Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur
relativ auf entgegengesetzte transzendente Anmaßungen haben. Denn die
Ausdehnung der Prinzipien möglicher Erfahrung auf die Möglichkeit der
Dinge überhaupt ist ebensowohl transzendent, als die Behauptung der
objektiven Realität solcher Begriffe, welche ihre Gegenstände nirgends
als außerhalb der Grenze aller möglichen Erfahrung finden können. Was
reine Vernunft assertorisch urteilt, muß (wie alles, was Vernunft
erkennt,) notwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie
in der Tat gar keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind
nur problematische Urteile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich
freilich durch nichts bewiesen werden können, und sind also keine
Privatmeinungen, können aber doch nicht füglich (selbst zur inneren
Beruhigung) gegen sich regende Skrupel entbehrt werden. In dieser
Qualität aber muß man sie erhalten, und ja sorgfältig verhüten, daß
sie nicht gleich als an sich selbst beglaubigt, und von einiger
absoluten Gültigkeit, auftreten, und die Vernunft unter Erdichtungen
und Blendwerken ersäufen.
Des ersten Hauptstücks
Vierter Abschnitt
Die Disziplin der reinen Vernunft in Ansehung ihrer Beweise
Die Beweise transzendentaler und synthetischer Sätze haben das
Eigentümliche, unter allen Beweisen einer synthetischen Erkenntnis
a priori, an sich, daß die Vernunft bei jenen vermittelst seiner
Begriffe sich nicht geradezu an den Gegenstand wenden darf, sondern
zuvor die objektive Gültigkeit der Begriffe und die Möglichkeit der
Synthesis derselben a priori dartun muß. Dieses ist nicht etwa bloß
eine nötige Regel der Behutsamkeit, sondern betrifft das Wesen und die
Möglichkeit der Beweise selbst. Wenn ich über den Begriff von einem
Gegenstande a priori hinausgehen soll, so ist dieses, ohne einen
besonderen und außerhalb diesem Begriffe befindlichen Leitfaden,
unmöglich. In der Mathematik ist es die Anschauung a priori, die meine
Synthesis leitet, und da können alle Schlüsse unmittelbar an der
reinen Anschauung geführt werden. Im transzendentalen Erkenntnis,
so lange es bloß mit Begriffen des Verstandes zu tun hat, ist diese
Richtschnur die mögliche Erfahrung. Der Beweis zeigt nämlich nicht,
daß der gegebene Begriff (z.B. von dem, was geschieht,) geradezu auf
einen anderen Begriff (dem einer Ursache) führe; denn dergleichen
Übergang wäre ein Sprung, der sich gar nicht verantworten ließe;
sondern er zeigt, daß die Erfahrung selbst, mithin das Objekt der
Erfahrung, ohne eine solche Verknüpfung unmöglich wäre. Also mußte der
Beweis zugleich die Möglichkeit anzeigen, synthetisch und a priori zu
einer gewissen Erkenntnis von Dingen zu gelangen, die in dem Begriffe
von ihnen nicht enthalten war. Ohne diese Aufmerksamkeit laufen
die Beweise wie Wasser, welche ihre Ufer durchbrechen, wild und
querfeldein, dahin, wo der Hang der verborgenen Assoziation sie
zufälligerweise herleitet. Der Schein der Überzeugung, welcher auf
subjektiven Ursachen der Assoziation beruht, und für die Einsicht
einer natürlichen Affinität gehalten wird, kann der Bedenklichkeit gar
nicht die Wage halten, die sich billigermaßen über dergleichen gewagte
Schritte einfinden muß. Daher sind auch alle Versuche, den Satz des
zureichenden Grundes zu beweisen, nach dem allgemeinen Geständnisse
der Kenner, vergeblich gewesen, und ehe die transzendentale Kritik
auftrat, hat man lieber, da man diesen Grundsatz doch nicht verlassen
konnte, sich trotzig auf den gesunden Menschenverstand berufen,
(eine Zuflucht, die jederzeit beweist, daß die Sache der Vernunft
verzweifelt ist,) als neue dogmatische Beweise versuchen wollen.
Ist aber der Satz, über den ein Beweis geführt werden soll, eine
Behauptung der reinen Vernunft, und will ich sogar vermittelst bloßer
Ideen über meine Erfahrungsbegriffe hinausgehen, so müßte derselbe
noch vielmehr die Rechtfertigung eines solchen Schrittes der
Synthesis (wenn er anders möglich wäre) als eine notwendige Bedingung
seiner Beweiskraft in sich enthalten. So scheinbar daher auch der
vermeintliche Beweis der einfachen Natur unserer denkenden Substanz
aus der Einheit der Apperzeption sein mag, so steht ihm doch die
Bedenklichkeit unabweislich entgegen: daß, da die absolute Einfachheit
doch kein Begriff ist, der unmittelbar auf eine Wahrnehmung bezogen
werden kann, sondern als Idee bloß geschlossen werden muß, gar nicht
einzusehen ist, wie mich das bloße Bewußtsein, welches in allem Denken
enthalten ist, oder wenigstens sein kann, ob es zwar sofern eine
einfache Vorstellung ist, zu dem Bewußtsein und der Kenntnis eines
Dinges überführen solle, in welchem das Denken allein enthalten
sein kann. Denn, wenn ich mir die Kraft meines Körpers in Bewegung
vorstelle, so ist er sofern für mich absolute Einheit, und meine
Vorstellung von ihm ist einfach; daher kann ich diese auch durch die
Bewegung eines Punkts ausdrücken, weil sein Volumen hierbei nichts
tut, und, ohne Verminderung der Kraft, so klein, wie man will, und
also auch als in einem Punkt befindlich gedacht werden kann. Hieraus
werde ich aber doch nicht schließen: daß, wenn mir nichts, wie die
bewegende Kraft eines Körpers, gegeben ist, der Körper als einfache
Substanz gedacht werden könne, darum, weil seine Vorstellung von aller
Größe des Raumesinhalts abstrahiert und also einfach ist. Hierdurch
nun, daß das Einfache in der Abstraktion vom Einfachen im Objekt ganz
unterschieden ist, und daß das Ich, welches im ersteren Verstande
gar keine Mannigfaltigkeit in sich faßt, im zweiten, da es die Seele
selbst bedeutet, ein sehr komplexen Begriff sein kann, nämlich sehr
vieles unter sich zu enthalten und zu bezeichnen, entdecke ich einen
Paralogismus. Allein, um diesen vorher zu ahnden, (denn ohne eine
solche vorläufige Vermutung würde man gar keinen Verdacht gegen den
Beweis fassen,) ist durchaus nötig, ein immerwährendes Kriterium der
Möglichkeit solcher synthetischen Sätze die mehr beweisen sollen, als
Erfahrung geben kann, bei Hand zu haben, welches darin besteht: daß
der Beweis nicht geradezu auf das verlangte Prädikat, sondern nur
vermittelst eines Prinzips der Möglichkeit, unseren gegebenen Begriff
a priori bis zu Ideen zu erweitern, und diese zu realisieren, geführt
werde. Wenn diese Behutsamkeit immer gebraucht wird, wenn man, ehe der
Beweis noch versucht wird, zuvor weislich bei sich zu Rate geht, wie
und mit welchem Grunde der Hoffnung man wohl eine solche Erweiterung
durch reine Vernunft erwarten könne, und woher man, in dergleichen
Falle, diese Einsichten, die nicht aus Begriffen entwickelt, und auch
nicht in Beziehung auf mögliche Erfahrung antizipiert werden können,
denn hernehmen wolle: so kann man sich viel schwere und dennoch
fruchtlose Bemühungen ersparen, indem man der Vernunft nichts zumutet,
was offenbar über ihr Vermögen geht, oder vielmehr sie, die, bei
Anwandlungen ihrer spekulativen Erweiterungssucht, sich nicht gerne
einschränken läßt, der Disziplin der Enthaltsamkeit unterwirft.
Die erste Regel ist also diese: keine transzendentalen Beweise zu
versuchen, ohne zuvor überlegt und sich desfalls gerechtfertigt zu
haben, woher man die Grundsätze nehmen wolle, auf welche man sie zu
errichten gedenkt, und mit welchem Rechte man von ihnen den guten
Erfolg der Schlüsse erwarten könne. Sind es Grundsätze des Verstandes
(z.B. der Kausalität), so ist es umsonst, vermittelst ihrer zu Ideen
der reinen Vernunft zu gelangen; denn jene gelten nur für Gegenstände
möglicher Erfahrung. Sollen es Grundsätze aus reiner Vernunft sein,
so ist wiederum alle Mühe umsonst. Denn die Vernunft hat deren zwar,
aber als objektive Grundsätze sind sie insgesamt dialektisch, und
können allenfalls nur wie regulative Prinzipien des systematisch
zusammenhängenden Erfahrungsgebrauchs gültig sein. Sind aber
dergleichen angebliche Beweise schon vorhanden: so setzet der
trüglichen Überzeugung das non liquet eurer gereiften Urteilskraft
entgegen, und, ob ihr gleich das Blendwerk derselben noch nicht
durchdringen könnt, so habt ihr doch völliges Recht, die Deduktion der
darin gebrauchten Grundsätze zu verlangen, welche, wenn sie aus bloßer
Vernunft entsprungen sein sollen, euch niemals geschafft werden kann.
Und so habt ihr nicht einmal nötig, euch mit der Entwicklung und
Widerlegung eines jeden grundlosen Scheins zu befassen, sondern könnt
alle an Kunstgriffen unerschöpfliche Dialektik am Gerichtshofe einer
kritischen Vernunft, welche Gesetze verlangt, in ganzen Haufen auf
einmal abweisen.
Die zweite Eigentümlichkeit transzendentaler Beweise ist diese: daß zu
jedem transzendentalen Satze nur ein einziger Beweis gefunden werden
könne. Soll ich nicht aus Begriffen, sondern aus der Anschauung, die
einem Begriffe korrespondiert, es sei nun eine reine Anschauung, wie
in der Mathematik, oder empirische, wie in der Naturwissenschaft,
schließen: so gibt mir die zum Grunde gelegte Anschauung
mannigfaltigen Stoff zu synthetischen Sätzen, welchen ich auf mehr wie
eine Art verknüpfen, und, indem ich von mehr wie einem Punkte ausgehen
darf, durch verschiedene Wege zu demselben Satze gelangen kann.
Nun geht aber ein jeder transzendentaler Satz bloß von Einem Begriffe
aus, und sagt die synthetische Bedingung der Möglichkeit des
Gegenstandes nach diesem Begriffe. Der Beweisgrund kann also nur ein
einziger sein, weil außer diesem Begriffe nichts weiter ist, wodurch
der Gegenstand bestimmt werden könnte, der Beweis also nichts weiter,
als die Bestimmung eines Gegenstandes überhaupt nach diesem Begriffe,
der auch nur ein einziger ist, enthalten kann. Wir hatten z.B. in der
transzendentalen Analytik den Grundsatz: alles, was geschieht, hat
eine Ursache, aus der einzigen Bedingung der objektiven Möglichkeit
eines Begriffs, von dem, was überhaupt geschieht, gezogen: daß die
Bestimmung einer Begebenheit in der Zeit, mithin diese (Begebenheit)
als zur Erfahrung gehörig, ohne unter einer solchen dynamischen Regel
zu stehen, unmöglich wäre. Dieses ist nun auch der einzig mögliche
Beweisgrund; denn dadurch nur, daß dem Begriffe vermittelst des
Gesetzes der Kausalität ein Gegenstand bestimmt wird, hat die
vorgestellte Begebenheit objektive Gültigkeit, d.i. Wahrheit. Man
hat zwar noch andere Beweise von diesem Grundsatze z.B. aus der
Zufälligkeit versucht; allein, wenn dieser beim Lichten betrachtet
wird, so kann man kein Kennzeichen der Zufälligkeit auffinden, als das
Geschehen, d.i. das Dasein, vor welchem ein Nichtsein des Gegenstandes
vorhergeht, und kommt also immer wiederum auf den nämlichen
Beweisgrund zurück. Wenn der Satz bewiesen werden soll: alles, was
denkt, ist einfach; so hält man sich nicht bei dem Mannigfaltigen des
Denkens auf, sondern beharrt bloß bei dem Begriffe des Ich, welcher
einfach ist und worauf alles Denken bezogen wird. Ebenso ist es mit
dem transzendentalen Beweise vom Dasein Gottes bewandt, welcher
lediglich auf der Reziprokabilität der Begriffe vom realsten und
notwendigen Wesen beruht, und nirgends anders gesucht werden kann.
Durch diese warnende Anmerkung wird die Kritik der
Vernunftbehauptungen sehr ins Kleine gebracht. Wo Vernunft ihr
Geschäft durch bloße Begriffe treibt, da ist nur ein einziger Beweis
möglich, wenn überall nur irgendeiner möglich ist. Daher, wenn man
schon den Dogmatiker mit zehn Beweisen auftreten sieht, da kann man
sicher glauben, daß er gar keinen habe. Denn, hätte er einen, der (wie
es in Sachen der reinen Vernunft sein muß) apodiktisch bewiese, wozu
bedürfte er der übrigen? Seine Absicht ist nur, wie die von jenem
Parlamentsadvokaten: das eine Argument ist für diesen, das andere für
jenen, nämlich, um sich die Schwäche seiner Richter zunutze zu machen,
die, ohne sich tief einzulassen, und, um von dem Geschäft bald
loszukommen, das Erstebeste, was ihnen eben auffällt, ergreifen und
darnach entscheiden.
Die dritte eigentümliche Regel der reinen Vernunft, wenn sie in
Ansehung transzendentaler Beweise einer Disziplin unterworfen wird,
ist: daß ihre Beweise niemals apagogisch, sondern jederzeit ostensiv
sein müssen. Der direkte oder ostensive Beweis ist in aller Art der
Erkenntnis derjenige, welcher mit der Überzeugung von der Wahrheit,
zugleich Einsicht in die Quellen derselben verbindet; der apagogische
dagegen kann zwar Gewißheit, aber nicht Begrifflichkeit der Wahrheit
in Ansehung des Zusammenhanges mit den Gründen ihrer Möglichkeit
hervorbringen. Daher sind die letzteren mehr eine Nothilfe, als ein
Verfahren, welches allen Absichten der Vernunft ein Genüge tut. Doch
haben diese einen Vorzug der Evidenz vor den direkten Beweisen, darin:
daß der Widerspruch allemal mehr Klarheit in der Vorstellung bei sich
führt, als die beste Verknüpfung, und sich dadurch dem Anschaulichen
einer Demonstration mehr nähert.
Die eigentliche Ursache des Gebrauchs apagogischer Beweise in
verschiedenen Wissenschaften ist wohl diese. Wenn die Gründe, von
denen eine gewisse Erkenntnis abgeleitet werden soll, zu mannigfaltig
oder zu tief verborgen liegen: so versucht man, ob sie nicht durch die
Folgen zu erreichen sei. Nun wäre der modus ponens, auf die Wahrheit
einer Erkenntnis aus der Wahrheit ihrer Folgen zu schließen, nur
alsdann erlaubt, wenn alle möglichen Folgen daraus wahr sind; denn
alsdann ist zu diesem nur ein einziger Grund möglich, der also auch
der wahre ist. Dieses Verfahren aber ist untunlich, weil es über
unsere Kräfte geht, alle möglichen Folgen von irgendeinem angenommenen
Satze einzusehen; doch bedient man sich dieser Art zu schließen,
obzwar freilich mit einer gewissen Nachsicht, wenn es darum zu tun
ist, um etwas bloß als Hypothese zu beweisen, indem man den Schluß
nach der Analogie einräumt: daß, wenn so viele Folgen, als man
nur immer versucht hat, mit einem angenommenen Grunde wohl
zusammenstimmen, alle übrigen möglichen auch darauf einstimmen
werden. Um deswillen kann durch diesen Weg niemals eine Hypothese
in demonstrierte Wahrheit verwandelt werden. Der modus tollens der
Vernunftschlüsse, die von den Folgen auf die Gründe schließen, beweist
nicht allein ganz strenge, sondern auch überaus leicht. Denn, wenn
auch nur eine einzige falsche Folge aus einem Satze gezogen werden
kann, so ist dieser Satz falsch. Anstatt nun die ganze Reihe der
Gründe in einem ostensiven Beweise durchzulaufen, die auf die Wahrheit
einer Erkenntnis, vermittelst der vollständigen Einsicht in ihre
Möglichkeit, führen kann, darf man nur unter den aus dem Gegenteil
derselben fließenden Folgen eine einzige falsch finden, so ist dieses
Gegenteil auch falsch, mithin die Erkenntnis, welche man zu beweisen
hatte, wahr.
Die apagogische Beweisart kann aber nur in den Wissenschaften erlaubt
sein, wo es unmöglich ist, das Subjektive unserer Vorstellungen dem
Objektiven, nämlich der Erkenntnis desjenigen, was am Gegenstande ist,
unterzuschieben. Wo dieses letztere aber herrschend ist, da muß es
sich häufig zutragen, daß das Gegenteil eines gewissen Satzes entweder
bloß den subjektiven Bedingungen des Denkens widerspricht, aber nicht
dem Gegenstande, oder daß beide Sätze nur unter einer subjektiven
Bedingung, die, fälschlich für objektiv gehalten, einander
widersprechen, und da die Bedingung falsch ist, alle beide falsch sein
können, ohne daß von der Falschheit des einen auf die Wahrheit des
anderen geschlossen werden kann.
In der Mathematik ist diese Subreption unmöglich; daher haben sie
daselbst auch ihren eigentlichen Platz. In der Naturwissenschaft, weil
sich daselbst alles auf empirische Anschauungen gründet, kann jene
Erschleichung durch viel verglichene Beobachtungen zwar so mehrenteils
verhütet werden; aber diese Beweisart ist daselbst doch mehrenteils
unerheblich. Aber die transzendentalen Versuche der reinen Vernunft
werden insgesamt innerhalb dem eigentlichen Medium des dialektischen
Scheins angestellt, d.i. des Subjektiven, welches sich der Vernunft in
ihren Prämissen als objektiv anbietet, oder gar aufdrängt. Hier nun
kann es, was synthetische Sätze betrifft, gar nicht erlaubt werden,
seine Behauptungen dadurch zu rechtfertigen, daß man das Gegenteil
widerlegt. Denn, entweder diese Widerlegung ist nichts anderes, als
die bloße Vorstellung des Widerstreits der entgegengesetzten Meinung,
mit den subjektiven Bedingungen der Begreiflichkeit durch unsere
Vernunft, welches gar nichts dazu tut, um die Sache selbst darum zu
verwerfen, (sowie z.B. die unbedingte Notwendigkeit im Dasein eines
Wesens schlechterdings von uns nicht begriffen werden kann, und sich
daher subjektiv jedem spekulativen Beweise eines notwendigen obersten
Wesens mit Recht, der Möglichkeit eines solchen Urwesens aber an sich
selbst mit Unrecht widersetzt,) oder beide, sowohl der behauptende,
als der verneinende Teil, legen, durch den transzendentalen Schein
betrogen, einen unmöglichen Begriff vom Gegenstande zum Grunde, und da
gilt die Regel: non entis nulla sunt praedicata, d.i. sowohl was man
bejahend, als was man verneinend von dem Gegenstande behauptete, ist
beides unrichtig, und man kann nicht apagogisch durch die Widerlegung
des Gegenteils zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. So wie zum
Beispiel, wenn vorausgesetzt wird, daß die Sinnenwelt an sich selbst
ihrer Totalität nach gegeben sei, so ist es falsch, daß sie entweder
unendlich dem Raume nach, oder endlich und begrenzt sein müsse, darum
weil beides falsch ist. Denn Erscheinungen (als bloße Vorstellungen),
die doch an sich selbst (als Objekte) gegeben wären, sind etwas
Unmögliches, und die Unendlichkeit dieses eingebildeten Ganzen würde
zwar unbedingt sein, widerspräche aber (weil alles an Erscheinungen
bedingt ist) der unbedingten Größenbestimmung, die doch im Begriffe
vorausgesetzt wird.
Die apagogische Beweisart ist auch das eigentliche Blendwerk, womit
die Bewunderer der Gründlichkeit unserer dogmatischen Vernünftler
jederzeit hingehalten worden: sie ist gleichsam der Champion, der
die Ehre und das unstreitige Recht seiner genommenen Partei dadurch
beweisen will, daß er sich mit jedermann zu raufen anheischig macht,
der es bezweifeln wollte, obgleich durch solche Großsprecherei nichts
in der Sache, sondern nur der respektiven Stärke der Gegner ausgemacht
wird, und zwar auch nur auf der Seite desjenigen, der sich angreifend
verhält. Die Zuschauer, indem sie sehen, daß ein jeder in seiner
Reihe bald Sieger ist, bald unterliegt, nehmen oftmals daraus Anlaß,
das Objekt des Streites selbst skeptisch zu bezweifeln. Aber sie
haben nicht Ursache dazu, und es ist genug, ihnen zuzurufen: non
defensoribus istis tempus eget. Ein jeder muß seine Sache vermittelst
eines durch transzendentale Deduktion der Beweisgründe geführten
rechtlichen Beweises, d.i. direkt, führen, damit man sehe, was seine
Vernunftansprüche für sich selbst anzuführen haben. Denn, fußet sich
sein Gegner auf subjektive Gründe, so ist er freilich leicht zu
widerlegen, aber ohne Vorteil für den Dogmatiker, der gemeiniglich
ebenso den subjektiven Ursachen des Urteils anhängt, und
gleichergestalt von seinem Gegner in die Enge getrieben werden kann.
Verfahren aber beide Teile bloß direkt, so werden sie entweder
die Schwierigkeit, ja Unmöglichkeit, den Titel ihrer Behauptungen
auszufinden, von selbst bemerken, und sich zuletzt nur auf Verjährung
berufen können, oder die Kritik wird den dogmatischen Schein leicht
entdecken, und die reine Vernunft nötigen, ihre zu hoch getriebenen
Anmaßungen im spekulativen Gebrauch aufzugeben, und sich innerhalb die
Grenzen ihres eigentümlichen Bodens, nämlich praktischer Grundsätze,
zurückzuziehen.
Der transzendentalen Methodenlehre
Zweites Hauptstück
Der Kanon der reinen Vernunft
Es ist demütigend für die menschliche Vernunft, daß sie in ihrem
reinen Gebrauche nichts ausrichtet, und sogar noch einer Disziplin
bedarf, um ihre Ausschweifungen zu bändigen, und die Blendwerke, die
ihr daher kommen, zu verhüten. Allein andererseits erhebt es sie
wiederum und gibt ihr ein Zutrauen zu sich selbst, daß sie diese
Disziplin selbst ausüben kann und muß, ohne eine andere Zensur
über sich zu gestatten, imgleichen daß die Grenzen, die sie ihrem
spekulativen Gebrauche zu setzen genötigt ist, zugleich die
vernünftelnden Anmaßungen jeden Gegners einschränken, und mithin
alles, was ihr noch von ihren vorher übertriebenen Forderungen
übrigbleiben möchte, gegen alle Angriffe sicherstellen könne. Der
größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen
Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organon,
zur Erweiterung, sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient,
und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat,
Irrtümer zu verhüten.
Indessen muß es doch irgendwo einen Quell von positiven Erkenntnissen
geben, welche ins Gebiet der reinen Vernunft gehören, und die
vielleicht nur durch Mißverstand zu Irrtümern Anlaß geben, in der Tat
aber das Ziel der Beeiferung der Vernunft ausmachen. Denn welcher
Ursache sollte sonst wohl die nicht zu dämpfende Begierde, durchaus
über die Grenze der Erfahrung hinaus irgendwo festen Fuß zu fassen,
zuzuschreiben sein? Sie ahndet Gegenstände, die ein großes Interesse
für sie bei sich führen. Sie tritt den Weg der bloßen Spekulation
an, um sich ihnen zu nähern; aber diese fliehen vor sie. Vermutlich
wird auf dem einzigen Wege, der ihr noch übrig ist, nämlich dem des
praktischen Gebrauchs, besseres Glück für sie zu hoffen sein.
Ich verstehe unter einem Kanon den Inbegriff der Grundsätze a priori
des richtigen Gebrauchs gewisser Erkenntnisvermögen überhaupt. So
ist die allgemeine Logik in ihrem analytischen Teile ein Kanon für
Verstand und Vernunft überhaupt, aber nur der Form nach, denn sie
abstrahiert von allem Inhalte. So war die transzendentale Analytik der
Kanon des reinen Verstandes; denn der ist allein wahrer synthetischer
Erkenntnisse a priori fähig. Wo aber kein richtiger Gebrauch einer
Erkenntniskraft möglich ist, da gibt es keinen Kanon. Nun ist alle
synthetische Erkenntnis der reinen Vernunft in ihrem spekulativen
Gebrauche, nach allen bisher geführten Beweisen, gänzlich unmöglich.
Also gibt es gar keinen Kanon des spekulativen Gebrauchs derselben
(denn dieser ist durch und durch dialektisch), sondern alle
transzendentale Logik ist in dieser Absicht nichts als Disziplin.
Folglich, wenn es überall einen richtigen Gebrauch der reinen Vernunft
gibt, in welchem Fall es auch einen Kanon derselben geben muß,
so wird dieser nicht den spekulativen, sondern den praktischen
Vernunftgebrauch betreffen, den wir also jetzt untersuchen wollen.
Des Kanons der reinen Vernunft
Erster Abschnitt
Von dem letzten Zwecke des reinen Gebrauchs unserer Vernunft
Die Vernunft wird durch einen Hang ihrer Natur getrieben, über den
Erfahrungsgebrauch hinauszugehen, sich in einem reinen Gebrauche und
vermittelst bloßer Ideen zu den äußersten Grenzen aller Erkenntnis
hinaus zu wagen, und nur allererst in der Vollendung ihres Kreises, in
einem für sich bestehenden systematischen Ganzen, Ruhe zu finden. Ist
nun diese Bestrebung bloß auf ihr spekulatives, oder vielmehr einzig
und allein auf ihr praktisches Interesse gegründet?
Ich will das Glück, welches die reine Vernunft in spekulativer Absicht
macht, jetzt beiseite setzen, und frage nur nach den Aufgaben, deren
Auflösung ihren letzten Zweck ausmacht, sie mag diesen nun erreichen
oder nicht, und in Ansehung dessen alle anderen bloß den Wert der
Mittel haben. Diese höchsten Zwecke werden, nach der Natur der
Vernunft, wiederum Einheit haben müssen, um dasjenige Interesse der
Menschheit, welches keinem höheren untergeordnet ist, vereinigt zu
befördern.
Die Endabsicht, worauf die Spekulation der Vernunft im
transzendentalen Gebrauche zuletzt hinausläuft, betrifft drei
Gegenstände: die Freiheit des Willens, die Unsterblichkeit der Seele,
und das Dasein Gottes. In Ansehung aller drei ist bloß das spekulative
Interesse der Vernunft nur sehr gering, und in Absicht auf dasselbe
würde wohl schwerlich eine ermüdende, mit unaufhörlichen Hindernissen
ringende Arbeit transz. Nachforschung übernommen werden, weil man von
allen Entdeckungen, die hierüber zu machen sein möchten, doch keinen
Gebrauch machen kann, der in concreto, d.i. in der Naturforschung,
seinen Nutzen bewiese. Der Wille mag auch frei sein, so kann dieses
doch nur die intelligible Ursache unseres Wollens angehen. Denn, was
die Phänomene der Äußerungen desselben, d.i. die Handlungen betrifft,
so müssen wir, nach einer unverletzlichen Grundmaxime, ohne welche wir
keine Vernunft im empirischen Gebrauche ausüben können, sie niemals
anders als alle übrigen Erscheinungen der Natur, nämlich nach
unwandelbaren Gesetzen derselben, erklären. Es mag zweitens auch die
geistige Natur der Seele (und mit derselben ihre Unsterblichkeit)
eingesehen werden können, so kann darauf doch, weder in Ansehung der
Erscheinungen dieses Lebens, als einen Erklärungsgrund, noch auf die
besondere Beschaffenheit des künftigen Zustandes Rechnung gemacht
werden, weil unser Begriff einer unkörperlichen Natur bloß negativ
ist, und unsere Erkenntnis nicht im mindesten erweitert, noch einigen
tauglichen Stoff zu Folgerungen darbietet, als etwa zu solchen, die
nur für Erdichtungen gelten können, die aber von der Philosophie
nicht gestattet werden. Wenn auch drittens das Dasein einer höchsten
Intelligenz bewiesen wäre: so würden wir uns zwar daraus das
Zweckmäßige in der Welteinrichtung und Ordnung in allgemeinen
begreiflich machen, keineswegs aber befugt sein, irgendeine besondere
Anstalt und Ordnung daraus abzuleiten, oder, wo sie nicht wahrgenommen
wird, darauf kühnlich zu schließen, indem es eine notwendige Regel
des spekulativen Gebrauchs der Vernunft ist, Naturursachen nicht
vorbeizugehen, und das, wovon wir uns durch Erfahrung belehren können,
aufzugeben, um etwas, was wir kennen, von demjenigen abzuleiten, was
alle unsere Kenntnis gänzlich übersteigt. Mit einem Worte, diese drei
Sätze bleiben für die spekulative Vernunft jederzeit transzendent,
und haben gar keinen immanenten, d.i. für Gegenstände der Erfahrung
zulässigen, mithin für uns auf einige Art nützlichen Gebrauch, sondern
sind an sich betrachtet ganz müßige und dabei noch äußert schwere
Anstrengungen unserer Vernunft.
Wenn demnach diese drei Kardinalsätze uns zum Wissen gar nicht nötig
sind, und uns gleichwohl durch unsere Vernunft dringend empfohlen
werden; so wird ihre Wichtigkeit wohl eigentlich nur das Praktische
angehen müssen.
Praktisch ist alles, was durch Freiheit möglich ist. Wenn die
Bedingungen der Ausübung unserer freien Willkür aber empirisch sind,
so kann die Vernunft dabei keinen anderen als regulativen Gebrauch
haben, und nur die Einheit empirischer Gesetze zu bewirken dienen,
wie z.B. in der Lehre der Klugheit die Vereinigung aller Zwecke,
die uns von unseren Neigungen aufgegeben sind, in den einigen, die
Glückseligkeit, und die Zusammenstimmung der Mittel, um dazu zu
gelangen, das ganze Geschäft der Vernunft ausmacht, die um deswillen
keine anderen als pragmatische Gesetze des freien Verhaltens, zu
Erreichung der uns von den Sinnen empfohlenen Zwecke, und also keine
reinen Gesetze, völlig a priori bestimmt, liefern kann. Dagegen würden
reine praktische Gesetze, deren Zweck durch die Vernunft völlig
a priori gegeben ist, und die nicht empirisch bedingt, sondern
schlechthin gebieten, Produkte der reinen Vernunft sein. Dergleichen
aber sind die moralischen Gesetze, mithin gehören diese allein zum
praktischen Gebrauche der reinen Vernunft, und erlauben einen Kanon.
Die ganze Zurüstung also der Vernunft, in der Bearbeitung, die man
reine Philosophie nennen kann, ist in der Tat nur auf die drei
gedachten Probleme gerichtet. Diese selber aber haben wiederum ihre
entferntere Absicht, nämlich, was zu tun sei, wenn der Wille frei,
wenn ein Gott und eine künftige Welt ist. Da dieses nun unser
Verhalten in Beziehung auf den höchsten Zweck betrifft, so ist
die letzte Absicht der weislich uns versorgenden Natur, bei der
Einrichtung unserer Vernunft, eigentlich nur aufs Moralische gestellt.
Es ist aber Behutsamkeit nötig, um, da wir unser Augenmerk auf einen
Gegenstand werfen, der der transzendentalen Philosophie fremd* ist,
nicht in Episoden auszuschweifen und die Einheit des Systems zu
verletzen, andererseits auch, um, indem man von seinem neuen Stoffe
zu wenig sagt, es an Deutlichkeit oder Überzeugung nicht fehlen zu
lassen. Ich hoffe beides dadurch zu leisten, daß ich mich so nahe
als möglich am Transzendentalen halte und das, was etwa hierbei
psychologisch, d.h. empirisch sein möchte, gänzlich beiseite setze.
* Alle praktischen Begriffe gehen auf Gegenstände des Wohlgefallens,
oder Mißfallens, d.i. der Lust oder Unlust, mithin, wenigstens
indirekt, auf Gegenstände unseres Gefühls. Da dieses aber keine
Vorstellungskraft der Dinge ist, sondern außer der gesamten
Erkenntniskraft liegt, so gehören die Elemente unserer Urteile,
sofern sie sich auf Lust oder Unlust beziehen, mithin der
praktischen, nicht in den Inbegriff der Transzendentalphilosophie,
welche lediglich mit reinen Erkenntnissen a priori zu tun hat.
Und da ist denn zuerst anzumerken, daß ich mich vorjetzt des Begriffs
der Freiheit nur im praktischen Verstande bedienen werde, und den in
transzendentaler Bedeutung, welcher nicht als ein Erklärungsgrund der
Erscheinungen empirisch vorausgesetzt werden kann, sondern selbst ein
Problem für die Vernunft ist, hier, als oben abgetan, beiseite setze.
Eine Willkür nämlich ist bloß tierisch (arbitrium brutum), die nicht
anders als durch sinnliche Antriebe, d.i. pathologisch bestimmt werden
kann. Diejenige aber, welche unabhängig von sinnlichen Antrieben,
mithin durch Bewegursachen, welche nur von der Vernunft vorgestellt
werden, bestimmt werden kann, heißt die freie Willkür (arbitrium
liberum), und alles, was mit dieser, es sei als Grund oder Folge,
zusammenhängt, wird Praktisch genannt. Die praktische Freiheit kann
durch Erfahrung bewiesen werden. Denn, nicht bloß das, was reizt, d.i.
die Sinne unmittelbar affiziert, bestimmt die menschliche Willkür,
sondern wir haben ein Vermögen, durch Vorstellungen von dem, was
selbst auf entfernete Art nützlich oder schädlich ist, die Eindrücke
auf unser sinnliches Begehrungsvermögen zu überwinden; diese
Überlegungen aber von dem, was in Ansehung unseres ganzen Zustandes
begehrungswert, d.i. gut und nützlich ist, beruhen auf der Vernunft.
Diese gibt daher auch Gesetze, welche Imperative, d.i. objektive
Gesetze der Freiheit sind, und welche sagen, was geschehen soll, ob es
gleich vielleicht nie geschieht, und sich darin von Naturgesetzen, die
nur von dem handeln, was geschieht, unterscheiden, weshalb sie auch
praktische Gesetze genannt werden.
Ob aber die Vernunft selbst in diesen Handlungen, dadurch sie Gesetze
vorschreibt, nicht wiederum durch anderweitige Einflüsse bestimmt sei,
und das, was in Absicht auf sinnliche Antriebe Freiheit heißt, in
Ansehung höherer und entfernetern wirkender Ursachen nicht wiederum
Natur sein möge, das geht uns im Praktischen, da wir nur die Vernunft
um die Vorschrift des Verhaltens zunächst befragen, nichts an, sondern
ist eine bloß spekulative Frage, die wir, so lange als unsere Absicht
aufs Tun oder Lassen gerichtet ist, beiseite setzen können. Wir
erkennen also die praktische Freiheit durch Erfahrung, als eine von
den Naturursachen, nämlich eine Kausalität der Vernunft in Bestimmung
des Willens, indessen daß die transzendentale Freiheit eine
Unabhängigkeit dieser Vernunft selbst (in Ansehung ihrer Kausalität,
eine Reihe von Erscheinungen anzufangen,) von allen bestimmenden
Ursachen der Sinnenwelt fordert, und sofern dem Naturgesetze, mithin
aller möglichen Erfahrung, zuwider zu sein scheint, und also ein
Problem bleibt. Allein vor die Vernunft im praktischen Gebrauche
gehört dieses Problem nicht, also haben wir es in einem Kanon der
reinen Vernunft nur mit zwei Fragen zu tun, die das praktische
Interesse der reinen Vernunft angehen, und in Ansehung deren ein Kanon
ihres Gebrauchs möglich sein muß, nämlich: ist ein Gott? ist ein
künftiges Leben? Die Frage wegen der transzendentalen Freiheit
betrifft bloß das spekulative Wissen, welche wir als ganz gleichgültig
beiseite setzen können, wenn es um das Praktische zu tun ist, und
worüber in der Antinomie der reinen Vernunft schon hinreichende
Erörterung zu finden ist.
Des Kanons der reinen Vernunft
Zweiter Abschnitt
Von dem Ideal des höchsten Guts, als einem Bestimmungsgrunde des
letzten Zwecks der reinen Vernunft
Die Vernunft führte uns in ihrem spekulativen Gebrauche durch das
Feld der Erfahrungen, und, weil daselbst für sie niemals völlige
Befriedigung anzutreffen ist, von da zu spekulativen Ideen, die uns
aber am Ende wiederum auf Erfahrung zurückführten, und also ihre
Absicht auf eine zwar nützliche, aber unserer Erwartung gar nicht
gemäße Art erfüllten. Nun bleibt uns noch ein Versuch übrig: ob
nämlich auch reine Vernunft im praktischen Gebrauche anzutreffen sei,
ob sie in demselben zu den Ideen führe, welche die höchsten Zwecke der
reinen Vernunft, die wir eben angeführt haben, erreichen, und diese
also aus dem Gesichtspunkte ihres praktischen Interesses nicht
dasjenige gewähren könne, was sie uns in Ansehung des spekulativen
ganz und gar abschlägt.
Alles Interesse meiner Vernunft (das spekulative sowohl, als das
praktische) vereinigt sich in folgenden drei Fragen:
1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
Die erste Frage ist bloß spekulativ. Wir haben (wie ich mir
schmeichle) alle möglichen Beantwortungen derselben erschöpft und
endlich diejenige gefunden, mit welcher sich die Vernunft zwar
befriedigen muß, und, wenn sie nicht aufs Praktische sieht, auch
Ursache hat zufrieden zu sein; sind aber von den zwei großen Zwecken,
worauf diese ganze Bestrebung der reinen Vernunft eigentlich gerichtet
war, ebenso weit entfernt geblieben, als ob wir uns aus Gemächlichkeit
dieser Arbeit gleich anfangs verweigert hätten. Wenn es also um Wissen
zu tun ist, so ist wenigstens so viel sicher und ausgemacht, daß uns
dieses, in Ansehung jener zwei Aufgaben, niemals zuteil werden könne.
Die zweite Frage ist bloß praktisch. Sie kann als eine solche zwar der
reinen Vernunft angehören, ist aber alsdann doch nicht transzendental,
sondern moralisch, mithin kann sie unsere Kritik an sich selbst nicht
beschäftigen.
Die dritte Frage, nämlich: wenn ich nun tue, was ich soll, was darf
ich alsdann hoffen? ist praktisch und theoretisch zugleich, so,
daß das Praktische nur als ein Leitfaden zur Beantwortung der
theoretischen, und, wenn diese hoch geht, spekulativen Frage führt.
Denn alles Hoffen geht auf Glückseligkeit, und ist in Absicht auf das
Praktische und das Sittengesetz eben dasselbe, was das Wissen und das
Naturgesetz in Ansehung der theoretischen Erkenntnis der Dinge ist.
Jenes läuft zuletzt auf den Schluß hinaus, daß etwas sei (was den
letzten möglichen Zweck bestimmt), weil etwas geschehen soll; dieses,
daß etwas sei (was als oberste Ursache wirkt), weil etwas geschieht.
Glückseligkeit ist die Befriedigung aller unserer Neigungen, (sowohl
extensive, der Mannigfaltigkeit der selben, als intensive, dem Grade,
als auch protensive, der Dauer nach). Das praktische Gesetz aus
dem Bewegungsgrunde der Glückseligkeit nenne ich pragmatisch
(Klugheitsregel); dasjenige aber, wofern ein solches ist, das zum
Bewegungsgrunde nichts anderes hat, als die Würdigkeit, glücklich zu
sein, moralisch (Sittengesetz). Das erstere rät, was zu tun sei, wenn
wir der Glückseligkeit wollen teilhaftig, das zweite gebietet, wie
wir uns verhalten sollen, um nur der Glückseligkeit würdig zu werden.
Das erstere gründet sich auf empirische Prinzipien; denn anders, wie
vermittelst der Erfahrung, kann ich weder wissen, welche Neigungen da
sind, die befriedigt werden wollen, noch welches die Naturursachen
sind, die ihre Befriedigung bewirken können. Das zweite abstrahiert
von Neigungen, und Naturmitteln sie zu befriedigen, und betrachtet nur
die Freiheit eines vernünftigen Wesens überhaupt, und die notwendigen
Bedingungen, unter denen sie allein mit der Austeilung der
Glückseligkeit nach Prinzipien zusammenstimmt, und kann also
wenigstens auf bloßen Ideen der reinen Vernunft beruhen und a priori
erkannt werden.
Ich nehme an, daß es wirklich reine moralische Gesetze gebe, die
völlig a priori (ohne Rücksicht auf empirische Bewegungsgründe, d.i.
Glückseligkeit,) das Tun und Lassen, d.i. den Gebrauch der Freiheit
eines vernünftigen Wesens überhaupt, bestimmen, und daß diese Gesetze
schlechterdings (nicht bloß hypothetisch unter Voraussetzung anderer
empirischen Zwecke) gebieten, und also in aller Absicht notwendig
sind. Diesen Satz kann ich mit Recht voraussetzen, nicht allein, indem
ich mich auf die Beweise der aufgeklärtesten Moralisten, sondern auf
das sittliche Urteil eines jeden Menschen berufe, wenn er sich ein
dergleichen Gesetz deutlich denken will.
Die reine Vernunft enthält also, zwar nicht in ihrem spekulativen,
aber doch in einem gewissen praktischen, nämlich dem moralischen
Gebrauche, Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung, nämlich solcher
Handlungen, die den sittlichen Vorschriften gemäß in der Geschichte
des Menschen anzutreffen sein könnten. Denn, da sie gebietet, daß
solche geschehen sollen, so müssen sie auch geschehen können, und es
muß also eine besondere Art von systematischer Einheit, nämlich die
moralische, möglich sein, indessen daß die systematische Natureinheit
nach spekulativen Prinzipien der Vernunft nicht bewiesen werden
konnte, weil die Vernunft zwar in Ansehung der Freiheit überhaupt,
aber nicht in Ansehung der gesamten Natur Kausalität hat, und
moralische Vernunftprinzipien zwar freie Handlungen, aber nicht
Naturgesetze hervorbringen können. Demnach haben die Prinzipien der
reinen Vernunft in ihrem praktischen, namentlich aber, dem moralischen
Gebrauche, objektive Realität.
Ich nenne die Welt, sofern sie allen sittlichen Gesetzen gemäß wäre,
(wie sie es denn, nach der Freiheit der vernünftigen Wesen, sein kann,
und, nach den notwendigen Gesetzen der Sittlichkeit, sein soll,) eine
moralische Welt. Diese wird sofern bloß als intelligible Welt gedacht,
weil darin von allen Bedingungen (Zwecken) und selbst von allen
Hindernissen der Moralität in derselben (Schwäche oder Unlauterkeit
der menschlichen Natur) abstrahiert wird. Sofern ist sie also eine
bloße, aber doch praktische Idee, die wirklich ihren Einfluß auf die
Sinnenwelt haben kann und soll, um sie dieser Idee so viel als möglich
gemäß zu machen. Die Idee einer moralischen Welt hat daher objektive
Realität, nicht als wenn sie auf einen Gegenstand einer intelligiblen
Anschauung ginge (dergleichen wir uns gar nicht denken können),
sondern auf die Sinnenwelt, aber als einen Gegenstand der reinen
Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, und ein corpus mysticum
der vernünftigen Wesen in ihr, sofern deren freie Willkür unter
moralischen Gesetzen sowohl mit sich selbst, als mit jedes anderen
Freiheit durchgängige systematische Einheit an sich hat.
Das war die Beantwortung der ersten von den zwei Fragen der reinen
Vernunft, die das praktische Interesse betrafen: Tue das, wodurch du
würdig wirst, glücklich zu sein. Die zweite frägt nun: wie, wenn ich
mich nun so verhalte, daß ich der Glückseligkeit nicht unwürdig sei,
darf ich auch hoffen, ihrer dadurch teilhaftig werden zu können? Es
kommt bei der Beantwortung derselben darauf an, ob die Prinzipien der
reinen Vernunft, welche a priori das Gesetz vorschreiben, auch diese
Hoffnung notwendigerweise damit verknüpfen.
Ich sage demnach: daß ebensowohl, als die moralischen Prinzipien nach
der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche notwendig sind, ebenso
notwendig sei es auch nach der Vernunft, in ihrem theoretischen
anzunehmen, daß jedermann die Glückseligkeit in demselben Maße zu
hoffen Ursache habe, als er sich derselben in seinem Verhalten würdig
gemacht hat, und daß also das System der Sittlichkeit mit dem der
Glückseligkeit unzertrennlich, aber nur in der Idee der reinen
Vernunft verbunden sei.
Nun läßt sich in einer intelligiblen, d.i. der moralischen Welt,
in deren Begriff wir von allen Hindernissen der Sittlichkeit (der
Neigungen,) abstrahieren, ein solches System der mit der Moralität
verbundenen proportionierten Glückseligkeit auch als notwendig denken,
weil die durch sittliche Gesetze teils bewegte, teils restringierte
Freiheit, selbst die Ursache der allgemeinen Glückseligkeit, die
vernünftigen Wesen also selbst, unter der Leitung solcher Prinzipien,
Urheber ihrer eigenen und zugleich anderer dauerhafter Wohlfahrt sein
würden. Aber dieses System der sich selbst lohnenden Moralität ist nur
eine Idee, deren Ausführung auf der Bedingung beruht, daß jedermann
tue, was er soll, d.i. alle Handlungen vernünftiger Wesen so
geschehen, als ob sie aus einem obersten Willen, der alle
Privatwillkür in sich, oder unter sich befaßt, entsprängen. Da aber
die Verbindlichkeit aus dem moralischen Gesetze für jedes besonderen
Gebrauch der Freiheit gültig bleibt, wenngleich andere diesem Gesetze
sich nicht gemäß verhielten, so ist weder aus der Natur der Dinge der
Welt, noch der Kausalität der Handlungen selbst und ihrem Verhältnisse
zur Sittlichkeit bestimmt, wie sich ihre Folgen zur Glückseligkeit
verhalten werden, und die angeführte notwendige Verknüpfung der
Hoffnung, glücklich zu sein, mit dem unablässigen Bestreben, sich der
Glückseligkeit würdig zu machen, kann durch die Vernunft nicht erkannt
werden, wenn man bloß Natur zum Grunde legt, sondern darf nur gehofft
werden, wenn eine höchste Vernunft, die nach moralischen Gesetzen
gebietet, zugleich als Ursache der Natur zum Grunde gelegt wird.
Ich nenne die Idee einer solchen Intelligenz, in welcher der moralisch
vollkommenste Wille, mit der höchsten Seligkeit verbunden, die Ursache
aller Glückseligkeit in der Welt ist, sofern sie mit der Sittlichkeit
(als der Würdigkeit glücklich zu sein) in genauem Verhältnisse steht,
das Ideal des höchsten Guts. Also kann die reine Vernunft nur in
dem Ideal des höchsten ursprünglichen Guts den Grund der praktisch
notwendigen Verknüpfung beider Elemente des höchsten abgeleiteten
Gutes, nämlich einer intelligiblen d.i. moralischen Welt, antreffen.
Da wir uns nun notwendigerweise durch die Vernunft, als zu einer
solchen Welt gehörig, vorstellen müssen, obgleich die Sinne uns nichts
als eine Welt von Erscheinungen darstellen, so werden wir jene als
eine Folge unseres Verhaltens in der Sinnenwelt, da uns diese eine
solche Verknüpfung nicht darbietet, als eine für uns künftige Welt
annehmen müssen. Gott also und ein künftiges Leben, sind zwei von der
Verbindlichkeit, die uns reine Vernunft auferlegt, nach Prinzipien
eben derselben Vernunft nicht zu trennende Voraussetzungen.
Die Sittlichkeit an sich selbst macht ein System aus, aber nicht die
Glückseligkeit, außer, sofern sie der Moralität genau angemessen
ausgeteilt ist. Dieses aber ist nur möglich in der intelligiblen Welt,
unter einem weisen Urheber und Regierer. Einen solchen, samt dem Leben
in einer solchen Welt, die wir als eine künftige ansehen müssen, sieht
sich die Vernunft genötigt anzunehmen, oder die moralischen Gesetze
als leere Hirngespinste anzusehen, weil der notwendige Erfolg
derselben, den dieselbe Vernunft mit ihnen verknüpft, ohne jene
Voraussetzung wegfallen müßte. Daher auch jedermann die moralischen
Gesetze als Gebote ansieht, welches sie aber nicht sein könnten, wenn
sie nicht a priori angemessene Folgen mit ihrer Regel verknüpften, und
also Verheißungen und Drohungen bei sich führten. Dieses können sie
aber auch nicht tun, wo sie nicht in einem notwendigen Wesen, als dem
höchsten Gut liegen, welches eine solche zweckmäßige Einheit allein
möglich machen kann.
Leibnitz nannte die Welt, sofern man darin nur auf die vernünftigen
Wesen und ihren Zusammenhang nach moralischen Gesetzen unter der
Regierung des höchsten Guts achthat, das Reich der Gnaden, und
unterschied es vom Reiche der Natur, da sie zwar unter moralischen
Gesetzen stehen, aber keine anderen Erfolge ihres Verhaltens erwarten,
als nach dem Laufe der Natur unserer Sinnenwelt. Sich also im Reiche
der Gnaden zu sehen, wo alle Glückseligkeit auf uns wartet, außer
sofern wir unseren Anteil an derselben durch die Unwürdigkeit,
glücklich zu sein, nicht selbst einschränken, ist eine praktisch
notwendige Idee der Vernunft.
Praktische Gesetze, sofern sie zugleich subjektive Gründe der
Handlungen, d.i. subjektive Grundsätze werden, heißen Maximen. Die
Beurteilung der Sittlichkeit, ihrer Reinigkeit und Folgen nach,
geschieht nach Ideen, die Befolgung ihrer Gesetze nach Maximen.
Es ist notwendig, daß unser ganzer Lebenswandel sittlichen Maximen
untergeordnet werde; es ist aber zugleich unmöglich, daß dieses
geschehe, wenn die Vernunft nicht mit dem moralischen Gesetze, welches
eine bloße Idee ist, eine wirkende Ursache verknüpft, welche dem
Verhalten nach demselben einen unseren höchsten Zwecken genau
entsprechenden Ausgang, es sei in diesem, oder einem anderen Leben,
bestimmt. Ohne also einen Gott und eine für uns jetzt nicht sichtbare,
aber gehoffte Welt, sind die herrlichen Ideen der Sittlichkeit zwar
Gegenstände des Beifalls und der Bewunderung, aber nicht Triebfedern
des Vorsatzes und der Ausübung, weil sie nicht den ganzen Zweck, der
einem jeden vernünftigen Wesen natürlich und durch eben dieselbe reine
Vernunft a priori bestimmt und notwendig ist, erfüllen.
Glückseligkeit allein ist für unsere Vernunft bei weitem nicht das
vollständige Gut. Sie billigt solche nicht (so sehr als auch Neigung
dieselbe wünschen mag), wofern sie nicht mit der Würdigkeit,
glücklich zu sein, d.i. dem sittlichen Wohlverhalten, vereinigt ist.
Sittlichkeit allein, und, mit ihr, die bloße Würdigkeit, glücklich zu
sein, ist aber auch noch lange nicht das vollständige Gut. Um dieses
zu vollenden, muß der, so sich als der Glückseligkeit nicht unwert
verhalten hatte, hoffen können, ihrer teilhaftig zu werden. Selbst
die von aller Privatabsicht freie Vernunft, wenn sie, ohne dabei ein
eigenes Interesse in Betracht zu ziehen, sich in die Stelle eines
Wesens setzte, das alle Glückseligkeit anderen auszuteilen hätte, kann
nicht anders urteilen; denn in der praktischen Idee sind beide Stücke
wesentlich verbunden, obzwar so, daß die moralische Gesinnung, als
Bedingung, den Anteil an Glückseligkeit, und nicht umgekehrt die
Aussicht auf Glückseligkeit die moralische Gesinnung zuerst möglich
mache. Denn im letzteren Falle wäre sie nicht moralisch und also auch
nicht der ganzen Glückseligkeit würdig, die vor der Vernunft keine
andere Einschränkung erkennt, als die, welche von unserem eigenen
unsittlichen Verhalten herrührt.
Glückseligkeit also, in dem genauen Ebenmaße mit der Sittlichkeit der
vernünftigen Wesen, dadurch sie derselben würdig sind, macht allein
das höchste Gut einer Welt aus, darin wir uns nach den Vorschriften
der reinen aber praktischen Vernunft durchaus versetzen müssen, und
welche freilich nur eine intelligible Welt ist, da die Sinnenwelt uns
von der Natur der Dinge dergleichen systematische Einheit der Zwecke
nicht verheißt, deren Realität auch auf nichts anders gegründet werden
kann, als auf die Voraussetzung eines höchsten ursprünglichen Guts, da
selbständige Vernunft, mit aller Zulänglichkeit einer obersten Ursache
ausgerüstet, nach der vollkommensten Zweckmäßigkeit die allgemeine,
obgleich in der Sinnenwelt uns sehr verborgene Ordnung der Dinge
gründet, erhält und vollführt.
Diese Moraltheologie hat nun den eigentümlichen Vorzug vor der
spekulativen, daß sie unausbleiblich auf den Begriff eines einigen,
allervollkommensten und vernünftigen Urwesens führt, worauf uns
spekulative Theologie nicht einmal aus objektiven Gründen hinweist,
geschweige uns davon überzeugen konnte. Denn, wir finden weder in
der transzendentalen, noch natürlichen Theologie, so weit uns auch
Vernunft darin führen mag, einigen bedeutenden Grund, nur ein einiges
Wesen anzunehmen, welches wir allen Naturursachen vorsetzen, und
von dem wir zugleich diese in allen Stücken abhängend zu machen
hinreichende Ursache hätten. Dagegen, wenn wir aus dem Gesichtspunkte
der sittlichen Einheit, als einem notwendigen Weltgesetze, die Ursache
erwägen, die diesem allein den angemessenen Effekt, mithin auch für
uns verbindende Kraft geben kann, so muß es ein einiger oberster Wille
sein, der alle diese Gesetze in sich befaßt. Denn, wie wollten wir
unter verschiedenen Willen vollkommene Einheit der Zwecke finden?
Dieser Wille muß allgewaltig sein, damit die ganze Natur und
deren Beziehung auf Sittlichkeit in der Welt ihm unterworfen
sei; allwissend, damit er das Innerste der Gesinnungen und deren
moralischen Wert erkenne; allgegenwärtig, damit er unmittelbar allem
Bedürfnisse, welche das höchste Weltbeste erfordert, nahe sei; ewig,
damit in keiner Zeit diese Übereinstimmung der Natur und Freiheit
ermangle, usw.
Aber diese systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt der
Intelligenzen, welche, obzwar, als bloße Natur, nur Sinnenwelt, als
ein System der Freiheit aber, intelligible, d.i. moralische Welt
(regnum gratiae) genannt werden kann, führt unausbleiblich auch auf
die zweckmäßige Einheit aller Dinge, die dieses große Ganze ausmachen,
nach allgemeinen Naturgesetzen, so wie die erstere nach allgemeinen
und notwendigen Sittengesetzen, und vereinigt die praktische Vernunft
mit der spekulativen. Die Welt muß als aus einer Idee entsprungen
vorgestellt werden, wenn sie mit demjenigen Vernunftgebrauch, ohne
welchen wir uns selbst der Vernunft unwürdig halten würden, nämlich
dem moralischen, als welcher durchaus auf der Idee des höchsten Guts
beruht, zusammenstimmen soll. Dadurch bekommt alle Naturforschung eine
Richtung nach der Form eines Systems der Zwecke, und wird in ihrer
höchsten Ausbreitung Physikotheologie. Diese aber, da sie doch von
sittlicher Ordnung, als einer in dem Wesen der Freiheit gegründeten
und nicht durch äußere Gebote zufällig gestifteten Einheit, anhob,
bringt die Zweckmäßigkeit der Natur auf Gründe, die a priori mit der
inneren Möglichkeit der Dinge unzertrennlich verknüpft sein müssen,
und dadurch auf eine transzendentale Theologie, die sich das Ideal
der höchsten ontologischen Vollkommenheit zu einem Prinzip der
systematischen Einheit nimmt, welches nach allgemeinen und notwendigen
Naturgesetzen alle Dinge verknüpft, weil sie alle in der absoluten
Notwendigkeit eines einigen Urwesens ihren Ursprung haben.
Was können wir für einen Gebrauch von unserem Verstande machen, selbst
in Ansehung der Erfahrung, wenn wir uns nicht Zwecke vorsetzen? Die
höchsten Zwecke aber sind die der Moralität, und diese kann uns nur
reine Vernunft zu erkennen geben. Mit diesen nun versehen, und an dem
Leitfaden derselben, können wir von der Kenntnis der Natur selbst
keinen zweckmäßigen Gebrauch in Ansehung der Erkenntnis machen, wo die
Natur nicht selbst zweckmäßige Einheit hingelegt hat; denn ohne diese
hätten wir sogar selbst keine Vernunft, weil wir keine Schule für
dieselbe haben würden, und keine Kultur durch Gegenstände, welche den
Stoff zu solchen Begriffen darböten. Jene zweckmäßige Einheit ist aber
notwendig, und in dem Wesen der Willkür selbst gegründet, diese also,
welche die Bedingung der Anwendung derselben in concreto enthält, muß
es auch sein, und so würde die transzendentale Steigerung unserer
Vernunfterkenntnis nicht die Ursache, sondern bloß die Wirkung von der
praktischen Zweckmäßigkeit sein, die uns die reine Vernunft auferlegt.
Wir finden daher auch in der Geschichte der menschlichen Vernunft:
daß, ehe die moralischen Begriffe genugsam gereinigt, bestimmt, und
die systematische Einheit der Zwecke nach denselben und zwar aus
notwendigen Prinzipien eingesehen waren, die Kenntnis der Natur und
selbst ein ansehnlicher Grad der Kultur der Vernunft in manchen
anderen Wissenschaften, teils nur rohe und umherschweifende Begriffe
von der Gottheit hervorbringen konnte, teils eine zu bewundernde
Gleichgültigkeit überhaupt in Ansehung dieser Frage übrig ließ. Eine
größere Bearbeitung sittlicher Ideen, die durch das äußerst reine
Sittengesetz unserer Religion notwendig gemacht wurde, schärfte die
Vernunft auf den Gegenstand, durch das Interesse, das sie an demselben
zu nehmen nötigte, und, ohne daß weder erweiterte Naturerkenntnisse,
noch richtige und zuverlässige transzendentale Einsichten (dergleichen
zu aller Zeit gemangelt haben), dazu beitrugen, brachten sie einen
Begriff vom göttlichen Wesen zustande, den wir jetzt für den richtigen
halten, nicht weil uns spekulative Vernunft von dessen Richtigkeit
überzeugt, sondern weil er mit den moralischen Vernunftprinzipien
vollkommen zusammenstimmt. Und so hat am Ende doch immer nur reine
Vernunft, aber nur in ihrem praktischen Gebrauche, das Verdienst, ein
Erkenntnis, das die bloße Spekulation nur wähnen, aber nicht geltend
machen kann, an unser höchstes Interesse zu knüpfen, und dadurch
zwar nicht zu einem demonstrierten Dogma, aber doch zu einer
schlechterdings notwendigen Voraussetzung bei ihren wesentlichsten
Zwecken zu machen.
Wenn aber praktische Vernunft nun diesen hohen Punkt erreicht hat,
nämlich den Begriff eines einigen Urwesens, als des höchsten Guts, so
darf sie sich gar nicht unterwinden, gleich als hätte sie sich über
alle empirischen Bedingungen seiner Anwendung erhoben, und zur
unmittelbaren Kenntnis neuer Gegenstände emporgeschwungen, um von
diesem Begriffe auszugehen, und die moralischen Gesetze selbst von
ihm abzuleiten. Denn diese waren es eben, deren innere praktische
Notwendigkeit uns zu der Voraussetzung einer selbständigen Ursache,
oder eines weisen Weltregierers führte, um jenen Gesetzen Effekt
zu geben, und daher können wir sie nicht nach diesem wiederum als
zufällig und vom bloßen Willen abgeleitet ansehen, insonderheit von
einem solchen Willen, von dem wir gar keinen Begriff haben würden,
wenn wir ihn nicht jenen Gesetzen gemäß gebildet hätten. Wir werden,
soweit praktische Vernunft uns zu führen das Recht hat, Handlungen
nicht darum für verbindlich halten, weil sie Gebote Gottes sind,
sondern sie als göttliche Gebote ansehen darum, weil wir dazu
innerlich verbindlich sind. Wir werden die Freiheit, unter der
zweckmäßigen Einheit nach Prinzipien der Vernunft, studieren, und
nur sofern glauben dem göttlichen Willen gemäß zu sein, als wir das
Sittengesetz, welches uns die Vernunft aus der Natur der Handlungen
selbst lehrt, heilig halten, ihm dadurch allein zu dienen glauben, daß
wir das Weltbeste an uns und an anderen befördern. Die Moraltheologie
ist also nur von immanentem Gebrauche, nämlich unsere Bestimmung hier
in der Welt zu erfüllen, indem wir in das System aller Zwecke passen,
und nicht schwärmerisch oder wohl gar frevelhaft den Leitfaden einer
moralisch gesetzgebenden Vernunft im guten Lebenswandel zu verlassen,
um ihn unmittelbar an die Idee des höchsten Wesens zu knüpfen, welches
einen transzendenten Gebrauch geben würde, aber ebenso, wie der der
bloßen Spekulation, die letzten Zwecke der Vernunft verkehren und
vereiteln muß.
Des Kanons der reinen Vernunft
Dritter Abschnitt
Vom Meinen, Wissen und Glauben
Das Fürwahrhalten ist eine Begebenheit in unserem Verstande, die auf
objektiven Gründen beruhen mag, aber auch subjektive Ursachen im
Gemüte dessen, der da urteilt, erfordert. Wenn es für jedermann gültig
ist, sofern er nur Vernunft hat, so ist der Grund desselben objektiv
hinreichend, und das Fürwahrhalten heißt alsdann Überzeugung. Hat es
nur in der besonderer Beschaffenheit des Subjekts seinen Grund, so
wird es Überredung genannt.
Überredung ist ein bloßer Schein, weil der Grund des Urteils, welcher
lediglich im Subjekte liegt, für objektiv gehalten wird. Daher hat ein
solches Urteil auch nur Privatgültigkeit, und das Fürwahrhalten läßt
sich nicht mitteilen. Wahrheit aber beruht auf der Übereinstimmung
mit dem Objekte, in Ansehung dessen folglich die Urteile eines
jeden Verstandes einstimmig sein müssen (consentientia uni tertio,
consentiunt inter se). Der Probierstein des Fürwahrhaltens, ob es
Überzeugung oder bloße Überredung sei, ist also, äußerlich, die
Möglichkeit, dasselbe mitzuteilen und das Fürwahrhalten für jedes
Menschen Vernunft gültig zu befinden; denn alsdann ist wenigstens
eine Vermutung, der Grund der Einstimmung aller Urteile, unerachtet
der Verschiedenheit der Subjekte untereinander, werde auf dem
gemeinschaftlichen Grunde, nämlich dem Objekte, beruhen, mit welchem
sie daher alle zusammenstimmen und dadurch die Wahrheit des Urteils
beweisen werden.
Überredung demnach kann von der Überzeugung subjektiv zwar nicht
unterschieden werden, wenn das Subjekt das Fürwahrhalten, bloß als
Erscheinung seines eigenen Gemüts, vor Augen hat; der Versuch aber,
den man mit den Gründen desselben, die für uns gültig sind, an anderer
Verstand macht, ob sie auf fremde Vernunft eben dieselbe Wirkung
tun, als auf die unsrige, ist doch ein, obzwar nur subjektives,
Mittel, zwar nicht Überzeugung zu bewirken, aber doch die bloße
Privatgültigkeit des Urteils, d.i. etwas in ihm, was bloße Überredung
ist, zu entdecken.
Kann man überdem die subjektiven Ursachen des Urteils, welche wir
für objektive Gründe desselben nehmen, entwickeln, und mithin das
trügliche Fürwahrhalten als eine Begebenheit in unserem Gemüte
erklären, ohne dazu die Beschaffenheit des Objekts nötig zu haben, so
entblößen wir den Schein und werden dadurch nicht mehr hintergangen,
obgleich immer noch in gewissem Grade versucht, wenn die subjektive
Ursache des Scheins unserer Natur anhängt.
Ich kann nichts behaupten, d.i. als ein für jedermann notwendig
gültiges Urteil aussprechen, als was Überzeugung wirkt. Überredung
kann ich für mich behalten, wenn ich mich dabei wohlbefinde, kann sie
aber und soll sie außer mir nicht geltend machen wollen.
Das Fürwahrhalten, oder die subjektive Gültigkeit des Urteils, in
Beziehung auf die Überzeugung (welche zugleich objektiv gilt), hat
folgende drei Stufen: Meinen, Glauben und Wissen. Meinen ist ein
mit Bewußtsein sowohl subjektiv, als objektiv unzureichendes
Fürwahrhalten. Ist das letztere nur subjektiv zureichend und wird
zugleich für objektiv unzureichend gehalten, so heißt es Glauben.
Endlich heißt das sowohl subjektiv als objektiv zureichende
Fürwahrhalten das Wissen. Die subjektive Zulänglichkeit heißt
Überzeugung (für mich selbst), die objektive, Gewißheit (für
jedermann). Ich werde mich bei der Erläuterung so faßlicher Begriffe
nicht aufhalten.
Ich darf mich niemals unterwinden, zu meinen, ohne wenigstens etwas
zu wissen, vermittelst dessen das an sich bloß problematische Urteil
eine Verknüpfung mit Wahrheit bekommt, die, ob sie gleich nicht
vollständig, doch mehr als willkürliche Erdichtung ist. Das Gesetz
einer solchen Verknüpfung muß überdem gewiß sein. Denn, wenn ich in
Ansehung dessen auch nichts als Meinung habe, so ist alles nur Spiel
der Einbildung, ohne die mindeste Beziehung auf Wahrheit. In Urteilen
aus reiner Vernunft ist es gar nicht erlaubt, zu meinen. Denn, weil
sie nicht auf Erfahrungsgründe gestützt werden, sondern alles a priori
erkannt werden soll, wo alles notwendig ist, so erfordert das Prinzip
der Verknüpfung Allgemeinheit und Notwendigkeit, mithin völlige
Gewißheit, widrigenfalls gar keine Leitung auf Wahrheit angetroffen
wird. Daher ist es ungereimt, in der reinen Mathematik zu meinen; man
muß wissen, oder sich alles Urteilens enthalten. Ebenso ist es mit den
Grundsätzen der Sittlichkeit bewandt, da man nicht auf bloße Meinung,
daß etwas erlaubt sei, eine Handlung wagen darf, sondern dieses wissen
muß.
Im transzendentalen Gebrauche der Vernunft ist dagegen Meinen freilich
zu wenig, aber Wissen auch zu viel. In bloß spekulativer Absicht
können wir also hier gar nicht urteilen; weil subjektive Gründe
des Fürwahrhaltens, wie die, so das Glauben bewirken können, bei
spekulativen Fragen keinen Beifall verdienen, da sie sich frei von
aller empirischen Beihilfe nicht halten, noch in gleichem Maße anderen
mitteilen lassen.
Es kann aber überall bloß in praktischer Beziehung das theoretisch
unzureichende Fürwahrhalten Glauben genannt werden. Diese praktische
Absicht ist nun entweder die der Geschicklichkeit, oder der
Sittlichkeit, die erste zu beliebigen und zufälligen, die zweite aber
zu schlechthin notwendigen Zwecken.
Wenn einmal ein Zweck vorgesetzt ist, so sind die Bedingungen der
Erreichung desselben hypothetisch notwendig. Diese Notwendigkeit ist
subjektiv, aber doch nur komparativ zureichend, wenn ich gar keine
anderen Bedingungen weiß, unter denen der Zweck zu erreichen wäre;
aber sie ist schlechthin und für jedermann zureichend, wenn ich
gewiß weiß, daß niemand andere Bedingungen kennen könne, die auf den
vorgesetzten Zweck führen. Im ersten Falle ist meine Voraussetzung und
das Fürwahrhalten gewisser Bedingungen ein bloß zufälliger, im zweiten
Falle aber ein notwendiger Glaube. Der Arzt muß bei einem Kranken, der
in Gefahr ist, etwas tun, kennt aber die Krankheit nicht. Er sieht auf
die Erscheinungen, und urteilt, weil er nichts Besseres weiß, es sei
die Schwindsucht. Sein Glaube ist selbst in seinem eigenen Urteile
bloß zufällig, ein anderer möchte es vielleicht besser treffen.
Ich nenne dergleichen zufälligen Glauben, der aber dem wirklichen
Gebrauche der Mittel zu gewissen Handlungen zum Grunde liegt, den
pragmatischen Glauben.
Der gewöhnliche Probierstein: ob etwas bloße Überredung, oder
wenigstens subjektive Überzeugung, d.i. festes Glauben sei, was jemand
behauptet, ist das Wetten. Öfters spricht jemand seine Sätze mit so
zuversichtlichem und unlenkbarem Trotze aus, daß er alle Besorgnis
des Irrtums gänzlich abgelegt zu haben scheint. Eine Wette macht ihn
stutzig. Bisweilen zeigt sich, daß er zwar Überredung genug, die auf
einen Dukaten an Wert geschätzt werden kann, aber nicht auf zehn,
besitze. Denn den ersten wagt er noch wohl, aber bei zehn wird er
allererst inne, was er vorher nicht bemerkte, daß es nämlich doch wohl
möglich sei, er habe sich geirrt. Wenn man sich in Gedanken vorstellt,
man solle worauf das Glück des ganzen Lebens verwetten, so schwindet
unser triumphierendes Urteil gar sehr, wir werden überaus schüchtern
und entdecken so allererst, daß unser Glaube so weit nicht zulange. So
hat der pragmatische Glaube nur einen Grad, der nach Verschiedenheit
des Interesses, das dabei im Spiele ist, groß oder auch klein sein
kann.
Weil aber, ob wir gleich in Beziehung auf ein Objekt gar nichts
unternehmen können, also das Fürwahrhalten bloß theoretisch ist,
wir doch in vielen Fällen eine Unternehmung in Gedanken fassen und
uns einbilden können, zu welcher wir hinreichende Gründe zu haben
vermeinen, wenn es ein Mittel gäbe, die Gewißheit der Sache
auszumachen, so gibt es in bloß theoretischen Urteilen ein Analogon
von praktischen, auf deren Fürwahrhaltung das Wort Glauben paßt, und
den wir den doktrinalen Glauben nennen können. Wenn es möglich wäre
durch irgendeine Erfahrung auszumachen, so möchte ich wohl alles das
Meinige darauf verwetten, daß es wenigstens in irgendeinem von den
Planeten, die wir sehen, Einwohner gebe. Daher sage ich, ist es nicht
bloß Meinung, sondern ein starker Glaube (auf dessen Richtigkeit ich
schon viele Vorteile des Lebens wagen würde), daß es auch Bewohner
anderer Welten gebe.
Nun müssen wir gestehen, daß die Lehre vom Dasein Gottes zum
doktrinalen Glauben gehöre. Denn, ob ich gleich in Ansehung der
theoretischen Weltkenntnis nichts zu verfügen habe, was diesen
Gedanken, als Bedingung meiner Erklärungen der Erscheinungen der Welt,
notwendig voraussetze, sondern vielmehr verbunden bin, meiner Vernunft
mich so zu bedienen, als ob alles bloß Natur sei; so ist doch die
zweckmäßige Einheit eine so große Bedingung der Anwendung der Vernunft
auf Natur, daß ich, da mir überdem Erfahrung reichlich davon Beispiele
darbietet, sie gar nicht vorbeigehen kann. Zu dieser Einheit aber
kenne ich keine andere Bedingung, die sie mir zum Leitfaden der
Naturforschung machte, als wenn ich voraussetze, daß eine höchste
Intelligenz alles nach den weisesten Zwecken so geordnet habe.
Folglich ist es eine Bedingung einer zwar zufälligen, aber doch nicht
unerheblichen Absicht, nämlich, um eine Leitung in der Nachforschung
der Natur zu haben, einen weisen Welturheber vorauszusetzen. Der
Ausgang meiner Versuche bestätigt auch so oft die Brauchbarkeit dieser
Voraussetzung, und nichts kann auf entscheidende Art dawider angeführt
werden; daß ich viel zu wenig sage, wenn ich mein Fürwahrhalten
bloß ein Meinen nennen wollte, sondern es kann selbst in diesem
theoretischen Verhältnisse gesagt werden, daß ich festiglich einen
Gott glaube; aber alsdann ist dieser Glaube in strenger Bedeutung
dennoch nicht praktisch, sondern muß ein doktrinaler Glaube genannt
werden, den die Theologie der Natur (Physikotheologie) notwendig
allerwärts bewirken muß. In Ansehung eben derselben Weisheit, in
Rücksicht auf die vortreffliche Ausstattung der menschlichen Natur
und die derselben so schlecht angemessene Kürze des Lebens, kann
ebensowohl genugsamer Grund zu einem doktrinalen Glauben des künftigen
Lebens der menschlichen Seele angetroffen werden.
Der Ausdruck des Glaubens ist in solchen Fällen ein Ausdruck der
Bescheidenheit in objektiver Absicht, aber doch zugleich der
Festigkeit des Zutrauens in subjektiver. Wenn ich das bloß
theoretische Fürwahrhalten hier auch nur Hypothese nennen wollte,
die ich anzunehmen berechtigt wäre, so würde ich mich dadurch schon
anheischig machen, mehr, von der Beschaffenheit einer Weltursache und
einer anderen Welt, Begriff zu haben, als ich wirklich aufzeigen kann;
denn was ich auch nur als Hypothese annehme, davon muß ich wenigstens
seinen Eigenschaften nach so viel kennen, daß ich nicht seinen
Begriff, sondern nur sein Dasein erdichten darf. Das Wort Glauben aber
geht nur auf die Leitung, die mir eine Idee gibt, und den subjektiven
Einfluß auf die Beförderung meiner Vernunfthandlungen, die mich an
derselben festhält, ob ich gleich von ihr nicht imstande bin, in
spekulativer Absicht Rechenschaft zu geben.
Aber der bloß doktrinale Glaube hat etwas Wankendes in sich; man wird
oft durch Schwierigkeiten, die sich in der Spekulation vorfinden, aus
demselben gesetzt, ob man zwar unausbleiblich dazu immer wiederum
zurückkehrt.
Ganz anders ist es mit dem moralischen Glauben bewandt. Denn da ist es
schlechterdings notwendig, daß etwas geschehen muß, nämlich, daß ich
dem sittlichen Gesetze in allen Stücken Folge leiste. Der Zweck ist
hier unumgänglich festgestellt, und es ist nur eine einzige Bedingung
nach aller meiner Einsicht möglich, unter welcher dieser Zweck
mit allen gesamten Zwecken zusammenhängt, und dadurch praktische
Gültigkeit habe, nämlich, daß ein Gott und eine künftige Welt sei: ich
weiß auch ganz gewiß, daß niemand andere Bedingungen kenne, die auf
dieselbe Einheit der Zwecke unter dem moralischen Gesetze führe. Da
aber also die sittliche Vorschrift zugleich meine Maxime ist (wie
denn die Vernunft gebietet, daß sie es sein soll), so werde ich
unausbleiblich ein Dasein Gottes und ein künftiges Leben glauben,
und ich bin sicher, daß diesen Glauben nichts wankend machen könnte,
weil dadurch meine sittlichen Grundsätze selbst umgestürzt werden
würden, denen ich nicht entsagen kann, ohne in meinen eigenen Augen
verabscheuungswürdig zu sein.
Auf solche Weise bleibt uns, nach Vereitlung aller ehrsüchtigen
Absichten einer über die Grenzen aller Erfahrung hinaus
herumschweifenden Vernunft, noch genug übrig, daß wir damit in
praktischer Absicht zufrieden zu sein Ursache haben. Zwar wird
freilich sich niemand rühmen können: er wisse, daß ein Gott und daß
ein künftig Leben sei; denn, wenn er das weiß, so ist er gerade
der Mann, den ich längst gesucht habe. Alles Wissen (wenn es einen
Gegenstand der bloßen Vernunft betrifft) kann man mitteilen, und ich
würde also auch hoffen können, durch seine Belehrung mein Wissen in so
bewunderungswürdigem Maße ausgedehnt zu sehen. Nein, die Überzeugung
ist nicht logische, sondern moralische Gewißheit, und, da sie auf
subjektiven Gründen (der moralischen Gesinnung) beruht, so muß ich
nicht einmal sagen: es ist moralisch gewiß, daß ein Gott sei usw.,
sondern, ich bin moralisch gewiß usw. Das heißt: der Glaube an einen
Gott und eine andere Welt ist mit meiner moralischen Gesinnung so
verwebt, daß, so wenig ich Gefahr laufe, die erstere einzubüßen,
ebensowenig besorge ich, daß mir der zweite jemals entrissen werden
könne.
Das einzige Bedenkliche, das sich hierbei findet, ist, daß sich dieser
Vernunftglaube auf die Voraussetzung moralischer Gesinnungen gründet.
Gehen wir davon ab, und nehmen einen, der in Ansehung sittlicher
Gesetze gänzlich gleichgültig wäre, so wird die Frage, welche die
Vernunft aufwirft, bloß eine Aufgabe für die Spekulation, und kann
alsdann zwar noch mit starken Gründen aus der Analogie, aber nicht
mit solchen, denen sich die hartnäckigste Zweifelsucht ergeben müßte,
unterstützt werden*. Es ist aber kein Mensch bei diesen Fragen frei
von allem Interesse. Denn, ob er gleich von dem moralischen, durch den
Mangel guter Gesinnungen, getrennt sein möchte: so bleibt doch auch in
diesem Falle genug übrig, um zu machen, daß er ein göttliches Dasein
und eine Zukunft fürchte. Denn hierzu wird nicht mehr erfordert, als
daß er wenigstens keine Gewißheit vorschützen könne, daß kein solches
Wesen und kein künftig Leben anzutreffen sei, wozu, weil es durch
bloße Vernunft, mithin apodiktisch bewiesen werden müßte, er die
Unmöglichkeit von beiden darzutun haben würde, welches gewiß kein
vernünftiger Mensch übernehmen kann. Das würde ein negativer Glaube
sein, der zwar nicht Moralität und gute Gesinnungen, aber doch das
Analogon derselben bewirken, nämlich den Ausbruch der bösen mächtig
zurückhalten könnte.
* Das menschliche Gemüt nimmt (so wie ich glaube, daß es bei jedem
vernünftigen Wesen notwendig geschieht) ein natürliches Interesse
an der Moralität, ob es gleich nicht ungeteilt und praktisch
überwiegend ist. Befestigt und vergrößert dieses Interesse, und ihr
werdet die Vernunft sehr gelehrig und selbst aufgeklärter finden, um
mit dem praktischen auch das spekulative Interesse zu vereinigen.
Sorget ihr aber nicht dafür, daß ihr vorher, wenigstens auf dem
halben Wege, gute Menschen macht, so werdet ihr auch niemals aus
ihnen aufrichtiggläubige Menschen machen!
Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet,
indem sie über die Grenzen der Erfahrung hinaus Aussichten eröffnet?
nichts mehr, als zwei Glaubensartikel? so viel hätte auch wohl der
gemeine Verstand, ohne darüber den Philosophen zu Rate zu ziehen,
ausrichten können!
Ich will hier nicht das Verdienst rühmen, das Philosophie durch die
mühsame Bestrebung ihrer Kritik um die menschliche Vernunft habe;
gesetzt, es sollte auch beim Ausgange bloß negativ befunden werden;
denn davon wird in dem folgenden Abschnitte noch etwas vorkommen. Aber
verlangt ihr denn, daß ein Erkenntnis, welches alle Menschen angeht,
den gemeinen Verstand übersteigen, und euch nur von Philosophen
entdeckt werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste
Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es
das, was man anfangs nicht vorhersehen konnte, entdeckt, nämlich,
daß die Natur, in dem, was Menschen ohne Unterschied angelegen ist,
keiner parteiischen Austeilung ihrer Gaben zu beschuldigen sei, und
die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der
menschlichen Natur es nicht weiter bringen könne, als die Leitung,
welche sie auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen lassen.
Der transzendentalen Methodenlehre
Drittes Hauptstück
Die Architektonik der reinen Vernunft
Ich verstehe unter einer Architektonik die Kunst der Systeme. Weil die
systematische Einheit dasjenige ist, was gemeine Erkenntnis allererst
zur Wissenschaft, d.i. aus einem bloßen Aggregat derselben ein System
macht, so ist Architektonik die Lehre des scientifischen in unserer
Erkenntnis überhaupt, und sie gehört also notwendig zur Methodenlehre.
Unter der Regierung der Vernunft dürfen unsere Erkenntnisse überhaupt
keine Rhapsodie, sondern sie müssen ein System ausmachen, in welchem
sie allein die wesentlichen Zwecke derselben unterstützen und
befördern können. Ich verstehe aber unter einem Systeme die Einheit
der mannigfaltigen Erkenntnisse unter einer Idee. Diese ist der
Vernunftbegriff von der Form eines Ganzen, sofern durch denselben
der Umfang des Mannigfaltigen sowohl, als die Stelle der Teile
untereinander, a priori bestimmt wird. Der szientifische
Vernunftbegriff enthält also den Zweck und die Form des Ganzen, das
mit demselben kongruiert. Die Einheit des Zwecks, worauf sich alle
Teile und in der Idee desselben auch untereinander beziehen, macht,
daß ein jeder Teil bei der Kenntnis der übrigen vermißt werden
kann, und keine zufällige Hinzusetzung, oder unbestimmte Größe der
Vollkommenheit, die nicht ihre a priori bestimmten Grenzen habe,
stattfindet. Das Ganze ist also gegliedert (articulatio) und
nicht gehäuft (coacervatio); es kann zwar innerlich (per intus
susceptionem), aber nicht äußerlich (per appositionem) wachsen, wie
ein tierischer Körper, dessen Wachstum kein Glied hinzusetzt, sondern,
ohne Veränderung der Proportion, ein jedes zu seinen Zwecken stärker
und tüchtiger macht.
Die Idee bedarf zur Ausführung ein Schema, d.i. eine a priori aus dem
Prinzip des Zwecks bestimmte wesentliche Mannigfaltigkeit und Ordnung
der Teile. Das Schema, welches nicht nach einer Idee, d.i. aus dem
Hauptzwecke der Vernunft, sondern empirisch, nach zufällig sich
darbietenden Absichten (deren Menge man nicht voraus wissen kann),
entworfen wird, gibt technische, dasjenige aber, was nur zufolge einer
Idee entspringt (wo die Vernunft die Zwecke a priori aufgibt, und
nicht empirisch erwartet), gründet architektonische Einheit. Nicht
technisch, wegen der Ähnlichkeit des Mannigfaltigen, oder des
zufälligen Gebrauchs der Erkenntnis in concreto zu allerlei beliebigen
äußeren Zwecken, sondern architektonisch, um der Verwandtschaft willen
und der Ableitung von einem einigen obersten und inneren Zwecke, der
das Ganze allererst möglich macht, kann dasjenige entspringen, was
wir Wissenschaft nennen, dessen Schema den Umriß (monogramma) und
die Einteilung des Ganzen in Glieder, der Idee gemäß, d.i. a priori
enthalten, und dieses von allen anderen sicher und nach Prinzipien
unterscheiden muß.
Niemand versucht es, eine Wissenschaft zustande zu bringen, ohne daß
ihm eine Idee zum Grunde liege. Allein, in der Ausarbeitung derselben
entspricht das Schema, ja sogar die Definition, die er gleich zu
Anfang von seiner Wissenschaft gibt, sehr selten seiner Idee; denn
diese liegt, wie ein Keim, in der Vernunft, in welchem alle Teile noch
sehr eingewickelt und kaum der mikroskopischen Beobachtung kennbar,
verborgen liegen. Um deswillen muß man Wissenschaften, weil sie doch
alle aus dem Gesichtspunkte eines gewissen allgemeinen Interesses
ausgedacht werden, nicht nach der Beschreibung, die der Urheber
derselben davon gibt, sondern nach der Idee, welche man aus der
natürlichen Einheit der Teile, die er zusammengebracht hat, in der
Vernunft selbst gegründet findet, erklären und bestimmen. Denn da wird
sich finden, daß der Urheber und oft noch seine spätesten Nachfolger
um eine Idee herumirren, die sie sich selbst nicht haben deutlich
machen und daher den eigentümlichen Inhalt, die Artikulation
(systematische Einheit) und Grenzen der Wissenschaft nicht bestimmen
können.
Es ist schlimm, daß nur allererst, nachdem wir lange Zeit, nach
Anweisung einer in uns versteckt liegenden Idee, rhapsodistisch viele
dahin sich beziehenden Erkenntnisse, als Bauzeug, gesammelt, ja gar
lange Zeiten hindurch sie technisch zusammengesetzt haben, es uns dann
allererst möglich ist, die Idee in hellerem Lichte zu erblicken, und
ein Ganzes nach den Zwecken der Vernunft architektonisch zu entwerfen.
Die Systeme scheinen, wie Gewürme, durch eine generatio equivoca,
aus dem bloßen Zusammenfluß von aufgesammelten Begriffen, anfangs
verstümmelt, mit der Zeit vollständig, gebildet worden zu sein, ob sie
gleich alle insgesamt ihr Schema, als den ursprünglichen Keim, in der
sich bloß auswickelnden Vernunft hatten, und darum, nicht allein ein
jedes für sich nach einer Idee gegliedert, sondern noch dazu alle
untereinander in einem System menschlicher Erkenntnis wiederum als
Glieder eines Ganzen zweckmäßig vereinigt sind, und eine Architektonik
alles menschlichen Wissens erlauben, die jetziger Zeit, da schon so
viel Stoff gesammelt ist, oder aus Ruinen eingefallener alter Gebäude
genommen werden kann, nicht allein möglich, sondern nicht einmal sogar
schwer sein würde. Wir begnügen uns hier mit der Vollendung unseres
Geschäftes, nämlich, lediglich die Architektonik aller Erkenntnis aus
reiner Vernunft zu entwerfen, und fangen nur von dem Punkte an, wo
sich die allgemeine Wurzel unserer Erkenntniskraft teilt und zwei
Stämme auswirft, deren einer Vernunft ist. Ich verstehe hier aber
unter Vernunft das ganze obere Erkenntnisvermögen, und setze also das
Rationale dem Empirischen entgegen.
Wenn ich von allem Inhalte der Erkenntnis, objektiv betrachtet,
abstrahiere, so ist alles Erkenntnis, subjektiv, entweder historisch
oder rational. Die historische Erkenntnis ist cognitio ex datis,
die rationale aber cognitio ex principiis. Eine Erkenntnis mag
ursprünglich gegeben sein, woher sie wolle, so ist sie doch bei dem,
der sie besitzt, historisch, wenn er nur in dem Grade und so viel
erkennt, als ihm anderwärts gegeben worden, es mag dieses ihm nun
durch unmittelbare Erfahrung oder Erzählung, oder auch Belehrung
(allgemeiner Erkenntnisse) gegeben sein. Daher hat der, welcher ein
System der Philosophie, z.B. das Wolfische, eigentlich gelernt hat,
ob er gleich alle Grundsätze, Erklärungen und Beweise, zusamt der
Einteilung des ganzen Lehrgebäudes, im Kopfe hätte, und alles an
den Fingern abzählen könnte, doch keine andere als vollständige
historische Erkenntnis der Wolfischen Philosophie; er weiß und urteilt
nur so viel, als ihm gegeben war. Streitet ihm eine Definition, so
weiß er nicht, wo er eine andere hernehmen soll. Er bildete sich
nach fremder Vernunft, aber das nachbildende Vermögen ist nicht das
erzeugende, d.i. das Erkenntnis entsprang bei ihm nicht aus Vernunft,
und, ob es gleich, objektiv, allerdings ein Vernunfterkenntnis war,
so ist es doch, subjektiv, bloß historisch. Er hat gut gefaßt und
behalten, d.i. gelernt, und ist ein Gipsabdruck von einem lebenden
Menschen. Vernunfterkenntnisse, die es objektiv sind, (d.i. zu anfangs
nur aus der eigenen Vernunft des Menschen entspringen können,) dürfen
nur dann allein auch subjektiv diesen Namen führen, wenn sie aus
allgemeinen Quellen der Vernunft, woraus auch die Kritik, ja selbst
die Verwerfung des Gelernten entspringen kann, d.i. aus Prinzipien
geschöpft worden.
Alle Vernunfterkenntnis ist nun entweder die aus Begriffen, oder aus
der Konstruktion der Begriffe; die erstere heißt philosophisch, die
zweite mathematisch. Von dem inneren Unterschiede beider habe ich
schon im ersten Hauptstücke gehandelt. Ein Erkenntnis demnach kann
objektiv philosophisch sein, und ist doch subjektiv historisch, wie
bei den meisten Lehrlingen, und bei allen, die über die Schule niemals
hinausgehen und zeitlebens Lehrlinge bleiben. Es ist aber doch
sonderbar, daß das mathematische Erkenntnis, so wie man es erlernt
hat, doch auch subjektiv für Vernunfterkenntnis gelten kann, und ein
solcher Unterschied bei ihr nicht so, wie bei dem philosophischen
stattfindet. Die Ursache ist, weil die Erkenntnisquellen, aus
denen der Lehrer allein schöpfen kann, nirgend anders als in den
wesentlichen und echten Prinzipien der Vernunft liegen, und mithin von
dem Lehrlinge nirgend anders hergenommen, noch etwa gestritten werden
können, und dieses zwar darum, weil der Gebrauch der Vernunft hier nur
in concreto, obzwar dennoch a priori, nämlich an der reinen, und eben
deswegen fehlerfreien, Anschauung geschieht, und alle Täuschung und
Irrtum ausschließt. Man kann also unter allen Vernunftwissenschaften
(a priori) nur allein Mathematik, niemals aber Philosophie (es sei
denn historisch), sondern, was die Vernunft betrifft, höchstens nur
philosophieren lernen.
Das System aller philosophischen Erkenntnis ist nun Philosophie. Man
muß sie objektiv nehmen, wenn man darunter das Urbild der Beurteilung
aller Versuche zu philosophieren versteht, welche jede subjektive
Philosophie zu beurteilen dienen soll, deren Gebäude oft so
mannigfaltig und so veränderlich ist. Auf diese Weise ist Philosophie
eine bloße Idee von einer möglichen Wissenschaft, die nirgend in
concreto gegeben ist, welcher man sich aber auf mancherlei Wegen zu
nähern sucht, so lange, bis der einzige, sehr durch Sinnlichkeit
verwachsene Fußsteig entdeckt wird, und das bisher verfehlte Nachbild,
so weit als es Menschen vergönnt ist, dem Urbilde gleich zu machen
gelingt. Bis dahin kann man keine Philosophie lernen; denn, wo ist
sie, wer hat sie im Besitze, und woran läßt sie sich erkennen? Man
kann nur philosophieren lernen, d.i. das Talent der Vernunft in
der Befolgung ihrer allgemeinen Prinzipien an gewissen vorhandenen
Versuchen üben, doch immer mit Vorbehalt des Rechts der Vernunft, jene
selbst in ihren Quellen zu untersuchen und zu bestätigen, oder zu
verwerfen.
Bis dahin ist aber der Begriff von Philosophie nur ein Schulbegriff,
nämlich von einem System der Erkenntnis, die nur als Wissenschaft
gesucht wird, ohne etwas mehr als die systematische Einheit dieses
Wissens, mithin die logische Vollkommenheit der Erkenntnis zum Zwecke
zu haben. Es gibt aber noch einen Weltbegriff (conceptus cosmicus),
der dieser Benennung jederzeit zum Grunde gelegen hat, vornehmlich
wenn man ihn gleichsam personifizierte und in dem Ideal des
Philosophen sich als ein Urbild vorstellte. In dieser Absicht ist
Philosophie die Wissenschaft von der Beziehung aller Erkenntnis auf
die wesentlichen Zwecke der menschlichen Vernunft (teleologia rationis
humanae), und der Philosoph ist nicht ein Vernunftkünstler, sondern
der Gesetzgeber der menschlichen Vernunft. In solcher Bedeutung wäre
es sehr ruhmredig, sich selbst einen Philosophen zu nennen, und sich
anzumaßen, dem Urbilde, das nur in der Idee liegt, gleichgekommen zu
sein.
Der Mathematiker, der Naturkündiger, der Logiker sind, so vortrefflich
die ersteren auch überhaupt im Vernunfterkenntnisse, die zweiten
besonders im philosophischen Erkenntnisse Fortgang haben mögen, doch
nur Vernunftkünstler. Es gibt noch einen Lehrer im Ideal, der alle
diese ansetzt, sie als Werkzeuge nutzt, um die wesentlichen Zwecke
der menschlichen Vernunft zu befördern. Diesen allein müßten wir den
Philosoph nennen; aber, da er selbst doch nirgend, die Idee aber
seiner Gesetzgebung allenthalben in jeder Menschenvernunft angetroffen
wird, so wollen wir uns lediglich an der letzteren halten, und
näher bestimmen, was Philosophie, nach diesem Weltbegriffe*, für
systematische Einheit aus dem Standpunkte der Zwecke vorschreibe.
* Weltbegriff heißt hier derjenige, der das betrifft, was jedermann
notwendig interessiert; mithin bestimme ich die Absicht einer
Wissenschaft nach Schulbegriffen, wenn sie nur als eine von den
Geschicklichkeiten zu gewissen beliebigen Zwecken angesehen wird.
Wesentliche Zwecke sind darum noch nicht die höchsten, deren (bei
vollkommener systematischer Einheit der Vernunft) nur ein einziger
sein kann. Daher sind sie entweder der Endzweck, oder subalterne
Zwecke, die zu jenem als Mittel notwendig gehören. Der erstere
ist kein anderer, als die ganze Bestimmung des Menschen, und die
Philosophie über dieselbe heißt Moral. Um dieses Vorzugs willen, den
die Moralphilosophie vor aller anderen Vernunftbewerbung hat, verstand
man auch bei den Alten unter dem Namen des Philosophen jederzeit
zugleich und vorzüglich den Moralist, und selbst macht der äußere
Schein der Selbstbeherrschung durch Vernunft, daß man jemanden
noch jetzt, bei seinem eingeschränkten Wissen, nach einer gewissen
Analogie, Philosoph nennt.
Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft (Philosophie) hat nun
zwei Gegenstände, Natur und Freiheit, und enthält also sowohl das
Naturgesetz, als auch das Sittengesetz, anfangs in zwei besonderen,
zuletzt aber in einem einzigen philosophischen System. Die Philosophie
der Natur geht auf alles, was da ist; die der Sitten, nur auf das, was
da sein soll.
Alle Philosophie aber ist entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft,
oder Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien. Die erstere heißt
reine, die zweite empirische Philosophie.
Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik
(Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen
Erkenntnis a priori untersucht, und heißt Kritik, oder zweitens das
System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl
als scheinbare) philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im
systematischen Zusammenhange, und heißt Metaphysik; wiewohl dieser
Name auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Kritik
gegeben werden kann, um, sowohl die Untersuchung alles dessen,
was jemals a priori erkannt werden kann, als auch die Darstellung
desjenigen, was ein System reiner philosophischer Erkenntnisse
dieser Art ausmacht, von allein empirischen aber, imgleichen dem
mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden ist, zusammen zu
fassen.
Die Metaphysik teilt sich in die des spekulativen und praktischen
Gebrauchs der reinen Vernunft, und ist also entweder Metaphysik
der Natur, oder Metaphysik der Sitten. Jene enthält alle reinen
Vernunftprinzipien aus bloßen Begriffen (mithin mit Ausschließung der
Mathematik) von dem theoretischen Erkenntnisse aller Dinge; diese die
Prinzipien, welche das Tun und Lassen a priori bestimmen und notwendig
machen. Nun ist die Moralität die einzige Gesetzmäßigkeit der
Handlungen, die völlig a priori aus Prinzipien abgeleitet werden kann.
Daher ist die Metaphysik der Sitten eigentlich die reine Moral, in
welcher keine Anthropologie (keine empirische Bedingung) zum Grunde
gelegt wird. Die Metaphysik der spekulativen Vernunft ist nun das,
was man im engeren Verstande Metaphysik zu nennen pflegt; sofern
aber reine Sittenlehre doch gleichwohl zu dem besonderen Stamme
menschlicher und zwar philosophischer Erkenntnis aus reiner Vernunft
gehört, so wollen wir ihr jene Benennung erhalten, obgleich wir sie,
als zu unserem Zwecke jetzt nicht gehörig, hier beiseite setzen.
Es ist von der äußersten Erheblichkeit, Erkenntnisse, die ihrer
Gattung und Ursprunge nach von anderen unterschieden sind, zu
isolieren, und sorgfältig zu verhüten, daß sie nicht mit anderen, mit
welchen sie im Gebrauche gewöhnlich verbunden sind, in ein Gemisch
zusammenfließen. Was Chemiker beim Scheiden der Materien, was
Mathematiker in ihrer reinen Größenlehre tun, das liegt noch weit mehr
dem Philosophen ob, damit er den Anteil, den eine besondere Art der
Erkenntnis am herumschweifenden Verstandesgebrauch hat, ihren eigenen
Wert und Einfluß sicher bestimmen könne. Daher hat die menschliche
Vernunft seitdem, daß sie gedacht, oder vielmehr nachgedacht hat,
niemals einer Metaphysik entbehren, aber gleichwohl sie nicht,
genugsam geläutert von allem Fremdartigen, darstellen können. Die
Idee einer solchen Wissenschaft ist ebenso alt, als spekulative
Menschenvernunft; und welche Vernunft spekuliert nicht, es mag nun auf
scholastische, oder populäre Art geschehen? Man muß indessen gestehen,
daß die Unterscheidung der zwei Elemente unserer Erkenntnis, deren
die einen völlig a priori in unserer Gewalt sind, die anderen nur
a posteriori aus der Erfahrung genommen werden können, selbst bei
Denkern von Gewerbe, nur sehr undeutlich blieb, und daher niemals die
Grenzbestimmung einer besonderen Art von Erkenntnis, mithin nicht
die echte Idee einer Wissenschaft, die so lange und so sehr die
menschliche Vernunft beschäftigt hat, zustande bringen konnte. Wenn
man sagte: Metaphysik ist die Wissenschaft von den ersten Prinzipien
der menschlichen Erkenntnis, so bemerkte man dadurch nicht eine ganz
besondere Art, sondern nur einen Rang in Ansehung der Allgemeinheit,
dadurch sie also vom Empirischen nicht kenntlich unterschieden
werden konnte; denn auch unter empirischen Prinzipien sind einige
allgemeiner, und darum höher als andere, und, in der Reihe einer
solchen Unterordnung, (da man das, was völlig a priori, von dem, was
nur a posteriori erkannt wird, nicht unterscheidet,) wo soll man den
Abschnitt machen, der den ersten Teil und die obersten Glieder von
dem letzten und den untergeordneten unterschiede? Was würde man dazu
sagen, wenn die Zeitrechnung die Epochen der Welt nur so bezeichnen
könnte, daß sie sie in die ersten Jahrhunderte und in die
darauffolgenden einteilte? Gehört das fünfte, das zehnte usw.
Jahrhundert auch zu den ersten? würde man fragen; ebenso frage ich:
gehört der Begriff des Ausgedehnten zur Metaphysik? ihr antwortet, ja!
ei, aber auch der des Körpers? ja! und der des flüssigen Körpers? ihr
werdet stutzig, denn, wenn es so weiterfortgeht, so wird alles in
die Metaphysik gehören. Hieraus sieht man, daß der bloße Grad der
Unterordnung (das Besondere unter dem Allgemeinen) keine Grenzen einer
Wissenschaft bestimmen könne, sondern in unserem Falle die gänzliche
Ungleichartigkeit und Verschiedenheit des Ursprungs. Was aber die
Grundidee der Metaphysik noch auf einer anderen Seite verdunkelte,
war, daß sie als Erkenntnis a priori mit der Mathematik eine gewisse
Gleichartigkeit zeigt, die zwar, was den Ursprung a priori betrifft,
sie einander verwandt, was aber die Erkenntnisart aus Begriffen bei
jener, in Vergleichung mit der Art, bloß durch Konstruktion der
Begriffe a priori zu urteilen, bei dieser, mithin den Unterschied
einer philosophischen Erkenntnis von der mathematischen anlangt;
so zeigt sich eine so entschiedene Ungleichartigkeit, die man zwar
jederzeit gleichsam fühlte, niemals aber auf deutliche Kriterien
bringen konnte. Dadurch ist es nun geschehen, daß, da Philosophen
selbst in der Entwicklung der Idee ihrer Wissenschaften fehlten,
die Bearbeitung derselben keinen bestimmten Zweck und keine sichere
Richtschnur haben konnte, und sie, bei einem so willkürlich gemachten
Entwurfe, unwissend in dem Wege, den sie zu nehmen hätten, und
jederzeit unter sich streitig, über die Entdeckungen, die ein jeder
auf dem seinigen gemacht haben wollte, ihre Wissenschaft zuerst bei
anderen und endlich sogar bei sich selbst in Verachtung brachten.
Alle reine Erkenntnis a priori macht also, vermöge dem besonderen
Erkenntnisvermögen, darin es allein seinen Sitz haben kann, eine
besondere Einheit aus, und Metaphysik ist diejenige Philosophie,
welche jene Erkenntnis in dieser systematischen Einheit darstellen
soll. Der spekulative Teil derselben, der sich diesen Namen vorzüglich
zugeeignet hat, nämlich die, welche wir Metaphysik der Natur nennen,
und alles, sofern es ist, (nicht das, was sein soll,) aus Begriffen a
priori erwägt, wird nun auf folgende Art eingeteilt.
Die im engeren Verstande so genannte Metaphysik besteht aus der
Transzendentalphilosophie und der Physiologie der reinen Vernunft.
Die erstere betrachtet nur den Verstand, und Vernunft selbst in
einem System aller Begriffe und Grundsätze, die sich auf Gegenstände
überhaupt beziehen, ohne Objekte anzunehmen, die gegeben wären
(Ontologia); die zweite betrachtet Natur, d.i. den Inbegriff gegebener
Gegenstände, (sie mögen nun den Sinnen, oder, wenn man will, einer
anderen Art von Anschauung gegeben sein,) und ist also Physiologie
(obgleich nur rationalis). Nun ist aber der Gebrauch der Vernunft
in dieser rationalen Naturbetrachtung entweder physisch, oder
hyperphysisch, oder besser, entweder immanent oder transzendent.
Der erstere geht auf die Natur, so weit als ihre Erkenntnis in
der Erfahrung (in concreto) kann angewandt werden, der zweite auf
diejenige Verknüpfung der Gegenstände der Erfahrung, welche alle
Erfahrung übersteigt. Diese transzendente Physiologie hat daher
entweder eine innere Verknüpfung, oder äußere, die aber beide über
mögliche Erfahrung hinausgehen, zu ihrem Gegenstande; jene ist
die Physiologie der gesamten Natur, d.i. die transzendentale
Welterkenntnis, diese des Zusammenhanges der gesamten Natur mit einem
Wesen über der Natur, d.i. die transzendentale Gotteserkenntnis.
Die immanente Physiologie betrachtet dagegen Natur als den Inbegriff
aller Gegenstände der Sinne, mithin so wie sie uns gegeben ist, aber
nur nach Bedingungen a priori, unter denen sie uns überhaupt gegeben
werden kann. Es sind aber nur zweierlei Gegenstände derselben. 1. Die
der äußeren Sinne, mithin der Inbegriff derselben, die körperliche
Natur. 2. Der Gegenstand des inneren Sinnes, die Seele, und, nach den
Grundbegriffen derselben überhaupt, die denkende Natur. Die Metaphysik
der körperlichen Natur heißt Physik, aber, weil sie nur die Prinzipien
ihrer Erkenntnis a priori enthalten soll, rationale Physik. Die
Metaphysik der denkenden Natur heißt Psychologie und aus der eben
angeführten Ursache ist hier nur die rationale Erkenntnis derselben zu
verstehen.
Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Hauptteilen.
1. Der Ontologie. 2. Der rationalen Physiologie. 3. Der rationalen
Kosmologie. 4. Der rationalen Theologie. Der zweite Teil, nämlich die
Naturlehre der reinen Vernunft, enthält zwei Abteilungen, die physica
rationalis* und psychologia rationalis.
* Man denke ja nicht, daß ich hierunter dasjenige verstehe, was man
gemeiniglich physica generalis nennt, und mehr Mathematik, als
Philosophie der Natur ist. Denn die Metaphysik der Natur sondert
sich gänzlich von der Mathematik ab, hat auch bei weitem nicht so
viel erweiternde Einsichten anzubieten, als diese, ist aber doch
sehr wichtig, in Ansehung der Kritik des auf die Natur anzuwendenden
reinen Verstandeserkenntnisses überhaupt; in Ermanglung deren
selbst Mathematiker, indem sie gewissen gemeinen, in der Tat doch
metaphysischen Begriffen anhängen, die Naturlehre unvermerkt
mit Hypothesen belästigt haben, welche bei einer Kritik dieser
Prinzipien verschwinden, ohne dadurch doch dem Gebrauche der
Mathematik in diesem Felde (der ganz unentbehrlich ist) im mindesten
Abbruch zu tun.
Die ursprüngliche Idee einer Philosophie der reinen Vernunft schreibt
diese Abteilung selbst vor; sie ist also architektonisch, ihren
wesentlichen Zwecken gemäß, und nicht bloß technisch, nach zufällig
wahrgenommenen Verwandtschaften und gleichsam auf gut Glück
angestellt, eben darum aber auch unwandelbar und legislatorisch. Es
finden sich aber hierbei einige Punkte, die Bedenklichkeit erregen,
und die Überzeugung von der Gesetzmäßigkeit derselben schwächen
könnten.
Zuerst, wie kann ich eine Erkenntnis a priori, mithin Metaphysik, von
Gegenständen erwarten, sofern sie unseren Sinnen, mithin a posteriori
gegeben sind? und, wie ist es möglich, nach Prinzipien a priori, die
Natur der Dinge zu erkennen und zu einer rationalen Physiologie zu
gelangen? Die Antwort ist: wir nehmen aus der Erfahrung nichts weiter,
als was nötig ist, uns ein Objekt, teils des äußeren, teils des
inneren Sinnes zu geben. Jenes geschieht durch den bloßen Begriff
Materie (undurchdringliche leblose Ausdehnung), dieses durch
den Begriff eines denkenden Wesens (in der empirischen inneren
Vorstellung: Ich denke). Übrigens müßten wir in der ganzen Metaphysik
dieser Gegenstände, uns aller empirischen Prinzipien gänzlich
enthalten, die über den Begriff noch irgendeine Erfahrung hinzusetzen
möchten, um etwas über diese Gegenstände daraus zu urteilen.
Zweitens: wo bleibt denn die empirische Psychologie, welche von jeher
ihren Platz in der Metaphysik behauptet hat, und von welcher man in
unseren Zeiten so gar große Dinge zur Aufklärung derselben erwartet
hat, nachdem man die Hoffnung aufgab, etwas Taugliches a priori
auszurichten? Ich antworte: sie kommt dahin, wo die eigentliche
(empirische) Naturlehre hingestellt werden muß, nämlich auf die Seite
der angewandten Philosophie, zu welcher die reine Philosophie die
Prinzipien a priori enthält, die also mit jener zwar verbunden, aber
nicht vermischt werden muß. Also muß empirische Psychologie aus der
Metaphysik gänzlich verbannt sein, und ist schon durch die Idee
derselben davon gänzlich ausgeschlossen. Gleichwohl wird man ihr
nach dem Schulgebrauch doch noch immer (obzwar nur als Episode)
ein Plätzchen darin verstatten müssen, und zwar aus ökonomischen
Bewegursachen, weil sie noch nicht so reich ist, daß sie allein
ein Studium ausmachen, und doch zu wichtig, als daß man sie ganz
ausstoßen, oder anderwärts anheften sollte, wo sie noch weniger
Verwandtschaft als in der Metaphysik antreffen dürfte. Es ist also
bloß ein so lange aufgenommener Fremdling, dem man auf einige Zeit
einen Aufenthalt vergönnt, bis er in einer ausführlichen Anthropologie
(dem Pendant zu der empirischen Naturlehre) seine eigene Behausung
wird beziehen können.
Das ist also die allgemeine Idee der Metaphysik, welche, da man ihr
anfänglich mehr zumutete, als billigerweise verlangt werden kann, und
sich eine zeitlang mit angenehmen Erwartungen ergötzte, zuletzt in
allgemeine Verachtung gefallen ist, da man sich in seiner Hoffnung
betrogen fand. Aus dem ganzen Verlauf unserer Kritik wird man sich
hinlänglich überzeugt haben: daß, wenngleich Metaphysik nicht die
Grundfeste der Religion sein kann, so müsse sie doch jederzeit als die
Schutzwehr derselben stehenbleiben, und daß die menschliche Vernunft,
welche schon durch die Richtung ihrer Natur dialektisch ist, einer
solchen Wissenschaft niemals entbehren könnte, die sie zügelt, und,
durch ein szientifisches und völlig einleuchtendes Selbsterkenntnis,
die Verwüstungen abhält, welche eine gesetzlose spekulative Vernunft
sonst ganz unfehlbar, in Moral sowohl als Religion, anrichten würde.
Man kann also sicher sein, so spröde, oder geringschätzend auch
diejenigen tun, die eine Wissenschaft nicht nach ihrer Natur, sondern
allein aus ihren zufälligen Wirkungen zu beurteilen wissen, man
werde jederzeit zu ihr, wie zu einer mit uns entzweiten Geliebten
zurückkehren, weil die Vernunft, da es hier wesentliche Zwecke
betrifft, rastlos, entweder auf gründliche Einsicht oder Zerstörung
schon vorhandener guter Einsichten arbeiten muß.
Metaphysik also, sowohl der Natur, als der Sitten, vornehmlich die
Kritik der sich auf eigenen Flügeln wagenden Vernunft, welche vorübend
(propädeutisch) vorhergeht, machen eigentlich allein dasjenige aus,
was wir im echten Verstande Philosophie nennen können. Diese bezieht
alles auf Weisheit, aber durch den Weg der Wissenschaft, den einzigen,
der, wenn er einmal gebahnt ist, niemals verwächst, und keine
Verirrungen verstattet. Mathematik, Naturwissenschaft, selbst die
empirische Kenntnis des Menschen, haben einen hohen Wert als Mittel,
größtenteils zu zufälligen, am Ende aber doch zu notwendigen
und wesentlichen Zwecken der Menschheit, aber alsdann nur durch
Vermittlung einer Vernunfterkenntnis aus bloßen Begriffen, die, man
mag sie benennen, wie man will, eigentlich nichts als Metaphysik ist.
Eben deswegen ist Metaphysik auch die Vollendung aller Kultur der
menschlichen Vernunft, die unentbehrlich ist, wenn man gleich ihren
Einfluß, als Wissenschaft, auf gewisse bestimmte Zwecke bei Seite
setzt. Denn sie betrachtet die Vernunft nach ihren Elementen und
obersten Maximen, die selbst der Möglichkeit einiger Wissenschaften,
und dem Gebrauche aller, zum Grunde liegen müssen. Daß sie, als bloße
Spekulation, mehr dazu dient, Irrtümer abzuhalten, als Erkenntnis zu
erweitern, tut ihrem Werte keinen Abbruch, sondern gibt ihr vielmehr
Würde und Ansehen durch das Zensoramt, welches die allgemeine Ordnung
und Eintracht, ja den Wohlstand des wissenschaftlichen gemeinen Wesens
sichert, und dessen mutige und fruchtbare Bearbeitungen abhält,
sich nicht von dem Hauptzwecke, der allgemeinen Glückseligkeit, zu
entfernen.
Der transzendentalen Methodenlehre
Viertes Hauptstück
Die Geschichte der reinen Vernunft
Dieser Titel steht nur hier, um eine Stelle zu bezeichnen, die im
System übrigbleibt, und künftig ausgefüllt werden muß. Ich begnüge
mich, aus einem bloß transzendentalen Gesichtspunkte, nämlich der
Natur der reinen Vernunft, einen flüchtigen Blick auf das Ganze der
bisherigen Bearbeitungen derselben zu werfen, welches freilich meinem
Auge zwar Gebäude, aber nur in Ruinen vorstellt.
Es ist merkwürdig genug, ob es gleich natürlicherweise nicht anders
zugehen konnte, daß die Menschen im Kindesalter der Philosophie davon
anfingen, wo wir jetzt lieber endigen möchten, nämlich, zuerst die
Erkenntnis Gottes, und Hoffnung oder wohl gar die Beschaffenheit einer
anderen Welt zu studieren. Was auch die alten Gebräuche, die noch von
dem rohen Zustande der Völker übrig waren, für grobe Religionsbegriffe
eingeführt haben mochten, so hinderte dieses doch nicht den
aufgeklärteren Teil, sich freien Nachforschungen über diesen
Gegenstand zu widmen, und man sah leicht ein, daß es keine gründliche
und zuverlässigere Art geben könne, der unsichtbaren Macht, die
die Welt regiert, zu gefallen, um wenigstens in einer anderen Welt
glücklich zu sein, als den guten Lebenswandel. Daher waren Theologie
und Moral die zwei Triebfedern, oder besser, Beziehungspunkte zu allen
abgezogenen Vernunftforschungen, denen man sich nachher jederzeit
gewidmet hat. Die erstere war indessen eigentlich das, was die bloß
spekulative Vernunft nach und nach in das Geschäft zog, welches in der
Folge unter dem Namen der Metaphysik so berühmt geworden.
Ich will jetzt die Zeiten nicht unterscheiden, auf welche diese oder
jene Veränderung der Metaphysik traf, sondern nur die Verschiedenheit
der Idee, welche die hauptsächlichsten Revolutionen veranlaßte, in
einem flüchtigen Abrisse darstellen. Und da finde ich eine dreifache
Absicht, in welcher die namhaftesten Veränderungen auf dieser Bühne
des Streits gestiftet worden.
1. In Ansehung des Gegenstandes aller unserer Vernunfterkenntnisse,
waren einige bloß Sensual-, andere bloß Intellektualphilosophen.
Epikur kann der vornehmste Philosoph der Sinnlichkeit, Plato des
Intellektuellen genannt werden. Dieser Unterschied der Schulen aber,
so subtil er auch ist, hatte schon in den frühesten Zeiten angefangen,
und hat sich lange ununterbrochen erhalten. Die von der ersteren
behaupteten, in den Gegenständen der Sinne sei allein Wirklichkeit,
alles übrige sei Einbildung; die von der zweiten sagten dagegen: in
den Sinnen ist nichts als Schein, nur der Verstand erkennt das Wahre.
Darum stritten aber die ersteren den Verstandesbegriffen doch eben
nicht Realität ab, sie war aber bei ihnen nur logisch, bei den anderen
aber mystisch. Jene räumten intellektuelle Begriffe ein, aber nahmen
bloß sensible Gegenstände an. Diese verlangten, daß die wahren
Gegenstände bloß intelligibel wären, und behaupteten eine Anschauung
durch den von keinen Sinnen begleiteten und ihrer Meinung nach nur
verwirrten reinen Verstand.
2. In Ansehung des Ursprungs reiner Vernunfterkenntnisse, ob sie aus
der Erfahrung abgeleitet, oder, unabhängig von ihr, in der Vernunft
ihre Quelle haben. Aristoteles kann als das Haupt der Empiristen,
Plato aber der Noologisten angesehen werden. Locke, der in neueren
Zeiten dem ersteren, und Leibnitz, der dem letzteren (obzwar in einer
genugsamen Entfernung von dessen mystischem Systeme) folgte, haben
es gleichwohl in diesem Streite noch zu keiner Entscheidung bringen
können. Wenigstens verfuhr Epikur seinerseits viel konsequenter nach
seinem Sensualsystem (denn er ging mit seinen Schlüssen niemals
über die Grenze der Erfahrung hinaus), als Aristoteles und Locke,
(vornehmlich aber der letztere,) der, nachdem er alle Begriffe und
Grundsätze von der Erfahrung abgeleitet hatte, soweit im Gebrauche
derselben geht, daß er behauptet, man könne das Dasein Gottes und die
Unsterblichkeit der Seele (obzwar beide Gegenstände ganz außer den
Grenzen möglicher Erfahrung liegen) ebenso evident beweisen, als
irgendeinen mathematischen Lehrsatz.
3. In Ansehung der Methode. Wenn man etwas Methode nennen soll, so
muß es ein Verfahren nach Grundsätzen sein. Nun kann man die jetzt
in diesem Fache der Naturforschung herrschende Methode in die
naturalistische und szientifische einteilen. Der Naturalist der reinen
Vernunft nimmt es sich zum Grundsatze: daß durch gemeine Vernunft ohne
Wissenschaft (welche er die gesunde Vernunft nennt) sich in Ansehung
der erhabensten Fragen, die die Aufgabe der Metaphysik ausmachen, mehr
ausrichten lasse, als durch Spekulation. Er behauptet also, daß man
die Größe und Weite des Mondes sicherer nach dem Augenmaße, als durch
mathematische Umschweife bestimmen könne. Es ist bloße Misologie,
auf Grundsätze gebracht, und, welches das ungereimteste ist, die
Vernachlässigung aller künstlichen Mittel, als eine eigene Methode
angerühmt, seine Erkenntnis zu erweitern. Denn was die Naturalisten
aus Mangel mehrer Einsicht betrifft, so kann man ihnen mit Grunde
nichts zur Last legen. Sie folgen der gemeinen Vernunft, ohne sich
ihrer Unwissenheit als einer Methode zu rühmen, die das Geheimnis
enthalten solle, die Wahrheit aus Demokrits tiefem Brunnen
herauszuholen. Quod sapio, satis est mihi; non ego curo, esse quod
Arcesilas aerumnosique Solones, Pers. ist ihr Wahlspruch, bei dem
sie vergnügt und beifallswürdig leben können, ohne sich um die
Wissenschaft zu bekümmern, noch deren Geschäft zu verwirren.
Was nun die Beobachter einer szientifischen Methode betrifft, so haben
sie hier die Wahl, entweder dogmatisch oder skeptisch, in allen Fällen
aber doch die Verbindlichkeit systematisch zu verfahren. Wenn ich hier
in Ansehung der ersteren den berühmten Wolf, bei der zweiten David
Hume nenne, so kann ich die übrigen, meiner jetzigen Absicht nach,
ungenannt lassen. Der kritische Weg ist allein noch offen. Wenn der
Leser diesen in meiner Gesellschaft durchzuwandern Gefälligkeit
und Geduld gehabt hat, so mag er jetzt urteilen, ob nicht, wenn es
ihm beliebt, das Seinige dazu beizutragen, um diesen Fußsteig zur
Heeresstraße zu machen, dasjenige, was viele Jahrhunderte nicht
leisten konnten, noch vor Ablauf des gegenwärtigen erreicht werden
möge: nämlich, die menschliche Vernunft in dem, was ihre Wißbegierde
jederzeit, bisher aber vergeblich, beschäftigt hat, zur völligen
Befriedigung zu bringen.