Gewicht beizulegen, weil sie durch die direkte Beobachtung auf der Stufe
des Totemismus nicht erhärtet werden konnte. _Robertson Smith_ hat noch
selbst auf die Beispiele hingewiesen, in denen die sakramentale
Bedeutung der Opfer gesichert scheint, z. B. bei den Menschenopfern der
Azteken, und auf andere, welche an die Bedingungen der Totemmahlzeit
erinnern, die Bärenopfer des Bärenstammes der _Ouataouaks_ in Amerika
und die Bärenfeste der _Ainos_ in Japan. _Frazer_ hat diese und ähnliche
Fälle in den beiden letzterschienenen Abteilungen seines großen Werkes
ausführlich mitgeteilt(70). Ein Indianerstamm in Kalifornien, der einen
großen Raubvogel (Buzzard) verehrt, tötet diesen in feierlicher
Zeremonie einmal im Jahre, worauf er betrauert und seine Haut mit den
Federn aufbewahrt wird. Die _Zuni_indianer in Neumexiko verfahren ebenso
mit ihrer heiligen Schildkröte.
(70) The Golden Bough, Part V, Spirits of the corn and of the wild;
1912, in den Abschnitten: Eating the God und Killing the divine
animal.
In den Intichiumazeremonien der zentralaustralischen Stämme ist ein Zug
beobachtet worden, welcher zu den Voraussetzungen von _Robertson Smith_
vortrefflich stimmt. Jeder Stamm, der für die Vermehrung seines Totem,
dessen Genuß ihm doch selbst verwehrt ist, Magie treibt, ist gehalten,
bei der Zeremonie etwas von seinem Totem selbst zu genießen, ehe
derselbe den anderen Stämmen zugänglich wird. Das schönste Beispiel für
den sakramentalen Genuß des sonst verbotenen Totem soll sich nach
_Frazer_ bei den _Bini_ in Westafrika in Verbindung mit dem
Begräbniszeremoniell dieser Stämme finden(71).
(71) _Frazer_, T. and Ex. T. II, p. 590.
Wir aber wollen _Robertson Smith_ in der Annahme folgen, daß die
sakramentale Tötung und gemeinsame Aufzehrung des sonst verbotenen
Totemtieres ein bedeutungsvoller Zug der Totemreligion gewesen sei.(72)
(72) Die von verschiedenen Autoren (_Marillier_, _Hubert_ und _Mauss_
u. a.) gegen diese Theorie des Opfers vorgebrachten Einwendungen sind
mir nicht unbekannt geblieben, haben aber den Eindruck der Lehren von
_Robertson Smith_ im wesentlichen nicht beeinträchtigt.
5.
Stellen wir uns nun die Szene einer solchen Totemmahlzeit vor und
statten sie noch mit einigen wahrscheinlichen Zügen aus, die bisher
nicht gewürdigt werden konnten. Der Clan, der sein Totemtier bei
feierlichem Anlasse auf grausame Art tötet und es roh verzehrt, Blut,
Fleisch und Knochen; dabei sind die Stammesgenossen in die Ähnlichkeit
des Totem verkleidet, imitieren es in Lauten und Bewegungen, als ob sie
seine und ihre Identität betonen wollten. Es ist das Bewußtsein dabei,
daß man eine jedem einzelnen verbotene Handlung ausführt, die nur durch
die Teilnahme aller gerechtfertigt werden kann; es darf sich auch keiner
von der Tötung und der Mahlzeit ausschließen. Nach der Tat wird das
hingemordete Tier beweint und beklagt. Die Totenklage ist eine
zwangsmäßige, durch die Furcht vor einer drohenden Vergeltung
erzwungene, ihre Hauptabsicht geht dahin, wie _Robertson Smith_ bei
einer analogen Gelegenheit bemerkt, die Verantwortlichkeit für die
Tötung von sich abzuwälzen(73).
(73) Religion of the Semites, 2nd edition 1907, p. 412.
Aber nach dieser Trauer folgt die lauteste Festfreude, die Entfesselung
aller Triebe und Gestattung aller Befriedigungen. Die Einsicht in das
Wesen des _Festes_ fällt uns hier ohne jede Mühe zu.
Ein Fest ist ein gestatteter, vielmehr ein gebotener Exzeß, ein
feierlicher Durchbruch eines Verbots. Nicht weil die Menschen infolge
irgendeiner Vorschrift froh gestimmt sind, begehen sie die
Ausschreitungen, durch die sich Feste zu allen Zeiten ausgezeichnet
haben, sondern der Exzeß liegt im Wesen des Festes; die festliche
Stimmung wird durch die Freigebung des sonst Verbotenen erzeugt.
Was soll aber die Einleitung zu dieser Festesfreude, die Trauer über den
Tod des Totemtieres? Wenn man sich über die Tötung des Totem, die sonst
versagt ist, freut, warum trauert man auch über sie?
Wir haben gehört, daß sich die Clangenossen durch den Genuß des Totem
heiligen, in ihrer Identifizierung mit ihm und unter einander bestärken.
Daß sie das heilige Leben, dessen Träger die Substanz des Totem ist, in
sich aufgenommen haben, könnte ja die festliche Stimmung und alles, was
aus ihr folgt, erklären.
Die Psychoanalyse hat uns verraten, daß das Totemtier wirklich der
Ersatz des Vaters ist, und dazu stimmte wohl der Widerspruch, daß es
sonst verboten ist es zu töten, und daß seine Tötung zur Festlichkeit
wird, daß man das Tier tötet und es doch betrauert. Die ambivalente
Gefühlseinstellung, welche den Vaterkomplex heute noch bei unseren
Kindern auszeichnet und sich so oft ins Leben der Erwachsenen fortsetzt,
würde sich auch auf den Vaterersatz des Totemtiers erstrecken.
Allein, wenn man die von der Psychoanalyse gegebene Übersetzung des
Totem mit der Tatsache der Totemmahlzeit und der _Darwin_schen Hypothese
über den Urzustand der menschlichen Gesellschaft zusammenhält, ergibt
sich die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, der Ausblick auf
eine Hypothese, die phantastisch erscheinen mag, aber den Vorteil
bietet, eine unvermutete Einheit zwischen bisher gesonderten Reihen von
Phänomenen herzustellen.
Die _Darwin_sche Urhorde hat natürlich keinen Raum für die Anfänge des
Totemismus. Ein gewalttätiger, eifersüchtiger Vater, der alle Weibchen
für sich behält und die heranwachsenden Söhne vertreibt, nichts weiter.
Dieser Urzustand der Gesellschaft ist nirgends Gegenstand der
Beobachtung geworden. Was wir als primitivste Organisation finden, was
noch heute bei gewissen Stämmen in Kraft besteht, das sind
_Männerverbände_, die aus gleichberechtigten Mitgliedern bestehen und
den Einschränkungen des totemistischen Systems unterliegen, dabei
mütterliche Erblichkeit. Kann das eine aus dem anderen hervorgegangen
sein und auf welchem Wege war es möglich?
Die Berufung auf die Feier der Totemmahlzeit gestattet uns eine Antwort
zu geben: Eines Tages(74) taten sich die ausgetriebenen Brüder zusammen,
erschlugen und verzehrten den Vater und machten so der Vaterhorde ein
Ende. Vereint wagten sie und brachten zustande, was dem einzelnen
unmöglich geblieben wäre. Vielleicht hatte ein Kulturfortschritt, die
Handhabung einer neuen Waffe ihnen das Gefühl der Überlegenheit gegeben.
Daß sie den Getöteten auch verzehrten, ist für den kannibalen Wilden
selbstverständlich. Der gewalttätige Urvater war gewiß das beneidete und
gefürchtete Vorbild eines jeden aus der Brüderschar gewesen. Nun setzten
sie im Akte des Verzehrens die Identifizierung mit ihm durch, eigneten
sich ein jeder ein Stück seiner Stärke an. Die Totemmahlzeit, vielleicht
das erste Fest der Menschheit, wäre die Wiederholung und die Gedenkfeier
dieser denkwürdigen, verbrecherischen Tat, mit welcher so vieles seinen
Anfang nahm, die sozialen Organisationen, die sittlichen Einschränkungen
und die Religion(75).
(74) Zu dieser Darstellung, die sonst mißverständlich würde, bitte ich
die Schlußsätze der nachfolgenden Anmerkung als Korrektiv
hinzuzunehmen.
(75) Die ungeheuerlich erscheinende Annahme der Überwältigung und
Tötung des tyrannischen Vaters durch die Vereinigung der
ausgetriebenen Söhne hat sich auch _Atkinson_ als direkte Folgerung
aus den Verhältnissen der _Darwin_schen Urhorde ergeben. »A youthful
band of brothers living together in forced celibacy, or at most in
polyandrous relation with some single female captive. A horde as yet
weak in their impubescence they are, but they would, when strength was
gained with time, inevitably wrench by combined attacks renewed again
and again, both wife and life from the paternal tyrant« (Primal Law,
p. 220-221). _Atkinson_, der übrigens sein Leben in Neu-Caledonien
verbrachte und ungewöhnliche Gelegenheit zum Studium der Eingeborenen
hatte, beruft sich auch darauf, daß die von _Darwin_ supponierten
Zustände der Urhorde bei wilden Rinder- und Pferdeherden leicht zu
beobachten sind und regelmäßig zur Tötung des Vatertieres führen. Er
nimmt dann weiter an, daß nach der Beseitigung des Vaters ein Zerfall
der Horde durch den erbitterten Kampf der siegreichen Söhne unter
einander eintritt. Auf diese Weise käme eine neue Organisation der
Gesellschaft niemals zustande: »an ever recurring violent succession
to the solitary paternal tyrant by sons, _whose parricidal hands were
so soon again clenched in fratricidal strife_« (p. 228). _Atkinson_,
dem die Winke der Psychoanalyse nicht zu Gebote standen, und dem die
Studien von _Robertson Smith_ nicht bekannt waren, findet einen minder
gewaltsamen Übergang von der Urhorde zur nächsten sozialen Stufe, auf
welcher zahlreiche Männer in friedlicher Gemeinschaft zusammenleben.
Er läßt es die Mutterliebe durchsetzen, daß anfangs nur die jüngsten,
später auch andere Söhne in der Horde verbleiben, wofür diese
Geduldeten das sexuelle Vorrecht des Vaters in Form der von ihnen
geübten Entsagung gegen Mutter und Schwestern anerkennen.
Soviel über die höchst bemerkenswerte Theorie von _Atkinson_, ihre
Übereinstimmung mit der hier vorgetragenen im _wesentlichen_ Punkte
und ihre Abweichung davon, welche den Verzicht auf den Zusammenhang
mit so vielem anderen mit sich bringt.
Die Unbestimmtheit, die zeitliche Verkürzung und inhaltliche
Zusammendrängung der Angaben in meinen obenstehenden Ausführungen darf
ich als eine durch die Natur des Gegenstandes geforderte Enthaltung
hinstellen. Es wäre ebenso unsinnig, in dieser Materie Exaktheit
anzustreben, wie es unbillig wäre, Sicherheiten zu fordern.
Um, von der Voraussetzung absehend, diese Folgen glaubwürdig zu finden,
braucht man nur anzunehmen, daß die sich zusammenrottende Brüderschar
von denselben einander widersprechenden Gefühlen gegen den Vater
beherrscht war, die wir als Inhalt der Ambivalenz des Vaterkomplexes bei
jedem unserer Kinder und unserer Neurotiker nachweisen können. Sie
haßten den Vater, der ihrem Machtbedürfnis und ihren sexuellen
Ansprüchen so mächtig im Wege stand, aber sie liebten und bewunderten
ihn auch. Nachdem sie ihn beseitigt, ihren Haß befriedigt und ihren
Wunsch nach Identifizierung mit ihm durchgesetzt hatten, mußten sich die
dabei überwältigten zärtlichen Regungen zur Geltung bringen(76). Es
geschah in der Form der Reue, es entstand ein Schuldbewußtsein, welches
hier mit der gemeinsam empfundenen Reue zusammenfällt. Der Tote wurde
nun stärker als der Lebende gewesen war; all dies, wie wir es noch heute
an Menschenschicksalen sehen. Was er früher durch seine Existenz
verhindert hatte, das verboten sie sich jetzt selbst in der psychischen
Situation des uns aus den Psychoanalysen so wohl bekannten
»_nachträglichen Gehorsams_«. Sie widerriefen ihre Tat, indem sie die
Tötung des Vaterersatzes, des Totem, für unerlaubt erklärten, und
verzichteten auf deren Früchte, indem sie sich die freigewordenen Frauen
versagten. So schufen sie aus dem _Schuldbewußtsein des Sohnes_ die
beiden fundamentalen Tabu des Totemismus, die eben darum mit den beiden
verdrängten Wünschen des Ödipuskomplexes übereinstimmen mußten. Wer
dawiderhandelte, machte sich der beiden einzigen Verbrechen schuldig,
welche die primitive Gesellschaft bekümmerten(77).
(76) Dieser neuen Gefühlseinstellung mußte auch zugute kommen, daß die
Tat keinem der Täter die volle Befriedigung bringen konnte. Sie war in
gewisser Hinsicht vergeblich geschehen. Keiner der Söhne konnte ja
seinen ursprünglichen Wunsch durchsetzen, die Stelle des Vaters
einzunehmen. Der Mißerfolg ist aber, wie wir wissen, der moralischen
Reaktion weit günstiger als die Befriedigung.
(77) »Murder and incest, or offences of a like kind against this
sacred law of blood are in primitive society the only crimes of which
the community as such takes cognisance ...« Religion of the Semites,
p. 419.
Die beiden Tabu des Totemismus, mit denen die Sittlichkeit der Menschen
beginnt, sind psychologisch nicht gleichwertig. Nur das eine, die
Schonung des Totemtieres, ruht ganz auf Gefühlsmotiven; der Vater war ja
beseitigt, in der Realität war nichts mehr gutzumachen. Das andere aber,
das Inzestverbot, hatte auch eine starke praktische Begründung. Das
sexuelle Bedürfnis einigt die Männer nicht, sondern entzweit sie. Hatten
sich die Brüder verbündet, um den Vater zu überwältigen, so war jeder
des anderen Nebenbuhler bei den Frauen. Jeder hätte sie wie der Vater
alle für sich haben wollen, und in dem Kampfe aller gegen alle wäre die
neue Organisation zugrunde gegangen. Es war auch kein Überstarker mehr
da, der die Rolle des Vaters mit Erfolg hätte aufnehmen können. Somit
blieb den Brüdern, wenn sie miteinander leben wollten, nichts übrig, als
das Inzestverbot aufzurichten, mit welchem sie alle zugleich auf die von
ihnen begehrten Frauen verzichteten, um deren wegen sie doch in erster
Linie den Vater beseitigt hatten. Sie retteten so die Organisation,
welche sie stark gemacht hatte, und die auf homosexuellen Gefühlen und
Betätigungen ruhen konnte, welche sich in der Zeit der Vertreibung bei
ihnen eingestellt haben mochten. Vielleicht war es auch diese Situation,
welche den Keim zu den von _Bachofen_ erkannten Institutionen des
_Mutterrechts_ legte, bis dieses von der patriarchalischen
Familienordnung abgelöst wurde.
An das andere Tabu, welches das Leben des Totemtieres beschützt, knüpft
hingegen der Anspruch des Totemismus an, als erster Versuch einer
Religion gewertet zu werden. Bot sich dem Empfinden der Söhne das Tier
als natürlicher und nächstliegender Ersatz des Vaters, so fand sich in
der ihnen zwanghaft gebotenen Behandlung desselben doch noch mehr
Ausdruck als das Bedürfnis, ihre Reue zur Darstellung zu bringen. Es
konnte mit dem Vatersurrogat der Versuch gemacht werden, das brennende
Schuldgefühl zu beschwichtigen, eine Art von Aussöhnung mit dem Vater zu
bewerkstelligen. Das totemistische System war gleichsam ein Vertrag mit
dem Vater, in dem der letztere all das zusagte, was die kindliche
Phantasie vom Vater erwarten durfte, Schutz, Fürsorge und Schonung,
wogegen man sich verpflichtete, sein Leben zu ehren, d. h. die Tat an
ihm nicht zu wiederholen, durch die der wirkliche Vater zugrunde
gegangen war. Es lag auch ein Rechtfertigungsversuch im Totemismus.
»Hätte der Vater uns behandelt wie der Totem, wir wären nie in die
Versuchung gekommen, ihn zu töten«. So half der Totemismus dazu, die
Verhältnisse zu beschönigen und das Ereignis vergessen zu machen, dem er
seine Entstehung verdankte.
Es wurden hiebei Züge geschaffen, die fortan für den Charakter jeder
Religion bestimmend blieben. Die Totemreligion war aus dem
Schuldbewußtsein der Söhne hervorgegangen als Versuch, dies Gefühl zu
beschwichtigen und den beleidigten Vater durch nachträglichen Gehorsam
zu versöhnen. Alle späteren Religionen erweisen sich als Lösungsversuche
desselben Problems, variabel je nach dem kulturellen Zustand, in dem sie
unternommen werden, und nach den Wegen, die sie einschlagen, aber es
sind alle gleichzielende Reaktionen auf dieselbe große Begebenheit, mit
der die Kultur begonnen hat, und die seitdem die Menschheit nicht zur
Ruhe kommen läßt.
Auch ein anderer Charakter, den die Religion treu bewahrt hat, ist
damals schon im Totemismus hervorgetreten. Die Ambivalenzspannung war
wohl zu groß, um durch irgendeine Veranstaltung ausgeglichen zu werden,
oder die psychologischen Bedingungen sind der Erledigung dieser
Gefühlsgegensätze überhaupt nicht günstig. Man merkt jedenfalls, daß die
dem Vaterkomplex anhaftende Ambivalenz sich auch in den Totemismus und
in die Religionen überhaupt fortsetzt. Die Religion des Totem umfaßt
nicht nur die Äußerungen der Reue und die Versuche der Versöhnung,
sondern dient auch der Erinnerung an den Triumph über den Vater. Die
Befriedigung darüber läßt das Erinnerungsfest der Totemmahlzeit
einsetzen, bei dem die Einschränkungen des nachträglichen Gehorsams
wegfallen, macht es zur Pflicht, das Verbrechen des Vatermordes in der
Opferung des Totemtieres immer wieder von neuem zu wiederholen, so oft
der festgehaltene Erwerb jener Tat, die Aneignung der Eigenschaften des
Vaters, infolge der verändernden Einflüsse des Lebens zu entschwinden
droht. Wir werden nicht überrascht sein, zu finden, daß auch der Anteil
des Sohnestrotzes, oft in den merkwürdigsten Verkleidungen und
Umwendungen, in späteren Religionsbildungen wieder auftaucht.
Verfolgen wir in Religion und sittlicher Vorschrift, die im Totemismus
noch wenig scharf gesondert sind, bisher die Folgen der in Reue
verwandelten zärtlichen Strömung gegen den Vater, so wollen wir doch
nicht übersehen, daß im wesentlichen die Tendenzen, welche zum Vatermord
gedrängt haben, den Sieg behalten. Die sozialen Brudergefühle, auf denen
die große Umwälzung ruht, bewahren von nun an über lange Zeiten den
tiefgehendsten Einfluß auf die Entwicklung der Gesellschaft. Sie
schaffen sich Ausdruck in der Heiligung des gemeinsamen Blutes, in der
Betonung der Solidarität aller Leben desselben Clans. Indem die Brüder
sich einander so das Leben zusichern, sprechen sie aus, daß niemand von
ihnen vom anderen behandelt werden dürfe, wie der Vater von ihnen allen
gemeinsam. Sie schließen eine Wiederholung des Vaterschicksals aus. Zum
religiös begründeten Verbot, den Totem zu töten, kommt nun das sozial
begründete Verbot des Brudermordes hinzu. Es wird dann noch lange
währen, bis das Gebot die Einschränkung auf den Stammesgenossen
abstreifen und den einfachen Wortlaut annehmen wird: Du sollst nicht
morden. Zunächst ist an Stelle der _Vaterhorde_ der _Brüderclan_
getreten, welcher sich durch das Blutband versichert hat. Die
Gesellschaft ruht jetzt auf der Mitschuld an dem gemeinsam verübten
Verbrechen, die Religion auf dem Schuldbewußtsein und der Reue darüber,
die Sittlichkeit teils auf den Notwendigkeiten dieser Gesellschaft, zum
anderen Teil auf den vom Schuldbewußtsein geforderten Bußen.
Im Gegensatz zu den neueren und in Anlehnung an die älteren Auffassungen
des totemistischen Systems heißt uns also die Psychoanalyse einen
innigen Zusammenhang und gleichzeitigen Ursprung von Totemismus und
Exogamie vertreten.
6.
Ich stehe unter der Einwirkung einer großen Anzahl von starken Motiven,
die mich vom Versuche zurückhalten werden, die weitere Entwicklung der
Religionen von ihrem Beginn im Totemismus an bis zu ihrem heutigen
Stande zu schildern. Ich will nur zwei Fäden hindurch verfolgen, wo ich
sie im Gewebe besonders deutlich auftauchen sehe: Das Motiv des
Totemopfers und das Verhältnis des Sohnes zum Vater(78).
(78) Vgl. die zum Teil von abweichenden Gesichtspunkten beherrschte
Arbeit von C. G. _Jung_, Wandlungen und Symbole der Libido. Jahrbuch
von _Bleuler-Freud_, IV., 1912.
_Robertson Smith_ hat uns belehrt, daß die alte Totemmahlzeit in der
ursprünglichen Form des Opfers wiederkehrt. Der Sinn der Handlung ist
derselbe: Die Heiligung durch die Teilnahme an der gemeinsamen Mahlzeit;
auch das Schuldbewußtsein ist dabei geblieben; welches nur durch die
Solidarität aller Teilnehmer beschwichtigt werden kann. Neu
hinzugekommen ist die Stammesgottheit, in deren gedachter Gegenwart das
Opfer stattfindet, die an dem Mahle teilnimmt wie ein Stammesgenosse,
und mit der man sich durch den Genuß am Opfer identifiziert. Wie kommt
der Gott in die ihm ursprünglich fremde Situation?
Die Antwort könnte lauten, es sei unterdeß -- unbekannt woher -- die
Gottesidee aufgetaucht, habe sich das ganze religiöse Leben unterworfen,
und wie alles andere, was bestehen bleiben wollte, hätte auch die
Totemmahlzeit den Anschluß an das neue System gewinnen müssen. Allein
die psychoanalytische Erforschung des einzelnen Menschen lehrt mit einer
ganz besonderen Nachdrücklichkeit, daß für jeden der Gott nach dem Vater
gebildet ist, daß sein persönliches Verhältnis zu Gott von seinem
Verhältnis zum leiblichen Vater abhängt, mit ihm schwankt und sich
verwandelt, und daß Gott im Grunde nichts anderes ist als ein erhöhter
Vater. Die Psychoanalyse rät auch hier wie im Falle des Totemismus den
Gläubigen Glauben zu schenken, die Gott Vater nennen, wie sie den Totem
Ahnherrn genannt haben. Wenn die Psychoanalyse irgendwelche Beachtung
verdient, so muß, unbeschadet aller anderen Ursprünge und Bedeutungen
Gottes, auf welche die Psychoanalyse kein Licht werfen kann, der
Vateranteil an der Gottesidee ein sehr gewichtiger sein. Dann wäre aber
in der Situation des primitiven Opfers der Vater zweimal vertreten,
einmal als Gott und dann als das Totemopfertier, und bei allem
Bescheiden mit der geringen Mannigfaltigkeit der psychoanalytischen
Lösungen müssen wir fragen, ob das möglich ist und welchen Sinn es haben
kann.
Wir wissen, daß mehrfache Beziehungen zwischen dem Gott und dem heiligen
Tier (Totem, Opfertier) bestehen: 1. Jedem Gott ist gewöhnlich ein Tier
heilig, nicht selten selbst mehrere; 2. in gewissen, besonders heiligen
Opfern, den »mystischen« wurde dem Gotte gerade das ihm geheiligte Tier
zum Opfer dargebracht(79); 3. der Gott wurde häufig in der Gestalt eines
Tieres verehrt oder, anders gesehen, Tiere genossen göttliche Verehrung
lange nach dem Zeitalter des Totemismus; 4. in den Mythen verwandelt
sich der Gott häufig in ein Tier, oft in das ihm geheiligte. So läge die
Annahme nahe, daß der Gott selbst das Totemtier wäre, sich auf einer
späteren Stufe des religiösen Fühlens aus dem Totemtier entwickelt
hätte. Aller weiteren Diskussion überhebt uns aber die Erwägung, daß der
Totem selbst nichts anderes ist als ein Vaterersatz. So mag er die erste
Form des Vaterersatzes sein, der Gott aber eine spätere, in welcher der
Vater seine menschliche Gestalt wiedergewonnen. Eine solche Neuschöpfung
aus der Wurzel aller Religionsbildung, der _Vatersehnsucht_, konnte
möglich werden, wenn sich im Laufe der Zeiten am Verhältnis zum Vater --
und vielleicht auch zum Tier -- Wesentliches geändert hatte.
(79) _Robertson Smith_, Religion of the Semites.
Solche Veränderungen lassen sich leicht erraten, auch wenn man von dem
Beginn einer psychischen Entfremdung von dem Tier und von der Zersetzung
des Totemismus durch die Domestikation absehen will(80). In der durch
die Beseitigung des Vaters hergestellten Situation lag ein Moment,
welches im Laufe der Zeit eine außerordentliche Steigerung der
Vatersehnsucht erzeugen mußte. Die Brüder, welche sich zur Tötung des
Vaters zusammengetan hatten, waren ja jeder für sich vom Wunsche beseelt
gewesen, dem Vater gleich zu werden, und hatten diesem Wunsche durch
Einverleibung von Teilen seines Ersatzes in der Totemmahlzeit Ausdruck
gegeben. Dieser Wunsch mußte infolge des Druckes, welchen die Bande des
Brüderclans auf jeden Teilnehmer übten, unerfüllt bleiben. Es konnte und
durfte niemand mehr die Machtvollkommenheit des Vaters erreichen, nach
der sie doch alle gestrebt hatten. Somit konnte im Laufe langer Zeiten
die Erbitterung gegen den Vater, die zur Tat gedrängt hatte, nachlassen,
die Sehnsucht nach ihm wachsen, und es konnte ein Ideal entstehen,
welches die Machtfülle und Unbeschränktheit des einst bekämpften
Urvaters und die Bereitwilligkeit, sich ihm zu unterwerfen, zum Inhalt
hatte. Die ursprüngliche demokratische Gleichstellung aller einzelnen
Stammesgenossen war infolge einschneidender kultureller Veränderungen
nicht mehr festzuhalten; somit zeigte sich eine Geneigtheit, in
Anlehnung an die Verehrung einzelner Menschen, die sich vor anderen
hervorgetan hatten, das alte Vaterideal in der Schöpfung von Göttern
wieder zu beleben. Daß ein Mensch zum Gott wird und daß ein Gott stirbt,
was uns heute als empörende Zumutung erscheint, war ja noch für das
Vorstellungsvermögen des klassischen Altertums keineswegs anstößig(81).
Die Erhöhung des einst gemordeten Vaters zum Gott, von dem nun der Stamm
seine Herkunft ableitete, war aber ein weit ernsthafterer Sühneversuch
als seinerzeit der Vertrag mit dem Totem.
(80) S. o. p. 388.