Im ersten Band des Jahrbuchs für psychoanalytische und psychopathologische

Forschungen teilte ich die »_Analyse der Phobie eines fünfjährigen

Knaben_« mit, welche mir der Vater des kleinen Patienten

zur Verfügung gestellt hatte. Es war eine Angst vor Pferden,

in deren Konsequenz der Knabe sich weigerte auf die Straße zu gehen. Er

äußerte die Befürchtung, das Pferd werde ins Zimmer kommen, werde ihn

beißen. Es erwies sich, daß dies die Strafe für seinen Wunsch sein

sollte, daß das Pferd umfallen (sterben) möge. Nachdem man dem Knaben

durch Zusicherungen die Angst vor dem Vater benommen hatte, ergab es

sich, daß er gegen Wünsche ankämpfte, die das Wegsein (Abreisen,

Sterben) des Vaters zum Inhalt hatten. Er empfand den Vater, wie er

überdeutlich zu erkennen gab, als Konkurrenten in der Gunst der Mutter,

auf welche seine keimenden Sexualwünsche in dunkeln Ahnungen gerichtet

waren. Er befand sich also in jener typischen Einstellung des männlichen

Kindes zu den Eltern, welche wir als den »Ödipuskomplex« bezeichnen, und

in der wir den Kernkomplex der Neurosen überhaupt erkennen. Was wir neu

aus der Analyse des »kleinen Hans« erfahren, ist die für den Totemismus

wertvolle Tatsache, daß das Kind unter solchen Bedingungen einen Anteil

seiner Gefühle von dem Vater weg auf ein Tier verschiebt.

Die Analyse weist die inhaltlich bedeutsamen wie die zufälligen

Assoziationswege nach, auf welchen eine solche Verschiebung vor sich

geht. Sie läßt auch die Motive derselben erraten. Der aus der

Nebenbuhlerschaft bei der Mutter hervorgehende Haß kann sich im

Seelenleben des Knaben nicht ungehemmt ausbreiten, er hat mit der seit

jeher bestehenden Zärtlichkeit und Bewunderung für dieselbe Person zu

kämpfen, das Kind befindet sich in doppelsinniger -- _ambivalenter_ --

Gefühlseinstellung gegen den Vater und schafft sich Erleichterung in

diesem Ambivalenzkonflikt, wenn es seine feindseligen und ängstlichen

Gefühle auf ein Vatersurrogat verschiebt. Die Verschiebung kann den

Konflikt allerdings nicht in der Weise erledigen, daß sie eine glatte

Scheidung der zärtlichen von den feindseligen Gefühlen herstellt. Der

Konflikt setzt sich vielmehr auf das Verschiebungsobjekt fort, die

Ambivalenz greift auf dieses letztere über. Es ist unverkennbar, daß der

kleine Hans den Pferden nicht nur Angst, sondern auch Respekt und

Interesse entgegenbringt. Sowie sich seine Angst ermäßigt hat,

identifiziert er sich selbst mit dem gefürchteten Tier, springt als

Pferd herum und beißt nun seinerseits den Vater(61). In einem anderen

Auflösungsstadium der Phobie macht es ihm nichts, die Eltern mit anderen

großen Tieren zu identifizieren(62).

(61) l. c. p. 37.

(62) Die Giraffenphantasie p. 24.

Man darf den Eindruck aussprechen, daß in diesen Tierphobien der Kinder

gewisse Züge des Totemismus in negativer Ausprägung wiederkehren. Wir

verdanken aber S. _Ferenczi_ die vereinzelt schöne Beobachtung eines

Falles, den man nur als positiven Totemismus bei einem Kinde bezeichnen

kann(63). Bei dem kleinen Arpád, von dem _Ferenczi_ berichtet, erwachen

die totemistischen Interessen allerdings nicht direkt im Zusammenhang

des Ödipuskomplexes, sondern auf Grund der narzißtischen Voraussetzung

desselben, der Kastrationsangst. Wer aber die Geschichte des kleinen

Hans aufmerksam durchsieht, wird auch in dieser die reichlichsten

Zeugnisse dafür finden, daß der Vater als der Besitzer des großen

Genitales bewundert und als der Bedroher des eigenen Genitales

gefürchtet wird. Im Ödipus- wie im Kastrationskomplex spielt der Vater

die nämliche Rolle, die des gefürchteten Gegners der infantilen

Sexualinteressen. Die Kastration und ihr Ersatz durch die Blendung ist

die von ihm drohende Strafe(64).

(63) S. _Ferenczi_, Ein kleiner Hahnemann. Intern. Zeitschr. f. ärztl.

Psychoanalyse 1913, I., Nr. 3.

(64) Über den Ersatz der Kastration durch die auch im Ödipusmythus

enthaltene Blendung vergleiche die Mitteilungen von _Reitler_,

_Ferenczi_, _Rank_ und _Eder_ in Intern. Zeitschr. f. ärztl.

Psychoanalyse 1913, I., Nr. 2.

Als der kleine Arpád zweieinhalb Jahre alt war, versuchte er einmal in

einem Sommeraufenthalte ins Geflügelhaus zu urinieren, wobei ihn ein

Huhn ins Glied biß oder nach seinem Glied schnappte. Als er ein Jahr

später an denselben Ort zurückkehrte, wurde er selbst zum Huhn, er

interessierte sich nur mehr für das Geflügelhaus und alles, was darin

vorging, und gab seine menschliche Sprache gegen Gackern und Krähen auf.

Zur Zeit der Beobachtung (fünf Jahre) sprach er wieder, aber

beschäftigte sich auch in der Rede ausschließlich nur mit Hühnern und

anderem Geflügel. Er spielte mit keinem anderen Spielzeug, sang nur

Lieder, in denen etwas vom Federvieh vorkam. Sein Benehmen gegen sein

Totemtier war exquisit ambivalent, übermäßiges Hassen und Lieben. Am

liebsten spielte er Hühnerschlachten. »Das Schlachten des Federviehs ist

ihm überhaupt ein Fest. Er ist imstande, stundenlang um die Tierleichen

erregt herumzutanzen.« Aber dann küßte und streichelte er das

geschlachtete Tier, reinigte und liebkoste die von ihm selbst

mißhandelten Ebenbilder von Hühnern.

Der kleine Arpád sorgte selbst dafür, daß der Sinn seines sonderbaren

Treibens nicht verborgen bleiben konnte. Er übersetzte gelegentlich

seine Wünsche aus der totemistischen Ausdrucksweise zurück in die des

Alltagslebens. »Mein Vater ist der Hahn«, sagte er einmal. »Jetzt bin

ich klein, jetzt bin ich ein Küchlein. Wenn ich größer werde, bin ich

ein Huhn. Wenn ich noch größer werde, bin ich ein Hahn.« Ein andermal

wünschte er sich plötzlich eine »eingemachte Mutter« zu essen (nach der

Analogie des eingemachten Huhns). Er war sehr freigebig mit deutlichen

Kastrationsandrohungen gegen andere, wie er sie wegen onanistischer

Beschäftigung mit seinem Gliede selbst erfahren hatte.

Über die Quelle seines Interesses für das Treiben im Hühnerhof blieb

nach _Ferenczi_ kein Zweifel: »Der rege Sexualverkehr zwischen Hahn und

Henne, das Eierlegen und das Herauskriechen der jungen Brut«

befriedigten seine sexuelle Wißbegierde, die eigentlich dem menschlichen

Familienleben galt. Nach dem Vorbild des Hühnerlebens hatte er seine

Objektwünsche geformt, wenn er einmal der Nachbarin sagte: »Ich werde

Sie heiraten und Ihre Schwester und meine drei Cousinen und die Köchin,

nein, statt der Köchin lieber die Mutter.«

Wir werden an späterer Stelle die Würdigung dieser Beobachtung

vervollständigen können; heben wir jetzt nur als wertvolle

Übereinstimmungen mit dem Totemismus zwei Züge hervor: Die volle

Identifizierung mit dem Totemtier(65) und die ambivalente

Gefühlseinstellung gegen dasselbe. Wir halten uns nach diesen

Beobachtungen für berechtigt, in die Formel des Totemismus -- für den

Mann -- den Vater an Stelle des Totemtieres einzusetzen. Wir merken

dann, daß wir damit keinen neuen oder besonders kühnen Schritt getan

haben. Die Primitiven sagen es ja selbst und bezeichnen, soweit noch

heute das totemistische System in Kraft besteht, den Totem als ihren

Ahnherrn und Urvater. Wir haben nur eine Aussage dieser Völker wörtlich

genommen, mit welcher die Ethnologen wenig anzufangen wußten, und die

sie darum gerne in den Hintergrund gerückt haben. Die Psychoanalyse

mahnt uns, im Gegenteile gerade diesen Punkt hervorzusuchen und an ihn

den Erklärungsversuch des Totemismus zu knüpfen.(66)

(65) In welcher nach _Frazer_ das Wesentliche des Totemismus gegeben

ist: »Totemism is an identification of a man with his totem.« T. and

Ex., IV., p. 5.

(66) O. _Rank_ verdanke ich die Mitteilung eines Falles von

Hundephobie bei einem intelligenten jungen Manne, dessen Erklärung,

wie er zu seinem Leiden gekommen sei, merklich an die oben (p. 369)

erwähnte Totemtheorie der _Arunta_ anklingt. Er hatte von seinem Vater

erfahren, daß seine Mutter während der Schwangerschaft mit ihm einmal

vor einem Hunde erschrocken sei.

Das erste Ergebnis unserer Ersetzung ist sehr merkwürdig. Wenn das

Totemtier der Vater ist, dann fallen die beiden Hauptgebote des

Totemismus, die beiden Tabuvorschriften, die seinen Kern ausmachen, den

Totem nicht zu töten und kein Weib, das dem Totem angehört, sexuell zu

gebrauchen, inhaltlich zusammen mit den beiden Verbrechen des Ödipus,

der seinen Vater tötete und seine Mutter zum Weibe nahm, und mit den

beiden Urwünschen des Kindes, deren ungenügende Verdrängung oder deren

Wiedererweckung den Kern vielleicht aller Psychoneurosen bildet. Sollte

diese Gleichung mehr als ein irreleitendes Spiel des Zufalls sein, so

müßte sie uns gestatten, ein Licht auf die Entstehung des Totemismus in

unvordenklichen Zeiten zu werfen. Mit anderen Worten, es müßte uns

gelingen wahrscheinlich zu machen, daß das totemistische System sich aus

den Bedingungen des Ödipuskomplexes ergeben hat wie die Tierphobie des

»kleinen Hans« und die Geflügelperversion des »kleinen Arpád«. Um dieser

Möglichkeit nachzugehen, werden wir im folgenden eine Eigentümlichkeit

des totemistischen Systems oder, wie wir sagen können, der Totemreligion

studieren, welche bisher kaum Erwähnung finden konnte.

4.

Der im Jahre 1894 verstorbene W. _Robertson Smith_, Physiker, Philologe,

Bibelkritiker und Altertumsforscher, ein ebenso vielseitiger wie

scharfsichtiger und freidenkender Mann, sprach in seinem 1889

veröffentlichten Werke über die Religion der Semiten(67) die Annahme

aus, daß eine eigentümliche Zeremonie, die sogenannte _Totemmahlzeit_

von allem Anfang an einen integrierenden Bestandteil des totemistischen

Systems gebildet habe. Zur Stütze dieser Vermutung stand ihm damals nur

eine einzige, aus dem fünften Jahrhundert n. Chr. überlieferte

Beschreibung eines solchen Aktes zu Gebote, aber er verstand es, die

Annahme durch die Analyse des Opferwesens bei den alten Semiten zu einem

hohen Grad von Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da das Opfer eine

göttliche Person voraussetzt, handelt es sich hiebei um den Rückschluß

von einer höheren Phase des religiösen Ritus auf die niedrigste des

Totemismus.

(67) W. _Robertson Smith_, The religion of the Semites. Second

Edition. London 1907.

Ich will nun versuchen, aus dem ausgezeichneten Buch von _Robertson

Smith_ die für unser Interesse entscheidenden Sätze über Ursprung und

Bedeutung des Opferritus herauszuheben unter Weglassung aller oft so

reizvollen Details und mit konsequenter Hintansetzung aller späteren

Entwicklungen. Es ist ganz ausgeschlossen, in einem solchen Auszug dem

Leser etwas von der Luzidität oder von der Beweiskraft der Darstellung

im Original zu übermitteln.

_Robertson Smith_ führt aus, daß das Opfer am Altar das wesentliche

Stück im Ritus der alten Religionen gewesen ist. Es spielt in allen

Religionen die nämliche Rolle, so daß man seine Entstehung auf sehr

allgemeine und überall gleichartig wirkende Ursachen zurückführen muß.

Das Opfer -- die heilige Handlung ~kat' exochên~ (sacrificium,

~hierourgia~) -- bedeutete aber ursprünglich etwas anderes, als was

spätere Zeiten darunter verstanden: die Darbringung an die Gottheit,

um sie zu versöhnen oder sich geneigt zu machen. Von dem Nebensinn der

Selbstentäußerung ging dann die profane Verwendung des Wortes aus. Das

Opfer war nachweisbar zuerst nichts anderes als »_an act of social

fellowship between the deity and his worshippers_«, ein Akt der

Geselligkeit, eine Kommunion der Gläubigen mit ihrem Gotte.

Als Opfer wurden dargebracht eßbare und trinkbare Dinge; dasselbe, wovon

der Mensch sich nährte, Fleisch, Zerealien, Früchte, Wein und Öl, das

opferte er auch seinem Gotte. Nur in bezug auf das Opferfleisch

bestanden Einschränkungen und Abweichungen. Von den Tieropfern speist

der Gott gemeinsam mit seinen Anbetern, die vegetabilischen Opfer sind

ihm allein überlassen. Es ist kein Zweifel, daß die Tieropfer die

älteren sind und einmal die einzigen waren. Die vegetabilischen Opfer

sind aus der Darbringung der Erstlinge aller Früchte hervorgegangen und

entsprechen einem Tribut an den Herrn des Bodens und des Landes. Das

Tieropfer ist aber älter als der Ackerbau.

Es ist aus sprachlichen Überresten gewiß, daß der dem Gott bestimmte

Anteil des Opfers zuerst als seine wirkliche Nahrung angesehen wurde.

Mit der fortschreitenden Dematerialisierung des göttlichen Wesens wurde

diese Vorstellung anstößig; man wich ihr aus, indem man den flüssigen

Anteil der Mahlzeit allein der Gottheit zuwies. Später gestattete der

Gebrauch des Feuers, welcher das Opferfleisch auf dem Altar in Rauch

aufgehen ließ, eine Zurichtung der menschlichen Nahrungsmittel, durch

welche sie dem göttlichen Wesen angemessener wurden. Die Substanz des

Trinkopfers war ursprünglich das Blut der Opfertiere; Wein wurde später

der Ersatz des Blutes. Der Wein galt den Primitiven als das »Blut der

Rebe«, wie ihn unsere Dichter jetzt noch heißen.

Die älteste Form des Opfers, älter als der Gebrauch des Feuers und die

Kenntnis des Ackerbaues, war also das Tieropfer, dessen Fleisch und Blut

der Gott und seine Anbeter gemeinsam genossen. Es war wesentlich, daß

jeder der Teilnehmer seinen Anteil an der Mahlzeit erhalte.

Ein solches Opfer war eine öffentliche Zeremonie, das Fest eines ganzen

Clans. Die Religion war überhaupt eine allgemeine Angelegenheit, die

religiöse Pflicht ein Stück der sozialen Verpflichtung. Opfer und

Festlichkeit fallen bei allen Völkern zusammen, jedes Opfer bringt ein

Fest mit sich und kein Fest kann ohne Opfer gefeiert werden. Das

Opferfest war eine Gelegenheit der freudigen Erhebung über die eigenen

Interessen, der Betonung der Zusammengehörigkeit untereinander und mit

der Gottheit.

Die ethische Macht der öffentlichen Opfermahlzeit ruhte auf uralten

Vorstellungen über die Bedeutung des gemeinsamen Essens und Trinkens.

Mit einem anderen zu essen und zu trinken war gleichzeitig ein Symbol

und eine Bekräftigung von sozialer Gemeinschaft und von Übernahme

gegenseitiger Verpflichtungen; die Opfermahlzeit brachte zum direkten

Ausdruck, daß der Gott und seine Anbeter _Commensalen_ sind, aber damit

waren alle ihre anderen Beziehungen gegeben. Gebräuche, die noch heute

unter den Arabern der Wüste in Kraft sind, beweisen, daß das Bindende an

der gemeinsamen Mahlzeit nicht ein religiöses Moment ist, sondern der

Akt des Essens selbst. Wer den kleinsten Bissen mit einem solchen

Beduinen geteilt oder einen Schluck von seiner Milch getrunken hat, der

braucht ihn nicht mehr als Feind zu fürchten, sondern darf seines

Schutzes und seiner Hilfe sicher sein. Allerdings nicht für ewige

Zeiten; streng genommen, nur für so lange, als der gemeinsam genossene

Stoff der Annahme nach in seinem Körper verbleibt. So realistisch wird

das Band der Vereinigung aufgefaßt; es bedarf der Wiederholung, um es zu

verstärken und dauerhaft zu machen.

Warum wird aber dem gemeinsamen Essen und Trinken diese bindende Kraft

zugeschrieben? In den primitivsten Gesellschaften gibt es nur ein Band,

welches unbedingt und ausnahmslos einigt, das der Stammesgemeinschaft

(Kinship). Die Mitglieder dieser Gemeinschaft treten solidarisch für

einander ein, ein Kin ist eine Gruppe von Personen, deren Leben solcher

Art zu einer physischen Einheit verbunden sind, daß man sie wie Stücke

eines gemeinsamen Lebens betrachten kann. Es heißt dann beim Mord eines

einzelnen aus dem Kin nicht: das Blut dieses und jenes ist vergossen

worden, sondern unser Blut ist vergossen worden. Die hebräische Phrase,

mit welcher die Stammesverwandtschaft anerkannt wird, lautet: Du bist

mein Bein und mein Fleisch. Kinship bedeutet also einen Anteil haben an

einer gemeinsamen Substanz. Es ist dann natürlich, daß sie nicht nur auf

die Tatsache gegründet wird, daß man ein Teil von der Substanz seiner

Mutter ist, von der man geboren und mit deren Milch man genährt wurde,

sondern daß auch die Nahrung, die man späterhin genießt und durch die

man seinen Körper erneuert, Kinship erwerben und bestärken kann. Teilte

man die Mahlzeit mit seinem Gotte, so drückte es die Überzeugung aus,

daß man von einem Stoff mit ihm sei, und wen man als Fremden erkannte,

mit dem teilte man keine Mahlzeit.

Die Opfermahlzeit war also ursprünglich ein Festmahl von

Stammverwandten, dem Gesetze folgend, daß nur Stammverwandte miteinander

essen. In unserer Gesellschaft einigt die Mahlzeit die Mitglieder der

Familie, aber mit der Familie hat die Opfermahlzeit nichts zu tun.

Kinship ist älter als Familienleben; die ältesten uns bekannten Familien

umfassen regelmäßig Personen, die verschiedenen Verwandtschaftsverbänden

angehören. Die Männer heiraten Frauen aus fremden Clans, die Kinder

erben den Clan der Mutter; es besteht keine Stammesverwandtschaft

zwischen dem Manne und den übrigen Familienmitgliedern. In einer solchen

Familie gibt es keine gemeinsame Mahlzeit. Die Wilden essen noch heute

abseits und allein, und die religiösen Speiseverbote des Totemismus

machen ihnen oft die Eßgemeinschaft mit ihren Frauen und Kindern

unmöglich.

Wenden wir uns nun zum Opfertier. Es gab, wie wir gehört, keine

Stammeszusammenkunft ohne Tieropfer, aber -- was nun bedeutsam ist --

auch kein Schlachten eines Tieres außer für solche feierliche

Gelegenheit. Man nährte sich ohne Bedenken von Früchten, Wild und von

der Milch der Haustiere, aber religiöse Skrupel machten es dem einzelnen

unmöglich, ein Haustier für seinen eigenen Gebrauch zu töten. Es leidet

nicht den leisesten Zweifel, sagt _Robertson Smith_, daß jedes Opfer

ursprünglich Clanopfer war, und daß das _Töten eines Schlachtopfers_

ursprünglich zu jenen Handlungen gehörte, _die dem einzelnen verboten

sind und nur dann gerechtfertigt werden, wenn der ganze Stamm die

Verantwortlichkeit mitübernimmt_. Es gibt bei den Primitiven nur eine

Klasse von Handlungen, für welche diese Charakteristik zutrifft, nämlich

Handlungen, welche an die Heiligkeit des dem Stamme gemeinsamen Blutes

rühren. Ein Leben, welches kein einzelner wegnehmen darf, und das nur

durch die Zustimmung und unter der Teilnahme aller Clangenossen geopfert

werden kann, steht auf derselben Stufe wie das Leben des Stammesgenossen

selbst. Die Regel, daß jeder Gast der Opfermahlzeit vom Fleisch des

Opfertieres genießen müsse, hat denselben Sinn wie die Vorschrift, daß

die Exekution an einem schuldigen Stammesgenossen von dem ganzen Stamm

zu vollziehen sei. Mit anderen Worten: Das Opfertier wurde behandelt wie

ein Stammverwandter, _die opfernde Gemeinde, ihr Gott und das Opfertier

waren eines Blutes_, Mitglieder eines Clans.

_Robertson Smith_ identifiziert auf Grund einer reichen Evidenz das

Opfertier mit dem alten Totemtier. Es gab im späteren Altertum zwei

Arten von Opfern, solche von Haustieren, die auch für gewöhnlich

gegessen wurden, und ungewöhnliche Opfer von Tieren, die als unrein

verboten waren. Die nähere Erforschung zeigt dann, daß diese unreinen

Tiere heilige Tiere waren, daß sie den Göttern als Opfer dargebracht

wurden, denen sie heilig waren, daß diese Tiere ursprünglich identisch

waren mit den Göttern selbst, und daß die Gläubigen in irgendeiner Weise

beim Opfer ihre Blutsverwandtschaft mit dem Tiere und dem Gotte

betonten. Für noch frühere Zeiten entfällt aber dieser Unterschied

zwischen gewöhnlichen und »mystischen« Opfern. Alle Tiere sind

ursprünglich heilig, ihr Fleisch ist verboten und darf nur bei

feierlichen Gelegenheiten unter Teilnahme des ganzen Stammes genossen

werden. Das Schlachten des Tieres kommt dem Vergießen von Stammesblut

gleich und muß unter den nämlichen Vorsichten und Sicherungen gegen

Vorwurf geschehen.

Die Zähmung von Haustieren und das Emporkommen der Viehzucht scheint

überall dem reinen und strengen Totemismus der Urzeit ein Ende bereitet

zu haben(68). Aber was in der nun »pastoralen« Religion den Haustieren

an Heiligkeit verblieb, ist deutlich genug, um den ursprünglichen

Totemcharakter derselben erkennen zu lassen. Noch in späten klassischen

Zeiten schrieb der Ritus an verschiedenen Orten dem Opferer vor, nach

vollzogenem Opfer die Flucht zu ergreifen, wie um sich einer Ahndung zu

entziehen. In Griechenland muß die Idee, daß die Tötung eines Ochsen

eigentlich ein Verbrechen sei, einst allgemein geherrscht haben. An dem

athenischen Fest der Bouphonien wurde nach dem Opfer ein förmlicher

Prozeß eingeleitet, bei dem alle Beteiligten zum Verhör kamen. Endlich

einigte man sich, die Schuld an der Mordtat auf das Messer abzuwälzen,

welches dann ins Meer geworfen wurde.

(68) »The inference is that the domestication to which totemism

invariably leads (when there are any animals capable of domestication)

is fatal to totemism.«

_Jevons_, An introduction to the history of religion 1911, fifth

edition, p. 120.

Trotz der Scheu, welche das Leben des heiligen Tieres als eines

Stammesgenossen schützt, wird es zur Notwendigkeit, ein solches Tier von

Zeit zu Zeit in feierlicher Gemeinschaft zu töten und Fleisch und Blut

desselben unter die Clangenossen zu verteilen. Das Motiv, welches diese

Tat gebietet, gibt den tiefsten Sinn des Opferwesens preis. Wir haben

gehört, daß in späteren Zeiten jedes gemeinsame Essen, die Teilnahme an

der nämlichen Substanz, welche in ihre Körper eindringt, ein heiliges

Band zwischen den Commensalen herstellt; in ältesten Zeiten scheint

diese Bedeutung nur der Teilnahme an der Substanz eines heiligen Opfers

zuzukommen. _Das heilige Mysterium des Opfertodes rechtfertigt sich,

indem nur auf diesem Wege das heilige Band hergestellt werden kann,

welches die Teilnehmer untereinander und mit ihrem Gotte einigt(69)._

(69) l. c. p. 113.

Dies Band ist nichts anderes als das Leben des Opfertieres, welches in

seinem Fleisch und seinem Blute wohnt und durch die Opfermahlzeit allen

Teilnehmern mitgeteilt wird. Eine solche Vorstellung liegt allen

_Blutbündnissen_ zugrunde, durch die sich noch in späten Zeiten Menschen

gegeneinander verpflichten. Die durchaus realistische Auffassung der

Blutsgemeinschaft als Identität der Substanz läßt die Notwendigkeit

verstehen, sie von Zeit zu Zeit durch den physischen Prozeß der

Opfermahlzeit zu erneuern.

Brechen wir hier die Mitteilung der Gedankengänge von _Robertson Smith_

ab, um ihren Kern in gedrängtester Kürze zu resumieren. Als die Idee des

Privateigentums aufkam, wurde das Opfer als eine Gabe an die Gottheit,

als eine Übertragung aus dem Eigentum des Menschen in das des Gottes

aufgefaßt. Allein diese Deutung ließ alle Eigentümlichkeiten des

Opferrituals unaufgeklärt. In ältesten Zeiten war das Opfertier selbst

heilig, sein Leben unverletzlich gewesen; es konnte nur unter der

Teilnahme und Mitschuld des ganzen Stammes und in Gegenwart des Gottes

genommen werden, um die heilige Substanz zu liefern, durch deren Genuß

die Clangenossen sich ihrer stofflichen Identität untereinander und mit

der Gottheit versicherten. Das Opfer war ein Sakrament, das Opfertier

selbst ein Stammesgenosse. Es war in Wirklichkeit das alte Totemtier,

der primitive Gott selbst, durch dessen Tötung und Verzehrung die

Clangenossen ihre Gottähnlichkeit auffrischten und versicherten.

Aus dieser Analyse des Opferwesens zog _Robertson Smith_ den Schluß, daß

die periodische Tötung und Aufzehrung des Totem in Zeiten _vor der

Verehrung anthropomorpher Gottheiten_ ein bedeutsames Stück der

Totemreligion gewesen sei. Das Zeremoniell einer solchen Totemmahlzeit,

meinte er, sei uns in der Beschreibung eines Opfers aus späteren Zeiten

erhalten. Der hl. _Nilus_ berichtet von einer Opfersitte der Beduinen in

der sinaitischen Wüste um das Ende des vierten Jahrhunderts nach Christi

Geburt. Das Opfer, ein Kameel, wurde gebunden auf einen rohen Altar von

Steinen gelegt; der Anführer des Stammes ließ die Teilnehmer dreimal

unter Gesängen um den Altar herumgehen, brachte dem Tiere die erste

Wunde bei und trank gierig das hervorquellende Blut; dann stürzte sich

die ganze Gemeinde auf das Opfer, hieb mit den Schwertern Stücke des

zuckenden Fleisches los und verzehrte sie roh in solcher Hast, daß in

der kurzen Zwischenzeit zwischen dem Aufgang des Morgensterns, dem

dieses Opfer galt, und dem Erblassen des Gestirns vor den Sonnenstrahlen

alles vom Opfertier, Leib, Knochen, Haut, Fleisch und Eingeweide

vertilgt war. Dieser barbarische, von höchster Altertümlichkeit zeugende

Ritus war allen Beweismitteln nach kein vereinzelter Gebrauch, sondern

die allgemeine ursprüngliche Form des Totemopfers, die in späterer Zeit

die verschiedensten Abschwächungen erfuhr.

Die infantile Wiederkehr des Totemismus Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker IV · 第 3 / 6 段