Für die letzte der psychologischen Theorien, die von _Wundt_

ausgesprochene, sind die beiden Tatsachen entscheidend geworden, daß

erstens das ursprüngliche Totemobjekt und das dauernd verbreitetste das

Tier ist, und daß zweitens unter den Totemtieren wieder die

ursprünglichsten mit Seelentieren zusammenfallen(39). Seelentiere, wie

Vögel, Schlange, Eidechse, Maus eignen sich durch ihre schnelle

Beweglichkeit, ihren Flug in der Luft, durch andere Überraschung und

Grauen erregende Eigenschaften dazu als die Träger der den Körper

verlassenden Seele erkannt zu werden. Das Totemtier ist ein Abkömmling

der Tierverwandlungen der Hauchseele. So mündet hier für _Wundt_ der

Totemismus unmittelbar in den Seelenglauben oder Animismus ein.

(39) _Wundt_, Elemente der Völkerpsychologie, p. 190.

b) und c) Die Herkunft der Exogamie und ihre Beziehung zum Totemismus.

Ich habe die Theorien des Totemismus mit einiger Ausführlichkeit

vorgebracht und muß dennoch befürchten, daß ich deren Eindruck durch die

immerhin notwendige Verkürzung geschadet habe. In betreff der weiteren

Fragen nehme ich mir im Interesse des Lesers die Freiheit einer noch

weitergehenden Zusammendrängung. Die Diskussionen über die Exogamie der

Totemvölker werden durch die Natur des dabei verwerteten Materials

besonders kompliziert und unübersehbar; man könnte sagen verworren. Die

Ziele dieser Abhandlung gestatten es auch, daß ich mich hier auf

Hervorhebung einiger Richtlinien beschränke und für eine gründlichere

Verfolgung des Gegenstandes auf die mehrmals zitierten eingehenden

Fachschriften verweise.

Die Stellung eines Autors zu den Problemen der Exogamie ist natürlich

nicht unabhängig von seiner Parteinahme für diese oder jene

Totemtheorie. Einige von diesen Erklärungen des Totemismus lassen jede

Anknüpfung an die Exogamie vermissen, so daß die beiden Institutionen

glatt auseinanderfallen. So stehen hier zwei Anschauungen einander

gegenüber, die eine, welche den ursprünglichen Anschein festhalten will,

die Exogamie sei ein wesentliches Stück des totemistischen Systems, und

eine andere, welche einen solchen Zusammenhang bestreitet und an ein

zufälliges Zusammentreffen der beiden Züge ältester Kulturen glaubt.

_Frazer_ hat in seinen späteren Arbeiten diesen letzteren Standpunkt mit

Entschiedenheit vertreten.

»I must request the reader to bear constantly in mind that the two

institutions of totemism and exogamy are fundamentally distinct in

origin and nature though they have accidentally crossed and blended in

many tribes.« (T. and Ex., I., Vorrede XII.)

Er warnt direkt vor der gegenteiligen Ansicht als einer Quelle

unendlicher Schwierigkeiten und Mißverständnisse. Im Gegensatz hiezu

haben andere Autoren den Weg gefunden, die Exogamie als notwendige Folge

der totemistischen Grundanschauungen zu begreifen. _Durkheim_ hat in

seinen Arbeiten(40) ausgeführt, wie das an den Totem geknüpfte Tabu das

Verbot mit sich bringen mußte, ein Weib des nämlichen Totem zum

geschlechtlichen Verkehr zu gebrauchen. Der Totem ist von demselben Blut

wie der Mensch, und darum verbietet der Blutbann (mit Rücksicht auf

Defloration und Menstruation) den sexuellen Verkehr mit dem Weibe, das

demselben Totem angehört(41). A. _Lang_, der sich hierin _Durkheim_

anschließt, meint sogar, es bedurfte nicht des Bluttabu, um das Verbot

der Frauen des gleichen Stammes zu bewirken(42). Das allgemeine

Totemtabu, welches z. B. verbietet, im Schatten des Totembaumes zu

sitzen, würde hiefür hingereicht haben. A. _Lang_ verficht übrigens auch

eine andere Ableitung der Exogamie (s. unten) und läßt es zweifelhaft,

wie sich diese beiden Erklärungen zueinander verhalten.

(40) L'année sociologique 1898-1904.

(41) S. die Kritik der Erörterungen _Durkheims_ bei _Frazer_. T. and

Ex., IV., p. 101.

(42) Secret etc., p. 125.

In betreff der zeitlichen Verhältnisse huldigt die Mehrzahl der Autoren

der Ansicht, der Totemismus sei die ältere Institution, die Exogamie

später hinzugekommen(43).

(43) Z. B. _Frazer_, l. c. IV., p. 75: The totemic clan is a totally

different social organism from the exogamous class, and we have good

grounds for thinking that it is far older.

Unter den Theorien, welche die Exogamie unabhängig vom Totemismus

erklären wollen, seien nur einige hervorgehoben, welche die

verschiedenen Einstellungen der Autoren zum Inzestproblem erläutern.

_Mac Lennan_(44) hatte die Exogamie in geistreicher Weise aus den

Überresten von Sitten erraten, welche auf ehemaligen Frauenraub

hindeuteten. Er nahm nun an, daß es in Urzeiten allgemein gebräuchlich

gewesen sei, sich das Weib aus einem fremden Stamm zu holen, und die

Heirat mit einem Weib aus dem eigenen Stamm sei allmählich unerlaubt

geworden, weil sie ungewöhnlich war(45). Das Motiv für diese Gewohnheit

der Exogamie suchte er in einem Frauenmangel jener primitiven Stämme,

der sich aus dem Gebrauch, die meisten weiblichen Kinder bei der Geburt

zu töten, ergeben hatte. Wir haben es hier nicht mit der Nachprüfung zu

tun, ob die tatsächlichen Verhältnisse die Annahmen _Mac Lennans_

bestätigen. Weit mehr interessiert uns das Argument, daß es unter den

Voraussetzungen des Autors doch unerklärlich bliebe, warum sich die

männlichen Mitglieder des Stammes auch die wenigen Frauen aus ihrem Blut

unzugänglich machen sollten, und die Art, wie hier das Inzestproblem

gänzlich beiseite gelassen wird(46).

(44) Primitive marriage 1865.

(45) »Improper because it was unusual.«

(46) _Frazer_, l. c. IV., p. 73 bis 92.

Im Gegensatz hiezu und offenbar mit mehr Recht haben andere Forscher die

Exogamie als eine Institution zur Verhütung des Inzests erfaßt(47).

(47) Vgl. Imago I.: Die Inzestscheu.

Überblickt man die allmählich wachsende Komplikation der australischen

Heiratsbeschränkungen, so kann man nicht anders als der Ansicht von

_Morgan_, _Frazer_, _Howitt_, _Baldwin Spencer_(48) beistimmen, daß

diese Einrichtungen das Gepräge zielbewußter Absicht (»deliberate

design« nach _Frazer_) an sich tragen, und daß sie das erreichen

sollten, was sie tatsächlich geleistet haben. »In no other way does it

seem possible to explain in all its details a system at once so complex

and so regular(49).«

(48) _Morgan_, Ancient Society 1877. -- _Frazer_, T. and Ex. IV.,

p. 105 ff.

(49) _Frazer_, l. c. p. 106.

Es ist interessant hervorzuheben, daß die ersten der durch die

Einführung von Heiratsklassen erzeugten Beschränkungen die

Sexualfreiheit der jüngeren Generation, also den Inzest von Geschwistern

und von Söhnen mit ihrer Mutter trafen, während der Inzest zwischen

Vater und Tochter erst durch weitergehende Maßregeln aufgehoben wurde.

Die Zurückführung der exogamischen Sexualbeschränkungen auf

gesetzgeberische Absicht leistet aber nichts für das Verständnis des

Motivs, welches diese Institutionen geschaffen hat. Woher stammt in

letzter Auflösung die Inzestscheu, welche als die Wurzel der Exogamie

erkannt werden muß? Es ist offenbar nicht genügend, sich zur Erklärung

der Inzestscheu auf eine instinktive Abneigung gegen sexuellen Verkehr

unter Blutsverwandten, d. h. also auf die Tatsache der Inzestscheu zu

berufen, wenn die soziale Erfahrung nachweist, daß der Inzest diesem

Instinkt zum Trotz kein seltenes Vorkommnis selbst in unserer heutigen

Gesellschaft ist, und wenn die historische Erfahrung Fälle kennen lehrt,

in denen die inzestuöse Ehe bevorzugten Personen zur Vorschrift gemacht

wurde.

_Westermarck_(50) machte zur Erklärung der Inzestscheu geltend, »daß

zwischen Personen, die von Kindheit an beisammen leben, eine angeborene

Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr herrscht, und daß dieses Gefühl,

da diese Personen in der Regel blutsverwandt sind, in Sitte und Gesetz

einen natürlichen Ausdruck findet durch den Abscheu vor dem

Geschlechtsumgang unter nahen Verwandten«. _Havelock Ellis_ bestritt

zwar den triebhaften Charakter dieser Abneigung in seinen »Studies in

the psychology of sex«, trat aber sonst im wesentlichen derselben

Erklärung bei, indem er äußerte: »das normale Unterbleiben des

Zutagetretens des Paarungstriebes dort, wo es sich um Brüder und

Schwestern oder um von Kindheit auf beisammenlebende Mädchen und Knaben

handelt, ist eine rein negative Erscheinung, welche daher kommt, daß

unter jenen Umständen die den Paarungstrieb erweckenden Vorbedingungen

durchaus fehlen müssen ... Zwischen Personen, die von Kindheit zusammen

aufgewachsen sind, hat die Gewöhnung alle sinnlichen Reize des Sehens,

des Hörens und der Berührung abgestumpft, in die Bahn einer ruhigen

Zuneigung gelenkt und ihrer Macht beraubt, die zur Erzeugung

geschlechtlicher Tumeszenz erforderliche nötige erethistische Erregung

hervorzurufen.«

(50) Ursprung und Entwicklung der Moralbegriffe. II. Die Ehe. 1909.

Dort auch die Verteidigung des Autors gegen ihm bekannt gewordene

Einwendungen.

Es erscheint mir sehr merkwürdig, daß _Westermarck_ diese angeborene

Abneigung gegen den Geschlechtsverkehr mit Personen, mit denen man die

Kindheit geteilt hat, gleichzeitig als psychische Repräsentanz der

biologischen Tatsache ansieht, daß Inzucht eine Schädigung der Gattung

bedeutet. Ein derartiger biologischer Instinkt würde in seiner

psychologischen Äußerung kaum so weit irregehen, daß er anstatt der für

die Fortpflanzung schädlichen Blutsverwandten die in dieser Hinsicht

ganz harmlosen Haus- und Herdgenossen träfe. Ich kann es mir aber auch

nicht versagen, die ganz ausgezeichnete Kritik mitzuteilen, welche

_Frazer_ der Behauptung von _Westermarck_ entgegenstellt. _Frazer_

findet es unbegreiflich, daß das sexuelle Empfinden sich heute so gar

nicht gegen den Verkehr mit Herdgenossen sträubt, während die

Inzestscheu, die nur ein Abkömmling von diesem Sträuben sein soll,

gegenwärtig so übermächtig angewachsen ist. Tiefer dringen aber andere

Bemerkungen _Frazers_, die ich unverkürzt hieher setze, weil sie im

Wesen mit den in meinem Aufsatz über das Tabu entwickelten Argumenten

zusammentreffen.

»Es ist nicht leicht einzusehen, warum ein tief wurzelnder menschlicher

Instinkt die Verstärkung durch ein Gesetz benötigen sollte. Es gibt kein

Gesetz, welches den Menschen befiehlt zu essen und zu trinken, oder

ihnen verbietet, ihre Hände ins Feuer zu stecken. Die Menschen essen und

trinken und halten ihre Hände vom Feuer weg, instinktgemäß, aus Angst

vor natürlichen und nicht vor gesetzlichen Strafen, die sie sich durch

Beleidigung dieser Triebe zuziehen würden. Das Gesetz verbietet den

Menschen nur, was sie unter dem Drängen ihrer Triebe ausführen könnten.

Was die Natur selbst verbietet und bestraft, das braucht nicht erst das

Gesetz zu verbieten und zu strafen. Wir dürfen daher auch ruhig

annehmen, daß Verbrechen, die durch ein Gesetz verboten werden,

Verbrechen sind, die viele Menschen aus natürlichen Neigungen gerne

begehen würden. Wenn es keine solche Neigung gäbe, kämen keine solchen

Verbrechen vor, und wenn solche Verbrechen nicht begangen würden, wozu

brauchte man sie zu verbieten? Anstatt also aus dem gesetzlichen Verbot

des Inzests zu schließen, daß eine natürliche Abneigung gegen den Inzest

besteht, sollten wir eher den Schluß ziehen, daß ein natürlicher

Instinkt zum Inzest treibt, und daß, wenn das Gesetz diesen Trieb wie

andere natürliche Triebe unterdrückt, dies seinen Grund in der Einsicht

zivilisierter Menschen hat, daß die Befriedigung dieser natürlichen

Triebe der Gesellschaft Schaden bringt(51).«

(51) l. c., p. 97.

Ich kann dieser kostbaren Argumentation _Frazers_ noch hinzufügen, daß

die Erfahrungen der Psychoanalyse die Annahme einer angeborenen

Abneigung gegen den Inzestverkehr vollends unmöglich machen. Sie haben

im Gegenteile gelehrt, daß die ersten sexuellen Regungen des

jugendlichen Menschen regelmäßig inzestuöser Natur sind, und daß solche

verdrängte Regungen als Triebkräfte der späteren Neurosen eine kaum zu

überschätzende Rolle spielen.

Die Auffassung der Inzestscheu als eines angeborenen Instinktes muß also

fallen gelassen werden. Nicht besser steht es um eine andere Ableitung

des Inzestverbotes, welche sich zahlreicher Anhänger erfreut, um die

Annahme, daß die primitiven Völker frühzeitig bemerkt haben, mit welchen

Gefahren die Inzucht ihr Geschlecht bedrohe, und daß sie darum in

bewußter Absicht das Inzestverbot erlassen hätten. Die Einwendungen

gegen diesen Erklärungsversuch drängen einander(52). Nicht nur, daß das

Inzestverbot älter sein muß als alle Haustierwirtschaft, an welcher der

Mensch Erfahrungen über die Wirkung der Inzucht auf die Eigenschaften

der Rasse machen konnte, sondern die schädlichen Folgen der Inzucht sind

auch heute noch nicht über jeden Zweifel sichergestellt und beim

Menschen nur schwer nachweisbar. Ferner macht alles, was wir über die

heutigen Wilden wissen, es sehr unwahrscheinlich, daß die Gedanken ihrer

entferntesten Ahnen bereits mit der Verhütung von Schäden für ihre

spätere Nachkommenschaft beschäftigt waren. Es klingt fast lächerlich,

wenn man diesen ohne jeden Vorbedacht lebenden Menschenkindern

hygienische und eugenische Motive zumuten will, wie sie in unserer

heutigen Kultur noch kaum Berücksichtigung gefunden haben(53).

(52) Vgl. _Durkheim_, La prohibition de l'Inceste. L'année

sociologique. I., 1896/97.

(53) Ch. _Darwin_ meint von den Wilden: »they are not likely to

reflect on distant evils to their progeny.«

Endlich wird man auch geltend machen müssen, daß das aus praktisch

hygienischen Motiven gegebene Verbot der Inzucht als eines die Rasse

schwächenden Momentes ganz unangemessen erscheint, um den tiefen Abscheu

zu erklären, welcher sich in unserer Gesellschaft gegen den Inzest

erhebt. Wie ich an anderer Stelle dargetan habe(54), erscheint diese

Inzestscheu bei den heute lebenden primitiven Völkern eher noch reger

und stärker als bei den zivilisierten.

(54) Imago, I., l. c.

Während man erwarten konnte, auch für die Ableitung der Inzestscheu die

Wahl zu haben zwischen soziologischen, biologischen und psychologischen

Erklärungsmöglichkeiten, wobei noch die psychologischen Motive

vielleicht als Repräsentanz von biologischen Mächten zu würdigen wären,

sieht man sich am Ende der Untersuchung genötigt, dem resignierten

Ausspruch _Frazers_ beizutreten: Wir kennen die Herkunft der Inzestscheu

nicht und wissen selbst nicht, worauf wir raten sollen. Keine der bisher

vorgebrachten Lösungen des Rätsels erscheint uns befriedigend(55).

(55) »Thus the ultimate origin of exogamy and with it the law of

incest -- since exogamy was devised to prevent incest -- remains a

problem nearly as dark as ever.« T. and Ex. I., p. 165.

Ich muß noch eines Versuches erwähnen, die Entstehung der Inzestscheu zu

erklären, welcher von ganz anderer Art ist als die bisher betrachteten.

Man könnte ihn als eine historische Ableitung bezeichnen.

Dieser Versuch knüpft an eine Hypothese von Ch. _Darwin_ über den

sozialen Urzustand des Menschen an. _Darwin_ schloß aus den

Lebensgewohnheiten der höheren Affen, daß auch der Mensch ursprünglich

in kleinen Horden gelebt habe, innerhalb welcher die Eifersucht des

ältesten und stärksten Männchens die sexuelle Promiskuität verhinderte.

»Wir können in der Tat, nach dem was wir von der Eifersucht aller

männlichen Säugetiere wissen, von denen viele mit speziellen Waffen zum

Kämpfen mit ihren Nebenbuhlern bewaffnet sind, schließen, daß allgemeine

Vermischung der Geschlechter im Naturzustande äußerst unwahrscheinlich

ist ... Wenn wir daher im Strome der Zeit weit genug zurückblicken und

nach den sozialen Gewohnheiten des Menschen, wie er jetzt existiert,

schließen, ist die wahrscheinlichste Ansicht die, daß der Mensch

ursprünglich in kleinen Gesellschaften lebte, jeder Mann mit einer Frau

oder, hatte er die Macht, mit mehreren, welche er eifersüchtig gegen

alle anderen Männer verteidigte. Oder er mag kein soziales Tier gewesen

sein und doch mit mehreren Frauen für sich allein gelebt haben wie der

Gorilla; denn alle Eingebornen stimmen darin überein, daß nur ein

erwachsenes Männchen in einer Gruppe zu sehen ist. Wächst das junge

Männchen heran, so findet ein Kampf um die Herrschaft statt und der

Stärkste setzt sich dann, indem er die anderen getötet oder vertrieben

hat, als Oberhaupt der Gesellschaft fest (Dr. _Savage_ in Boston Journal

of Natur. Hist. V., 1845-1847). Die jüngeren Männchen, welche hiedurch

ausgestoßen sind und nun herumwandern, werden auch, wenn sie zuletzt

beim Finden einer Gattin erfolgreich sind, die zu enge Inzucht innerhalb

der Glieder einer und derselben Familie verhüten«(56).

(56) Abstammung des Menschen, übersetzt von V. _Carus_, II. Bd.,

Kap. 20, p. 341.

_Atkinson_(57) scheint zuerst erkannt zu haben, daß diese Verhältnisse

der _Darwin_schen Urhorde die Exogamie der jungen Männer praktisch

durchsetzen mußten. Jeder dieser Vertriebenen konnte eine ähnliche Horde

gründen, in welcher dasselbe Verbot des Geschlechtsverkehrs dank der

Eifersucht des Oberhaupts galt, und im Laufe der Zeit würde sich aus

diesen Zuständen die jetzt als Gesetz bewußte Regel ergeben haben: Kein

Sexualverkehr mit den Herdgenossen. Nach Einsetzung des Totemismus hätte

sich die Regel in die andere Form gewandelt: Kein Sexualverkehr

innerhalb des Totem.

(57) Primal Law, London 1903 (mit A. _Lang_, Social Origins).

A. _Lang_(58) hat sich dieser Erklärung der Exogamie angeschlossen. Er

vertritt aber in demselben Buche die andere (_Durkheim_sche) Theorie,

welche die Exogamie als Konsequenz aus den Totemgesetzen hervorgehen

läßt. Es ist nicht ganz einfach, die beiden Auffassungen miteinander zu

vereinigen; im ersten Falle hätte die Exogamie vor dem Totemismus

bestanden, im zweiten wäre sie eine Folge desselben(59).

(58) Secret of the Totem, p. 114, 143.

(59) »If it be granted that exogamy existed in practice, on the lines

of Mr. _Darwin's_ theory, before the totem beliefs lent to the

practice a _sacred_ sanction, our task is relatively easy. The first

practical rule would be that of the jealous Sire 'No males to touch

the females in my camp', with expulsion of adolescent sons. _In efflux

of time that rule, become habitual_, would be, 'No marriage within the

local group'. Next let the local groups receive names, such as Emus,

Crows, Opossums, Snipes, and the rule becomes, 'No Marriage within the

local group of animal name; no Snipe to marry a Snipe'. But, if the

primal groups were not exogamous, they would become so, as soon as

totemic myths and tabus were developed out of the animal, vegetable,

and other names of small local groups.« Secret of the Totem, p. 143.

(Die Hervorhebung in der Mitte dieser Stelle ist mein Werk.) -- In

seiner letzten Äußerung über den Gegenstand (Folklore, Dezember 1911)

teilt A. _Lang_ übrigens mit, daß er die Ableitung der Exogamie aus

dem »general totemic« Tabu aufgegeben habe.

3.

Einen einzigen Lichtstrahl wirft die psychoanalytische Erfahrung in

dieses Dunkel.

Das Verhältnis des Kindes zum Tiere hat viel Ähnlichkeit mit dem des

Primitiven zum Tiere. Das Kind zeigt noch keine Spur von jenem Hochmut,

welcher dann den erwachsenen Kulturmenschen bewegt, seine eigene Natur

durch eine scharfe Grenzlinie von allem anderen Animalischen abzusetzen.

Es gesteht dem Tiere ohne Bedenken die volle Ebenbürtigkeit zu; im

ungehemmten Bekennen zu seinen Bedürfnissen fühlt es sich wohl dem Tiere

verwandter als dem ihm wahrscheinlich rätselhaften Erwachsenen.

In diesem ausgezeichneten Einverständnis zwischen Kind und Tier tritt

nicht selten eine merkwürdige Störung auf. Das Kind beginnt plötzlich

eine bestimmte Tierart zu fürchten und sich vor der Berührung oder dem

Anblick aller einzelnen dieser Art zu schützen. Es stellt sich das

klinische Bild einer _Tierphobie_ her, eine der häufigsten unter den

psychoneurotischen Erkrankungen dieses Alters und vielleicht die

früheste Form solcher Erkrankung. Die Phobie betrifft in der Regel

Tiere, für welche das Kind bis dahin ein besonders lebhaftes Interesse

gezeigt hatte, sie hat mit dem Einzeltier nichts zu tun. Die Auswahl

unter den Tieren, welche Objekte der Phobie werden können, ist unter

städtischen Bedingungen nicht groß. Es sind Pferde, Hunde, Katzen,

seltener Vögel, auffällig häufig kleinste Tiere wie Käfer und

Schmetterlinge. Manchmal werden Tiere, die dem Kind nur aus dem

Bilderbuch und Märchenerzählung bekannt worden sind, Objekte der

unsinnigen und unmäßigen Angst, welche sich bei diesen Phobien zeigt;

selten gelingt es einmal die Wege zu erfahren, auf denen sich eine

ungewöhnliche Wahl des Angsttieres vollzogen hat. So verdanke ich K.

_Abraham_ die Mitteilung eines Falles, in welchem ein Kind seine Angst

vor Wespen selbst durch die Angabe aufklärte, die Farbe und Streifung

des Wespenleibes hätte es an den Tiger denken lassen, vor dem es sich

nach allem Gehörten fürchten durfte.

Die Tierphobien der Kinder sind noch nicht Gegenstand aufmerksamer

analytischer Untersuchung geworden, obwohl sie es im hohen Grade

verdienen. Die Schwierigkeiten der Analyse mit Kindern in so zartem

Alter sind wohl das Motiv der Unterlassung gewesen. Man kann daher nicht

behaupten, daß man den allgemeinen Sinn dieser Erkrankungen kennt, und

ich meine selbst, daß er sich nicht als einheitlich herausstellen

dürfte. Aber einige Fälle von solchen auf größere Tiere gerichteten

Phobien haben sich der Analyse zugänglich erwiesen und so dem

Untersucher ihr Geheimnis verraten. Es war in jedem Falle das nämliche:

die Angst galt im Grunde dem Vater, wenn die untersuchten Kinder Knaben

waren, und war nur auf das Tier verschoben worden.

Jeder in der Psychoanalyse Erfahrene hat gewiß solche Fälle gesehen und

von ihnen den nämlichen Eindruck empfangen. Doch kann ich mich nur auf

wenige ausführliche Publikationen darüber berufen. Es ist dies ein

Zufall der Literatur, aus welchem nicht geschlossen werden sollte, daß

wir unsere Behauptung überhaupt nur auf vereinzelte Beobachtungen

stützen können. Ich erwähne z. B. einen Autor, welcher sich

verständnisvoll mit den Neurosen des Kindesalters beschäftigt hat, M.

_Wulff_ (Odessa). Er erzählt im Zusammenhange der Krankengeschichte

eines neunjährigen Knaben, daß dieser mit vier Jahren an einer

Hundephobie gelitten hat. »Als er auf der Straße einen Hund vorbeilaufen

sah, weinte er und schrie: »Lieber Hund, fasse mich nicht, ich will

artig sein.« Unter »artig sein« meinte er: »nicht mehr Geige spielen

(onanieren)«(60).

(60) M. _Wulff_, Beiträge zur infantilen Sexualität. Zentralbl. f.

Psychoanalyse 1912, II., Nr. 1, p. 15 ff.

Derselbe Autor resumiert später: »Seine Hundephobie ist eigentlich die

auf die Hunde verschobene Angst vor dem Vater, denn seine sonderbare

Äußerung: 'Hund ich will artig sein' -- d. h. nicht masturbieren --

bezieht sich doch eigentlich auf den Vater, der die Masturbation

verboten hat.« In einer Anmerkung setzt er dann hinzu, was sich eben so

völlig mit meiner Erfahrung deckt und gleichzeitig die Reichlichkeit

solcher Erfahrungen bezeugt: »Solche Phobien (Pferdephobien,

Hundephobien, Katzen, Hühner und andere Haustiere) sind, glaube ich, im

Kindesalter mindestens ebenso verbreitet wie der Pavor nocturnus und

lassen sich in der Analyse fast immer als eine Verschiebung der Angst

von einem der Eltern auf die Tiere entpuppen. Ob die so verbreitete

Mäuse- und Rattenphobie denselben Mechanismus hat, möchte ich nicht

behaupten.«

Die infantile Wiederkehr des Totemismus Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker IV · 第 2 / 6 段