Erläuterung

Wider diese Theorie, welche der Zeit empirische Realität zugesteht,

aber die absolute und transzendentale bestreitet, habe ich von

einsehenden Männern einen Einwurf so einstimmig vernommen, daß ich

daraus abnehme, er müsse sich natürlicherweise bei jedem Leser,

dem diese Betrachtungen ungewohnt sind, vorfinden. Er lautet so:

Veränderungen sind wirklich (dies beweist der Wechsel unserer eigenen

Vorstellungen, wenn man gleich alle äußeren Erscheinungen, samt deren

Veränderungen, leugnen wollte). Nun sind Veränderungen nur in der Zeit

möglich, folglich ist die Zeit etwas Wirkliches. Die Beantwortung hat

keine Schwierigkeit. Ich gebe das ganze Argument zu. Die Zeit ist

allerdings etwas Wirkliches, nämlich die wirkliche Form der inneren

Anschauung. Sie hat also subjektive Realität in Ansehung der inneren

Erfahrung, d.i. ich habe wirklich die Vorstellung von der Zeit und

meiner Bestimmungen in ihr. Sie ist also wirklich nicht als Objekt,

sondern als die Vorstellungsart meiner selbst als Objekts anzusehen.

Wenn aber ich selbst, oder ein ander Wesen mich, ohne diese Bedingung

der Sinnlichkeit, anschauen könnte, so würden eben dieselben

Bestimmungen, die wir uns jetzt als Veränderungen vorstellen, eine

Erkenntnis geben, in welcher die Vorstellung der Zeit, mithin auch

der Veränderung, gar nicht vorkäme. Es bleibt also ihre empirische

Realität als Bedingung aller unserer Erfahrungen. Nur die absolute

Realität kann ihr nach dem oben Angeführten nicht zugestanden werden.

Sie ist nichts, als die Form unserer inneren Anschauung*. Wenn man

von ihr die besondere Bedingung unserer Sinnlichkeit wegnimmt, so

verschwindet auch der Begriff der Zeit, und sie hängt nicht an den

Gegenständen selbst, sondern bloß am Subjekte, welches sie anschaut.

* Ich kann zwar sagen: meine Vorstellungen folgen einander; aber das

heißt nur, wir sind uns ihrer, als in einer Zeitfolge, d.i. nach

der Form des inneren Sinnes, bewußt. Die Zeit ist darum nicht

etwas an sich selbst, auch keine den Dingen objektiv anhängende

Bestimmung.

Die Ursache aber, weswegen dieser Einwurf so einstimmig gemacht wird,

und zwar von denen, die gleichwohl gegen die Lehre von der Idealität

des Raumes nichts Einleuchtendes einzuwenden wissen, ist diese. Die

absolute Realität des Raumes hofften sie nicht apodiktisch dartun zu

können, weil ihnen der Idealismus entgegensteht, nach welchem die

Wirklichkeit äußerer Gegenstände keines strengen Beweises fähig ist:

dagegen die des Gegenstandes unserer inneren Sinne (meiner selbst und

meines Zustandes) unmittelbar durchs Bewußtsein klar ist. Jene konnten

ein bloßer Schein sein, dieser aber ist, ihrer Meinung nach, unleugbar

etwas Wirkliches. Sie bedachten aber nicht, daß beide, ohne daß man

ihre Wirklichkeit als Vorstellungen bestreiten darf, gleichwohl nur

zur Erscheinung gehören, welche jederzeit zwei Seiten hat, die eine,

da das Objekt an sich selbst betrachtet wird, (unangesehen der Art,

dasselbe anzuschauen, dessen Beschaffenheit aber eben darum jederzeit

problematisch bleibt,) die andere, da auf die Form der Anschauung

dieses Gegenstandes gesehen wird, welche nicht in dem Gegenstande an

sich selbst, sondern im Subjekte, dem derselbe erscheint, gesucht

werden muß, gleichwohl aber der Erscheinung dieses Gegenstandes

wirklich und notwendig zukommt.

Zeit und Raum sind demnach zwei Erkenntnisquellen, aus denen a priori

verschiedene synthetische Erkenntnisse geschöpft werden können, wie

vornehmlich die reine Mathematik in Ansehung der Erkenntnisse vom

Raume und dessen Verhältnissen ein glänzendes Beispiel gibt. Sie

sind nämlich beide zusammengenommen reine Formen aller sinnlichen

Anschauung, und machen dadurch synthetische Sätze a priori möglich.

Aber diese Erkenntnisquellen a priori bestimmen sich eben dadurch (daß

sie bloß Bedingungen der Sinnlichkeit sind) ihre Grenzen, nämlich,

daß sie bloß auf Gegenstände gehen, sofern sie als Erscheinungen

betrachtet werden, nicht aber Dinge an sich selbst darstellen. Jene

allein sind das Feld ihrer Gültigkeit, woraus, wenn man hinausgeht,

weiter kein objektiver Gebrauch derselben stattfindet. Diese

Realität des Raumes und der Zeit läßt übrigens die Sicherheit der

Erfahrungserkenntnis unangetastet: denn wir sind derselben ebenso

gewiß, ob diese Formen den Dingen an sich selbst, oder nur unserer

Anschauung dieser Dinge notwendigerweise anhängen. Dagegen die, so die

absolute Realität des Raumes und der Zeit behaupten, sie mögen sie nun

als subsistierend, oder nur inhärierend annehmen, mit den Prinzipien

der Erfahrung selbst uneinig sein müssen. Denn, entschließen sie sich

zum ersteren, (welches gemeiniglich die Partei der mathematischen

Naturforscher ist,) so müssen sie zwei ewige und unendliche für sich

bestehende Undinge (Raum und Zeit) annehmen, welche da sind (ohne

daß doch etwas Wirkliches ist), nur um alles Wirkliche in sich zu

befassen. Nehmen sie die zweite Partei (von der einige metaphysische

Naturlehrer sind), und Raum und Zeit gelten ihnen als von der

Erfahrung abstrahierte, obzwar in der Absonderung verworren

vorgestellte, Verhältnisse der Erscheinungen (neben- oder

nacheinander), so müssen sie den mathematischen Lehren a priori in

Ansehung wirklicher Dinge (z.E. im Raume) ihre Gültigkeit, wenigstens

die apodiktische Gewißheit streiten, indem diese a posteriori gar

nicht stattfindet, und die Begriffe a priori von Raum und Zeit, dieser

Meinung nach, nur Geschöpfe der Einbildungskraft sind, deren Quell

wirklich in der Erfahrung gesucht werden muß, aus deren abstrahierten

Verhältnissen die Einbildung etwas gemacht hat, was zwar das

Allgemeine derselben enthält, aber ohne die Restriktionen, welche

die Natur mit denselben verknüpft hat, nicht stattfinden kann. Die

ersteren gewinnen so viel, daß sie für die mathematischen Behauptungen

sich das Feld der Erscheinungen freimachen. Dagegen verwirren sie sich

sehr durch eben diese Bedingungen, wenn der Verstand über dieses Feld

hinausgehen will. Die zweiten gewinnen zwar in Ansehung des letzteren,

nämlich, daß die Vorstellungen von Raum und Zeit ihnen nicht in den

Weg kommen, wenn sie von Gegenständen nicht als Erscheinungen, sondern

bloß im Verhältnis auf den Verstand urteilen wollen; können aber weder

von der Möglichkeit mathematischer Erkenntnisse a priori (indem ihnen

eine wahre und objektiv gültige Anschauung a priori fehlt) Grund

angeben, noch die Erfahrungssätze mit jenen Behauptungen in notwendige

Einstimmung bringen. In unserer Theorie, von der wahren Beschaffenheit

dieser zwei ursprünglichen Formen der Sinnlichkeit, ist beiden

Schwierigkeiten abgeholfen.

Daß schließlich die transzendentale Ästhetik nicht mehr, als diese

zwei Elemente, nämlich Raum und Zeit, enthalten könne, ist daraus

klar, weil alle anderen zur Sinnlichkeit gehörigen Begriffe, selbst

der der Bewegung, welcher beide Stücke vereinigt, etwas Empirisches

voraussetzen. Denn diese setzt die Wahrnehmung von etwas Beweglichem

voraus. Im Raum, an sich selbst betrachtet, ist aber nichts

Bewegliches: daher das Bewegliche etwas sein muß, was im Raume nur

durch Erfahrung gefunden wird, mithin ein empirisches Datum. Ebenso

kann die transzendentale Ästhetik nicht den Begriff der Veränderung

unter ihre Data a priori zählen: denn die Zeit selbst verändert

sich nicht, sondern etwas, das in der Zeit ist. Also wird dazu

die Wahrnehmung von irgendeinem Dasein, und der Sukzession seiner

Bestimmungen, mithin Erfahrung erfordert.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 14 / 70 题