Zuerst wird es nötig sein, uns so deutlich, als möglich, zu erklären,
was in Ansehung der Grundbeschaffenheit der sinnlichen Erkenntnis
überhaupt unsere Meinung sei, um aller Mißdeutung derselben
vorzubeugen.
Wir haben also sagen wollen: daß alle unsere Anschauung nichts als die
Vorstellung von Erscheinung sei: daß die Dinge, die wir anschauen,
nicht das an sich selbst sind, wofür wir sie anschauen, noch
ihre Verhältnisse so an sich selbst beschaffen sind, als sie uns
erscheinen, und daß, wenn wir unser Subjekt oder auch nur die
subjektive Beschaffenheit der Sinne überhaupt aufheben, alle die
Beschaffenheit, alle Verhältnisse der Objekte im Raum und Zeit, ja
selbst Raum und Zeit verschwinden würden, und als Erscheinungen nicht
an sich selbst, sondern nur in uns existieren können. Was es für eine
Bewandtnis mit den Gegenständen an sich und abgesondert von aller
dieser Rezeptivität unserer Sinnlichkeit haben möge, bleibt
uns gänzlich unbekannt. Wir kennen nichts, als unsere Art, sie
wahrzunehmen, die uns eigentümlich ist, die auch nicht notwendig jedem
Wesen, obzwar jedem Menschen, zukommen muß. Mit dieser haben wir es
lediglich zu tun. Raum und Zeit sind die reinen Formen derselben,
Empfindung überhaupt die Materie. Jene können wir allein a priori,
d.i. vor aller wirklichen Wahrnehmung erkennen, und sie heißt darum
reine Anschauung; diese aber ist das in unserem Erkenntnis, was da
macht, daß sie Erkenntnis a posteriori, d.i. empirische Anschauung
heißt. Jene hängen unserer Sinnlichkeit schlechthin notwendig an,
welcher Art auch unsere Empfindungen sein mögen; diese können sehr
verschieden sein. Wenn wir diese unsere Anschauung auch zum höchsten
Grade der Deutlichkeit bringen könnten, so würden wir dadurch der
Beschaffenheit der Gegenstände an sich selbst nicht näher kommen. Denn
wir würden auf allen Fall doch nur unsere Art der Anschauung, d.i.
unsere Sinnlichkeit vollständig erkennen, und diese immer nur unter
den, dem Subjekt ursprünglich anhängenden Bedingungen, von Raum und
Zeit; was die Gegenstände an sich selbst sein mögen, würde uns durch
die aufgeklärteste Erkenntnis der Erscheinung derselben, die uns
allein gegeben ist, doch niemals bekannt werden.
Daß daher unsere ganze Sinnlichkeit nichts als die verworrene
Vorstellung der Dinge sei, welche lediglich das enthält, was ihnen
an sich selbst zukommt, aber nur unter einer Zusammenhäufung von
Merkmalen und Teilvorstellungen, die wir nicht mit Bewußtsein
auseinander setzen, ist eine Verfälschung des Begriffs von
Sinnlichkeit und von Erscheinung, welche die ganze Lehre derselben
unnütz und leer macht. Der Unterschied einer undeutlichen von der
deutlichen Vorstellung ist bloß logisch, und betrifft nicht den
Inhalt. Ohne Zweifel enthält der Begriff von Recht, dessen sich der
gesunde Verstand bedient, ebendasselbe, was die subtilste Spekulation
aus ihm entwickeln kann, nur daß im gemeinen und praktischen Gebrauche
man sich dieser mannigfaltigen Vorstellungen in diesen Gedanken nicht
bewußt ist. Darum kann man nicht sagen, daß der gemeine Begriff
sinnlich sei, und eine bloße Erscheinung enthalte, denn das Recht kann
gar nicht erscheinen, sondern sein Begriff liegt im Verstande, und
stellt eine Beschaffenheit (die moralische) der Handlungen vor, die
ihnen an sich selbst zukommt. Dagegen enthält die Vorstellung eines
Körpers in der Anschauung gar nichts, was einem Gegenstande an sich
selbst zukommen könnte, sondern bloß die Erscheinung von etwas, und
die Art, wie wir dadurch affiziert werden, und diese Rezeptivität
unserer Erkenntnisfähigkeit heißt Sinnlichkeit, und bleibt von
der Erkenntnis des Gegenstandes an sich selbst, ob man jene (die
Erscheinung) gleich bis auf den Grund durchschauen möchte, dennoch
himmelweit unterschieden.
Die Leibniz-Wolfische Philosophie hat daher allen Untersuchungen über
die Natur und den Ursprung unserer Erkenntnisse einen ganz unrechten
Gesichtspunkt angewiesen, indem sie den Unterschied der Sinnlichkeit
vom Intellektuellen bloß als logisch betrachtete, da er offenbar
transzendental ist, und nicht bloß die Form der Deutlichkeit oder
Undeutlichkeit, sondern den Ursprung und den Inhalt derselben
betrifft, so daß wir durch die erstere die Beschaffenheit der Dinge
an sich selbst nicht bloß undeutlich, sondern gar nicht erkennen,
und, sobald wir unsere subjektive Beschaffenheit wegnehmen, das
vorgestellte Objekt mit den Eigenschaften, die ihm die sinnliche
Anschauung beilegte, überall nirgend anzutreffen ist, noch angetroffen
werden kann, indem eben diese subjektive Beschaffenheit die Form
desselben, als Erscheinung, bestimmt.
Wir unterscheiden sonst wohl unter Erscheinungen das, was der
Anschauung derselben wesentlich anhängt, und für jeden menschlichen
Sinn überhaupt gilt, von demjenigen, was derselben nur zufälligerweise
zukommt, indem es nicht auf die Beziehung der Sinnlichkeit überhaupt,
sondern nur auf eine besondere Stellung oder Organisation dieses oder
jenes Sinnes gültig ist. Und da nennt man die erstere Erkenntnis
eine solche, die den Gegenstand an sich selbst vorstellt, die zweite
aber nur die Erscheinung desselben. Dieser Unterschied ist aber nur
empirisch. Bleibt man dabei stehen, (wie es gemeiniglich geschieht,)
und sieht jene empirische Anschauung nicht wiederum (wie es geschehen
sollte) als bloße Erscheinung an, so daß darin gar nichts, was
irgendeine Sache an sich selbst anginge, anzutreffen ist, so ist
unser transzendentale Unterschied verloren, und wir glauben alsdann
doch, Dinge an sich zu erkennen, ob wir es gleich überall (in der
Sinnenwelt) selbst bis zu der tiefsten Erforschung ihrer Gegenstände
mit nichts, als Erscheinungen, zu tun haben, So werden wir zwar den
Regenbogen eine bloße Erscheinung bei einem Sonnregen nennen, diesen
Regen aber die Sache an sich selbst, welches auch richtig ist, sofern
wir den letzteren Begriff nur physisch verstehen, als das, was in der
allgemeinen Erfahrung, unter allen verschiedenen Lagen zu den Sinnen,
doch in der Anschauung so und nicht anders bestimmt ist. Nehmen
wir aber dieses Empirische überhaupt, und fragen, ohne uns an die
Einstimmung desselben mit jedem Menschensinne zu kehren, ob auch
dieses einen Gegenstand an sich selbst (nicht die Regentropfen,
denn die sind dann schon, als Erscheinungen, empirische Objekte,)
vorstelle, so ist die Frage von der Beziehung der Vorstellung auf den
Gegenstand transzendental, und nicht allein diese Tropfen sind bloße
Erscheinungen, sondern selbst ihre runde Gestalt, ja sogar der Raum,
in welchen sie fallen, sind nichts an sich selbst, sondern bloße
Modifikationen, oder Grundlagen unserer sinnlichen Anschauung, das
transzendentale Objekt aber bleibt uns unbekannt.
Die zweite wichtige Angelegenheit unserer transzendentalen Ästhetik
ist, daß sie nicht bloß als scheinbare Hypothese einige Gunst erwerbe,
sondern so gewiß und ungezweifelt sei, als jemals von einer Theorie
gefordert werden kann, die zum Organon dienen soll. Um diese Gewißheit
völlig einleuchtend zu machen, wollen wir irgendeinen Fall wählen,
woran dessen Gültigkeit augenscheinlich werden.
Setzet demnach, Raum und Zeit seien an sich selbst objektiv und
Bedingungen der Möglichkeit der Dinge an sich selbst, so zeigt sich
erstlich: daß von beiden a priori apodiktische und synthetische Sätze
in großer Zahl vornehmlich vom Raum vorkommen, welchen wir darum
vorzüglich hier zum Beispiel untersuchen wollen. Da die Sätze der
Geometrie synthetisch a priori und mit apodiktischer Gewißheit erkannt
werden, so frage ich: woher nehmt ihr dergleichen Sätze, und worauf
stützt sich unser Verstand, um zu dergleichen schlechthin notwendigen
und allgemeingültigen Wahrheiten zu gelangen? Es ist kein anderer Weg,
als durch Begriffe oder durch Anschauungen; beides aber, als solche,
die entweder a priori oder a posteriori gegeben sind. Die letzteren,
nämlich empirische Begriffe, imgleichen das, worauf sie sich gründen,
die empirische Anschauung, können keinen synthetischen Satz geben, als
nur einen solchen, der auch bloß empirisch, d.i. ein Erfahrungssatz
ist, mithin niemals Notwendigkeit und absolute Allgemeinheit enthalten
kann, dergleichen doch das Charakteristische aller Sätze der Geometrie
ist. Was aber das erstere und einzige Mittel sein würde, nämlich
durch bloße Begriffe oder durch Anschauungen a priori zu dergleichen
Erkenntnissen zu gelangen, so ist klar, daß aus bloßen Begriffen gar
keine synthetische Erkenntnis, sondern lediglich analytische erlangt
werden kann. Nehmet nur den Satz: daß durch zwei gerade Linien sich
gar kein Raum einschließen lasse, mithin keine Figur möglich sei, und
versucht ihn aus dem Begriff von geraden Linien und der Zahl zwei
abzuleiten; oder auch, daß aus drei geraden Linien eine Figur möglich
sei, und versucht es ebenso bloß aus diesen Begriffen. Alle eure
Bemühung ist vergeblich, und ihr seht euch genötigt, zur Anschauung
eure Zuflucht zu nehmen, wie es die Geometrie auch jederzeit tut. Ihr
gebt euch also einen Gegenstand in der Anschauung; von welcher Art
aber ist diese, ist es eine reine Anschauung a priori oder eine
empirische? Wäre das letzte, so könnte niemals ein allgemeingültiger,
noch weniger ein apodiktischer Satz daraus werden: denn Erfahrung kann
dergleichen niemals liefern. Ihr müßt also euren Gegenstand a priori
in der Anschauung geben, und auf diesen euren synthetischen Satz
gründen. Läge nun in euch nicht ein Vermögen, a priori anzuschauen;
wäre diese subjektive Bedingung der Form nach nicht zugleich die
allgemeine Bedingung a priori, unter der allein das Objekt dieser
(äußeren) Anschauung selbst möglich ist; wäre der Gegenstand (der
Triangel) etwas an sich selbst ohne Beziehung auf euer Subjekt: wie
könntet ihr sagen, daß, was in euren subjektiven Bedingungen einen
Triangel zu konstruieren notwendig liegt, auch dem Triangel an sich
selbst notwendig zukommen müsse? denn ihr könntet doch zu euren
Begriffen (von drei Linien) nichts neues (die Figur) hinzufügen,
welches darum notwendig an dem Gegenstande angetroffen werden müßte,
da dieser vor eurer Erkenntnis und nicht durch dieselbe gegeben ist.
Wäre also nicht der Raum (und so auch die Zeit) eine bloße Form eurer
Anschauung, welche Bedingungen a priori enthält, unter denen allein
Dinge für euch äußere Gegenstände sein können, die ohne diese
subjektiven Bedingungen an sich nichts sind, so könntet ihr a priori
ganz und gar nichts über äußere Objekte synthetisch ausmachen. Es
ist also ungezweifelt gewiß, und nicht bloß möglich, oder auch
wahrscheinlich, daß Raum und Zeit, als die notwendigen Bedingungen
aller (äußeren und inneren) Erfahrung, bloß subjektive Bedingungen
aller unserer Anschauung sind, im Verhältnis auf welche daher alle
Gegenstände bloße Erscheinungen und nicht für sich in dieser Art
gegebene Dinge sind, von denen sich auch um deswillen, was die Form
derselben betrifft, vieles a priori sagen läßt, niemals aber das
Mindeste von dem Dinge an sich selbst, das diesen Erscheinungen zum
Grunde liegen mag.
Der transzendentalen Elementarlehre
Zweiter Teil
Die transzendentale Logik
Einleitung
Idee einer transzendentalen Logik