2. Von der Synthesis der Reproduktion in der Einbildung

Es ist zwar ein bloß empirisches Gesetz, nach welchem Vorstellungen,

die sich oft gefolgt oder begleitet haben, miteinander endlich

vergesellschaften, und dadurch in eine Verknüpfung setzen, nach

welcher, auch ohne die Gegenwart des Gegenstandes, eine dieser

Vorstellungen einen Übergang des Gemüts zu der anderen, nach einer

beständigen Regel, hervorbringt. Dieses Gesetz der Reproduktion setzt

aber voraus: daß die Erscheinungen selbst wirklich einer solchen Regel

unterworfen seien, und daß in dem Mannigfaltigen ihrer Vorstellungen

eine, gewissen Regeln gemäße, Begleitung, oder Folge stattfinde; denn

ohne das würde unsere empirische Einbildungskraft niemals etwas ihrem

Vermögen Gemäßes zu tun bekommen, also, wie ein totes und uns selbst

unbekanntes Vermögen im Innern des Gemüts verborgen bleiben. Würde der

Zinnober bald rot, bald schwarz, bald leicht, bald schwer sein, ein

Mensch bald in diese, bald in jene tierische Gestalt verändert werden,

am längsten Tage bald das Land mit Früchten, bald mit Eis und Schnee

bedeckt sein, so könnte meine empirische Einbildungskraft nicht einmal

Gelegenheit bekommen, bei der Vorstellung der roten Farbe den schweren

Zinnober in die Gedanken zu bekommen, oder würde ein gewisses Wort

bald diesem, bald jenem Dinge beigelegt, oder auch eben dasselbe Ding

bald so bald anders benannt, ohne daß hierin eine gewisse Regel, der

die Erscheinungen schon von selbst unterworfen sind, herrschte, so

könnte keine empirische Synthesis der Reproduktion stattfinden.

Es muß also etwas sein, was selbst diese Reproduktion der

Erscheinungen möglich macht, dadurch, daß es der Grund a priori einer

notwendigen synthetischen Einheit derselben ist. Hierauf aber kommt

man bald, wenn man sich besinnt, daß Erscheinungen nicht Dinge an sich

selbst, sondern das bloße Spiel unserer Vorstellungen sind, die am

Ende auf Bestimmungen des inneren Sinnes auslaufen. Wenn wir nun

dartun können, daß selbst unsere reinsten Anschauungen a priori keine

Erkenntnis verschaffen, außer, sofern sie eine solche Verbindung

des Mannigfaltigen enthalten, die eine durchgängige Synthesis

der Reproduktion möglich macht, so ist diese Synthesis der

Einbildungskraft auch vor aller Erfahrung auf Prinzipien a priori

gegründet, und man muß eine reine transzendentale Synthesis derselben

annehmen, die selbst der Möglichkeit aller Erfahrung, (als welche die

Reproduzibilität der Erscheinungen notwendig voraussetzt) zum Grunde

liege. Nun ist offenbar, daß, wenn ich eine Linie in Gedanken ziehe,

oder die Zeit von einem Mittag zum andern denken, oder auch nur eine

gewisse Zahl mir vorstellen will, ich erstlich notwendig eine dieser

mannigfaltigen Vorstellungen nach der anderen in Gedanken fassen

müsse. Würde ich aber die vorhergehende (die ersten Teile der Linie,

die vorhergehenden Teile der Zeit, oder die nacheinander vorgestellten

Einheiten) immer aus den Gedanken verlieren, und sie nicht

reproduzieren, indem ich zu den folgenden fortgehe, so würde niemals

eine ganze Vorstellung, und keiner aller vorgenannten Gedanken, ja gar

nicht einmal die reinsten und ersten Grundvorstellungen von Raum und

Zeit entspringen können.

Die Synthesis der Apprehension ist also mit der Synthesis

der Reproduktion unzertrennlich verbunden. Und da jene den

transzendentalen Grund der Möglichkeit aller Erkenntnisse überhaupt

(nicht bloß der empirischen, sondern auch der reinen a priori)

ausmacht, so gehört die reproduktive Synthesis der Einbildungskraft

zu den transzendentalen Handlungen des Gemüts und in Rücksicht auf

dieselbe, wollen wir dieses Vermögen auch das transzendentale Vermögen

der Einbildungskraft nennen.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 22 / 70 题