S. Hirzel Verlag Leipzig/1917

[Illustration]

1.

Im Jahr 1003.

Wo die Geisa das Wasser ihrer Quellen in die Fulda gießt, lag zwischen

Wiesen und fruchtbaren Feldern das Kloster Herolfsfeld. Hohe Fürsten

des Himmels waren seine Beschützer, denn die Klosterkirche umschloß

die Reliquien zweier Apostel; doch den größten Eifer für das Gedeihen

des Klosters hatten zwei Gefährten des heiligen Bonifacius bewiesen:

Erzbischof Lullus, der die ersten Mönche auf das leere Feld führte,

und der Heidenbekehrer Wigbert, dessen Gebeine erst viele Jahre nach

seinem Tode im Kloster niedergesetzt wurden, der aber seitdem durch

zahllose Wunder den Ruhm der Stätte erhöhte. Als das stärkste von

seinen Wundern rühmten die Leute, daß in der einsamen Landschaft ein

mächtiges Menschenwerk entstanden war, Türme und hohe Kirchgiebel, um

diese herum eine große Zahl von Gebäuden aus Stein und Lehm, deren

wettergraue Holzdächer wie Silber in der Mittagsonne glänzten. Was

man Kloster nannte, war in Wahrheit eine feste Stadt geworden, durch

Mauern, Pfahlwerk und Graben von der Ebene geschieden. Länger als

zweihundert Jahre hatten die Mönche gebetet, um den Gläubigen Heil und

guten Empfang in jenem Leben zu bereiten, dafür waren sie selbst reich

geworden an irdischem Grundbesitz, den ihnen fromme Christen in der

bittern Sorge um das Jenseits gespendet hatten. Die Burgen, Dörfer

und Weiler, welche ihnen gehörten, lagen über viele Gaue verteilt,

nicht nur im Lande der Hessen, auch unter Sachsen und Bayern, vor

allem in Thüringen. Ein guter Teil des Kirchengutes, das Bonifacius

erworben hatte, darunter die ersten Schenkungen, welche die Waldleute

in Thüringen zur Heidenzeit gemacht, gehörte jetzt dem Kloster, und

wenn der Abt seine Lehnsleute und Hintersassen zu einer Kriegsfahrt

aufrief, so zogen sie dem Lager der Sachsenkaiser zu als ein Heer von

Reitern und Fußvolk, in ihrer Mitte der Abt als großer Herr des Reiches

mit einem Gefolge von edlen Vasallen. Länger als zweihundert Jahre

hatten die Brüder auch mit Axt und Pflug gegen den wilden Wald und

das wilde Kraut gekämpft, hatten unermüdlich die Halmfrucht gesäet,

Obstbäume gepflanzt und Weingärten eingehegt. So waren sie allmählich

große Landbauer geworden, nach Tausenden zählten sie ihre Hufen, ihre

zinspflichtigen Höfe und die Familien der unfreien Arbeiter. Jetzt

saßen sie in der Fülle guter Dinge als eine Genossenschaft von hundert

und fünfzig Brüdern zwischen gefüllten Scheuern und springenden Herden,

sahen vergnügt über die reiche Habe und ordneten selbst als umsichtige

Landwirte das Tagewerk der zahlreichen Gehilfen, deren Häuser im Zaun

ihres Herrenhofes standen oder seitwärts an der Fulda zu einem großen

Dorfe vereinigt waren. Doch nicht allein über Landarbeit, sondern über

alles, was Handwerk und Kunstfertigkeit zu schaffen vermochte, walteten

als Meister die Genossen, welche sich dem Christengott gelobt hatten.

Neben dem Palast des Abtes und den Gasthäusern für Fremde, zwischen den

Viehhöfen und Scheuern, dem Brauhause und den weiten Kellergewölben

erklang der schwere Hammer des Waffenschmieds auf dem Ambos, und

daneben der kleine Hammer des Künstlers, welcher edle Steine in Gold

und Silber zu fassen wußte für Kirchengerät, für kostbare Bücherdeckel

und für Trinkgefäße des Abtes und vornehmer Gäste. Ein Bruder bewahrte

den Schlüssel zu dem Rüsthaus, in welchem die Helme, Schwerter und

Schilde für ein ganzes Heer bereit lagen, ein anderer zählte den

Gerbern die Häute zu, prüfte kunstverständig ihre Arbeit, mischte die

Farbe und kochte die Beize für buntes Leder und Gewand. Und wieder ein

anderer maß die Räume für neue Bauten, verfertigte den Riß und wies die

Maurer an, wie sie den Gewölbbogen schwingen und dauerhaften Mörtel

mischen sollten. Von weiter Ferne her zogen die Leute zum Kloster,

nicht nur um bei den Gebeinen der Heiligen zu beten und durch Gaben

das Gebet der Mönche zu kaufen; auch wer klugen Rat und irdischen

Vorteil begehrte, suchte dort Beistand. Der Kaufmann fand Waren, die er

gegen andere vertauschte, der große Grundherr holte sich den Bauplan

für ein Steinhaus, das er auf luftiger Höhe errichten wollte oder bat

um einen meßkundigen Bruder, der ihm fernes Wasser in seinen Hof zu

leiten und einen Fluß mit steinerner Brücke zu überspannen wußte. Wer

vollends krank war, der neigte sich flehend vor dem Arzte des Klosters

und erhielt aus der Apotheke die Holzbüchse mit kräftiger Salbe und

den ruhmvollen Trank des heiligen Wigbert. Jeder Dürftige und Bettler

im Lande kannte das Haus, denn er war sicher, dort Hilfe gegen den

Hunger zu finden und gutherzige Spende an den nötigsten Kleidern. Was

die einen in ihrer Sündenangst vor den Altären der Heiligen opferten,

um den Himmel zu gewinnen, das vermehrte vielen anderen die Freude

des irdischen Lebens. Aber die Mönche selbst, die sich dem Herrn zu

demütiger Entsagung und Buße geweiht hatten, wurden allmählich stolze

Lehrer und Gebieter in weltlichen Dingen und vermochten nicht mehr mit

der alten Klosterzucht Haus zu halten.

* * * * *

An einem heißen Nachmittag des Sommers lag auf den Stufen des

Hochaltars ein fremder Mönch in stillem Gebet. Stab und Reisehut hinter

ihm ließen erkennen, daß er neu angekommen war; bei dem Reisegerät

kniete ein junger Bruder des Klosters, der ihn begleitet hatte. In

dem Chorstuhl zunächst dem Sitz des Abtes saß der Dekan Tutilo,

welcher Präpositus des Klosters war, ein hoher breitschultriger Mann

mit jähzornigen Augen und buschigen Augenbrauen, er hielt die Hände

nachlässig gefaltet und sah ungeduldig auf den Fremden, dessen Andacht

kein Ende nehmen wollte. Klein war die Zahl der Väter, welche das Gebet

abwarteten, nur wenige der Ehrwürdigsten saßen in den Stühlen, unter

ihnen Heriger, der Kellermeister, ein fröhlicher Mann und Liebling

der Brüder, dem alle gern dienten und der jeden mit freundlicher Rede

gefügig machte, dann der Pförtner Walto, welcher Sprecher des Klosters

war, als kluger Herr wohlbekannt im ganzen Lande; auch die beiden

Alten, Bertram und Sintram, zwei Sachsen, welche mit ihren runden

Köpfen und weißen Haarkronen einander ähnlich sahen wie Zwillinge und

deshalb von den Mönchen im Scherz die Stiefel genannt wurden; sie

waren an einem Tage ins Kloster gekommen, wohnten in derselben Zelle

und arbeiteten beide in den Gärten; was einer wollte, gefiel auch dem

andern und sie wandelten stets zusammen, obgleich sie schweigsam waren

und auch miteinander nicht viel redeten.

Als der Beter sich endlich erhob und mit gesenktem Haupt vor den

Dekan trat, ergriff dieser seine Hand, führte ihn in die Mitte des

Chors und neigte ihm das Ohr zu, in welches der Fremde die geheimen

Worte sprach, an denen die Priester und Würdenträger von der Regel

Benedikts einander erkannten. »Gesegnet sei dein Eingang, mein Bruder

Reinhard,« antwortete der Dekan mit rauher Stimme, welche von der

Decke zurückhallte, und gab den Bruderkuß, worauf der Fremde den

andern Brüdern dasselbe tat. »Nicht mühelos wird das Lehramt sein, zu

dem du aus der Schulstube des Klosters Altaha gerufen bist, denn du

wirst harte Köpfe finden und eine zuchtlose Herde; doch dem heiligen

Wigbert fehlt es nicht an Bäumen, um Ruten daraus zu schneiden. Komm,

daß ich dir unsere Häuser zeige und die Walstatt, auf welcher du den

Krieg gegen die Unwissenheit führen sollst.« Er ging voraus, die Brüder

folgten, zuletzt der junge Mönch mit dem Reisegerät des Fremden.

Tutilo führte in die Klausur, die große Burg des Klosters, welche

zweistöckig inmitten aller Höfe und Gebäude ragte. Sie enthielt die

Wohnungen der Mönche und der geweihten Schüler, die von ihren Eltern

in den Zipfel der Altardecke gewickelt waren, damit sie einst Mönche

würden. Das Haus stand im Viereck um einen freien Platz, von allen

Seiten nach außen geschlossen, nur durch die Kirche war der Eingang

und gegenüber ein Ausgang zu den Küchen und Nebengebäuden. In der

Mitte des Hofes umgaben alte Lindenbäume einen Brunnen, und nach dem

Hofe öffnete sich der ganze Bau, denn ein weiter Säulengang zog sich

am Unterstock den vier Seiten entlang und die Mauer des Oberstocks

erhob sich auf den schön gemeißelten Steinsäulen. Zwischen die Säulen

waren bequeme Holzbänke gestellt, damit die Brüder bei schlechtem

Wetter lustwandeln oder ausruhen konnten, wie es ihnen gefiel. Ganz

verlassen stand das Haus, der Fremde vermochte kein geschorenes Haupt

zu entdecken, obgleich in dieser Stunde die Regel den Brüdern erlaubte,

sich von Arbeit und Gebet zu erholen. Tutilo merkte die suchenden

Blicke des Bruders und auf den Säulengang weisend, erklärte er: »An

anderen Tagen würdest du die Hände oft rühren müssen, wenn du die Menge

der Brüder und Schüler an den Fingern abzählen wolltest, heut aber sind

sie ausgezogen. Die letzten Tage waren schwül, ein Wetter droht und

das ganze Gesinde des heiligen Wigbert arbeitet im Heu. Dies ist alter

Brauch des Klosters, er stammt, wie sie sagen, aus der Zeit der ersten

Väter, jetzt freilich ist die Fahrt mehr ein Fest als eine Arbeit. Bald

wirst du ihr Gewimmel merken, wenn sie zurückkehren.«

Als sie die innern Räume betraten, sah der zugewanderte Bruder in

dem großen Refektorium einen Kredenztisch mit schönen Bechern und

Trinkkannen, darunter nicht wenige von edlem Metall, und als er in

einen Gang kam, an welchem Zellen der Brüder lagen, erblickte er durch

die offenen Türen große Stühle mit seidenen Kissen belegt, auf den

Lagerstätten weiche Kopfkissen und lodige Decken von buntgefärbter

Wolle, die mit gestickten Borten eingefaßt waren, daneben große Truhen

und metallene Leuchter mit Wachslichtern oder schwere vergoldete

Lampen, auf einem Tische sogar ein Brettspiel mit geschnitzten Männlein

und Tieren, so daß er merkte, wie die Mönche unter Gerätschaften,

die sie sich selbst erworben hatten, ganz gemächlich hausten. Und

Reinhard, obwohl er als Mönch gewöhnt war, seine Zunge zu hüten, konnte

den Ausruf nicht unterdrücken: »Gleich weltlichen Fürsten wohnen die

Knechte des Heiligen.«

Tutilo merkte das Mißfallen, aber er erwiderte stolz: »Auch ich meine,

daß unsere Brüder ihr Haupt hoch tragen dürfen, wenn sie sich mit den

Weltleuten vergleichen. Doch was du hier von eigenem Gut der Brüder

etwa gesehen hast, gehört nur den Dekanen und den Alten, denn diese

allein haben die Lizenz.«

Der Fremde senkte schweigend das Haupt. Tutilo winkte dem jungen Mönch

zurückzubleiben, zog einen großen Schlüssel aus der Tasche und öffnete

in dem Kreuzgang eine niedrige Pforte, die er hinter seinen Begleitern

wieder verschloß. Sie standen in dem Hofe der Abtei zwischen Ställen

und Vorratshäusern vor einem stattlichen Holzbau, um den ein Laubengang

führte. Doch auch hier war alles leer, die Lichtöffnungen des Hauses

waren mit Fensterglas und Blei verschlossen, aber die Scheiben waren

erblindet und manche Raute war zerschlagen. »Du weißt ja wohl,« fuhr

Tutilo mit düsterer Miene fort, »daß Herr Bernheri, unser Abt, es

verschmäht, unter den Brüdern zu wohnen. Dort oben auf dem Berge St.

Peter hat er sich eine eigene Zelle stattlich hergerichtet, dort haust

er mit denen, die ihm am liebsten sind, und selten betritt sein Fuß

diesen Herrenhof. Oben hört man's deutlicher, wenn der Auerhahn balzt

und der Hirsch schreit. Wir aber in der Tiefe harren der Gebote, welche

er aus der Höhe zu uns sendet. Hier beginnt wieder dein Reich,« fuhr er

fort und geleitete in einen andern umhegten Hof. »Hier ist die äußere

Schule, worin die Schüler zu übermütigen Weltgeistlichen erzogen

werden; dreißig Scholastiker zählte das Kloster, erst seit dem Tode

deines Vorgängers hat sich die Zahl vermindert. An der ersten Bank

sitzen nur Söhne von Edlen, meist Thüringe und Hessen, trotzige Knaben

sind darunter, ungern fügen sich die stolzen darein, im Kloster zu

dienen.«

»Schwingen auch sie heut das gedörrte Gras?« frug der Fremde.

»Einen wenigstens magst du sehen,« versetzte der Kellermeister Heriger

leise und wies nach der Höhe. In dem Schalloch des Glockenturmes saß

ein Jüngling und starrte hinaus auf die Höhen im Osten, ohne die Mönche

im Hofe zu beachten. »Es ist Immo, der Thüring, er hängt oft dort oben

und immer sieht er nach derselben Himmelsseite, weil dort seine Heimat

liegt!«

Reinhard maß den Jüngling mit einem schnellen Blick: »Erkenne ich

ihn recht auf seinem luftigen Sitze, so sieht er mehr einem jungen

Kriegsmann ähnlich, als einem Schüler, der auf das heilige Öl und die

Stola hofft.«

»Du wirst ihn wild und tückisch finden,« versetzte Tutilo. »In den

ersten Jahren hat ihn unser Herr Bernheri verzogen, jetzt tun ihm

Hunger und Geißel not, und du würdest ihn vielleicht im Keller auf

dem Stroh erblicken, statt dort in hoher Luft, wenn die Brüder nicht

allzuoft an das Verdienst seines Ahnherrn dächten.«

»Denn wisse, mein Bruder,« fuhr Heriger fort, »er ist aus dem

Geschlechte eines seligen Helden, der, wie sie sagen, zugleich mit dem

heiligen Bonifacius von den Heiden erschlagen wurde. Sein Ahnherr war

es, zu dem der Heilige in der Todesnot seine letzten Worte sprach,

welche in den Büchern geschrieben stehen: Wirf dein Schwert von dir!

Und darum haben auch von je die Männer und Frauen seines Geschlechtes

unser Kloster mit Hufen und Gaben ausgestattet.«

Gegenüber dem Schülerhause lag der Kirche angebaut die Bibliothek und

die Stube der Schreiber. Der Fremde betrat ein kahles Gemach; die

beiden Fenster waren durch Glas und Blei verschlossen, aber große

Spinnengewebe hingen an Wand und Rahmen, und durch die Scheiben drang

nur ein trübes Zwielicht, so daß eine brennende Lampe das Beste

tun mußte, um den Raum zu erhellen. Vor der Lampe saß am Pult ein

schreibender Mönch. Langsam erhob er sich, als die Brüder eintraten,

und noch während er den Ankömmling begrüßte, waren die kleinen Augen in

seinem runzligen Gesicht auf die Pergamentblätter gerichtet.

»Willst du deinen Augen Pönitenz antun, Vater Gozbert,« begann Tutilo

verwundert, »daß du das Sonnenlicht aussperrst?«

»Es muß ein dunkler Nebel in der Welt sein,« versetzte der Mönch, »denn

es will nicht hell werden.«

»Nicht der Nebel ist es, der dir das Licht raubt, sondern die Bosheit

anderer,« rief Tutilo, das Fenster öffnend, »sieh her, die Scheiben

sind von außen durch trübe Farbe verdunkelt und merke, jemand hat dir

einen üblen Streich gespielt.«

»In Wahrheit, draußen scheint die Sonne,« sagte der Mönch, »ich erkenne

Lehm und Kienruß an den Scheiben.«

»Ich aber weiß, wer die Ungebühr gegen dich geübt hat, entweder selbst

oder durch die Jungen,« sagte Tutilo, »denn der Scholastikus Immo

leitet die Knaben zu vielem Frevel an. Doch sein Maß ist voll.« Und auf

Reinhard blickend fuhr er fort: »Vater Gozbert ist ein Künstler in der

Schrift, wenige verstehen sich besser auf jede Art von Duktus.«

Gozbert ging zu einem Bücherbrett, schlug einen Kodex auf und zeigte

mit Selbstgefühl die Blätter, auf welche Buchstaben mit bunten Farben

gemalt waren.

»Ich sah selten so leuchtendes Gold so wohl geglättet,« lobte der

Fremde.

»Durch den Stein Achates,« erklärte Gozbert und blätterte zum Anfange

zurück, dort war als großes Bild ein Kaiser auf seinem Stuhl und zur

Seite vier Frauen, tief gebeugt mit seltsamen Kronen auf dem Haupt,

jede eine Mulde in den Armen, worin etwas Undeutliches lag, darüber

standen die Namen von vier Ländern, welche zum Reich gehörten. »Ich

selbst habe den Weibern die Verneigung erdacht,« sagte Gozbert stolz,

»denn in der alten Handschrift, die wohl noch aus der Urzeit der Römer

stammt, standen sie gerade.«

»Niemand merkt, daß es das Gesäß des Vaters Sintram ist, welches

Gozbert viermal gebildet hat,« erklärte Heriger mit lustigem

Augenzwinkern, »denn Sintram mußte oft gekrümmt stehen mit den Händen

am Türpfosten, während Gozbert zeichnete.« Der Schreiber warf einen

mißbilligenden Blick auf den Sprecher und zeigte mit dem Finger auf das

rötliche Gesicht des Kaisers. »Herr Otto der Rote seligen Andenkens.«

»Ich aber will unsern Vater rühmen,« fuhr Heriger fort, »denn

schwerlich wird man einen Schreiber unter den Lebenden finden, welcher

mehr geschrieben hat; vierzig Jahre lang schreibt er bei uns jeden Tag

im Sommer und Winter; fünfzig Bücher bewahrt das Kloster von seiner

Hand und nicht wenige sind zum Tausch gegeben gegen andere.«

Gozbert neigte bescheiden den Kopf während des Lobes, aber seine

kleinen Augen glänzten. »Wenn es mir nur nicht an Pergament gefehlt

hätte,« sagte er, »und an Büchern zum Abschreiben.«

»Vielleicht wird es möglich, daß du von dem Kloster, aus dem ich komme,

ein gutes Buch geliehen erhältst,« tröstete Reinhard.

»Was es auch sei,« versetzte Gozbert erfreut, »ich schreibe es gern,

wenn du oder ein anderer Gelehrter mir sagt, daß keine Sünde darin

steht. Denn die heiligen Namen zeichne ich mit Rot aus und die Übles

bedeutenden Namen in den profanen Büchern habe ich immer weggelassen,

so oft ich ihre Tücke merkte. Manche Nacht habe ich in Ängsten gewacht

und oft hat mir beim Schreiben geschaudert, ob ich nicht vielleicht

etwas schreibe, was dem Heil meiner Seele schaden könnte. Endlich bin

ich gewarnt worden, daß ich die sündigen Bücher meide.« Er schlug das

Kreuz und wandte sich geheimnisvoll zu dem neuen Mönche, während die

andern, welche die Lieblingsgeschichte des Alten wohl kannten, einander

bedeutsam ansahen. »Merke auf jenen Holzkrug, mein Bruder,« fuhr

Gozbert fort, »in welchem ich mein Trinkwasser bewahre. Ein Deckelkrug,

diesem gleich, stand an derselben Stelle, als ich gerade einiges von

dem Heiden Ovidius schrieb. Da hörte ich hinter mir den Deckel klappen,

ich wandte mich um und mein Haar sträubte sich, der Krug stand still,

aber zuweilen hob sich der Deckel und schlug wieder abwärts, wie von

innerer Gewalt getrieben. Ich rief die Heiligen zu Hilfe, plötzlich

sah ich zwei Hörner aus dem Krug ragen und wieder verschwinden. Im

Entsetzen stieß ich den Krug um und sogleich sprang der teuflische

Geist, einem kleinen Tier mit Hörnern ähnlich, aus dem Holz, fuhr in

dem Zimmer umher und endlich durch den Türritz hinaus, indem er bösen

Nebel und Gestank zurückließ. Ich aber erkannte die Warnung.«

»Hätte der böse Geist nicht den Dampf zurückgelassen,« bemerkte

Heriger, »so würden manche vermuten, daß es ein junger Hase gewesen

sei, den der Thüring Immo heimlich in den Krug unseres Vaters gesetzt

hatte.«

»Es war der Teufel,« versetzte Gozbert unwillig. »Seitdem schreibe ich

nur heilige Bücher.«

»Du hast sicher das beste Teil erwählt, mein Vater,« tröstete Reinhard

grüßend, und sie schieden aus der Zelle. Der Schreiber aber setzte sich

wieder zu seinem Pult; oben webte die Spinne und unter ihr schrieb der

Mönch.

Tutilo wurde gesprächiger, als sie die Höfe betraten, in denen

die Arbeiter des Klosters unter Aufsicht der Mönche für Handwerk

und Landbau tätig waren. »Du siehst, Bruder,« begann er das Haupt

erhebend, »nicht gering ist das Haus des heiligen Wigbert, sein Segen

hat die Keller und Scheuern gefüllt, wie gierig auch die Grafen und

Dienstmannen ihre Fäuste nach Äckern und Herden ausstrecken. Und jetzt,

da ich dir die Türen geöffnet habe und deinen Herdsitz gewiesen, jetzt

berichte auch du, wenn dir gefällt, was du außerhalb des Klosters

erfahren hast, denn wildes Gerücht geht durch die Lande, daß die Kinder

der Welt in neuem Zwist gegeneinander toben.«

»Zürne nicht, mein Vater, wenn ich deinem Willen nicht auf der Stelle

genüge,« versetzte Reinhard demütig, »du selbst weißt ja am besten, daß

der Mund des Bruders, der aus der Ferne kommt, verschlossen sein muß,

bis die Erlaubnis des Herrn Abtes ihn öffnet.«

Der helle Zorn flammte aus Tutilos Augen. »Statt des Abtes stehe ich

hier und mein ist das Recht, dir die Zunge zu lösen.«

Reinhard warf sich schnell vor ihm auf den Boden und flehte die Hände

erhebend: »Verzeih, mein Vater, daß ich dir Unmut erregte, da ich

dir Gehorsam schuldig bin im Staube; nur was die heilige Regel mir

gebietet, meinte ich zu tun. Selbst wünsche ich, daß du alles wissest,

denn schwere Kunde bringe ich aus dem Lande, aber auch dir würde es

gefallen, wenn du der Abt wärest, daß ich eher dir als andern die

Botschaft verkündete.«

Tutilo blickte finster auf seine Begleiter, aber er sah an den

verlegenen Mienen, daß sie das Recht des Flehenden erkannten, darum

schwieg er und ließ den Mönch zu seinen Füßen liegen, bis Heriger,

der Kellermeister, begann: »Da der Bruder sich nach Gebühr demütigt,

so rate ich, daß du selbst ihn nach St. Peter zu unserm Herrn Abt

begleitest, damit auch wir erfahren, was dem Kloster zum Heil oder

Unheil werden mag; vor allem aber, daß du es wissest, da du jeden Tag

um unser Wohl zu sorgen hast.«

Tutilo wandte sich unfreundlich nach dem Sprecher, aber er bezwang

sich und antwortete dem Liegenden mit einer Stimme, der man den Ärger

wohl anmerkte. »Ungern wandle ich aus der Pforte nach jener Höhe,

doch will ich dein Gewissen, mein Bruder, nicht beschweren. Erhebe

dich und harre mein an dem Tore. Du aber, Walto, gebiete, mein Roß zu

satteln, damit ich die Befehle unseres Herrn auf der Höhe erbitte.«

Er wandte sich ab und hörte nicht darauf, wie der Kniende sich dem

Gebet der Brüder empfahl. Reinhard erhob sich hinter dem Rücken des

Präpositus und schritt mit gesenktem Haupt neben dem Pförtner dem

Ausgange des Klosters zu. Tutilo aber entließ die Brüder, welche ihn

begleitet hatten und sprach zu seinem Vertrauten Hunico: Ȇbles

weissagt die fremde Biene in unserm Stock. Der Narr ist von der neuen

Zucht, welche die Füße küßt und Faustschläge in den Nacken gibt, er

wird die Becher der Brüder zählen und um einen gekochten Kalbskopf die

Geißel schwingen. Wer so willig ist, sich in den Staub zu werfen, der

wird auch dem König und den Grafen nicht widerstehen, wenn sie uns die

Zehnten und Hufen nehmen und das Heiligtum kahl machen, wie es zur Zeit

des Lullus war, wo die Brüder sich selbst an den Pflug spannten und ihr

gutes Glück priesen, wenn ihnen ihr tägliches Pfund Brot ohne Abzug

gereicht wurde. Ich aber meine nicht umsonst die Speicher gefüllt zu

haben, kommt es zum Kriege, so suchen auch wir einen neuen Abt, welcher

das Kloster erhöht und nicht erniedrigt; denn es leben wenige Fürsten

im Reiche, die so stark sind als wir sein könnten, wenn ein Mann auf

dem Abtstuhl säße und nicht ein Schwächling.« Er schritt gewaltig in

die Klausur, sich zu der unwillkommenen Fahrt zu rüsten.

Während die ansehnlichen Führer der Brüderschaft durch die Höfe

wanderten, schlich der junge Mönch, welcher den fremden Bruder geleitet

hatte, unbeachtet in die Kirche zurück, neigte sich vor den Altären,

glitt die Säulen entlang, und öffnete im Vorhofe den Eingang einer

hölzernen Galerie, welche aus der Kirche zu dem Glockenturm des

Erzengels Michael führte. Er stieg die Wendeltreppe hinauf bis zu dem

Bodenraum unter den Glocken. Dort stand der Altar des hohen Engels, der

im Federhemd in den Lüften waltete und den Wetterschlag vom Glockenturm

abhielt. Indem der Mönch sein Gebet murmelte, rief von oben eine helle

Stimme: »Rigbert, sei willkommen.« Der Mönch hob warnend den Finger,

kletterte die steile Stiege hinauf, welche zu dem Glockenstuhl führte

und stand wenige Schritte von dem Jüngling Immo. Dieser saß in dem

Schalloch auf schmalem Brett, das für eine Dohle bequemer war als für

einen hochgewachsenen Mann und beobachtete ungeduldig das Nahen des

Mönches.

»Du kommst aus Thüringen, seit Mittag erwarte ich dich; der Dienstmann

Hugbald ritt an euch vorüber und brachte die Kunde in das Wächterhaus.

Du sahest die Quellen der Waldbäche springen, du hörtest wie der

Bergwind weht, und wie das junge Volk der Thüringe unsere Reigen auf

dem Anger singt. Was weißt du mir zu sagen aus den Waldlauben?«

»Noch rinnen die Quellen vom Rennstieg zu Tale, und die Waldaxt klingt

an den Baumstämmen. Aus Erfurt, dem großen Markte, ritt mein Reiseherr

Reinhard nach der Zelle unserer Brüder in Ordorf, auf dem Wege rasteten

wir in einem Edelhofe.«

Eine heiße Röte fuhr dem Schüler über das Gesicht und mit heller Stimme

rief er, die Hand gen Osten hebend: »Ich meine, das war der Hof meiner

Väter.«

»Wir wurden wohl empfangen von der edlen Hausfrau.«

»Das war meine Mutter,« schrie der wilde Knabe und wandte sein Antlitz

von dem Mönche ab, weil ihm Tränen über die Wangen liefen. »Sprich mir

von ihr,« fuhr er nach einer Weile fort und kehrte sich wieder dem

Mönch zu.

»Sie erschien mir als eine heilige Frau und einer Fürstin sah sie

gleich, obgleich sie schmucklos in Witwentracht vor uns stand.«

»Mein Vater starb an seiner Wunde in fernem Land und der Sohn vermochte

nicht ihn zu rächen. In den Kerker bin ich gesteckt. Unselig ist die

Hand, die das Rauchfaß schwingt statt des Eisens.«

»Mehr hilft deiner Seligkeit der Rauch am Altar als die wilden Worte,«

mahnte der Mönch.

»Du freilich trägst geduldig die braune Schafwolle, die sie dir

gesponnen haben.«

»Mich hat meine Mutter, da ich ein Kindlein war, dem Heiligen auf den

Altar gelegt, weil sie das Liebste dem Himmel weihen wollte, und meine

Heimat ist seitdem im Gotteshause.«

»Auch mich haben sie, da ich noch ein Knabe war, zum Dienst des Altars

bestimmt, obgleich ich das erstgeborene Kind war und ein Recht hatte,

das Banner meines Vaters zu führen. Aber dem Vater wurde der Vorsatz

leid, denn du weißt ja wohl, meine Fäuste sind nicht gemacht, Feder

und Gebetbuch zu halten, sondern Schildrand und Rosseszügel. Zu einem

Kriegsmann wurde ich erzogen, obgleich der Mutter Böses ahnte, bis

mein Vater mit dem jungen Kaiser Otto nach Italien zog und in die

Gefangenschaft der treulosen Griechen geriet. Da kam die Angst in

unsern Hof, schöne Hufen mußte die Mutter dem Kloster verkaufen, um

das Lösegeld für den Vater zu finden, und nicht die Hufen allein, auch

den Sohn rieten die frommen Väter zu spenden, damit die erzürnten

Heiligen sich des Vaters wieder erbarmten. Ich trug damals mein erstes

Panzerhemd, jetzt trage ich dies mißfarbige Kleid eines dienenden

Schülers und fahre in dieser großen Mausefalle wie eine gefangene Ratte

längs den Brettern dahin. Den Vater haben die Heiligen doch nicht

heimgeleitet, ich aber bin gefesselt.«

»Wie mochten sie ein Opfer gnädig empfangen,« antwortete der Mönch

traurig, »das so unwillig sich gegen den Altar sträubte.«

»Zu Rosse wäre ich für sie geritten bis an das Ende der Welt, aber

auf den Knien gleiten über den glatten Stein, das kann ich nicht.

Denn meine Ahnen dachten hoch und ich stamme aus einem Geschlecht von

Kriegern.«

»Und doch sollte deine Dienstbarkeit mild sein, du Begehrlicher, der

immer an die Freuden der Welt denkt. Nicht Mönch solltest du werden,

sondern ein üppiger Kanonikus, der seidenes Gewand trägt, hoch zu Rosse

sitzt und mit den Frauen kost wie ein anderer.«

»Warum trage ich nicht das weiße Gewand?« frug Immo zornig. »Andere,

die noch jünger sind in der Klosterschule, werden dadurch doch ein

wenig getröstet. Doch ich weiß wohl, teuer ist solche Gunst und niemand

von den Meinen zahlt einem Bischof den Preis für die weiße Leinwand.

Aber hätte ich auch, was du für mich ersehnst, du weißt, die Fledermaus

ist ein unholdes Tier, sie ist nicht Maus, nicht Vogel; und ich bin von

dem Geschlecht, welches bei Sonnenschein sich über die Flur schwingt.

Was sahst du noch, Rigbert, in unserer Halle?«

»Von dem Söller wies Frau Edith meinem Reiseherrn die Kapellen der

Umgegend; und als die Glocken hier und da läuteten, weil die Sonne im

Mittag stand, brach aus dem Gehölz eine Schar Reiter, alle auf hellen

Rossen.«

»Das waren meine Brüder,« rief Immo, »das ist unsere Zucht.«

Der Mönch nickte bestätigend: »Frau Edith sprach freudig zu dem

Priester: Sieh, Reinhard, das sind meine sechs Nestlinge. Sie kommen,

das Futter zu picken. Ist's nicht ein kräftiger Flug?«

»Und die Dohle sitzt hier im Turmloch,« rief Immo dazwischen.

»Sie rauschten heran wie durch die Luft getragen, sechs feurige Reiter,

wild flog ihr Haar durch die Luft, waren sie mit Vögeln zu vergleichen,

so waren sie doch nicht als Waldsänger zu erkennen, denn scharf stachen

ihre Augen.«

Immo lachte erfreut. »Mich verdrießt's nicht, wenn du die Männer meines

Geschlechtes mit Habichten vergleichst; ich hoffe, die Knaben werden

ihre Fänge erweisen. Sahest du das Roß, auf dem mein jüngster Bruder

ritt, der kleine Gottfried, den wir Friedel nennen? Ein Knabe war

Friedel, da ich vor sechs Jahren von Hause scheiden mußte, er schlang

die kleinen Arme um meinen Hals und weinte bitterlich, und als ich von

der Schwelle wich, rannte er mir schluchzend nach und zog an meinem

Gewand, mich festzuhalten. Ich hob ihn auf das Roß, das mir gehörte,

gab den Zügel in seine Hand und raunte dem Hengste zu, daß er dem

Kleinen zugetan sei. Niemand hat mir gesagt, wie das Roß ihm dient. Du

mußt es gesehen haben, Rigbert, wenn du auch ein Mönch bist. Es ist

ein sächsisches Pferd aus der Zucht des Königshofes, die Farbe ist

ganz weiß und Mähne und Schweif glänzen wie Silber. Sahst du das Roß,

Rigbert, so sprich.«

»Wohl sah ich das seltene Tier.«

»Zwölfjährig ist es jetzt,« fuhr Immo eifrig fort, »und es mag meinen

Friedel noch tragen, wenn er das erste Mal in die Schlacht reitet;

denn ein altes Roß und ein junger Held, sagt das Sprichwort, gehören

zusammen. Wie saß das Kind auf meinem Rosse?«

»Sah ich recht, so trug das Roß den ältesten deiner Brüder, den sie Odo

nennen.«

Immo sprang wie ein wildes Tier aus der Luke hinab auf die Stiege und

packte den Mönch. »Odo, sagtest du, der jetzt Erbe ist an meiner

Statt. Mir nahm er die Hufen und die Herrschaft im Lande, jetzt

entwendet er auch dem Bruder mein letztes Geschenk. Vergessen bin ich

und verachtet ist mein Gedächtnis und im Knechtdienst lebe ich wie

einer, den sie im Kriege gefangen haben.« Er warf seinen Leib dröhnend

gegen die Holzwand, ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihm die

Glieder.

»Ganz töricht gebärdest du dich, Immo. Wie darfst du den Bruder

schelten? nicht er hat dich zu uns gebracht und ein Zufall kann gewesen

sein, daß er das Pferd tauschte.«

Immo aber antwortete nicht und der Mönch harrte schweigend, bis der

heftige Anfall vorüber war. Endlich richtete sich Immo auf und frug

ruhiger: »Bringst du mir Botschaft von der Mutter?«

»Den Segen deiner Mutter trägt dir Vater Reinhard zu, wenn der Herr Abt

es gestattet. Achte darauf, Immo, daß du dem Fremden gefällst, denn

wisse, als Meister der Schule ist er in dies Kloster gesendet und von

morgen ist er dein Herr.«

»Er wird widerwillige Diener finden in der äußern Schule. Ist er ein

Geselle wie der arge Tutilo?«

Der Mönch sah unruhig um sich. »Du sprichst lauter als in Klosterwänden

geziemt,« und bittend fuhr er fort: »Immo, du hast mir Güte erwiesen,

seit du unter den Dächern des heiligen Wigbert umherfährst, und du hast

mir erlaubt, dein Geselle zu sein, soweit ich aus der Klausur dir die

Hand durch den Zaun zureichen durfte; laß dich jetzt mahnen an unsere

Treue in der Schule. Liebst du dein Leben und dein Glück und wünschest

du Gutes für die Tage deiner Zukunft, so füge dich dem neuen Lehrer;

denn soweit ich ihn erkenne, ist er von mildem Herzen, aber von der

strengen Zucht, und ich meine, es kommt eine andere Zeit auch für die

Höfe des heiligen Wigbert. Vieles hörte ich raunen in den Zellen der

Brüder, als wenn wir alle hier zu wenig nach der Regel lebten.«

Immo lachte. »Sage das den Vätern. Ich sah vorhin durch das Schalloch,

wie sie um die Heuhaufen im Reigen sprangen, und sie hielten die Mägde

des Dorfes an der Hand.«

»Schweig,« raunte der Mönch, »war das Tun nicht gut, darüber im Kloster

zu sprechen ist Frevel, nicht uns allein steht Fasten und Rutenschlag

bevor; mit den Scholastikern werden sie anfangen.«

»Unsere Fleischkost ist mager,« spottete Immo, »wollen sie uns gebieten

zu fasten, so müssen wir den alten Katerweg über die Dächer wandeln,

du kennst ihn ja wohl?« Der Mönch bekreuzigte sich. »Dann laufen wir

zur Nacht in den Wald und beschleichen das Wild. Manchen Bock haben wir

im Holze gebraten und du kennst ein Loch im Zaune, durch welches gute

Bissen auch in die Klausur gereicht wurden.«

Flehend sah der Mönch den Spottenden an: »Ich habe es gebeichtet und

gebüßt.«

»Ich hoffe, die Pönitenz war nicht hart, Bruder Rigbert,« lachte Immo,

doch herzlicher fuhr er fort: »Ich weiß, daß du mir in guter Meinung

rätst und will mich wahren, so sehr ich kann. Doch jetzt erzähle,

Landsmann, von deinem eigenen Vaterhause im freien Moor, das sie

Friemar nennen. Wie lebt Baldhard der alte, dein Vater, und Sunihild,

deine Mutter? Manchen Trunk Milch bot sie mir, so oft ich durch das

Dorf ritt und an ihrem Zaune hielt und manch warnendes Wort sprach dein

Vater, das ich ungern vernahm, obwohl er recht hatte. Aber ich mußte

ihn mit Ehrfurcht hören, wegen seines weißen Haars und weil er meinem

Vater wert war. Wenn er in unsern Hof kam, erhielt er immer den besten

Herdsitz; denn es ist, wie du weißt, von alter Zeit gutes Vertrauen

zwischen dem Edelhof und dem Freihof.«

»Ich sah das Dach meiner Eltern ragen, Vater und Mutter sah ich nicht,«

klagte Rigbert leise; Immo starrte ihn erstaunt an. »Für mich war

geschrieben, du sollst Vater und Mutter verlassen; ich wandte das

Gesicht ab, als ich das Haus zwischen den Linden erkannte, damit den

Heiligen meine Entsagung gefalle und mein Gebet für die Eltern Erhörung

finde.«

Immo fuhr wieder mit einem Satze von dem Gefährten weg auf den Balken

der Turmluke und starrte schweigend ins Freie. Als er sich nach einer

Weile umwandte, bemerkte er mißfällig das gesenkte Haupt und die

gefalteten Hände des Mönches, und begann ungeduldig: »Merke wohl,

Rigbert, dürftig ist die Kunde, die du mir aus der Heimat zuträgst.«

»Vater Reinhard bringt üble Neuigkeit von den Gütern in Thüringen,«

versetzte Rigbert vorsichtig.

»Hat der Hof meiner Mutter Frieden mit den Nachbarn?«

»Sorglos weidete man in deiner Heimat die Herden und ohne Wächter

arbeiteten die Leute auf dem Felde. Nur deine Mutter sprach bekümmert

mit Vater Reinhard.«

»Du spendest dürftigen Trank wie ein karger Wirt, ich muß dich

unfreundlich schelten.«

»Viel mehr habe ich dir gesagt als mir zu sagen recht ist. Nur weil ich

noch meine Reisekutte trage, getraute ich mich so mit dir zu sprechen.

Wenn die Väter heute abend zur Hora rufen, dann flehe ich die Brüder

fußfällig an, daß sie alle für mich wegen meiner Reisesünden beten,

dann hoffe ich, wird ihr Flehen auch meiner Schwatzhaftigkeit die

Vergebung gewinnen. Sonst spräche ich nicht mit dir, wie ich jetzt

getan. Daran denke, Immo, und zürne mir nicht.«

»Gutwilliger als du will ich dir verkünden, was wir hier im Kloster

vernahmen,« begann Immo versöhnt. »Ein Heereszug steht bevor und

gewaltiges Getöse von Speer und Schild. Die Herrschaft des neuen Königs

Heinrich, dem die Völker im vorigen Jahre den Herrenstuhl erhöht haben,

zerreißt in Stücke, sein ganzes Reich gleicht unserer Eisbahn auf der

Fulda, als sie beim Tauwind brach. Überall schlagen die Eisschollen

gegeneinander. Täglich erzählen in unsern Herbergen die Gäste und die

armen Wanderer, daß alles schwankt, was fest war. Der streitbare Held

Hezilo, der Babenberger, hat sich machtvoll gegen den König erhoben,

mit ihm verbunden ist der eigene Bruder des Königs, dann der tapfere

Graf Ernst, von dem alle Spielleute singen, auch die Slawenherzöge

und viele Fürsten des Reiches. Die Mönche behaupten, daß der König

geringe Hoffnung hat, seinen Feinden zu widerstehen. Die Grafen hier

in der Nähe rufen ihre Dienstmannen, werben Reisige und treiben Rosse

und Rinder in ihre Burgen, keiner traut dem andern und alle schreien,

daß der große Streit um das Reich ausgefochten werden soll, sobald die

Ernte von den Feldern herein ist. Ich aber hoffe, wenn erst die Waffen

um Wigberts Haus dröhnen, wird auch mir gelingen hinauszufahren.«

»Sinnst du so Arges,« sprach Rigbert unwillig, »dann ist dir jedes Wort

schädlich, das ich aus der Fremde berichtete und mich reut's, daß ich

dir den Frieden der Seele verstörte.«

»Hoffst du hier im Kloster Frieden zu finden?« frug Immo lachend,

»bald wirst du merken, daß die Väter in der Klausur grade so

zwieträchtig gegeneinander stehen wie die Kriegsleute draußen. Denn

unser Abt, Herr Bernheri, will dem König dienen, Tutilo aber ist ein

Oheim des Babenbergers Hezilo. Oft hören wir durch den Zaun Geschrei

der Mönche und heftige Worte, bald für König Heinrich, bald für den

Hezilo.«

Rigbert wandte sich schweigend der Treppe zu.

»Nur eins sage mir noch, bevor sie dich einsperren,« rief Immo, indem

er mit großem Satz zu dem Mönche sprang und seine Hand faßte, »denn

lange habe ich nach dir ausgesehen und diese Stunde erwartet. Vernahmst

du daheim Gutes oder Böses von dem Manne, der den Söhnen Irmfrieds

feindselig denkt, obgleich er der Bruder ihres toten Vaters ist. Hast

du vernommen, für welchen König mein Oheim Gundomar in das Feld reitet?«

»Er weilt, wie die Landsleute sagen, beim König Heinrich, dem er seit

lange vertraut ist, und man rühmt ihn als gewaltigen Kriegsmann.«

»Wir aber haben wenig Treue von ihm erfahren. Nur einmal sah ich ihn,

als ich noch ein Kind war, da schleuderte er mich aus seinem Wege, daß

ich mit blutendem Haupt auf dem Boden lag. Mir wäre willkommener, gegen

ihn im Felde zu stehen als an seiner Schwertseite. Doch wir von der

äußeren Schule sind alle für König Heinrich.«

Während Immo mehr zu sich selbst als zu dem Mönche sprach, glitt dieser

lautlos die Treppe hinab. Immo stand allein und seufzte schwer. Was er

aus der Heimat gehört hatte, machte ihm das Herz nicht leichter und der

neue Lehrer war ihm vollends nicht zur Freude. Noch einen Blick warf

er vom Turme hinab, um dem Tutilo oder andern Dekanen nicht über den

Weg zu laufen, dann eilte er abwärts und wand sich zwischen Gebäuden

und Hecken den Gärten zu. Da er hinter sich Tritte von Männern und

Pferden hörte, fuhr er durch eine Lücke des Zauns, die ihm wohlbekannt

war, auf die andere Seite der grünen Wand und pries sein gutes Glück,

als er aus dem Versteck den gefürchteten Tutilo erkannte, welcher,

zur Reise gerüstet, neben einem fremden Kriegsmann dem Ausgange

zuschritt. Immo wußte, daß der Fremde seit dem Morgen im Gasthaus des

Klosters lag und wunderte sich über die Vertraulichkeit, mit welcher

der Reisige den stolzen Mönch behandelte, denn er ging, sein Roß am

Zügel führend, sorglos auf der Ehrenseite und trug den schlechten

Eisenrock mit der Haltung eines Fürsten. Während Immo vom Wege wich,

wechselten die beiden den Scheidegruß. »Lebe wohl, Vetter,« sprach der

Fremde, »unlustig war diesmal mein Sitz an deiner Gastbank, denn die

neugierigen Augen deines Volkes und die gewundenen Fragen machten mir

Sorge.«

Tutilo lächelte. »Viele der Wigbertleute kennen den Grafen Ernst von

Angesicht und wohl alle haben von deinem Heldenwerk vernommen, welches

die Wanderer rühmen. Grade deinetwegen schwärmt heut mein ganzes Volk

in der Ferne auf grünem Rasen, der Pförtner aber ist mir treu. Dennoch

rate ich, daß du ohne Säumen aufbrichst. Vertraue mir, ich hindere

die Reise zum Könige, welche unser Abt den Dienstmannen des Klosters

bereitet.«

»Denke auch daran,« unterbrach ihn der Fremde eifrig, »uns das Land

offen zu halten für den Zug unserer Heerhaufen, welche wir aus Sachsen

und Thüringen erwarten. Denn ich kenne den falschen König, er ist

behend wie ein Wiesel und seine Augen sind bei Tag und Nacht geöffnet,

ich sorge, er reitet eher ins Feld als wir. Lebe wohl, Vetter, sehe ich

dich wieder, so rüstest du mir ein Festmahl in der Abtei.«

Der Mönch sprach den Segen und der Fremde schwang sich auf das Roß. Als

der Hufschlag in der Ferne verklang, schritt auch Tutilo der Pforte zu,

an welcher ihn Reinhard erwartete.

Immo harrte, bis alles um ihn still war, dann spähte er durch die

Tür des Arzneigartens, und als er den alten Sintram darin sah,

trat er vorsichtig ein und näherte sich dem Mönch, welcher mit dem

Grabscheit vor einem kleinen Gesträuch stand und unverwandt eine Blume

betrachtete. Der Jüngling sprach seinen Gruß, der Alte nickte ihm

freundlich zu, gab ihm das Grabscheit in die Hand und wies auf das

Beet, an dem er gegraben hatte. Geduldig begann Immo die unwillkommene

Arbeit, der er sich nach Klostersitte nicht entziehen durfte.

Unterdes beharrte Sintram vor dem Strauch, bis er endlich in seiner

Freude das Schweigen brach: »Sieh diese Rose, die ein Bruder dem

Wigbert aus Gallien gebracht hat; wie eine Kugel war sie geschlossen,

aber die liebe Sonne hat ihr den Mund geöffnet; blicke hinein, schöne

Farben hat sie und zahllose Blätter. Halte deine Nase näher heran, denn

die Würze ihres Geruchs ist heilkräftig und die bösen Geister, welche

in den Leib fahren und Siechtum bereiten, fürchten den Duft und meiden

ihre Nähe. Die Weisen sagen, sie ist von dem Herrn in den Erdgarten

gesetzt, damit sie dem Menschen ein Anzeichen sei. Denn auch ihm ist

das Herz geschlossen bis das Licht des Glaubens darauf fällt, dann

öffnet sich seine Seele der himmlischen Liebe.«

Immo verließ gern das Beet und sah achtungsvoll auf die Rose, aber

anderes lag ihm mehr im Sinn. »Zeige sie auch dem neuen Magister,

welcher, wie man sagt, aus der Fremde gekommen ist, um die Schüler

Dialektik zu lehren.«

»Du hast die Wahrheit gehört,« versetzte der Alte vorsichtig.

»Dann, Vater, sage ihm, wenn du vermagst, Gutes von mir, denn ich

fürchte, andere werden ihm allerlei Nachteiliges in das Ohr raunen.

Leidvoll wäre es mir, wenn er feindselig gegen mich handelte, denn er

kennt meine Mutter und mein Geschlecht, er hat die Macht mir zu schaden

und seine Fürsprache mag mir helfen, daß ich von der Schülerbank

gehoben werde. Allzulange, mein Vater, trage ich, wie du weißt, dies

Gewand.«

»Sorge du nur ihm zu gefallen,« mahnte der Alte, »er hat wohl selbst

Augen und wird schwerlich der Meinung anderer folgen. Mir scheint, er

hat dich bereits gesehen, da du unter den Dohlen saßest.«

»Die Pusillen in der Schule, welche noch nicht fünfzehn Jahr sind,

fürchten sehr seine Rute, es wäre gut für ihn und uns, wenn er

Nachsicht übte. Die erste Bank ist harter Streiche nicht gewohnt und er

wird es schwer finden, das edle Blut über die Bank zu legen.«

»Dennoch rate ich dir nicht, ihm das zu sagen,« versetzte der Gärtner,

»du selbst möchtest dafür büßen. Jetzt aber wende dich abwärts, Immo,

dort naht Bruder Bertram aus dem Friedhofe. Unrecht war es, hier ohne

Erlaubnis einzudringen.«

»Grade seinetwegen kam ich zu dir, mein Vater, und ich flehe, daß

du bei ihm mein Fürsprecher werdest. Denn ganz unsicher sind die

Tage meiner Zukunft, und wenn ich das Kloster verlasse, so weiß ich

niemanden, der meiner Jugend mit gutem Rat zuhilfe kommen wird. Dein

Geselle aber hat im letzten Winter freiwillig verheißen, daß er mir,

bevor ich aus dem Kloster scheide, als Gabe die Weisheit übergeben

will, welcher die Männer seines Geschlechts in der Stille vertraut

haben. Wenn er mich noch der geheimen Lehre für würdig erachtet, so

ersehne ich, daß er sie mir jetzt oder doch bald einmal spende. Du aber

zürne mir nicht, daß ich darum zu dir komme. Ich weiß ja, Vater, daß du

mir nichts Übles sinnst, denn ich fand gestern in der Ecke bei dem Nest

der Rotkehlchen einen Binsenkorb voll Kirschen, und ich weiß auch, wer

ihn hingestellt hat.«

Der Alte lächelte vergnügt. »Die Rotkehlchen sind listige Vögel, sie

tragen mancherlei hin und her. Auch ich fand in diesem Frühjahr, als

mir meiner Sünden wegen die Gicht in die Hand gefahren war, ein Paar

Fausthandschuhe von Otterfell bei meinem Gerät, ich habe nicht gefragt,

woher sie kamen.« Er sprach das letzte zu seinem Gesellen Bertram, der

langsam herangewandelt war und ebenfalls sein Grabscheit in der Hand

hielt. Die beiden Alten blickten einander bedeutsam an und Bertram,

welcher der ernsthaftere war, setzte das Gespräch fort, als wenn er

die früheren Reden gehört hätte und begann feierlich: »Darum nahest

du auch jetzt zu günstiger Stunde, denn heut ist der Tag, wo ich dir

schenken will, was ich dir einst versprach und was ich bis jetzt als

mein Geheimnis bewahrte, wie ich es von einem Oheim erhielt, der es als

Kriegsmann in der größten Not seines Lebens erprobt hat. Mir selbst

vermag es nicht zu dienen, denn es ist ein Gut für Weltleute und nicht

für Mönche, dir aber kann es wohl frommen, denn ich merke, dein wilder

Mut wird dich bald einmal über den Zaun des Klosters hinaustreiben.

Tritt abwärts aus der Sonne in den Schatten eines Fruchtbaumes, denn

nur im Dunkeln darf ich dir's geben.« Der Alte wandte sich einer Ecke

des Gartens zu, wo ein großer Apfelbaum seine Zweige tief zur Erde

breitete, ehrfürchtig folgte ihm der Jüngling, Sintram machte den

Beschluß. So schritt Immo zwischen den beiden Spatenträgern in den

Baumschatten, dort blieb Sintram im Sonnenlichte zurück, Bertram aber

trat an den Stamm und winkte den Jüngling nahe zu sich. Er stützte den

Spaten an den Baum, faltete die Hände und murmelte sein Kredo, dann

begann er feierlich: »Vielerlei Lehren gibt es, welche den Mann fest

machen, wenn seine Gedanken sich unsicher wälzen; und die heilsamsten

von allen sind die heiligen Befehle, welche verkündet sind. An diese

gedenke vor andern. Die Lehren aber, welche ich für dich bereit halte,

vermögen dir nicht zu helfen in der Freude und nicht beim Gelage und

nicht bei Kauf und Verkauf, aber sie sind gute Helfer in der Not. Neige

dein Ohr zu mir, damit das Geheimnis meiner Gabe bewahrt bleibe und

gelobe mir, daß du sie nicht auf die Zunge nehmen und von dir geben

willst außer an einen ehrlichen Mann in guter Meinung.«

Das gelobte Immo.

Da pflückte Bertram vier Grashalme von der Erde, reichte dem Jüngling

einen in seine Hand und sprach feierlich: »Drei Lehren sind es und

eine, mit denen ich dich begabe, öffne dein Ohr und halte sie fest. Die

erste bedeutet, daß dem Manne nicht geziemt zu dienen, wo er gebieten

darf; und sie lautet:

Birg niemals in die Hand eines Herrn, was du allein behaupten

kannst.«

Und als Immo die Worte wiederholt hatte, reichte Bertram den zweiten

Halm: »Dieser Spruch soll dich mahnen, wenn du einem Freunde

unwillkommene Kunde ins Haus trägst, daß du sie ihm vertraust, bevor

der Staub auf deinen Schuhen verweht ist; und der Spruch lautet:

Üble Botschaft auf der langen Bank, macht dem Boten und dem

Wirt das Herz krank.«

Zum dritten Halm sprach er:

»Mißachte den Eid, der in Todesnot geschworen wird. Wer dir

Liebes gelobt, sich vom Strange zu lösen, der sinnt dir Leid,

so oft er des Strickes sich schämt.«

Und beim vierten gebot er:

»Deines Rosses letzter Sprung, deines Atems letzter Hauch sei

für den Helfer, der um deinetwillen das Schwert hob.«

Als Immo jeden Spruch nach Gebühr wiederholt hatte, beschloß Bertram

die Begabung, indem er gerührt sagte: »Es ist Brauch, daß der Spender

heilsamer Lehren ein Entgelt dafür erhalte. Da du wenig hast und ich

wenig nehmen darf, so hoffe ich, die guten Engel werden dir jene

Pelzhandschuhe als Gegengabe anrechnen. Wegen des Otterfells aber hat

dich der Gerber verraten, und wir wissen auch, daß dir's Herr Bernheri

geschenkt hat, als du ihm die Otter lebendig brachtest. Und jetzt

neige dein Haupt, mein Sohn Immo, damit ich dich segne; denn du hast

die Weisheit meiner Vorfahren empfangen und ich will flehen, daß sie

deinem Leben nütze, wie sie denen genützt hat, die sie vor dir besaßen.

Wenn du sie aber mißachtest und ihr zuwider handelst, so siehe zu, daß

die Verachtung sich nicht an dir räche.« Immo beugte das Haupt in die

Hand des Alten und empfing den Segen. Dann traten sie wieder aus dem

Schatten in die Sonne, die beiden Greise blickten einander zufrieden

an und führten ihren Günstling zur Gartentür, dort begann Sintram:

»Merke auch noch dies von meinetwegen. In all deiner Zukunft sorge

dafür, daß du immer jemanden hast, der für dich zu den Himmelsherrn

betet. Jetzt tut mein Bruder Bertram dies täglich für dich und auch ich

gedenke des Abends deiner. Denn wir haben dein Gemüt längst erkannt,

obgleich du unbändig dahinfährst. Aber wir beide sind alt. Oft hören

die Himmlischen nicht gern die Worte eines Bedrängten, weil er ihnen

durch seine Missetat verleidet ist, wenn aber ein anderer für ihn

bittet, so fühlen sie leichter Erbarmen. Unselig ist auf Erden nur der,

welcher in der Not allein die Hände faltet ohne einen Helfer. Darum

gehe in Frieden, Immo, und denke auch darauf, daß du dem Präpositus

nicht mißfällig wirst.«

Immo sah bewegt den beiden Alten in die freundlichen Gesichter, welche

einander ähnlich waren wie zwei Äpfel desselben Baumes, er neigte sich

tief vor ihnen und entwich. Langsam schritt er die Hecke entlang,

setzte sich endlich in den Schatten einer Mauer und wiederholte und

bedachte in der Stille die Lehren des Bertram. Dann sprang er auf und

schritt dem Hofe der Reisigen zu, der vor der großen Klosterpforte

neben dem Haus des Pförtners stand. Dort lagen im Wachthause zu jeder

Zeit einige kleine Dienstmannen des Klosters und dort weilte Immo am

liebsten; er hatte daselbst auch seine besten Genossen, obgleich die

Dekane das nicht zu wissen brauchten.

Als er in den Hof trat, fand er eine Reihe Heuwagen, welche von

den Knechten entladen wurden, während ein bejahrter Dienstmann im

Schuppenhemd, die Blechkappe in der Hand neben seinem Rosse stand und

geduldig den Arbeitenden zusah. »Gib mir ein Pferd, Hugbald,« begann

Immo leise zu dem Kriegsmann, »daß ich mit dir reite.«

Hugbald blickte bedeutsam nach dem Stall und wies auf einen handfesten

Mönch zwischen den Heuwagen -- es war der Bruder, welcher dem Pförtner

in seinem schweren Amt als Trost beigegeben war. Immo verschwand in

dem Stalle. Als die entlasteten Wagen zum geöffneten Tor hinausfuhren,

bestieg auch der Reisige sein Roß, hielt unter dem Tore an und sprach

mit dem Mönch, der auf den Verschluß achten sollte. Da stob Immo auf

flüchtigem Pferde an den Redenden vorüber und war außer Rufes Weite,

bevor der Mönch sich von seinem Erstaunen erholt hatte. »Der Vater

Pförtner hat mir befohlen,« rief der unzufriedene Mönch, »diesen nicht

ins Freie zu lassen, weil er sich vermessen hat, ohne Erlaubnis auf St.

Michael zu reiten, aber er wischt dahin wie ein Feuermann in der Nacht.«

»Laß ihn immerhin,« begütete der Dienstmann, »mir ist es recht, wenn

ich heut einen schnellen Knaben an der Seite habe. Denn um dir meine

Meinung zu sagen, ich werde froh sein, wenn du am Abend Wigberts

Knechte und Gespanne vollzählig zurück erhältst.«

»Du verkündest, was üble Ahnung macht,« rief der Mönch erschrocken.

»Wie mag uns Gefahr drohen, leben wir doch in Frieden mit den Nachbarn.«

»Ich sah schwarze Vögel flattern über der Grenze unserer Waldwiesen,

und ich kenne den Schwarm. Die Dohlen sind es aus den Buchen des Grafen

Gerhard, sie fliegen gern dorthin, wo sein gewappneter Haufe reitet; um

unsere Marksteine schwebten sie und lachten untereinander.«

»Anderen mögen die Schwarzen Böses bedeuten, doch nicht uns,« tröstete

der Mönch, »denn wir im Kloster beten jedes Jahr für den Grafen Gerhard

und für die Seele seines Vaters.«

»Es ist wohl möglich, daß die Vögel sich darum nicht kümmern,«

versetzte Hugbald. »Auch sah ich etwas im Holze des Grafen blinken, ich

meine, es war eine Helmkappe. Du selbst magst erwägen, ob die Mannen

des Gerhard an diesem heißen Tage den Eisenhut tragen, weil sie das

Heufest des Klosters feiern.«

»Harre, daß ich dem Vater Tutilo die Kunde zutrage,« rief der Mönch.

»Unnütz wäre die Mühe,« versetzte der Dienstmann, die Achseln zuckend,

»ich ritt hierher, weil ich der Meinung war, die Reisigen unseres Herrn

Abts von St. Peter als Helfer zu erbitten. Aber Herr Tutilo wollte vor

einem Sonnenblink auf fremdem Eisen nicht erschrecken und verbot mir,

wegen der Heuernte an das Tor des Abtes zu reiten. Auch hat in Wahrheit

das Kloster Fäuste genug auf die Wiesen gesandt, vielleicht, daß sie

mit den Heugabeln ihre Tapferkeit erweisen. Doch sollte mir das Pferd

straucheln, so wird der Jüngling dort zurückreiten und euch mahnen,

daß ihr das Glockenseil zieht.« Der Reiter nickte und trabte den Wagen

nach, der Mönch verschloß kopfschüttelnd das Hoftor.

Als Hugbald den Jüngling erreicht hatte, welcher hinter einem Gebüsch

seiner harrte, begann er: »Dein Pferd hast du gut gewählt, wenn du

dich heut im Felde gegen einen Feind tummeln willst, aber den Stecken

in der Hand vermag ich nicht zu loben; er ist nur gut, um einen Hund

zu treffen, nicht aber eine Eisenhaube. Auch dein Strohhut wird dir

schwerlich das krause Haar schirmen, wenn dich ein Schwertschlag

erreicht.«

»Denkst du an Hiebe?« frug der Jüngling und richtete sich hoch auf.

»Wer über das Feld reitet, darf immer daran denken,« versetzte Hugbald

vorsichtig, »darum nimm noch eine Warnung. Wenn du merken solltest,

daß Bewaffnete gegen mich sprengen, so treibe die Weiber mit den

Rechen hinter einen Strauch und sieh selbst aus der Ferne zu, damit du

berichten kannst, daß ich mich ehrlich gehalten habe.«

»Ich meine, Vater, besser werde ich das erkennen, wenn ich an deiner

Seite reite,« sagte Immo stolz und trieb sein Pferd zum Sprunge.

Hugbald lächelte ein wenig, dann wies er ernsthaft nach dem nahen

Berge, wo der Abt sein Haus hatte. »Dennoch ist es schwer, zwei

Gebietern zu dienen. Dort oben liegen wackere Gesellen müßig, welche

bei einer Schlägerei im Heu wohl den Rücken decken könnten. Aber was

einem Herrn gefällt, will der andere nicht leiden.«

»Sage mir, ob du um Gefahr sorgst, so will ich hinaufreiten, sie zu

rufen.«

»Damit Herr Tutilo mir später Feindseliges sinne,« versetzte Hugbald

kopfschüttelnd. »Lieber vertraue ich auf die Hilfe des heiligen

Wigbert, denn ich habe ihm, solange ich lebe, nie etwas genommen

und manchen Schlag zu seiner Ehre getan, warum sollte er mich also

mißachten.« So ritten sie ohne anzuhalten an St. Peter vorüber dem

Laubwald zu, welcher in weitem Kreise die Niederung umschloß.

2.

Die Gesellen.

Die beiden Mönche zogen nebeneinander durch das Flußtal, Tutilo hoch

zu Roß, Reinhard demütig zu Fuß; in heißem Sonnenlicht stiegen sie den

Hügel hinauf, auf welchem Herr Bernheri, der Abt, sich ein kleines

Kloster erbaut hatte, ganz nach seinem Herzen, seinen Mönchen zum

Trotz. Es sah einer Burg ähnlicher als einer heiligen Zelle, hinter

dem Graben ragte eine hohe Mauer und an dem offenen Tor saß auf seinen

Spieß gestützt ein Kriegsmann. Gemächlich erhob er sich, empfing mit

geringer Kopfneigung den Segen, welchen Tutilo spendete, und führte ihn

in den Hofraum. Dort stand neben einer Kapelle das neugebaute Haus

des Abtes, eine zweistöckige Kemenate mit einem Vorhaus, dessen Dach

auf schön geschnitzten Holzsäulen ruhte, daneben erhoben sich Ställe

und ein umhegter Raum, aus welchem unablässig das Gebell vieler

Hunde klang. Gegenüber dem Haus des Abtes ragte eine hölzerne Halle

für das Kriegsvolk, auf den schattigen Stufen dehnten sich mehrere

Bewaffnete, ihnen gesellt zwei Mönche. Die großen Trinkkannen, welche

dazwischen standen und das laute Gelächter der Trinker bewies, daß

diese Klosterleute nicht unter strenger Zucht lebten. Tutilo begann

bitter, während er einritt: »Du weißt, mein Bruder, St. Petrus war ein

Kriegsknecht, er trug ein Schwert in der Nacht, da der Herr verraten

ward; darum gefiel es auch dem Abte, diese Behausung von Jägern und

Schwertträgern als eine Burg St. Petrus zu gründen.« Die eintretenden

Mönche störten die lustige Gesellschaft, die Klosterbrüder eilten

herzu und während sie um den Segen baten, blickten sie spähend und

mißtrauisch nach dem Präpositus.

Als ein Mönch von St. Peter die Glocke der Abtei gezogen hatte, trat

Eggo, der vertraute Kämmerer des Abtes, in die Tür und führte die Gäste

eine Wendeltreppe hinauf in das Gemach, wo Herr Bernheri am liebsten

zu weilen pflegte. Dort sah man zwischen den Säulen und Rundbogen der

kleinen Fenster in ein Waldtal hinab, und im Vorgrund auf grüne Weiden

und wogende Ährenfelder, das große Kloster Wigberts aber sah man nicht.

Über dem Tisch in der Mitte des Raumes lag eine Decke, welche zierlich

mit der Nadel gestickt war, auf dem hohen Lehnstuhl weiche Kissen.

Geweihe, die an der Wand befestigt waren, dienten als Haken, woran

Waffen zur Jagd und zum Kriege hingen: Hornbogen und Köcher, Eberspieße

und große Halsbänder mit eisernen Stacheln für die Jagdhunde.

Herr Bernheri war ein wohlbeleibter Herr mit großem Haupte; dem

geröteten Gesicht und den dicken Augenlidern merkte man an, daß er

sorgfältig den Wein seines Kellers prüfte; er trug einen langen

Hausrock von feinem dunklen Tuch, am Halse ein goldenes Kreuz. Die

Mönche knieten nieder, Tutilo zögernd und mit steifem Nacken, so daß

man den Zwang erkannte.

Der Abt blickte unzufrieden auf den Präpositus und begann, während er

mit flüchtiger Handbewegung den Segen erteilte: »Ungern sehe ich heut

dein Gesicht, Tutilo, da du doch die Brüder, wie ich höre, in das

Heufest gesandt hast. Es wäre besser, wenn du deine gefurchte Stirn den

Heimkehrenden entgegenhieltest, damit ihnen die weltliche Fröhlichkeit

aus dem Herzen schwände. Aber auch die krächzende Krähe flieht gern

dorthin, wo sich die Habichte niederlassen.«

»Du selbst, Herr und Abt von Wigbert, vergleichst dich mit dem Habicht,

der sich in dem Klostergut niedergelassen hat,« versetzte Tutilo

schnell aufstehend, »ich aber und mancher von den Brüdern meinte,

daß in der Notzeit des Klosters den Brüdern gezieme, ihren Groll zu

vergessen und einträchtig auf Nützliches zu denken, was die Gefahr

abwenden kann.«

»Du sprichst gut,« versetzte der Abt ungnädig, »sorge dafür, daß deine

Taten der Rede nicht widersprechen. Kommst du auch ungeladen, sitze

dennoch nieder, ob du dem Kloster deine Treue erweisen kannst.« Er

winkte dem Mönch Eggo, dieser verschwand und trug drei große silberne

Becher und eine Weinkanne herzu, die er auf den Tisch stellte, er

selbst aber trat hinter den Lehnstuhl des Abtes. Dieser setzte sich

gewichtig, winkte den Gästen zu beiden Seiten Platz zu nehmen und

sagte auf die Becher weisend: »Es sei erlaubt. Ich freue mich deiner

Ankunft, Reinhard. Deine Klugheit ist rühmlich bekannt, du hast

dich den Heiligen unserer Kirche in meine Hand zugeschworen und als

vertrauten Boten habe ich dich nach Thüringen gesandt, damit du gleich

einem Fremden ohne Gunst und Haß die Höfe des Klosters bereisest und

mit eigenen Augen alles erkundest, denn üble Nachrichten erhalten wir

aus jedem Gaue. Jetzt berichte von unsern Höfen und von den Zellen,

in denen unsre Brüder hausen, damit wir alles erfahren, wenn es auch

unwillkommen ist.«

Reinhard holte einen Pergamentstreifen heraus, auf dem die Hufen und

Höfe des Klosters verzeichnet waren und begann den Reisebericht. Es war

eine lange Reihe von Klagen der Verwalter über Gewalttat der Grafen

und Widerspenstigkeit der Verpflichteten. Als er innehielt, tat Herr

Bernheri einen tiefen Trunk und sprach darauf seufzend: »Solange ich

lebe, habe ich erfahren, daß die Frommen spenden und die Gottlosen

nehmen. Sonst waren der Frommen mehr und der Gottlosen weniger. Wie ein

Weiher ist das Klostergut, in den die kleinen Quellen rieseln; wenn er

aber gefüllt ist, kommen die Müller des Teufels, öffnen ihre Gräben und

leiten die Flut wieder ab über ihre Mühlräder. Ich sorge, der Weiher

wird einmal leer und meine Mönche werden wie Karpfen in mißfarbigem

Schlamme zappeln.«

»Wer kommendes Unglück meldet, dem danken wir, wenn er auch sagt, wie

zu helfen ist. Unerhört ist es, daß ein neuer Bruder die Geheimnisse

des Klosters erfährt, welche sonst nicht einmal den Dekanen bekannt

sind,« fiel Tutilo mit rauher Stimme ein. »Leichter ist es Klagen

vorzutragen, als die Hilfe zu finden.«

»Du selbst weißt ja, mein Vater,« antwortete Reinhard, »wo die beste

Hilfe zu finden ist. Die Heiligen fragen vor allem, ob unsere Brüder

nach der heiligen Regel ihren Dienst tun. Den Säumigen aber entziehen

sie ihre Gnade. Manches sah ich in St. Wigberts Kloster, was nicht nach

der Regel war.«

»Sage das doch den Mönchen in Fulda, in Corvey und sonstwo, überall ist

der Mutwille größer als bei uns,« rief Tutilo zornig, »und lebt ihr

in Altaha, die ihr euch als starker Beter rühmt, deshalb in größerer

Sicherheit?«

»Gern verkünde ich dir, o Herr, auch Günstiges,« fuhr Reinhard ruhig

fort, »nämlich, daß unter den Waldleuten, welche bei unserer Zelle

Ordorf wohnen, ein neuer Eifer erwacht ist. Die Brüder, welche du

dorthin gesandt hast, leben in froher Hoffnung, denn sie meinen, großes

Unheil sei ihnen widerfahren. In mehr als einer Nacht sahen die Brüder

Licht in der Kirche und als Hunibald der Magister einst aufstand und

hineinging, erkannte er einen Schein über der Platte, unter welcher,

wie die Sage geht, der selige Vater Meginhard, der Genosse des heiligen

Bonifacius, bestattet ist. Viel erzählen sie dort von den christlichen

Heldentaten, die Meginhard zu seiner Zeit unter den Heiden gewirkt hat.

Die Laien drängen sich in die Kirche und beten auf seinem Grabe und

große Heilungen von schweren Leiden werden berichtet, die an dieser

Stätte ganz plötzlich gelungen sind. Das läßt Hunibald dir durch mich

mit Freuden verkünden.«

Der Abt schüttelte unzufrieden das Haupt. »Ich kenne den Sinn unserer

Brüder in Ordorf, sie sind gutwillig, aber unbesonnen und ihrem Glauben

fehlt die Prüfung. Ich kenne auch alte Vetteln, welche von einer

Stätte zur andern laufen und ihre Gebresten heilen lassen, damit man

sie rühme, auf den Schultern trage und mit guter Kost füttere. Die in

Ordorf mögen sich wahren, daß die Kinder der Welt uns nicht verspotten

und daß nicht zuletzt ein großes Skandalum aus dem Wunder werde.«

»Es ist nicht begehrliches Volk allein, welches zuströmt, auch ehrbare

Leute rühmen die Wunderkraft des seligen Bekenners.«

»Und vermagst auch du sie zu rühmen nach dem, was du gesehen hast?«

frug der Abt prüfend.

»Ich hatte, wie du weißt, nicht die Zeit und nicht das Amt, nach der

Wahrheit zu forschen,« versetzte Reinhard.

»Ich aber meine,« rief Tutilo, die Faust auf den Tisch setzend, »daß

den Heiligen zu Herolfsfeld ein übler Dienst geschieht, wenn der selige

Memmo zu Ordorf einen Zulauf als Wundertäter erhält und am Ende gar zu

Rom als Heiliger aufgenommen wird. Denn die Leute in den Waldlauben

werden froh sein, wenn sie einen besonderen Fürbitter gewinnen, und die

Edlen werden bei König und Papst bald darauf antragen, daß wir Ordorf

aus unserer Klosterzucht entlassen und daß dort oder in der Nähe eine

eigene Abtei gegründet wird, und Meginhard würde sich schnell als ein

großer Räuber am Wigbert erweisen. Deshalb rate ich, daß wir unsern

Heiligen getreu bleiben und uns nach Kräften bemühen, die Wunder zu

stillen und nicht landkundig zu machen.«

Der Abt nickte. »Er spricht das Richtige. Wenn ein Lichtschein dem

Kloster helfen könnte, so vertraue ich, würden unsere Fürbitter es auch

bei uns nicht daran fehlen lassen. Weißt du eine andere Hilfe, mein

Bruder, wenn auch durch weltliche Mittel?«

Reinhard antwortete demütig: »Wenn ich das Schicksal deiner Herrschaft,

Herr, erwäge, so finde ich, daß dieser zu sehr fehlt, was ihr Schutz

und Sicherheit gewähren könnte. Durch ganz Thüringen liegen die Hufen

und Höfe zerstreut in den Dorffluren und zwischen den Lehnsgütern der

Grafen; aber klein ist die Zahl der Vögte und der Bewaffneten, welche

für das Kloster Helm und Schwert tragen. Mächtiger ist der Abt von

Fulda, um vieles reicher an Vasallen; am mächtigsten der Erzbischof

von Mainz, denn seine Kriegsleute lagern sicher in der großen Stadt

Erfurt. Die Mönche von Fulda und die Kanoniker in Erfurt aber sinnen

Ungünstiges für dein Kloster und breiten sich aus dir zum Schaden,

auch in den Waldlauben an dem Rand der Berge, wo sonst deine Herrschaft

fest gegründet war. Darum meine ich, dir tun vor allem Burgen not

mit treuer Besatzung. Als ich von Erfurt nach Ordorf zog, sah ich in

der Ebene, wo das Gebirge beginnt, einen Ring von Hügeln, auf denen

Warten und Burgen stehen, sie schließen einen Weiher und Wiesen ein,

schwer ist der Zugang, denn viele Teiche liegen am Saum der Hügel. Dort

ragt im Hintergrunde die Wassenburg, welche dem Kloster gehört, doch

sie ist halb verfallen. Der ganze übrige Bergwald aber und das Land

darum gehört dem Geschlecht des Jünglings Immo, der in der Schule des

Klosters gehalten wird. Dies Geschlecht beherrscht von den Bergen wie

von einem großen Wall die Landstraße und die Umgegend. Und ich höre, es

bringt gern seine Spenden zum Kloster.«

»Gut hast du gesehen, mein Bruder,« rief der Abt, »ich kenne die roten

Hügel und ich weiß, daß sie gewaltig sind, aber sie sind freies Erbe

eines Geschlechts, welches seit der Urzeit im Lande haust, und ich

meine nicht, daß sie ihr Erbe dem Kloster gutwillig in die Hand geben

werden.«

»Vielleicht würden sie selbst als Vögte ihre Burgen bewahren, wenn sie

zum Heil ihrer Seele dieselben vorher den Heiligen in die Hand gegeben

hätten,« versetzte Reinhard.

»Wahrlich, Bruder,« sprach Tutilo, »als ich zuerst von deiner Sendung

hörte, war sie mir widerwärtig; was du aber hier kündest, ist dasselbe,

was auch ich für eine gute Hilfe des Klosters halte und ich muß deine

Klugheit preisen.«

»Ich aber kenne unsern Schüler Immo und seine Sippe,« warf der Abt ein,

»hochfahrend ist ihr Sinn.«

»Was die Kinder der Welt ungern tun, dazu zwingt sie oft die Angst

vor der Hölle des üblen Teufels,« sprach Reinhard. »Dennoch würde

ich nicht an diese Hilfe gemahnt haben, wenn mir nicht Frau Edith,

die Mutter des Immo, vertrauliche Botschaft an dich, meinen Herrn,

aufgetragen hätte und zwar gerade wegen dieser Burgen. Denn sie fleht

dich an, daß mir erlaubt sei, dem Sohn ihren Segen zu bringen und ihn

mit einer guten Nachricht zu erfreuen. Das Geschlecht hat beschlossen,

die Mühlburg als Angebinde an das Stift zu Erfurt zu geben, damit der

Schüler Immo dort Kanonikus werde und durch den Erzbischof Willigis

unserm Kloster enthoben. Seht selbst zu, meine Väter, ob unser Kloster

dadurch Vorteil gewinnt. Sehr bereitwillig werden die Erzbischöflichen

zu Erfurt sein, die Burg zu empfangen, für uns aber scheint mir diese

Wandlung verderblich.«

»Lieber wollte ich den Wolf in meiner Lämmerherde schauen,« rief Herr

Bernheri.

»Nimmer darf der Knabe und sein festes Haus dem Wigbert entschlüpfen,«

drohte Tutilo.

»Ich weiß einen, der das Seine getan hat, durch Stirnrunzeln dem

Jüngling Immo das Kloster zu verleiden,« versetzte Herr Bernheri

strafend.

»Wäre der Knabe besser in die Klosterzucht gewöhnt worden, er würde

nicht zurück in die Welt begehren,« entgegnete Tutilo, »auch die Weide

biegt sich nur, wenn eine feste Hand sie zusammendreht. Und ehe ich

leide, daß die Burg den prahlerischen Schwelgern zu Erfurt geöffnet

wird, zwinge ich den Schüler mit eigner Hand in die Klausur.«

»Du wirst es schwer finden, ihn in der Büßerzelle zum Mönche zu

schlagen, mein Bruder,« versetzte der Abt. »In vielem hast du meine

Herde verleitet, aber schwerlich wird sie dir folgen, wenn du das Kind

aus dem Geschlecht unserer Guttäter durch Zwang zurückhalten willst.

Ich rate dir, daß du lieber dem Bruder Reinhard vertrauest, denn nicht

allein wegen seiner Grammatik und Dialektik gefiel es mir, ihn hierher

zu laden, sondern weil er die Kunst versteht, die Herzen der Jugend

zu gewinnen und, damit ich metaphorice spreche, auch junge Stoßvögel

an die Hand zu gewöhnen. Versuch du, mein Bruder, ob du die Neigung

des Knaben für den Wigbert gewinnen kannst. Er ist ein Falk aus den

thüringischen Bergen, diese ertragen schwer die Kappe, sind sie aber

gebändigt, dann stoßen sie freudig. Und jetzt gefällt mir, daß wir uns

erheben. Manches andere will ich mit Bruder Reinhard allein verhandeln.

Du aber, Tutilo, ziehe zurück und zähle die Heuwagen, bis es mir

passend erscheint, dich zu rufen oder bis ich selbst hinuntersteige und

den Konvent der Brüder versammle, welchen du Übles gegen mich in das

Ohr raunst.«

Das Gesicht Tutilos flammte in Zornesröte als er sich erhob. »Du aber,

Abt Bernheri, gedenke nicht, das Wichtigste den Brüdern zu verbergen

und im Rücken des Klosters die Wahl zu treffen über den König, dem wir

in Zukunft dienen sollen. Kein Wort hat dein Bote berichtet von dem

Kampf, der sich um die Krone erhebt, und doch ist dies die nächste

Sorge und eine größere als um Hufen und Burgen. Meine nicht, Bernheri,

mich zu hintergehen. Wenn du auch Abt bist, du selbst würdest es schwer

entgelten, denn mein ist die Sorge, daß das Heiligtum nicht durch dich

mit Unehren beladen wird.«

»Sorgst du so eifrig um den Vorteil der Brüderschaft,« rief Herr

Bernheri ebenfalls zornig, »so sorge auch, daß der Reiter, welcher

dir die Botschaft des Markgrafen zugetragen hat und der verborgen

im Gasthause liegt, spurlos verschwinde, bevor ihn meine Reisigen

ergreifen. Dich selbst könnte ich Verräter nennen; ein Wink von mir,

und du kehrst nur zum Gericht in das Kloster zurück. Aber seit vielen

Jahren habe ich die Bosheit deines Wesens ertragen und auch jetzt

gedenke ich, weil ich älter und klüger bin als du, dich zu behandeln

wie einen Trunkenen, von dem geschrieben steht, er weiß nicht was er

tut.«

Tutilo verließ das Zimmer ohne Gruß, der Abt ging heftig auf und ab,

endlich ergriff er die Kanne, setzte sie aber mit einem Seufzer wieder

hin. »Selbst der Wein schadet zornigem Gemüt und ich begehre nicht,

unwilliger auf ihn zu werden, als ich bereits bin.«

»Ich aber bringe dir,« begann Reinhard, ein Pergament aus der Kutte

ziehend, »den Gruß des Königs und seine Mahnung, daß du die Reisigen

des Klosters ohne Verzug sammelst und durch die Wälder von Fulda zu

seinem Heere sendest. Damit auch du seine Gnade erkennst, o Herr,

sendet er dir, was du lange ersehnt und erbeten hast, die Schenkung des

Bannwaldes um St. Peter, der bisher Königsgut war. Du mögest sorgen,

mahnt der König, daß die Treue des Klosters sich ebenso bewähre wie des

Königs Gnade.«

Schnell griff Herr Bernheri nach der Urkunde: »Die besten Hirsche

zwischen Fulda und Main halte ich in diesem Pergament,« aber bald

verdüsterte sich sein Blick. »Du hast gesehen, mein Bruder, wie jener

unholde Mann gesinnt ist; nach allen Seiten murrt er den Leuten Arges

in die Ohren und hat die Knechte Wigberts ganz vom König abgewandt,

nicht weiß ich, ob ich noch Herr bin im Kloster und über meine

Schildträger. Dennoch will ich tun, was ich vermag, indem ich den

Konvent zusammenrufe. Du aber eile dem Tutilo nach und rühme unterdes

im Kloster die Schenkung, damit die Unzufriedenen mein Herrenwort

williger anhören.«

Während der Abt dem Mönche die letzten Befehle gab, erscholl auf

den Feldwegen, die zum Kloster hinführten, Jauchzen und Gesang; die

Brüder und Mannen auf dem Petersberg drängten zum Tore hinaus und

sahen neugierig in das Tal hinab. Hochbeladen in langer Reihe kamen

die Heuwagen heran, auf den Wiesenbäumen darüber saßen und ritten die

Buben des Dorfes schreiend und die Arme schwenkend. Hinter den Wagen

schritten zwei Spielleute mit Sackpfeife und Fiedel, sie führten eine

lustige Weise spielend die Schar der Arbeiter. Denn Männer und Frauen,

mit Laub und Wiesenblumen bekränzt, hielten einander an den Händen und

sprangen trotz der Arbeit des heißen Tages lustig den Reigen; vom Pfade

ab zogen sie die Kette bald seitwärts über die Flur, bald zwischen

den Wagen hindurch. Ihnen folgten die Herren des Klosters, voran die

beiden Schulen; auch die Schüler sprangen und tanzten durcheinander,

manche saßen zu Pferde und trieben die Gäule zu lustigen Sätzen. Sogar

die Väter gedachten nicht sehr ihrer Würde, mehr als einem war das

Haupt schwer, so daß er von den andern geleitet werden mußte, und man

merkte auch, weshalb er so unsicher schwankte, denn ganz am Ende fuhr

ein Wagen mit leeren Fässern, welche zwischen den Brettern kollerten,

und mit Trinkgefäßen, deren Henkel an die Leiterbäume gehängt waren.

Endlich hob ein Bruder sein lateinisches Trinklied an und viele

stimmten ein und sangen die Schlußverse mit kühnen Bewegungen der Arme,

und eilte eine Magd, die sich verspätet hatte, bei dem langen Zuge der

Väter vorbei, dann geschah es wohl, daß einer der Begeisterten sie

in den Arm kniff oder auch in die Backen. So wälzte sich der Schwarm

schreiend und singend dem Kloster zu. Die untergehende Sonne warf ihr

goldenes Licht auf heiße Gesichter und glänzende Augen, die Treiber

knallten mit ihren Peitschen um die Wette, sogar die Tiere schritten

lustiger vorwärts.

Plötzlich stockte der Zug an dem Kreuzwege, wo ein Pfad von Osten

heranlief, die Buben auf den Heuwagen sprangen empor und wiesen in

die Ferne, die Wagen hielten an, die vordersten Knechte schrien nach

rückwärts, Spiel und Gesang endete in einem Mißton. Denn von dem

Seitenweg her tönte wilder Klageruf widerwärtig in die Festfreude.

Langsam bewegte sich eine andere Abteilung der Klosterleute vom Holze

her dem Flußtale zu, mit gesenkten Häuptern und Wehgeschrei trugen

sie einen undeutlichen Gegenstand heran. Die Leute im Zuge verstanden

wohl, was der Ruf bedeutete, dort war einer erschlagen, und die

Rüstigen liefen über das Feld dem trauernden Haufen entgegen. Zu

einem wirren Knäuel vereinigten sich die beiden Haufen. Die Knechte

peitschten ängstlich ihre Gespanne zu schnellerem Schritt, um sie in

den Klosterhöfen zu bergen, die andern umstanden entsetzt eine Bahre,

auf der ein todwunder Mann lag. Schnelle Fragen und Antworten folgten

einander, Heugabeln und Messer wurden geschwenkt und an Stelle des

lateinischen Schelmenliedes klang wilder Racheruf über das weite Tal.

Tutilo spornte sein Roß zu schnellen Sätzen. Als der gefürchtete

Mönch in das Gedränge stob, fuhren die Leute auseinander, im nächsten

Augenblick aber begann wieder Wehgeschrei und Totenklage. Der Mönch

sprang ab, beugte sich über den Mann und sah nach der schweren

Kopfwunde. Dann gebot er, ihn in das Krankenhaus des Klosters zu

tragen, und forderte Bericht über die Missetat. »Wo sind die Gespanne?«

frug er unruhig um sich blickend, »wo ist Hugbald?«

»Die Gespanne geraubt, die Knechte geschlagen und fortgeführt, Hugbald

gefangen und mit ihm der Scholastikus Immo,« riefen ihm die Leute

entgegen, bis auf seinen Wink der alte Bruder Bardo vortrat und

stöhnend das ganze Unheil verkündete. Die Waldwiesen, auf denen Bardo

die Heumahd zu ordnen hatte, lagen weitab von den übrigen Gründen,

welche auf den Höfen des Klosters bewirtschaftet wurden. Sie waren

neuerer Erwerb, doch niemand hatte beim Auszuge geahnt, daß dort

ein Feind lauere. Ungestört hatten die Arbeiter in den Tagen zuvor

gemäht und das Heu gewendet, nur von einem Bewaffneten begleitet,

wie bei fernen Feldarbeiten auch im Frieden Brauch war. Aus Vorsicht

hatte heute Hugbald geboten, daß die Knechte ihre Rosse abspannen und

während die Heuhaufen gesetzt wurden, unter Aufsicht eines Reisigen auf

freier Höhe, von der weite Umschau war, zusammenhalten sollten, bis er

selbst das Einbringen gebiete. Als er endlich gekommen war, begleitet

von dem Schüler Immo, hatten die Knechte ihre Gespanne zu den Wagen

zurückgeführt. »Schon vorher war uns unheimlich geworden,« kündete

Bardo, »denn wir hatten in der Ferne hinter den Büschen einzelne

Bewaffnete erkannt, welche hin und her ritten. Grade als sich der Zug

der beladenen Wagen in Bewegung setzte, brach ein Schwarm Reiter aus

dem Holz und ritt über die Felder auf die Gespanne zu. Unsere Reisigen

hoben die Wurfspeere und warfen sich ihnen entgegen, auch die Knechte

ergriffen die Heugabeln und sprangen gegen die fremden Reiter, aber

klein war die Zahl der unsern, im Nu waren sie umringt. Der Mann,

welcher auf der Bahre liegt, fiel sogleich vom Rosse in sein Blut, nur

Hugbald schoß den Wurfspeer und schlug mit dem Schwerte, drei waren

gegen ihn, doch der Jüngling Immo fuhr wie ein Wirbelwind zwischen

sie, ich sah zwei vom Pferde stürzen und die ledigen Tiere laufen. Ganz

tapfer hielt sich unser Scholastikus und er hatte den Hugbald frei

gemacht, aber dieser rief: »wie mag ich zurückkehren ohne die Wagen«

und warf sich aufs neue einem andringenden Haufen entgegen, bis er

entwaffnet und mit Weiden gebunden war, und gleich ihm der Jüngling

Immo; darauf wurden auch die Knechte übel geschlagen und gefesselt.

Mit großem Gefolge stob Graf Gerhard, den wir alle kennen, heran und

rief mit zornrotem Gesicht: »Verderben über euch, ihr Wigbertleute,

mein ist das Heu, mein die ganze Markung. Nichtig ist die Schenkung,

deren ihr euch von meinem Vater her mit Unrecht rühmt; die Gespanne

und eure Dienstleute treibe ich fort, eine geringe Entschädigung sind

sie für den Verlust, den ich durch viele Jahre von euch erlitten.

Läßt sich noch einer von euch Geschorenen auf dieser Flur blicken, so

sollen ihm meine Gewappneten die Haut über die Ohren ziehen. Ihr Mönche

aber wandelt stracks zurück, nur die heulenden Mägde lasse ich euch.

Und saget eurem Abt: will er seine Dienstleute lebend wiedersehen, so

soll er sich eilen das Lösegeld zu senden, denn ich gedenke sie nicht

lange im Kerker zu füttern. Hinweg mit euch, denn euer Anblick ist mir

verhaßt.« So ritt er mit einem Fluche aufwärts dem Buchenwald zu und

hinter ihm zogen die Heuwagen und die Gefangenen. Wir aber standen

weinend um den gefällten Mann, mühsam trugen wir mit den Weibern seinen

Leib auf den Baumästen hierher.« Als der Alte geendet hatte, begannen

die knienden Weiber wieder ihr Wehegeschrei und der Racheruf der

Wigbertleute klang durch das Tal.

Tutilo sah auf die zornige Schar wie ein Häuptling, der die Zahl

seiner Getreuen mustert. »Sie sagen, Graf Gerhard will für König

Heinrich ins Feld reiten, hier merket die Treue der Königsmannen. Als

ein Walddieb ohne Aufkündigung des Friedens hat er das Kloster ruchlos

gekränkt. Ihr aber, fromme Knechte des Wigbert, gedenkt der Vergeltung,

schreit zu den heiligen Nothelfern um Rache, daß sie ein gehäuftes Maß

Unheil über den Verfluchten senden, bereitet eure Wehren, schlagt an

der Glocke des Erzengels den Notschlag zur Warnung für alle, die noch

im Felde sind, daß sie sich sammeln, und entzündet die Feuerzeichen

auf den Höhen, damit auch die Entfernten wissen, daß unser Kloster von

Feinden bedrängt ist. Folgt mir zu den Höfen, damit wir um Tor und

Mauer sorgen, denn aus dem Frieden sind wir gesetzt in Unfrieden und

auf Abwehr denken wir und Vergeltung. Du aber, Bardo, bändige deinen

Schreck und ziehe jene Straße nach St. Peter, damit du einen andern

Bericht gebest; ich sehe dort den Abt Bernheri herabsteigen, geringe

Freude wäre mir, ihm jetzt zu begegnen.« Er schwang sich auf sein Roß

und sprengte voraus dem Kloster zu, einem Kriegsmann ähnlicher als

einem Mönch. Den andern aber hob sich der Mut, als sie seinen wilden

Zorn erkannten, und hinter ihm eilte der Schwarm von Männern und

Weibern auf der Landstraße dahin, während Bardo mit den Brüdern, die

das Unglück geschaut hatten, traurig dem Abte entgegenging.

* * * * *

In der Halle des Grafen Gerhard beleuchtete der rote Schein vieler

Kienfackeln die Holzwände und die rußigen Balken der Decke. Gegenüber

der Tür führten einige Stufen zu dem erhöhten Raum, auf welchem der

Herrentisch stand, dort brannten große Wachslichter, ein weißes

Tischtuch war aufgedeckt und neben den Tontellern blinkten silberne

Kannen und Becher. In der Halle waren zwei lange Tafeln gerichtet

mit Sitzen darum, und unten an der Tür eine dritte kleine, alle mit

Holzgerät und irdenen Krügen bestellt.

Der Kämmerer des Grafen trat an die Tür der Halle und blies auf einem

Horn, das er am Halse trug, den Ruf zum Mahle in den Hof. Klirrend

drangen die Schwertmannen in die Halle und reihten sich hinter den

Holzstühlen, auf der rechten Seite die freien Vasallen und unterhalb,

wo das Tischtuch aufhörte, ihre Knechte, auf der linken Seite die

unfreien Hofleute mit den Knechten. Die Freien waren meist bäuerische

Genossen, welche lungernd in den Dörfern des Grafen saßen, bis sie zum

Schwertdienst entboten wurden, die Unfreien aber, obgleich sie die

schlechtere Bank besetzten, achteten sich für heldenhafter, weil viele

von ihnen im Herrenhof hausten, täglich hinter dem Grafen ritten und

schönes Gewand und gute Rosse von ihm empfingen. Die Freien wiederum

waren stolz auf ihre Herkunft und verachteten die Knechtschaft der

Geschmückten, so daß die beiden Bänke in Eifersucht lebten. Ganz unten

an der Tür aber, getrennt von den andern, harrten an besonderm Tisch

die beiden Fechter, Ringrank und der Sachse Sladenkop, unehrliche

Leute, welche ihr Blut dem Grafen verkauft hatten und öffentlich

mit scharfem Eisen gegen ihresgleichen kämpften, oder auch heimlich

jedermann niederschlugen, so oft es ihr Lohnherr gebot.

Der Kämmerer stieg auf die Stufen des Ehrensitzes und gab ein zweites

Hornzeichen. Da öffnete sich eine schmale Tür der Hinterwand und Graf

Gerhard trat selbst herein, hinter ihm seine Tochter Hildegard, welche

den kleinen Bruder an der Hand führte. Der Graf hatte seinen eisernen

Kettenrock mit einem hellen Hauskleide vertauscht, das bis über die

Knie herabging und von breiter gestickter Borte umsäumt war, darüber

trug er am weißen Ledergurt sein Schwert, an den Beinen hohe rote

Strümpfe und schön gestickte Schuhe. Er war wohl älter als fünfzig

Jahr, in seinen schrägen Augen glitzerte das Weiße, so daß den Leuten

sein Blick nicht gefiel, und da die niedrige Stirn stark zurücktrat und

seine Nase sich lang über den fränkischen Schnauzbart gegen das spitze

Kinn dehnte, so hatte er wegen seines wölfischen Aussehens den Beinamen

Isegrim erhalten. Gern wendeten die Mannen den Blick von ihm auf die

Jungfrau, sie schauten bewundernd auf die schlanke Gestalt, welche

ihr weißes Ärmelgewand mit buntem Gürtel und Saume so stolz trug,

auf langes, blondes Haar, das durch ein blaues Band über der Stirn

zusammengehalten wurde, und auf ein rundliches Kinderantlitz, über dem

der unwiderstehliche Zauber der Unschuld lag.

Der Graf winkte, und als das Horn zum drittenmal rief, stiegen aus dem

Hofe der Truchseß mit den Küchenknaben und der Mundschenk mit dem Küfer

in die Halle und sie setzten die Speisen und große Trinkkrüge auf die

Tafel. Der Herr trat zu seinem Lehnstuhl, nahm die Mütze ab und hielt

einen Augenblick das Gesicht hinein, alle neigten die Häupter und

mancher Fromme schlug das Kreuz, dann rückten die Burgleute kräftig die

Stühle, zogen ihre Messer aus der Scheide und begannen schweigend die

Arbeit des Mahles.

»Wohl gelang uns die Fahrt in das Heu,« begann der Graf, einen Becher

hebend, »und mit Stolpern und Ausgleiten endete der Reigentanz der

lustigen Mönche. Trinkt, Bankgenossen, und sorgt, daß der Ausgang so

rühmlich sei als der Anfang.« Heller Beifallsruf erhob sich und die

Trinkkannen wurden in der Luft geschwenkt. »Führt den alten Hugbald

mit seinem Knaben aus dem Turme herbei. Sie waren die einzigen, welche

wacker die Reiterwaffe gebrauchten, sie sollen nicht Schwarzbrot kauen,

während wir uns des Mahles freuen.« Zwei Knechte eilten hinaus; nach

einer Weile wurden Hugbald und Immo eingeführt, beide waffenlos. Als

sie auf der Schwelle standen, rief der Graf durch den Saal hinab:

»Tritt näher, Alter, lagere dich dort unter meinen eisernen Knaben.«

Er wies auf den Tisch zur rechten Seite, wo zwischen den Rittern

und Knechten eine Bewegung entstand, und mahnte wohlwollend: »Laßt

ihn das Tischtuch haben, denn er trug manches Jahr seine Sporen als

ein ehrlicher Gesell und soll ungekränkt von meinen Tellern essen.«

Hugbald ging schweigend auf den Platz, welcher ihm geräumt wurde, und

antwortete gleichmütig auf die Grüße und Spottreden seiner Nachbarn.

»Hüpfe auch du auf die Bank, junger Klosterkauz,« gebot der Graf und

winkte Immo, welcher an der Tür stehen geblieben war.

»Ladet Herr Gerhard mich ein, in seiner Halle niederzusitzen?« frug

Immo errötend, aber mit einer Stimme, die hell durch den Raum klang.

»Öffnet ihm eine Ecke,« befahl der Hofherr zu den Knechten gewandt.

Aber Immo eilte mit gehobenem Haupt durch die Halle dem Tisch des

Grafen zu, er stieg die Stufen zum Herrensitz hinauf und drängte

mit der Hand den Kämmerer, der ihn aufhalten wollte, beiseite. »Dir

würde geziemen, mir den Stuhl zu rücken,« rief er. So trat er auf

die Erhöhung, trug einen Sessel neben die Tochter des Grafen, sprach

freundlich nach allen Seiten grüßend: ~pax domini vobiscum~ und

setzte sich. Graf Gerhard sah sprachlos vor Erstaunen auf den kecken

Eindringling. Ȇbel gedeihe dir deine Frechheit; seit wann klettern die

Schüler in den Abtstuhl. Doch Wunderliches hören wir über die Unordnung

in Wigberts Hofe.«

»Im Hofe des Heiligen sitze ich demütig an der Schülerbank, bei euch,

Herr, ziemt mir der Stuhl in eurer Nähe.«

»Werft den Schamlosen von seinem Sitz,« befahl der Graf zornig.

»Dann führt mich zurück in den Turm,« rief Immo, »denn bei allen

Heiligen des Himmels, an keiner Bank lagere ich, keinen Bissen und

keinen Trunk nehme ich in diesem Saal, wenn mir nicht ein Ehrensitz

bereitet wird, wie ihn mein Vater erhielt, wenn er diese Burg betrat.«

»Wer bist du, Knabe, daß du mir unter meinem eigenen Dache zu trotzen

wagst?«

»Es ist Immo, Herr, Sohn des Helden Irmfried, welcher das Banner der

Thüringe im Lande Italien trug,« bedeutete ein alter Dienstmann in der

Nähe des Grafen, »und darin hat er recht, die Männer seines Geschlechts

haben von je einen Herrenstuhl begehrt.«

»Jetzt erkenne ich dich, Immo,« versetzte der Graf ruhiger, »bei meinem

Schwert, früh krümmt sich der Haken. Dennoch sollen meine Knaben dich

abwärts führen, da du kein Krieger bist, sondern nur ein halber Mönch.«

Immo errötete vor Zorn. »Ich aber meine, daß eure Reisigen meinen Arm

gefühlt haben, fragt nach, wenn es euch gefällt, ob die Stöße nur

halb waren und in Mönchsweise gegeben, oder nach Art eines ehrlichen

Kriegers. Und wenn ich wüßte, daß die Starken, gegen welche ich

geritten bin, in diesem Saale wären, so würde ich sie gern friedlich

begrüßen und sie bitten, daß sie ihren Groll gegen mich schwinden

lassen. Denn ich habe nur getan, wozu ich als Geselle des Hugbald

verpflichtet war, und ich hoffe, auch sie ehren den Spruch: auf der

Heide schlagen, beim Trunke sich vertragen.«

Da rief ihm ein junger Dienstmann von der Bank entgegen: »Hast du

auch meinem Genossen das Haupt zerschlagen, lustiger Immo, so will

ich dir doch Bescheid tun, wenn der Graf dir einen Trunk verstattet.

Denn laut dröhnte dein Holz an meiner Eisenhaube, und ich schulde

dir noch einen Dank vom letzten Kirchfest, wo ich allein gegen eine

Anzahl Klosterleute rang und du mir zu Hilfe sprangst, damit der Kampf

ehrlicher sei. Treffe ich dich mit einem Schwert aber später auf grünem

Grunde, dann zahle ich dir die Streiche zurück, und du magst sie

tragen.«

Ein beifälliges Gebrumm ging um die Bänke.

»Wohlan,« entschied der Graf, »da du dich vor meinen Mannen nach Gebühr

zu entschuldigen weißt, so will auch ich heut an die Ehren deines

Vaters gedenken. Siehe zu, ob du meine Tochter Hildegard erbitten

kannst, daß sie deinen Stuhl in ihrer Nähe leidet, denn sie ist gleich

dir vor kurzem aus der Klosterschule geschlüpft, und sie soll dir wie

ein Abt in Latein dein Urteil sprechen. Wir andern aber wollen ruhig

zuschauen, wenn sie über dem Scholastikus zu Gericht sitzt.«

Das Mädchen saß unbeweglich und sah errötend vor sich hin.

»Sei mir hold,« bat Immo, »da du doch aus der Schule bist.«

Ein freundlicher Blick des Einverständnisses fiel auf ihn, dann sah sie

wieder vor sich hin.

»Hast du das Sprechen verlernt, Hildegard?« frug der Graf unwillig.

»Sechs teure Rosse haben die frommen Frauen genommen, um dich in ihrer

Zucht zu unterweisen, obgleich ich das Gewieher der Rosse lieber höre

als das unverständliche Murmeln in fremden Zungen. Mich reut meine

Spende, wenn du dem dreisten Schüler nicht zu antworten vermagst.«

»~Cave ne iram augeas~,« sprach das Mädchen leise, ohne den Schüler

anzusehen.

»Nur dürftig rinnen die Worte wie aus versiegendem Quell, was hast du

ihm gesagt, Mädchen?« frug der Graf.

»Sie hat mich gemahnt,« antwortete Immo sich erhebend, »daß ich mit

ehrerbietiger Bitte euch nahen soll. Darum flehe ich, Graf Gerhard, daß

ihr mir, wenn ich auch euer Gefangener bin, den Sitz gestattet und mich

nicht von eurem Tische sendet. Denn um euch alles zu sagen, gar nicht

reichlich war heut die Mittagskost im Kloster und der Ritt zwischen den

Rossen eurer Reisigen war auch einem fröhlichen Imbiß sehr ungleich,

und gern würde ich Heil für euch und die Jungfrau trinken, wenn ich es

vermöchte.«

Da der Graf an dem beifälligen Murmeln seiner Dienstmannen erkannte,

daß diesen die Art des Jünglings wohlgefiel, so lachte er und rief über

die Bänke: »Wahrlich, dieser Schüler versteht nicht nur sich selbst,

auch andern Ehre zu geben. Darum gefällt mir, daß heut die beiden

Lateiner zusammensitzen. Fülle deinen Becher, Hildegard, und biete ihm

den Trunk, rücke ihm auch deinen Teller hin, denn als dein Geselle soll

er heut von deinem Teller essen und aus deinem Becher trinken.«

Das Mädchen schob den Teller zögernd nach dem Fremden hin.

»Ich merke,« sagte Immo ärgerlich, »daß dir dein Geselle unwillkommen

ist.«

»Wundere dich nicht, Immo,« spottete der Graf, »du bist wie ein

Frosch aus dem Klosterweiher herangehüpft. Ihr aber geht es wie der

Königstochter, welcher auch ein Frosch zum Gesellen gesetzt war, stolz

sah sie auf den Quaker, kalt erschien ihr sein Fell und nur mit zwei

Fingern griff sie ihn an.«

»Ja, so tat sie, Herr,« versetzte Immo dreist, »aber zuletzt wurde der

Quaker doch ihr Gemahl.«

Der Graf und seine Bankgenossen lachten laut. »Mißfällt dir auch seine

ungefüge Stimme,« gebot der Graf ergötzt der Jungfrau, »so fülle ihm

doch den Becher.«

»Trinke mir zu«, mahnte Immo, »dies ist mein Recht, da ich dein Geselle

bin.«

Hildegard berührte den Becher mit ihren Lippen, schob ihm den Becher

hin und sagte leise: »Stille ein wenig den lauten Gesang, denn der

Reiher schwebt über dir.«

»Sieh zu, Frau Reiherin, ob meine Hand kalt ist wie eine Froschhand,«

versetzte Immo, ihre Hand fassend.

»Du wirst dreist, Herr Frosch,« antwortete das Mädchen, die Hand

zurückziehend, »tauche zurück in deinen Quell.« Sie hob die Kanne und

goß ihm den Becher voll.

»Sei bedankt, Geselle,« sprach Immo. »Komme ich einmal aus dem Kloster,

so sende ich auch dir etwas, das dir Freude macht.«

Das Nest der Zaunkönige Erzählung aus dem Anfang des 11. Jahrhunderts · 第 4 / 16 题