Die Transzendental-Philosophie ist hier nur eine Idee, wozu die
Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch,
d.i. aus Prinzipien entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung
der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses
Gebäude ausmacht. Daß diese Kritik nicht schon selbst
Transzendental-Philosophie heißt, beruht lediglich darauf, daß sie, um
ein vollständiges System zu sein, auch eine ausführliche Analysis der
ganzen menschlichen Erkenntnis a priori enthalten müßte. Nun muß zwar
unsere Kritik allerdings auch eine vollständige Herzählung aller
Stammbegriffe, welche die gedachte reine Erkenntnis ausmachen, vor
Augen legen. Allein der ausführlichen Analysis dieser Begriffe selbst,
wie auch der vollständigen Rezension der daraus abgeleiteten, enthält
sie sich billig, teils weil diese Zergliederung nicht zweckmäßig wäre,
indem sie die Bedenklichkeit nicht hat, welche bei der Synthesis
angetroffen wird, um deren willen eigentlich die ganze Kritik da ist,
teils, weil es der Einheit des Planes zuwider wäre, sich mit der
Verantwortung der Vollständigkeit einer solchen Analysis und Ableitung
zu befassen, deren man in Ansehung seiner Absicht doch überhoben
sein konnte. Diese Vollständigkeit der Zergliederung sowohl, als
der Ableitung aus den künftig zu liefernden Begriffen a priori, ist
indessen leicht zu ergänzen, wenn sie nur allererst als ausführliche
Prinzipien der Synthesis da sind, und ihnen in Ansehung dieser
wesentlichen Absicht nichts ermangelt.
Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die
Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie ist die vollständige Idee
der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft noch nicht
selbst, weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur
vollständigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis a priori
erforderlich ist.
Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft
ist: daß gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas
Empirisches in sich enthalten, oder daß die Erkenntnis a priori völlig
rein sei. Daher, obzwar die obersten Grundsätze der Moralität, und die
Grundbegriffe derselben, Erkenntnisse a priori sind, so gehören sie
doch nicht in die Transzendental-Philosophie, weil die Begriffe der
Lust und Unlust, der Begierden und Neigungen, der Willkür usw., die
insgesamt empirischen Ursprunges sind, dabei vorausgesetzt werden
müßten. Daher ist die Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit
der reinen bloß spekulativen Vernunft. Denn alles Praktische, sofern
es Bewegungsgründe enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu
empirischen Erkenntnisquellen gehören.
Wenn man nun die Einteilung dieser Wissenschaft aus dem allgemeinen
Gesichtspunkte eines Systems überhaupt anstellen will, so muß die,
welche wir jetzt vortragen, erstlich eine Elementar-Lehre, zweitens
eine Methoden-Lehre der reinen Vernunft enthalten. Jeder dieser
Hauptteile würde seine Unterabteilung haben, deren Gründe sich
gleichwohl hier noch nicht vortragen lassen. Nur so viel scheint
zur Einleitung oder Vorerinnerung nötig zu sein, daß es zwei
Stämme der menschlichen Erkenntnis gebe, die vielleicht aus einer
gemeinschaftlichen, aber uns unbekannten Wurzel entspringen, nämlich,
Sinnlichkeit und Verstand, durch deren ersteren uns Gegenstände
gegeben, durch den zweiten aber gedacht werden. Sofern nun die
Sinnlichkeit Vorstellungen a priori enthalten sollte, welche die
Bedingungen ausmachen, unter der uns Gegenstände gegeben werden, so
würde sie zur Transzendental-Philosophie gehören. Die transzendentale
Sinnenlehre würde zum ersten Teile der Elementarwissenschaft gehören
müssen, weil die Bedingungen, worunter allein die Gegenstände der
menschlichen Erkenntnis gegeben werden, denjenigen vorgehen, unter
welchen selbige gedacht werden.