(81) »To us moderns for whom the breach which divides the human and

the divine has deepened into an impassible gulf such mimicry may

appear impious, but it was otherwise with the ancients. To their

thinking gods and men were akin, for many families traced their

descent from a divinity, and the deification of a man probably seemed

as little extraordinary to them as the canonisation of a saint seems

to a modern catholic.« _Frazer_, Golden Bough I. The magic art and the

evolution of kings. II., p. 177.

Wo sich in dieser Entwicklung die Stelle für die großen Muttergottheiten

findet, die vielleicht allgemein den Vatergöttern vorhergegangen sind,

weiß ich nicht anzugeben. Sicher scheint aber, daß die Wandlung im

Verhältnis zum Vater sich nicht auf das religiöse Gebiet beschränkte,

sondern folgerichtig auf die andere durch die Beseitigung des Vaters

beeinflußte Seite des menschlichen Lebens, auf die soziale Organisation,

übergriff. Mit der Einsetzung der Vatergottheiten wandelte sich die

vaterlose Gesellschaft allmählich in die patriarchalisch geordnete um.

Die Familie war eine Wiederherstellung der einstigen Urhorde und gab den

Vätern auch ein großes Stück ihrer früheren Rechte wieder. Es gab jetzt

wieder Väter, aber die sozialen Errungenschaften des Brüderclans waren

nicht aufgegeben worden, und der faktische Abstand der neuen

Familienväter vom unumschränkten Urvater der Horde war groß genug, um

die Fortdauer des religiösen Bedürfnisses, die Erhaltung der

ungestillten Vatersehnsucht, zu versichern.

In der Opferszene vor dem Stammesgott ist also der Vater wirklich

zweimal enthalten, als Gott und als Totemopfertier. Aber bei dem

Versuch, diese Situation zu verstehen, werden wir uns vor Deutungen in

acht nehmen, welche sie in flächenhafter Auffassung wie eine Allegorie

übersetzen wollen und dabei der historischen Schichtung vergessen. Die

zweifache Anwesenheit des Vaters entspricht den zwei einander zeitlich

ablösenden Bedeutungen der Szene. Die ambivalente Einstellung gegen den

Vater hat hier plastischen Ausdruck gefunden und ebenso der Sieg der

zärtlichen Gefühlsregungen des Sohnes über seine feindseligen. Die Szene

der Überwältigung des Vaters, seiner größten Erniedrigung, ist hier zum

Material für eine Darstellung seines höchsten Triumphes geworden. Die

Bedeutung, die das Opfer ganz allgemein gewonnen hat, liegt eben darin,

daß es dem Vater die Genugtuung für die an ihm verübte Schmach in

derselben Handlung bietet, welche die Erinnerung an diese Untat

fortsetzt.

In weiterer Folge verliert das Tier seine Heiligkeit und das Opfer die

Beziehung zur Totemfeier; es wird zu einer einfachen Darbringung an die

Gottheit, zu einer Selbstentäußerung zugunsten des Gottes. Gott selbst

ist jetzt so hoch über den Menschen erhaben, daß man mit ihm nur durch

die Vermittlung des Priesters verkehren kann. Gleichzeitig kennt die

soziale Ordnung göttergleiche Könige, welche das patriarchalische System

auf den Staat übertragen. Wir müssen sagen, die Rache des gestürzten und

wiedereingesetzten Vaters ist eine harte geworden, die Herrschaft der

Autorität steht auf ihrer Höhe. Die unterworfenen Söhne haben das neue

Verhältnis dazu benützt, um ihr Schuldbewußtsein noch weiter zu

entlasten. Das Opfer, wie es jetzt ist, fällt ganz aus ihrer

Verantwortlichkeit heraus. Gott selbst hat es verlangt und angeordnet.

Zu dieser Phase gehören Mythen, in welchen der Gott selbst das Tier

tötet, das ihm heilig ist, das er eigentlich selbst ist. Dies ist die

äußerste Verläugnung der großen Untat, mit welcher die Gesellschaft und

das Schuldbewußtsein begann. Eine zweite Bedeutung dieser letzteren

Opferdarstellung ist nicht zu verkennen. Sie drückt die Befriedigung

darüber aus, daß man den früheren Vaterersatz zugunsten der höheren

Gottesvorstellung verlassen hat. Die flach allegorische Übersetzung der

Szene fällt hier ungefähr mit ihrer psychoanalytischen Deutung zusammen.

Jene lautet: Es werde dargestellt, daß der Gott den tierischen Anteil

seines Wesens überwindet(82).

(82) Die Überwindung einer Göttergeneration durch eine andere in den

Mythologien bedeutet bekanntlich den historischen Vorgang der

Ersetzung eines religiösen Systems durch ein neues, sei es infolge von

Eroberung durch ein Fremdvolk oder auf dem Wege psychologischer

Entwicklung. In letzterem Falle nähert sich der Mythus den

»funktionalen Phänomenen« im Sinne von H. _Silberer_. Daß der das Tier

tötende Gott ein Libidosymbol ist, wie C. G. _Jung_ (l. c.) behauptet,

setzt einen anderen Begriff der Libido als den bisher verwendeten

voraus und erscheint mir überhaupt fragwürdig.

Es wäre indes irrig, wenn man glauben wollte, in diesen Zeiten der

erneuerten Vaterautorität seien die feindseligen Regungen, welche dem

Vaterkomplex zugehören, völlig verstummt. Aus den ersten Phasen der

Herrschaft der beiden neuen Vaterersatzbildungen, der Götter und der

Könige, kennen wir vielmehr die energischesten Äußerungen jener

Ambivalenz, welche für die Religion charakteristisch bleibt.

_Frazer_ hat in seinem großen Werk »The Golden Bough« die Vermutung

ausgesprochen, daß die ersten Könige der latinischen Stämme Fremde

waren, welche die Rolle einer Gottheit spielten und in dieser Rolle an

einem bestimmten Festtage feierlich hingerichtet wurden. Die jährliche

Opferung (Variante: Selbstopferung) eines Gottes scheint ein

wesentlicher Zug der semitischen Religionen gewesen zu sein. Das

Zeremoniell der Menschenopfer an den verschiedensten Stellen der

bewohnten Erde läßt wenig Zweifel darüber, daß diese Menschen als

Repräsentanten der Gottheit ihr Ende fanden, und in der Ersetzung des

lebenden Menschen durch eine leblose Nachahmung (Puppe) läßt sich dieser

Opfergebrauch noch in späte Zeiten verfolgen. Das theanthropische

Gottesopfer, welches ich hier leider nicht mit der gleichen Vertiefung

wie das Tieropfer behandeln kann, wirft das hellste Licht nach rückwärts

auf den Sinn der älteren Opferformen. Es bekennt mit nicht zu

überbietender Aufrichtigkeit, daß das Objekt der Opferhandlung immer das

nämliche war, dasselbe, was nun als Gott verehrt wird, der Vater also.

Die Frage nach dem Verhältnis von Tier- und Menschenopfer findet jetzt

eine einfache Lösung. Das ursprüngliche Tieropfer war bereits ein Ersatz

für ein Menschenopfer, für die feierliche Tötung des Vaters, und als der

Vaterersatz seine menschliche Gestalt wieder erhielt, konnte sich das

Tieropfer auch wieder in das Menschenopfer verwandeln.

So hatte sich die Erinnerung an jene erste große Opfertat als

unzerstörbar erwiesen, trotz aller Bemühungen sie zu vergessen, und

gerade als man sich von ihren Motiven am weitesten entfernen wollte,

mußte in der Form des Gottesopfers ihre unentstellte Wiederholung zutage

treten. Welche Entwicklungen des religiösen Denkens als

Rationalisierungen diese Wiederkehr ermöglicht haben, brauche ich an

dieser Stelle nicht auszuführen. _Robertson Smith_, dem ja unsere

Zurückführung des Opfers auf jenes große Ereignis der menschlichen

Urgeschichte ferne liegt, gibt an, daß die Zeremonien jener Feste, mit

denen die alten Semiten den Tod einer Gottheit feierten, als

»_commemoration of a mythical tragedy_« ausgelegt wurden, und daß die

Klage dabei nicht den Charakter einer spontanen Teilnahme hatte, sondern

etwas Zwangsmäßiges, von der Furcht vor dem göttlichen Zorn Gebotenes an

sich trug(83). Wir glauben zu erkennen, daß diese Auslegung im Rechte

war, und daß die Gefühle der Feiernden in der zugrunde liegenden

Situation ihre gute Aufklärung fanden.

(83) Religion of the Semites, p. 412-413. »The mourning is not a

spontaneous expression of sympathy with the divine tragedy but

obligatory and enforced by fear of supernatural anger. And a chief

object of the mourners is to _disclaim responsibility for the god's

death_ -- a point which has already come before us in connection with

theanthropic sacrifices, such as the »oxmurder at Athens«.

Nehmen wir es nun als Tatsache hin, daß auch in der weiteren Entwicklung

der Religionen die beiden treibenden Faktoren, das Schuldbewußtsein des

Sohnes und der Sohnestrotz, niemals erlöschen. Jeder Lösungsversuch des

religiösen Problems, jede Art der Versöhnung der beiden widerstreitenden

seelischen Mächte wird allmählich hinfällig, wahrscheinlich unter dem

kombinierten Einfluß von kulturellen Änderungen, historischen

Ereignissen und inneren psychischen Wandlungen.

Mit immer größerer Deutlichkeit tritt das Bestreben des Sohnes hervor,

sich an die Stelle des Vatergottes zu setzen. Mit der Einführung des

Ackerbaues hebt sich die Bedeutung des Sohnes in der patriarchalischen

Familie. Er getraut sich neuer Äußerungen seiner inzestuösen Libido, die

in der Bearbeitung der Mutter Erde eine symbolische Befriedigung findet.

Es entstehen die Göttergestalten des Attis, Adonis, Tammuz u. a.,

Vegetationsgeister und zugleich jugendliche Gottheiten, welche die

Liebesgunst mütterlicher Gottheiten genießen, den Mutterinzest dem Vater

zum Trotze durchsetzen. Allein das Schuldbewußtsein, welches durch diese

Schöpfung nicht beschwichtigt ist, drückt sich in den Mythen aus, die

diesen jugendlichen Geliebten der Muttergöttinnen ein kurzes Leben und

eine Bestrafung durch Entmannung oder durch den Zorn des Vatergottes in

Tierform bescheiden. Adonis wird durch den Eber getötet, das heilige

Tier der Aphrodite; Attis, der Geliebte der Kybele, stirbt an

Entmannung(84). Die Beweinung und die Freude über die Auferstehung

dieser Götter ist in das Rituale einer anderen Sohnesgottheit

übergegangen, welche zu dauernderem Erfolge bestimmt war.

(84) Die Kastrationsangst spielt eine außerordentlich große Rolle in

der Störung des Verhältnisses zum Vater bei unseren jugendlichen

Neurotikern. Aus der schönen Beobachtung von _Ferenczi_ haben wir

ersehen, wie der Knabe seinen Totem in dem Tier erkennt, welches nach

seinem kleinen Gliede schnappt. Wenn unsere Kinder von der rituellen

Beschneidung erfahren, stellen sie dieselbe der Kastration gleich. Die

völkerpsychologische Parallele zu diesem Verhalten der Kinder ist

meines Wissens noch nicht ausgeführt worden. Die in der Urzeit und bei

primitiven Völkern so häufige Beschneidung gehört dem Zeitpunkt der

Männerweihe an, wo sie ihre Bedeutung finden muß, und ist erst

sekundär in frühere Lebenszeiten zurückgeschoben worden. Es ist

überaus interessant, daß die Beschneidung bei den Primitiven mit

Haarabschneiden und Zahnausschlagen kombiniert oder durch sie ersetzt

ist, und daß unsere Kinder, die von diesem Sachverhalt nichts wissen

können, in ihren Angstreaktionen diese beiden Operationen wirklich wie

Äquivalente der Kastration behandeln.

Als das Christentum seinen Einzug in die antike Welt begann, traf es auf

die Konkurrenz der Mithrasreligion, und es war für eine Weile

zweifelhaft, welcher Gottheit der Sieg zufallen würde.

Die lichtumflossene Gestalt des persischen Götterjünglings ist doch

unserem Verständnis dunkel geblieben. Vielleicht darf man aus den

Darstellungen der Stiertötungen durch Mithras schließen, daß er jenen

Sohn vorstellte, der die Opferung des Vaters allein vollzog und somit

die Brüder von der sie drückenden Mitschuld an der Tat erlöste. Es gab

einen anderen Weg zur Beschwichtigung dieses Schuldbewußtseins und

diesen beschritt erst Christus. Er ging hin und opferte sein eigenes

Leben und dadurch erlöste er die Brüderschar von der Erbsünde.

Die Lehre von der Erbsünde ist _orphischer_ Herkunft; sie wurde in den

Mysterien erhalten und drang von da aus in die Philosophenschulen des

griechischen Altertums ein(85). Die Menschen waren die Nachkommen von

Titanen, welche den jungen Dionysos-Zagreus getötet und zerstückelt

hatten; die Last dieses Verbrechens drückte auf sie. In einem Fragment

von _Anaximander_ wird gesagt, daß die Einheit der Welt durch ein

urzeitliches Verbrechen zerstört worden sei, und daß alles, was daraus

hervorgegangen, die Strafe dafür weiter tragen muß.(86) Erinnert die Tat

der Titanen durch die Züge der Zusammenrottung, der Tötung und

Zerreißung deutlich genug an das von St. _Nilus_ beschriebene Totemopfer

-- wie übrigens viele andere Mythen des Altertums, z. B. der Tod des

Orpheus selbst -- so stört uns hier doch die Abweichung, daß die Mordtat

an einem jugendlichen Gott vollzogen wird.

(85) _Reinach_, Cultes, Mythes et Religions, II., p. 75 ff.

(86) »Une sorte de péché proethnique« l. c., p. 76.

Im christlichen Mythus ist die Erbsünde der Menschen unzweifelhaft eine

Versündigung gegen Gottvater. Wenn nun Christus die Menschen von dem

Druck der Erbsünde erlöst, indem er sein eigenes Leben opfert, so zwingt

er uns zu dem Schluß, daß diese Sünde eine Mordtat war. Nach dem im

menschlichen Fühlen tiefgewurzelten Gesetz der Talion kann ein Mord nur

durch die Opferung eines anderen Lebens gesühnt werden; die

Selbstaufopferung weist auf eine Blutschuld zurück(87). Und wenn dieses

Opfer des eigenen Lebens die Versöhnung mit Gottvater herbeiführt, so

kann das zu sühnende Verbrechen kein anderes als der Mord am Vater

gewesen sein.

(87) Die Selbstmordimpulse unserer Neurotiker erweisen sich regelmäßig

als Selbstbestrafungen für Todeswünsche, die gegen andere gerichtet

sind.

So bekennt sich denn in der christlichen Lehre die Menschheit am

unverhülltesten zu der schuldvollen Tat der Urzeit, weil sie nun im

Opfertod des einen Sohnes die ausgiebigste Sühne für sie gefunden hat.

Die Versöhnung mit dem Vater ist um so gründlicher, weil gleichzeitig

mit diesem Opfer der volle Verzicht auf das Weib erfolgt, um dessen

Willen man sich gegen den Vater empört hatte. Aber nun fordert auch das

psychologische Verhängnis der Ambivalenz seine Rechte. Mit der gleichen

Tat, welche dem Vater die größtmögliche Sühne bietet, erreicht auch der

Sohn das Ziel seiner Wünsche gegen den Vater. Er wird selbst zum Gott

neben, eigentlich an Stelle des Vaters. Die Sohnesreligion löst die

Vaterreligion ab. Zum Zeichen dieser Ersetzung wird die alte

Totemmahlzeit als Kommunion wieder belebt, in welcher nun die

Brüderschar vom Fleisch und Blut des Sohnes, nicht mehr des Vaters,

genießt, sich durch diesen Genuß heiligt und mit ihm identifiziert.

Unser Blick verfolgt durch die Länge der Zeiten die Identität der

Totemmahlzeit mit dem Tieropfer, dem theanthropischen Menschenopfer und

mit der christlichen Eucharistie und erkennt in all diesen

Feierlichkeiten die Nachwirkung jenes Verbrechens, welches die Menschen

so sehr bedrückte, und auf das sie doch so stolz sein mußten. Die

christliche Kommunion ist aber im Grunde eine neuerliche Beseitigung des

Vaters, eine Wiederholung der zu sühnenden Tat. Wir merken, wie

berechtigt der Satz von _Frazer_ ist, daß »the Christian communion has

absorbed within itself a sacrament which is doubtless far older than

Christianity«(88).

(88) Eating the God, p. 51. ... Niemand, der mit der Literatur des

Gegenstandes vertraut ist, wird annehmen, daß die Zurückführung der

christlichen Kommunion auf die Totemmahlzeit eine Idee des Schreibers

dieses Aufsatzes sei.

7.

Ein Vorgang wie die Beseitigung des Urvaters durch die Brüderschar mußte

unvertilgbare Spuren in der Geschichte der Menschheit hinterlassen und

sich in desto zahlreicheren Ersatzbildungen zum Ausdruck bringen, je

weniger er selbst erinnert werden sollte(89). Ich gehe der Versuchung

aus dem Wege, diese Spuren in der Mythologie, wo sie nicht schwer zu

finden sind, nachzuweisen und wende mich einem anderen Gebiete zu, indem

ich einem Fingerzeig von S. _Reinach_ in einer inhaltsreichen Abhandlung

über den Tod des Orpheus folge(90).

(89) _Ariel_ im »Sturm«:

Full fathom five thy father lies:

Of his bones are coral made;

Those are pearls that were his eyes;

Nothing of him that doth fade

But doth suffer a sea-change

Into something rich and strange.

In der schönen Übersetzung von _Schlegel_:

Fünf Faden tief liegt Vater dein.

Sein Gebein wird zu Korallen,

Perlen sind die Augen sein.

Nichts an ihm, das soll verfallen,

Das nicht wandelt Meeres-Hut

In ein reich und seltnes Gut.

(90) La Mort d'Orphée in dem hier oft zitierten Buche: Cultes, Mythes

et Religions. T. II, p. 100 ff.

In der Geschichte der griechischen Kunst gibt es eine Situation, welche

auffällige Ähnlichkeiten und nicht minder tiefgehende Verschiedenheiten

mit der von _Robertson Smith_ erkannten Szene der Totemmahlzeit zeigt.

Es ist die Situation der ältesten griechischen Tragödie. Eine Schar von

Personen, alle gleich benannt und gleich gekleidet, umsteht einen

einzigen, von dessen Reden und Handeln sie alle abhängig sind: Es ist

der Chor und der ursprünglich einzige Heldendarsteller. Spätere

Entwicklungen brachten einen zweiten und dritten Schauspieler, um

Gegenspieler und Abspaltungen des Helden darzustellen, aber der

Charakter des Helden wie sein Verhältnis zum Chor blieben unverändert.

Der Held der Tragödie mußte leiden; dies ist noch heute der wesentliche

Inhalt einer Tragödie. Er hatte die sogenannte »tragische Schuld« auf

sich geladen, die nicht immer leicht zu begründen ist; sie ist oft keine

Schuld im Sinne des bürgerlichen Lebens. Zumeist bestand sie in der

Auflehnung gegen eine göttliche oder menschliche Autorität, und der Chor

begleitete den Helden mit seinen sympathischen Gefühlen, suchte ihn

zurückzuhalten, zu warnen, zu mäßigen und beklagte ihn, nachdem er für

sein kühnes Unternehmen die als verdient hingestellte Bestrafung

gefunden hatte.

Warum muß aber der Held der Tragödie leiden und was bedeutet seine

»tragische« Schuld? Wir wollen die Diskussion durch rasche Beantwortung

abschneiden. Er muß leiden, weil er der Urvater, der Held jener großen

urzeitlichen Tragödie ist, die hier eine tendenziöse Wiederholung

findet, und die tragische Schuld ist jene, die er auf sich nehmen muß,

um den Chor von seiner Schuld zu entlasten. Die Szene auf der Bühne ist

durch zweckmäßige Entstellung, man könnte sagen: im Dienste raffinierter

Heuchelei, aus der historischen Szene hervorgegangen. In jener alten

Wirklichkeit waren es gerade die Chorgenossen, die das Leiden des Helden

verursachten; hier aber erschöpfen sie sich in Teilnahme und Bedauern,

und der Held ist selbst an seinem Leiden schuld. Das auf ihn gewälzte

Verbrechen, die Überhebung und Auflehnung gegen eine große Autorität,

ist genau dasselbe, was in Wirklichkeit die Genossen des Chors, die

Brüderschar, bedrückt. So wird der tragische Held -- noch wider seinen

Willen -- zum Erlöser des Chors gemacht.

Waren speziell in der griechischen Tragödie die Leiden des göttlichen

Bockes Dionysos und die Klage des mit ihm sich identifizierenden

Gefolges von Böcken der Inhalt der Aufführung, so wird es leicht

verständlich, daß das bereits erloschene Drama sich im Mittelalter an

der Passion Christi neu entzündete.

So möchte ich denn zum Schluß dieser mit äußerster Verkürzung geführten

Untersuchung das Ergebnis aussprechen, daß im Ödipuskomplex die Anfänge

von Religion, Sittlichkeit, Gesellschaft und Kunst zusammentreffen, in

voller Übereinstimmung mit der Feststellung der Psychoanalyse, daß

dieser Komplex den Kern aller Neurosen bildet, so weit sie bis jetzt

unserem Verständnis nachgegeben haben. Es erscheint mir als eine große

Überraschung, daß auch diese Probleme des Völkerseelenlebens eine

Auflösung von einem einzigen konkreten Punkte her, wie es das Verhältnis

zum Vater ist, gestatten sollten. Vielleicht ist selbst ein anderes

psychologisches Problem in diesen Zusammenhang einzubeziehen. Wir haben

so oft Gelegenheit gehabt, die Gefühlsambivalenz im eigentlichen Sinne,

also das Zusammentreffen von Liebe und Haß gegen dasselbe Objekt, an der

Wurzel wichtiger Kulturbildungen aufzuzeigen. Wir wissen nichts über die

Herkunft dieser Ambivalenz. Man kann die Annahme machen, daß sie ein

fundamentales Phänomen unseres Gefühlslebens sei. Aber auch die andere

Möglichkeit scheint mir wohl beachtenswert, daß sie, dem Gefühlsleben

ursprünglich fremd, von der Menschheit an dem Vaterkomplex(91) erworben

wurde, wo die psychoanalytische Erforschung des Einzelmenschen heute

noch ihre stärkste Ausprägung nachweist.(92)

(91) Respektive Elternkomplex.

(92) Der Mißverständnisse gewöhnt, halte ich es nicht für überflüssig,

ausdrücklich hervorzuheben, daß die hier gegebenen Zurückführungen an

die komplexe Natur der abzuleitenden Phänomene keineswegs vergessen

haben, und daß sie nur den Anspruch erheben, zu den bereits bekannten

oder noch unerkannten Ursprüngen der Religion, Sittlichkeit und der

Gesellschaft ein neues Moment hinzuzufügen, welches sich aus der

Berücksichtigung der psychoanalytischen Anforderungen ergibt. Die

Synthese zu einem Ganzen der Erklärung muß ich anderen überlassen. Es

geht aber diesmal aus der Natur dieses neuen Beitrages hervor, daß er

in einer solchen Synthese keine andere als die zentrale Rolle spielen

könnte, wenngleich die Überwindung von großen affektiven Widerständen

erfordert werden dürfte, ehe man ihm eine solche Bedeutung zugesteht.

Bevor ich nun abschließe, muß ich der Bemerkung Raum geben, daß der hohe

Grad von Konvergenz zu einem umfassenden Zusammenhange, den wir in

diesen Ausführungen erreicht haben, uns nicht gegen die Unsicherheiten

unserer Voraussetzungen und die Schwierigkeiten unserer Resultate

verblenden kann. Von den letzteren will ich nur noch zwei behandeln, die

sich manchem Leser aufgedrängt haben dürften.

Es kann zunächst niemand entgangen sein, daß wir überall die Annahme

einer Massenpsyche zugrunde legen, in welcher sich die seelischen

Vorgänge vollziehen wie im Seelenleben eines einzelnen. Wir lassen vor

allem das Schuldbewußtsein wegen einer Tat über viele Jahrtausende

fortleben und in Generationen wirksam bleiben, welche von dieser Tat

nichts wissen konnten. Wir lassen einen Gefühlsprozeß, wie er bei

Generationen von Söhnen entstehen konnte, die von ihrem Vater mißhandelt

wurden, sich auf neue Generationen fortsetzen, welche einer solchen

Behandlung gerade durch die Beseitigung des Vaters entzogen worden

waren. Dies scheinen allerdings schwerwiegende Bedenken, und jede andere

Erklärung scheint den Vorzug zu verdienen, welche solche Voraussetzungen

vermeiden kann.

Die infantile Wiederkehr des Totemismus Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker IV · 第 5 / 6 段