Der Grundsatz, welcher alle Wahrnehmungen, als solche, antizipiert,
heißt so: In allen Erscheinungen hat die Empfindung, und das Reale,
welches ihr an dem Gegenstande entspricht, (realitas phaenomenon) eine
intensive Größe d.i. einen Grad.
Man kann alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen
Erkenntnis gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine
Antizipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in
welcher Epikur seinen Ausdruck prolephis brauchte. Da aber an den
Erscheinungen etwas ist, was niemals a priori erkannt wird, und
welches daher auch den eigentlichen Unterschied des Empirischen von
dem Erkenntnis a priori ausmacht, nämlich die Empfindung (als Materie
der Wahrnehmung), so folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht
antizipiert werden kann. Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen
im Raume und der Zeit, sowohl in Ansehung der Gestalt, als Größe,
Antizipationen der Erscheinungen nennen können, weil sie dasjenige a
priori vorstellen, was immer a posteriori in der Erfahrung gegeben
werden mag. Gesetzt aber, es finde sich doch etwas, was sich an jeder
Empfindung, als Empfindung überhaupt, (ohne daß eine besondere gegeben
sein mag,) a priori erkennen läßt; so würde dieses im ausnehmenden
Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen, weil es
befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was
gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöpfen
kann. Und so verhält es sich hier wirklich.
Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllt nur einen
Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen
in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension
keine sukzessive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung
fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der
Empfindung in demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen,
mithin = O. Was nun in der empirischen Anschauung der Empfindung
korrespondiert, ist Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel
derselben entspricht, Negation = O. Nun ist aber jede Empfindung
einer Verringerung fähig, so daß sie abnehmen, und so allmählich
verschwinden kann. Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung
und Negation ein kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen
Zwischenempfindungen, deren Unterschied voneinander immer kleiner ist,
als der Unterschied zwischen der gegebenen und dem Zero, oder der
gänzlichen Negation, d.i.: das Reale in der Erscheinung hat jederzeit
eine Größe, welche aber nicht in der Apprehension angetroffen wird,
indem diese vermittelst der bloßen Empfindung in einem Augenblicke und
nicht durch sukzessive Synthesis vieler Empfindungen geschieht, und
also nicht von den Teilen zum Ganzen geht; es hat also zwar eine
Größe, aber keine extensive.
Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendiert wird,
und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = O
vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität
in der Erscheinung intensive Größe, d.i. einen Grad. Wenn man diese
Realität als Ursache (es sei der Empfindung oder anderer Realität in
der Erscheinung, z.B. einer Veränderung,) betrachtet; so nennt man
den Grad der Realität als Ursache, ein Moment, z.B. das Moment der
Schwere, und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren
Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist. Dieses
berühre ich aber hier nur beiläufig, denn mit der Kausalität habe ich
für jetzt noch nicht zu tun.
So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der
Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d.i. eine
intensive Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen
Realität und Negation ist ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher
Realitäten, und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z.
E. die rote, hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals
der kleinste ist, und so ist es mit der Wärme, dem Momente der Schwere
usw. überall bewandt.
Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Teil der
kleinstmögliche (kein Teil einfach) ist, heißt die Kontinuität
derselben. Raum und Zeit sind quanta continua, weil kein Teil
derselben gegeben werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und
Augenblicken) einzuschließen, mithin nur so, daß dieser Teil selbst
wiederum ein Raum, oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus
Räumen, die Zeit aus Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen,
d.i. bloße Stellen ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit
jene Anschauungen, die sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus,
und aus bloßen Stellen, als aus Bestandteilen, die noch vor dem Raume
oder der Zeit gegeben werden könnten, kann weder Raum noch Zeit
zusammengesetzt werden. Dergleichen Größen kann man auch fließende
nennen, weil die Synthesis (der produktiven Einbildungskraft) in
ihrer Erzeugung ein Fortgang in der Zeit ist, deren Kontinuität man
besonders durch den Ausdruck des Fließens (Verfließens) zu bezeichnen
pflegt.
Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kontinuierliche Größen,
sowohl ihrer Anschauung nach, als extensive, oder der bloßen
Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach, als intensive
Größen. Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung
unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen,
und nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches nicht durch
die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art,
sondern durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt
wird. Wenn ich 13 Taler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es
sofern richtig, als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber
verstehe; welche aber allerdings eine kontinuierliche Größe ist, in
welcher kein Teil der kleinste ist, sondern jeder Teil ein Geldstück
ausmachen könnte, welche immer Materie zu noch kleineren enthielte.
Wenn ich aber unter jener Benennung 13 runde Taler verstehe, als so
viel Münzen, (ihr Silbergehalt mag sein, welcher er wolle,) so benenne
ich es unschicklich durch ein Quantum von Talern, sondern muß es ein
Aggregat, d.i. eine Zahl Geldstücke, nennen. Da nun bei aller Zahl
doch Einheit zum Grunde liegen muß, so ist die Erscheinung als Einheit
ein Quantum, und als ein solches jederzeit ein Kontinuum.
Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv, als intensiv betrachtet,
kontinuierliche Größen sind, so würde der Satz: daß auch alle
Veränderung (Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den anderen)
kontinuierlich sein, leicht und mit mathematischer Evidenz hier
bewiesen werden können, wenn nicht die Kausalität einer Veränderung
überhaupt ganz außerhalb den Grenzen einer Transzendental-Philosophie
läge, und empirische Prinzipien voraussetzte. Denn daß eine Ursache
möglich sei, welche den Zustand der Dinge verändere, d.i. sie zum
Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes bestimme, davon gibt uns
der Verstand a priori gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil
er die Möglichkeit davon gar nicht einsieht, (denn diese Einsicht
fehlt uns in mehreren Erkenntnissen a priori,) sondern weil die
Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der Erscheinungen trifft,
welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen daß ihre Ursache in
dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber hier nichts vor uns
haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen Grundbegriffe
aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts Empirisches
sein muß; so können wir, ohne die Einheit des Systems zu verletzen,
der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen
gebaut ist, nicht vorgreifen.
Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen Einflusses,
den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu antizipieren,
und sogar deren Mangel sofern zu ergänzen, daß er allen falschen
Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt.
Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen dem
und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade
stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der
Rezeptivität der Empfindungen haben muß; so ist keine Wahrnehmung,
mithin auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles
Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar, (durch
welchen Umschweif im Schließen als man immer wolle,) bewiese, d.i. es
kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer
leeren Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in
der sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen
werden, zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem
Unterschiede des Grades ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur
Erklärung derselben niemals angenommen werden. Denn wenn auch die
ganze Anschauung eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch
real, d.i. kein Teil derselben leer ist; so muß es doch, weil jede
Realität ihren Grad hat, der, bei unveränderter extensiver Größe
der Erscheinung bis zum Nichts (dem leeren) durch unendliche Stufen
abnehmen kann, unendlich verschiedene Grade, mit welchen Raum oder
Zeit erfüllt sei, geben, und die intensive Größe in verschiedenen
Erscheinungen kleiner oder größer sein können, obschon die extensive
Größe der Anschauung gleich ist.
Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da sie
einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener
Art unter gleichem Volumen (teils durch das Moment der Schwere, oder
des Gewichts, teils durch das Moment des Widerstandes gegen andere
bewegter Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses
Volumen (extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien,
obzwar in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen
größtenteils mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl
jemals einfallen lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf
eine metaphysische Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden
vorgeben, gründeten? indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich
mag es hier nicht Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil
dieses empirische Begriffe sind), allerwärts einerlei sei, und sich
nur der extensiven Größe d.i. der Menge nach unterscheiden könne.
Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen Grund in der Erfahrung haben
konnten, und die also bloß metaphysisch ist, setze ich einen
transzendentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied in der
Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte
Notwendigkeit jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht anders
wie durch anzunehmende leere Räume, erklären zu können, völlig
aufhebt, und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu
versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken,
wenn die Naturerklärung hierzu irgendeine Hypothese notwendig
machen sollte. Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von
verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein mögen, so, daß in
keinem von beiden ein Punkt ist, in welchem nicht ihre Gegenwart
anzutreffen wäre, so habe doch jedes Reale bei derselben Qualität
ihren Grad (des Widerstandes oder des Wiegens), welcher ohne
Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins Unendliche kleiner
sein kann, ehe sie in das Leere übergeht, und verschwindet. So kann
eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z.B. Wärme, und auf gleiche
Weise jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im mindesten
den kleinsten Teil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden
ins Unendliche abnehmen, und nichtsdestoweniger den Raum mit diesen
kleineren Graden ebensowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung mit
größeren. Meine Absicht ist hier keineswegs, zu behaupten: daß dieses
wirklich mit der Verschiedenheit der Materien, ihrer spezifischen
Schwere nach, so bewandt sei, sondern nur aus einem Grundsatze des
reinen Verstandes darzutun: daß die Natur unserer Wahrnehmungen eine
solche Erklärungsart möglich mache, und daß man fälschlich das Reale
der Erscheinung dem Grade nach als gleich, und nur der Aggregation und
deren extensiven Größe nach als verschieden annehme, und dieses sogar,
vorgeblichermaßen, durch einen Grundsatz des Verstandes a priori
behaupte.
Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahrnehmung etwas für einen
der transzendentalen gewohnten und dadurch behutsam gewordenen
Nachforscher, immer etwas Auffallendes an sich, und erregt darüber
einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen
Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist,
und mithin der Möglichkeit des inneren Unterschiedes der Empfindung
selbst, wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahiert, und
es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der
Verstand hierin synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen,
und diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist,
nämlich die Empfindung angeht, antizipieren könne?
Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a
priori gar nicht vorgestellt werden, (z.B. Farben, Geschmack usw.).
Aber das Reale, was den Empfindungen überhaupt korrespondiert, im
Gegensatz mit der Negation = O, stellt nur etwas vor, dessen Begriff
an sich ein Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in
einem empirischen Bewußtsein überhaupt. In dem inneren Sinn nämlich
kann das empirische Bewußtsein von O bis zu jedem größeren Grade
erhöht werden, so daß eben dieselbe extensive Größe der Anschauung
(z.B. erleuchtete Fläche) so große Empfindung erregt, als ein Aggregat
von vielem anderen (minder erleuchteten) zusammen. Man kann also von
der extensiven Größe der Erscheinung gänzlich abstrahieren, und sich
doch an der bloßen Empfindung in einem Moment eine Synthesis der
gleichförmigen Steigerung von O bis zu dem gegebenen empirischen
Bewußtsein vorstellen. Alle Empfindungen werden daher, als solche,
zwar nur a priori gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie
einen Grad haben, kann a priori erkannt werden. Es ist merkwürdig, daß
wir an Größen überhaupt a priori nur eine einzige Qualität, nämlich
die Kontinuität, an aller Qualität aber (dem Realen der Erscheinungen)
nichts weiter a priori, als die intensive Quantität derselben, nämlich
daß sie einen Grad haben, erkennen können, alles übrige bleibt der
Erfahrung überlassen.