»Halt,« rief der Befehlshaber, »bergt das Eisen, auch du, Fremdling.
Ich fordere von dir, daß du mir den Brief zeigst, ich gelobe dir, daß
ich ihn zurückgebe und dich, wenn du willst, zu dem Kanzler geleiten
lasse.« Er faßte an den Knopf seines Schwertes, Immo gab dem ruhigen
Befehl zögernd nach. Er zog eine kleine Tasche hervor, die er an einem
Riemen unter dem Gewande trug, und hielt ein geschlossenes Pergament in
die Höhe.
»Gib her, damit ich sehe, ob es ein Brief ist.«
»Schwerlich wirst du die Aufschrift zu lesen vermögen, auch wenn du der
Buchstaben kundig bist, denn die Außenseite ist leer.«
»Du bist ein Bote aus Herolfsfeld,« rief der Kriegsmann, das Siegel
betrachtend und seine Augen blickten scharf nach dem Jüngling. »Haltet
ihn fest.« Er löste das Siegel, entfaltete den Brief und las, während
Immo heftig gegen seine Wächter rang. »Tut ihm nichts zuleide,« rief
er, »es ist Immo, Sohn des Helden Irmfried, und guten Empfang hat er
im Lager des Königs zu erwarten. Halt Ruhe, du Wilder,« setzte er halb
lächelnd, halb unwillig hinzu, als er sah, daß Immo seine Bändiger
bewältigte und den Helden Bernhard wie einen Klotz auf den Rasen warf.
»Der Kanzler hat mir das Recht gegeben, solche Briefe zu lesen; du aber
freue dich des Zufalls, denn er mag dir eher zum Heil als zum Schaden
sein.«
»Wer aber bist du?« versetzte Immo in hellem Zorn, »bei St. Wigbert,
wenn du nicht König Heinrich selbst bist, so hast du grobe Ungebühr
geübt an Herrn Bernheri, an dem Kanzler und an mir und du sollst mir's
mit dem Schwert bezahlen.«
»Da ich hierzu keine Lust habe,« antwortete der Kriegsmann ruhig, »so
denke, daß ich der König bin,« und als er in dem ehrlichen Gesicht
des Jünglings ein maßloses Erstaunen erkannte, welches seltsam gegen
die zornige Gebärde abstach, fuhr er lachend fort: »ob ich's bin oder
nicht, das soll dich jetzt nicht kümmern, frage nicht nach meinem
Namen, du wirst ihn wohl später erfahren, begnüge dich damit, daß ich
dir wohlgesinnt bin und daß ich das Beste mit dir teilen will, was
ich habe.« Er wies auf das schwarze Brot und ein Tongefäß mit Wasser,
welches dabei stand. »Setze dich zu mir wie ein Krieger zum andern,
nachdem du deinen Brief wieder geborgen hast, und beantworte mir die
Fragen, die ich dir tue.«
Immo starrte immer noch erstaunt auf den Fremden, im Anfang war er ihm
nicht ansehnlich erschienen, jetzt sah er einen Mann vor sich, der
etwa zehn Jahre älter war als er selbst, das Gesicht war hager und
bleich, aber zwei gescheite Augen standen darin, deren Ausdruck schnell
wechselte, und den beweglichen Mund umzogen kleine Falten, so daß
der Fremde fast aussah wie Vater Heriger, welcher der beste Vorleser
im Kloster war. Immo beugte sein Knie, um den König zu ehren, aber
der Kriegsmann machte ein schnelles Zeichen mit der Hand. »Bei Wasser
und Brot spare den Königsgruß, bis du König Heinrich in seiner Würde
siehst, setze dich zu mir und gib mir Antwort. Doch vorher muß ich dich
diesen Helden versöhnen. Faßt an eure Schwerter und gelobt einander
keinen Groll zu tragen und den Schwingkampf auf dem Rasen nicht zu
rächen.«
Das taten die Männer und reichten mit geröteten Gesichtern einander die
Hände. »Und jetzt, Immo, verkünde mir, wie kommt es, daß du aus der
übelgesinnten Burg der Wigbertmönche zu König Heinrich reitest; denn
die Leute sagen, daß ihm das Glück nicht hold ist.«
»Herr, wer ihr auch seid,« versetzte Immo, »da ihr gütig zu mir redet,
so will ich euch alles bekennen. Noch vor wenig Wochen sorgte ich nicht
sehr um den König und den Markgrafen, nur daß ich die Klosterregel
ungern ertrug und mich nach dem Schwertamt meines Vaters sehnte. Seit
ich aber über dem Tutilo die Geißel geschwungen hatte und schnell das
Kloster verlassen mußte, rieten mir meine Gedanken, dem Könige zu
folgen.«
Als der Kriegsmann von den Geißelhieben des Tutilo vernahm, begann er
laut zu lachen und schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, so
daß Immo ihn erstaunt ansah und die Ansicht erhielt, dies könne der
König nicht sein. »Er hat den Babenberger mit seiner eigenen Waffe
geschlagen,« rief der Lustige, »wahrlich, jetzt wundert mich nicht,
daß dir im Kloster zu heiß wurde, denn du hast dir dort einen Todfeind
gemacht.«
»Es ist wohl ein Verwandter des Königs,« dachte Immo und schnitt mit
größerer Ruhe in das Schwarzbrot, das ihm der andere hinschob.
»Fahre fort,« sprach der Kriegsmann, »wie waren deine Gedanken, die
dich zum König führten?«
»Nun, Herr, ich dachte, wir sind doch fast in gleicher Lage. Denn auch
von König Heinrich sagen sie, daß er zum Geistlichen bestimmt war, er
aber hat sich das Schwert gewählt.«
»Dafür gehört er zu dem Geschlecht, welches die Krone trägt,«
versetzte der Kriegsmann, »du aber berätst dich übel, wenn du der
Stola zu entrinnen suchst. Fehlt dir die Demut, um den Haarkranz eines
Mönches zu tragen, so wisse, auch der Bischof reitet hoch zu Roß, er
trägt sein Panzerhemd, und manchen sah ich in hartem Gedränge seine
Streiche austeilen; Falken und Jagdhunde fehlen ihm nicht und für
andern Zeitvertreib erhält er leicht Dispens. Dem Könige aber sind die
Bischöfe, die er einsetzt, die treuesten Diener; sie sind die Gehilfen
seiner Herrschaft, denn wenn sie auch Söhne haben, so folgen ihnen
diese nicht auf dem Bischofsstuhl, und der König hat nicht nötig, die
harten Nacken eines Geschlechtes zu beugen, welches seine Herrschaft
widerwillig erträgt.«
»Dennoch hörte ich im Kloster,« antwortete Immo bescheiden, »daß die
Weltgeistlichen mehr um ihre eigene Herrschaft sorgen als um den
Vorteil des Königs und daß sie ebenso begehrlich sind nach irdischem
Gut wie die Mönche. Denn auch diese üben allzuwenig die fromme Sitte
und sie werben und schleichen wegen Hufen und Burgen. Das habe ich
selbst zu meinem Schaden erfahren.«
»Haben sie auch dich schon um deiner Sünden willen geängstigt?« frug
der andere lachend. »Ich weiß recht wohl, niemand versteht so gut
als sie mit Kreuz und Bußpsalmen Land und Gut zu erkämpfen.« Doch
ernsthafter fuhr er fort: »Heilige Männer sind die Mönche, und wir
Sünder vermöchten ihr Gebet nicht zu entbehren, auch die Wohltaten
nicht, welche sie dem Lande spenden. Sieh, wenn du es zu verstehen
vermagst, überall wo sie gleich den Bienen ihre Waben füllen, bändigen
sie den wilden Heidentrotz im Volke, lehren Kunst und schaffen große
Werke. Zuweilen aber werden sie faul im Stock, wenn des Honigs zu viel
ist, und wer es mit dem Lande wohl meint, muß ihnen dann den Honig
nehmen, damit er andern nützt. Vielleicht sind die Söhne Wigberts in
derselben Lage.«
»Es ist doch der König selbst,« dachte Immo und ihm fuhren die Worte
heraus: »So meinte auch Graf Gerhard, da er jetzt dem Wigbert die
Wiesen genommen hat.«
Die Haltung des Kriegsmanns wandelte sich plötzlich. »Was weißt du vom
Grafen Gerhard?« frug er kurz.
Zögernd berichtete Immo, was er die letzten Tage im Kloster erlebt
hatte. Über das Gesicht des Kriegsmanns fuhr wieder ein Lächeln,
während er mit Anteil zuhörte. »Wo weilt Graf Gerhard?« frug er,
»vernahmst du etwas von ihm in den letzten Tagen?« Und als er merkte,
daß Immo zu sprechen zögerte, fuhr ein scharfer Blick wie der eines
Adlers auf den Jüngling: »Wenn du deine Treue für den König beweisen
willst, so rede die Wahrheit. Wo kamst du über den Main?«
»Ich möchte ungern etwas sagen, was dem Grafen zum Schaden gereichen
kann,« versetzte Immo, »dennoch sehe ich, daß es sich nicht bergen
läßt. Er lag mit seinem Haufen am Idisbach auf dem Wege nach dem Süden.«
Der Krieger stand auf. »Gutes verkündest du, und du sollst den Dank
genießen. Denn auf ihn harren wir hier. Wann sahest du sein Lager?«
»Vorgestern abend ritt ich hinaus.«
»Wohl, die Rechnung war genau. Dann können wir heute abend seine
schnellen Reiter erwarten. Wie stark war sein Haufe?«
»Mehr als hundert Rosse zählte ich. Dennoch, Herr, zürnt nicht, wenn
ich Unsicheres sage, er lag auf den Wiesen, ob er aufgebrochen ist,
weiß ich nicht.«
»Was hast du, Jüngling?« frug der Kriegsmann befremdet.
»Als ich wegritt, war gerade die Kunde gekommen, daß dem Könige der
Schatz entführt ist; und darüber war großes Raunen und Umherlaufen im
Lager.«
Der Fremde trat vor Immo, sah ihm fest in das Gesicht, dann faßte er
seine Hand mit eisernem Druck, führte ihn einige Schritt zur Seite und
frug leise: »Du meinst, er zögert deshalb zu kommen?«
»Ich weiß nichts Sicheres, Herr,« versetzte Immo.
»Deine Meinung will ich hören, Jüngling, sprich die Wahrheit, wenn dir
dein Leben lieb ist, denn du stehst vor deinem König.«
Immo warf sich auf die Knie. »Heil sei meinem Herrn!« rief er.