2. Die Antizipation der Wahrnehmung

Der Grundsatz, welcher alle Wahrnehmungen, als solche, antizipiert,

heißt so: In allen Erscheinungen hat die Empfindung, und das Reale,

welches ihr an dem Gegenstande entspricht, (realitas phaenomenon) eine

intensive Größe d.i. einen Grad.

Man kann alle Erkenntnis, wodurch ich dasjenige, was zur empirischen

Erkenntnis gehört, a priori erkennen und bestimmen kann, eine

Antizipation nennen, und ohne Zweifel ist das die Bedeutung, in

welcher Epikur seinen Ausdruck prolephis brauchte. Da aber an den

Erscheinungen etwas ist, was niemals a priori erkannt wird, und

welches daher auch den eigentlichen Unterschied des Empirischen von

dem Erkenntnis a priori ausmacht, nämlich die Empfindung (als Materie

der Wahrnehmung), so folgt, daß diese es eigentlich sei, was gar nicht

antizipiert werden kann. Dagegen würden wir die reinen Bestimmungen

im Raume und der Zeit, sowohl in Ansehung der Gestalt, als Größe,

Antizipationen der Erscheinungen nennen können, weil sie dasjenige a

priori vorstellen, was immer a posteriori in der Erfahrung gegeben

werden mag. Gesetzt aber, es finde sich doch etwas, was sich an jeder

Empfindung, als Empfindung überhaupt, (ohne daß eine besondere gegeben

sein mag,) a priori erkennen läßt; so würde dieses im ausnehmenden

Verstande Antizipation genannt zu werden verdienen, weil es

befremdlich scheint, der Erfahrung in demjenigen vorzugreifen, was

gerade die Materie derselben angeht, die man nur aus ihr schöpfen

kann. Und so verhält es sich hier wirklich.

Die Apprehension, bloß vermittelst der Empfindung, erfüllt nur einen

Augenblick, (wenn ich nämlich nicht die Sukzession vieler Empfindungen

in Betracht ziehe). Als etwas in der Erscheinung, dessen Apprehension

keine sukzessive Synthesis ist, die von Teilen zur ganzen Vorstellung

fortgeht, hat sie also keine extensive Größe; der Mangel der

Empfindung in demselben Augenblicke würde diesen als leer vorstellen,

mithin = O. Was nun in der empirischen Anschauung der Empfindung

korrespondiert, ist Realität (realitas phaenomenon); was dem Mangel

derselben entspricht, Negation = O. Nun ist aber jede Empfindung

einer Verringerung fähig, so daß sie abnehmen, und so allmählich

verschwinden kann. Daher ist zwischen Realität in der Erscheinung

und Negation ein kontinuierlicher Zusammenhang vieler möglichen

Zwischenempfindungen, deren Unterschied voneinander immer kleiner ist,

als der Unterschied zwischen der gegebenen und dem Zero, oder der

gänzlichen Negation, d.i.: das Reale in der Erscheinung hat jederzeit

eine Größe, welche aber nicht in der Apprehension angetroffen wird,

indem diese vermittelst der bloßen Empfindung in einem Augenblicke und

nicht durch sukzessive Synthesis vieler Empfindungen geschieht, und

also nicht von den Teilen zum Ganzen geht; es hat also zwar eine

Größe, aber keine extensive.

Nun nenne ich diejenige Größe, die nur als Einheit apprehendiert wird,

und in welcher die Vielheit nur durch Annäherung zur Negation = O

vorgestellt werden kann, die intensive Größe. Also hat jede Realität

in der Erscheinung intensive Größe, d.i. einen Grad. Wenn man diese

Realität als Ursache (es sei der Empfindung oder anderer Realität in

der Erscheinung, z.B. einer Veränderung,) betrachtet; so nennt man

den Grad der Realität als Ursache, ein Moment, z.B. das Moment der

Schwere, und zwar darum, weil der Grad nur die Größe bezeichnet, deren

Apprehension nicht sukzessiv, sondern augenblicklich ist. Dieses

berühre ich aber hier nur beiläufig, denn mit der Kausalität habe ich

für jetzt noch nicht zu tun.

So hat demnach jede Empfindung, mithin auch jede Realität in der

Erscheinung, so klein sie auch sein mag, einen Grad, d.i. eine

intensive Größe, die noch immer vermindert werden kann, und zwischen

Realität und Negation ist ein kontinuierlicher Zusammenhang möglicher

Realitäten, und möglicher kleinerer Wahrnehmungen. Eine jede Farbe, z.

E. die rote, hat einen Grad, der, so klein er auch sein mag, niemals

der kleinste ist, und so ist es mit der Wärme, dem Momente der Schwere

usw. überall bewandt.

Die Eigenschaft der Größen, nach welcher an ihnen kein Teil der

kleinstmögliche (kein Teil einfach) ist, heißt die Kontinuität

derselben. Raum und Zeit sind quanta continua, weil kein Teil

derselben gegeben werden kann, ohne ihn zwischen Grenzen (Punkten und

Augenblicken) einzuschließen, mithin nur so, daß dieser Teil selbst

wiederum ein Raum, oder eine Zeit ist. Der Raum besteht also nur aus

Räumen, die Zeit aus Zeiten. Punkte und Augenblicke sind nur Grenzen,

d.i. bloße Stellen ihrer Einschränkung; Stellen aber setzen jederzeit

jene Anschauungen, die sie beschränken oder bestimmen sollen, voraus,

und aus bloßen Stellen, als aus Bestandteilen, die noch vor dem Raume

oder der Zeit gegeben werden könnten, kann weder Raum noch Zeit

zusammengesetzt werden. Dergleichen Größen kann man auch fließende

nennen, weil die Synthesis (der produktiven Einbildungskraft) in

ihrer Erzeugung ein Fortgang in der Zeit ist, deren Kontinuität man

besonders durch den Ausdruck des Fließens (Verfließens) zu bezeichnen

pflegt.

Alle Erscheinungen überhaupt sind demnach kontinuierliche Größen,

sowohl ihrer Anschauung nach, als extensive, oder der bloßen

Wahrnehmung (Empfindung und mithin Realität) nach, als intensive

Größen. Wenn die Synthesis des Mannigfaltigen der Erscheinung

unterbrochen ist, so ist dieses ein Aggregat von vielen Erscheinungen,

und nicht eigentlich Erscheinung als ein Quantum, welches nicht durch

die bloße Fortsetzung der produktiven Synthesis einer gewissen Art,

sondern durch Wiederholung einer immer aufhörenden Synthesis erzeugt

wird. Wenn ich 13 Taler ein Geldquantum nenne, so benenne ich es

sofern richtig, als ich darunter den Gehalt von einer Mark fein Silber

verstehe; welche aber allerdings eine kontinuierliche Größe ist, in

welcher kein Teil der kleinste ist, sondern jeder Teil ein Geldstück

ausmachen könnte, welche immer Materie zu noch kleineren enthielte.

Wenn ich aber unter jener Benennung 13 runde Taler verstehe, als so

viel Münzen, (ihr Silbergehalt mag sein, welcher er wolle,) so benenne

ich es unschicklich durch ein Quantum von Talern, sondern muß es ein

Aggregat, d.i. eine Zahl Geldstücke, nennen. Da nun bei aller Zahl

doch Einheit zum Grunde liegen muß, so ist die Erscheinung als Einheit

ein Quantum, und als ein solches jederzeit ein Kontinuum.

Wenn nun alle Erscheinungen, sowohl extensiv, als intensiv betrachtet,

kontinuierliche Größen sind, so würde der Satz: daß auch alle

Veränderung (Übergang eines Dinges aus einem Zustande in den anderen)

kontinuierlich sein, leicht und mit mathematischer Evidenz hier

bewiesen werden können, wenn nicht die Kausalität einer Veränderung

überhaupt ganz außerhalb den Grenzen einer Transzendental-Philosophie

läge, und empirische Prinzipien voraussetzte. Denn daß eine Ursache

möglich sei, welche den Zustand der Dinge verändere, d.i. sie zum

Gegenteil eines gewissen gegebenen Zustandes bestimme, davon gibt uns

der Verstand a priori gar keine Eröffnung, nicht bloß deswegen, weil

er die Möglichkeit davon gar nicht einsieht, (denn diese Einsicht

fehlt uns in mehreren Erkenntnissen a priori,) sondern weil die

Veränderlichkeit nur gewisse Bestimmungen der Erscheinungen trifft,

welche die Erfahrung allein lehren kann, indessen daß ihre Ursache in

dem Unveränderlichen anzutreffen ist. Da wir aber hier nichts vor uns

haben, dessen wir uns bedienen können, als die reinen Grundbegriffe

aller möglichen Erfahrung, unter welchen durchaus nichts Empirisches

sein muß; so können wir, ohne die Einheit des Systems zu verletzen,

der allgemeinen Naturwissenschaft, welche auf gewisse Grunderfahrungen

gebaut ist, nicht vorgreifen.

Gleichwohl mangelt es uns nicht an Beweistümern des großen Einflusses,

den dieser unser Grundsatz hat, Wahrnehmungen zu antizipieren,

und sogar deren Mangel sofern zu ergänzen, daß er allen falschen

Schlüssen, die daraus gezogen werden möchten, den Riegel vorschiebt.

Wenn alle Realität in der Wahrnehmung einen Grad hat, zwischen dem

und der Negation eine unendliche Stufenfolge immer minderer Grade

stattfindet, und gleichwohl ein jeder Sinn einen bestimmten Grad der

Rezeptivität der Empfindungen haben muß; so ist keine Wahrnehmung,

mithin auch keine Erfahrung möglich, die einen gänzlichen Mangel alles

Realen in der Erscheinung, es sei unmittelbar oder mittelbar, (durch

welchen Umschweif im Schließen als man immer wolle,) bewiese, d.i. es

kann aus der Erfahrung niemals ein Beweis vom leeren Raume oder einer

leeren Zeit gezogen werden. Denn der gänzliche Mangel des Realen in

der sinnlichen Anschauung kann erstlich selbst nicht wahrgenommen

werden, zweitens kann er aus keiner einzigen Erscheinung und dem

Unterschiede des Grades ihrer Realität gefolgert, oder darf auch zur

Erklärung derselben niemals angenommen werden. Denn wenn auch die

ganze Anschauung eines bestimmten Raumes oder Zeit durch und durch

real, d.i. kein Teil derselben leer ist; so muß es doch, weil jede

Realität ihren Grad hat, der, bei unveränderter extensiver Größe

der Erscheinung bis zum Nichts (dem leeren) durch unendliche Stufen

abnehmen kann, unendlich verschiedene Grade, mit welchen Raum oder

Zeit erfüllt sei, geben, und die intensive Größe in verschiedenen

Erscheinungen kleiner oder größer sein können, obschon die extensive

Größe der Anschauung gleich ist.

Wir wollen ein Beispiel davon geben. Beinahe alle Naturlehrer, da sie

einen großen Unterschied der Quantität der Materie von verschiedener

Art unter gleichem Volumen (teils durch das Moment der Schwere, oder

des Gewichts, teils durch das Moment des Widerstandes gegen andere

bewegter Materien) wahrnehmen, schließen daraus einstimmig: dieses

Volumen (extensive Größe der Erscheinung) müsse in allen Materien,

obzwar in verschiedenem Maße, leer sein. Wer hätte aber von diesen

größtenteils mathematischen und mechanischen Naturforschern sich wohl

jemals einfallen lassen, daß sie diesen ihren Schluß lediglich auf

eine metaphysische Voraussetzung, welche sie doch so sehr zu vermeiden

vorgeben, gründeten? indem sie annehmen, daß das Reale im Raume (ich

mag es hier nicht Undurchdringlichkeit oder Gewicht nennen, weil

dieses empirische Begriffe sind), allerwärts einerlei sei, und sich

nur der extensiven Größe d.i. der Menge nach unterscheiden könne.

Dieser Voraussetzung, dazu sie keinen Grund in der Erfahrung haben

konnten, und die also bloß metaphysisch ist, setze ich einen

transzendentalen Beweis entgegen, der zwar den Unterschied in der

Erfüllung der Räume nicht erklären soll, aber doch die vermeinte

Notwendigkeit jener Voraussetzung, gedachten Unterschied nicht anders

wie durch anzunehmende leere Räume, erklären zu können, völlig

aufhebt, und das Verdienst hat, den Verstand wenigstens in Freiheit zu

versetzen, sich diese Verschiedenheit auch auf andere Art zu denken,

wenn die Naturerklärung hierzu irgendeine Hypothese notwendig

machen sollte. Denn da sehen wir, daß, obschon gleiche Räume von

verschiedenen Materien vollkommen erfüllt sein mögen, so, daß in

keinem von beiden ein Punkt ist, in welchem nicht ihre Gegenwart

anzutreffen wäre, so habe doch jedes Reale bei derselben Qualität

ihren Grad (des Widerstandes oder des Wiegens), welcher ohne

Verminderung der extensiven Größe oder Menge ins Unendliche kleiner

sein kann, ehe sie in das Leere übergeht, und verschwindet. So kann

eine Ausspannung, die einen Raum erfüllt, z.B. Wärme, und auf gleiche

Weise jede andere Realität (in der Erscheinung), ohne im mindesten

den kleinsten Teil dieses Raumes leer zu lassen, in ihren Graden

ins Unendliche abnehmen, und nichtsdestoweniger den Raum mit diesen

kleineren Graden ebensowohl erfüllen, als eine andere Erscheinung mit

größeren. Meine Absicht ist hier keineswegs, zu behaupten: daß dieses

wirklich mit der Verschiedenheit der Materien, ihrer spezifischen

Schwere nach, so bewandt sei, sondern nur aus einem Grundsatze des

reinen Verstandes darzutun: daß die Natur unserer Wahrnehmungen eine

solche Erklärungsart möglich mache, und daß man fälschlich das Reale

der Erscheinung dem Grade nach als gleich, und nur der Aggregation und

deren extensiven Größe nach als verschieden annehme, und dieses sogar,

vorgeblichermaßen, durch einen Grundsatz des Verstandes a priori

behaupte.

Es hat gleichwohl diese Antizipation der Wahrnehmung etwas für einen

der transzendentalen gewohnten und dadurch behutsam gewordenen

Nachforscher, immer etwas Auffallendes an sich, und erregt darüber

einiges Bedenken, daß der Verstand einen dergleichen synthetischen

Satz, als der von dem Grad alles Realen in den Erscheinungen ist,

und mithin der Möglichkeit des inneren Unterschiedes der Empfindung

selbst, wenn man von ihrer empirischen Qualität abstrahiert, und

es ist also noch eine der Auflösung nicht unwürdige Frage: wie der

Verstand hierin synthetisch über Erscheinungen a priori aussprechen,

und diese sogar in demjenigen, was eigentlich und bloß empirisch ist,

nämlich die Empfindung angeht, antizipieren könne?

Die Qualität der Empfindung ist jederzeit bloß empirisch und kann a

priori gar nicht vorgestellt werden, (z.B. Farben, Geschmack usw.).

Aber das Reale, was den Empfindungen überhaupt korrespondiert, im

Gegensatz mit der Negation = O, stellt nur etwas vor, dessen Begriff

an sich ein Sein enthält, und bedeutet nichts als die Synthesis in

einem empirischen Bewußtsein überhaupt. In dem inneren Sinn nämlich

kann das empirische Bewußtsein von O bis zu jedem größeren Grade

erhöht werden, so daß eben dieselbe extensive Größe der Anschauung

(z.B. erleuchtete Fläche) so große Empfindung erregt, als ein Aggregat

von vielem anderen (minder erleuchteten) zusammen. Man kann also von

der extensiven Größe der Erscheinung gänzlich abstrahieren, und sich

doch an der bloßen Empfindung in einem Moment eine Synthesis der

gleichförmigen Steigerung von O bis zu dem gegebenen empirischen

Bewußtsein vorstellen. Alle Empfindungen werden daher, als solche,

zwar nur a priori gegeben, aber die Eigenschaft derselben, daß sie

einen Grad haben, kann a priori erkannt werden. Es ist merkwürdig, daß

wir an Größen überhaupt a priori nur eine einzige Qualität, nämlich

die Kontinuität, an aller Qualität aber (dem Realen der Erscheinungen)

nichts weiter a priori, als die intensive Quantität derselben, nämlich

daß sie einen Grad haben, erkennen können, alles übrige bleibt der

Erfahrung überlassen.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 25 / 70 题