Von der Endabsicht der natürlichen Dialektik der menschlichen Vernunft

Die Ideen der reinen Vernunft können nimmermehr an sich selbst

dialektisch sein, sondern ihr bloßer Mißbrauch muß es allein machen,

daß uns von ihnen ein trüglicher Schein entspringt; denn sie sind

uns durch die Natur unserer Vernunft aufgegeben, und dieser oberste

Gerichtshof aller Rechte und Ansprüche unserer Spekulation kann

unmöglich selbst ursprüngliche Täuschungen und Blendwerke enthalten.

Vermutlich werden sie also ihre gute und zweckmäßige Bestimmung in der

Naturanlage unserer Vernunft haben. Der Pöbel der Vernünftler schreit

aber, wie gewöhnlich, über Ungereimtheit und Widersprüche, und schmäht

auf die Regierung, in deren innerste Pläne er nicht zu dringen vermag,

deren wohltätigen Einflüssen er auch selbst seine Erhaltung und sogar

die Kultur verdanken sollte, die ihn in den Stand setzt, sie zu tadeln

und zu verurteilen.

Man kann sich eines Begriffs a priori mit keiner Sicherheit bedienen,

ohne seine transzendentale Deduktion zustande gebracht zu haben. Die

Ideen der reinen Vernunft verstatten zwar keine Deduktion von der Art,

als die Kategorien; sollen sie aber im mindesten einige, wenn auch

nur unbestimmte, objektive Gültigkeit haben, und nicht bloß leere

Gedankendinge (entia rationis ratiocinantis) vorstellen, so muß

durchaus eine Deduktion derselben möglich sein, gesetzt, daß sie auch

von derjenigen weit abwichen die man mit den Kategorien vornehmen

kann. Das ist die Vollendung des kritischen Geschäftes der reinen

Vernunft, und dieses wollen wir jetzt übernehmen.

Es ist ein großer Unterschied, ob etwas meiner Vernunft als ein

Gegenstand schlechthin, oder nur als ein Gegenstand in der Idee

gegeben wird. In dem ersteren Falle gehen meine Begriffe dahin, den

Gegenstand zu bestimmen; im zweiten ist es wirklich nur ein Schema,

dem direkt kein Gegenstand, auch nicht einmal hypothetisch zugegeben

wird, sondern welches nur dazu dient, um andere Gegenstände,

vermittelst der Beziehung auf diese Idee, nach ihrer systematischen

Einheit, mithin indirekt uns vorzustellen. So sage ich, der Begriff

einer höchsten Intelligenz ist eine bloße Idee, d.i. seine objektive

Realität soll nicht darin bestehen, daß er sich geradezu auf einen

Gegenstand bezieht (denn in solcher Bedeutung würden wir seine

objektive Gültigkeit nicht rechtfertigen können), sondern er ist nur

ein nach Bedingungen der größten Vernunfteinheit geordnetes Schema,

von dem Begriffe eines Dinges überhaupt, welches nur dazu dient, um

die größte systematische Einheit im empirischen Gebrauche unserer

Vernunft zu erhalten, indem man den Gegenstand der Erfahrung gleichsam

von dem eingebildeten Gegenstande dieser Idee, als seinem Grunde, oder

Ursache, ableitet. Alsdann heißt es z.B. die Dinge der Welt müssen

so betrachtet werden, als ob sie von einer höchsten Intelligenz ihr

Dasein hätten. Auf solche Weise ist die Idee eigentlich nur ein

heuristischer und nicht ostensiver Begriff, und zeigt an, nicht wie

ein Gegenstand beschaffen ist, sondern wie wir, unter der Leitung

desselben, die Beschaffenheit und Verknüpfung der Gegenstände der

Erfahrung überhaupt suchen sollen. Wenn man nun zeigen kann, daß,

obgleich die dreierlei transzendentalen Ideen (die psychologische,

kosmologische, und theologische) direkt auf keinen ihnen

korrespondierenden Gegenstand und dessen Bestimmung bezogen werden,

dennoch alle Regeln des empirischen Gebrauchs der Vernunft unter

Voraussetzung eines solchen Gegenstandes in der Idee auf systematische

Einheit führen und die Erfahrungserkenntnis jederzeit erweitern,

niemals aber derselben zuwider sein können: so ist es eine notwendige

Maxime der Vernunft, nach dergleichen Ideen zu verfahren. Und dieses

ist die transzendentale Deduktion aller Ideen der spekulativen

Vernunft, nicht als konstitutiver Prinzipien der Erweiterung

unserer Erkenntnis über mehr Gegenstände, als Erfahrung geben kann,

sondern als regulativer Prinzipien der systematischen Einheit des

Mannigfaltigen der empirischen Erkenntnis überhaupt, welche dadurch in

ihren eigenen Grenzen mehr angebaut und berichtigt wird, als es ohne

solche Ideen durch den bloßen Gebrauch der Verstandesgrundsätze

geschehen könnte.

Ich will dieses deutlicher machen. Wir wollen den genannten Ideen als

Prinzipien zufolge erstlich (in der Psychologie) alle Erscheinungen,

Handlungen und Empfänglichkeit unseres Gemüts an dem Leitfaden der

inneren Erfahrung so verknüpfen, als ob dasselbe eine einfache

Substanz wäre, die, mit persönlicher Identität, beharrlich (wenigstens

im Leben) existiert, indessen daß ihre Zustände, zu welcher die des

Körpers nur als äußere Bedingungen gehören, kontinuierlich wechseln.

Wir müssen zweitens (in der Kosmologie) die Bedingungen, der inneren

sowohl als der äußeren Naturerscheinungen, in einer solchen nirgend zu

vollendenden Untersuchung verfolgen, als ob dieselbe an sich unendlich

und ohne ein erstes oder oberstes Glied sei, obgleich wir darum,

außerhalb aller Erscheinungen, die bloß intelligiblen ersten Gründe

derselben nicht leugnen, aber sie doch niemals in den Zusammenhang

der Naturerklärungen bringen dürfen, weil wir sie gar nicht kennen.

Endlich und drittens müssen wir (in Ansehung der Theologie) alles, was

nur immer in den Zusammenhang der möglichen Erfahrung gehören mag, so

betrachten, als ob diese eine absolute, aber durch und durch abhängige

und immer noch innerhalb der Sinnenwelt bedingte Einheit ausmache,

doch aber zugleich, als ob der Inbegriff aller Erscheinungen (die

Sinnenwelt selbst) einen einzigen obersten und allgenugsamen Grund

außer ihrem Umfange habe, nämlich eine gleichsam selbstständige,

ursprüngliche und schöpferische Vernunft, in Beziehung auf welche

wir allen empirischen Gebrauch unserer Vernunft in seiner größten

Erweiterung so richten, als ob die Gegenstände selbst aus jenem

Urbilde aller Vernunft entsprungen wären, das heißt: nicht von einer

einfachen denkenden Substanz die inneren Erscheinungen der Seele,

sondern nach der Idee eines einfachen Wesens jene voneinander

ableiten; nicht von einer höchsten Intelligenz die Weltordnung und

systematische Einheit derselben ableiten, sondern von der Idee einer

höchstweisen Ursache die Regel hernehmen, nach welcher die Vernunft

bei der Verknüpfung der Ursachen und Wirkungen in der Welt zu ihrer

eigenen Befriedigung am besten zu brauchen sei.

Nun ist nicht das mindeste, was uns hindert, diese Ideen auch als

objektiv und hypostatisch anzunehmen, außer allein die kosmologische,

wo die Vernunft auf eine Antinomie stößt, wenn sie solche zustande

bringen will (die psychologische und theologische enthalten

dergleichen gar nicht). Denn ein Widerspruch ist in ihnen nicht, wie

sollte uns daher jemand ihre objektive Realität streiten können, da er

von ihrer Möglichkeit ebensowenig weiß, um sie zu verneinen, als wir,

um sie zu bejahen. Gleichwohl ist's, um etwas anzunehmen, noch nicht

genug, daß kein positives Hindernis dawider ist, und es kann uns nicht

erlaubt sein, Gedankenwesen, welche alle unsere Begriffe übersteigen,

obgleich keinem widersprechen, auf den bloßen Kredit der ihr Geschäft

gern vollendenden spekulativen Vernunft, als wirkliche und bestimmte

Gegenstände einzuführen. Also sollen sie an sich selbst nicht

angenommen werden, sondern nur ihre Realität, als eines Schema des

regulativen Prinzips der systematischen Einheit aller Naturerkenntnis,

gelten, mithin sollen sie nur als Analoga von wirklichen Dingen, aber

nicht als solche an sich selbst zum Grunde gelegt werden. Wir heben

von dem Gegenstande der Idee die Bedingungen auf, welche unseren

Verstandesbegriff einschränken, die aber es auch allein möglich

machen, daß wir von irgendeinem Dinge einen bestimmten Begriff haben

können. Und nun denken wir uns ein Etwas, wovon wir, was es an sich

selbst sei, gar keinen Begriff haben, aber wovon wir uns doch ein

Verhältnis zu dem Inbegriffe der Erscheinungen denken, das demjenigen

analogisch ist, welches die Erscheinungen untereinander haben.

Wenn wir demnach solche idealische Wesen annehmen, so erweitern

wir eigentlich nicht unsere Erkenntnis über die Objekte möglicher

Erfahrung, sondern nur die empirische Einheit der letzteren, durch

die systematische Einheit, wozu uns die Idee das Schema gibt, welche

mithin nicht als konstitutives, sondern bloß als regulatives Prinzip

gilt. Denn, daß wir ein der Idee korrespondierendes Ding, ein Etwas,

oder wirkliches Wesen setzen, dadurch ist nicht gesagt, wir wollten

unsere Erkenntnis der Dinge mit transzendenten Begriffen erweitern;

denn dieses Wesen wird nur in der Idee und nicht an sich selbst zum

Grunde gelegt, mithin nur um die systematische Einheit auszudrücken,

die uns zur Richtschnur des empirischen Gebrauchs der Vernunft dienen

soll, ohne doch etwas darüber auszumachen, was der Grund dieser

Einheit, oder die innere Eigenschaft eines solchen Wesens sei, auf

welchem, als Ursache, sie beruhe.

So ist der transzendentale und einzige bestimmte Begriff, den uns

die bloß spekulative Vernunft von Gott gibt, im genauesten Verstande

deistisch, d.i. die Vernunft gibt nicht einmal die objektive

Gültigkeit eines solchen Begriffs, sondern nur die Idee von Etwas an

die Hand, worauf alle empirische Realität ihre höchste und notwendige

Einheit gründet, und welches wir uns nicht anders, als nach der

Analogie einer wirklichen Substanz, welche nach Vernunftgesetzen die

Ursache aller Dinge sei, denken können, wofern wir es ja unternehmen,

es überall als einen besonderen Gegenstand zu denken, und nicht

lieber, mit der bloßen Idee des regulativen Prinzips der Vernunft

zufrieden, die Vollendung aller Bedingungen des Denkens, als

überschwenglich für den menschlichen Verstand, beiseite setzen wollen,

welches aber mit der Absicht einer vollkommenen systematischen Einheit

in unserem Erkenntnis, der wenigstens die Vernunft keine Schranken

setzt, nicht zusammen bestehen kann.

Daher geschieht's nun, daß, wenn ich ein göttliches Wesen annehme, ich

zwar weder von der inneren Möglichkeit seiner höchsten Vollkommenheit,

noch der Notwendigkeit seines Daseins, den mindesten Begriff habe,

aber alsdann doch allen anderen Fragen, die das Zufällige betreffen,

ein Genüge tun kann, und der Vernunft die vollkommenste Befriedigung

in Ansehung der nachzuforschenden größten Einheit in ihrem empirischen

Gebrauche, aber nicht in Ansehung dieser Voraussetzung selbst,

verschaffen kann; welches beweist, daß ihr spekulatives Interesse und

nicht ihre Einsicht sie berechtige, von einem Punkte, der so weit über

ihrer Sphäre liegt, auszugehen, um daraus ihre Gegenstände in einem

vollständigen Ganzen zu betrachten.

Hier zeigt sich nun ein Unterschied der Denkungsart, bei einer und

derselben Voraussetzung, der ziemlich subtil, aber gleichwohl in

der Transzendentalphilosophie von großer Wichtigkeit ist. Ich

kann genugsamen Grund haben, etwas relativ anzunehmen (suppositio

relativa), ohne doch befugt zu sein, es schlechthin anzunehmen

(suppositio absoluta). Diese Unterscheidung trifft zu, wenn es bloß um

ein regulatives Prinzip zu tun ist, wovon wir zwar die Notwendigkeit

an sich selbst, aber nicht den Quell derselben erkennen, und dazu wir

einen obersten Grund bloß in der Absicht annehmen, um desto bestimmter

die Allgemeinheit des Prinzips zu denken, als z.B. wenn ich

mir ein Wesen als existierend denke, das einer bloßen und zwar

transzendentalen Idee korrespondiert. Denn, da kann ich das Dasein

dieses Dinges niemals an sich selbst annehmen, weil keine Begriffe,

dadurch ich mir irgend einen Gegenstand bestimmt denken kann, dazu

gelangen, und die Bedingungen der objektiven Gültigkeit meiner

Begriffe durch die Idee selbst ausgeschlossen sind. Die Begriffe der

Realität, der Substanz, der Kausalität, selbst die der Notwendigkeit

im Dasein, haben, außer dem Gebrauche, da sie die empirische

Erkenntnis eines Gegenstandes möglich machen, gar keine Bedeutung,

die irgendein Objekt bestimmte. Sie können also zwar zu Erklärung der

Möglichkeit der Dinge in der Sinnenwelt, aber nicht der Möglichkeit

eines Weltganzen selbst gebraucht werden, weil dieser Erklärungsgrund

außerhalb der Welt und mithin kein Gegenstand einer möglichen

Erfahrung sein müßte. Nun kann ich gleichwohl ein solches

unbegreifliches Wesen, den Gegenstand einer bloßen Idee, relativ auf

die Sinnenwelt, obgleich nicht an sich selbst, annehmen. Denn, wenn

dem größtmöglichen empirischen Gebrauche meiner Vernunft eine Idee

(der systematisch vollständigen Einheit, von der ich bald bestimmter

reden werde) zum Grunde liegt, die an sich selbst niemals adäquat

in der Erfahrung kann dargestellt werden, ob sie gleich, um die

empirische Einheit dem höchstmöglichen Grade zu nähern, unumgänglich

notwendig ist, so werde ich nicht allein befugt, sondern auch genötigt

sein, diese Idee zu realisieren, d.i. ihr einen wirklichen Gegenstand

zu setzen, aber nur als ein Etwas überhaupt, das ich an sich

selbst gar nicht kenne, und dem ich nur, als einem Grunde jener

systematischen Einheit, in Beziehung auf diese letztere solche

Eigenschaft gebe, als den Verstandesbegriffen im empirischen Gebrauche

analogisch sind. Ich werde mir also nach der Analogie der Realitäten

in der Welt der Substanzen, der Kausalität und der Notwendigkeit, ein

Wesen denken, das alles dieses in der höchsten Vollkommenheit besitzt,

und, indem diese Idee bloß auf meiner Vernunft beruht, dieses Wesen

als selbstständige Vernunft, was durch Ideen der größten Harmonie und

Einheit, Ursache vom Weltganzen ist, denken können, so daß ich alle,

die Idee einschränkenden, Bedingungen weglasse, lediglich um, unter

dem Schutze eines solchen Urgrundes, systematische Einheit des

Mannigfaltigen im Weltganzen, und, vermittelst derselben, den

größtmöglichen empirischen Vernunftgebrauch möglich zu machen, indem

ich alle Verbindungen so ansehe, als ob sie Anordnungen einer höchsten

Vernunft wären, von der die unsrige ein schwaches Nachbild ist. Ich

denke mir alsdann dieses höchste Wesen durch lauter Begriffe, die

eigentlich nur in der Sinnenwelt ihre Anwendung haben; da ich aber

auch jene transzendentale Voraussetzung zu keinem anderen als

relativen Gebrauch habe, nämlich, daß sie das Substratum der

größtmöglichen Erfahrungseinheit abgeben solle, so darf ich ein Wesen,

das ich von der Welt unterscheide, ganz wohl durch Eigenschaften

denken, die lediglich zur Sinnenwelt gehören. Denn ich verlange

keineswegs, und bin auch nicht befugt es zu verlangen, diesen

Gegenstand meiner Idee, nach dem, was er an sich sein mag, zu

erkennen; denn dazu habe ich keine Begriffe, und selbst die Begriffe

von Realität, Substanz, Kausalität, ja sogar der Notwendigkeit im

Dasein, verlieren alle Bedeutung, und sind leere Titel zu Begriffen,

ohne allen Inhalt, wenn ich mich außer dem Felde der Sinne damit

hinauswage. Ich denke mir nur die Relation eines mir an sich ganz

unbekannten Wesens zur größten systematischen Einheit des Weltganzen,

lediglich um es zum Schema des regulativen Prinzips des größtmöglichen

empirischen Gebrauchs meiner Vernunft zu machen.

Werfen wir unseren Blick nun auf den transzendentalen Gegenstand

unserer Idee, so sehen wir, daß wir seine Wirklichkeit nach den

Begriffen von Realität, Substanz, Kausalität usw. an sich selbst

nicht voraussetzen können, weil diese Begriffe auf etwas, das von der

Sinnenwelt ganz unterschieden ist, nicht die mindeste Anwendung haben.

Also ist die Supposition der Vernunft von einem höchsten Wesen, als

oberster Ursache, bloß relativ, zum Behuf der systematischen Einheit

der Sinnenwelt gedacht, und ein bloßes Etwas in der Idee, wovon wir,

was es an sich sei, keinen Begriff haben. Hierdurch erklärt sich

auch, woher wir zwar in Beziehung auf das, was existierend den Sinnen

gegeben ist, der Idee eines an sich notwendigen Urwesens bedürfen,

niemals aber von diesem und seiner absoluten Notwendigkeit den

mindesten Begriff haben können.

Nunmehr können wir das Resultat der ganzen transzendentalen Dialektik

deutlich vor Augen stellen, und die Endabsicht der Ideen der reinen

Vernunft, die nur durch Mißverstand und Unbehutsamkeit dialektisch

werden, genau bestimmen. Die reine Vernunft ist in der Tat mit

nichts als sich selbst beschäftigt, und kann auch kein anderes

Geschäft haben, weil ihr nicht die Gegenstände zur Einheit des

Erfahrungsbegriffs, sondern die Verstandeserkenntnisse zur Einheit des

Vernunftbegriffs, d.i. des Zusammenhanges in einem Prinzip gegeben

werden. Die Vernunfteinheit ist die Einheit des Systems, und diese

systematische Einheit dient der Vernunft nicht objektiv zu einem

Grundsatze, um sie über die Gegenstände, sondern subjektiv als Maxime,

um sie über alles mögliche empirische Erkenntnis der Gegenstände zu

verbreiten. Gleichwohl befördert der systematische Zusammenhang, den

die Vernunft dem empirischen Verstandesgebrauche geben kann, nicht

allein dessen Ausbreitung, sondern bewährt auch zugleich die

Richtigkeit desselben, und das Prinzipium einer solchen systematischen

Einheit ist auch objektiv, aber auf unbestimmte Art (principium

vagum), nicht als konstitutives Prinzip, um etwas in Ansehung seines

direkten Gegenstandes zu bestimmen, sondern um, als bloß regulativer

Grundsatz und Maxime, den empirischen Gebrauch der Vernunft durch

Eröffnung neuer Wege, die der Verstand nicht kennt, ins Unendliche

(Unbestimmte) zu befördern und zu befestigen, ohne dabei jemals den

Gesetzen des empirischen Gebrauchs im mindesten zuwider zu sein.

Die Vernunft kann aber diese systematische Einheit nicht anders

denken, als daß sie ihrer Idee zugleich einen Gegenstand gibt, der

aber durch keine Erfahrung gegeben werden kann; denn Erfahrung gibt

niemals ein Beispiel vollkommener systematischer Einheit. Dieses

Vernunftwesen (ens rationis ratiocinatae) ist nun zwar eine bloße

Idee, und wird also nicht schlechthin und an sich selbst als etwas

Wirkliches angenommen, sondern nur problematisch zum Grunde gelegt

(weil wir es durch keine Verstandesbegriffe erreichen können), um

alle Verknüpfung der Dinge der Sinnenwelt so anzusehen, als ob sie

in diesem Vernunftwesen ihren Grund hätten, lediglich aber in der

Absicht, um darauf die systematische Einheit zu gründen, die der

Vernunft unentbehrlich, der empirischen Verstandeserkenntnis aber auf

alle Weise beförderlich und ihr gleichwohl niemals hinderlich sein

kann.

Man verkennt sogleich die Bedeutung dieser Idee, wenn man sie für die

Behauptung, oder auch nur die Voraussetzung einer wirklichen Sache

hält, welcher man den Grund der systematischen Weltverfassung

zuzuschreiben gedächte; vielmehr läßt man es gänzlich unausgemacht,

was der unseren Begriffen sich entziehende Grund derselben an sich für

Beschaffenheit habe, und setzt sich nur eine Idee zum Gesichtspunkte,

aus welchem einzig und allein man jene, der Vernunft so wesentliche

und dem Verstande so heilsame, Einheit verbreiten kann; mit einem

Worte: dieses transzendentale Ding ist bloß das Schema jenes

regulativen Prinzips, wodurch die Vernunft, so viel an ihr ist,

systematische Einheit über alle Erfahrung verbreitet. Das erste Objekt

einer solchen Idee bin ich selbst, bloß als denkende Natur (Seele)

betrachtet. Will ich die Eigenschaften, mit denen ein denkendes Wesen

an sich existiert, aufsuchen, so muß ich die Erfahrung befragen, und

selbst von allen Kategorien kann ich keine auf diesen Gegenstand

anwenden, als insofern das Schema derselben in der sinnlichen

Anschauung gegeben ist. Hiermit gelange ich aber niemals zu einer

systematischen Einheit aller Erscheinungen des inneren Sinnes. Statt

des Erfahrungsbegriffs also (von dem, was die Seele wirklich ist),

der uns nicht weit führen kann, nimmt die Vernunft den Begriff der

empirischen Einheit alles Denkens, und macht dadurch, daß sie diese

Einheit unbedingt und ursprünglich denkt, aus demselben einen

Vernunftbegriff (Idee) von einer einfachen Substanz, die an sich

selbst unwandelbar (persönlich identisch), mit anderen wirklichen

Dingen außer ihr in Gemeinschaft stehe; mit einem Worte: von einer

einfachen selbständigen Intelligenz. Hierbei aber hat sie nichts

anderes vor Augen, als Prinzipien der systematischen Einheit in

Erklärung der Erscheinungen der Seele, nämlich: alle Bestimmungen,

als in einem einigen Subjekte, alle Kräfte, so viel möglich, als

abgeleitet von einer einigen Grundkraft, allen Wechsel, als gehörig zu

den Zuständen eines und desselben beharrlichen Wesens zu betrachten,

und alle Erscheinungen im Raume, als von den Handlungen des Denkens

ganz unterschieden vorzustellen. Jene Einfachheit der Substanz

usw. sollte nur das Schema zu diesem regulativen Prinzip sein,

und wird nicht vorausgesetzt, als sei sie der wirkliche Grund der

Seeleneigenschaften. Denn diese können auch auf ganz anderen Gründen

beruhen, die wir gar nicht kennen, wie wir denn die Seele auch durch

diese angenommenen Prädikate eigentlich nicht an sich selbst erkennen

könnten, wenn wir sie gleich von ihr schlechthin wollten gelten

lassen, indem sie eine bloße Idee ausmachen, die in concreto gar nicht

vorgestellt werden kann. Aus einer solchen psychologischen Idee kann

nun nichts anderes als Vorteil entspringen, wenn man sich nur hütet,

sie für etwas mehr als bloße Idee, d.i. bloß relativisch auf den

systematischen Vernunftsgebrauch in Ansehung der Erscheinungen unserer

Seele, gelten zu lassen. Denn da mengen sich keine empirischen Gesetze

körperlicher Erscheinungen, die ganz von anderer Art sind, in die

Erklärungen dessen, was bloß vor den inneren Sinn gehört; da werden

keine windigen Hypothesen, von Erzeugung, Zerstörung und Palingenesie

der Seelen usw. zugelassen; also wird die Betrachtung dieses

Gegenstandes des inneren Sinnes ganz rein und unvermengt

mit ungleichartigen Eigenschaften angestellt, überdem die

Vernunftuntersuchung darauf gerichtet, die Erklärungsgründe in diesem

Subjekte, so weit es möglich ist, auf ein einziges Prinzip hinaus

zu führen, welches alles durch ein solches Schema, als ob es ein

wirkliches Wesen wäre, am besten, ja sogar einzig und allein, bewirkt

wird. Die psychologische Idee kann auch nichts anderes als das Schema

eines regulativen Begriffs bedeuten. Denn, wollte ich auch nur fragen,

ob die Seele nicht an sich geistiger Natur sei, so hätte diese Frage

gar keinen Sinn. Denn durch einen solchen Begriff nehme ich nicht bloß

die körperliche Natur, sondern überhaupt alle Natur weg, d.i. alle

Prädikate irgendeiner möglichen Erfahrung, mithin alle Bedingungen, zu

einem solchen Begriffe einen Gegenstand zu denken, als welches doch

einzig und allein es macht, daß man sagt, er habe einen Sinn.

Die zweite regulative Idee der bloß spekulativen Vernunft ist der

Weltbegriff überhaupt. Denn Natur ist eigentlich nur das einzige

gegebene Objekt, in Ansehung dessen die Vernunft regulative Prinzipien

bedarf. Diese Natur ist zwiefach, entweder die denkende, oder die

körperliche Natur. Allein zu der letzteren, um sie ihrer inneren

Möglichkeit nach zu denken, d.i. die Anwendung der Kategorien auf

dieselbe zu bestimmen, bedürfen wir keiner Idee, d.i. einer die

Erfahrung übersteigenden Vorstellung; es ist auch keine in Ansehung

derselben möglich, weil wir darin bloß durch sinnliche Anschauung

geleitet werden, und nicht wie in dem psychologischen Grundbegriffe

(Ich), welcher eine gewisse Form des Denkens, nämlich die Einheit

desselben, a priori enthält. Also bleibt uns für die reine Vernunft

nichts übrig, als Natur überhaupt, und die Vollständigkeit der

Bedingungen in derselben nach irgendeinem Prinzip. Die absolute

Totalität der Reihen dieser Bedingungen, in der Ableitung ihrer

Glieder, ist eine Idee, die zwar im empirischen Gebrauche der Vernunft

niemals völlig zustande kommen kann, aber doch zur Regel dient, wie

wir in Ansehung derselben verfahren sollen, nämlich in der Erklärung

gegebener Erscheinungen (im Zurückgehen oder Aufsteigen) so, als ob

die Reihe an sich unendlich wäre, d.i. in indefinitum, aber wo die

Vernunft selbst als bestimmende Ursache betrachtet wird (in der

Freiheit), also bei praktischen Prinzipien, als ob wir nicht ein

Objekt der Sinne, sondern des reinen Verstandes vor uns hätten, wo die

Bedingungen nicht mehr in der Reihe der Erscheinungen, sondern außer

derselben gesetzt werden können, und die Reihe der Zustände angesehen

werden kann, als ob sie schlechthin (durch eine intelligible Ursache)

angefangen würde; welches alles beweist, daß die kosmologischen Ideen

nichts als regulative Prinzipien, und weit davon entfernt sind,

gleichsam konstitutiv, eine wirkliche Totalität solcher Reihen zu

setzen. Das übrige kann man an seinem Orte unter der Antinomie der

reinen Vernunft suchen.

Die dritte Idee der reinen Vernunft, welche eine bloß relative

Supposition eines Wesens enthält, als der einigen und allgenugsamen

Ursache aller kosmologischen Reihen, ist der Vernunftbegriff von Gott.

Den Gegenstand dieser Idee, haben wir nicht den mindesten Grund,

schlechthin anzunehmen (an sich zu supponieren); denn was kann uns

wohl dazu vermögen, oder auch nur berechtigen, ein Wesen von der

höchsten Vollkommenheit, und als seiner Natur nach schlechthin

notwendig, aus dessen bloßem Begriffe an sich selbst zu glauben, oder

zu behaupten, wäre es nicht die Welt, in Beziehung auf welche diese

Supposition allein notwendig sein kann; und da zeigt es sich klar,

daß die Idee desselben, so wie alle spekulativen Ideen, nichts weiter

sagen wolle, als daß die Vernunft gebiete, alle Verknüpfung der Welt

nach Prinzipien einer systematischen Einheit zu betrachten, mithin als

ob sie insgesamt aus einem einzigen allbefassenden Wesen, als oberster

und allgenugsamer Ursache, entsprungen wären. Hieraus ist klar,

daß die Vernunft hierbei nichts als ihre eigene formale Regel in

Erweiterung ihres empirischen Gebrauchs zur Absicht haben könne,

niemals aber eine Erweiterung über alle Grenzen des empirischen

Gebrauchs, folglich unter dieser Idee kein konstitutives Prinzip ihres

auf mögliche Erfahrung gerichteten Gebrauchs verborgen liege.

Diese höchste formale Einheit, welche allein auf Vernunftbegriffen

beruht, ist die zweckmäßige Einheit der Dinge, und das spekulative

Interesse der Vernunft macht es notwendig, alle Anordnung in der Welt

so anzusehen, als ob sie aus der Absicht einer allerhöchsten Vernunft

entsprossen wäre. Ein solches Prinzip eröffnet nämlich unserer auf das

Feld der Erfahrungen angewandten Vernunft ganz neue Aussichten, nach

teleologischen Gesetzen die Dinge der Welt zu verknüpfen, und dadurch

zu der größten systematischen Einheit derselben zu gelangen. Die

Voraussetzung einer obersten Intelligenz, als der alleinigen Ursache

des Weltganzen, aber freilich bloß in der Idee, kann also jederzeit

der Vernunft nutzen und dabei doch niemals schaden. Denn, wenn wir in

Ansehung der Figur der Erde (der runden, doch etwas abgeplatteten)*,

der Gebirge und Meere usw. lauter weise Absichten eines Urhebers

zum voraus annehmen, so können wir auf diesem Wege eine Menge von

Entdeckungen machen. Bleiben wir nur bei dieser Voraussetzung, als

einem bloß regulativen Prinzip, so kann selbst der Irrtum uns nicht

schaden. Denn es kann allenfalls daraus nichts weiter folgen, als daß,

wo wir einen teleologischen Zusammenhang (nexus finalis) erwarteten,

ein bloß mechanischer oder physischer (nexus effectivus) angetroffen

werde, wodurch wir, in einem solchen Falle, nur eine Einheit mehr

vermissen, aber nicht die Vernunfteinheit in ihrem empirischen

Gebrauche verderben. Aber sogar dieser Querstrich kann das Gesetz

selbst in allgemeiner und teleologischer Absicht überhaupt nicht

treffen. Denn, obzwar ein Zergliederer eines Irrtums überführt werden

kann, wenn er irgend ein Gliedmaß eines tierischen Körpers auf einen

Zweck bezieht, von welchem man deutlich zeigen kann, daß er daraus

nicht erfolge: so ist es doch gänzlich unmöglich, in einem Falle zu

beweisen, daß eine Natureinrichtung, es mag sein welche da wolle, ganz

und gar keinen Zweck habe. Daher erweitert auch die Physiologie (der

Ärzte) ihre sehr eingeschränkte empirische Kenntnis von den Zwecken

des Gliederbaues eines organischen Körpers durch einen Grundsatz,

welchen bloß reine Vernunft eingab, so weit, daß man darin ganz dreist

und zugleich mit aller Verständigen Einstimmung annimmt, es habe alles

an dem Tiere seinen Nutzen und gute Absicht; welche Voraussetzung,

wenn sie konstitutiv sein sollte, viel weiter geht, als uns bisherige

Beobachtung berechtigen kann; woraus denn zu ersehen ist, daß sie

nichts als ein regulatives Prinzip der Vernunft sei, um zur höchsten

systematischen Einheit, vermittelst der Idee der zweckmäßigen

Kausalität der obersten Weltursache, und, als ob diese, als höchste

Intelligenz, nach der weisesten Absicht die Ursache von allem sei, zu

gelangen.

* Der Vorteil, den eine kugelichte Erdgestalt schafft, ist bekannt

genug; aber wenige wissen, daß ihre Abplattung, als eines Sphäroids,

es allein verhindert, daß nicht die Hervorragungen des festen

Landes, oder auch kleinerer, vielleicht durch Erdbeben aufgeworfener

Berge, die Achse der Erde kontinuierlich und in nicht eben langer

Zeit ansehnlich verrücke, wäre nicht die Aufschwellung der Erde

unter der Linie ein so gewaltiger Berg, den der Schwung jedes

anderen Berges niemals merklich aus seiner Lage in Ansehung der

Achse bringen kann. Und doch erklärt man diese weise Anstalt ohne

Bedenken aus dem Gleichgewicht der ehemals flüssigen Erdmasse.

Gehen wir aber von dieser Restriktion der Idee auf den bloß

regulativen Gebrauch ab, so wird die Vernunft auf so mancherlei Weise

irregeführt, indem sie alsdann den Boden der Erfahrung, der doch

die Merkzeichen ihres Ganges enthalten muß, verläßt, und sich über

denselben zu dem Unbegreiflichen und Unerforschlichen hinwagt, über

dessen Höhe sie notwendig schwindlicht wird, weil sie sich aus dem

Standpunkte desselben von allem mit der Erfahrung stimmigen Gebrauch

gänzlich abgeschnitten sieht.

Der erste Fehler, der daraus entspringt, daß man die Idee eines

höchsten Wesens nicht bloß regulativ, sondern (welches der Natur einer

Idee zuwider ist) konstitutiv braucht, ist die faule Vernunft (ignava

ratio)*. Man kann jeden Grundsatz so nennen, welcher macht, daß man

seine Naturuntersuchung, wo es auch sei, für schlechthin vollendet

ansieht, und die Vernunft sich also zur Ruhe begibt, als ob sie ihr

Geschäft völlig ausgerichtet habe. Daher selbst die psychologische

Idee, wenn sie als ein konstitutives Prinzip für die Erklärung der

Erscheinungen unserer Seele, und hernach gar, zur Erweiterung unserer

Erkenntnis dieses Subjekts, noch über alle Erfahrung hinaus (ihren

Zustand nach dem Tode) gebraucht wird, es der Vernunft zwar sehr

bequem macht, aber auch allen Naturgebrauch derselben nach der Leitung

der Erfahrungen ganz verdirbt und zugrunde richtet. So erklärt

der dogmatische Spiritualist die durch allen Wechsel der Zustände

unverändert bestehende Einheit der Person aus der Einheit der

denkenden Substanz, die er in dem Ich unmittelbar wahrzunehmen glaubt,

das Interesse, was wir an Dingen nehmen, die sich allererst nach

unserem Tode zutragen sollen, aus dem Bewußtsein der immateriellen

Natur unseres denkenden Subjekts usw. und überhebt sich aller

Naturuntersuchung der Ursache dieser unserer inneren Erscheinungen aus

physischen Erklärungsgründen, indem er gleichsam durch den Machtspruch

einer transzendenten Vernunft die immanenten Erkenntnisquellen der

Erfahrung, zum Behuf seiner Gemächlichkeit, aber mit Einbuße aller

Einsicht, vorbeigeht. Noch deutlicher fällt diese nachteilige Folge

bei dem Dogmatismus unserer Idee von einer höchsten Intelligenz und

dem darauf fälschlich gegründeten theologischen System der Natur

(Physikotheologie) in die Augen. Denn da dienen alle sich in der Natur

zeigenden, oft nur von uns selbst dazu gemachten Zwecke dazu, es uns

in der Erforschung der Ursachen recht bequem zu machen, nämlich,

anstatt sie in den allgemeinen Gesetzen des Mechanismus der Materie zu

suchen, sich geradezu auf den unerforschlichen Ratschluß der höchsten

Weisheit zu berufen, und die Vernunftbemühung alsdann für vollendet

anzusehen, wenn man sich ihres Gebrauchs überhebt, der doch nirgend

einen Leitfaden findet, als wo ihn uns die Ordnung der Natur und

die Reihe der Veränderungen, nach ihren inneren und allgemeineren

Gesetzen, an die Hand gibt. Dieser Fehler kann vermieden werden, wenn

wir nicht bloß einige Naturstücke, als z.B. die Verteilung des festen

Landes, das Bauwerk desselben, und die Beschaffenheit und Lage der

Gebirge, oder wohl gar nur die Organisation im Gewächs- und Tierreiche

aus dem Gesichtspunkte der Zwecke betrachten, sondern diese

systematische Einheit der Natur, in Beziehung auf die Idee einer

höchsten Intelligenz, ganz allgemein machen. Denn alsdann legen wir

eine Zweckmäßigkeit nach allgemeinen Gesetzen der Natur zum Grunde,

von denen keine besondere Einrichtung ausgenommen, sondern nur mehr

oder weniger kenntlich für uns ausgezeichnet worden, und haben ein

regulatives Prinzip der systematischen Einheit einer teleologischen

Verknüpfung, die wir aber nicht zum voraus bestimmen, sondern nur

in Erwartung derselben die physischmechanische Verknüpfung nach

allgemeinen Gesetzen verfolgen dürfen. Denn so allein kann das

Prinzip der zweckmäßigen Einheit den Vernunftgebrauch in Ansehung der

Erfahrung jederzeit erweitern, ohne ihm in irgendeinem Falle Abbruch

zu tun.

* So nannten die alten Dialektiker einen Trugschluß, der so lautete:

Wenn es dein Schicksal mit sich bringt, du sollst von dieser

Krankheit genesen, so wird es geschehen, du magst einen Arzt

brauchen, oder nicht. Cicero sagt, daß diese Art zu schließen ihren

Namen daher habe, daß, wenn man ihr folgt, gar kein Gebrauch der

Vernunft im Leben übrig bleibe. Dieses ist die Ursache, warum ich

das sophistische Argument der reinen Vernunft mit demselben Namen

belege.

Der zweite Fehler, der aus der Mißdeutung des gedachten Prinzips der

systematischen Einheit entspringt, ist der der verkehrten Vernunft

(perversa ratio, ysteron proteron rationis). Die Idee der

systematischen Einheit sollte nur dazu dienen, um als regulatives

Prinzip sie in der Verbindung der Dinge nach allgemeinen Naturgesetzen

zu suchen, und, soweit sich etwas davon auf dem empirischen Wege

antreffen läßt, um so viel auch zu glauben, daß man sich der

Vollständigkeit ihres Gebrauchs genähert habe, ob man sie freilich

niemals erreichen wird. Anstatt dessen kehrt man die Sache um,

und fängt davon an, daß man die Wirklichkeit eines Prinzips der

zweckmäßigen Einheit als hypostatisch zum Grunde legt, den Begriff

einer solchen höchsten Intelligenz, weil er an sich gänzlich

unerforschlich ist, anthropomorphistisch bestimmt, und dann der Natur

Zwecke, gewaltsam und diktatorisch, aufdringt, anstatt sie, wie

billig, auf dem Wege der physischen Nachforschung zu suchen, so

daß nicht allein Teleologie, die bloß dazu dienen sollte, um die

Natureinheit nach allgemeinen Gesetzen zu ergänzen, nun vielmehr dahin

wirkt, sie aufzuheben, sondern die Vernunft sich noch dazu selbst um

ihren Zweck bringt, nämlich das Dasein einer solchen intelligenten

obersten Ursache, nach diesem, aus der Natur zu beweisen. Denn, wenn

man nicht die höchste Zweckmäßigkeit in der Natur a priori, d.i. als

zum Wesen derselben gehörig, voraussetzen kann, wie will man denn

angewiesen sein, sie zu suchen und auf der Stufenleiter derselben sich

der höchsten Vollkommenheit eines Urhebers, als einer schlechterdings

notwendigen, mithin a priori erkennbaren Vollkommenheit, zu nähern?

Das regulative Prinzip verlangt, die systematische Einheit als

Natureinheit, welche nicht bloß empirisch erkannt, sondern a priori,

obzwar noch unbestimmt, vorausgesetzt wird, schlechterdings, mithin

als aus dem Wesen der Dinge folgend, vorauszusetzen. Lege ich

aber zuvor ein höchstes ordnendes Wesen zum Grunde, so wird die

Natureinheit in der Tat aufgehoben. Denn sie ist der Natur der Dinge

ganz fremd und zufällig, und kann auch nicht aus allgemeinen Gesetzen

derselben erkannt werden. Daher entspringt ein fehlerhafter Zirkel im

Beweisen, da man das voraussetzt, was eigentlich hat bewiesen werden

sollen.

Das regulative Prinzip der systematischen Einheit der Natur für

ein konstitutives zu nehmen, und, was nur in der Idee zum Grunde

des einhelligen Gebrauchs der Vernunft gelegt wird, als Ursache

hypostatisch voraussetzen, heißt nur die Vernunft verwirren.

Die Naturforschung geht ihren Gang ganz allein an der Kette der

Naturursachen nach allgemeinen Gesetzen derselben, zwar nach der Idee

eines Urhebers, aber nicht um die Zweckmäßigkeit, der sie allerwärts

nachgeht, von demselben abzuleiten, sondern sein Dasein aus dieser

Zweckmäßigkeit, die in den Wesen der Naturdinge gesucht wird,

womöglich auch in den Wesen aller Dinge überhaupt, mithin als

schlechthin notwendig zu erkennen. Das Letztere mag nun gelingen oder

nicht, so bleibt die Idee immer richtig, und ebensowohl auch deren

Gebrauch, wenn er auf die Bedingungen eines bloß regulativen Prinzips

restringiert worden.

Vollständige zweckmäßige Einheit ist Vollkommenheit (schlechthin

betrachtet). Wenn wir diese nicht in dem Wesen der Dinge, welche den

ganzen Gegenstand der Erfahrung, d.i. aller unserer objektiv gültigen

Erkenntnis, ausmachen, mithin in allgemeinen und notwendigen

Naturgesetzen finden; wie wollen wir daraus gerade auf die Idee einer

höchsten und schlechthin notwendigen Vollkommenheit eines Urwesens

schließen, welches der Ursprung aller Kausalität ist? Die größte

systematische, folglich auch die zweckmäßige Einheit ist die Schule

und selbst die Grundlage der Möglichkeit des größten Gebrauchs der

Menschenvernunft. Die Idee derselben ist also mit dem Wesen unserer

Vernunft unzertrennlich verbunden. Eben dieselbe Idee ist also für uns

gesetzgebend, und so ist es sehr natürlich, eine ihr korrespondierende

gesetzgebende Vernunft (intellectus archetypus) anzunehmen, von der

alle systematische Einheit der Natur, als dem Gegenstande unserer

Vernunft, abzuleiten sei.

Wir haben bei Gelegenheit der Antinomie der reinen Vernunft gesagt:

daß alle Fragen, welche die reine Vernunft aufwirft, schlechterdings

beantwortlich sein müssen, und daß die Entschuldigung mit den

Schranken unserer Erkenntnis, die in vielen Naturfragen ebenso

unvermeidlich als billig ist, hier nicht gestattet werden könne, weil

uns hier nicht von der Natur der Dinge, sondern allein durch die Natur

der Vernunft und lediglich über ihre innere Einrichtung, die Fragen

vorgelegt werden. Jetzt können wir diese dem ersten Anscheine nach

kühne Behauptung in Ansehung der zwei Fragen, wobei die reine Vernunft

ihr größtes Interesse hat, bestätigen, und dadurch unsere Betrachtung

über die Dialektik derselben zur gänzlichen Vollendung bringen.

Frägt man denn also (in Absicht auf eine transzendentale Theologie)*

erstlich: ob es etwas von der Welt Unterschiedenes gebe, was den Grund

der Weltordnung und ihres Zusammenhanges nach allgemeinen Gesetzen

enthalte, so ist die Antwort: ohne Zweifel. Denn die Welt ist eine

Summe von Erscheinungen, es muß also irgendein transzendentaler, d.i.

bloß dem reinen Verstande denkbarer Grund derselben sein. Ist zweitens

die Frage: ob dieses Wesen Substanz, von der größten Realität,

notwendig usw. sei; so antworte ich: daß diese Frage gar keine

Bedeutung habe. Denn alle Kategorien, durch welche ich mir einen

Begriff von einem solchen Gegenstande zu machen versuche, sind von

keinem anderen als empirischen Gebrauche, und haben gar keinen

Sinn, wenn sie nicht auf Objekte möglicher Erfahrung, d.i. auf die

Sinnenwelt angewandt werden. Außer diesem Felde sind sie bloß Titel zu

Begriffen, die man einräumen, dadurch man aber auch nichts verstehen

kann. Ist endlich drittens die Frage: ob wir nicht wenigstens dieses

von der Welt unterschiedene Wesen nach einer Analogie mit den

Gegenständen der Erfahrung denken dürfen? so ist die Antwort:

allerdings, aber nur als Gegenstand in der Idee und nicht in der

Realität, nämlich nur, sofern er ein uns unbekanntes Substratum der

systematischen Einheit, Ordnung und Zweckmäßigkeit der Welteinrichtung

ist, welche sich die Vernunft zum regulativen Prinzip ihrer

Naturforschung machen muß. Noch mehr, wir können in dieser Idee

gewisse Anthropomorphismen, die dem gedachten regulativen Prinzip

beförderlich sind, ungescheut und ungetadelt erlauben. Denn es ist

immer nur eine Idee, die gar nicht direkt auf ein von der Welt

unterschiedenes Wesen, sondern auf das regulative Prinzip der

systematischen Einheit der Welt, aber nur vermittelst eines Schema

derselben, nämlich einer obersten Intelligenz, die nach weisen

Absichten Urheber derselben sei, bezogen wird. Was dieser Urgrund

der Welteinheit an sich selbst sei, hat dadurch nicht gedacht werden

sollen, sondern wie wir ihn, oder vielmehr seine Idee, relativ auf den

systematischen Gebrauch der Vernunft in Ansehung der Dinge der Welt,

brauchen sollen.

* Dasjenige, was ich schon vorher von der psychologischen Idee und

deren eigentlichen Bestimmung, als Prinzips zum bloß regulativen

Vernunftgebrauch, gesagt habe, überhebt mich der Weitläufigkeit, die

transzendentale Illusion, nach der jene systematische Einheit aller

Mannigfaltigkeit des inneren Sinnes hypostatisch vorgestellt wird,

noch besonders zu erörtern. Das Verfahren hierbei ist demjenigen

sehr ähnlich, welches die Kritik in Ansehung des theologischen

Ideals beobachtet.

Auf solche Weise aber können wir doch (wird man fortfahren zu fragen)

einen einigen weisen und allgewaltigen Welturheber annehmen? Ohne

allen Zweifel; und nicht allein dies, sondern wir müssen einen solchen

voraussetzen. Aber alsdann erweitern wir doch unsere Erkenntnis über

das Feld möglicher Erfahrung? Keineswegs. Denn wir haben nur ein Etwas

vorausgesetzt, wovon wir gar keinen Begriff haben, was es an sich

selbst sei (einen bloß transzendentalen Gegenstand), aber, in

Beziehung auf die systematische und zweckmäßige Ordnung des Weltbaues,

welche wir, wenn wir die Natur studieren, voraussetzen müssen, haben

wir jenes uns unbekannte Wesen nur nach der Analogie mit einer

Intelligenz (ein empirischer Begriff) gedacht, d.i. es in Ansehung der

Zwecke und der Vollkommenheit, die sich auf demselben gründen, gerade

mit denen Eigenschaften begabt, die nach den Bedingungen unserer

Vernunft den Grund einer solchen systematischen Einheit enthalten

können. Diese Idee ist also respektiv auf den Weltgebrauch unserer

Vernunft ganz gegründet. Wollten wir ihr aber schlechthin objektive

Gültigkeit erteilen, so würden wir vergessen, daß es lediglich ein

Wesen in der Idee sei, das wir denken, und, indem wir alsdann von

einem durch die Weltbetrachtung gar nicht bestimmbaren Grunde

anfingen, würden wir dadurch außerstand gesetzt, dieses Prinzip dem

empirischen Vernunftgebrauch angemessen anzuwenden.

Aber (wird man ferner fragen) auf solche Weise kann ich doch von

dem Begriffe und der Voraussetzung eines höchsten Wesens in der

vernünftigen Weltbetrachtung Gebrauch machen? Ja, dazu war auch

eigentlich diese Idee von der Vernunft zum Grunde gelegt. Allein darf

ich nun zweckähnliche Anordnungen als Absichten ansehen, indem ich sie

vom göttlichen Willen, obzwar vermittelst besonderer dazu in der Welt

darauf gestellten Anlagen, ableite? Ja, das könnt ihr auch tun, aber

so, daß es euch gleich viel gelten muß, ob jemand sage, die göttliche

Weisheit hat alles so zu seinen obersten Zwecken geordnet, oder die

Idee der höchsten Weisheit ist ein Regulativ in der Nachforschung der

Natur und ein Prinzip der systematischen und zweckmäßigen Einheit

derselben nach allgemeinen Naturgesetzen, auch selbst da, wo wir jene

nicht gewahr werden, d.i. es muß euch da, wo ihr sie wahrnehmt, völlig

einerlei sein, zu sagen: Gott hat es weislich so gewollt, oder die

Natur hat es also weislich geordnet. Denn die größte systematische und

zweckmäßige Einheit, welche eure Vernunft aller Naturforschung als

regulatives Prinzip zum Grunde zu legen verlangte, war eben das, was

euch berechtigte, die Idee einer höchsten Intelligenz als ein Schema

des regulativen Prinzips zum Grunde zu legen, und, so viel ihr nun,

nach demselben, Zweckmäßigkeit in der Welt antrefft, so viel habt ihr

Bestätigung der Rechtmäßigkeit eurer Idee; da aber gedachtes Prinzip

nichts anderes zur Absicht hatte, als notwendige und größtmögliche

Natureinheit zu suchen, so werden wir diese zwar, so weit als wir sie

erreichen, der Idee eines höchsten Wesens zu danken haben, können aber

die allgemeinen Gesetze der Natur, als in Absicht auf welche die Idee

nur zum Grunde gelegt wurde, ohne mit uns selbst in Widerspruch zu

geraten, nicht vorbeigehen, um diese Zweckmäßigkeit der Natur als

zufällig und hyperphysisch ihrem Ursprunge nach anzusehen, weil wir

nicht berechtigt waren, ein Wesen über die Natur von den gedachten

Eigenschaften anzunehmen, sondern nur die Idee desselben zum Grunde zu

legen, um nach der Analogie einer Kausalbestimmung der Erscheinungen

als systematisch untereinander verknüpft anzusehen.

Eben daher sind wir auch berechtigt, die Weltursache in der Idee nicht

allein nach einem subtileren Anthropomorphismus (ohne welchen sich

gar nichts von ihm denken lassen würde), nämlich als ein Wesen, was

Verstand, Wohlgefallen und Mißfallen, imgleichen eine demselben gemäße

Begierde und Willen hat usw. zu denken, sondern demselben unendliche

Vollkommenheit beizulegen, die also diejenige weit übersteigt, dazu

wir durch empirische Kenntnis der Weltordnung berechtigt sein können.

Denn das regulative Gesetz der systematischen Einheit will, daß wir

die Natur so studieren sollen, als ob allenthalben ins Unendliche

systematische und zweckmäßige Einheit, bei der größtmöglichen

Mannigfaltigkeit, angetroffen würde. Denn, wiewohl wir nur wenig

von dieser Weltvollkommenheit ausspähen, oder erreichen werden, so

gehört es doch zur Gesetzgebung unserer Vernunft, sie allerwärts zu

suchen und zu vermuten, und es muß uns jederzeit vorteilhaft sein,

niemals aber kann es nachteilig werden, nach diesem Prinzip die

Naturbetrachtung anzustellen. Es ist aber, unter dieser Vorstellung,

der zum Grunde gelegten Idee eines höchsten Urhebers, auch klar: daß

ich nicht das Dasein und die Kenntnis eines solchen Wesens, sondern

nur die Idee desselben zum Grunde lege, und also eigentlich nichts von

diesem Wesen, sondern bloß von der Idee desselben, d.i. von der Natur

der Dinge der Welt, nach einer solchen Idee, ableite. Auch scheint

ein gewisses, obzwar unentwickeltes Bewußtsein, des echten Gebrauchs

dieses unseren Vernunftbegriffs, die bescheidene und billige Sprache

der Philosophen aller Zeiten veranlaßt zu haben, da sie von der

Weisheit und Vorsorge der Natur, und der göttlichen Weisheit, als

gleichbedeutenden Ausdrücken reden, ja den ersteren Ausdruck, so lange

es um bloß spekulative Vernunft zu tun ist, vorziehen, weil er die

Anmaßung einer größeren Behauptung, als die ist, wozu wir befugt sind,

zurückhält, und zugleich die Vernunft auf ihr eigentümliches Feld, die

Natur, zurückweist.

So enthält die reine Vernunft, die uns anfangs nichts Geringeres,

als Erweiterung der Kenntnisse über alle Grenzen der Erfahrung,

zu versprechen schiene, wenn wir sie recht verstehen, nichts als

regulative Prinzipien, die zwar größere Einheit gebieten, als der

empirische Verstandesgebrauch erreichen kann, aber eben dadurch,

daß sie das Ziel der Annäherung desselben so weit hinausrücken, die

Zusammenstimmung desselben mit sich selbst durch systematische Einheit

zum höchsten Grade bringen, wenn man sie aber mißversteht, und sie für

konstitutive Prinzipien transzendenter Erkenntnisse hält, durch einen

zwar glänzenden, aber trüglichen Schein, Überredung und eingebildetes

Wissen, hiermit aber ewige Widersprüche und Streitigkeiten

hervorbringen.

* *

*

So fängt denn alle menschliche Erkenntnis mit Anschauungen an, geht

von da zu Begriffen, und endigt mit Ideen. Ob sie zwar in Ansehung

aller dreien Elemente Erkenntnisquellen a priori hat, die beim

ersten Anblicke die Grenzen aller Erfahrung zu verschmähen scheinen,

so überzeugt doch eine vollendete Kritik, daß alle Vernunft im

spekulativen Gebrauche mit diesen Elementen niemals über das Feld

möglicher Erfahrung hinauskommen könne, und daß die eigentliche

Bestimmung dieses obersten Erkenntnisvermögens sei, sich aller

Methoden und der Grundsätze derselben nur zu bedienen, um der Natur

nach allen möglichen Prinzipien der Einheit, worunter die der Zwecke

die vornehmste ist, bis in ihr Innerstes nachzugehen, niemals aber

ihre Grenze zu überfliegen, außerhalb welcher für uns nichts als

leerer Raum ist. Zwar hat uns die kritische Untersuchung aller Sätze,

welche unsere Erkenntnis über die wirkliche Erfahrung hinaus erweitern

können, in der transzendentalen Analytik hinreichend überzeugt, daß

sie niemals zu etwas mehr, als einer möglichen Erfahrung leiten

können, und, wenn man nicht selbst gegen die klarsten oder abstrakten

und allgemeinen Lehrsätze mißtrauisch wäre, wenn nicht reizende und

scheinbare Aussichten uns lockten, den Zwang der ersteren abzuwerfen,

so hätten wir allerdings der mühsamen Abhörung aller dialektischen

Zeugen, die eine transzendente Vernunft zum Behuf ihrer Anmaßungen

auftreten läßt, überhoben sein können; denn wir wußten es schon zum

voraus mit völliger Gewißheit, daß alles Vorgeben derselben zwar

vielleicht ehrlich gemeint, aber schlechterdings nichtig sein müsse,

weil es eine Kundschaft betraf, die kein Mensch jemals bekommen kann.

Allein, weil doch des Redens kein Ende wird, wenn man nicht hinter

die wahre Ursache des Scheins kommt, wodurch selbst der Vernünftigste

hintergangen werden kann, und die Auflösung aller unserer

transzendenten Erkenntnis in ihre Elemente (als ein Studium unserer

inneren Natur) an sich selbst keinen geringen Wert hat, dem

Philosophen aber sogar Pflicht ist, so war es nicht allein nötig,

diese ganze, obzwar eitle Bearbeitung der spekulativen Vernunft bis

zu ihren ersten Quellen ausführlich nachzusuchen, sondern, da der

dialektische Schein hier nicht allein dem Urteile nach täuschend,

sondern auch dem Interesse nach, das man hier am Urteile nimmt,

anlockend, und jederzeit natürlich ist, und so in alle Zukunft

bleiben wird, so war es ratsam, gleichsam die Akten dieses Prozesses

ausführlich abzufassen, und sie im Archive der menschlichen Vernunft,

zur Verhütung künftiger Irrungen ähnlicher Art, niederzulegen.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 68 / 70 题