1. Von den Axiomen der Anschauung

Grundsatz des reinen Verstandes: Alle Erscheinungen sind ihrer

Anschauung nach extensive Größen.

Eine extensive Größe nenne ich diejenige, in welcher die Vorstellung

der Teile die Vorstellung des Ganzen möglich macht, (und also

notwendig vor dieser vorhergeht). Ich kann mir keine Linie, so klein

sie auch sei, vorstellen, ohne sie in Gedanken zu ziehen, d.i. von

einem Punkte alle Teile nach und nach zu erzeugen, und dadurch

allererst diese Anschauung zu verzeichnen. Ebenso ist es auch mit

jeder auch der kleinsten Zeit bewandt. Ich denke mir darin nur den

sukzessiven Fortgang von einem Augenblick zum anderen, wo durch alle

Zeitteile und deren Hinzutun endlich eine bestimmte Zeitgröße erzeugt

wird. Da die bloße Anschauung an allen Erscheinungen entweder der

Raum, oder die Zeit ist, so ist jede Erscheinung als Anschauung eine

extensive Größe, indem sie nur durch sukzessive Synthesis (von Teil

zu Teil) in der Apprehension erkannt werden kann. Alle Erscheinungen

werden demnach schon als Aggregate (Menge vorher gegebener Teile)

angeschaut, welches eben nicht der Fall bei jeder Art Größen,

sondern nur derer ist, die uns extensiv als solche vorgestellt und

apprehendiert werden.

Auf diese sukzessive Synthesis der produktiven Einbildungskraft,

in der Erzeugung der Gestalten, gründet sich die Mathematik der

Ausdehnung (Geometrie) mit ihren Axiomen, welche die Bedingungen der

sinnlichen Anschauung a priori ausdrücken, unter denen allein das

Schema eines reinen Begriffs der äußeren Erscheinung zustande kommen

kann; z.E. zwischen zwei Punkten ist nur eine gerade Linie möglich;

zwei gerade Linien schließen keinen Raum ein usw. Dies sind die

Axiome, welche eigentlich nur Größen (quanta) als solche betreffen.

Was aber die Größe, (quantitas) d.i. die Antwort auf die Frage: wie

groß etwas sei? betrifft, so gibt es in Ansehung derselben, obgleich

verschiedene dieser Sätze synthetisch und unmittelbar gewiß

(indemonstrabilia) sind, dennoch im eigentlichen Verstande keine

Axiome. Denn daß gleiches zu gleichem hinzugetan, oder von diesem

abgezogen, ein gleiches gebe, sind analytische Sätze, indem ich mir

der Identität der einen Größenerzeugung mit der anderen unmittelbar

bewußt bin; Axiome aber sollen synthetische Sätze a priori sein.

Dagegen sind die evidenten Sätze der Zahlverhältnis zwar allerdings

synthetisch, aber nicht allgemein, wie die der Geometrie, und eben

um deswillen auch nicht Axiome, sondern können Zahlformeln genannt

werden. Daß 7+5=12 sei, ist kein analytischer Satz. Denn ich denke

weder in der Vorstellung von 7, noch von 5, noch in der Vorstellung

von der Zusammensetzung beider die Zahl 12, (daß ich diese in der

Addition beider denken solle, davon ist hier nicht die Rede; denn bei

dem analytischen Satze ist nur die Frage, ob ich das Prädikat wirklich

in der Vorstellung des Subjekts denke). Ob er aber gleich synthetisch

ist, so ist er doch nur ein einzelner Satz. Sofern hier bloß auf die

Synthesis des Gleichartigen (der Einheiten) gesehen wird, so kann

die Synthesis hier nur auf eine einzige Art geschehen, wiewohl der

Gebrauch dieser Zahlen nachher allgemein ist. Wenn ich sage: durch

drei Linien, deren zwei zusammengenommen größer sind, als die dritte,

läßt sich ein Triangel zeichnen; so habe ich hier die bloße Funktion

der produktiven Einbildungskraft, welche die Linien größer und

kleiner ziehen, imgleichen nach allerlei beliebigen Winkeln kann

zusammenstoßen lassen. Dagegen ist die Zahl 7 nur auf eine einzige Art

möglich, und auch die Zahl 12, die durch die Synthesis der ersteren

mit 5 erzeugt wird. Dergleichen Sätze muß man also nicht Axiome, (denn

sonst gäbe es deren unendliche,) sondern Zahlformeln nennen.

Dieser transzendentale Grundsatz der Mathematik der Erscheinungen gibt

unserem Erkenntnis a priori große Erweiterung. Denn er ist es allein,

welcher die reine Mathematik in ihrer ganzen Präzision auf Gegenstände

der Erfahrung anwendbar macht, welches ohne diesen Grundsatz nicht

so von selbst erhellen möchte, ja auch manchen Widerspruch veranlaßt

hat. Erscheinungen sind keine Dinge an sich selbst. Die empirische

Anschauung ist nur durch die reine (des Raumes und der Zeit) möglich;

was also die Geometrie von dieser sagt, gilt auch ohne Widerrede von

jener, und die Ausflüchte, als wenn Gegenstände der Sinne nicht den

Regeln der Konstruktion im Raume (z.E. der unendlichen Teilbarkeit

der Linien oder Winkel) gemäß sein dürfe, muß wegfallen. Denn dadurch

spricht man dem Raume und mit ihm zugleich aller Mathematik objektive

Gültigkeit ab, und weiß nicht mehr, warum und wie weit sie auf

Erscheinungen anzuwenden sei. Die Synthesis der Räume und Zeiten, als

der wesentlichen Form aller Anschauung, ist das, was zugleich die

Apprehension der Erscheinung, mithin jede äußere Erfahrung, folglich

auch alle Erkenntnis der Gegenstände derselben, möglich macht, und was

die Mathematik im reinen Gebrauch von jener beweist, das gilt auch

notwendig von dieser. Alle Einwürfe dawider sind nur Schikanen einer

falsch belehrten Vernunft, die irrigerweise die Gegenstände der Sinne

von der formalen Bedingung unserer Sinnlichkeit loszumachen gedenkt,

und sie, obgleich sie bloß Erscheinungen sind, als Gegenstände an sich

selbst, dem Verstande gegeben, vorstellt; in welchem Falle freilich

von ihnen a priori gar nichts, mithin auch nicht durch reine Begriffe

vom Raume, synthetisch erkannt werden könnte, und die Wissenschaft,

die diese bestimmt, nämlich die Geometrie, selbst nicht möglich sein

würde.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 24 / 70 题