Kann man die Vernunft isolieren, und ist sie alsdann noch ein eigener
Quell von Begriffen und Urteilen, die lediglich aus ihr entspringen,
und dadurch sie sich auf Gegenstände bezieht, oder ist sie ein bloß
subalternes Vermögen, gegebenen Erkenntnissen eine gewisse Form zu
geben, welche logisch heißt, und wodurch die Verstandeserkenntnisse
nur einander und niedrige Regeln anderen höheren (deren Bedingung die
Bedingung der ersteren in ihrer Sphäre befaßt) untergeordnet werden,
so viel sich durch die Vergleichung derselben will bewerkstelligen
lassen? Dies ist die Frage, mit der wir uns jetzt nur vorläufig
beschäftigen. In der Tat ist Mannigfaltigkeit der Regeln und Einheit
der Prinzipien eine Forderung der Vernunft, um den Verstand mit sich
selbst in durchgängigen Zusammenhang zu bringen, so wie der Verstand
das Mannigfaltige der Anschauung unter Begriffe und dadurch jene in
Verknüpfung bringt. Aber ein solcher Grundsatz schreibt den Objekten
kein Gesetz vor, und enthält nicht den Grund der Möglichkeit, sie als
solche überhaupt zu erkennen und zu bestimmen, sondern ist bloß ein
subjektives Gesetz der Haushaltung mit dem Vorrate unseres Verstandes,
durch Vergleichung seiner Begriffe, den allgemeinen Gebrauch derselben
auf die kleinstmögliche Zahl derselben zu bringen, ohne daß man
deswegen von den Gegenständen selbst eine solche Einhelligkeit, die
der Gemächlichkeit und Ausbreitung unseres Verstandes Vorschub tue,
zu fordern, und jener Maxime zugleich objektive Gültigkeit zu geben,
berechtigt wäre. Mit einem Worte, die Frage ist: ob Vernunft an sich
d.i. die reine Vernunft a priori synthetische Grundsätze und Regeln
enthalte, und worin diese Prinzipien bestehen mögen?
Das formale und logische Verfahren derselben in Vernunftschlüssen gibt
uns hierüber schon hinreichende Anleitung, auf welchem Grunde das
transzendentale Prinzipium derselben in der synthetischen Erkenntnis
durch reine Vernunft beruhen werde.
Erstlich geht der Vernunftschluß nicht auf Anschauungen, um dieselbe
unter Regeln zu bringen (wie der Verstand mit seinen Kategorien),
sondern auf Begriffe und Urteile. Wenn also reine Vernunft auch auf
Gegenstände geht, so hat sie doch darauf und deren Anschauung keine
unmittelbare Beziehung, sondern nur auf den Verstand und dessen
Urteile, welche sich zunächst an die Sinne und deren Anschauung
wenden, um diesen ihren Gegenstand zu bestimmen. Vernunfteinheit ist
also nicht Einheit einer möglichen Erfahrung, sondern von dieser,
als der Verstandeseinheit, wesentlich unterschieden. Daß alles, was
geschieht, eine Ursache habe, ist gar kein durch Vernunft erkannter
und vorgeschriebener Grundsatz. Er macht die Einheit der Erfahrung
möglich und entlehnt nichts von der Vernunft, welche, ohne diese
Beziehung auf mögliche Erfahrung, aus bloßen Begriffen keine solche
synthetische Einheit hätte gebieten können.
Zweitens sucht die Vernunft in ihrem logischen Gebrauche die
allgemeine Bedingung ihres Urteils (des Schlußsatzes), und der
Vernunftschluß ist selbst nichts anderes als ein Urteil, vermittelst
der Subsumtion seiner Bedingung unter eine allgemeine Regel
(Obersatz). Da nun diese Regel wiederum eben demselben Versuche der
Vernunft ausgesetzt ist, und dadurch die Bedingung der Bedingung
(vermittelst eines Prosyllogismus) gesucht werden muß, so lange es
angeht, so sieht man wohl, der eigentümliche Grundsatz der Vernunft
überhaupt (im logischen Gebrauche) sei: zu dem bedingten Erkenntnisse
des Verstandes das Unbedingte zu finden, womit die Einheit desselben
vollendet wird.
Diese logische Maxime kann aber nicht anders ein Prinzipium der reinen
Vernunft werden, als dadurch, daß man annimmt: wenn das Bedingte
gegeben ist, so sei auch die ganze Reihe einander untergeordneter
Bedingungen, die mithin selbst unbedingt ist, gegeben, (d.i. in dem
Gegenstande und seiner Verknüpfung enthalten).
Ein solcher Grundsatz der reinen Vernunft ist aber offenbar
synthetisch; denn das Bedingte bezieht sich analytisch zwar auf
irgendeine Bedingung, aber nicht aufs Unbedingte. Es müssen aus
demselben auch verschiedene synthetische Sätze entspringen, wovon
der reine Verstand nichts weiß, als der nur mit Gegenständen einer
möglichen Erfahrung zu tun hat, deren Erkenntnis und Synthesis
jederzeit bedingt ist. Das Unbedingte aber, wenn es wirklich statthat,
kann besonders erwogen werden, nach allen den Bestimmungen, die es
von jedem Bedingten unterscheiden, und muß dadurch Stoff zu manchen
synthetischen Sätzen a priori geben.
Die aus diesem obersten Prinzip der reinen Vernunft entspringenden
Grundsätze werden aber in Ansehung aller Erscheinungen transzendent
sein, d.i. es wird kein ihm adäquater empirischer Gebrauch von
demselben jemals gemacht werden können. Er wird sich also von allen
Grundsätzen des Verstandes (deren Gebrauch völlig immanent ist, indem
sie nur die Möglichkeit der Erfahrung zu ihrem Thema haben,) gänzlich
unterscheiden. Ob nun jener Grundsatz: daß sich die Reihe der
Bedingungen (in der Synthesis der Erscheinungen, oder auch des Denkens
der Dinge überhaupt,) bis zum Unbedingten erstrecke, seine objektive
Richtigkeit habe, oder nicht; welche Folgerungen daraus auf den
empirischen Verstandesgebrauch fließen, oder ob es vielmehr überall
keinen dergleichen objektivgültigen Vernunftsatz gebe, sondern
eine bloß logische Vorschrift, sich im Aufsteigen zu immer höheren
Bedingungen, der Vollständigkeit derselben zu nähern und dadurch die
höchste uns mögliche Vernunfteinheit in unsere Erkenntnis zu bringen;
ob, sage ich, dieses Bedürfnis der Vernunft durch einen Mißverstand
für einen transzendentalen Grundsatz der reinen Vernunft gehalten
worden, der eine solche unbeschränkte Vollständigkeit übereilterweise
von der Reihe der Bedingungen in den Gegenständen selbst postuliert;
was aber auch in diesem Falle für Mißdeutungen und Verblendungen in
die Vernunftschlüsse, deren Obersatz aus reiner Vernunft genommen
worden, (und der vielleicht mehr Petition als Postulat ist,) und die
von der Erfahrung aufwärts zu ihren Bedingungen steigen, einschleichen
mögen: das wird unser Geschäft in der transzendentalen Dialektik sein,
welche wir jetzt aus ihren Quellen, die tief in der menschlichen
Vernunft verborgen sind, entwickeln wollen. Wir werden sie in zwei
Hauptstücke teilen, deren erstere von den transzendenten Begriffen
der reinen Vernunft, der zweite von transzendenten und dialektischen
Vernunftsschlüssen derselben handeln soll.
Der transzendentalen Dialektik
Erstes Buch
Von den Begriffen der reinen Vernunft
Was es auch mit der Möglichkeit der Begriffe aus reiner Vernunft für
eine Bewandtnis haben mag: so sind sie doch nicht bloß reflektierte,
sondern geschlossene Begriffe. Verstandesbegriffe werden auch a priori
vor der Erfahrung und zum Behuf derselben gedacht; aber sie enthalten
nichts weiter, als die Einheit der Reflexion über die Erscheinungen,
insofern sie notwendig zu einem möglichen empirischen Bewußtsein
gehören sollen. Durch sie allein wird Erkenntnis und Bestimmung eines
Gegenstandes möglich. Sie geben also zuerst Stoff zum Schließen, und
vor ihnen gehen keine Begriffe a priori von Gegenständen vorher,
aus denen sie könnten geschlossen werden. Dagegen gründet sich
ihre objektive Realität doch lediglich darauf: daß, weil sie die
intellektuelle Form aller Erfahrung ausmachen, ihre Anwendung
jederzeit in der Erfahrung muß gezeigt werden können.
Die Benennung eines Vernunftbegriffs aber zeigt schon vorläufig: daß
er sich nicht innerhalb der Erfahrung wolle beschränken lassen, weil
er eine Erkenntnis betrifft, von der jede empirische nur ein Teil ist,
(vielleicht das Ganze der möglichen Erfahrung oder ihrer empirischen
Synthesis,) bis dahin zwar keine wirkliche Erfahrung jemals völlig
zureicht, aber doch jederzeit dazu gehörig ist. Vernunftbegriffe
dienen zum Begreifen, wie Verstandesbegriffe zum Verstehen (der
Wahrnehmungen). Wenn sie das Unbedingte enthalten, so betreffen sie
etwas, worunter alle Erfahrung gehört, welches selbst aber niemals
ein Gegenstand der Erfahrung ist: etwas, worauf die Vernunft in ihren
Schlüssen aus der Erfahrung führt, und wornach sie den Grad ihres
empirischen Gebrauchs schätzt und abmißt, niemals aber ein Glied der
empirischen Synthesis ausmacht. Haben dergleichen Begriffe dessen
ungeachtet, objektive Gültigkeit, so können sie conceptus ratiocinati
(richtig geschlossene Begriffe) heißen; wo nicht, so sind sie
wenigstens durch einen Schein des Schließens erschlichen, und mögen
conceptus ratiocinantes (vernünftelnde Begriffe) genannt werden.
Da dieses aber allererst in dem Hauptstücke von den dialektischen
Schlüssen der reinen Vernunft ausgemacht werden kann, so können wir
darauf noch nicht Rücksicht nehmen, sondern werden vorläufig, so wie
wir die reinen Verstandesbegriffe Kategorien nannten, die Begriffe der
reinen Vernunft mit einem neuen Namen belegen und sie transzendentale
Ideen nennen, diese Benennung aber jetzt erläutern und rechtfertigen.
Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
Erster Abschnitt
Von den Ideen überhaupt
Bei dem großen Reichtum unserer Sprachen findet sich doch oft der
denkende Kopf wegen des Ausdrucks verlegen, der seinem Begriffe genau
anpaßt, und in dessen Ermanglung er weder anderen, noch sogar sich
selbst recht verständlich werden kann. Neue Wörter zu schmieden, ist
eine Anmaßung zum Gesetzgeben in Sprachen, die selten gelingt, und ehe
man zu diesem verzweifelten Mittel schreitet, ist es ratsam, sich in
einer toten und gelehrten Sprache umzusehen, ob sich daselbst nicht
dieser Begriff samt seinem angemessenen Ausdrucke vorfinde, und wenn
der alte Gebrauch desselben durch Unbehutsamkeit ihrer Urheber auch
etwas schwankend geworden wäre, so ist es doch besser, die Bedeutung,
die ihm vorzüglich eigen war, zu befestigen, (sollte es auch
zweifelhaft bleiben, ob man damals genau ebendieselbe im Sinne gehabt
habe,) als sein Geschäft nur dadurch zu verderben, daß man sich
unverständlich machte.
Um deswillen, wenn sich etwa zu einem gewissen Begriffe nur ein
einziges Wort vorfände, das in schon eingeführter Bedeutung diesem
Begriffe genau anpaßt, dessen Unterscheidung von anderen verwandten
Begriffen von großer Wichtigkeit ist, so ist es ratsam, damit nicht
verschwenderisch umzugehen, oder es bloß zur Abwechslung, synonymisch,
statt anderer zu gebrauchen, sondern ihm seine eigentümliche Bedeutung
sorgfältig aufzubehalten; weil es sonst leichtlich geschieht, daß,
nachdem der Ausdruck die Aufmerksamkeit nicht besonders beschäftigt,
sondern sich unter dem Haufen anderer von sehr abweichender Bedeutung
verliert, auch der Gedanke verloren gehe, den er allein hätte
aufbehalten können.
Plato bediente sich des Ausdrucks Idee so, daß man wohl sieht, er habe
darunter etwas verstanden, was nicht allein niemals von den Sinnen
entlehnt wird, sondern welches sogar die Begriffe des Verstandes, mit
denen sich Aristoteles beschäftigte, weit übersteigt, indem in der
Erfahrung niemals etwas damit Kongruierendes angetroffen wird. Die
Ideen sind bei ihm Urbilder der Dinge selbst, und nicht bloß Schlüssel
zu möglichen Erfahrungen, wie die Kategorien. Nach seiner Meinung
flossen sie aus der höchsten Vernunft aus, von da sie der
menschlichen zuteil geworden, die sich aber jetzt nicht mehr in ihrem
ursprünglichen Zustande befindet, sondern mit Mühe die alten, jetzt
sehr verdunkelten, Ideen durch Erinnerung (die Philosophie heißt)
zurückrufen muß. Ich will mich hier in keine literarische Untersuchung
einlassen, um den Sinn auszumachen, den der erhabene Philosoph
mit seinem Ausdrucke verband. Ich merke nur an, daß es gar nichts
Ungewöhnliches sei, sowohl im gemeinen Gespräche, als in Schriften,
durch die Vergleichung der Gedanken, welche ein Verfasser über seinen
Gegenstand äußert, ihn sogar besser zu verstehen, als er sich selbst
verstand, indem er seinen Begriff nicht genugsam bestimmte, und
dadurch bisweilen seiner eigenen Absicht entgegen redete, oder auch
dachte.
Plato bemerkte sehr wohl, daß unsere Erkenntniskraft ein weit höheres
Bedürfnis fühle, als bloß Erscheinungen nach synthetischer Einheit
buchstabieren, um sie als Erfahrung lesen zu können, und daß unsere
Vernunft natürlicherweise sich zu Erkenntnissen aufschwinge, die viel
weiter gehen, als daß irgendein Gegenstand, den Erfahrung geben kann,
jemals mit ihnen kongruieren könne, die aber nichtsdestoweniger ihre
Realität haben und keineswegs bloße Hirngespinste sind.
Plato fand seine Ideen vorzüglich in allem was praktisch ist*, d.i.
auf Freiheit beruht, welche ihrerseits unter Erkenntnissen steht, die
ein eigentümliches Produkt der Vernunft sind. Wer die Begriffe der
Tugend aus Erfahrung schöpfen wollte, wer das, was nur allenfalls als
Beispiel zur unvollkommenen Erläuterung dienen kann, als Muster zum
Erkenntnisquell machen wollte (wie wirklich viele getan haben), der
würde aus der Tugend ein nach Zeit und Umständen wandelbares, zu
keiner Regel brauchbares zweideutiges Unding machen. Dagegen wird ein
jeder inne, daß, wenn ihm jemand als Muster der Tugend vorgestellt
wird, er doch immer das wahre Original bloß in seinem eigenen Kopfe
habe, womit er dieses angebliche Muster vergleicht, und es bloß
darnach schätzt. Dieses ist aber die Idee der Tugend, in Ansehung
deren alle möglichen Gegenstände der Erfahrung zwar als Beispiele,
(Beweise der Tunlichkeit desjenigen im gewissen Grade, was der Begriff
der Vernunft heischt,) aber nicht als Urbilder Dienste tun. Daß
niemals ein Mensch demjenigen adäquat handeln werde, was die reine
Idee der Tugend enthält, beweist gar nicht etwas Chimärisches in
diesem Gedanken. Denn es ist gleichwohl alles Urteil, über den
moralischen Wert oder Unwert, nur vermittelst dieser Idee möglich;
mithin liegt sie jeder Annäherung zur moralischen Vollkommenheit
notwendig zum Grunde, soweit auch die ihrem Grade nach nicht zu
bestimmenden Hindernisse in der menschlichen Natur uns davon entfernt
halten mögen.
* Er dehnte seinen Begriff freilich auch auf spekulative Erkenntnisse
aus, wenn sie nur rein und völlig a priori gegeben waren, sogar über
die Mathematik, ob diese gleich ihren Gegenstand nirgend anders,
als in der möglichen Erfahrung hat. Hierin kann ich ihm nun nicht
folgen, so wenig als in der mystischen Deduktion dieser Ideen, oder
den Übertreibungen, dadurch er sie gleichsam hypostasierte; wiewohl
die hohe Sprache, deren er sich in diesem Felde bediente, einer
milderen und der Natur der Dinge angemessenen Auslegung ganz wohl
fähig ist.
Die platonische Republik ist, als ein vermeintlich auffallendes
Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müßigen
Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprichwort geworden, und Brucker
findet es lächerlich, daß der Philosoph behauptete, niemals würde ein
Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein
man würde besser tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo
der vortreffliche Mann uns ohne Hilfe läßt) durch neue Bemühung in
Licht zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden und schädlichen
Vorwande der Untunlichkeit, als unnütz beiseite zu stellen. Eine
Verfassung von der größten menschlichen Freiheit nach Gesetzen, welche
machen, daß jedes Freiheit mit der anderen ihrer zusammen bestehen
kann, (nicht von der größten Glückseligkeit, denn diese wird schon
von selbst folgen;) ist doch wenigstens eine notwendige Idee, die man
nicht bloß im ersten Entwurfe einer Staatsverfassung, sondern auch bei
allen Gesetzen zum Grunde legen muß, und wobei man anfänglich von den
gegenwärtigen Hindernissen abstrahieren muß, die vielleicht nicht
sowohl aus der menschlichen Natur unvermeidlich entspringen mögen,
als vielmehr aus der Vernachlässigung der echten Ideen bei der
Gesetzgebung. Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen
Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf
vergeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht existieren
würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen
würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe, eben darum, weil sie
aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten.
Je übereinstimmender die Gesetzgebung und Regierung mit dieser Idee
eingerichtet wären, desto seltener würden allerdings die Strafen
werden, und da ist es denn ganz vernünftig, (wie Plato behauptet), daß
bei einer vollkommenen Anordnung derselben gar keine dergleichen nötig
sein würden. Ob nun gleich das letztere niemals zustande kommen mag,
so ist die Idee doch ganz richtig, welche dieses Maximum zum Urbilde
aufstellt, um nach demselben die gesetzliche Verfassung der Menschen
der möglich größten Vollkommenheit immer näher zu bringen. Denn
welches der höchste Grad sein mag, bei welchem die Menschheit
stehenbleiben müsse, und wie groß also die Kluft, die zwischen der
Idee und ihrer Ausführung notwendig übrigbleibt, sein möge, das kann
und soll niemand bestimmen, eben darum, weil es Freiheit ist, welche
jede angegebene Grenze übersteigen kann.
Aber nicht bloß in demjenigen, wobei die menschliche Vernunft
wahrhafte Kausalität zeigt, und wo Ideen wirkende Ursachen (der
Handlungen und ihrer Gegenstände) werden, nämlich in Sittlichen,
sondern auch in Ansehung der Natur selbst, sieht Plato mit Recht
deutliche Beweise ihres Ursprungs aus Ideen. Ein Gewächs, ein Tier,
die regelmäßige Anordnung des Weltbaues (vermutlich also auch die
ganze Naturordnung) zeigen deutlich, daß sie nur nach Ideen möglich
sind; daß zwar kein einzelnes Geschöpf, unter den einzelnen
Bedingungen seines Daseins, mit der Idee des Vollkommensten seiner Art
kongruiere (so wenig wie der Mensch mit der Idee der Menschheit, die
er sogar selbst als das Urbild seiner Handlungen in seiner Seele
trägt,) daß gleichwohl jene Ideen im höchsten Verstande einzeln,
unveränderlich, durchgängig bestimmt, und die ursprünglichen Ursachen
der Dinge sind, und nur das Ganze ihrer Verbindung im Weltall einzig
und allein jener Idee völlig adäquat sei. Wenn man das Übertriebene
des Ausdrucks absondert, so ist der Geistesschwung des Philosophen,
von der copeilichen Betrachtung des Physischen der Weltordnung zu der
architektonischen Verknüpfung derselben nach Zwecken, d.i. nach Ideen,
hinaufzusteigen, eine Bemühung, die Achtung und Nachfolge verdient,
in Ansehung desjenigen aber, was die Prinzipien der Sittlichkeit, der
Gesetzgebung und der Religion betrifft, wo die Ideen die Erfahrung
selbst (des Guten) allererst möglich machen, obzwar niemals darin
völlig ausgedrückt werden können, ein ganz eigentümliches Verdienst,
welches man nur darum nicht erkennt, weil man es durch eben die
empirischen Regeln beurteilt, deren Gültigkeit, als Prinzipien, eben
durch sie hat aufgehoben werden sollen. Denn in Betracht der Natur
gibt uns Erfahrung die Regel an die Hand und ist der Quell der
Wahrheit; in Ansehung der sittlichen Gesetze aber ist Erfahrung
(leider!) die Mutter des Scheins, und es ist höchst verwerflich, die
Gesetze über das, was ich tun soll, von demjenigen herzunehmen, oder
dadurch einschränken zu wollen, was getan wird.
Statt aller dieser Betrachtungen, deren gehörige Ausführung in der
Tat die eigentümliche Würde der Philosophie ausmacht, beschäftigen
wir uns jetzt mit einer nicht so glänzenden, aber doch auch nicht
verdienstlosen Arbeit, nämlich: den Boden zu jenen majestätischen
sittlichen Gebäuden eben und baufest zu machen, in welchem sich
allerlei Maulwurfsgänge einer vergeblich, aber mit guter Zuversicht,
auf Schätze grabenden Vernunft vorfinden, und die jenes Bauwerk
unsicher machen. Der transzendentale Gebrauch der reinen Vernunft,
ihre Prinzipien und Ideen, sind es also, welche genau zu kennen
uns jetzt obliegt, um den Einfluß der reinen Vernunft und den Wert
derselben gehörig bestimmen und schätzen zu können. Doch, ehe ich
diese vorläufige Einleitung beiseite lege, ersuche ich diejenige,
denen Philosophie am Herzen liegt, (welches mehr gesagt ist, als
man gemeiniglich antrifft,) wenn sie sich durch dieses und das
Nachfolgende überzeugt finden sollten, den Ausdruck Idee seiner
ursprünglichen Bedeutung nach in Schutz zu nehmen, damit er nicht
fernerhin unter die übrigen Ausdrücke, womit gewöhnlich allerlei
Vorstellungsarten in sorgloser Unordnung bezeichnet werden, gerate,
und die Wissenschaft dabei einbüße. Fehlt es uns doch nicht an
Benennungen, die jeder Vorstellungsart gehörig angemessen sind, ohne
daß wir nötig haben, in das Eigentum einer anderen einzugreifen. Hier
ist eine Stufenleiter derselben. Die Gattung ist Vorstellung überhaupt
(repraesentatio). Unter ihr steht die Vorstellung mit Bewußtsein
(perceptio). Eine Perception, die sich lediglich auf das Subjekt, als
die Modifikation seines Zustandes bezieht, ist Empfindung (sensatio),
eine objektive Perzeption ist Erkenntnis (cognitio). Diese ist
entweder Anschauung oder Begriff (intuitus vel conceptus). Jene
bezieht sich unmittelbar auf den Gegenstand und ist einzeln; dieser
mittelbar, vermittelst eines Merkmals, was mehreren Dingen gemein sein
kann. Der Begriff ist entweder ein empirischer oder reiner Begriff,
und der reine Begriff, sofern er lediglich im Verstande seinen
Ursprung hat (nicht im reinen Bilde der Sinnlichkeit) heißt Notio. Ein
Begriff aus Notionen, der die Möglichkeit der Erfahrung übersteigt,
ist die Idee, oder der Vernunftbegriff. Dem, der sich einmal an
diese Unterscheidung gewöhnt hat, muß es unerträglich fallen, die
Vorstellung der roten Farbe Idee nennen zu hören. Sie ist nicht einmal
Notion (Verstandesbegriff) zu nennen.
Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
Zweiter Abschnitt
Von den transzendentalen Ideen
Die transzendentale Analytik gab uns ein Beispiel, wie die bloße
logische Form unserer Erkenntnis den Ursprung von reinen Begriffen
a priori enthalten könne, welche vor aller Erfahrung Gegenstände
vorstellen, oder vielmehr die synthetische Einheit anzeigen, welche
allein eine empirische Erkenntnis von Gegenständen möglich macht. Die
Form der Urteile (in einen Begriff von der Synthesis der Anschauungen
verwandelt) brachte Kategorien hervor, welche allen Verstandesgebrauch
in der Erfahrung leiten. Ebenso können wir erwarten, daß die Form
der Vernunftschlüsse, wenn man sie auf die synthetische Einheit der
Anschauungen, nach Maßgebung der Kategorien, anwendet, den Ursprung
besonderer Begriffe a priori enthalten werde, welche wir reine
Vernunftbegriffe, oder transzendentale Ideen nennen können, und
die den Verstandesgebrauch im Ganzen der getarnten Erfahrung nach
Prinzipien bestimmen werden.
Die Funktion der Vernunft bei ihren Schlüssen bestand in der
Allgemeinheit der Erkenntnis nach Begriffen, und der Vernunftschluß
selbst ist ein Urteil, welches a priori in dem ganzen Umfange seiner
Bedingung bestimmt wird. Den Satz: Cajus ist sterblich, könnte ich
auch bloß durch den Verstand aus der Erfahrung schöpfen. Allein ich
suche einen Begriff, der die Bedingung enthält, unter welcher das
Prädikat (Assertion überhaupt) dieses Urteils gegeben wird (d.i. hier,
den Begriff des Menschen;) und nachdem ich unter diese Bedingung,
in ihrem ganzen Umfange genommen, (alle Menschen sind sterblich)
subsumiert habe; so bestimme ich darnach die Erkenntnis meines
Gegenstandes (Cajus ist sterblich).
Demnach restringieren wir in der Conclusion eines Vernunftschlusses
ein Prädikat auf einen gewissen Gegenstand, nachdem wir es vorher in
dem Obersatz in seinem ganzen Umfange unter einer gewissen Bedingung
gedacht haben. Diese vollendete Größe des Umfanges, in Beziehung auf
eine solche Bedingung, heißt die Allgemeinheit (Universalitas). Dieser
entspricht in der Synthesis der Anschauungen die Allheit (Universitas)
oder Totalität der Bedingungen. Also ist der transzendentale
Vernunftbegriff kein anderer, als der von der Totalität der
Bedingungen zu einem gegebenen Bedingten. Da nun das Unbedingte
allein die Totalität der Bedingungen möglich macht, und umgekehrt die
Totalität der Bedingungen jederzeit selbst unbedingt ist; so kann ein
reiner Vernunftbegriff überhaupt durch den Begriff des Unbedingten,
sofern er einen Grund der Synthesis des Bedingten enthält, erklärt
werden.
Soviel Arten des Verhältnisses es nun gibt, die der Verstand
vermittelst der Kategorien sich vorstellt, so vielerlei reine
Vernunftbegriffe wird es auch geben, und es wird also erstlich ein
Unbedingtes der kategorischen Synthesis in einem Subjekt, zweitens
der hypothetischen Synthesis der Glieder einer Reihe, drittens der
disjunktiven Synthesis der Teile in einem System zu suchen sein.
Es gibt nämlich ebensoviel Arten von Vernunftschlüssen, deren jede
durch Prosyllogismen zum Unbedingten fortschreitet, die eine zum
Subjekt, welches selbst nicht mehr Prädikat ist, die andere zur
Voraussetzung, die nichts weiter voraussetzt, und die dritte zu
einem Aggregat der Glieder der Einteilung, zu welchen nichts weiter
erforderlich ist, um die Einteilung eines Begriffs zu vollenden. Daher
sind die reinen Vernunftbegriffe von der Totalität in der Synthesis
der Bedingungen wenigstens als Aufgaben, um die Einheit des
Verstandes, womöglich, bis zum Unbedingten fortzusetzen, notwendig und
in der Natur der menschlichen Vernunft gegründet, es mag auch übrigens
diesen transzendentalen Begriffen an einem ihnen angemessenen Gebrauch
in concreto fehlen, und sie mithin keinen anderen Nutzen haben, als
den Verstand in die Richtung zu bringen, darin sein Gebrauch, indem
er aufs äußerste erweitert, zugleich mit sich selbst durchgehende
einstimmig gemacht wird.
Indem wir aber hier von der Totalität der Bedingungen und dem
Unbedingten, als dem gemeinschaftlichen Titel aller Vernunftbegriffe
reden, so stoßen wir wiederum auf einen Ausdruck, den wir nicht
entbehren und gleichwohl, nach einer ihm durch langen Mißbrauch
anhängenden Zweideutigkeit, nicht sicher brauchen können. Das Wort
absolut ist eines von den wenigen Wörtern, die in ihrer uranfänglichen
Bedeutung einem Begriffe angemessen worden, welchem nach der Hand gar
kein anderes Wort eben derselben Sprache genau anpaßt, und dessen
Verlust, oder welches ebensoviel ist, sein schwankender Gebrauch daher
auch den Verlust des Begriffs selbst nach sich ziehen muß, und zwar
eines Begriffs, der, weil er die Vernunft gar sehr beschäftigt, ohne
großen Nachteil aller transzendentalen Beurteilungen nicht entbehrt
werden kann. Das Wort absolut wird jetzt öfters gebraucht, um bloß
anzuzeigen, daß etwas von einer Sache an sich selbst betrachtet und
also innerlich gelte. In dieser Bedeutung würde absolutmöglich das
bedeuten, was an sich selbst (interne) möglich ist, welches in der Tat
das wenigste ist, was man von einem Gegenstande sagen kann. Dagegen
wird es auch bisweilen gebraucht, um anzuzeigen, daß etwas in aller
Beziehung (uneingeschränkt) gültig ist (z.B. die absolute Herrschaft,)
und absolutmöglich würde in dieser Bedeutung dasjenige bedeuten, was
in aller Absicht in aller Beziehung möglich ist, welches wiederum das
meiste ist, was ich über die Möglichkeit eines Dinges sagen kann. Nun
treffen zwar diese Bedeutungen manchmal zusammen. So ist z.E., was
innerlich unmöglich ist, auch in aller Beziehung, mithin absolut
unmöglich. Aber in den meisten Fällen sind sie unendlich weit
auseinander, und ich kann auf keine Weise schließen, daß, weil etwas
an sich selbst möglich ist, es darum auch in aller Beziehung, mithin
absolut, möglich sei. Ja von der absoluten Notwendigkeit werde ich in
der Folge zeigen, daß sie keineswegs in allen Fällen von der inneren
abhänge, und also mit dieser nicht als gleichbedeutend angesehen
werden müsse. Dessen Gegenteil innerlich unmöglich ist, dessen
Gegenteil ist freilich auch in aller Absicht unmöglich, mithin ist es
selbst absolut notwendig; aber ich kann nicht umgekehrt schließen, was
absolut notwendig ist, dessen Gegenteil ist innerlich unmöglich, d.i.
die absolute Notwendigkeit der Dinge ist eine innere Notwendigkeit;
denn diese innere Notwendigkeit ist in gewissen Fällen ein ganz leerer
Ausdruck, mit welchem wir nicht den mindesten Begriff verbinden
können; dagegen der von der Notwendigkeit eines Dinges in aller
Beziehung (auf alles Mögliche) ganz besondere Bestimmungen bei sich
führt. Weil nun der Verlust eines Begriffs von großer Anwendung in der
spekulativen Weltweisheit dem Philosophen niemals gleichgültig sein
kann, so hoffe ich, es werde ihm die Bestimmung und sorgfältige
Aufbewahrung des Ausdrucks, an dem der Begriff hängt, auch nicht
gleichgültig sein.
In dieser erweiterten Bedeutung werde ich mich dann des Wortes:
absolut, bedienen und es dem bloß komparativ oder in besonderer
Rücksicht Gültigen entgegensetzen; denn dieses letztere ist auf
Bedingungen restringiert, jenes aber gilt ohne Restriktion.
Nun geht der transzendentale Vernunftbegriff jederzeit nur auf die
absolute Totalität in der Synthesis der Bedingungen, und endigt
niemals, als bei den schlechthin, d.i. in jeder Beziehung,
Unbedingten. Denn die reine Vernunft überläßt alles dem Verstande, der
sich zunächst auf die Gegenstände der Anschauung oder vielmehr deren
Synthesis in der Einbildungskraft bezieht. Jene behält sich allein die
absolute Totalität im Gebrauche der Verstandesbegriffe vor, und sucht
die synthetische Einheit, welche in der Kategorie gedacht wird, bis
zum Schlechthinunbedingten hinauszuführen. Man kann daher diese die
Vernunfteinheit der Erscheinungen, so wie jene, welche die Kategorie
ausdrückt, Verstandeseinheit nennen. So bezieht sich demnach die
Vernunft nur auf den Verstandesgebrauch, und zwar nicht sofern dieser
den Grund möglicher Erfahrung enthält, (denn die absolute Totalität
der Bedingungen ist kein in einer Erfahrung brauchbarer Begriff, weil
keine Erfahrung unbedingt ist,) sondern um ihm die Richtung auf eine
gewisse Einheit vorzuschreiben, von der der Verstand keinen Begriff
hat, und die darauf hinausgeht, alle Verstandeshandlungen, in Ansehung
eines jeden Gegenstandes, in ein absolutes Ganze zusammenzufassen.
Daher ist der objektive Gebrauch der reinen Vernunftbegriffe jederzeit
transzendent, indessen daß der von den reinen Verstandesbegriffen,
seiner Natur nach, jederzeit immanent sein muß, indem er sich bloß auf
mögliche Erfahrung einschränkt.
Ich verstehe unter der Idee einen notwendigen Vernunftbegriff, dem
kein kongruierender Gegenstand in den Sinnen gegeben werden kann. Also
sind unsere jetzt erwogenen reinen Vernunftbegriffe transzendentale
Ideen. Sie sind Begriffe der reinen Vernunft; denn sie betrachten
alles Erfahrungserkenntnis als bestimmt durch eine absolute Totalität
der Bedingungen. Sie sind nicht willkürlich erdichtet, sondern durch
die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, und beziehen sich daher
notwendigerweise auf den ganzen Verstandesgebrauch. Sie sind endlich
transzendent und übersteigen die Grenze aller Erfahrung, in welcher
also niemals ein Gegenstand vorkommen kann, der der transzendentalen
Idee adäquat wäre. Wenn man eine Idee nennt, so sagt man dem Objekt
nach (als von einem Gegenstande des reinen Verstandes) sehr viel,
dem Subjekte nach aber (d.i. in Ansehung seiner Wirklichkeit unter
empirischer Bedingung) eben darum sehr wenig, weil sie, als der
Begriff eines Maximum, in concreto niemals kongruent kann gegeben
werden. Weil nun das letztere im bloß spekulativen Gebrauch der
Vernunft eigentlich die ganze Absicht ist, und die Annäherung zu
einem Begriffe, der aber in der Ausübung doch niemals erreicht wird,
ebensoviel ist, als ob der Begriff ganz und gar verfehlt würde, so
heißt es von einem dergleichen Begriffe: er ist nur eine Idee. So
würde man sagen können: das absolute Ganze aller Erscheinungen ist nur
eine Idee, denn, da wir dergleichen niemals im Bilde entwerfen können,
so bleibt es ein Problem ohne alle Auflösung. Dagegen, weil es im
praktischen Gebrauch des Verstandes ganz allein um die Ausübung nach
Regeln zu tun ist, so kann die Idee der praktischen Vernunft jederzeit
wirklich, obzwar nur zum Teil, in concreto gegeben werden, ja sie ist
die unentbehrliche Bedingung jedes praktischen Gebrauchs der Vernunft.
Ihre Ausübung ist jederzeit begrenzt und mangelhaft, aber unter nicht
bestimmbaren Grenzen, also jederzeit unter dem Einflusse des Begriffs
einer absoluten Vollständigkeit. Demnach ist die praktische Idee
jederzeit höchst fruchtbar und in Ansehung der wirklichen Handlungen
unumgänglich notwendig. In ihr hat die reine Vernunft sogar
Kausalität, das wirklich hervorzubringen, was ihr Begriff enthält;
daher kann man von der Weisheit nicht gleichsam geringschätzig sagen:
sie ist nur eine Idee; sondern eben darum, weil sie die Idee von der
notwendigen Einheit aller möglichen Zwecke ist, so muß sie allem
Praktischen als ursprüngliche, zum wenigsten einschränkende, Bedingung
zur Regel dienen.
Ob wir nun gleich von den transzendentalen Vernunftbegriffen sagen
müssen: sie sind nur Ideen, so werden wir sie doch keineswegs für
überflüssig und nichtig anzusehen haben. Denn, wenn schon dadurch
kein Objekt bestimmt werden kann, so können sie doch im Grunde
und unbemerkt dem Verstande zum Kanon seines ausgebreiteten und
einhelligen Gebrauchs dienen, dadurch er zwar keinen Gegenstand mehr
erkennt, als er nach seinen Begriffen erkennen würde, aber doch in
dieser Erkenntnis besser und weiter geleitet wird. Zu geschweigen,
daß sie vielleicht von den Naturbegriffen zu den praktischen einen
Übergang möglich machen, und den moralischen Ideen selbst auf solche
Art Haltung und Zusammenhang mit den spekulativen Erkenntnissen der
Vernunft verschaffen können. Über alles dieses muß man den Aufschluß
in dem Verfolg erwarten.
Unserer Absicht gemäß setzen wir aber hier die praktischen Ideen
beiseite, und betrachten daher die Vernunft nur im spekulativen,
und in diesem noch enger, nämlich nur im transzendentalen Gebrauch.
Hier müssen wir nun denselben Weg einschlagen, den wir oben bei der
Deduktion der Kategorien nahmen; nämlich, die logische Form der
Vernunfterkenntnis erwägen, und sehen, ob nicht etwa die Vernunft
dadurch auch ein Quell von Begriffen werde, Objekte an sich selbst,
als synthetisch a priori bestimmt, in Ansehung einer oder der anderen
Funktion der Vernunft, anzusehen.
Vernunft, als Vermögen einer gewissen logischen Form der Erkenntnis
betrachtet, ist das Vermögen zu schließen, d.i. mittelbar (durch die
Subsumtion der Bedingung eines möglichen Urteils unter die Bedingung
eines gegebenen) zu urteilen. Das gegebene Urteil ist die allgemeine
Regel (Obersatz, Major). Die Subsumtion der Bedingung eines anderen
möglichen Urteils unter die Bedingung der Regel ist der Untersatz
(Minor). Das wirkliche Urteil, welches die Assertion der Regel in dem
subsumierten Falle aussagt, ist der Schlußsatz (Conclusio). Die Regel
nämlich sagt etwas allgemein unter einer gewissen Bedingung. Nun
findet in einem vorkommenden Falle die Bedingung der Regel statt.
Also wird das, was unter jener Bedingung allgemein galt, auch
in dem vorkommenden Falle (der diese Bedingung bei sich führt)
als gültig angesehen. Man sieht leicht, daß die Vernunft durch
Verstandeshandlungen, welche eine Reihe von Bedingungen ausmachen, zu
einem Erkenntnisse gelange. Wenn ich zu dem Satze: alle Körper sind
veränderlich, nur dadurch gelangen daß ich von dem entfernteren
Erkenntnis (worin der Begriff des Körpers noch nicht vorkommt,
der aber doch davon die Bedingung enthält,) anfange: alles
Zusammengesetzte ist veränderlich; von diesem zu einem näheren
gehe, der unter der Bedingung des ersteren steht: die Körper sind
zusammengesetzt; und von diesem allererst zu einem dritten, der
nunmehr das entfernte Erkenntnis (veränderlich) mit der vorliegenden
verknüpft: folglich sind die Körper veränderlich; so bin ich
durch eine Reihe von Bedingungen (Prämissen) zu einer Erkenntnis
(Conclusion) gelangt. Nun läßt sich eine jede Reihe, deren Exponent
(des kategorischen oder hypothetischen Urteils) gegeben ist,
fortsetzen; mithin führt ebendieselbe Vernunfthandlung zur
ratiocinatio polysyllogistica, welches eine Reihe von Schlüssen ist,
die entweder auf die Seite der Bedingungen (per prosyllogismos), oder
des Bedingten (per episyllogismos), in unbestimmte Weiten fortgesetzt
werden kann.
Man wird aber bald inne, daß die Kette, oder Reihe der Prosyllogismen,
d.i. der gefolgerten Erkenntnisse auf der Seite der Gründe, oder
der Bedingungen zu einem gegebenen Erkenntnis, mit anderen Worten:
die aufsteigende Reihe der Vernunftschlüsse, sich gegen das
Vernunftvermögen doch anders verhalten müsse, als die absteigende
Reihe, d.i. der Fortgang der Vernunft auf der Seite des Bedingten
durch Episyllogismen. Denn, da im ersteren Falle das Erkenntnis
(conclusio) nur als bedingt gegeben ist; so kann man zu demselben
vermittelst der Vernunft nicht anders gelangen, als wenigstens unter
der Voraussetzung, daß alle Glieder der Reihe auf der Seite der
Bedingungen gegeben sind, (Totalität in der Reihe der Prämissen,) weil
nur unter deren Voraussetzung das vorliegende Urteil a priori möglich
ist; dagegen auf der Seite des Bedingten, oder der Folgerungen, nur
eine werdende und nicht schon ganz vorausgesetzte oder gegebene Reihe,
mithin nur ein potentialer Fortgang gedacht wird. Daher, wenn eine
Erkenntnis als bedingt angesehen wird, so ist die Vernunft genötigt,
die Reihe der Bedingungen in aufsteigender Linie als vollendet und
ihrer Totalität nach gegeben anzusehen. Wenn aber eben dieselbe
Erkenntnis zugleich als Bedingung anderer Erkenntnisse angesehen wird,
die untereinander eine Reihe von Folgerungen in absteigender Linie
ausmachen, so kann die Vernunft ganz gleichgültig sein, wie weit
dieser Fortgang sich a parte posteriori erstrecke, und ob gar überall
Totalität dieser Reihe möglich sei; weil sie einer dergleichen Reihe
zu der vor ihr liegenden Konklusion nicht bedarf, indem diese durch
ihre Gründe a parte priori schon hinreichend bestimmt und gesichert
ist. Es mag nun sein, daß auf der Seite der Bedingungen die Reihe der
Prämissen ein Erstes habe, als oberste Bedingung, oder nicht, und also
a parte priori ohne Grenzen; so muß sie doch Totalität der Bedingung
enthalten, gesetzt, daß wir niemals dahin gelangen könnten, sie
zu fassen, und die ganze Reihe muß unbedingt wahr sein, wenn das
Bedingte, welches als eine daraus entspringende Folgerung angesehen
wird, als wahr gelten soll. Dieses ist eine Forderung der Vernunft,
die ihr Erkenntnis als a priori bestimmt und als notwendig ankündigt,
entweder an sich selbst, und dann bedarf es keiner Gründe, oder, wenn
es abgeleitet ist, als ein Glied einer Reihe von Gründen, die selbst
unbedingterweise wahr ist.
Des ersten Buchs der transzendentalen Dialektik
Dritter Abschnitt
System der transzendentalen Ideen
Wir haben es hier nicht mit einer logischen Dialektik zu tun, welche
von allem Inhalte der Erkenntnis abstrahiert, und lediglich den
falschen Schein in der Form der Vernunftschlüsse aufdeckt, sondern mit
einer transzendentalen, welche, völlig a priori, den Ursprung gewisser
Erkenntnisse aus reiner Vernunft, und geschlossener Begriffe, deren
Gegenstand empirisch gar nicht gegeben werden kann, die also gänzlich
außer dem Vermögen des reinen Verstandes liegen, enthalten soll. Wir
haben aus der natürlichen Beziehung, die der transzendentale Gebrauch
unserer Erkenntnis, sowohl in Schlüssen als Urteilen, auf den
logischen haben muß, abgenommen: daß es nur drei Arten von
dialektischen Schlüssen geben werde, die sich auf die dreierlei
Schlußarten beziehen, durch welche Vernunft aus Prinzipien zu
Erkenntnissen gelangen kann, und daß in allem ihr Geschäft sei, von
der bedingten Synthesis, an die der Verstand jederzeit gebunden
bleibt, zur unbedingten aufzusteigen, die er niemals erreichen kann.
Nun ist das Allgemeine aller Beziehung, die unsere Vorstellungen haben
können, 1. die Beziehung aufs Subjekt, 2. die Beziehung auf Objekte,
und zwar entweder erstlich als Erscheinungen, oder als Gegenstände
des Denkens überhaupt. Wenn man diese Untereinteilung mit der oberen
verbindet, so ist alles Verhältnis der Vorstellungen, davon wir uns
entweder einen Begriff, oder Idee machen können, dreifach: 1. das
Verhältnis zum Subjekt, 2. zum Mannigfaltigen des Objekts in der
Erscheinung, 3. zu allen Dingen überhaupt.
Nun haben es alle reinen Begriffe überhaupt mit der synthetischen
Einheit der Vorstellungen, Begriffe der reinen Vernunft
(transszendentale Ideen) aber mit der unbedingten synthetischen
Einheit aller Bedingungen überhaupt zu tun. Folglich werden alle
transzendentalen Ideen sich unter drei Klassen bringen lassen, davon
die erste die absolute (unbedingte) Einheit des denkenden Subjekts,
die zweite die absolute Einheit der Reihe der Bedingungen der
Erscheinung, die dritte die absolute Einheit der Bedingung aller
Gegenstände des Denkens überhaupt enthält.
Das denkende Subjekt ist der Gegenstand der Psychologie, der Inbegriff
aller Erscheinungen (die Welt) der Gegenstand der Kosmologie, und das
Ding, welches die oberste Bedingung der Möglichkeit von allem, was
gedacht werden kann, enthält, (das Wesen aller Wesen) der Gegenstand
der Theologie. Also gibt die reine Vernunft die Idee zu einer
transzendentalen Seelenlehre (psychologia rationalis), zu einer
transzendentalen Weltwissenschaft (cosmologia rationalis), endlich
auch zu einer transzendentalen Gotteserkenntnis (Theologia
transzendentalis) an die Hand. Der bloße Entwurf sogar zu einer sowohl
als der anderen dieser Wissenschaften, schreibt sich gar nicht von
dem Verstande her, selbst wenn er gleich mit dem höchsten logischen
Gebrauche der Vernunft, d.i. allen erdenklichen Schlüssen, verbunden
wäre, um von einem Gegenstande desselben (Erscheinung) zu allen
anderen bis in die entlegensten Glieder der empirischen Synthesis
fortzuschreiten, sondern ist lediglich ein reines und echtes Produkt,
oder Problem der reinen Vernunft.
Was unter diesen drei Titeln aller transzendentalen Ideen für modi
der reinen Vernunftbegriffe stehen, wird in dem folgenden Hauptstücke
vollständig dargelegt werden. Sie laufen am Faden der Kategorien fort.
Denn die reine Vernunft bezieht sich niemals geradezu auf Gegenstände,
sondern auf die Verstandesbegriffe von denselben. Ebenso wird sich
auch nur in der völligen Ausführung deutlich machen lassen, wie die
Vernunft lediglich durch den synthetischen Gebrauch eben derselben
Funktion, deren sie sich zum kategorischen Vernunftschlusse bedient,
notwendigerweise auf den Begriff der absoluten Einheit des denkenden
Subjekts kommen müsse, wie das logische Verfahren in hypothetischen
die Idee vom Schlechthinunbedingten in einer Reihe gegebener
Bedingungen, endlich die bloße Form des disjunktiven Vernunftschlusses
den höchsten Vernunftbegriff von einem Wesen aller Wesen
notwendigerweise nach sich ziehen müsse; ein Gedanke, der beim ersten
Anblick äußerst paradox zu sein scheint.
Von diesen transzendentalen Ideen ist eigentlich keine objektive
Deduktion möglich, so wie wir sie von den Kategorien liefern konnten.
Denn in der Tat haben sie keine Beziehung auf irgendein Objekt, was
ihnen kongruent gegeben werden könnte, eben darum, weil sie nur Ideen
sind. Aber eine subjektive Anleitung derselben aus der Natur unserer
Vernunft konnten wir unternehmen, und die ist im gegenwärtigen
Hauptstücke auch geleistet worden.
Man sieht leicht, daß die reine Vernunft nichts anderes zur Absicht
habe, als die absolute Totalität der Synthesis auf der Seite der
Bedingungen, (es sei der Inhärenz, oder der Dependenz, oder der
Konkurrenz,) und daß sie mit der absoluten Vollständigkeit von seiten
des Bedingten nichts zu schaffen habe. Denn nur allein jener bedarf
sie, um die ganze Reihe der Bedingungen vorauszusetzen, und sie
dadurch dem Verstande a priori zu geben. Ist aber eine vollständig
(und unbedingt) gegebene Bedingung einmal da, so bedarf es nicht mehr
eines Vernunftbegriffs in Ansehung der Fortsetzung der Reihe; denn der
Verstand tut jeden Schritt abwärts, von der Bedingung zum Bedingten,
von selber. Auf solche Weise dienen die transzendentalen Ideen nur zum
Aufsteigen in der Reihe der Bedingungen, bis zum Unbedingten, d.i. zu
den Prinzipien. In Ansehung des Hinabgehens zum Bedingten aber, gibt
es zwar einen weit erstreckten logischen Gebrauch, den unsere Vernunft
von den Verstandesgesetzen macht, aber gar keinen transzendentalen,
und, wenn wir uns von der absoluten Totalität einer solchen Synthesis
(des progressus) eine Idee machen, z.B. von der ganzen Reihe aller
künftigen Weltveränderungen, so ist dieses ein Gedankending (ens
rationis), welches nur willkürlich gedacht, und nicht durch die
Vernunft notwendig vorausgesetzt wird. Denn zur Möglichkeit des
Bedingten wird zwar die Totalität seiner Bedingungen, aber nicht
seiner Folgen, vorausgesetzt. Folglich ist ein solcher Begriff keine
transzendentale Idee, mit der wir es doch hier lediglich zu tun haben.
Zuletzt wird man auch gewahr, daß unter den transzendentalen Ideen
selbst ein gewisser Zusammenhang und Einheit hervorleuchte, und daß
die reine Vernunft, vermittelst ihrer, alle ihre Erkenntnisse in
ein System bringe. Von der Erkenntnis seiner selbst (der Seele) zur
Welterkenntnis, und, vermittelst dieser, zum Urwesen fortzugehen, ist
ein so natürlicher Fortschritt, daß er dem logischen Fortgange der
Vernunft von den Prämissen zum Schlußsatze ähnlich scheint. Ob nun
hier wirklich eine Verwandtschaft von der Art, als zwischen dem
logischen und transzendentalen Verfahren, insgeheim zum Grunde liege,
ist auch eine von den Fragen, deren Beantwortung man in dem Verfolg
dieser Untersuchungen allererst erwarten muß. Wir haben vorläufig
unseren Zweck schon erreicht, da wir die transzendentalen Begriffe
der Vernunft, die sich sonst gewöhnlich in der Theorie der
Philosophen unter andere mischen, ohne daß diese sie einmal von
Verstandesbegriffen gehörig unterscheiden, aus dieser zweideutigen
Lage haben herausziehen, ihren Ursprung, und dadurch zugleich ihre
bestimmte Zahl, über die es gar keine mehr geben kann, angeben und
sie in einem systematischen Zusammenhange haben vorstellen können,
wodurch ein besonderes Feld für die reine Vernunft abgesteckt und
eingeschränkt wird.
Der transzendentalen Dialektik
Zweites Buch
Von den dialektischen Schlüssen der reinen Vernunft
Man kann sagen, der Gegenstand einer bloßen transzendentalen Idee
sei etwas, wovon man keinen Begriff hat, obgleich diese Idee ganz
notwendig in der Vernunft nach ihren ursprünglichen Gesetzen erzeugt
worden. Denn in der Tat ist auch von einem Gegenstande, der der
Forderung der Vernunft adäquat sein soll, kein Verstandesbegriff
möglich, d.i. ein solcher, welcher in einer möglichen Erfahrung
gezeigt und anschaulich gemacht werden kann. Besser würde man sich
doch und mit weniger Gefahr des Mißverständnisses, ausdrücken, wenn
man sagte: daß wir vom Objekt, welches einer Idee korrespondiert,
keine Kenntnis, obzwar einen problematischen Begriff, haben können.
Nun beruht wenigstens die transzendentale (subjektive) Realität der
reinen Vernunftbegriffe darauf, daß wir durch einen notwendigen
Vernunftschluß auf solche Ideen gebracht werden. Also wird es
Vernunftschlüsse geben, die keine empirischen Prämissen enthalten, und
vermittelst deren wir von etwas, das wir kennen, auf etwas anderes
schließen, wovon wir doch keinen Begriff haben, und dem wir
gleichwohl, durch einen unvermeidlichen Schein, objektive Realität
geben. Dergleichen Schlüsse sind in Ansehung ihres Resultats also eher
vernünftelnde, als Vernunftschlüsse zu nennen; wiewohl sie, ihrer
Veranlassung wegen, wohl den letzteren Namen führen können, weil sie
doch nicht erdichtet, oder zufällig entstanden, sondern aus der Natur
der Vernunft entsprungen sind. Es sind Sophistikationen, nicht der
Menschen, sondern der reinen Vernunft selbst, von denen selbst der
Weiseste unter allen Menschen sich nicht losmachen, und vielleicht
zwar nach vieler Bemühung den Irrtum verhüten, den Schein aber, der
ihn unaufhörlich zwackt und äfft, niemals völlig loswerden kann.
Dieser dialektischen Vernunftschlüsse gibt es also nur dreierlei
Arten, so vielfach, als die Ideen sind, auf die ihre Schlußsätze
auslaufen. In dem Vernunftschlusse der ersten Klasse schließe ich von
dem transzendentalen Begriffe des Subjekts, der nichts Mannigfaltiges
enthält, auf die absolute Einheit dieses Subjekts selber, von welchem
ich auf diese Weise gar keinen Begriff habe. Diesen dialektischen
Schluß werde ich den transzendentalen Paralogismus nennen. Die zweite
Klasse der vernünftelnden Schlüsse ist auf den transzendentalen
Begriff der absoluten Totalität, der Reihe der Bedingungen zu einer
gegebenen Erscheinung überhaupt, angelegt, und ich schließe daraus,
daß ich von der unbedingten synthetischen Einheit der Reihe auf einer
Seite, jederzeit einen sich selbst widersprechenden Begriff habe, auf
die Richtigkeit der entgegenstehenden Einheit, wovon ich gleichwohl
auch keinen Begriff habe. Den Zustand der Vernunft bei diesen
dialektischen Schlüssen, werde ich die Antinomie der reinen Vernunft
nennen. Endlich schließe ich, nach der dritten Art vernünftelnder
Schlüsse, von der Totalität der Bedingungen, Gegenstände überhaupt,
sofern sie mir gegeben werden können, zu denken, auf die absolute
synthetische Einheit aller Bedingungen der Möglichkeit der Dinge
überhaupt, d.i. von Dingen, die ich nach ihrem bloßen transzendentalen
Begriff nicht kenne, auf ein Wesen aller Wesen, welches ich durch
einen transzendenten Begriff noch weniger kenne, und von dessen
unbedingter Notwendigkeit ich mir keinen Begriff machen kann. Diesen
dialektischen Vernunftschluß werde ich das Ideal der reinen Vernunft
nennen.
Des zweiten Buchs der transzendentalen Dialektik
Erstes Hauptstück
Von den Paralogismen der reinen Vernunft
Der logische Paralogismus besteht in der Falschheit eines
Vernunftschlusses der Form nach, sein Inhalt mag übrigens sein,
welcher er wolle. Ein transzendentaler Paralogismus aber hat einen
transzendentalen Grund: der Form nach falsch zu schließen. Auf
solche Weise wird ein dergleichen Fehlschluß in der Natur der
Menschenvernunft seinen Grund haben, und eine unvermeidliche, obzwar
nicht unauflösliche, Illusion bei sich führen.
Jetzt kommen wir auf einen Begriff, der oben, in der allgemeinen Liste
der transzendentalen Begriffe, nicht verzeichnet worden, und dennoch
dazu gezählt werden muß, ohne doch darum jene Tafel im mindesten zu
verändern und für mangelhaft zu erklären. Dieses ist der Begriff,
oder, wenn man lieber will, das Urteil: Ich denke. Man sieht aber
leicht, daß er das Vehikel aller Begriffe überhaupt, und mithin
auch der transzendentalen sei, und also unter diesen jederzeit mit
begriffen werde, und daher ebensowohl transzendental sei, aber keinen
besonderen Titel haben könne, weil er nur dazu dient, alles Denken,
als zum Bewußtsein gehörig, aufzuführen. Indessen, so rein er auch
vom Empirischen (dem Eindrucke der Sinne) ist, so dient er doch dazu,
zweierlei Gegenstände aus der Natur unserer Vorstellungskraft zu
unterscheiden. Ich, als denkend, bin ein Gegenstand des inneren
Sinnes, und heiße Seele. Dasjenige, was ein Gegenstand äußerer Sinne
ist, heißt Körper. Demnach bedeutet der Ausdruck: Ich, als ein denkend
Wesen, schon den Gegenstand der Psychologie, welche die rationale
Seelenlehre heißen kann, wenn ich von der Seele nichts weiter zu
wissen verlange, als was unabhängig von aller Erfahrung (welche mich
näher und in concreto bestimmt) aus diesem Begriffe Ich, sofern er bei
allem Denken vorkommt, geschlossen werden kann.
Die rationale Seelenlehre ist nun wirklich ein Unterfangen von dieser
Art; denn, wenn das mindeste Empirische meines Denkens, irgendeine
besondere Wahrnehmung meines inneren Zustandes, noch unter die
Erkenntnisgründe dieser Wissenschaft gemischt würde, so wäre sie nicht
mehr rationale, sondern empirische Seelenlehre. Wir haben also schon
eine angebliche Wissenschaft vor uns, welche auf dem einzigen Satze:
Ich denke, erbaut worden, und deren Grund oder Ungrund wir hier ganz
schicklich, und der Natur einer Transzendentalphilosophie gemäß,
untersuchen können. Man darf sich daran nicht stoßen, daß ich doch an
diesem Satze, der die Wahrnehmung seiner selbst ausdrückt, eine innere
Erfahrung habe, und mithin die rationale Seelenlehre, welche darauf
erbaut wird, niemals rein, sondern zum Teil auf ein empirisches
Prinzipium gegründet sei. Denn diese innere Wahrnehmung ist nichts
weiter, als die bloße Apperzeption: Ich denke; welche sogar alle
transzendentalen Begriffe möglich macht, in welchen es heißt: Ich
denke die Substanz, die Ursache usw. Denn innere Erfahrung überhaupt
und deren Möglichkeit, oder Wahrnehmung überhaupt und deren Verhältnis
zu anderer Wahrnehmung, ohne daß irgendein besonderer Unterschied
derselben und Bestimmung empirisch gegeben ist, kann nicht als
empirische Erkenntnis, sondern muß als Erkenntnis des Empirischen
überhaupt angesehen werden, und gehört zur Untersuchung der
Möglichkeit einer jeden Erfahrung, welche allerdings transzendental
ist. Das mindeste Objekt der Wahrnehmung (z.B. nur Lust oder Unlust),
welche zu der allgemeinen Vorstellung des Selbstbewußtseins hinzukäme,
würde die rationale Psychologie sogleich in eine empirische
verwandeln.
Ich denke, ist also der alleinige Text der rationalen Psychologie, aus
welchem sie ihre ganze Weisheit auswickeln soll. Man sieht leicht, daß
dieser Gedanke, wenn er auf einen Gegenstand (mich selbst) bezogen
werden soll, nichts anderes, als transzendentale Prädikate desselben,
enthalten könne; weil das mindeste empirische Prädikat die rationale
Reinigkeit und Unabhängigkeit der Wissenschaft von aller Erfahrung,
verderben würde.
Wir werden aber hier bloß dem Leitfaden der Kategorien zu folgen
haben, nur, da hier zuerst ein Ding, Ich, als denkend Wesen,
gegeben worden, so werden wir zwar die obige Ordnung der Kategorien
untereinander, wie sie in ihrer Tafel vorgestellt ist, nicht
verändern, aber doch hier von der Kategorie der Substanz anfangen,
dadurch ein Ding an sich selbst vorgestellt wird, und so ihrer Reihe
rückwärts nachgehen. Die Topik der rationalen Seelenlehre, woraus
alles übrige, was sie nur enthalten mag, abgeleitet werden muß, ist
demnach folgende: