Wenn ich den Inbegriff aller Erkenntnis der reinen und spekulativen
Vernunft wie ein Gebäude ansehe, dazu wir wenigstens die Idee in
uns haben, so kann ich sagen, wir haben in der transzendentalen
Elementarlehre den Bauzeug überschlagen und bestimmt, zu welchem
Gebäude, von welcher Höhe und Festigkeit er zulange. Freilich fand
es sich, daß, ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den
Himmel reichen sollte, der Vorrat der Materialien doch nur zu einem
Wohnhause zureichte, welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der
Erfahrung gerade geräumig und hoch genug war, sie zu übersehen; daß
aber jene kühne Unternehmung aus Mangel an Stoff fehlschlagen mußte,
ohne einmal auf die Sprachverwirrung zu rechnen, welche die Arbeiter
über den Plan unvermeidlich entzweien, und sie in alle Welt zerstreuen
mußte, um sich, ein jeder nach seinem Entwurfe, besonders anzubauen.
Jetzt ist es uns nicht sowohl um die Materialien, als vielmehr um
den Plan zu tun, und, indem wir gewarnt sind, es nicht auf einen
beliebigen blinden Entwurf, der vielleicht unser ganzes Vermögen
übersteigen könnte, zu wagen, gleichwohl doch von der Errichtung eines
festen Wohnsitzes nicht wohl abstehen können, den Anschlag zu einem
Gebäude in Verhältnis auf den Vorrat, der uns gegeben und zugleich
unserem Bedürfnis angemessen ist, zu machen.
Ich verstehe also unter der transzendentalen Methodenlehre die
Bestimmung der formalen Bedingungen eines vollständigen Systems der
reinen Vernunft. Wir werden es in dieser Absicht mit einer Disziplin,
einem Kanon, einer Architektonik, endlich einer Geschichte der reinen
Vernunft zu tun haben, und dasjenige in transzendentaler Absicht
leisten, was, unter dem Namen einer praktischen Logik, in Ansehung
des Gebrauchs des Verstandes überhaupt in den Schulen gesucht, aber
schlecht geleistet wird; weil, da die allgemeine Logik auf keine
besondere Art der Verstandeserkenntnis (z.B. nicht auf die reine),
auch nicht auf gewisse Gegenstände eingeschränkt ist, sie, ohne
Kenntnisse aus anderen Wissenschaften zu borgen, nichts mehr tun
kann, als Titel zu möglichen Methoden und technische Ausdrücke, deren
man sich in Ansehung des Systematischen in allerlei Wissenschaften
bedient, vorzutragen, die den Lehrling zum voraus mit Namen bekannt
machen, deren Bedeutung und Gebrauch er künftig allererst soll
kennenlernen.
Der transzendentalen Methodenlehre
Erstes Hauptstück
Die Disziplin der reinen Vernunft
Die negativen Urteile, die es nicht bloß der logischen Form, sondern
auch dem Inhalte nach sind, stehen bei der Wißbegierde der Menschen
in keiner sonderlichen Achtung, man sieht sie wohl gar als neidische
Feinde unseres unablässig zur Erweiterung strebenden Erkenntnistriebes
an, und es bedarf beinahe einer Apologie, um ihnen nur Duldung, und
noch mehr, um ihnen Gunst und Hochschätzung zu verschaffen.
Man kann zwar logisch alle Sätze, die man will, negativ ausdrücken, in
Ansehung des Inhalts aber unserer Erkenntnis überhaupt, ob sie durch
ein Urteil erweitert, oder beschränkt wird, haben die verneinenden das
eigentümliche Geschäft, lediglich den Irrtum abzuhalten. Daher auch
negative Sätze, welche eine falsche Erkenntnis abhalten sollen, wo
doch niemals ein Irrtum möglich ist, zwar sehr wahr, aber doch leer,
d.i. ihrem Zwecke gar nicht angemessen, und eben darum oft lächerlich
sind. Wie der Satz jenes Schulredners: daß Alexander ohne Kriegsheer
keine Länder hätte erobern können.
Wo aber die Schranken unserer möglichen Erkenntnis sehr enge, der
Anreiz zum Urteilen groß, der Schein, der sich darbietet, sehr
betrüglich, und der Nachteil aus dem Irrtum erheblich ist, da hat
das Negative der Unterweisung, welches bloß dazu dient, um uns vor
Irrtümer zu verwahren, noch mehr Wichtigkeit, als manche positive
Belehrung, dadurch unser Erkenntnis Zuwachs bekommen könnte. Man
nennt den Zwang, wodurch der beständige Hang, von gewissen Regeln
abzuweichen, eingeschränkt, und endlich vertilgt wird, die Disziplin.
Sie ist von der Kultur unterschieden, welche bloß eine Fertigkeit
verschaffen soll, ohne eine andere, schon vorhandene, dagegen
aufzuheben. Zu der Bildung eines Talents, welches schon vor sich
selbst einen Antrieb zur Äußerung hat, wird also die Disziplin einen
negativen*, die Kultur aber und Doktrin einen positiven Beitrag
leisten.
* Ich weiß wohl, daß man in der Schulsprache den Namen der Disziplin
mit dem der Unterweisung gleichgeltend zu brauchen pflegt. Allein,
es gibt dagegen so viele andere Fälle, da der erstere Ausdruck, als
Zucht, von dem zweiten, als Belehrung, sorgfältig unterschieden
wird, und die Natur der Dinge erheischt es auch selbst, für diesen
Unterschied die einzigen schicklichen Ausdrücke aufzubewahren, daß
ich wünsche, man möge niemals erlauben, jenes Wort in anderer als
negativer Bedeutung zu brauchen.
Daß das Temperament, imgleichen daß Talente, die sich gern eine freie
und uneingeschränkte Bewegung erlauben, (als Einbildungskraft und
Witz,) in mancher Absicht einer Disziplin bedürfen, wird jedermann
leicht zugeben. Daß aber die Vernunft, der es eigentlich obliegt,
allen anderen Bestrebungen ihre Disziplin vorzuschreiben, selbst noch
eine solche nötig habe, das mag allerdings befremdlich scheinen, und
in der Tat ist sie auch einer solchen Demütigung eben darum bisher
entgangen, weil, bei der Feierlichkeit und dem gründlichen Anstande,
womit sie auftritt, niemand auf den Verdacht eines leichtsinnigen
Spiels, mit Einbildungen statt Begriffen, und Worten statt Sachen,
leichtlich geraten konnte.
Es bedarf keiner Kritik der Vernunft im empirischen Gebrauche, weil
ihre Grundsätze am Probierstein der Erfahrung einer kontinuierlichen
Prüfung unterworfen werden; imgleichen auch nicht in der Mathematik,
wo ihre Begriffe an der reinen Anschauung sofort in concreto
dargestellt werden müssen, und jedes Ungegründete und Willkürliche
dadurch alsbald offenbar wird. Wo aber weder empirische noch reine
Anschauung die Vernunft in einem sichtbaren Geleise halten, nämlich in
ihrem transzendentalen Gebrauche, nach bloßen Begriffen, da bedarf sie
so gar sehr einer Disziplin, die ihren Hang zur Erweiterung, über die
engen Grenzen möglicher Erfahrung, bändige, und sie von Ausschweifung
und Irrtum abhalte, daß auch die ganze Philosophie der reinen Vernunft
bloß mit diesem negativen Nutzen zu tun hat. Einzelnen Verirrungen
kann durch Zensur und den Ursachen derselben durch Kritik abgeholfen
werden. Wo aber, wie in der reinen Vernunft, ein ganzes System von
Täuschungen und Blendwerken angetroffen wird, die unter sich wohl
verbunden und unter gemeinschaftlichen Prinzipien vereinigt sind, da
scheint eine ganz eigene und zwar negative Gesetzgebung erforderlich
zu sein, welche unter dem Namen einer Disziplin aus der Natur der
Vernunft und der Gegenstände ihres reinen Gebrauchs gleichsam ein
System der Vorsicht und Selbstprüfung errichte, vor welchem kein
falscher vernünftelnder Schein bestehen kann, sondern sich sofort,
unerachtet aller Gründe seiner Beschönigung, verraten muß.
Es ist aber wohl zu merken: daß ich in diesem zweiten Hauptteile der
transzendentalen Kritik die Disziplin der reinen Vernunft nicht auf
den Inhalt, sondern bloß auf die Methode der Erkenntnis aus reiner
Vernunft richte. Das erstere ist schon in der Elementarlehre
geschehen. Es hat aber der Vernunftgebrauch so viel Ähnliches, auf
welchen Gegenstand er auch angewandt werden mag, und ist doch, sofern
er transzendental sein soll, zugleich von allem anderen so wesentlich
unterschieden, daß, ohne die warnende Negativlehre einer besonders
darauf gestellten Disziplin, die Irrtümer nicht zu verhüten sind, die
aus einer unschicklichen Befolgung solcher Methoden, die zwar sonst
der Vernunft, aber nur nicht hier wohl anpassen, notwendig entspringen
müssen.
Des ersten Hauptstücks
Erster Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft im dogmatischen Gebrauche
Die Mathematik gibt das glänzendste Beispiel, einer sich, ohne
Beihilfe der Erfahrung, von selbst glücklich erweiternden reinen
Vernunft. Beispiele sind ansteckend, vornehmlich für dasselbe
Vermögen, welches sich natürlicherweise schmeichelt, eben dasselbe
Glück in anderen Fällen zu haben, welches ihm in einem Falle zuteil
worden. Daher hofft reine Vernunft im transzendentalen Gebrauche sich
ebenso glücklich und gründlich erweitern zu können, als es ihr im
mathematischen gelungen ist, wenn sie vornehmlich dieselbe Methode
dort anwendet, die hier von so augenscheinlichem Nutzen gewesen
ist. Es liegt uns also viel daran, zu wissen: ob die Methode, zur
apodiktischen Gewißheit zu gelangen, die man in der letzteren
Wissenschaft mathematisch nennt, mit derjenigen einerlei sei, womit
man eben dieselbe Gewißheit in der Philosophie sucht, und die daselbst
dogmatisch genannt werden müßte.
Die philosophische Erkenntnis ist die Vernunfterkenntnis aus
Begriffen, die mathematische aus der Konstruktion der Begriffe. Einen
Begriff aber konstruieren, heißt: die ihm korrespondierende Anschauung
a priori darstellen. Zur Konstruktion eines Begriffs wird also eine
nicht empirische Anschauung erfordert, die folglich, als Anschauung,
ein einzelnes Objekt ist, aber nichtsdestoweniger, als die
Konstruktion eines Begriffs (einer allgemeinen Vorstellung),
Allgemeingültigkeit für alle möglichen Anschauungen, die unter
denselben Begriff gehören, in der Vorstellung ausdrücken muß. So
konstruiere ich einen Triangel, indem ich den diesem Begriffe
entsprechenden Gegenstand, entweder durch bloße Einbildung, in der
reinen, oder nach derselben auch auf dem Papier, in der empirischen
Anschauung, beidemal aber völlig a priori, ohne das Muster dazu aus
irgendeiner Erfahrung geborgt zu haben, darstelle. Die einzelne
hingezeichnete Figur ist empirisch, und dient gleichwohl den Begriff,
unbeschadet seiner Allgemeinheit, auszudrücken, weil bei dieser
empirischen Anschauung immer nur auf die Handlung der Konstruktion
des Begriffs, welchem viele Bestimmungen, z.E. der Größe, der Seiten
und der Winkel, ganz gleichgültig sind, gesehen, und also von diesen
Verschiedenheiten, die den Begriff des Triangels nicht verändern,
abstrahiert wird.
Die philosophische Erkenntnis betrachtet also das Besondere nur im
Allgemeinen, die mathematische das Allgemeine im Besonderen, ja gar im
Einzelnen, gleichwohl doch a priori und vermittelst der Vernunft, so
daß, wie dieses Einzelne unter gewissen allgemeinen Bedingungen der
Konstruktion bestimmt ist, ebenso der Gegenstand des Begriffs, dem
dieses Einzelne nur als sein Schema korrespondiert, allgemein bestimmt
gedacht werden muß.
In dieser Form besteht also der wesentliche Unterschied dieser beiden
Arten der Vernunfterkenntnis, und beruht nicht auf dem Unterschied
ihrer Materie, oder Gegenstände. Diejenigen, welche Philosophie von
Mathematik dadurch zu unterscheiden vermeinten, daß sie von jener
sagten, sie habe bloß die Qualität, diese aber nur die Quantität zum
Objekt, haben die Wirkung für die Ursache genommen. Die Form der
mathematischen Erkenntnis ist die Ursache, daß diese lediglich
auf Quanta gehen kann. Denn nur der Begriff von Größen läßt sich
konstruieren, d.i. a priori in der Anschauung darlegen, Qualitäten
aber lassen sich in keiner anderen als empirischen Anschauung
darstellen. Daher kann eine Vernunfterkenntnis derselben nur durch
Begriffe möglich sein. So kann niemand eine dem Begriff der Realität
korrespondierende Anschauung anders woher, als aus der Erfahrung
nehmen, niemals aber a priori aus sich selbst und vor dem empirischen
Bewußtsein derselben teilhaftig werden. Die konische Gestalt wird man
ohne alle empirische Beihilfe, bloß nach dem Begriffe, anschauend
machen können, aber die Farbe dieses Kegels wird in einer oder anderer
Erfahrung zuvor gegeben sein müssen. Den Begriff einer Ursache
überhaupt kann ich auf keine Weise in der Anschauung darstellen, als
an einem Beispiele, das mir Erfahrung an die Hand gibt, usw. Übrigens
handelt die Philosophie ebensowohl von Größen, als die Mathematik,
z.B. von der Totalität, der Unendlichkeit usw. Die Mathematik
beschäftigt sich auch mit dem Unterschiede der Linien und Flächen,
als Räumen, von verschiedener Qualität, mit der Kontinuität der
Ausdehnung, als einer Qualität derselben. Aber, obgleich sie in
solchen Fällen einen gemeinschaftlichen Gegenstand haben, so ist die
Art, ihn durch die Vernunft zu behandeln, doch ganz anders in der
philosophischen, als mathematischen Betrachtung. Jene hält sich bloß
an allgemeinen Begriffen, diese kann mit dem bloßen Begriffe nichts
ausrichten, sondern eilt sogleich zur Anschauung, in welcher sie den
Begriff in concreto betrachtet, aber doch nicht empirisch, sondern
bloß in einer solchen, die sie a priori darstellt, d.i. konstruiert
hat, und in welcher dasjenige, was aus den allgemeinen Bedingungen der
Konstruktion folgt, auch von dem Objekte des konstruierten Begriffs
allgemein gelten muß.
Man gebe einem Philosophen den Begriff eines Triangels, und lasse
ihn nach seiner Art ausfindig machen, wie sich wohl die Summe seiner
Winkel zum rechten verhalten möge. Er hat nun nichts als den Begriff
von einer Figur, die in drei geraden Linien eingeschlossen ist, und
an ihr den Begriff von ebensoviel Winkeln. Nun mag er diesem Begriffe
nachdenken, so lange er will, er wird nichts Neues herausbringen.
Er kann den Begriff der geraden Linie, oder eines Winkels, oder der
Zahl drei zergliedern und deutlich machen, aber nicht auf andere
Eigenschaften kommen, die in diesen Begriffen gar nicht liegen. Allein
der Geometer nehme diese Frage vor. Er fängt sofort davon an, einen
Triangel zu konstruieren. Weil er weiß, daß zwei rechte Winkel
zusammen gerade so viel austragen, als alle berührenden Winkel, die
aus einem Punkte auf einer geraden Linie gezogen werden können,
zusammen, so verlängert er eine Seite seines Triangels, und bekommt
zwei berührende Winkel, die zweien rechten zusammen gleich sind. Nun
teilt er den äußeren von diesen Winkeln, indem er eine Linie mit der
gegenüberstehenden Seite des Triangels parallel zieht, und sieht, daß
hier ein äußerer berührender Winkel entspringe, der einem inneren
gleich ist, usw. Er gelangt auf solche Weise durch eine Kette
von Schlüssen, immer von der Anschauung geleitet, zur völlig
einleuchtenden und zugleich allgemeinen Auflösung der Frage.
Die Mathematik aber konstruiert nicht bloß Größen (quanta), wie in
der Geometrie, sondern auch die bloße Größe (quantitatem), wie in der
Buchstabenrechnung, wobei sie von der Beschaffenheit des Gegenstandes,
der nach einem solchen Größenbegriff gedacht werden soll, gänzlich
abstrahiert. Sie wählt sich alsdann eine gewisse Bezeichnung aller
Konstruktionen von Größen überhaupt (Zahlen, als der Addition,
Subtraktion usw.), Ausziehung der Wurzel, und, nachdem sie den
allgemeinen Begriff der Größen nach den verschiedenen Verhältnissen
derselben auch bezeichnet hat, so stellt sie alle Behandlung, die
durch die Größe erzeugt und verändert wird, nach gewissen allgemeinen
Regeln in der Anschauung dar; wo eine Größe durch die andere dividiert
werden soll, setzt sie beider ihre Charaktere nach der bezeichnenden
Form der Division zusammen usw., und gelangt also vermittelst einer
symbolischen Konstruktion ebensogut, wie die Geometrie nach einer
ostensiven oder geometrischen (der Gegenstände selbst) dahin, wohin
die diskursive Erkenntnis vermittelst bloßer Begriffe niemals gelangen
könnte.
Was mag die Ursache dieser so verschiedenen Lage sein, darin sich zwei
Vernunftkünstler befinden, deren der eine seinen Weg nach Begriffen,
der andere nach Anschauungen nimmt, die er a priori den Begriffen
gemäß darstellt. Nach den oben vorgetragenen transzendentalen
Grundlehren ist diese Ursache klar. Es kommt hier nicht auf
analytische Sätze an, die durch bloße Zergliederung der Begriffe
erzeugt werden können, (hierin würde der Philosoph ohne Zweifel den
Vorteil über seinen Nebenbuhler haben,) sondern auf synthetische, und
zwar solche, die a priori sollen erkannt werden. Denn ich soll nicht
auf dasjenige sehen, was ich in meinem Begriffe vom Triangel wirklich
denke, (dieses ist nichts weiter, als die bloße Definition,) vielmehr
soll ich über ihn zu Eigenschaften, die in diesem Begriffe nicht
liegen, aber doch zu ihm gehören, hinausgehen. Nun ist dieses nicht
anders möglich, als daß ich meinen Gegenstand nach den Bedingungen,
entweder der empirischen Anschauung, oder der reinen Anschauung
bestimme. Das erstere würde nur einen empirischen Satz (durch Messen
seiner Winkel), der keine Allgemeinheit, noch weniger Notwendigkeit
enthielte, abgeben, und von dergleichen ist gar nicht die Rede.
Das zweite Verfahren aber ist die mathematische und zwar hier die
geometrische Konstruktion, vermittelst deren ich in einer reinen
Anschauung, ebenso wie in der empirischen, das Mannigfaltige, was
zu dem Schema eines Triangels überhaupt, mithin zu seinem Begriffe
gehört, hinzusetzen wodurch allerdings allgemeine synthetische Sätze
konstruiert werden müssen.
Ich würde also umsonst über den Triangel philosophieren, d.i.
diskursiv nachdenken, ohne dadurch im mindesten weiter zu kommen, als
auf die bloße Definition, von der ich aber billig anfangen müßte. Es
gibt zwar eine transzendentale Synthesis aus lauter Begriffen, die
wiederum allein dem Philosophen gelingt, die aber niemals mehr als ein
Ding überhaupt betrifft, unter welchen Bedingungen dessen Wahrnehmung
zur möglichen Erfahrung gehören könne. Aber in den mathematischen
Aufgaben ist hiervon und überhaupt von der Existenz gar nicht die
Frage, sondern von den Eigenschaften der Gegenstände an sich selbst,
lediglich sofern diese mit dem Begriffe derselben verbunden sind.
Wir haben in dem angeführten Beispiele nur deutlich zu machen gesucht,
welcher große Unterschied zwischen dem diskursiven Vernunftgebrauch
nach Begriffen und dem intuitiven durch die Konstruktion der Begriffe
anzutreffen sei. Nun frägts sich natürlicherweise, was die Ursache
sei, die einen solchen zwiefachen Vernunftgebrauch notwendig macht,
und an welchen Bedingungen man erkennen könne, ob nur der erste, oder
auch der zweite stattfinde.
Alle unsere Erkenntnis bezieht sich doch zuletzt auf mögliche
Anschauungen: denn durch diese allein wird ein Gegenstand gegeben. Nun
enthält ein Begriff a priori (ein nicht empirischer Begriff) entweder
schon eine reine Anschauung in sich, und alsdann kann er konstruiert
werden; oder nichts als die Synthesis möglicher Anschauungen, die a
priori nicht gegeben sind, und alsdann kann man wohl zwar durch ihn
synthetisch und a priori urteilen, aber nur diskursiv, nach Begriffen,
niemals aber intuitiv durch die Konstruktion des Begriffes.
Nun ist von aller Anschauung keine a priori gegeben, als die bloße
Form der Erscheinungen, Raum und Zeit, und ein Begriff von diesen, als
Quantis, läßt sich entweder zugleich mit der Qualität derselben (ihre
Gestalt), oder auch bloß ihre Quantität (die bloße Synthesis des
gleichartig Mannigfaltigen) durch Zahl a priori in der Anschauung
darstellen, d.i. konstruieren. Die Materie aber der Erscheinungen,
wodurch uns Dinge im Raume und der Zeit gegeben werden, kann nur in
der Wahrnehmung, mithin a posteriori vorgestellt werden. Der einzige
Begriff, der a priori diesen empirischen Gehalt der Erscheinungen
vorstellt, ist der Begriff des Dinges überhaupt, und die synthetische
Erkenntnis von demselben a priori kann nichts weiter, als die bloße
Regel der Synthesis desjenigen, was die Wahrnehmung a posteriori geben
mag, niemals aber die Anschauung des realen Gegenstandes a priori
liefern, weil diese notwendig empirisch sein muß.
Synthetische Sätze, die auf Dinge überhaupt, deren Anschauung sich
a priori gar nicht geben läßt, gehen, sind transzendental. Demnach
lassen sich transzendentale Sätze niemals durch Konstruktion der
Begriffe, sondern nur nach Begriffen a priori geben. Sie enthalten
bloß die Regel, nach der eine gewisse synthetische Einheit desjenigen,
was nicht a priori anschaulich vorgestellt werden kann, (der
Wahrnehmungen,) empirisch gesucht werden soll. Sie können aber keinen
einzigen ihrer Begriffe a priori in irgendeinem Falle darstellen,
sondern tun dieses nur a posteriori, vermittelst der Erfahrung, die
nach jenen synthetischen Grundsätzen allererst möglich wird.
Wenn man von einem Begriffe synthetisch urteilen soll, so muß man
aus diesem Begriffe hinausgehen, und zwar zur Anschauung, in welcher
er gegeben ist. Denn, bliebe man bei dem stehen, was im Begriffe
enthalten ist, so wäre das Urteil bloß analytisch, und eine Erklärung
des Gedanken, nach demjenigen, was wirklich in ihm enthalten ist. Ich
kann aber von dem Begriffe zu der ihm korrespondierenden reinen oder
empirischen Anschauung gehen, um ihn in derselben in concreto zu
erwägen, und, was dem Gegenstande desselben zukommt, a priori
oder a posteriori zu erkennen. Das erstere ist die rationale und
mathematische Erkenntnis durch die Konstruktion des Begriffs, das
zweite die bloße empirische (mechanische) Erkenntnis, die niemals
notwendige und apodiktische Sätze geben kann. So könnte ich meinen
empirischen Begriff vom Golde zergliedern, ohne dadurch etwas weiter
zu gewinnen, als alles, was ich bei diesem Worte wirklich denke,
herzählen zu können, wodurch in meinem Erkenntnis zwar eine logische
Verbesserung vorgeht, aber keine Vermehrung oder Zusatz erworben wird.
Ich nehme aber die Materie, welche unter diesem Namen vorkommt, und
stelle mit ihr Wahrnehmungen an, welche mir verschiedene synthetische,
aber empirische Sätze an die Hand geben werden. Den mathematischen
Begriff eines Triangels würde ich konstruieren, d.i. a priori in
der Anschauung geben, und auf diesem Wege eine synthetische, aber
rationale Erkenntnis bekommen. Aber, wenn mir der transzendentale
Begriff einer Realität, Substanz, Kraft usw. gegeben ist, so
bezeichnet er weder eine empirische, noch reine Anschauung, sondern
lediglich die Synthesis der empirischen Anschauungen (die also a
priori nicht gegeben werden können), und es kann also aus ihm,
weil die Synthesis nicht a priori zu der Anschauung, die ihm
korrespondiert, hinausgehen kann, auch kein bestimmender synthetischer
Satz, sondern nur ein Grundsatz der Synthesis* möglicher empirischer
Anschauungen entspringen. Also ist ein transzendentaler Satz ein
synthetisches Vernunfterkenntnis nach bloßen Begriffen, und mithin
diskursiv, indem dadurch alle synthetische Einheit der empirischen
Erkenntnis allererst möglich, keine Anschauung aber dadurch a priori
gegeben wird.
* Vermittelst des Begriffs der Ursache gehe ich wirklich aus dem
empirischen Begriffe von einer Begebenheit (da etwas geschieht)
heraus, aber nicht zu der Anschauung, die den Begriff der Ursache in
concreto darstellt, sondern zu den Zeitbedingungen überhaupt, die
in der Erfahrung dem Begriffe der Ursache gemäß gefunden werden
möchten. Ich verfahre also bloß nach Begriffen, und kann nicht durch
Konstruktion der Begriffe verfahren, weil der Begriff eine Regel der
Synthesis der Wahrnehmungen ist, die keine reine Anschauungen sind,
und sich also a priori nicht geben lassen.
So gibt es denn einen doppelten Vernunftgebrauch, der, unerachtet der
Allgemeinheit der Erkenntnis und ihrer Erzeugung a priori, welche sie
gemein haben, dennoch im Fortgange sehr verschieden ist, und zwar
darum, weil in der Erscheinung, als wodurch uns alle Gegenstände
gegeben werden, zwei Stücke sind: die Form der Anschauung (Raum und
Zeit), die völlig a priori erkannt und bestimmt werden kann, und die
Materie (das Physische), oder der Gehalt, welcher ein Etwas bedeutet,
das im Raume und der Zeit angetroffen wird, mithin ein Dasein enthält
und der Empfindung korrespondiert. In Ansehung des letzteren, welches
niemals anders auf bestimmte Art, als empirisch gegeben werden kann,
können wir nichts a priori haben, als unbestimmte Begriffe der
Synthesis möglicher Empfindungen, sofern sie zur Einheit der
Apperzeption (in einer möglichen Erfahrung) gehören. In Ansehung
der ersteren können wir unsere Begriffe in der Anschauung a priori
bestimmen, indem wir uns im Raume und der Zeit die Gegenstände selbst
durch gleichförmige Synthesis schaffen, indem wir sie bloß als Quanta
betrachten. Jener heißt der Vernunftgebrauch nach Begriffen, indem wir
nichts weiter tun können, als Erscheinungen dem realen Inhalte nach
unter Begriffe zu bringen, welche darauf nicht anders als empirisch,
d.i. a posteriori, (aber jenen Begriffen als Regeln einer
empirischen Synthesis gemäß,) können bestimmt werden; dieser ist der
Vernunftgebrauch durch Konstruktion der Begriffe, indem diese, da sie
schon auf eine Anschauung a priori gehen, auch eben darum a priori und
ohne alle empirische data in der reinen Anschauung bestimmt gegeben
werden können. Alles, was da ist (ein Ding im Raum oder der Zeit), zu
erwägen, ob und wiefern es ein Quantum ist oder nicht, daß ein Dasein
in demselben oder Mangel vorgestellt werden müsse, wie fern dieses
Etwas (welches Raum oder Zeit erfüllt) ein erstes Substratum, oder
bloße Bestimmung sei, eine Beziehung seines Daseins auf etwas
anderes, als Ursache oder Wirkung, habe, und endlich isoliert oder
in wechselseitiger Abhängigkeit mit anderen in Ansehung des Daseins
stehe, die Möglichkeit dieses Daseins, die Wirklichkeit und
Notwendigkeit, oder die Gegenteile derselben zu erwägen: dieses alles
gehört zum Vernunfterkenntnis aus Begriffen, welches philosophisch
genannt wird. Aber im Raume eine Anschauung a priori zu bestimmen
(Gestalt), die Zeit zu teilen (Dauer), oder bloß das Allgemeine der
Synthesis von einem und demselben in der Zeit und dem Raume, und
die daraus entspringende Größe einer Anschauung überhaupt (Zahl)
zu erkennen, das ist ein Vernunftgeschäft durch Konstruktion der
Begriffe, und heißt mathematisch.
Das große Glück, welches die Vernunft vermittelst der Mathematik
macht, bringt ganz natürlicherweise die Vermutung zuwege, daß es, wo
nicht ihr selbst, doch ihrer Methode, auch außer dem Felde der Größen
gelingen werde, indem sie alle ihre Begriffe auf Anschauungen bringt,
die sie a priori geben kann, und wodurch sie, so zu reden, Meister
über die Natur wird; da hingegen reine Philosophie mit diskursiven
Begriffen a priori in der Natur herumpfuscht, ohne die Realität
derselben a priori anschauend und eben dadurch beglaubigt machen
zu können. Auch scheint es den Meistern in dieser Kunst an dieser
Zuversicht zu sich selbst und dem gemeinen Wesen an großen Erwartungen
von ihrer Geschicklichkeit, wenn sie sich einmal hiermit befassen
sollten, gar nicht zu fehlen. Denn da sie kaum jemals über ihre
Mathematik philosophiert haben, (ein schweres Geschäft!) so kommt
ihnen der spezifische Unterschied des einen Vernunftgebrauchs von
dem anderen gar nicht in Sinn und Gedanken. Gangbare und empirisch
gebrauchte Regeln, die sie von der gemeinen Vernunft borgen, gelten
ihnen dann statt Axiomen. Wo ihnen die Begriffe von Raum und Zeit,
womit sie sich (als den einzigen ursprünglichen Quantis) beschäftigen,
herkommen mögen, daran ist ihnen gar nichts gelegen, und
ebenso scheint es ihnen unnütz zu sein, den Ursprung reiner
Verstandesbegriffe, und hiermit auch den Umfang ihrer Gültigkeit zu
erforschen, sondern nur sich ihrer zu bedienen. In allem diesem tun
sie ganz recht, wenn sie nur ihre angewiesene Grenze, nämlich die der
Natur nicht überschreiten. So aber geraten sie unvermerkt, von dem
Felde der Sinnlichkeit, auf den unsicheren Boden reiner und selbst
transzendentaler Begriffe, wo der Grund (instabilis tellus, innabilis
unda) ihnen weder zu stehen, noch zu schwimmen erlaubt, und sich nur
flüchtige Schritte tun lassen, von denen die Zeit nicht die mindeste
Spur aufbehält, da hingegen ihr Gang in der Mathematik eine
Heeresstraße macht, welche noch die späteste Nachkommenschaft mit
Zuversicht betreten kann.
Da wir es uns zur Pflicht gemacht haben, die Grenzen der reinen
Vernunft im transzendentalen Gebrauche genau und mit Gewißheit zu
bestimmen, diese Art der Bestrebung aber das Besondere an sich hat,
unerachtet der nachdrücklichsten und klarsten Warnungen, sich noch
immer durch Hoffnung hinhalten zu lassen, ehe man den Anschlag
gänzlich aufgibt, über Grenzen der Erfahrungen hinaus in die reizenden
Gegenden des Intellektuellen zu gelangen: so ist es notwendig,
noch gleichsam den letzten Anker einer phantasiereichen Hoffnung
wegzunehmen, und zu zeigen, daß die Befolgung der mathematischen
Methode in dieser Art Erkenntnis nicht den mindesten Vorteil schaffen
könne, es müßte denn der sein, die Blößen ihrer selbst desto
deutlicher aufzudecken, daß Meßkunst und Philosophie zwei ganz
verschiedene Dinge seien, ob sie sich zwar in der Naturwissenschaft
einander die Hand bieten, mithin das Verfahren des einen niemals von
dem anderen nachgeahmt werden könne.
Die Gründlichkeit der Mathematik beruht auf Definitionen, Axiomen,
Demonstrationen. Ich werde mich damit begnügen, zu zeigen: daß keines
dieser Stücke in dem Sinne, darin sie der Mathematiker nimmt, von
der Philosophie könne geleistet, noch nachgeahmt werden. Daß der
Meßkünstler, nach seiner Methode, in der Philosophie nichts als
Kartengebäude zustande bringe, der Philosoph nach der seinigen in dem
Anteil der Mathematik nur ein Geschwätz erregen könne, wiewohl eben
darin Philosophie besteht, seine Grenzen zu kennen, und selbst der
Mathematiker, wenn das Talent desselben nicht etwa schon von der
Natur begrenzt und auf sein Fach eingeschränkt ist, die Warnungen der
Philosophie nicht ausschlagen, noch sich über sie wegsetzen kann.
1. Von den Definitionen. Definieren soll, wie es der Ausdruck selbst
gibt, eigentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführlichen Begriff
eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen*.
Nach einer solchen Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht
definiert, sondern nur expliziert werden. Denn, da wir an ihm nur
einige Merkmale von einer gewissen Art Gegenstände der Sinne haben,
so ist es niemals sicher, ob man unter dem Worte, der denselben
Gegenstand bezeichnet, nicht einmal mehr, das andere Mal weniger
Merkmale desselben denke. So kann der eine im Begriffe vom Golde sich
außer dem Gewichte, der Farbe, der Zähigkeit, noch die Eigenschaft,
daß es nicht rostet, denken, der andere davon vielleicht nichts
wissen. Man bedient sich gewisser Merkmale nur so lange, als sie zum
Unterscheiden hinreichend sind; neue Bemerkungen dagegen nehmen welche
weg und setzen einige hinzu, der Begriff steht also niemals zwischen
sicheren Grenzen. Und wozu sollte es auch dienen, einen solchen
Begriff zu definieren, da, wenn z.B. von dem Wasser und dessen
Eigenschaften die Rede ist, man sich bei dem nicht aufhalten wird, was
man bei dem Worte Wasser denkt, sondern zu Versuchen schreitet, und
das Wort, mit den wenigen Merkmalen, die ihm anhängen, nur eine
Bezeichnung und nicht einen Begriff der Sache ausmachen soll, mithin
die angebliche Definition nichts anderes als Wortbestimmung ist.
Zweitens kann auch, genau zu reden, kein a priori gegebener Begriff
definiert werden, z.B. Substanz, Ursache, Recht, Billigkeit usw. Denn
ich kann niemals sicher sein, daß die deutliche Vorstellung eines
(noch verworren) gegebenen Begriffs ausführlich entwickelt worden,
als wenn ich weiß, daß dieselbe dem Gegenstande adäquat sei. Da
der Begriff desselben aber, so wie er gegeben ist, viel dunkle
Vorstellungen enthalten kann, die wir in der Zergliederung übergehen,
ob wir sie zwar in der Anwendung jederzeit brauchen: so ist die
Ausführlichkeit der Zergliederung meines Begriffs immer zweifelhaft,
und kann nur durch vielfältig zutreffende Beispiele vermutlich,
niemals aber apodiktisch gewiß gemacht werden. Anstatt des Ausdrucks:
Definition, würde ich lieber den der Exposition brauchen, der immer
noch behutsam bleibt, und bei dem der Kritiker sie auf einen gewissen
Grad gelten lassen und doch wegen der Ausführlichkeit noch Bedenken
tragen kann. Da also weder empirisch, noch a priori gegebene Begriffe
definiert werden können, so bleiben keine anderen als willkürlich
gedachte übrig, an denen man dieses Kunststück versuchen kann. Meinen
Begriff kann ich in solchem Falle jederzeit definieren; denn ich muß
doch wissen, was ich habe denken wollen, da ich ihn selbst vorsetzlich
gemacht habe, und er mir weder durch die Natur des Verstandes, noch
durch die Erfahrung gegeben worden, aber ich kann nicht sagen, daß ich
dadurch einen wahren Gegenstand definiert habe. Denn, wenn der Begriff
auf empirischen Bedingungen beruht, z.B. eine Schiffsuhr, so wird der
Gegenstand und dessen Möglichkeit durch diesen willkürlichen Begriff
noch nicht gegeben; ich weiß daraus nicht einmal, ob er überall einen
Gegenstand habe, und meine Erklärung kann besser eine Deklaration
(meines Projekts) als Definition eines Gegenstandes heißen. Also
blieben keine anderen Begriffe übrig, die zum Definieren taugen, als
solche, die eine willkürliche Synthesis enthalten, welche a priori
konstruiert werden kann, mithin hat nur die Mathematik Definitionen.
Denn, den Gegenstand, den sie denkt, stellt sie auch a priori in
der Anschauung dar, und dieser kann sicher nicht mehr noch weniger
enthalten, als der Begriff, weil durch die Erklärung der Begriff von
dem Gegenstande ursprünglich, d.i. ohne die Erklärung irgend wovon
abzuleiten, gegeben wurde. Die deutsche Sprache hat für die Ausdrücke
der Exposition, Explikation, Deklaration und Definition nichts mehr,
als das eine Wort: Erklärung, und daher müssen wir schon von der
Strenge der Forderung, da wir nämlich den philosophischen Erklärungen
den Ehrennamen der Definition verweigerten, etwas ablassen, und
wollen diese ganze Anmerkung darauf einschränken, daß philosophische
Definitionen nur als Expositionen gegebener, mathematische aber als
Konstruktionen ursprünglich gemachter Begriffe, jene nur analytisch
durch Zergliederung (deren Vollständigkeit nicht apodiktisch gewiß
ist), diese synthetisch zustande gebracht werden, und also den Begriff
selbst machen, dagegen die ersteren ihn nur erklären. Hieraus folgt:
* Ausführlichkeit bedeutet die Klarheit und Zulänglichkeit der
Merkmale; Grenzen die Präzision, daß deren nicht mehr sind, als
zum ausführlichen Begriffe gehören; ursprünglich aber, daß diese
Grenzbestimmung nicht irgend woher abgeleitet sei und also noch
eines Beweises bedürfe, welches die vermeintliche Erklärung unfähig
machen würde, an der Spitze aller Urteile über einen Gegenstand zu
stehen.
a) daß man es in der Philosophie der Mathematik nicht so nachtun
müsse, die Definition voranzuschicken, als nur etwa zum bloßen
Versuche. Denn, da sie Zergliederungen gegebener Begriffe sind, so
gehen diese Begriffe, obzwar nur noch verworren, voran, und die
unvollständige Exposition geht vor der vollständigen, so, daß wir aus
einigen Merkmalen, die wir aus einer noch unvollendeten Zergliederung
gezogen haben, manches vorher schließen können, ehe wir zur
vollständigen Exposition, d.i. der Definition gelangt sind; mit
einem Worte, daß in der Philosophie die Definition, als abgemessene
Deutlichkeit, das Werk eher schließe, als anfangen müsse*. Dagegen
haben wir in der Mathematik gar keinen Begriff vor der Definition, als
durch welche der Begriff allererst gegeben wird, sie muß also und kann
auch jederzeit davon anfangen.
* Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen, vornehmlich
solchen, die zwar wirklich Elemente zur Definition, aber noch nicht
vollständig enthalten. Würde man nun eher gar nichts mit einem
Begriffe anfangen können, als bis man ihn definiert hätte, so würde
es gar schlecht mit allem Philosophieren stehen. Da aber, so weit
die Elemente (der Zergliederung) reichen, immer ein guter und
sicherer Gebrauch davon zu machen ist, so können auch mangelhafte
Definitionen, d.i. Sätze, die eigentlich noch nicht Definitionen,
aber übrigens wahr und also Annäherungen zu ihnen sind, sehr
nützlich gebraucht werden. In der Mathematik gehört die Definition
ad esse, in der Philosophie ad melius esse. Es ist schön, aber
oft sehr schwer, dazu zu gelangen. Noch suchen die Juristen eine
Definition zu ihrem Begriffe von Recht.
b) Mathematische Definitionen können niemals irren. Denn, weil der
Begriff durch die Definition zuerst gegeben wird, so enthält er gerade
nur das, was die Definition durch ihn gedacht haben will. Aber,
obgleich dem Inhalte nach nichts Unrichtiges darin vorkommen kann, so
kann doch bisweilen, obzwar nur selten, in der Form (der Einkleidung)
gefehlt werden, nämlich in Ansehung der Präzision. So hat die gemeine
Erklärung der Kreislinie, daß sie eine krumme Linie sei, deren alle
Punkte von einem einigen (dem Mittelpunkte) gleich weit abstehen, den
Fehler, daß die Bestimmung krumm unnötiger Weise eingeflossen ist.
Denn es muß einen besonderen Lehrsatz geben, der aus der Definition
gefolgert wird und leicht bewiesen werden kann: daß eine jede Linie,
deren alle Punkte von einem einigen gleich weit abstehen, krumm (kein
Teil von ihr gerade) sei. Analytische Definitionen können dagegen auf
vielfältige Art irren, entweder indem sie Merkmale hineinbringen,
die wirklich nicht im Begriffe lagen, oder an der Ausführlichkeit
ermangeln, die das Wesentliche einer Definition ausmacht, weil man der
Vollständigkeit seiner Zergliederung nicht so völlig gewiß sein kann.
Um deswillen läßt sich die Methode der Mathematik im Definieren in der
Philosophie nicht nachahmen.
2. Von den Axiomen. Diese sind synthetische Grundsätze a priori,
sofern sie unmittelbar gewiß sind. Nun läßt sich nicht ein Begriff mit
dem anderen synthetisch und doch unmittelbar verbinden, weil, damit
wir über einen Begriff hinausgehen können, ein drittes vermittelnde
Erkenntnis nötig ist. Da nun Philosophie bloß die Vernunfterkenntnis
nach Begriffen ist, so wird in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein,
der den Namen eines Axioms verdiene. Die Mathematik dagegen ist der
Axiomen fähig, weil sie vermittelst der Konstruktion der Begriffe in
der Anschauung des Gegenstandes die Prädikate desselben a priori und
unmittelbar verknüpfen kann, z.B. daß drei Punkte jederzeit in einer
Ebene liegen. Dagegen kann ein synthetischer Grundsatz bloß aus
Begriffen niemals unmittelbar gewiß sein; z.B. der Satz: alles,
was geschieht, hat seine Ursache, da ich mich nach einem dritten
herumgehen muß, nämlich der Bedingung der Zeitbestimmung in einer
Erfahrung, und nicht direkt unmittelbar aus den Begriffen allein einen
solchen Grundsatz erkennen konnte. Diskursive Grundsätze sind also
ganz etwas anderes als intuitive, d.i. Axiomen. Jene erfordern
jederzeit noch eine Deduktion, deren die letzteren ganz und gar
entbehren können, und, da diese eben um desselben Grundes wegen
evident sind, welches die philosophischen Grundsätze, bei aller
ihrer Gewißheit, doch niemals vorgeben können, so fehlt unendlich
viel daran, daß irgendein synthetischer Satz der reinen und
transzendentalen Vernunft so augenscheinlich sei (wie man sich trotzig
auszudrücken pflegt), als der Satz: daß zweimal zwei vier geben. Ich
habe zwar in der Analytik, bei der Tafel der Grundsätze des reinen
Verstandes, auch gewisser Axiomen der Anschauung gedacht; allein der
daselbst angeführte Grundsatz war selbst kein Axiom, sondern diente
nur dazu, das Prinzipium der Möglichkeit der Axiomen überhaupt
anzugeben, und selbst nur ein Grundsatz aus Begriffen. Denn sogar
die Möglichkeit der Mathematik muß in der Transzendentalphilosophie
gezeigt werden. Die Philosophie hat also keine Axiomen und darf
niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten, sondern muß
sich dazu bequemen, ihre Befugnis wegen derselben durch gründliche
Deduktion zu rechtfertigen.
3. Von den Demonstrationen. Nur ein apodiktischer Beweis, sofern er
intuitiv ist, kann Demonstration heißen. Erfahrung lehrt uns wohl, was
da sei, aber nicht, daß es gar nicht anders sein könne. Daher können
empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus
Begriffen a priori (im diskursiven Erkenntnisse) kann aber niemals
anschauende Gewißheit d.i. Evidenz entspringen, so sehr auch sonst
das Urteil apodiktisch gewiß sein mag. Nur die Mathematik enthält
also Demonstrationen, weil sie nicht aus Begriffen, sondern der
Konstruktion derselben, d.i. der Anschauung, die den Begriffen
entsprechend a priori gegeben werden kann, ihr Erkenntnis ableitet.
Selbst das Verfahren der Algeber mit ihren Gleichungen, aus denen sie
durch Reduktion die Wahrheit zusamt dem Beweise hervorbringt, ist
zwar keine geometrische, aber doch charakteristische Konstruktion,
in welcher man an den Zeichen die Begriffe, vornehmlich von dem
Verhältnisse der Größen, in der Anschauung darlegt, und, ohne einmal
auf das Heuristische zu sehen, alle Schlüsse vor Fehlern dadurch
sichert, daß jeder derselben vor Augen gestellt wird. Da hingegen das
philosophische Erkenntnis dieses Vorteils entbehren muß, indem es das
Allgemeine jederzeit in abstracto (durch Begriffe) betrachten muß,
indessen daß Mathematik das Allgemeine in concreto (in der einzelnen
Anschauung) und doch durch reine Vorstellung a priori erwägen kann,
wobei jeder Fehltritt sichtbar wird. Ich möchte die ersteren daher
lieber akroamatische (diskursive) Beweise nennen, weil sie sich nur
durch lauter Worte (den Gegenstand in Gedanken) führen lassen, als
Demonstrationen, welche, wie der Ausdruck es schon anzeigt, in der
Anschauung des Gegenstandes fortgehen.
Aus allem diesem folgt nun, daß es sich für die Natur der Philosophie
gar nicht schicke, vornehmlich im Felde der reinen Vernunft, mit einem
dogmatischen Gange zu strotzen und sich mit den Titeln und Bändern der
Mathematik auszuschmücken, in deren Orden sie doch nicht gehört, ob
sie zwar auf schwesterliche Vereinigung mit derselben zu hoffen alle
Ursache hat. Jene sind eitle Anmaßungen, die niemals gelingen können,
vielmehr ihre Absicht rückgängig machen müssen, die Blendwerke einer
ihre Grenzen verkennenden Vernunft zu entdecken, und, vermittelst
hinreichender Aufklärung unserer Begriffe, den Eigendünkel der
Spekulation auf das bescheidene, aber gründliche Selbsterkenntnis
zurückzuführen. Die Vernunft wird also in ihren transzendentalen
Versuchen nicht so zuversichtlich vor sich hinsehen können, gleich
als wenn der Weg, den sie zurückgelegt hat, so ganz gerade zum Ziele
führe, und auf ihre zum Grunde gelegten Prämissen nicht so mutig
rechnen können, daß es nicht nötig wäre, öfters zurück zu sehen und
achtzuhaben, ob sich nicht etwa im Fortgange der Schlüsse Fehler
entdecken, die in den Prinzipien übersehen worden, und es nötig
machen, sie entweder mehr zu bestimmen, oder ganz abzuändern.
Ich teile alle apodiktischen Sätze (sie mögen nun erweislich oder
auch unmittelbar gewiß sein) in Dogmata und Mathemata ein. Ein
direkt synthetischer Satz aus Begriffen ist ein Dogma; dagegen ein
dergleichen Satz durch Konstruktion der Begriffe, ist ein Mathema.
Analytische Urteile lehren uns eigentlich nichts mehr vom Gegenstande,
als was der Begriff, den wir von ihm haben, schon in sich enthält,
weil sie die Erkenntnis über den Begriff des Subjekts nicht erweitern,
sondern diesen nur erläutern. Sie können daher nicht füglich Dogmen
heißen (welches Wort man vielleicht durch Lehrsprüche übersetzen
könnte). Aber unter den gedachten zwei Arten synthetischer Sätze
a priori können, nach dem gewöhnlichen Redegebrauch, nur die zum
philosophischen Erkenntnisse gehörigen diesen Namen führen, und man
würde schwerlich die Sätze der Rechenkunst, oder Geometrie, Dogmata
nennen. Also bestätigt dieser Gebrauch die Erklärung, die wir gaben,
daß nur Urteile aus Begriffen, und nicht die aus der Konstruktion der
Begriffe, dogmatisch heißen können.
Nun enthält die ganze reine Vernunft in ihrem bloß spekulativen
Gebrauche nicht ein einziges direkt synthetisches Urteil aus
Begriffen. Denn durch Ideen ist sie, wie wir gezeigt haben, gar keiner
synthetischen Urteile, die objektive Gültigkeit hätten, fähig; durch
Verstandesbegriffe aber errichtet sie zwar sichere Grundsätze, aber
gar nicht direkt aus Begriffen, sondern immer nur indirekt durch
Beziehung dieser Begriffe auf etwas ganz Zufälliges, nämlich mögliche
Erfahrung; da sie denn, wenn diese (etwas als Gegenstand möglicher
Erfahrungen) vorausgesetzt wird, allerdings apodiktisch gewiß sind,
an sich selbst aber (direkt) a priori gar nicht einmal erkannt werden
können. So kann niemand den Satz: alles, was geschieht, hat seine
Ursache, aus diesen gegebenen Begriffen allein gründlich einsehen.
Daher ist er kein Dogma, ob er gleich in einem anderen Gesichtspunkte,
nämlich dem einzigen Felde seines möglichen Gebrauchs, d.i. der
Erfahrung, ganz wohl und apodiktisch bewiesen werden kann. Er heißt
aber Grundsatz und nicht Lehrsatz, ob er gleich bewiesen werden
muß, darum, weil er die besondere Eigenschaft hat, daß er seinen
Beweisgrund, nämlich Erfahrung, selbst zuerst möglich macht, und bei
dieser immer vorausgesetzt werden muß.
Gibt es nun im spekulativen Gebrauche der reinen Vernunft auch dem
Inhalte nach gar keine Dogmate, so ist alle dogmatische Methode, sie
mag nun dem Mathematiker abgeborgt sein, oder eine eigentümliche
Manier werden sollen, für sich unschicklich. Denn sie verbirgt nur die
Fehler und Irrtümer, und täuscht die Philosophie, deren eigentliche
Absicht ist, alle Schritte der Vernunft in ihrem klarsten Lichte sehen
zu lassen. Gleichwohl kann die Methode immer systematisch sein. Denn
unsere Vernunft (subjektiv) ist selbst ein System, aber in ihrem
reinen Gebrauche, vermittelst bloßer Begriffe, nur ein System der
Nachforschung nach Grundsätzen der Einheit, zu welcher Erfahrung
allein den Stoff hergeben kann. Von der eigentümlichen Methode einer
Transzendentalphilosophie läßt sich aber hier nichts sagen, da wir es
nur mit einer Kritik unserer Vermögensumstände zu tun haben, ob wir
überall bauen, und wie hoch wir wohl unser Gebäude, aus dem Stoffe,
den wir haben, (den reinen Begriffen a priori,) aufführen können.
Des ersten Hauptstücks
Zweiter Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihres polemischen
Gebrauchs
Die Vernunft muß sich in allen ihren Unternehmungen der Kritik
unterwerfen, und kann der Freiheit derselben durch kein Verbot Abbruch
tun, ohne sich selbst zu schaden und einen ihr nachteiligen Verdacht
auf sich zu ziehen. Da ist nun nichts so wichtig, in Ansehung des
Nutzens, nichts so heilig, daß sich dieser prüfenden und musternden
Durchsuchung, die kein Ansehen der Person kennt, entziehen dürfte.
Auf dieser Freiheit beruht sogar die Existenz der Vernunft, die
kein diktatorisches Ansehen hat, sondern deren Ausspruch jederzeit
nichts als die Einstimmung freier Bürger ist, deren jeglicher seine
Bedenklichkeiten, ja sogar sein veto, ohne Zurückhalten muß äußern
können.
Ob nun aber gleich die Vernunft sich der Kritik niemals verweigern
kann, so hat sie doch nicht jederzeit Ursache, sie zu scheuen. Aber
die reine Vernunft in ihrem dogmatischen (nicht mathematischen)
Gebrauche ist sich nicht so sehr der genauesten Beobachtung ihrer
obersten Gesetze bewußt, daß sie nicht mit Blödigkeit, ja mit
gänzlicher Ablegung alles angemaßten dogmatischen Ansehens, vor dem
kritischen Auge einer höheren und richterlichen Vernunft erscheinen
müßte.
Ganz anders ist es bewandt, wenn sie es nicht mit der Zensur des
Richters, sondern den Ansprüchen ihres Mitbürgers zu tun hat, und sich
dagegen bloß verteidigen soll. Denn, da diese ebensowohl dogmatisch
sein wollen, obzwar im Verneinen, als jene im Bejahen: so findet eine
Rechtfertigung kat' anthropon statt, die wider alle Beeinträchtigung
sichert, und einen titulierten Besitz verschafft, der keine fremden
Anmaßungen scheuen darf, ob er gleich selbst kat' aledeian nicht
hinreichend bewiesen werden kann.
Unter dem polemischen Gebrauche der reinen Vernunft verstehe ich nun
die Verteidigung ihrer Sätze gegen die dogmatischen Verneinungen
derselben. Hier kommt es nun nicht darauf an, ob ihre Behauptungen
nicht vielleicht auch falsch sein möchten, sondern nur, daß niemand
das Gegenteil jemals mit apodiktischer Gewißheit (ja auch nur mit
größerem Scheine) behaupten könne. Denn wir sind alsdann doch
nicht bittweise in unserem Besitz, wenn wir einen, obzwar nicht
hinreichenden, Titel derselben vor uns haben, und es völlig gewiß
ist, daß niemand die Unrechtmäßigkeit dieses Besitzes jemals beweisen
könne.
Es ist etwas Bekümmerndes und Niederschlagendes, daß es überhaupt eine
Antithetik der reinen Vernunft geben, und diese, die doch den obersten
Gerichtshof über alle Streitigkeiten vorstellt, mit sich selbst in
Streit geraten soll. Zwar hatten wir oben eine solche scheinbare
Antithetik derselben vor uns; aber es zeigte sich, daß sie auf einem
Mißverstande beruhte, da man nämlich, dem gemeinen Vorurteile gemäß,
Erscheinungen für Sachen an sich selbst nahm, und dann eine absolute
Vollständigkeit ihrer Synthesis, auf eine oder andere Art (die aber
auf beiderlei Art gleich unmöglich war), verlangte, welches aber von
Erscheinungen gar nicht erwartet werden kann. Es war also damals kein
wirklicher Widerspruch der Vernunft mit ihr selbst bei den Sätzen: die
Reihe an sich gegebener Erscheinungen hat einen absolut ersten Anfang,
und: diese Reihe ist schlechthin und an sich selbst ohne allen Anfang;
denn beide Sätze bestehen gar wohl zusammen, weil Erscheinungen nach
ihrem Dasein (als Erscheinungen) an sich selbst gar nichts d.i. etwas
Widersprechendes sind, und also deren Voraussetzung natürlicherweise
widersprechende Folgerungen nach sich ziehen muß.
Ein solcher Mißverstand kann aber nicht vorgewandt und dadurch der
Streit der Vernunft beigelegt werden, wenn etwa theistisch behauptet
würde: es ist ein höchstes Wesen, und dagegen atheistisch: es ist kein
höchstes Wesen; oder, in der Psychologie: alles, was da denkt, ist
von absoluter beharrlicher Einheit und also von aller vergänglichen
materiellen Einheit unterschieden, welchem ein anderer
entgegengesetzte: die Seele ist nicht immaterielle Einheit und kann
von der Vergänglichkeit nicht ausgenommen werden. Denn der Gegenstand
der Frage ist hier von allem Fremdartigen, das seiner Natur
widerspricht, frei, und der Verstand hat es nur mit Sachen an sich
selbst und nicht mit Erscheinungen zu tun. Es würde also hier freilich
ein wahrer Widerstreit anzutreffen sein, wenn nur die reine Vernunft
auf der verneinenden Seite etwas zu sagen hätte, was dem Grunde
einer Behauptung nahe käme; denn was die Kritik der Beweisgründe des
dogmatisch Bejahenden betrifft, die kann man ihm sehr wohl einräumen,
ohne darum diese Sätze aufzugeben, die doch wenigstens das Interesse
der Vernunft für sich haben, darauf sich der Gegner gar nicht berufen
kann.
Ich bin zwar nicht der Meinung, welche vortreffliche und nachdenkende
Männer (z.B. Sulzer) so oft geäußert haben, da sie die Schwäche der
bisherigen Beweise fühlten: daß man hoffen könne, man werde dereinst
noch evidente Demonstrationen der zwei Kardinalsätze unserer reinen
Vernunft: es ist ein Gott, es ist ein künftiges Leben, erfinden.
Vielmehr bin ich gewiß, daß dieses niemals geschehen werde. Denn, wo
will die Vernunft den Grund zu solchen synthetischen Behauptungen, die
sich nicht auf Gegenstände der Erfahrung und deren innerer Möglichkeit
beziehen, hernehmen? Aber es ist auch apodiktisch gewiß, daß niemals
irgendein Mensch auftreten werde, der das Gegenteil mit dem mindesten
Scheine, geschweige dogmatisch behaupten könne. Denn, weil er
dieses doch bloß durch reine Vernunft dartun könnte, so müßte er es
unternehmen, zu beweisen: daß ein höchstes Wesen, daß das in uns
denkende Subjekt, als reine Intelligenz, unmöglich sei. Wo will er
aber die Kenntnisse hernehmen, die ihn, von Dingen über alle mögliche
Erfahrung hinaus so synthetisch zu urteilen, berechtigten. Wir können
also darüber ganz unbekümmert sein, daß uns jemand das Gegenteil
einstens beweisen werde; daß wir darum eben nicht nötig haben, auf
schulgerechte Beweise zu sinnen, sondern immerhin diejenigen Sätze
annehmen können, welche mit dem spekulativen Interesse unserer
Vernunft im empirischen Gebrauch ganz wohl zusammenhängen, und überdem
es mit dem praktischen Interesse zu vereinigen die einzigen Mittel
sind. Für den Gegner (der hier nicht bloß als Kritiker betrachtet
werden muß,) haben wir unser non liquet in Bereitschaft, welches ihn
unfehlbar verwirren muß, indessen daß wir die Retorsion desselben
auf uns nicht weigern, indem wir die subjektive Maxime der Vernunft
beständig im Rückhalte haben, die dem Gegner notwendig fehlt,
und unter deren Schutz wir alle seine Luftstreiche mit Ruhe und
Gleichgültigkeit ansehen können.
Auf solche Weise gibt es eigentlich gar keine Antithetik der reinen
Vernunft. Denn der einzige Kampfplatz für sie würde auf dem Felde der
reinen Theologie und Psychologie zu suchen sein; dieser Boden aber
trägt keinen Kämpfer in seiner ganzen Rüstung, und mit Waffen, die zu
fürchten wären. Er kann nur mit Spott oder Großsprecherei auftreten,
welches als ein Kinderspiel belacht werden kann. Das ist eine
tröstende Bemerkung, die der Vernunft wieder Mut gibt; denn, worauf
wollte sie sich sonst verlassen, wenn sie, die allein alle Irrungen
abzutun berufen ist, in sich selbst zerrüttet wäre, ohne Frieden und
ruhigen Besitz hoffen zu können?
Alles, was die Natur selbst anordnet, ist zu irgendeiner Absicht
gut. Selbst Gifte dienen dazu, andere Gifte, welche sich in unseren
eigenen Säften erzeugen, zu überwältigen, und dürfen daher in einer
vollständigen Sammlung von Heilmitteln (Offizin) nicht fehlen. Die
Einwürfe, wider die Überredungen und den Eigendünkel unserer bloß
spekulativen Vernunft, sind selbst durch die Natur dieser Vernunft
aufgegeben, und müssen also ihre gute Bestimmung und Absicht haben,
die man nicht in den Wind schlagen muß. Wozu hat uns die Vorsehung
manche Gegenstände, ob sie gleich mit unserem höchsten Interesse
zusammenhängen, so hoch gestellt, daß uns fast nur vergönnt ist, sie
in einer undeutlichen und von uns selbst bezweifelten Wahrnehmung
anzutreffen, dadurch ausspähende Blicke mehr gereizt, als befriedigt
werden, ob es nützlich sei, in Ansehung solcher Aussichten dreiste
Bestimmungen zu wagen, ist wenigstens zweifelhaft, vielleicht gar
schädlich. Allemal aber und ohne allen Zweifel ist es nützlich, die
forschende sowohl, als prüfende Vernunft in völlige Freiheit zu
versetzen, damit sie ungehindert ihr eigen Interesse besorgen könne,
welches ebensowohl dadurch befördert wird, dadurch, daß sie ihren
Einsichten Schranken setzt, als daß sie solche erweitert, und welches
allemal leidet, wenn sich fremde Hände einmengen, um sie wider ihren
natürlichen Gang nach erzwungenen Absichten zu lenken.
Lasset demnach euren Gegner nur Vernunft sagen, und bekämpfst ihn bloß
mit Waffen der Vernunft. Übrigens seid wegen der guten Sache (des
praktischen Interesses) außer Sorgen, denn die kommt in bloß
spekulativem Streite niemals mit ins Spiel. Der Streit entdeckt
alsdann nichts, als eine gewisse Antinomie der Vernunft, die, da sie
auf ihrer Natur beruht, notwendig angehört und geprüft werden muß. Er
kultiviert dieselbe durch Betrachtung ihres Gegenstandes auf zweien
Seiten, und berichtigt ihr Urteil dadurch, daß er solches einschränkt.
Das, was hierbei streitig wird, ist nicht die Sache, sondern der
Ton. Denn es bleibt euch noch genug übrig, um die vor der schärfsten
Vernunft gerechtfertigte Sprache eines festen Glaubens zu sprechen,
wenn ihr gleich die des Wissens habt aufgeben müssen.
Wenn man den kaltblütigen, zum Gleichgewichte des Urteils eigentlich
geschaffenen David Hume fragen sollte: was bewog euch, durch mühsam
ergrübelte Bedenklichkeiten, die für den Menschen so tröstliche und
nützliche Überredung, daß ihre Vernunfteinsicht zur Behauptung und dem
bestimmten Begriff eines höchsten Wesens zulange, zu untergraben? so
würde er antworten: nichts, als die Absicht, die Vernunft in ihrer
Selbsterkenntnis weiter zu bringen, und zugleich ein gewisser Unwille
über den Zwang, den man der Vernunft antun will, indem man mit ihr
groß tut, und sie zugleich hindert, ein freimütiges Geständnis ihrer
Schwächen abzulegen, die ihr bei der Prüfung ihrer Selbst offenbar
werden. Fragt ihr dagegen den, den Grundsätzen des empirischen
Vernunftgebrauchs allein ergebenen, und aller transzendenten
Spekulation abgeneigten Priestley, was er für Bewegungsgründe gehabt
habe, unserer Seele Freiheit und Unsterblichkeit (die Hoffnung
des künftigen Lebens ist bei ihm nur die Erwartung eines Wunders
der Wiedererweckung), zwei solche Grundpfeiler aller Religion
niederzureißen, er, der selbst ein frommer und eifriger Lehrer der
Religion ist; so würde er nichts anderes antworten können, als: das
Interesse der Vernunft, welche dadurch verliert, daß man gewisse
Gegenstände den Gesetzen der materiellen Natur, den einzigen, die wir
genau kennen und bestimmen können, entziehen will. Es würde unbillig
scheinen, den letzteren, der seine paradoxe Behauptung mit der
Religionsabsicht zu vereinigen weiß, zu verschreien, und einem
wohldenkenden Manne wehe zu tun, weil er sich nicht zurechtfinden
kann, sobald er sich aus dem Felde der Naturlehre verloren hatte. Aber
diese Gunst muß dem nicht minder gut gesinnten und seinem sittlichen
Charakter nach untadelhaften Hume so wohl zustatten kommen, der
seine abgezogene Spekulation darum nicht verlassen kann, weil er mit
Recht dafür hält, daß ihr Gegenstand ganz außerhalb den Grenzen der
Naturwissenschaft im Felde reiner Ideen liege.
Was ist nun hierbei zu tun, vornehmlich in Ansehung der Gefahr, die
daraus dem gemeinen Besten zu drohen scheint? Nichts ist natürlicher,
nichts billiger, als die Entschließung, die ihr deshalb zu nehmen
habt. Laßt diese Leute nur machen; wenn sie Talent, wenn sie tiefe und
neue Nachforschung, mit einem Worte, wenn sie nur Vernunft zeigen, so
gewinnt jederzeit die Vernunft. Wenn ihr andere Mittel ergreift, als
die einer zwanglosen Vernunft, wenn ihr über Hochverrat schreiet,
das gemeine Wesen, das sich auf so subtile Bearbeitungen gar nicht
versteht, gleichsam als zum Feuerlöschen zusammenruft, so macht
ihr euch lächerlich. Denn es ist die Rede gar nicht davon, was dem
gemeinen Besten hierunter vorteilhaft, oder nachteilig sei, sondern
nur, wie weit die Vernunft es wohl in ihrer von allem Interesse
abstrahierenden Spekulation bringen könne, und ob man auf diese
überhaupt etwas rechnen, oder sie lieber gegen das Praktische gar
aufgeben müsse. Anstatt also mit dem Schwerte drein zu schlagen,
so sehet vielmehr von dem sicheren Sitze der Kritik diesem Streite
geruhig zu, der für die Kämpfenden mühsam, für euch unterhaltend, und
bei einem gewiß unblutigen Ausgange, für eure Einsichten ersprießlich
ausfallen muß. Denn es ist sehr was Ungereimtes, von der Vernunft
Aufklärung zu erwarten, und ihr doch vorher vorzuschreiben, auf welche
Seite sie notwendig ausfallen müsse. Überdem wird Vernunft schon von
selbst durch Vernunft so wohl gebändigt und in Schranken gehalten,
daß ihr gar nicht nötig habt, Scharwachen aufzubieten, um demjenigen
Teile, dessen besorgliche Obermacht euch gefährlich scheint,
bürgerlichen Widerstand entgegenzusetzen. In dieser Dialektik gibt's
keinen Sieg, über den ihr besorgt zu sein Ursache hättet.
Auch bedarf die Vernunft gar sehr eines solchen Streits, und es wäre
zu wünschen, daß er eher und mit uneingeschränkter öffentlicher
Erlaubnis wäre geführt worden. Denn um desto früher wäre eine
reife Kritik zustande gekommen, bei deren Erscheinung alle diese
Streithändel von selbst wegfallen müssen, indem die Streitenden ihre
Verblendung und Vorurteile, welche sie veruneinigt haben, einsehen
lernen.
Es gibt eine gewisse Unlauterkeit in der menschlichen Natur, die am
Ende doch, wie alles, was von der Natur kommt, eine Anlage zu guten
Zwecken enthalten muß, nämlich eine Neigung, seine wahren Gesinnungen
zu verhehlen, und gewisse angenommene, die man für gut und rühmlich
hält, zur Schau zu tragen. Ganz gewiß haben die Menschen durch diesen
Hang, sowohl sich zu verhehlen, als auch einen ihnen vorteilhaften
Schein anzunehmen, sich nicht bloß zivilisiert, sondern nach und nach,
in gewisser Maße, moralisiert, weil keiner durch die Schminke der
Anständigkeit, Ehrbarkeit und Sittsamkeit durchdringen konnte, also
an vermeintlich echten Beispielen des Guten, die er um sich sah, eine
Schule der Besserung für sich selbst fand. Allein diese Anlage, sich
besser zu stellen, als man ist, und Gesinnungen zu äußern, die man
nicht hat, dient nur gleichsam provisorisch dazu, um den Menschen aus
der Rohigkeit zu bringen, und ihn zuerst wenigstens die Manier des
Guten, das er kennt, annehmen zu lassen; denn nachher, wenn die echten
Grundsätze einmal entwickelt und in die Denkungsart übergegangen sind,
so muß jene Falschheit nach und nach kräftig bekämpft werden, weil sie
sonst das Herz verdirbt, und gute Gesinnungen unter dem Wucherkraute
des schönen Scheins nicht aufkommen läßt.
Es tut mir leid, eben dieselbe Unlauterkeit, Verstellung und Heuchelei
sogar in den Äußerungen der spekulativen Denkungsart wahrzunehmen,
worin doch Menschen, das Geständnis ihrer Gedanken billigermaßen offen
und unverhohlen zu entdecken, weit weniger Hindernisse und gar keinen
Vorteil haben. Denn was kann den Einsichten nachteiliger sein, als
sogar bloße Gedanken verfälscht einander mitzuteilen, Zweifel, die
wir wider unsere eigenen Behauptungen fühlen, zu verhehlen, oder
Beweisgründen, die uns selbst nicht genugtun, einen Anstrich von
Evidenz zu geben? So lange indessen bloß die Privateitelkeit diese
geheimen Ränke anstiftet (welches in spekulativen Urteilen, die kein
besonderes Interesse haben und nicht leicht einer apodiktischen
Gewißheit fähig sind, gemeiniglich der Fall ist), so widersteht
denn doch die Eitelkeit anderer mit öffentlicher Genehmigung, und
die Sachen kommen zuletzt dahin, wo die lauterste Gesinnung und
Aufrichtigkeit, obgleich weit früher, sie gebracht haben würde. Wo
aber das gemeine Wesen dafür hält, daß spitzfindige Vernünftler mit
nichts minderem umgehen, als die Grundfeste der öffentlichen Wohlfahrt
wankend zu machen, da scheint es nicht allein der Klugheit gemäß,
sondern auch erlaubt und wohl gar rühmlich, der guten Sache eher
durch Scheingründe zu Hilfe zu kommen, als den vermeintlichen Gegnern
derselben auch nur den Vorteil zu lassen, unseren Ton zur Mäßigung
einer bloß praktischen Überzeugung herabzustimmen, und uns zu nötigen,
den Mangel der spekulativen und apodiktischen Gewißheit zu gestehen.
Indessen sollte ich denken, daß sich mit der Absicht, eine gute
Sache zu behaupten, in der Welt wohl nichts übler, als Hinterlist,
Verstellung und Betrug vereinigen lasse. Daß es in der Abwiegung der
Vernunftgründe, einer bloßen Spekulation alles ehrlich zugehen müsse,
ist wohl das wenigste, was man fordern kann. Könnte man aber auch nur
auf dieses Wenige sicher rechnen, so wäre der Streit der spekulativen
Vernunft über die wichtigen Fragen von Gott, der Unsterblichkeit (der
Seele) und der Freiheit, entweder längst entschieden, oder würde sehr
bald zu Ende gebracht werden. So steht öfters die Lauterkeit der
Gesinnung im umgekehrten Verhältnisse der Gutartigkeit der Sache
selbst, und diese hat vielleicht mehr aufrichtige und redliche Gegner,
als Verteidiger.
Ich setze also Leser voraus, die keine gerechte Sache mit Unrecht
verteidigt wissen wollen. In Ansehung deren ist es nun entschieden,
daß, nach unseren Grundsätzen der Kritik, wenn man nicht auf dasjenige
sieht, was geschieht, sondern was billig geschehen sollte, es
eigentlich gar keine Polemik der reinen Vernunft geben müsse. Denn
wie können zwei Personen einen Streit über eine Sache führen, deren
Realität keiner von beiden in einer wirklichen, oder auch nur
möglichen Erfahrung darstellen kann, über deren Idee er allein
brütet, um aus ihr etwas mehr als Idee, nämlich die Wirklichkeit des
Gegenstandes selbst, herauszubringen? Durch welches Mittel wollen
sie aus dem Streite herauskommen, da keiner von beiden seine Sache
geradezu begreiflich und gewiß machen, sondern nur die seines Gegners
angreifen und widerlegen kann? Denn dieses ist das Schicksal aller
Behauptungen der reinen Vernunft: daß, da sie über die Bedingungen
aller möglichen Erfahrung hinausgehen, außerhalb welchen kein Dokument
der Wahrheit irgendwo angetroffen wird, sich aber gleichwohl der
Verstandesgesetze, die bloß zum empirischen Gebrauche bestimmt sind,
ohne die sich aber kein Schritt im synthetischen Denken tun läßt,
bedienen müssen, sie dem Gegner jederzeit Blößen geben und sich
gegenseitig die Blöße ihres Gegners zunutze machen können.
Man kann die Kritik der reinen Vernunft als den wahren Gerichtshof für
alle Streitigkeiten derselben ansehen; denn sie ist in die letzteren,
als welche auf Objekte unmittelbar gehen, nicht mit verwickelt,
sondern ist dazu gesetzt, die Rechtsame der Vernunft überhaupt
nach den Grundsätzen ihrer ersten Institution zu bestimmen und zu
beurteilen.
Ohne dieselbe ist die Vernunft gleichsam im Stande der Natur, und
kann ihre Behauptungen und Ansprüche nicht anders geltend machen,
oder sichern, als durch Krieg. Die Kritik dagegen, welche alle
Entscheidungen aus den Grundregeln ihrer eigenen Einsetzung hernimmt,
deren Ansehen keiner bezweifeln kann, verschafft uns die Ruhe eines
gesetzlichen Zustandes, in welchem wir unsere Streitigkeit nicht
anders führen sollen, als durch Prozeß. Was die Händel in dem ersten
Zustande endigt, ist ein Sieg, dessen sich beide Teile rühmen, auf
den mehrenteils ein nur unsicherer Friede folgt, den die Obrigkeit
stiftet, welche sich ins Mittel legt, im zweiten aber die Sentenz,
die, weil sie hier die Quelle der Streitigkeiten selbst trifft, einen
ewigen Frieden gewähren muß. Auch nötigen die endlosen Streitigkeiten
einer bloß dogmatischen Vernunft, endlich in irgendeiner Kritik dieser
Vernunft selbst, und einer Gesetzgebung, die sich auf sie gründet,
Ruhe zu suchen; so wie Hobbes behauptet: der Stand der Natur sei
ein Stand des Unrechts und der Gewalttätigkeit, und man müsse ihn
notwendig verlassen, um sich dem gesetzlichen Zwange zu unterwerfen,
der allein unsere Freiheit dahin einschränkt, daß sie mit jedes
anderen Freiheit und eben dadurch mit dem gemeinen Besten zusammen
bestehen könne.
Zu dieser Freiheit gehört denn auch die, seine Gedanken, seine
Zweifel, die man sich nicht selbst auflösen kann, öffentlich zur
Beurteilung auszustellen, ohne darüber für einen unruhigen und
gefährlichen Bürger verschrieen zu werden. Dies liegt schon in dem
ursprünglichen Rechte der menschlichen Vernunft, welche keinen anderen
Richter erkennt, als selbst wiederum die allgemeine Menschenvernunft,
worin ein jeder seine Stimme hat; und, da von dieser alle Besserung,
deren unser Zustand fähig ist, herkommen muß, so ist ein solches Recht
heilig, und darf nicht geschmälert werden. Auch ist es sehr unweise,
gewisse gewagte Behauptungen oder vermessene Angriffe auf die, welche
schon die Beistimmung des größten und besten Teils des gemeinen Wesens
auf ihrer Seite haben, für gefährlich auszuschreien: denn das heißt,
ihnen eine Wichtigkeit geben, die sie gar nicht haben sollten. Wenn
ich höre, daß ein nicht gemeiner Kopf die Freiheit des menschlichen
Willens, die Hoffnung eines künftigen Lebens, und das Dasein Gottes
wegdemonstriert haben solle, so bin ich begierig, das Buch zu lesen,
denn ich erwarte von seinem Talent, daß er meine Einsichten weiter
bringen werde. Das weiß ich schon zum voraus völlig gewiß, daß er
nichts von allem diesem wird geleistet haben, nicht darum, weil ich
etwa schon im Besitze unbezwinglicher Beweise dieser wichtigen Sätze
zu sein glaubte, sondern weil mich die transzendentale Kritik, die mir
den ganzen Vorrat unserer reinen Vernunft aufdeckte, völlig überzeugt
hat, daß, so wie sie zu bejahenden Behauptungen in diesem Felde ganz
unzulänglich ist, so wenig und noch weniger werde sie wissen, um über
diese Fragen etwas verneinend behaupten zu können. Denn, wo will
der angebliche Freigeist seine Kenntnis hernehmen, daß es z.B. kein
höchstes Wesen gebe? Dieser Satz liegt außerhalb dem Felde möglicher
Erfahrung, und darum auch außer den Grenzen aller menschlichen
Einsicht. Den dogmatischen Verteidiger der guten Sache gegen diesen
Feind würde ich gar nicht lesen, weil ich zum voraus weiß, daß er nur
darum die Scheingründe des anderen angreifen werde, um seinen eigenen
Eingang zu verschaffen, überdem ein alltägiger Schein doch nicht
so viel Stoff zu neuen Bemerkungen gibt, als ein befremdlicher und
sinnreich ausgedachter. Hingegen würde der nach seiner Art auch
dogmatische Religionsgegner, meiner Kritik gewünschte Beschäftigung
und Anlaß zu mehrerer Berichtigung ihrer Grundsätze geben, ohne daß
seinetwegen im mindesten etwas zu befürchten wäre.
Aber die Jugend, welche dem akademischen Unterrichte anvertraut ist,
soll doch wenigstens vor dergleichen Schriften gewarnt, und von der
frühen Kenntnis so gefährlicher Sätze abgehalten werden, ehe ihre
Urteilskraft gereift, oder vielmehr die Lehre, welche man in ihnen
gründen will, fest gewurzelt ist, um aller Überredung zum Gegenteil,
woher sie auch kommen möge, kräftig zu widerstehen?
Müßte es bei dem dogmatischen Verfahren in Sachen der reinen Vernunft
bleiben, und die Abfertigung der Gegner eigentlich polemisch, d.i.
so beschaffen sein, daß man sich ins Gefecht einließe, und mit
Beweisgründen zu entgegengesetzten Behauptungen bewaffnete, so wäre
freilich nichts ratsamer vor der Hand, aber zugleich nichts eitler und
fruchtloser auf die Dauer, als die Vernunft der Jugend eine Zeitlang
unter Vormundschaft zu setzen, und wenigstens so lange vor Verführung
zu bewahren. Wenn aber in der Folge entweder Neugierde, oder der
Modeton des Zeitalters ihr dergleichen Schriften in die Hände spielen:
wird alsdann jene jugendliche Überredung noch Stich halten? Derjenige,
der nichts als dogmatische Waffen mitbringt, um den Angriffen seines
Gegners zu widerstehen, und die verborgene Dialektik, die nicht minder
in seinem eigenen Busen, als in dem des Gegenteils liegt, nicht zu
entwickeln weiß, sieht Scheingründe, die den Vorzug der Neuigkeit
haben, gegen Scheingründe, welche dergleichen nicht mehr haben,
sondern vielmehr den Verdacht einer mißbrauchten Leichtgläubigkeit der
Jugend erregen, auftreten. Er glaubt nicht besser zeigen zu können,
daß er der Kinderzucht entwachsen sei, als wenn er sich über jene
wohlgemeinten Warnungen wegsetzt, und, dogmatisch gewohnt, trinkt er
das Gift, das seine Grundsätze dogmatisch verdirbt, in langen Zügen in
sich.
Gerade das Gegenteil von dem, was man hier anrät, muß in der
akademischen Unterweisung geschehen, aber freilich nur unter der
Voraussetzung eines gründlichen Unterrichts in der Kritik der reinen
Vernunft. Denn, um die Prinzipien derselben so früh als möglich
in Ausübung zu bringen, und ihre Zulänglichkeit bei dem größten
dialektischen Scheine zu zeigen, ist es durchaus nötig, die für den
Dogmatiker so furchtbaren Angriffe wider seine, obzwar noch schwache,
aber durch Kritik aufgeklärte Vernunft zu richten, und ihn den Versuch
machen zu lassen, die grundlosen Behauptungen des Gegners Stück für
Stück an jenen Grundsätzen zu prüfen. Es kann ihm gar nicht schwer
werden, sie in lauter Dunst aufzulösen, und so fühlt er frühzeitig
seine eigene Kraft, sich wider dergleichen schädliche Blendwerke, die
für ihn zuletzt allen Schein verlieren müssen, völlig zu sichern.
Ob nun zwar eben dieselben Streiche, die das Gebäude des Feindes
niederschlagen, auch seinem eigenen spekulativen Bauwerke, wenn er
etwa dergleichen zu errichten gedächte, ebenso verderblich sein
müssen: so ist er darüber doch gänzlich unbekümmert, indem er es gar
nicht bedarf, darinnen zu wohnen, sondern noch eine Aussicht in das
praktische Feld vor sich hat, wo er mit Grund einen festeren Boden
hoffen kann, um darauf sein vernünftiges und heilsames System zu
errichten.
So gibts demnach keine eigentliche Polemik im Felde der reinen
Vernunft. Beide Teile sind Luftfechter, die sich mit ihrem Schatten
herumbalgen, denn sie gehen über die Natur hinaus, wo für ihre
dogmatischen Griffe nichts vorhanden ist, was sich fassen und halten
ließe. Sie haben gut kämpfen; die Schatten, die sie zerhauen, wachsen,
wie die Helden in Walhalla, in einem Augenblicke wiederum zusammen, um
sich aufs neue in unblutigen Kämpfen belustigen zu können.
Es gibt aber auch keinen zulässigen skeptischen Gebrauch der reinen
Vernunft, welchen man den Grundsatz der Neutralität bei allen ihren
Streitigkeiten nennen könnte. Die Vernunft wider sich selbst zu
verhetzen, ihr auf beiden Seiten Waffen zu reichen, und alsdann ihrem
hitzigsten Gefechte ruhig und spöttisch zuzusehen, sieht aus einem
dogmatischen Gesichtspunkte nicht wohl aus, sondern hat das Ansehen
einer schadenfrohen und hämischen Gemütsart an sich. Wenn man indessen
die unbezwingliche Verblendung und das Großtun der Vernünftler, die
sich durch keine Kritik will mäßigen lassen, ansieht, so ist doch
wirklich kein anderer Rat, als der Großsprecherei auf einer Seite,
eine andere, welche auf eben dieselben Rechte fußt, entgegen zu
setzen, damit die Vernunft durch den Widerstand eines Feindes
wenigstens nur stutzig gemacht werde, um in ihre Anmaßungen einigen
Zweifel zu setzen, und der Kritik Gehör zu geben. Allein es bei diesen
Zweifeln gänzlich bewenden zu lassen, und es darauf auszusetzen, die
Überzeugung und das Geständnis seiner Unwissenheit, nicht bloß als
ein Heilmittel wider den dogmatischen Eigendünkel, sondern zugleich
als die Art, den Streit der Vernunft mit sich selbst zu beendigen,
empfehlen zu wollen, ist ein ganz vergeblicher Anschlag, und kann
keineswegs dazu tauglich sein, der Vernunft einen Ruhestand zu
verschaffen, sondern ist höchstens nur ein Mittel, sie aus ihrem süßen
dogmatischen Traume zu erwecken, um ihren Zustand in sorgfältigere
Prüfung zu ziehen. Da indessen diese skeptische Manier, sich aus einem
verdrießlichen Handel der Vernunft zu ziehen, gleichsam der kurze
Weg zu sein scheint, zu einer beharrlichen philosophischen Ruhe
zu gelangen, wenigstens die Heeresstraße, welche diejenigen gern
einschlagen, die sich in einer spöttischen Verachtung aller
Nachforschungen dieser Art ein philosophisches Ansehen zu geben
meinen, so finde ich es nötig, diese Denkungsart in ihrem
eigentümlichen Lichte darzustellen.
Von der Unmöglichkeit einer skeptischen Befriedigung der mit sich
selbst veruneinigten reinen Vernunft
Das Bewußtsein meiner Unwissenheit, (wenn diese nicht zugleich als
notwendig erkannt wird,) statt daß sie meine Untersuchungen endigen
sollte, ist vielmehr die eigentliche Ursache, sie zu erwecken. Alle
Unwissenheit ist entweder die der Sachen, oder der Bestimmung und
Grenzen meiner Erkenntnis. Wenn die Unwissenheit nun zufällig ist, so
muß sie mich antreiben, im ersteren Falle den Sachen (Gegenständen)
dogmatisch, im zweiten den Grenzen meiner möglichen Erkenntnis
kritisch nachzuforschen. Daß aber meine Unwissenheit schlechthin
notwendig sei, und mich daher von aller weiteren Nachforschung
freispreche, läßt sich nicht empirisch, aus Beobachtung, sondern
allein kritisch, durch Ergründung der ersten Quellen unserer
Erkenntnis ausmachen. Also kann die Grenzbestimmung unserer Vernunft
nur nach Gründen a priori geschehen; die Einschränkung derselben aber,
welche eine obgleich nur unbestimmte Erkenntnis einer nie völlig zu
hebenden Unwissenheit ist, kann auch a posteriori, durch das, was uns
bei allem Wissen immer noch zu wissen übrigbleibt, erkannt werden.
Jene durch Kritik der Vernunft selbst allein mögliche Erkenntnis
seiner Unwissenheit ist also Wissenschaft, diese ist nichts als
Wahrnehmung, von der man nicht sagen kann, wie weit der Schluß aus
selbiger reichen möge. Wenn ich mir die Erdfläche (dem sinnlichen
Scheine gemäß) als einen Teller vorstelle, so kann ich nicht wissen,
wie weit sie sich erstrecke. Aber das lehrt mich die Erfahrung:
daß, wohin ich nur komme, ich immer einen Raum um mich sehe, dahin
ich weiter fortgehen könnte; mithin erkenne ich Schranken meiner
jedesmal wirklichen Erdkunde, aber nicht die Grenzen aller möglichen
Erdbeschreibung. Bin ich aber doch so weit gekommen, zu wissen, daß
die Erde eine Kugel und ihre Fläche eine Kugelfläche sei, so kann ich
auch aus einem kleinen Teil derselben, z.B. der Größe eines Grades,
den Durchmesser, und, durch diesen, die völlige Begrenzung der Erde,
d.i. ihre Oberfläche, bestimmt und nach Prinzipien a priori erkennen;
und ob ich gleich in Ansehung der Gegenstände, die diese Fläche
enthalten mag, unwissend bin, so bin ich es doch nicht in Ansehung des
Umfanges, der sie enthält, der Größe und Schranken derselben.
Der Inbegriff aller möglichen Gegenstände für unsere Erkenntnis
scheint uns eine ebene Fläche zu sein, die ihren scheinbaren Horizont
hat, nämlich das, was den ganzen Umfang derselben befaßt und von
uns der Vernunftbegriff der unbedingten Totalität genannt worden.
Empirisch denselben zu erreichen, ist unmöglich, und nach einem
gewissen Prinzip ihn a priori zu bestimmen, dazu sind alle Versuche
vergeblich gewesen. Indessen gehen doch alle Fragen unserer reinen
Vernunft auf das, was außerhalb diesem Horizonte, oder allenfalls auch
in seiner Grenzlinie liegen möge.
Der berühmte David Hume war einer dieser Geographen der menschlichen
Vernunft, welcher jene Fragen insgesamt dadurch hinreichend
abgefertigt zu haben vermeinte, daß er sie außerhalb den Horizont
derselben verwies, den er doch nicht bestimmen konnte. Er hielt sich
vornehmlich bei dem Grundsatze der Kausalität auf, und bemerkte
von ihm ganz richtig, daß man seine Wahrheit (ja nicht einmal die
objektive Gültigkeit des Begriffs einer wirkenden Ursache überhaupt)
auf gar keine Einsicht, d.i. Erkenntnis a priori, fuße, daß daher auch
nicht im mindesten die Notwendigkeit dieses Gesetzes, sondern eine
bloße allgemeine Brauchbarkeit desselben in dem Laufe der Erfahrung
und eine daher entspringende subjektive Notwendigkeit, die er
Gewohnheit nennt, sein ganzes Ansehen ausmache. Aus dem Unvermögen
unserer Vernunft nun, von diesem Grundsatze einen über alle Erfahrung
hinausgehenden Gebrauch zu machen, schloß er die Nichtigkeit aller
Anmaßungen der Vernunft überhaupt über das Empirische hinauszugehen.
Man kann ein Verfahren dieser Art, die Fakta der Vernunft der Prüfung
und nach Befinden dem Tadel zu unterwerfen, die Zensur der Vernunft
nennen. Es ist außer Zweifel, daß diese Zensur unausbleiblich auf
Zweifel gegen allen transzendenten Gebrauch der Grundsätze führe.
Allein dies ist nur der zweite Schritt, der noch lange nicht das Werk
vollendet. Der erste Schritt in Sachen der reinen Vernunft, der das
Kindesalter derselben auszeichnet ist dogmatisch. Der obengenannte
zweite Schritt ist skeptisch, und zeigt von Vorsichtigkeit der durch
Erfahrung gewitzigten Urteilskraft. Nun ist aber noch ein dritter
Schritt nötig, der nur der gereiften und männlichen Urteilskraft,
welche feste und ihrer Allgemeinheit nach bewährte Maximen zum Grunde
hat; nämlich, nicht die Fakta der Vernunft, sondern die Vernunft
selbst, nach ihrem ganzen Vermögen und Tauglichkeit zu reinen
Erkenntnissen a priori, der Schätzung zu unterwerfen; welches nicht
die Zensur, sondern Kritik der Vernunft ist, wodurch nicht bloß
Schranken, sondern die bestimmten Grenzen derselben, nicht bloß
Unwissenheit an einem oder anderen Teil, sondern in Ansehung aller
möglichen Fragen von einer gewissen Art, und zwar nicht etwa
nur vermutet, sondern aus Prinzipien bewiesen wird. So ist der
Skeptizismus ein Ruheplatz für die menschliche Vernunft, da sie sich
über ihre dogmatische Wanderung besinnen und den Entwurf von der
Gegend machen kann, wo sie sich befindet, um ihren Weg fernerhin mit
mehrerer Sicherheit wählen zu können, aber nicht ein Wohnplatz zum
beständigen Aufenthalte; denn dieser kann nur in einer völligen
Gewißheit angetroffen werden, es sei nun der Erkenntnis der
Gegenstände selbst, oder der Grenzen, innerhalb denen alle unsere
Erkenntnis von Gegenständen eingeschlossen ist.
Unsere Vernunft ist nicht etwa eine unbestimmbar weit ausgebreitete
Ebene, deren Schranken man nur so überhaupt erkennt, sondern muß
vielmehr mit einer Sphäre verglichen werden, deren Halbmesser sich aus
der Krümmung des Bogens auf ihrer Oberfläche (der Natur synthetischer
Sätze a priori) finden, daraus aber auch der Inhalt und die Begrenzung
derselben mit Sicherheit angeben läßt. Außer dieser Sphäre (Feld
der Erfahrung) ist nichts von ihr Objekt, ja selbst Fragen über
dergleichen vermeintliche Gegenstände betreffen nur subjektive
Prinzipien einer durchgängigen Bestimmung der Verhältnisse, welche
unter den Verstandesbegriffen innerhalb dieser Sphäre vorkommen
können.
Wir sind wirklich im Besitz synthetischer Erkenntnis a priori, wie
dieses die Verstandesgrundsätze, welche die Erfahrung antizipieren,
dartun. Kann jemand nun die Möglichkeit derselben sich gar nicht
begreiflich machen, so mag er zwar anfangs zweifeln, ob sie uns auch
wirklich a priori beiwohnen; er kann dieses aber noch nicht für eine
Unmöglichkeit derselben, durch bloße Kräfte des Verstandes, und alle
Schritte, die die Vernunft nach der Richtschnur derselben tut, für
nichtig ausgeben. Er kann nur sagen: wenn wir ihren Ursprung und
Echtheit einsähen, so würden wir den Umfang und die Grenzen unserer
Vernunft bestimmen können; ehe aber dieses geschehen ist, sind alle
Behauptungen der letzten blindlings gewagt. Und auf solche Weise wäre
ein durchgängiger Zweifel an alle dogmatischen Philosophie, die ohne
Kritik der Vernunft selbst ihren Gang geht, ganz wohl gegründet;
allein darum könnte doch der Vernunft nicht ein solcher Fortgang, wenn
er durch bessere Grundlegung vorbereitet und gesichert würde, gänzlich
abgesprochen werden. Denn, einmal liegen alle Begriffe, ja alle
Fragen, welche uns die reine Vernunft vorlegt, nicht etwa in der
Erfahrung, sondern selbst wiederum nur in der Vernunft, und müssen
daher können aufgelöst und ihrer Gültigkeit oder Nichtigkeit nach
begriffen werden. Wir sind auch nicht berechtigt, diese Aufgaben, als
läge ihre Auflösung wirklich in der Natur der Dinge, doch unter dem
Vorwande unseres Unvermögens abzuweisen, und uns ihrer weiteren
Nachforschung zu weigern, da die Vernunft in ihrem Schoße allein diese
Ideen selbst erzeugt hat, von deren Gültigkeit oder dialektischen
Scheine sie also Rechenschaft zu geben gehalten ist.
Alles skeptische Polemisieren ist eigentlich nur wider den Dogmatiker
gekehrt, der, ohne ein Mißtrauen auf seine ursprünglichen objektiven
Prinzipien zu setzen, d.i. ohne Kritik, gravitätisch seinen Gang
fortsetzt, bloß um ihm das Konzept zu verrücken und ihn zur
Selbsterkenntnis zu bringen. An sich macht sie in Ansehung dessen,
was wir wissen und was wir dagegen nicht wissen können, ganz und gar
nichts aus. Alle fehlgeschlagenen dogmatischen Versuche der Vernunft
sind Fakta, die der Zensur zu unterwerfen immer nützlich ist. Dieses
aber kann nichts über die Erwartungen der Vernunft entscheiden, einen
besseren Erfolg ihrer künftigen Bemühungen zu hoffen und darauf
Ansprüche zu machen; die bloße Zensur kann also die Streitigkeit über
die Rechtsame der menschlichen Vernunft niemals zu Ende bringen.
Da Hume vielleicht der geistreichste unter allen Skeptikern, und
ohne Widerrede der vorzüglichste in Ansehung des Einflusses ist,
den das skeptische Verfahren auf die Erweckung einer gründlichen
Vernunftprüfung haben kann, so verlohnt es wohl der Mühe, den Gang
seiner Schlüsse und die Verirrungen eines einsehenden und schätzbaren
Mannes, die doch auf der Spur der Wahrheit angefangen haben, so weit
es zu meiner Absicht schicklich ist, vorstellig zu machen.
Hume hatte es vielleicht in Gedanken, wiewohl er es niemals völlig
entwickelte, daß wir in Urteilen von gewisser Art, über unseren
Begriff vom Gegenstande hinausgehen. Ich habe diese Art von Urteilen
synthetisch genannt. Wie ich aus meinem Begriffe, den ich bis dahin
habe, vermittelst der Erfahrung hinausgehen könne, ist keiner
Bedenklichkeit unterworfen. Erfahrung ist selbst eine solche Synthesis
der Wahrnehmungen, welche meinen Begriff, den ich vermittelst einer
Wahrnehmung habe, durch andere hinzukommende vermehrt. Allein wir
glauben auch a priori aus unserem Begriffe hinausgehen und unsere
Erkenntnis erweitern zu können. Dieses versuchen wir entweder durch
den reinen Verstand, in Ansehung desjenigen, was wenigstens ein Objekt
der Erfahrung sein kann, oder sogar durch reine Vernunft, in Ansehung
solcher Eigenschaften der Dinge, oder auch wohl des Daseins solcher
Gegenstände, die in der Erfahrung niemals vorkommen können. Unser
Skeptiker unterschied diese beiden Arten der Urteile nicht, wie er
es doch hätte tun sollen, und hielt geradezu diese Vermehrung der
Begriffe aus sich selbst, und, sozusagen, die Selbstgebärung unseres
Verstandes (samt der Vernunft), ohne durch Erfahrung geschwängert zu
sein, für unmöglich, mithin alle vermeintlichen Prinzipien derselben
a priori für eingebildet, und fand, daß sie nichts als eine aus
Erfahrung und deren Gesetzen entspringende Gewohnheit, mithin bloß
empirische d.i. an sich zufällige Regeln sind, denen wir eine
vermeinte Notwendigkeit und Allgemeinheit beimessen. Er bezog sich
aber zu Behauptung dieses befremdlichen Satzes auf den allgemein
anerkannten Grundsatz von dem Verhältnis der Ursache zur Wirkung. Denn
da uns kein Verstandesvermögen von dem Begriffe eines Dinges zu dem
Dasein von etwas anderem, was dadurch allgemein und notwendig gegeben
sei, führen kann: so glaubte er daraus folgern zu können, daß wir ohne
Erfahrung nichts haben, was unseren Begriff vermehren und uns zu einem
solchen a priori sich selbst erweiternden Urteile berechtigen könnte.
Daß das Sonnenlicht, welches das Wachs beleuchtet, es zugleich
schmelze, indessen es den Ton härtet, könne kein Verstand aus
Begriffen, die wir vorher von diesen Dingen hatten, erraten, viel
weniger gesetzmäßig schließen, und nur Erfahrung könne uns ein solches
Gesetz lehren. Dagegen haben wir in der transzendentalen Logik
gesehen: daß, ob wir zwar niemals unmittelbar über den Inhalt des
Begriffs, der uns gegeben ist, hinausgehen können, wir doch völlig a
priori, aber in Beziehung auf ein drittes, nämlich mögliche Erfahrung,
also doch a priori, das Gesetz der Verknüpfung mit anderen Dingen
erkennen können. Wenn also vorher fest gewesenes Wachs schmilzt, so
kann ich a priori erkennen, daß etwas vorausgegangen sein müsse, (z.B.
Sonnenwärme,) worauf dieses nach einem beständigen Gesetze gefolgt
ist, ob ich zwar, ohne Erfahrung, aus der Wirkung weder die Ursache
noch aus der Ursache, die Wirkung, a priori und ohne Belehrung der
Erfahrung bestimmt erkennen könnte. Er schloß also fälschlich aus der
Zufälligkeit unserer Bestimmung nach dem Gesetze, auf die Zufälligkeit
des Gesetzes selbst, und das Herausgehen aus dem Begriffe eines Dinges
auf mögliche Erfahrung (welche a priori geschieht und die objektive
Realität desselben ausmacht,) verwechselte er mit der Synthesis der
Gegenstände wirklicher Erfahrung, welche freilich jederzeit empirisch
ist; dadurch machte er aber aus einem Prinzip der Affinität, welches
im Verstande seinen Sitz hat, und notwendige Verknüpfung aussagt, eine
Regel der Assoziation, die bloß in der nachbildenden Einbildungskraft
angetroffen wird, und nur zufällige, gar nicht objektive Verbindungen
darstellen kann.
Die skeptischen Verirrungen aber dieses sonst äußerst scharfsinnigen
Mannes entsprangen vornehmlich aus einem Mangel, den er doch mit
allen Dogmatikern gemein hatte nämlich, daß er nicht alle Arten der
Synthesis des Verstandes a priori systematisch übersah. Denn da würde
er, ohne der übrigen hier Erwähnung zu tun, z.B. den Grundsatz der
Beharrlichkeit als einen solchen gefunden haben, der ebensowohl, als
der der Kausalität, die Erfahrung antizipiert. Dadurch würde er auch
dem a priori sich erweiternden Verstande und der reinen Vernunft
bestimmte Grenzen haben vorzeichnen können. Da er aber unseren
Verstand nur einschränkt, ohne ihn zu begrenzen, und, zwar ein
allgemeines Mißtrauen, aber keine bestimmte Kenntnis der uns
unvermeidlichen Unwissenheit zustande bringt, da er einige Grundsätze
des Verstandes unter Zensur bringt, ohne diesen Verstand in Ansehung
seines ganzen Vermögens auf die Probierwage der Kritik zu bringen,
und, indem er ihm dasjenige abspricht, was er wirklich nicht leisten
kann, weiter geht, und ihm alles Vermögen, sich a priori zu erweitern,
streitet, unerachtet er dieses ganze Vermögen nicht zur Schätzung
gezogen; so widerfährt ihm das, was jederzeit den Skeptizismus
niederschlägt, nämlich, daß er selbst bezweifelt wird, indem seine
Einwürfe nur auf Faktis, welche zufällig sind, nicht aber auf
Prinzipien beruhen, die eine notwendige Entsagung auf das Recht
dogmatischer Behauptungen bewirken könnten.
Da er auch zwischen den gegründeten Ansprüchen des Verstandes und den
dialektischen Anmaßungen der Vernunft, wider welche doch hauptsächlich
seine Angriffe gerichtet sind, keinen Unterschied kennt: so fühlt die
Vernunft, deren ganz eigentümlicher Schwung hierbei nicht im mindesten
gestört, sondern nur gehindert worden, den Raum zu ihrer Ausbreitung
nicht verschlossen, und kann von ihren Versuchen, unerachtet sie hier
oder da gezwackt wird, niemals gänzlich abgebracht werden. Denn wider
Angriffe rüstet man sich zur Gegenwehr, und setzt noch um desto
steifer seinen Kopf darauf, um seine Forderungen durchzusetzen. Ein
völliger Überschlag aber seines ganzen Vermögens und die daraus
entspringende Überzeugung der Gewißheit eines kleinen Besitzes, bei
der Eitelkeit höherer Ansprüche, hebt allen Streit auf, und bewegt,
sich in einem eingeschränkten, aber unstrittigen Eigentume friedfertig
zu begnügen.
Wider den unkritischen Dogmatiker, der die Sphäre seines Verstandes
nicht gemessen, mithin die Grenzen seiner möglichen Erkenntnis nicht
nach Prinzipien bestimmt hat, der also nicht schon zum voraus weiß,
wie viel er kann, sondern es durch bloße Versuche ausfindig zu machen
denkt, sind diese skeptischen Angriffe nicht allein gefährlich,
sondern ihm sogar verderblich. Denn, wenn er auf einer einzigen
Behauptung betroffen wird, die er nicht rechtfertigen, deren Schein er
aber auch nicht aus Prinzipien entwickeln kann, so fällt der Verdacht
auf alle, so überredend sie auch sonst immer sein mögen.
Und so ist der Skeptiker der Zuchtmeister des dogmatischen
Vernünftlers auf eine gesunde Kritik des Verstandes und der Vernunft
selbst. Wenn er dahin gelangt ist, so hat er weiter keine Anfechtung
zu fürchten; denn er unterscheidet alsdann seinen Besitz von dem, was
gänzlich außerhalb demselben liegt, worauf er keine Ansprüche macht
und darüber auch nicht in Streitigkeiten verwickelt werden kann.
So ist das skeptische Verfahren zwar an sich selbst für die
Vernunftfragen nicht befriedigend, aber doch vorübend, um ihre
Vorsichtigkeit zu erwecken und auf gründliche Mittel zu weisen, die
sie in ihren rechtmäßigen Besitzen sichern können.
Des ersten Hauptstücks
Dritter Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung der Hypothesen
Weil wir denn durch Kritik unserer Vernunft endlich so viel wissen,
daß wir in ihrem reinen und spekulativen Gebrauche in der Tat gar
nichts wissen können; sollte sie nicht ein desto weiteres Feld zu
Hypothesen eröffnen, da es wenigstens vergönnt ist, zu dichten und zu
meinen, wenngleich nicht zu behaupten?
Wo nicht etwa Einbildungskraft schwärmen, sondern, unter der strengen
Aufsicht der Vernunft, dichten soll, so muß immer vorher etwas völlig
gewiß und nicht erdichtet, oder bloße Meinung sein, und das ist die
Möglichkeit des Gegenstandes selbst. Alsdann ist es wohl erlaubt,
wegen der Wirklichkeit desselben, zur Meinung seine Zuflucht zu
nehmen, die aber, um nicht grundlos zu sein, mit dem, was wirklich
gegeben und folglich gewiß ist, als Erklärungsgrund in Verknüpfung
gebracht werden muß, und alsdann Hypothese heißt.
Da wir uns nun von der Möglichkeit der dynamischen Verknüpfung a
priori nicht den mindesten Begriff machen können, und die Kategorie
des reinen Verstandes nicht dazu dient, dergleichen zu erdenken,
sondern nur, wo sie in der Erfahrung angetroffen wird, zu verstehen:
so können wir nicht einen einzigen Gegenstand, nach einer neuen und
empirisch nicht anzugebenden Beschaffenheit, diesen Kategorien gemäß,
ursprünglich aussinnen und sie einer erlaubten Hypothese zum Grunde
legen; denn dieses hieße, der Vernunft leere Hirngespinste, statt
der Begriffe von Sachen, unterzulegen. So ist es nicht erlaubt, sich
irgend neue ursprüngliche Kräfte zu erdenken, z.B. einen Verstand, der
vermögend sei, seinen Gegenstand ohne Sinne anzuschauen, oder eine
Anziehungskraft ohne alle Berührung, oder eine neue Art Substanzen,
z.B. die ohne Undurchdringlichkeit im Raume gegenwärtig wäre, folglich
auch keine Gemeinschaft der Substanzen, die von aller derjenigen
unterschieden ist, welche Erfahrung an die Hand gibt: keine Gegenwart
anders, als im Raume; keine Dauer, als bloß in der Zeit. Mit einem
Worte: es ist unserer Vernunft nur möglich, die Bedingungen möglicher
Erfahrung als Bedingungen der Möglichkeit der Sachen zu brauchen;
keineswegs aber, ganz unabhängig von diesen, sich selbst welche
gleichsam zu schaffen, weil dergleichen Begriffe, obzwar ohne
Widerspruch, dennoch auch ohne Gegenstand sein würden.
Die Vernunftbegriffe sind, wie gesagt, bloße Ideen, und haben freilich
keinen Gegenstand in irgendeiner Erfahrung, aber bezeichnen darum
doch nicht gedichtete und zugleich dabei für möglich angenommene
Gegenstände. Sie sind bloß problematisch gedacht, um, in Beziehung
auf sie (als heuristische Fiktionen), regulative Prinzipien des
systematischen Verstandesgebrauchs im Felde der Erfahrung zu gründen.
Geht man davon ab, so sind es bloße Gedankendinge, deren Möglichkeit
nicht erweislich ist, und die daher auch nicht der Erklärung
wirklicher Erscheinungen durch eine Hypothese zum Grunde gelegt werden
können. Die Seele sich als einfach denken, ist ganz wohl erlaubt,
um, nach dieser Idee, eine vollständige und notwendige Einheit aller
Gemütskräfte, ob man sie gleich nicht in concreto einsehen kann, zum
Prinzip unserer Beurteilung ihrer inneren Erscheinungen zu legen.
Aber die Seele als einfache Substanz anzunehmen (ein transzendenter
Begriff), wäre ein Satz, der nicht allein unerweislich, (wie es
mehrere physische Hypothesen sind,) sondern auch ganz willkürlich und
blindlings gewagt sein würde, weil das Einfache in ganz und gar keiner
Erfahrung vorkommen kann, und, wenn man unter Substanz hier das
beharrliche Objekt der sinnlichen Anschauung versteht, die Möglichkeit
einer einfachen Erscheinung gar nicht einzusehen ist. Bloß
intelligible Wesen, oder bloß intelligible Eigenschaften der Dinge der
Sinnenwelt, lassen sich mit keiner gegründeten Befugnis der Vernunft
als Meinung annehmen, obzwar (weil man von ihrer Möglichkeit oder
Unmöglichkeit keine Begriffe hat) auch durch keine vermeinte bessere
Einsicht dogmatisch ableugnen.
Zur Erklärung gegebener Erscheinungen können keine anderen Dinge
und Erklärungsgründe, als die, so nach schon bekannten Gesetzen
der Erscheinungen mit den gegebenen in Verknüpfung gesetzt worden,
angeführt werden. Eine transzendentale Hypothese, bei der eine bloße
Idee der Vernunft zur Erklärung der Naturdinge gebraucht würde, würde
daher gar keine Erklärung sein, indem das, was man aus bekannten
empirischen Prinzipien nicht hinreichend versteht, durch etwas erklärt
werden würde, davon man gar nichts versteht. Auch würde das Prinzip
einer solchen Hypothese eigentlich nur zur Befriedigung der Vernunft
und nicht zur Beförderung des Verstandesgebrauchs in Ansehung der
Gegenstände dienen. Ordnung und Zweckmäßigkeit in der Natur muß
wiederum aus Naturgründen und nach Naturgesetzen erklärt werden, und
hier sind selbst die wildesten Hypothesen, wenn sie nur physisch sind,
erträglicher, als eine hyperphysische, d.i. die Berufung auf einen
göttlichen Urheber, den man zu diesem Behuf voraussetzt. Denn das wäre
ein Prinzip der faulen Vernunft (ignava ratio), alle Ursachen, deren
objektive Realität, wenigstens der Möglichkeit nach, man noch durch
fortgesetzte Erfahrung kann kennenlernen, auf einmal vorbeizugehen, um
sich in einer bloßen Idee, die der Vernunft sehr bequem ist, zu ruhen.
Was aber die absolute Totalität des Erklärungsgrundes in der Reihe
derselben betrifft, so kann das kein Hindernis in Ansehung der
Weltobjekte machen, weil, da diese nichts als Erscheinungen sind,
an ihnen niemals etwas Vollendetes in der Synthesis der Reihen von
Bedingungen gehofft werden kann.
Transzendentale Hypothesen des spekulativen Gebrauchs der Vernunft,
und eine Freiheit, zu Ersetzung des Mangels an physischen
Erklärungsgründen, sich allenfalls hyperphysischer zu bedienen, kann
gar nicht gestattet werden, teils weil die Vernunft dadurch gar nicht
weiter gebracht wird, sondern vielmehr den ganzen Fortgang ihres
Gebrauchs abschneidet, teils weil diese Lizenz sie zuletzt um alle
Früchte der Bearbeitung ihres eigentümlichen Bodens, nämlich der
Erfahrung, bringen müßte. Denn, wenn uns die Naturerklärung hier
oder da schwer wird, so haben wir beständig einen transzendenten
Erklärungsgrund bei der Hand, der uns jener Untersuchung überhebt,
und unsere Nachforschung schließt nicht durch Einsicht, sondern durch
gänzliche Unbegreiflichkeit eines Prinzips, welches so schon zum
voraus ausgedacht war, daß es den Begriff des absolut Ersten enthalten
mußte.
Das zweite erforderliche Stück zur Annehmungswürdigkeit einer
Hypothese ist die Zulänglichkeit derselben, um daraus a priori die
Folgen, welche gegeben sind, zu bestimmen. Wenn man zu diesem Zwecke
hilfleistende Hypothesen herbeizurufen genötigt ist, so geben sie den
Verdacht einer bloßen Erdichtung, weil jede derselben an sich dieselbe
Rechtfertigung bedarf, welche der zum Grunde gelegte Gedanke nötig
hatte, und daher keinen tüchtigen Zeugen abgeben kann. Wenn, unter
Voraussetzung einer unbeschränkt vollkommenen Ursache, zwar an
Erklärungsgründen aller Zweckmäßigkeit, Ordnung und Größe, die sich
in der Welt finden, kein Mangel ist, so bedarf jene doch, bei den,
wenigstens nach unseren Begriffen, sich zeigenden Abweichungen und
Übeln, noch neuer Hypothesen, um gegen diese, als Einwürfe, gerettet
zu werden. Wenn die einfache Selbständigkeit der menschlichen
Seele, die zum Grunde ihrer Erscheinungen gelegt worden, durch die
Schwierigkeiten ihrer, den Abänderungen einer Materie (dem Wachstum
und Abnahme) ähnlichen Phänomene angefochten wird, so müssen neue
Hypothesen zu Hilfe gerufen werden, die zwar nicht ohne Schein, aber
doch ohne alle Beglaubigung sind, außer derjenigen, welche ihnen die
zum Hauptgrunde angenommene Meinung gibt, der sie gleichwohl das Wort
reden sollen.
Wenn die hier zum Beispiele angeführten Vernunftbehauptungen
(unkörperliche Einheit der Seele und Dasein eines höchsten Wesens)
nicht als Hypothesen, sondern a priori bewiesene Dogmate gelten
sollen, so ist alsdann von ihnen gar nicht die Rede. In solchem Falle
aber sehe man sich ja vor, daß der Beweis die apodiktische Gewißheit
einer Demonstration habe. Denn die Wirklichkeit solcher Ideen bloß
wahrscheinlich machen zu wollen, ist ein ungereimter Vorsatz, ebenso,
als wenn man einen Satz der Geometrie bloß wahrscheinlich zu beweisen
gedächte. Die von aller Erfahrung abgesonderte Vernunft kann alles
nur a priori und als notwendig oder gar nicht erkennen; daher ist ihr
Urteil niemals Meinung, sondern entweder Enthaltung von allem Urteile,
oder apodiktische Gewißheit. Meinungen und wahrscheinliche Urteile
von dem, was Dingen zukommt, können nur als Erklärungsgründe dessen,
was wirklich gegeben ist, oder Folgen nach empirischen Gesetzen von
dem, was als wirklich zum Grunde liegt, mithin nur in der Reihe der
Gegenstände der Erfahrung vorkommen. Außer diesem Felde ist meinen so
viel, als mit Gedanken spielen, es müßte denn sein, daß man von einem
unsicheren Wege des Urteils bloß die Meinung hätte, vielleicht auf ihm
die Wahrheit zu finden.
Ob aber gleich bei bloß spekulativen Fragen der reinen Vernunft keine
Hypothesen stattfinden, um Sätze darauf zu gründen, so sind sie
dennoch ganz zulässig, um sie allenfalls nur zu verteidigen, d.i.
zwar nicht im dogmatischen, aber doch im polemischen Gebrauche. Ich
verstehe aber unter Verteidigung nicht die Vermehrung der Beweisgründe
seiner Behauptung, sondern die bloße Vereitlung der Scheineinsichten
des Gegners, welche unserem behaupteten Satze Abbruch tun sollen.
Nun haben aber alle synthetischen Sätze aus reiner Vernunft das
Eigentümliche an sich: daß, wenn der, welcher die Realität gewisser
Ideen behauptet, gleich niemals so viel weiß, um diesen seinen Satz
gewiß zu machen, auf der anderen Seite der Gegner ebensowenig wissen
kann, um das Widerspiel zu behaupten. Diese Gleichheit des Loses
der menschlichen Vernunft, begünstigt nun zwar im spekulativen
Erkenntnisse keinen von beiden, und da ist auch der rechte Kampfplatz
nimmer beizulegender Fehden. Es wird sich aber in der Folge zeigen,
daß doch, in Ansehung des praktischen Gebrauchs, die Vernunft ein
Recht habe, etwas anzunehmen, was sie auf keine Weise im Felde der
bloßen Spekulation, ohne hinreichende Beweisgründe, vorauszusetzen
befugt wäre; weil alle solche Voraussetzungen der Vollkommenheit
der Spekulation Abbruch tun, um welche sich aber das praktische
Interesse gar nicht bekümmert. Dort ist sie also im Besitze, dessen
Rechtmäßigkeit sie nicht beweisen darf, und wovon sie in der Tat den
Beweis auch nicht führen könnte. Der Gegner soll also beweisen. Da
dieser aber ebensowenig etwas von dem bezweifelten Gegenstande weiß,
um dessen Nichtsein darzutun, als der erstere, der dessen Wirklichkeit
behauptet: so zeigt sich hier ein Vorteil auf der Seite desjenigen,
der etwas als praktisch notwendige Voraussetzung behauptet (melior est
conditio possidentis). Es steht ihm nämlich frei, sich gleichsam aus
Notwehr eben derselben Mittel für seine gute Sache, als der Gegner
wider dieselbe, d.i. der Hypothesen zu bedienen, die gar nicht dazu
dienen sollen, um den Beweis derselben zu verstärken, sondern nur zu
zeigen, daß der Gegner viel zu wenig von dem Gegenstande des Streites
verstehe, als daß er sich eines Vorteils der spekulativen Einsicht in
Ansehung unserer schmeicheln könne.
Hypothesen sind also im Felde der reinen Vernunft nur als Kriegswaffen
erlaubt, nicht um darauf ein Recht zu gründen, sondern nur es zu
verteidigen. Den Gegner aber müssen wir hier jederzeit in uns selbst
suchen. Denn spekulative Vernunft in ihrem transzendentalen Gebrauche
ist an sich dialektisch. Die Einwürfe, die zu fürchten sein möchten,
liegen in uns selbst. Wir müssen sie, gleich alten, aber niemals
verjährenden Ansprüchen, hervorsuchen, um einen ewigen Frieden auf
deren Vernichtigung zu gründen. Äußere Ruhe ist nur scheinbar. Der
Keim der Anfechtungen, der in der Natur der Menschenvernunft liegt,
muß ausgerottet werden; wie können wir ihn aber ausrotten, wenn wir
ihm nicht Freiheit, ja selbst Nahrung geben, Kraut auszuschießen, um
sich dadurch zu entdecken, und es nachher mit der Wurzel zu vertilgen?
Sinnet demnach selbst auf Einwürfe, auf die noch kein Gegner gefallen
ist, und leihet ihm sogar Waffen, oder räumet ihm den günstigsten
Platz ein, den er sich nur wünschen kann. Es ist hierbei gar nichts
zu fürchten, wohl aber zu hoffen, nämlich, daß ihr euch einen in alle
Zukunft niemals mehr anzufechtenden Besitz verschaffen werdet.
Zu euerer vollständigen Rüstung gehören nun auch die Hypothesen der
reinen Vernunft, welche, obzwar nur bleierne Waffen (weil sie durch
kein Erfahrungsgesetz gestählt sind), dennoch immer so viel vermögen,
als die, deren sich irgendein Gegner wider euch bedienen mag. Wenn
euch also, wider die (in irgendeiner anderen nicht spekulativen
Rücksicht) angenommene immaterielle und keiner körperlichen Umwandlung
unterworfene Natur der Seele, die Schwierigkeit aufstößt, daß
gleichwohl die Erfahrung sowohl die Erhebung, als Zerrüttung unserer
Geisteskräfte bloß als verschiedene Modifikation unserer Organen zu
beweisen scheine; so könnt ihr die Kraft dieses Beweises dadurch
schwächen, daß ihr annehmt, unser Körper sei nichts, als die
Fundamentalerscheinung, worauf, als Bedingung, sich in dem jetzigen
Zustande (im Leben) das ganze Vermögen der Sinnlichkeit und hiermit
alles Denken bezieht. Die Trennung vom Körper sei das Ende dieses
sinnlichen Gebrauchs eurer Erkenntniskraft und der Anfang des
intellektuellen. Der Körper wäre also nicht die Ursache des Denkens,
sondern eine bloß restringierende Bedingung desselben, mithin zwar
als Beförderung des sinnlichen und animalischen, aber desto mehr auch
als Hindernis des reinen und spirituellen Lebens anzusehen, und die
Abhängigkeit des ersteren von der körperlichen Beschaffenheit bewiese
nichts für die Abhängigkeit des ganzen Lebens von dem Zustande unserer
Organen. Ihr könnt aber noch weiter gehen, und wohl gar neue, entweder
nicht aufgeworfene, oder nicht weit genug getriebene Zweifel ausfindig
machen.
Die Zufälligkeit der Zeugungen, die bei Menschen, sowie beim
vernunftslosen Geschöpfe, von der Gelegenheit, überdem aber auch oft
vom Unterhalte, von der Regierung, deren Launen und Einfällen, oft
sogar vom Laster abhängt, macht eine große Schwierigkeit wider
die Meinung der auf Ewigkeiten sich erstreckenden Fortdauer eines
Geschöpfs, dessen Leben unter so unerheblichen und unserer Freiheit
so ganz und gar überlassenen Umständen zuerst angefangen hat. Was die
Fortdauer der ganzen Gattung (hier auf Erden) betrifft, so hat diese
Schwierigkeit in Ansehung derselben wenig auf sich, weil der Zufall im
Einzelnen nichtsdestoweniger einer Regel im Ganzen unterworfen ist;
aber in Ansehung eines jeden Individuum eine so mächtige Wirkung von
so geringfügigen Ursachen zu erwarten, scheint allerdings bedenklich.
Hiewider könnt ihr aber eine transzendentale Hypothese aufbieten: daß
alles Leben eigentlich nur intelligibel sei, den Zeitveränderungen
gar nicht unterworfen, und weder durch Geburt angefangen habe, noch
durch den Tod geendigt werde. Daß dieses Leben nichts als eine bloße
Erscheinung, d.i. eine sinnliche Vorstellung von dem reinen geistigen
Leben, und die ganze Sinnenwelt ein bloßes Bild sei, welches unserer
jetzigen Erkenntnisart vorschwebt, und, wie ein Traum, an sich keine
objektive Realität habe: dass, wenn wir die Sachen und uns selbst
anschauen sollen, wie sie sind, wir uns in einer Welt geistiger
Naturen sehen würden, mit welcher unsere einzig wahre Gemeinschaft
weder durch Geburt angefangen habe, noch durch den Leibestod (als
bloße Erscheinungen) aufhören werde, usw.
Ob wir nun gleich von allem diesem, was wir hier wider den Angriff
hypothetisch vorschützen, nicht das Mindeste wissen, noch im Ernste
behaupten, sondern alles nicht einmal Vernunftidee, sondern bloß zur
Gegenwehr ausgedachter Begriff ist, so verfahren wir doch hierbei
ganz vernunftmäßig, indem wir dem Gegner, welcher alle Möglichkeit
erschöpft zu haben meint, indem er den Mangel ihrer empirischen
Bedingungen für einen Beweis der gänzlichen Unmöglichkeit des von uns
Geglaubten fälschlich ausgibt, nur zeigen: daß er ebensowenig durch
bloße Erfahrungsgesetze das ganze Feld möglicher Dinge an sich selbst
umspannen, als wir außerhalb der Erfahrung für unsere Vernunft irgend
etwas auf gegründete Art erwerben können. Der solche hypothetische
Gegenmittel wider die Anmaßungen des dreist verneinenden Gegners
verkehrt, muß nicht dafür gehalten werden, als wolle er sie sich
als seine wahren Meinungen eigen machen. Er verläßt sie, sobald er
den dogmatischen Eigendünkel des Gegners abgefertigt hat. Denn so
bescheiden und gemäßigt es auch anzusehen ist, wenn jemand sich in
Ansehung fremder Behauptungen bloß weigernd und verneinend verhält,
so ist doch jederzeit, sobald er diese seine Einwürfe als Beweise des
Gegenteils geltend machen will, der Anspruch nicht weniger stolz und
eingebildet, als ob er die bejahende Partei und deren Behauptung
ergriffen hätte.