I. Idee der Transzendental-Philosophie

Erfahrung ist ohne Zweifel das erste Produkt, welches unser Verstand

hervorbringt, indem er den rohen Stoff sinnlicher Empfindungen

bearbeitet. Sie ist eben dadurch die erste Belehrung und im Fortgange

so unerschöpflich an neuem Unterricht, daß das zusammengekettete Leben

aller künftigen Zeugungen an neuen Kenntnissen, die auf diesem Boden

gesammelt werden können, niemals Mangel haben wird. Gleichwohl ist

sie bei weitem nicht das einzige Feld, darin sich unser Verstand

einschränken läßt. Sie sagt uns zwar, was da sei, aber nicht, daß es

notwendigerweise, so und nicht anders, sein müsse. Eben darum gibt

sie uns auch keine wahre Allgemeinheit, und die Vernunft, welche nach

dieser Art von Erkenntnissen so begierig ist, wird durch sie mehr

gereizt, als befriedigt. Solche allgemeine Erkenntnisse nun, die

zugleich den Charakter der innern Notwendigkeit haben, müssen, von der

Erfahrung unabhängig, vor sich selbst klar und gewiß sein; man nennt

sie daher Erkenntnisse a priori: da im Gegenteil das, was lediglich

von der Erfahrung erborgt ist, wie man sich ausdrückt, nur a

posteriori, oder empirisch erkannt wird.

Nun zeigt es sich, welches überaus merkwürdig ist, daß selbst unter

unsere Erfahrungen sich Erkenntnisse mengen, die ihren Ursprung a

priori haben müssen und die vielleicht nur dazu dienen, um unsern

Vorstellungen der Sinne Zusammenhang zu verschaffen. Denn wenn man

aus den ersteren auch alles wegschafft, was den Sinnen angehört, so

bleiben dennoch gewisse ursprüngliche Begriffe und aus ihnen erzeugte

Urteile übrig, die gänzlich a priori, unabhängig von der Erfahrung

entstanden sein müssen, weil sie machen, daß man von den Gegenständen,

die den Sinnen erscheinen, mehr sagen kann, wenigstens es sagen zu

können glaubt, als bloße Erfahrung lehren würde, und daß Behauptungen

wahre Allgemeinheit und strenge Notwendigkeit enthalten, dergleichen

die bloß empirische Erkenntnis nicht liefern kann.

Was aber noch weit mehr sagen will ist dieses, daß gewisse

Erkenntnisse sogar das Feld aller möglichen Erfahrungen verlassen, und

durch Begriffe, denen überall kein entsprechender Gegenstand in der

Erfahrung gegeben werden kann, den Umfang unserer Urteile über alle

Grenzen derselben zu erweitern den Anschein haben.

Und gerade in diesen letzteren Erkenntnissen, welche über die

Sinnenwelt hinausgehen, wo Erfahrung gar keinen Leitfaden noch

Berichtigung geben kann, liegen die Nachforschungen unserer Vernunft

die wir der Wichtigkeit nach für weit vorzüglicher, und ihre

Endabsicht für viel erhabener halten, als alles, was der Verstand im

Felde der Erscheinungen lernen kann, wobei wir, sogar auf die Gefahr

zu irren, eher alles wagen, als daß wir so angelegene Untersuchungen

aus irgendeinem Grunde der Bedenklichkeit, oder aus Geringschätzung

und Gleichgültigkeit aufgeben sollten.

Nun scheint es zwar natürlich, daß, sobald man den Boden der Erfahrung

verlassen hat, man doch nicht mit Erkenntnissen, die man besitzt, ohne

zu wissen woher, und auf den Kredit der Grundsätze, deren Ursprung man

nicht kennt, sofort ein Gebäude errichten werde, ohne der Grundlegung

desselben durch sorgfältige Untersuchungen vorher versichert zu sein,

daß man also die Frage vorlängst werde aufgeworfen haben, wie denn

der Verstand zu allen diesen Erkenntnissen a priori kommen könne, und

welchen Umfang, Gültigkeit und Wert sie haben mögen. In der Tat ist

auch nichts natürlicher, wenn man unter diesem Wort das versteht, was

billiger- und vernünftigerweise geschehen sollte; versteht man aber

darunter das, was gewöhnlichermaßen geschieht, so ist hinwiederum

nichts natürlicher und begreiflicher, als daß diese Untersuchung

lange Zeit unterbleiben mußte. Denn ein Teil dieser Erkenntnisse, die

mathematischen, ist im alten Besitze der Zuverlässigkeit, und gibt

dadurch eine günstige Erwartung auch für andere, ob diese gleich von

ganz verschiedener Natur sein mögen. Überdem, wenn man über den Kreis

der Erfahrung hinaus ist, so ist man sicher, durch Erfahrung nicht

widersprochen zu werden. Der Reiz, seine Erkenntnisse zu erweitern,

ist so groß, daß man nur durch einen klaren Widerspruch, auf den man

stößt, in seinem Fortschritte aufgehalten werden kann. Dieser aber

kann vermieden werden, wenn man seine Erdichtungen behutsam macht,

ohne daß sie deswegen weniger Erdichtungen bleiben. Die Mathematik

gibt uns ein glänzendes Beispiel, wie weit wir es unabhängig von der

Erfahrung in der Erkenntnis a priori bringen können. Nun beschäftigt

sie sich zwar mit Gegenständen und Erkenntnissen, bloß so weit als

sich solche in der Anschauung darstellen lassen. Aber dieser Umstand

wird leicht übersehen, weil gedachte Anschauung selbst a priori

gegeben werden kann, mithin von einem bloßen reinen Begriff kaum

unterschieden wird. Durch einen solchen Beweis von der Macht der

Vernunft aufgemuntert, sieht der Trieb zur Erweiterung keine Grenzen.

Die leichte Taube, indem sie im freien Fluge die Luft teilt, deren

Widerstand sie fühlt, könnte die Vorstellung fassen, daß es ihr im

luftleeren Raum noch viel besser gelingen werde. Ebenso verließ Plato

die Sinnenwelt, weil sie dem Verstande so vielfältige Hindernisse

legt, und wagte sich jenseit derselben auf den Flügeln der Ideen, in

den leeren Raum des reinen Verstandes. Er bemerkte nicht, daß er durch

seine Bemühungen keinen Weg gewönne, denn er hatte keinen Widerhalt,

gleichsam zur Unterlage, worauf er sich steifen, und woran er seine

Kräfte anwenden konnte, um den Verstand von der Stelle zu bringen. Es

ist aber ein gewöhnliches Schicksal der menschlichen Vernunft in der

Spekulation ihr Gebäude so früh, wie möglich, fertigzumachen, und

hintennach allererst zu untersuchen, ob auch der Grund dazu gut gelegt

sei. Alsdann aber werden allerlei Beschönigungen herbeigesucht, um

uns wegen dessen Tüchtigkeit zu trösten, oder eine solche späte

und gefährliche Prüfung abzuweisen. Was uns aber während dem Bauen

von aller Besorgnis und Verdacht freihält, und mit scheinbarer

Gründlichkeit schmeichelt, ist dieses. Ein großer Teil, und

vielleicht der größte, von dem Geschäfte unserer Vernunft besteht in

Zergliederungen der Begriffe, die wir schon von Gegenständen haben.

Dieses liefert uns eine Menge von Erkenntnissen, die, ob sie gleich

nichts weiter als Aufklärungen oder Erläuterungen desjenigen sind, was

in unsern Begriffen, (wiewohl noch auf verworrene Art) schon gedacht

worden, doch wenigstens der Form nach neuen Einsichten gleich

geschätzt werden, wiewohl sie der Materie oder dem Inhalte nach die

Begriffe, die wir haben, nicht erweitern, sondern nur auseinander

setzen. Da dieses Verfahren nun eine wirkliche Erkenntnis a priori

gibt, die einen sichern und nützlichen Fortgang hat, so erschleicht

die Vernunft, ohne es selbst zu merken, unter dieser Vorspiegelung

Behauptungen von ganz anderer Art, wo die Vernunft zu gegebenen

Begriffen a priori ganz fremde hinzutut, ohne daß man weiß, wie sie

dazu gelangen und ohne sich diese Frage auch nur in die Gedanken

kommen zu lassen. Ich will daher gleich anfangs von dem Unterschiede

dieser zweifachen Erkenntnisart handeln.

Kritik der reinen Vernunft (Erste Fassung 1781) · 第 7 / 70 题