In allen Urteilen, worinnen das Verhältnis eines Subjekts zum Prädikat
gedacht wird, (wenn ich nur die bejahenden erwäge: denn auf die
verneinenden ist die Anwendung leicht) ist dieses Verhältnis auf
zweierlei Art möglich. Entweder das Prädikat B gehört zum Subjekt A
als etwas, was in diesem Begriffe A (versteckterweise) enthalten ist;
oder B liegt ganz außer dem Begriff A, ob es zwar mit demselben in
Verknüpfung steht. Im ersten Fall nenne ich das Urteil analytisch, im
andern synthetisch. Analytische Urteile (die bejahenden) sind also
diejenigen, in welchen die Verknüpfung des Prädikats mit dem Subjekt
durch Identität, diejenigen aber, in denen diese Verknüpfung
ohne Identität gedacht wird, sollen synthetische Urteile
heißen. Die ersteren könnte man auch Erläuterungs-, die anderen
Erweiterungs-Urteile heißen, weil jene durch das Prädikat nichts zum
Begriff des Subjekts hinzutun, sondern diesen nur durch Zergliederung
in seine Teilbegriffe zerfällen, die in selbigen schon, (obschon
verworren) gedacht waren: dahingegen die letzteren zu dem Begriffe
des Subjekts ein Prädikat hinzutun, welches in jenem gar nicht
gedacht war, und durch keine Zergliederung desselben hätte können
herausgezogen werden, z.B. wenn ich sage: alle Körper sind ausgedehnt,
so ist dies ein analytisch Urteil. Denn ich darf nicht aus dem
Begriffe, den ich mit dem Wort Körper verbinde, hinausgehen, um die
Ausdehnung als mit demselben verknüpft zu finden, sondern jenen
Begriff nur zergliedern, d.i. des Mannigfaltigen, welches ich
jederzeit in ihm denke, nur bewußt werden, um dieses Prädikat darin
anzutreffen; es ist also ein analytisches Urteil. Dagegen, wenn ich
sage: alle Körper sind schwer, so ist das Prädikat etwas ganz anderes,
als das, was ich in dem bloßen Begriff eines Körpers überhaupt denke.
Die Hinzufügung eines solchen Prädikats gibt also ein synthetisch
Urteil.
Nun ist hieraus klar: 1. daß durch analytische Urteile unsere
Erkenntnis gar nicht erweitert werde, sondern der Begriff, den ich
schon habe, auseinandergesetzt, und mir selbst verständlich gemacht
werde; 2. daß bei synthetischen Urteilen ich außer dem Begriffe des
Subjekts noch etwas anderes (X) haben müsse, worauf sich der Verstand
stützt, um ein Prädikat, das in jenem Begriffe nicht liegt, doch als
dazu gehörig zu erkennen.
Bei empirischen oder Erfahrungsurteilen hat es hiermit gar keine
Schwierigkeit. Denn dieses X ist die vollständige Erfahrung von dem
Gegenstande, den ich durch einen Begriff A denke, welcher nur einen
Teil dieser Erfahrung ausmacht. Denn ob ich schon in dem Begriff eines
Körpers überhaupt das Prädikat der Schwere gar nicht einschließe,
so bezeichnet er doch die vollständige Erfahrung durch einen Teil
derselben, zu welchem also ich noch andere Teile eben derselben
Erfahrung, als zu dem ersteren gehörig, hinzufügen kann. Ich kann
den Begriff des Körpers vorher analytisch durch die Merkmale der
Ausdehnung, der Undurchdringlichkeit, der Gestalt usw., die alle in
diesem Begriff gedacht werden, erkennen. Nun erweitere ich aber meine
Erkenntnis, und, indem ich auf die Erfahrung zurücksehe, von welcher
ich diesen Begriff des Körpers abgezogen hatte, so finde ich mit
obigen Merkmalen auch die Schwere jederzeit verknüpft. Es ist also die
Erfahrung jenes X, was außer dem Begriffe A liegt, und worauf sich die
Möglichkeit der Synthesis des Prädikats der Schwere B mit dem Begriffe
A gründet.
Aber bei synthetischen Urteilen a priori fehlt dieses Hilfsmittel ganz
und gar. Wenn ich außer dem Begriffe A hinausgehen soll, um einen
andern B, als damit verbunden zu erkennen, was ist das, worauf ich
mich stütze, und wodurch die Synthesis möglich wird, da ich hier den
Vorteil nicht habe, mich im Felde der Erfahrung danach umzusehen?
Man nehme den Satz: Alles, was geschieht, hat seine Ursache. In dem
Begriff von etwas, das geschieht, denke ich zwar ein Dasein, vor
welchem eine Zeit vorhergeht usw. und daraus lassen sich analytische
Urteile ziehen. Aber der Begriff einer Ursache zeigt etwas von
dem, was geschieht, Verschiedenes an, und ist in dieser letzteren
Vorstellung gar nicht mit enthalten. Wie komme ich denn dazu, von dem,
was überhaupt geschieht, etwas davon ganz Verschiedenes zu sagen, und
den Begriff der Ursachen, obzwar in jenen nicht enthalten, dennoch,
als dazu gehörig, zu erkennen. Was ist hier das X, worauf sich der
Verstand stützt, wenn er außer dem Begriff von A ein demselben fremdes
Prädikat aufzufinden glaubt, das gleichwohl damit verknüpft sei.
Erfahrung kann es nicht sein, weil der angeführte Grundsatz nicht
allein mit größerer Allgemeinheit, als die Erfahrung verschaffen kann,
sondern auch mit dem Ausdruck der Notwendigkeit, mithin gänzlich a
priori und aus bloßen Begriffen diese zweite Vorstellungen zu der
ersteren hinzufügt. Nun beruht auf solchen synthetischen d.i.
Erweiterungs-Grundsätzen die ganze Endabsicht unserer spekulativen
Erkenntnis a priori; denn die analytischen sind zwar höchst wichtig
und nötig, aber nur um zu derjenigen Deutlichkeit der Begriffe zu
gelangen, die zu einer sicheren und ausgebreiteten Synthesis, als zu
einem wirklich neuen Anbau, erforderlich ist.
Es liegt also hier ein gewisses Geheimnis verborgen*, dessen
Aufschluß allein den Fortschritt in dem grenzenlosen Felde der reinen
Verstandeserkenntnis sicher und zuverlässig machen kann: nämlich
mit gehöriger Allgemeinheit den Grund der Möglichkeit synthetischer
Urteile a priori aufzudecken, die Bedingungen, die eine jede Art
derselben möglich machen, einzusehen, und diese ganze Erkenntnis
(die ihre eigene Gattung ausmacht) in einem System nach ihren
ursprünglichen Quellen, Abteilungen, Umfang und Grenzen, nicht durch
einen flüchtigen Umkreis zu bezeichnen, sondern vollständig und zu
jedem Gebrauch hinreichend zu bestimmen. Soviel vorläufig von dem
Eigentümlichen, was die synthetischen Urteile an sich haben.
* Wäre es einem von den Alten eingefallen, auch nur diese Frage
aufzuwerfen, so würde diese allein allen Systemen der reinen
Vernunft bis auf unsere Zeit mächtig widerstanden haben, und hätte
so viele eitele Versuche erspart, die, ohne zu wissen, womit man
eigentlich zu tun hat, blindlings unternommen worden.
Aus diesem allen ergibt sich nun die Idee einer besondern
Wissenschaft, die zur Kritik der reinen Vernunft dienen könne. Es
heißt aber jede Erkenntnis rein, die mit nichts Fremdartigen vermischt
ist. Besonders aber wird eine Erkenntnis schlechthin rein genannt, in
die sich überhaupt keine Erfahrung oder Empfindung einmischt, welche
mithin völlig a priori möglich ist. Nun ist Vernunft das Vermögen,
welches die Prinzipien der Erkenntnis a priori an die Hand gibt. Daher
ist reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien etwas schlechthin
a priori zu erkennen, enthält. Ein Organon der reinen Vernunft würde
ein Inbegriff derjenigen Prinzipien sein, nach denen alle reinen
Erkenntnisse a priori können erworben und wirklich zustande gebracht
werden. Die ausführliche Anwendung eines solchen Organon würde ein
System der reinen Vernunft verschaffen. Da dieses aber sehr viel
verlangt ist, und es noch dahin steht, ob auch überhaupt eine solche
Erweiterung unserer Erkenntnis, und in welchen Fällen sie möglich sei;
so können wir eine Wissenschaft der bloßen Beurteilung der reinen
Vernunft, ihrer Quellen und Grenzen, als die Propädeutik zum System
der reinen Vernunft ansehen. Eine solche würde nicht eine Doktrin,
sondern nur Kritik der reinen Vernunft heißen müssen, und ihr Nutzen
würde wirklich nur negativ sein, nicht zur Erweiterung, sondern nur
zur Läuterung unserer Vernunft dienen, und sie von Irrtümern frei
halten, welches schon sehr viel gewonnen ist. Ich nenne alle
Erkenntnis transzendental, die sich nicht sowohl mit Gegenständen,
sondern mit unsern Begriffen a priori von Gegenständen
überhaupt beschäftigt. Ein System solcher Begriffe würde
Transzendental-Philosophie heißen. Diese ist aber wiederum für
den Anfang zu viel. Denn weil eine solche Wissenschaft sowohl die
analytische Erkenntnis, als die synthetische a priori vollständig
enthalten müßte, so ist sie, insofern es unsere Absicht betrifft, von
zu weitem Umfange, indem wir die Analysis nur so weit treiben dürfen,
als sie unentbehrlich nötig ist, um die Prinzipien der Synthesis a
priori, als warum es uns nur zu tun ist, in ihrem ganzen Umfange
einzusehen. Diese Untersuchung, die wir eigentlich nicht Doktrin,
sondern nur transzendentale Kritik nennen können, weil sie nicht die
Erweiterung der Erkenntnisse selbst, sondern nur die Berichtigung
derselben zur Absicht hat, und den Probierstein des Werts oder Unwerts
aller Erkenntnisse a priori abgeben soll, ist das, womit wir uns jetzt
beschäftigen. Eine solche Kritik ist demnach eine Vorbereitung, wo
möglich, zu einem Organon, und, wenn dieses nicht gelingen sollte,
wenigstens zu einem Kanon derselben, nach welchen allenfalls dereinst
das vollständige System der Philosophie der reinen Vernunft, es mag
nun in Erweiterung oder bloßer Begrenzung ihrer Erkenntnis bestehen,
sowohl analytisch, als synthetisch dargestellt werden könnte. Denn daß
dieses möglich sei, ja daß ein solches System von nicht gar großem
Umfange sein könne, um zu hoffen, es ganz zu vollenden, läßt sich
schon zum voraus daraus ermessen, daß hier nicht die Natur der Dinge,
welche unerschöpflich ist, sondern der Verstand, der über die Natur
der Dinge urteilt, und auch dieser wiederum nur in Ansehung seiner
Erkenntnis a priori den Gegenstand ausmacht, dessen Vorrat, weil wir
ihn doch nicht auswärtig suchen dürfen, uns nicht verborgen bleiben
kann, und allem Vermuten nach klein genug ist, um vollständig
aufgenommen, nach seinem Werte oder Unwerte beurteilt und unter
richtige Schätzung gebracht zu werden.