem letzten Lager fand ich

mich, gelähmt waren meine Glieder und vergebens mühte ich mich, die

Hände zum Gebet zu falten. Da neigte dein Angesicht sich über mich,

im goldenen Schmuck des Bischofs standest du vor mir, um dein Antlitz

strahlte ein heller Schein und du botest mir das Heiligtum. Mich aber

durchdrang ein seliger Friede, wie ich ihn nie gefühlt. Glücklich

ist die Mutter, Geliebter, welcher der Sohn das Tor des Himmelssaals

öffnet.«

Als Immo von seiner Reise erzählt hatte, zog er den Brief des Abtes

aus dem Gewande. »Lies ihn,« sagte die Mutter sich setzend, »du bist

der einzige im Hause, welcher der fremden Schrift und Sprache kundig

ist, darum erkläre mir den Inhalt, damit ich alles verstehe.« Mit

geheimer Sorge öffnete Immo den Brief, ungern wollte er der Mutter

in dem Glück des Wiedersehens Unholdes von seiner Trennung aus dem

Kloster berichten. Aber das Schreiben enthielt nur einen Gruß des Abtes

für Frau Edith, und daß er den Sohn aus der Schule mit seinem Segen

zurücksende, damit er nach eigenem Willen für seine Zukunft sorge.

»Willkommen ist mir die Antwort deines Abtes auf meine Bitte, die ich

durch Vater Reinhard an ihn tat, und alles ist für dich bereitet, damit

du ein Held des Himmelsherrn werden kannst. Doch heute sprich nicht zu

mir von künftigen Tagen, denn sorglos möchte ich mich deiner Heimkehr

freuen.« Sie zog ihn bei der Hand in den Hof und öffnete die Gittertür

des Gartens, in welchem eine Anzahl Obstbäume auf dem Grasgrund stand.

Dort lagerte das junge Geschlecht Irmfrieds. Auf einer Bank saß Odo,

der ältere, einem gereiften Manne gleich, breitschultrig, gemessen in

seinen Gebärden, das rundliche Gesicht mit den vorstehenden Augen und

der bedächtigen Miene ganz ungleich dem Aussehen der andern Brüder.

Diese lagen im Grase, Ortwin, der redegewandte, welcher Sprecher des

Hofes war, summte ein Lied und würfelte dabei auf einem Brettlein mit

sich selbst, der starke Erwin warf sitzend einen Stein, den mancher

andere schwerlich gehoben hätte, unermüdlich in die Höhe und freute

sich, ihn geschickt wieder zu fassen, und Adalmar und Arnfried lagen

langgestreckt einander gegenüber, hielten jeder mit zurückgebogenen

Armen einen Baum umklammert und stießen mit den Beinen einen runden

Fichtenstamm, daß er ruhelos zwischen ihnen hin und her rollte, und sie

lachten laut, wenn der ungefüge Klotz einem von ihnen so gefährlich

nahte, daß es eines starken Stoßes bedurfte, ihn abzuwehren. Aber

seitwärts von den Brüdern übte sich Gottfried mit Hilfe eines alten

Knechts im Speerwurf gegen aufgestellte Bretter, und die Stangen,

welche der Knabe warf, dröhnten kräftig von dem Holze. Die Brüder

sprangen auf, als sie die Mutter erblickten, und Immo sah als stolze

Jünglinge wieder, die er als Knaben verlassen hatte. Sie boten nach

der Reihe dem Bruder Hand und Mund, ihr verlegener Gruß erschien ihm

kalt, nur der jüngste, Gottfried, hing sich an seinen Hals und Immo

lachte, als das rosige Kindergesicht zu ihm aufsah. »Alle seid ihr

stattliche Helden geworden,« rief er, »aber am meisten gewachsen ist

mein Kleiner.« »Im nächsten Jahr erhalte auch ich den Schwertgurt,«

antwortete dieser freudig in seinen Armen.

Aber die Mutter zog den Ältesten wieder zu sich: »Sieh, die Knaben und

die Bäume, sie sind zusammen aufgeschossen.«

»Alles, was unter deiner Hand steht, gedeiht, ich sehe, auch die

Obstträger lohnen der Herrin die Mühe.«

»Die frommen Väter von Ordorf brachten nicht umsonst die Pfropfreiser

zu unserm wilden Holz; wundervoll gewürzig sind die Äpfel, sie trugen

zum erstenmal reichlich in dem Jahre, wo du von uns schiedest, und als

der Herbst kam, hatte ich das Herzeleid, daß du die guten nicht mehr

schmecktest. Dafür sandte ich einen Korb an die hohe Frau Adelheid,

die Kaiserin, welche damals neben unserer Mark ihren Hof hielt. Denn

gütig war sie immer gesinnt und sie freute sich auch über die Früchte

und schenkte mir als Gegengabe eine Büchse mit Balsam aus dem heiligen

Land. Das ist in Wahrheit ein kaiserliches Geschenk, denn es heilt

schnell auch tiefe Schwertwunden und es hat sich an tapferen Männern

hier in der Gegend mehr als einmal bewährt.«

»Zeige mir deine Kunst,« sprach Immo zu Gottfried, »die wohl in kurzem

auch tiefe Wunden schlagen wird.« Der Knabe ergriff die Stangen und

warf herzhaft. »Ich lobe die Treffer,« ermunterte Immo, bald ergriff

er selbst die Gere und sie gellten so stark vom weitgesteckten Ziele,

daß Gottfried freudig die Hände zusammenschlug und die andern Brüder

Beifall riefen.

»Ganz gut gefällt mir, Immo,« sprach Edith zuschauend, »daß du in der

Schule auch Werke eines Kriegsmannes geübt hast. Denn reitest du einst

als ein gewaltiger Herr und Bischof unter deinen Kriegern, dann mußt

du auch die Helden, welche das Schildamt bei dir versehen, durch Gut

und Gaben ehren; und darum ziemt dir zu verstehen, wer am besten seine

Waffe gebraucht.«

Immo legte die Stangen zur Seite und senkte das Haupt.

An dem Gitter stand Gertrud und erinnerte an das Mahl. In der Mitte

ihrer Söhne betrat Edith den Saal, in welchem die Tische gestellt

waren. An der Tür standen gedrängt die Dienstleute, um den Gruß des

Herrensohnes zu erwarten. Während Immo unter sie trat und mit alten

Vertrauten fröhlichen Gruß wechselte, brachte der Truchseß die Speisen

und Trinkkannen. Die Mutter führte den Sohn zum Ehrensitz an ihrer

Seite: »Schmal war die Kost meines Lieblings im Kloster,« sagte sie

lächelnd, »dafür hat er dort das Glück genossen, neben heiligen Männern

zu sitzen. Und ich vertraue, auch du hast dir in deinem Dienst bereits

Ehre erworben.«

»Im Dienst vor den Altären gewinnt ein Schüler geringe Ehre,« versetzte

Immo unzufrieden. »Zuerst sollte ich das Rauchfaß schwenken, doch den

Brüdern gefiel nicht der Schwung meiner Arme. Dann war ich Türsteher

und mit der Keule wachte ich an der Pforte, das unordentliche Volk

abzuwehren, aber auch dieser ruhmlosen Arbeit enthoben mich die Dekane,

weil einige Schreihälse aus der Menge Wehe riefen wegen eingeschlagener

Zähne. Zuletzt las ich manchmal als Lektor vor den kleinen Altären.«

Die Brüder lachten, aber Edith merkte in ihrer Mutterfreude den Ärger

des Sohnes gar nicht und zu ihrem Sitz tretend, bat sie: »Sprich das

lateinische Gebet, das sich in der Stunde ziemt, wo ein Geweihter das

Haus seiner Väter betritt.«

»Ich weiß nur von einem, der als verlorener Sohn nach Hause kam,«

murmelte Immo, und er sprach das lateinische Vaterunser.

Immo saß wieder in dem Saal seiner Väter und sah verwundert in den

großen Raum. Auf dem Fußboden aus geschlagenem Lehm, welcher glatt war

wie eine Tenne, standen die Tische ganz wie sonst, von dem Herrensitz

sah er durch die geöffnete Tür in den wohlbekannten Hof; hinter ihm

und auf den Seiten lief, durch ein geschnitztes Geländer eingefaßt,

die erhöhte Bühne, von welcher zahlreiche Türen nach den Kammern und

Wohnräumen des mächtigen Hauses führten. An den Wänden hingen die alten

Rüstungen und Waffen, Kampfbeute früherer Helden, auf der Bühne im

Hintergrund stand der Ofen und daneben der Herrenstuhl, im Winter der

wärmste Platz, aber ehrenvoll auch im Sommer. Alles war wie vor Jahren.

Auch wenn er seine Mutter ansah und die alten Diener des Hauses, so

dünkte ihm seine Abwesenheit und das Kloster fast nur ein übler Traum.

Wenn er aber die männliche Stimme der erwachsenen Brüder hörte und

die kurzen Reden, die sie während ihrer eifrigen Arbeit am Tische

wechselten, so kam ihm wieder vor, als sei er bei den Erdmännchen in

der Höhle gewesen, viele Jahre lang, denn er merkte, daß ein neues

Geschlecht in dem Saal herrschte.

Nach dem Mahle trat Immo zu seinen Brüdern und suchte ein freundliches

Gespräch, während Frau Edith der Dienerin Gertrud winkte und mit ihr

den Saal verließ.

Als Edith wieder eintrat, setzte ihr die Dienerin den Spinnrocken

neben den Ofen, die Herrin saß auf dem Stuhle nieder und ergriff die

Spindel. »Komm an meine Seite, Immo,« bat sie, »damit ich vertraulich

mit dir rede, wie sonst. Seit du von uns gingst, hat diese Hand manches

Gewebe gesponnen, auch für dich, mein Sohn; ich spann dir gute

Wünsche hinein, und manchmal, wenn ich deiner dachte, lag die Spindel

in meinem Schoß. Denn neben diesem Rocken stand deine Wiege, ich hob

dich heraus und du griffst nach den bunten Bändern am Flachse. Und als

du im Hemdchen laufen lerntest, da kauertest du auf der Fußbank und

warfst deine Beinchen um die Stange. Später sprangst du übermütig um

meine Arbeit, wirrtest mir den Flachs und verkehrtest mir die kreisende

Spindel. Jetzt freilich hast du bei den frommen Vätern gelernt,

ruhig zu sitzen. Sieh dorthin,« unterbrach sie sich selbst, »an dem

Türpfosten haftet noch der Speer mit dem Zeichen deines Wachstums. Denn

am Speer maß euch der Vater, jedem von euch nagelte er einen Schaft an

den Pfosten und in den Schaft schnitt er jedem seine eigene Marke, mit

welcher der Sohn in Zukunft sein Gerät zeichne. Und als das Friedel

sein Maß erhalten sollte, da lachte der Vater, weil er am Pfosten

keinen Raum mehr fand, und schlug den Speer an die zweite Tür, dort

steht er allein. »Denn dem Vater war das Prüfen der Größe in jedem

Jahr eine Freude, obgleich die Alten sagen, daß man die Kinder nicht

messen soll, euch aber hat es nichts geschadet, denn ihr seid alle

hoch emporgeschossen. Tritt an das Maß,« bat sie, und als Immo ihren

Willen tat, rief sie erfreut: »Mehr als eines Kopfes Länge überragst du

das letzte Zeichen und der größte bist du geblieben. So ziemt es sich

auch und ich dachte das immer. Wisse, Immo, in jeder Größe vermag eine

Mutter ihre Kinder zu schauen, wenn sie gerade nicht bei ihr sind. Auch

dich schaute ich in meinem Sinn, ganz klein und wieder größer. Aber

wunderlich war es, wenn ich allein saß, dann hielt ich dich in meinen

Gedanken am liebsten als ein kleines Kind auf meinem Schoß, und ich

freute mich, daß du die Arme zu mir aufhobest, obwohl du doch älter

warst als meine Knaben. Vielleicht sah ich dich so, weil du als kleines

Kind mir gehörtest.«

Immo neigte sich zu ihr und ergriff ihre Hand.

»Wende dich noch ein wenig ab, wenn ich mit dir rede,« bat Edith und

eine feine Röte flog über ihre Wangen. »Denn wenn du mich heut ansiehst

mit den Augen und mit dem Antlitz deines Vaters, dann weiß ich nicht,

du Holder, ob ich deine Mutter bin. Kehre dich doch wieder zu mir,«

rief sie wieder und warf den Arm um seinen Hals, »denn lange habe ich

dich entbehrt und mir war's zuweilen, als ob ich selbst fremd im Hause

sei, weil du mir immer fehltest. Sommer und Winter schwanden dahin,

meine Knaben wuchsen heran, oft machten sie am Abend der Mutter die

Freude, still am Herde zu sitzen, oft trieb sie auch ihr Jugendmut auf

den Höfen der Nachbarn umher. Doch muß ich meine Söhne rühmen, denn

gehorsam und der Mutter treu gesinnt waren meine Knaben alle.«

»Auch ich bin dein Sohn,« rief Immo.

»Ja du,« antwortete Edith und blickte ihn mit strahlenden Augen an. Und

leise fuhr sie fort: »Anders vermag ich mit dir zu reden als mit ihnen,

und als ich dich am Tisch hörte, sprachst auch du nicht wie die Knaben,

denn reichlicher schweben deine Worte von der Zunge und mit fremdem

Klange dringen sie in das Ohr. Doch hört es sich gut an, Immo, und

es macht dich meinem Herzen vertraulich. -- Reich und froh fühle ich

mich heut zum erstenmal wieder, seit mein Gemahl von uns ritt und mir

ist, als könnte ich dir alles Geheime sagen, wie man es am Altare den

Heiligen zuraunt, du liebes Opferkind. Denn du gehörst ja, wenn du auch

unter uns weilst, mehr den Himmlischen an als wir andern.«

Lange Jahre hatte Frau Edith in ihrem Witwenschleier still

dahingelebt, als ernste Gebieterin hatte sie die wilden Söhne gezogen

und über den Dienstleuten gewaltet, ihr eigenes Herz, wenn es heftig

pochte, hatte sie fest gebändigt; jetzt brach in der Freude des

Wiedersehens die Mutterliebe wie ein starker Bergquell aus der Tiefe

ihrer Seele. Dem Sohn schien sie einer begeisterten Seherin gleich,

noch niemals hatte er sie so gehört; er lauschte hingerissen auf den

Klang ihrer bewegten Stimme und doch empfand er geheimen Schmerz bei

den liebevollen Worten.

Die Söhne traten nach der Reihe vor die Mutter und boten den Nachtgruß,

jedem legte sie die Hand auf. Als letzter kam Immo, da stand die Mutter

auf und als er sich neigte, den Segen zu empfangen, umschlang sie sein

Haupt und streichelte ihm Haar und Wange, die Freudentränen in den

Augen. »Führe du ihn zu seinem Lager,« gebot sie der alten Gertrud,

»denn du warst vorzeiten seine Wärterin.«

»Wohin leitest du mich, Mutter?« frug Immo lächelnd, »ich kenne den

Bretterverschlag hinter der Halle, in dem ich sonst schlief.«

»Der würde dir jetzt wenig ziemen,« versetzte die Alte, »denn Frau

Edith hat dir selbst das Lager bereitet.« Sie führte durch den Hof

zu einem stattlichen Bau, der wie eine große Laube aus Stein und

Holz errichtet war und zwei Gemächer nebeneinander enthielt; die

Wände des kleineren Raumes waren mit Teppichen bekleidet, der Boden

mit grünen Binsen bestreut, auf dem Lager weiche Kissen und eine

prachtvolle Decke, über welcher Greifen und andere gestickte Fabeltiere

einherschritten, an der Wand hing ein großes Kreuz, davor war ein

Betpult, eine große Wachskerze erhellte den Raum. Immo stand betroffen

in der Tür. »Ich rieche die Kirche,« rief er, denn ein Duft von

heiligem Räucherwerk erfüllte den Raum.

Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts · 第 5 / 16 题