the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may
appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their
thinking gods and men were akin, for many families traced their
descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed
as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems
to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough I. The magic art and the
evolution of kings. II., p. 177.
Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten
findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind,
weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im
Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte,
sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters
beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,
übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die
vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um.
Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den
Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt
wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclans waren
nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen
Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um
die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der
ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.
In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich
zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem
Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in
acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie
übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die
zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich
ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den
Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der
zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene
der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum
Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die
Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,
daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in
derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat
fortsetzt.
In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die
Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die
Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten des Gottes. Gott selbst
ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch
die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die
soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System
auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und
wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der
Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue
Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu
entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer
Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.
Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier
tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die
äußerste Verläugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und
das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren
Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung
darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zugunsten der höheren
Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der
Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.
Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil
seines Wesens überwindet(82).
(82) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den
Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der
Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von
Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer
Entwicklung. In letzterem Falle nähert sich der Mythus den
»funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier
tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet,
setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten
voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig.
Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der
erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem
Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der
Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der
Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener
Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt.
_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung
ausgesprochen, daß die ersten Könige der latinischen Stämme Fremde
waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an
einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche
Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein
wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das
Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der
bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als
Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des
lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser
Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische
Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung
wie das Tieropfer behandeln kann, wirft das hellste Licht nach rückwärts
auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit nicht zu
überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das
nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.
Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt
eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz
für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der
Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das
Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.
So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als
unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen sie zu vergessen, und
gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,
mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zutage
treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als
Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an
dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere
Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen
Urgeschichte ferne liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit
denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als
»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die
Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern
etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an
sich trug(83). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte
war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zugrunde liegenden
Situation ihre gute Aufklärung fanden.
(83) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a
spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but
obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief
object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's
death_ -- a point which has already come before us in connection with
theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«.
Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung
der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des
Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des
religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden
seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem
kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen
Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.
Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,
sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des
Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen
Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die
in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.
Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a.,
Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die
Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater
zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese
Schöpfung nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die
diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und
eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in
Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige
Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an
Entmannung(84). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung
dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit
übergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war.
(84) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in
der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen
Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir
ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach
seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen
Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die
völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist
meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei
primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der
Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst
sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist
überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit
Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt
ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen
können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie
Äquivalente der Kastration behandeln.
Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf
die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile
zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde.
Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch
unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den
Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen
Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit
die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab
einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und
diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes
Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde.
Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den
Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des
griechischen Altertums ein(85). Die Menschen waren die Nachkommen von
Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt
hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment
von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein
urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus
hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß.(86) Erinnert die Tat
der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und
Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene Totemopfer
-- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der Tod des
Orpheus selbst -- so stört uns hier doch die Abweichung, daß die Mordtat
an einem jugendlichen Gott vollzogen wird.
(85) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff.
(86) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76.
Im christlichen Mythus ist die Erbsünde der Menschen unzweifelhaft eine
Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem
Druck der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt
er uns zu dem Schluß, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im
menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur
durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die
Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(87). Und wenn dieses
Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so
kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater
gewesen sein.
(87) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig
als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet
sind.
So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am
unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im
Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat.
Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig
mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen
Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das
psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen
Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der
Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott
neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die
Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte
Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die
Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,
genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert.
Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der
Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und
mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen
Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen
so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die
christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des
Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie
berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has
absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than
Christianity«(88).
(88) Eating the God, p. 51. ... Niemand, der mit der Literatur des
Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der
christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers
dieses Aufsatzes sei.
7.
Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte
unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und
sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je
weniger er selbst erinnert werden sollte(89). Ich gehe der Versuchung
aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu
finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem
ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung
über den Tod des Orpheus folge(90).
(89) _Ariel_ im »Sturm«:
Full fathom five thy father lies:
Of his bones are coral made;
Those are pearls that were his eyes;
Nothing of him that doth fade
But doth suffer a sea-change
Into something rich and strange.
In der schönen Übersetzung von _Schlegel_:
Fünf Faden tief liegt Vater dein.
Sein Gebein wird zu Korallen,
Perlen sind die Augen sein.
Nichts an ihm, das soll verfallen,
Das nicht wandelt Meeres-Hut
In ein reich und seltnes Gut.
(90) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes
et Religions. T. II, p. 100 ff.
In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche
auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten
mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.
Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von
Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen
einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: Es ist
der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere
Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um
Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der
Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert.
Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche
Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf
sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine
Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der
Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor
begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn
zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für
sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung
gefunden hatte.
Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine
»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung
abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen
urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung
findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß,
um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist
durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter
Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten
Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden
verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,
und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte
Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität,
ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die
Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen
Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht.
Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen
Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden
Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht
verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an
der Passion Christi neu entzündete.
So möchte ich denn zum Schluß dieser mit äußerster Verkürzung geführten
Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex die Anfänge
von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in
voller Übereinstimmung mit der Feststellung der Psychoanalyse, daß
dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt
unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine große
Überraschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine
Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhältnis
zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes
psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben
so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne,
also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der
Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die
Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein
fundamentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere
Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben
ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(91) erworben
wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute
noch ihre stärkste Ausprägung nachweist.(92)
(91) Respektive Elternkomplex.
(92) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig,
ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführungen an
die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen
haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten
oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, Sittlichkeit und der
Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, welches sich aus der
Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die
Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es
geht aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er
in einer solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen
könnte, wenngleich die Überwindung von großen affektiven Widerständen
erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht.
Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe
Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in
diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten
unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate
verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die
sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften.
Es kann zunächst niemand entgangen sein, daß wir überall die Annahme
einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich die seelischen
Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor
allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende
fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat
nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei
Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt
wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen
Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden
waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere
Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen
vermeiden kann.