(14) »By the nature of the case, as the origin of totemism l

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[ Anmerkungen zur Transkription:

Der Text stammt aus: Imago. Zeitschrift für Anwendung der

Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften II (1913). S. 357-408.

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;

lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste

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Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der

Neurotiker.

Von SIGM. FREUD.

IV.

Die infantile Wiederkehr des Totemismus.

Von der Psychoanalyse, welche zuerst die regelmäßige Überdeterminierung

psychischer Akte und Bildungen aufgedeckt hat, braucht man nicht zu

besorgen, daß sie versucht sein werde, etwas so Kompliziertes wie die

Religion aus einem einzigen Ursprung abzuleiten. Wenn sie in

notgedrungener, eigentlich pflichtgemäßer Einseitigkeit eine einzige der

Quellen dieser Institution zur Anerkennung bringen will, so beansprucht

sie zunächst für dieselbe die Ausschließlichkeit so wenig wie den ersten

Rang unter den zusammenwirkenden Momenten. Erst eine Synthese aus

verschiedenen Gebieten der Forschung kann entscheiden, welche relative

Bedeutung dem hier zu erörternden Mechanismus in der Genese der Religion

zuzuteilen ist; eine solche Arbeit überschreitet aber sowohl die Mittel

als auch die Absicht des Psychoanalytikers.

1.

In der ersten Abhandlung dieser Reihe haben wir den Begriff des

Totemismus kennen gelernt. Wir haben gehört, daß der Totemismus ein

System ist, welches bei gewissen primitiven Völkern in Australien,

Amerika, Afrika die Stelle einer Religion vertritt und die Grundlage der

sozialen Organisation abgibt. Wir wissen, daß der Schotte _Mac Lennan_

1869 das allgemeinste Interesse für die bis dahin nur als Kuriosa

gewürdigten Phänomene des Totemismus in Anspruch nahm, indem er die

Vermutung aussprach, eine große Anzahl von Sitten und Gebräuchen in

verschiedenen alten wie modernen Gesellschaften seien als Überreste

einer totemistischen Epoche zu verstehen. Die Wissenschaft hat seither

diese Bedeutung des Totemismus im vollen Umfange anerkannt. Als eine der

letzten Äußerungen über diese Frage will ich eine Stelle aus den

Elementen der Völkerpsychologie von W. _Wundt_ (1912) zitieren(1):

»Nehmen wir alles dies zusammen, so ergibt sich mit hoher

Wahrscheinlichkeit der Schluß, daß die totemistische Kultur überall

einmal eine Vorstufe der späteren Entwicklungen und eine Übergangsstufe

zwischen dem Zustand des primitiven Menschen und dem Helden- und

Götterzeitalter gebildet hat.«

(1) p. 139.

Die Absichten der vorliegenden Abhandlungen nötigen uns zu einem

tieferen Eingehen auf die Charaktere des Totemismus. Aus Gründen, welche

später ersichtlich werden sollen, bevorzuge ich hier eine Darstellung

von S. _Reinach_, der im Jahre 1900 nachstehenden Code du totémisme in

zwölf Artikeln, gleichsam einen Katechismus der totemistischen Religion,

entworfen hat(2):

1. Gewisse Tiere dürfen weder getötet noch gegessen werden, aber die

Menschen ziehen Individuen dieser Tiergattungen auf und schenken ihnen

Pflege.

2. Ein zufällig verstorbenes Tier wird betrauert und unter den gleichen

Ehrenbezeugungen bestattet wie ein Mitglied des Stammes.

3. Das Speiseverbot bezieht sich gelegentlich nur auf einen bestimmten

Körperteil des Tieres.

4. Wenn man ein für gewöhnlich verschontes Tier unter dem Drange der

Notwendigkeit töten muß, so entschuldigt man sich bei ihm und sucht die

Verletzung des Tabu, den Mord, durch mannigfache Kunstgriffe und

Ausflüchte abzuschwächen.

5. Wenn das Tier rituell geopfert wird, wird es feierlich beweint.

6. Bei gewissen feierlichen Gelegenheiten, religiösen Zeremonien, legt

man die Haut bestimmter Tiere an. Wo der Totemismus noch besteht, sind

dies die Totemtiere.

7. Stämme und Einzelpersonen legen sich Tiernamen bei, eben die der

Totemtiere.

8. Viele Stämme gebrauchen Tierbilder als Wappen und verzieren mit ihnen

ihre Waffen; Männer malen sich Tierbilder auf den Leib oder lassen sich

solche durch Tätowierung einritzen.

9. Wenn der Totem zu den gefürchteten und gefährlichen Tieren gehört, so

wird angenommen, daß er die Mitglieder des nach ihm genannten Stammes

verschont.

10. Das Totemtier beschützt und warnt die Angehörigen des Stammes.

11. Das Totemtier kündigt seinen Getreuen die Zukunft an und dient ihnen

als Führer.

12. Die Mitglieder eines Totemstammes glauben oft daran, daß sie mit dem

Totemtier durch das Band gemeinsamer Abstammung verknüpft sind.

(2) Revue scientifique, Oktober 1900, abgedruckt in des Autors

vierbändigem Werke Cultes, Mythes et Religions, 1908, T. I, p. 17 ff.

Man kann diesen Katechismus der Totemreligion erst würdigen, wenn man in

Betracht zieht, daß _Reinach_ hier auch alle Anzeichen und

Resterscheinungen eingetragen hat, aus denen man den einstigen Bestand

des totemistischen Systems erschließen kann. Eine besondere Stellung

dieses Autors zum Problem zeigt sich darin, daß er dafür die

wesentlichen Züge des Totemismus einigermaßen vernachlässigt. Wir werden

uns überzeugen, daß er von den zwei Hauptsätzen des totemistischen

Katechismus den einen in den Hintergrund gedrängt, den anderen völlig

übergangen hat.

Um von den Charakteren des Totemismus ein richtigeres Bild zu gewinnen,

wenden wir uns an einen Autor, welcher dem Thema ein vierbändiges Werk

gewidmet hat, das die vollständigste Sammlung der hieher gehörigen

Beobachtungen mit der eingehendsten Diskussion der durch sie angeregten

Probleme verbindet. Wir werden J. G. _Frazer_, dem Verfasser von

»Totemism and Exogamy«(3) für Genuß und Belehrung verpflichtet bleiben,

auch wenn die psychoanalytische Untersuchung zu Ergebnissen führen

sollte, welche weit von den seinigen abweichen(4).

(3) 1910.

(4) Vielleicht tun wir aber vorher gut daran, dem Leser die

Schwierigkeiten vorzuführen, mit denen Feststellungen auf diesem

Gebiete zu kämpfen haben:

Zunächst; die Personen, welche die Beobachtungen sammeln, sind nicht

dieselben, welche sie verarbeiten und diskutieren, die ersteren

Reisende und Missionäre, die letzteren Gelehrte, welche die Objekte

ihrer Forschung vielleicht niemals gesehen haben. -- Die Verständigung

mit den Wilden ist nicht leicht. Nicht alle der Beobachter waren mit

den Sprachen derselben vertraut, sondern mußten sich der Hilfe von

Dolmetschern bedienen oder in der Hilfssprache des piggin-english mit

den Ausgefragten verkehren. Die Wilden sind nicht mitteilsam über die

intimsten Angelegenheiten ihrer Kultur und eröffnen sich nur solchen

Fremden, die viele Jahre in ihrer Mitte zugebracht haben. Sie geben

aus den verschiedenartigsten Motiven (Vgl. _Frazer_, The beginnings of

religion and totemism among the Australian aborigines, Fortnightly

Review, 1905; T. and Ex. I, p. 150) oft falsche oder mißverständliche

Auskünfte. -- Man darf nicht daran vergessen, daß die primitiven

Völker keine jungen Völker sind, sondern eigentlich ebenso alt wie die

zivilisiertesten, und daß man kein Recht zur Erwartung hat, sie würden

ihre ursprünglichen Ideen und Institutionen ohne jede Entwicklung und

Entstellung für unsere Kenntnisnahme aufbewahrt haben. Es ist vielmehr

sicher, daß sich bei den Primitiven tiefgreifende Wandlungen nach

allen Richtungen vollzogen haben, so daß man niemals ohne Bedenken

entscheiden kann, was an ihren gegenwärtigen Zuständen und Meinungen

nach Art eines Petrefakts die ursprüngliche Vergangenheit erhalten

hat, und was einer Entstellung und Veränderung derselben entspricht.

Daher die überreichlichen Streitigkeiten unter den Autoren, was an den

Eigentümlichkeiten einer primitiven Kultur als primär und was als

spätere sekundäre Gestaltung aufzufassen sei. Die Feststellung des

ursprünglichen Zustandes bleibt also jedesmal eine Sache der

Konstruktion. -- Es ist endlich nicht leicht, sich in die Denkungsart

der Primitiven einzufühlen. Wir mißverstehen sie ebenso leicht wie die

Kinder und sind immer geneigt, ihr Tun und Fühlen nach unseren eigenen

psychischen Konstellationen zu deuten.

Ein Totem, schrieb _Frazer_ in seinem ersten Aufsatze(5), ist ein

materielles Objekt, welchem der Wilde einen abergläubischen Respekt

bezeugt, weil er glaubt, daß zwischen seiner eigenen Person und jedem

Ding dieser Gattung eine ganz besondere Beziehung besteht. Die

Verbindung zwischen einem Menschen und seinem Totem ist eine

wechselseitige; der Totem beschützt den Menschen und der Mensch beweist

seine Achtung vor dem Totem auf verschiedene Arten, so z. B. daß er ihn

nicht tötet, wenn es ein Tier, und nicht abpflückt, wenn es eine Pflanze

ist. Der Totem unterscheidet sich vom Fetisch darin, daß er nie ein

Einzelding ist wie dieser, sondern immer eine Gattung, in der Regel eine

Tier- oder Pflanzenart, seltener eine Klasse von unbelebten Dingen und

noch seltener von künstlich hergestellten Gegenständen.

(5) Totemism, Edinburgh 1887, abgedruckt im ersten Band des großen

Werkes T. and Ex.

Man kann mindestens drei Arten von Totem unterscheiden:

1. den Stammestotem, an dem ein ganzer Stamm teil hat, und der sich

erblich von einer Generation auf die andere überträgt;

2. den Geschlechtstotem, der allen männlichen oder allen weiblichen

Mitgliedern eines Stammes mit Ausschluß des anderen Geschlechts

angehört, und

3. den individuellen Totem, der einer einzelnen Person eignet und nicht

auf deren Nachkommenschaft übergeht. Die beiden letzten Arten von Totem

kommen an Bedeutung gegen den Stammestotem nicht in Betracht. Es sind,

wenn nicht alles täuscht, späte und für das Wesen des Totem wenig

bedeutsame Bildungen.

Der Stammestotem (Clantotem) ist Gegenstand der Verehrung einer Gruppe

von Männern und Frauen, die sich nach dem Totem nennen, sich für

blutsverwandte Abkömmlinge eines gemeinsamen Ahnen halten und durch

gemeinsame Pflichten gegeneinander wie durch den Glauben an ihren Totem

miteinander fest verbunden sind.

Der Totemismus ist sowohl ein religiöses wie ein soziales System. Nach

seiner religiösen Seite besteht er in den Beziehungen gegenseitiger

Achtung und Schonung zwischen einem Menschen und seinem Totem, nach

seiner sozialen Seite in den Verpflichtungen der Clanmitglieder

gegeneinander und gegen andere Stämme. In der späteren Geschichte des

Totemismus zeigen dessen beide Seiten eine Neigung auseinander zu gehen;

das soziale System überlebt häufig das religiöse und umgekehrt

verbleiben Reste von Totemismus in der Religion solcher Länder, in denen

das auf den Totemismus gegründete soziale System verschwunden ist. Wie

diese beiden Seiten des Totemismus ursprünglich miteinander

zusammenhingen, können wir bei unserer Unkenntnis über dessen Ursprünge

nicht mit Sicherheit sagen. Doch ergibt sich im ganzen eine starke

Wahrscheinlichkeit dafür, daß die beiden Seiten des Totemismus zu Anfang

unzertrennlich voneinander waren. Mit anderen Worten, je weiter wir

zurückgehen, desto deutlicher zeigt es sich, daß der Stammesangehörige

sich zur selben Art zählt wie seinen Totem und sein Verhalten gegen den

Totem von dem gegen einen Stammesgenossen nicht unterscheidet.

In der speziellen Beschreibung des Totemismus als eines religiösen

Systems stellt _Frazer_ voran, daß die Mitglieder eines Stammes sich

nach ihrem Totem nennen und _in der Regel auch glauben, daß sie von ihm

abstammen_. Die Folge dieses Glaubens ist es, daß sie das Totemtier

nicht jagen, nicht töten und nicht essen und sich jeden anderen Gebrauch

des Totem versagen, wenn er etwas anderes als ein Tier ist. Die Verbote,

den Totem nicht zu töten und nicht zu essen, sind nicht die einzigen

Tabu, die ihn betreffen; manchmal ist es auch verboten ihn zu berühren,

ja, ihn anzuschauen; in einer Anzahl von Fällen darf der Totem nicht bei

seinem richtigen Namen genannt werden. Die Übertretung dieser den Totem

schützenden Tabugebote straft sich automatisch durch schwere

Erkrankungen oder Tod(6).

(6) Vgl. Die Abhandlung über das Tabu, Imago I.

Exemplare des Totemtieres werden gelegentlich von dem Clan aufgezogen

und in der Gefangenschaft gehegt(7). Ein tot aufgefundenes Totemtier

wird betrauert und bestattet wie ein Clangenosse. Mußte man ein

Totemtier töten, so geschah es unter einem vorgeschriebenen Rituale von

Entschuldigungen und Sühnezeremonien.

(7) Wie heute noch die Wölfe im Käfig an der Kapitolsstiege in Rom,

die Bären im Zwinger von Bern.

Von seinem Totem erwartete der Stamm Schutz und Schonung. Wenn er ein

gefährliches Tier war (Raubtier, Giftschlange), so setzte man voraus,

daß er seinen Genossen nichts zu Leide tun würde, und wo sich diese

Voraussetzung nicht bestätigte, wurde der Beschädigte aus dem Stamm

ausgestoßen. Eide, meint _Frazer_, waren ursprünglich Ordalien, viele

Abstammungs- und Echtheitsproben wurden so dem Totem zur Entscheidung

überlassen. Der Totem hilft in Krankheiten, gibt dem Stamme Vorzeichen

und Warnungen. Die Erscheinung des Totemtieres in der Nähe eines Hauses

wurde häufig als Ankündigung eines Todesfalles angesehen. Der Totem war

gekommen, seinen Verwandten zu holen(8).

(8) Also wie die weiße Frau mancher Adelsgeschlechter.

Unter verschiedenen, bedeutsamen Verhältnissen sucht der Clangenosse

seine Verwandtschaft mit dem Totem zu betonen, indem er sich ihm

äußerlich ähnlich macht, sich in die Haut des Totemtiers hüllt, sich das

Bild desselben einritzt u. dgl. Bei den feierlichen Gelegenheiten der

Geburt, der Männerweihe, des Begräbnisses wird diese Identifizierung mit

dem Totem in Taten und Worten durchgeführt. Tänze, bei denen alle

Genossen des Stammes sich in ihren Totem verkleiden und wie er gebärden,

dienen mannigfaltigen magischen und religiösen Absichten. Endlich gibt

es Zeremonien, bei denen das Totemtier in feierlicher Weise getötet

wird(9).

(9) l. c. p. 45. -- Siehe unten die Erörterung über das Opfer.

Die soziale Seite des Totemismus prägt sich vor allem in einem streng

gehaltenen Gebot und in einer großartigen Einschränkung aus. Die

Mitglieder eines Totemclans sind Brüder und Schwestern, verpflichtet

einander zu helfen und zu beschützen; im Falle der Tötung eines

Clangenossen durch einen Fremden haftet der ganze Stamm des Täters für

die Bluttat, und der Clan des Gemordeten fühlt sich solidarisch in der

Forderung nach Sühne für das vergossene Blut. Die Totembande sind

stärker als die Familienbande in unserem Sinne; sie fallen mit diesen

nicht zusammen, da die Übertragung des Totem in der Regel durch

mütterliche Vererbung geschieht und ursprünglich die väterliche

Vererbung vielleicht überhaupt nicht in Geltung war.

Die entsprechende Tabubeschränkung aber besteht in dem Verbot, daß

Mitglieder desselben Totemclans einander nicht heiraten und überhaupt

nicht in Sexualverkehr miteinander treten dürfen. Dies ist die berühmte

und rätselhafte, mit dem Totemismus verknüpfte _Exogamie_. Wir haben ihr

die ganze erste Abhandlung dieser Reihe gewidmet und brauchen darum hier

nur anzuführen, daß sie der verschärften Inzestscheu der Primitiven

entspringt, daß sie als Sicherung gegen Inzest bei Gruppenehe vollkommen

verständlich würde, und daß sie zunächst die Inzestverhütung für die

jüngere Generation besorgt und erst in weiterer Ausbildung auch der

älteren Generation zum Hindernis wird(10).

(10) Imago I, 1912. 1. Heft.

An diese Darstellung des Totemismus bei _Frazer_, eine der frühesten in

der Literatur des Gegenstandes, will ich nun einige Auszüge aus einer

der letzten Zusammenfassungen anschließen. In den 1912 erschienenen

Elementen der Völkerpsychologie sagt W. _Wundt_(11): »Das Totemtier gilt

als Ahnentier der betreffenden Gruppe. 'Totem' ist also einerseits

Gruppen-, anderseits Abstammungsname, und in letzterer Beziehung hat

dieser Name zugleich eine mythologische Bedeutung. Alle diese

Verwendungen des Begriffs spielen aber ineinander und die einzelnen

dieser Bedeutungen können zurücktreten, so daß in manchen Fällen die

Totems fast zu einer bloßen Nomenklatur der Stammesabteilungen geworden

sind, während in anderen die Vorstellung der Abstammung oder aber auch

die kultische Bedeutung des Totems im Vordergrund steht ... Der Begriff

des Totem wird für die _Stammesgliederung_ und _Stammesorganisation_

maßgebend. Mit diesen Normen und mit ihrer Befestigung im Glauben und

Fühlen der Stammesgenossen hängt es zusammen, daß man das Totemtier

ursprünglich jedenfalls nicht bloß als einen Namen für eine Gruppe von

Stammesgliedern betrachtete, sondern daß das Tier meist als Stammvater

der betreffenden Abteilung gilt ... Damit hängt dann zusammen, daß diese

Tierahnen einen Kult genießen ... Dieser Tierkult äußert sich

ursprünglich, abgesehen von bestimmten Zeremonien und zeremoniellen

Festen vor allem in dem Verhalten gegenüber dem Totemtier: nicht nur ein

einzelnes Tier, sondern jeder Repräsentant der gleichen Spezies ist in

gewissem Grade ein geheiligtes Tier, es ist den Totemgenossen verboten

oder nur unter bestimmten Umständen erlaubt, das Fleisch des Totemtieres

zu genießen. Dem entspricht die in solchem Zusammenhange bedeutsame

Gegenerscheinung, daß unter gewissen Bedingungen eine Art von

zeremoniellem Genuß des Totemfleisches stattfindet ...«

(11) p. 116.

»... Die wichtigste soziale Seite dieser totemistischen

Stammesgliederung besteht aber darin, daß mit ihr bestimmte Normen der

Sitte für den Verkehr der Gruppen untereinander verbunden sind. Unter

diesen Normen stehen in erster Linie die für den Eheverkehr. So hängt

diese Stammesgliederung mit einer wichtigen Erscheinung zusammen, die

zum erstenmal im totemistischen Zeitalter auftritt: mit der _Exogamie_.«

* * * * *

Wenn wir durch all das hindurch, was späterer Fortbildung oder

Abschwächung entsprechen mag, zu einer Charakteristik des ursprünglichen

Totemismus gelangen wollen, so ergeben sich uns folgende wesentliche

Züge: _Die Totem waren ursprünglich nur Tiere, sie galten als die Ahnen

der einzelnen Stämme. Der Totem vererbte sich nur in weiblicher Linie;

es war verboten, den Totem zu töten_ (oder _zu essen_, was für primitive

Verhältnisse zusammenfällt); _es war den Totemgenossen verboten,

Sexualverkehr miteinander zu pflegen(12)._

(12) Übereinstimmend mit diesem Text lautet das Fazit des Totemismus,

welches _Frazer_ in seiner zweiten Arbeit über den Gegenstand (The

origin of Totemism, Fortnightly Review 1899) zieht: »Thus, Totemism

has commonly been treated as a primitive system both of religion and

of society. As a system of religion it embraces the mystic union of

the savage with his totem; as a system of society it comprises the

relations in which men and women of the same totem stand to each other

and to the members of other totemic groups. And corresponding to these

two sides of the system are two rough-and-ready tests or canons of

Totemism: first, the rule that a man may not kill or eat his totem

animal or plant, and second, the rule that he may not marry or cohabit

with a woman of the same totem.« (p. 101.) _Frazer_ fügt dann hinzu,

was uns mitten in die Diskussionen über den Totemismus hineinführt:

Whether the two sides -- the religious and the social -- have always

coexisted or are essentially independent, is a question which has been

variously answered.

Es darf uns nun auffallen, daß in dem Code du Totémisme, den _Reinach_

aufgestellt hat, das eine der Haupttabu, das der Exogamie, überhaupt

nicht vorkommt, während die Voraussetzung des zweiten, die Abstammung

vom Totemtier, nur eine beiläufige Erwähnung findet. Ich habe aber die

Darstellung _Reinachs_, eines um den Gegenstand sehr verdienten Autors,

ausgewählt, um auf die Meinungsverschiedenheiten unter den Autoren

vorzubereiten, welche uns nun beschäftigen sollen.

2.

Je unabweisbarer die Einsicht auftrat, daß der Totemismus eine

regelmäßige Phase aller Kulturen gebildet habe, desto dringender wurde

das Bedürfnis, zu einem Verständnis desselben zu gelangen, die Rätsel

seines Wesens aufzuhellen. Rätselhaft ist wohl alles am Totemismus; die

entscheidenden Fragen sind die nach der Herkunft der Totemabstammung,

nach der Motivierung der Exogamie (respektive des durch sie vertretenen

Inzesttabu) und nach der Beziehung zwischen den beiden, der

Totemorganisation und dem Inzestverbot. Das Verständnis sollte in einem

ein historisches und ein psychologisches sein, Auskunft geben, unter

welchen Bedingungen sich diese eigentümliche Institution entwickelt, und

welchen seelischen Bedürfnissen der Menschen sie Ausdruck gegeben hatte.

Meine Leser werden nun gewiß erstaunt sein zu hören, von wie

verschiedenen Gesichtspunkten her die Beantwortung dieser Fragen

versucht wurde, und wie weit die Meinungen der sachkundigen Forscher

hierüber auseinandergehen. Es steht so ziemlich alles in Frage, was man

allgemein über Totemismus und Exogamie behaupten möchte; auch das

vorangeschickte, aus einer von _Frazer_ 1887 veröffentlichten Schrift

geschöpfte Bild kann der Kritik nicht entgehen, eine willkürliche

Vorliebe des Referenten auszudrücken, und würde heute von _Frazer_

selbst, der seine Ansichten über den Gegenstand wiederholt geändert hat,

beanständet werden.(13)

(13) Anläßlich einer solchen Sinnesänderung schrieb er den schönen

Satz nieder: »That my conclusions on these difficult questions are

final, I am not so foolish as to pretend. I have changed my views

repeatedly, and I am resolved to change them again with every change

of the evidence, for like a chameleon the candid enquirer should shift

his colours with the shifting colours of the ground he treads.«

Vorrede zum I. Band von Totemism and Exogamy. 1910.

Es ist eine naheliegende Annahme, daß man das Wesen des Totemismus und

der Exogamie am ehesten erfassen könnte, wenn man den Ursprüngen der

beiden Institutionen näher käme. Dann ist aber für die Beurteilung der

Sachlage die Bemerkung von _Andrew Lang_ nicht zu vergessen, daß auch

die primitiven Völker uns diese ursprünglichen Formen der Institutionen

und die Bedingungen für deren Entstehung nicht mehr aufbewahrt haben, so

daß wir einzig und allein auf Hypothesen angewiesen bleiben, um die

mangelnde Beobachtung zu ersetzen(14). Unter den vorgebrachten

Erklärungsversuchen erscheinen einige dem Urteil des Psychologen von

vornherein als inadäquat. Sie sind allzu rationell und nehmen auf den

Gefühlscharakter der zu erklärenden Dinge keine Rücksicht. Andere ruhen

auf Voraussetzungen, denen die Beobachtung die Bestätigung versagt; noch

andere berufen sich auf ein Material, welches besser einer anderen

Deutung unterworfen werden sollte. Die Widerlegung der verschiedenen

Ansichten hat in der Regel wenig Schwierigkeiten; die Autoren sind wie

gewöhnlich in der Kritik, die sie aneinander üben, stärker als in ihren

eigenen Produktionen. Ein Non liquet ist für die meisten der behandelten

Punkte das Endergebnis. Es ist daher nicht zu verwundern, wenn in der

neuesten, hier meist übergangenen Literatur des Gegenstandes das

unverkennbare Bestreben auftritt, eine allgemeine Lösung der

totemistischen Probleme als undurchführbar abzuweisen. (So z. B.

_Goldenweiser_ im J. of Am. Folk-Lore XXIII, 1910. Referat in Britannica

Year Book 1913.) Ich habe mir gestattet, bei der Mitteilung dieser

einander widerstreitenden Hypothesen von deren Zeitfolge abzusehen.

(14) »By the nature of the case, as the origin of totemism lies far

beyond our powers of historical examination or of experiment, we must

have recourse as regards this matter to conjecture«, A. _Lang_, Secret

of the Totem, p. 27. -- »Nowhere do we see absolutely primitive man,

and a totemic system in the making.« p. 29.

a) Die Herkunft des Totemismus.

Die Frage nach der Entstehung des Totemismus läßt sich auch so

formulieren: Wie kamen primitive Menschen dazu, sich (ihre Stämme) nach

Tieren, Pflanzen, leblosen Gegenständen zu benennen?(15)

(15) Wahrscheinlich ursprünglich nur nach Tieren.

Der Schotte _Mac Lennan_, der Totemismus und Exogamie für die

Wissenschaft entdeckte(16), enthielt sich, eine Ansicht über die

Entstehung des Totemismus zu veröffentlichen. Nach einer Mitteilung von

A. _Lang_(17) war er eine Zeit lang geneigt, den Totemismus auf die

Sitte des Tätowierens zurückzuführen. Die verlautbarten Theorien zur

Ableitung des Totemismus möchte ich in drei Gruppen bringen als A)

nominalistische, B) soziologische, C) psychologische.

(16) The Worship of Animals and Plants, Fortnightly Review 1869-1870.

-- Primitive marriage 1865; beide Arbeiten abgedruckt in Studies in

ancient History 1876. 2. ed. 1886.

(17) The Secret of the Totem. 1905, p. 34.

A) Die nominalistischen Theorien.

Die Mitteilungen über diese Theorien werden deren Zusammenfassung unter

dem von mir gebrauchten Titel rechtfertigen.

Schon _Garcilaso de la Vega_, ein Abkömmling der peruanischen Inka, der

im siebzehnten Jahrhundert die Geschichte seines Volkes schrieb, soll,

was ihm von totemistischen Phänomenen bekannt war, auf das Bedürfnis der

Stämme, sich durch Namen von einander zu unterscheiden, zurückgeführt

haben(18). Derselbe Gedanke taucht Jahrhunderte später in der Ethnology

von A. K. _Keane_ auf, die Totem seien aus »heraldic badges«

(Wappenabzeichen) hervorgegangen, durch die Individuen, Familien und

Stämme sich voneinander unterscheiden wollten(19).

(18) Nach A. _Lang_, Secret of the Totem, p. 34.

(19) Ibid.

Max _Müller_ äußerte dieselbe Ansicht über die Bedeutung der Totem in

seinen Contributions to the Science of Mythology(20). Ein Totem sei 1.

ein Clanabzeichen, 2. ein Clanname, 3. der Name des Ahnherrn des Clans,

4. der Name des vom Clan verehrten Gegenstandes. Später J. _Pikler_

1899: Die Menschen bedurften eines bleibenden, schriftlich fixierbaren

Namens für Gemeinschaften und Individuen ... So entspringt also der

Totemismus nicht aus dem religiösen, sondern aus dem nüchternen

Alltagsbedürfnis der Menschheit. Der Kern des Totemismus, die Benennung,

ist eine Folge der primitiven Schrifttechnik. Der Charakter der Totem

ist auch der von leicht darstellbaren Schriftzeichen. Wenn die Wilden

aber erst den Namen eines Tieres trugen, so leiteten sie daraus die Idee

einer Verwandtschaft von diesem Tiere ab.(21)

(20) Nach A. _Lang_.

(21) _Pikler_ und _Somló_, Der Ursprung des Totemismus. 1901. Die

Autoren kennzeichnen ihren Erklärungsversuch mit Recht als »Beitrag

zur materialistischen Geschichtstheorie«.

Herbert _Spencer_(22) legte gleichfalls der Namengebung die

entscheidende Bedeutung für die Entstehung des Totemismus bei. Einzelne

Individuen, führte er aus, hätten durch ihre Eigenschaften

herausgefordert, sie nach Tieren zu benennen, und seien so zu Ehrennamen

oder Spitznamen gekommen, welche sich auf ihre Nachkommen fortsetzten.

Infolge der Unbestimmtheit und Unverständlichkeit der primitiven

Sprachen seien diese Namen von den späteren Generationen so aufgefaßt

worden, als seien sie ein Zeugnis für ihre Abstammung von diesen Tieren

selbst. Der Totemismus hätte sich so als mißverständliche Ahnenverehrung

ergeben.

(22) The origin of animal worship, Fortnightly Review 1870. Prinzipien

der Soziologie. I. Bd., §§ 169 bis 176.

Ganz ähnlich, obwohl ohne Hervorhebung des Mißverständnisses, hat Lord

_Avebury_ (bekannter unter seinem früheren Namen Sir John _Lubbock_) die

Entstehung des Totemismus beurteilt: Wenn wir die Tierverehrung erklären

wollen, dürfen wir nicht daran vergessen, wie häufig die menschlichen

Namen von den Tieren entlehnt werden. Die Kinder und das Gefolge eines

Mannes, der Bär oder Löwe genannt wurde, machten daraus natürlich einen

Stammesnamen. Daraus ergab sich, daß das Tier selbst zu einer gewissen

Achtung und endlich Verehrung gelangte.

Einen, wie es scheint, unwiderleglichen Einwand gegen solche

Zurückführung der Totemnamen auf die Namen von Individuen hat _Fison_

vorgebracht(23). Er zeigt an den Verhältnissen von Australien, daß der

Totem stets das Merkzeichen einer Gruppe von Menschen, nie eines

einzelnen ist. Wäre es aber anders und der Totem ursprünglich der Name

eines einzelnen Menschen, so könnte er bei dem System der mütterlichen

Vererbung nie auf dessen Kinder übergehen.

(23) Kamilaroi and Kurmai, p. 165, 1880 (nach A. _Lang_, Secret etc.).

Die bisher mitgeteilten Theorien sind übrigens in offenkundiger Weise

unzureichend. Sie erklären etwa die Tatsache der Tiernamen für die

Stämme der Primitiven, aber niemals die Bedeutung, welche diese

Namengebung für sie gewonnen hat, das totemistische System. Die

beachtenswerteste Theorie dieser Gruppe ist die von A. _Lang_ in seinen

Büchern Social origins 1903 und The secret of the totem 1905

entwickelte. Sie macht immer noch die Namengebung zum Kern des Problems,

aber sie verarbeitet zwei interessante psychologische Momente und

beansprucht so das Rätsel des Totemismus der endgiltigen Lösung

zugeführt zu haben.

A. _Lang_ meint, es sei zunächst gleichgiltig, auf welche Weise die

Clans zu ihren Tiernamen gekommen seien. Man wolle nur annehmen, sie

erwachten eines Tages zum Bewußtsein, daß sie solche tragen, und wußten

sich keine Rechenschaft zu geben, woher. Der _Ursprung dieser Namen sei

vergessen_. Dann würden sie versuchen, sich durch Spekulation Auskunft

darüber zu schaffen, und bei ihren Überzeugungen von der Bedeutung der

Namen müßten sie notwendigerweise zu all den Ideen kommen, die im

totemistischen System enthalten sind. Namen sind für die Primitiven --

wie für die heutigen Wilden und selbst für unsere Kinder(24) -- nicht

etwa etwas Gleichgiltiges und Konventionelles, wie sie uns etwa

erscheinen, sondern etwas Bedeutungsvolles und Wesentliches. Der Name

eines Menschen ist ein Hauptbestandteil seiner Person, vielleicht ein

Stück seiner Seele. Die Gleichnamigkeit mit dem Tiere mußte die

Primitiven dazu führen, ein geheimnisvolles und bedeutsames Band

zwischen ihren Personen und dieser Tiergattung anzunehmen. Welches Band

konnte da anders in Betracht kommen als das der Blutsverwandtschaft? War

diese aber infolge der Namensgleichheit einmal angenommen, so ergaben

sich aus ihr als direkte Folgen des Bluttabu alle Totemvorschriften mit

Einschluß der Exogamie.

(24) Vgl. Imago, I., Tabu, p. 319.

»No more than these three things -- a group animal name of unknown

origin; belief in a transcendental connection between all bearers, human

and bestial, of the same name; and belief in the blood superstitions --

was needed to give rise to all the totemic creeds and practices,

including exogamy.« (Secret of the Totem, p. 126.)

_Langs_ Erklärung ist sozusagen zweizeitig. Sie leitet das totemistische

System mit psychologischer Notwendigkeit aus der Tatsache der Totemnamen

ab unter der Voraussetzung, daß die Herkunft dieser Namengebung

vergessen worden sei. Das andere Stück der Theorie sucht nun den

Ursprung dieser Namen aufzuklären; wir werden sehen, daß es von ganz

anderem Gepräge ist.

Dies andere Stück der _Lang_schen Theorie entfernt sich nicht wesentlich

von den übrigen, die ich »nominalistisch« genannt habe. Das praktische

Bedürfnis nach Unterscheidung nötigte die einzelnen Stämme Namen

anzunehmen, und darum ließen sie sich die Namen gefallen, die jedem

Stamm von den anderen gegeben wurden. Dies »naming from without« ist die

Eigentümlichkeit der _Lang_schen Konstruktion. Daß die Namen, die so

zustande kamen, von Tieren entlehnt waren, ist nicht weiter auffällig

und braucht von den Primitiven nicht als Schimpf oder Spott empfunden

worden zu sein. Übrigens hat _Lang_ die keineswegs vereinzelten Fälle

aus späteren Epochen der Geschichte herangezogen, in denen von außen

gegebene, ursprünglich als Spott gemeinte Namen von den so Bezeichneten

akzeptiert und bereitwillig getragen wurden (_Geusen_, _Whigs_ und

_Tories_). Die Annahme, daß die Entstehung dieser Namen im Laufe der

Zeit vergessen wurde, verknüpft dies zweite Stück der _Lang_schen

Theorie mit dem vorhin dargestellten ersten.

B) Die soziologischen Theorien.

S. _Reinach_, der den Überbleibseln des totemistischen Systems in Kult

und Sitte späterer Perioden erfolgreich nachgespürt, aber von Anfang an

das Moment der Abstammung vom Totemtier gering geschätzt hat, äußert

einmal ohne Bedenken, der Totemismus scheine ihm nichts anderes zu sein

als »une hypertrophie de l'instinct social«(25).

(25) l. c. T. I., p. 41.

Dieselbe Auffassung scheint das neue Werk von E. _Durkheim_, Les formes

élémentaires de la vie religieuse. Le système totémique en Australie,

1912, zu durchziehen. Der Totem ist der sichtbare Repräsentant der

sozialen Religion dieser Völker. Er verkörpert die Gemeinschaft, welche

der eigentliche Gegenstand der Verehrung ist.

Andere Autoren haben nach näherer Begründung für diese Beteiligung der

sozialen Triebe an der Bildung der totemistischen Institutionen gesucht.

So hat A. C. _Haddon_ angenommen, daß jeder primitive Stamm ursprünglich

von einer besonderen Tier- oder Pflanzenart lebte, vielleicht auch mit

diesem Nahrungsmittel Handel trieb und ihn anderen Stämmen im Austausch

zuführte. So konnte es nicht fehlen, daß der Stamm den anderen unter dem

Namen des Tieres, welches für ihn eine so wichtige Rolle spielte,

bekannt wurde. Gleichzeitig mußte sich bei diesem Stamm eine besondere

Vertrautheit mit dem betreffenden Tier und eine Art von Interesse für

dasselbe entwickeln, welches aber auf kein anderes psychisches Motiv als

auf das elementarste und dringendste der menschlichen Bedürfnisse, den

Hunger, gegründet war(26).

(26) Address to the Anthropological Section, British Association

Belfast 1902. Nach _Frazer_ l. c. T. IV., p. 50 u. ff.

Die Einwendungen gegen diese rationalste aller Totemtheorien besagen,

daß ein solcher Zustand der Ernährung bei den Primitiven nirgends

gefunden werde und wahrscheinlich niemals bestanden habe. Die Wilden

seien omnivor und zwar um so mehr, je niedriger sie stehen. Ferner sei

es nicht zu verstehen, wie aus solcher ausschließlicher Diät sich ein

fast religiöses Verhältnis zu dem Totem entwickelt haben konnte, das in

der absoluten Enthaltung von der Vorzugsnahrung gipfelte.

Die erste der drei Theorien, welche _Frazer_ über die Entstehung des

Totemismus ausgesprochen, war eine psychologische; sie wird an anderer

Stelle berichtet werden.

Die zweite hier zu besprechende Theorie _Frazers_ entstand unter dem

Eindruck der bedeutungsvollen Publikation zweier Forscher über die

Eingebornen von Zentralaustralien(27).

(27) The native tribes of Central Australia von Baldwin _Spencer_ und

H. J. _Gillen_, London 1891.

_Spencer_ und _Gillen_ beschrieben bei einer Gruppe von Stämmen, der

sogenannten _Arunta_nation, eine Reihe von eigentümlichen Einrichtungen,

Gebräuchen und Ansichten und _Frazer_ schloß sich ihrem Urteil an, daß

diese Besonderheiten als Züge eines primären Zustandes zu betrachten

seien und über den ersten und eigentlichen Sinn des Totemismus Aufschluß

geben können.

Diese Eigentümlichkeiten sind bei dem _Arunta_stamm selbst (einem Teil

der _Arunta_nation) folgende:

1. Sie haben die Gliederung in Totemclans, aber der Totem wird nicht

erblich übertragen, sondern (auf später mitzuteilende Weise) individuell

bestimmt.

2. Die Totemclans sind nicht exogam, die Heiratsbeschränkungen werden

durch eine hoch entwickelte Gliederung in Heiratsklassen hergestellt,

welche mit den Totem nichts zu tun haben.

3. Die Funktion der Totemclans besteht in der Ausführung einer

Zeremonie, welche auf exquisit magische Weise die Vermehrung des eßbaren

Totemobjekts bezweckt (diese Zeremonie heißt _Intichiuma_).

4. Die _Arunta_ haben eine eigenartige Konzeptions- und

Wiedergeburtstheorie. Sie nehmen an, daß an bestimmten Stellen ihres

Landes die Geister der Verstorbenen desselben Totem auf ihre

Wiedergeburt warten und in den Leib der Frauen eindringen, die jene

Stellen passieren. Wird ein Kind geboren, so gibt die Mutter an, auf

welcher Geisterstätte sie ihr Kind empfangen zu haben glaubt. Danach

wird der Totem des Kindes bestimmt. Es wird ferner angenommen, daß die

Geister (der Verstorbenen, wie der Wiedergeborenen) an eigentümliche

Steinamulette gebunden sind (Namens _Churinga_), welche an jenen Stätten

gefunden werden.

Zwei Momente scheinen _Frazer_ zum Glauben bewogen zu haben, daß man in

den Einrichtungen der _Arunta_ die älteste Form des Totemismus

aufgefunden habe. Erstens die Existenz gewisser Mythen, welche

behaupteten, daß die Ahnen der _Arunta_ sich regelmäßig von ihrem Totem

genährt und keine anderen Frauen als die aus ihrem eigenen Totem

geheiratet hätten. Zweitens die anscheinende Zurücksetzung des

Geschlechtsaktes in ihrer Konzeptionstheorie. Menschen, die noch nicht

erkannt hatten, daß die Empfängnis die Folge des Geschlechtsverkehrs

sei, dürfte man wohl als die zurückgebliebensten und primitivsten unter

den heute lebenden ansehen.

Indem _Frazer_ sich für die Beurteilung des Totemismus an die

Intichiumazeremonie hielt, erschien ihm das totemistische System auf

einmal in gänzlich verändertem Lichte als eine durchweg praktische

Organisation zur Bestreitung der natürlichsten Bedürfnisse des Menschen

(vgl. oben _Haddon_)(28). Das System war einfach ein großartiges Stück

von »cooperative magic«. Die Primitiven bildeten sozusagen einen

magischen Produktions- und Konsumverein. Jeder Totemclan hatte die

Aufgabe übernommen, für die Reichlichkeit eines gewissen Nahrungsmittels

zu sorgen. Wenn es sich um nicht eßbare Totem handelte, wie um

schädliche Tiere, um Regen, Wind u. dgl., so war die Pflicht des

Totemclans, dieses Stück Natur zu beherrschen und dessen Schädlichkeit

abzuwehren. Die Leistungen eines jeden Clans kamen allen anderen zugute.

Da der Clan von seinem Totem nichts oder nur sehr wenig essen durfte, so

beschaffte er dieses wertvolle Gut für die anderen und wurde dafür von

ihnen mit dem versorgt, was sie selbst als ihre soziale Totempflicht zu

besorgen hatten. Im Lichte dieser durch die Intichiumazeremonie

vermittelten Auffassung wollte es _Frazer_ scheinen, als wäre man durch

das Verbot, von seinem Totem zu essen, verblendet worden, die wichtigere

Seite des Verhältnisses zu vernachlässigen, nämlich das Gebot, möglichst

viel von dem eßbaren Totem für den Bedarf der anderen herbeizuschaffen.

(28) There is nothing vague or mystical about it, nothing of that

metaphysical haze which some writers love to conjure up over the

humble beginnings of human speculation but which is utterly foreign to

the simple, sensuous, and concrete modes of the savage (Totemism and

Exogamy, I., p. 117).

_Frazer_ nahm die Tradition der _Arunta_ an, daß jeder Totemclan sich

ursprünglich ohne Einschränkung von seinem Totem genährt habe. Dann

bereitete es Schwierigkeiten, die folgende Entwicklung zu verstehen, die

sich damit begnügte, den Totem für andere zu sichern, während man selbst

auf seinen Genuß fast verzichtete. Er nahm dann an, diese Einschränkung

sei keineswegs aus einer Art von religiösem Respekt hervorgegangen,

sondern vielleicht aus der Beobachtung, daß kein Tier seinesgleichen zu

verzehren pflege, so daß dieser Abbruch der Identifizierung mit dem

Totem der Macht, die man über denselben zu erlangen wünschte, Schaden

brächte. Oder aus einem Bestreben, sich das Wesen geneigt zu machen,

indem man es selbst verschonte. _Frazer_ verhehlte sich aber die

Schwierigkeiten dieser Erklärung nicht(29) und ebensowenig getraute er

sich anzugeben, auf welchem Wege die von den Mythen der _Arunta_

behauptete Gewohnheit, innerhalb des Totem zu heiraten, sich zur

Exogamie gewandelt habe.

(29) l. c. p. 120.

Die auf das Intichiuma gegründete Theorie _Frazers_ steht und fällt mit

der Anerkennung der primitiven Natur der _Arunta_institutionen. Es

scheint aber unmöglich, diese letztere gegen die von _Durkheim_(30) und

_Lang_(31) vorgebrachten Einwendungen zu halten. Die Arunta scheinen

vielmehr die entwickeltsten der australischen Stämme zu sein, eher ein

Auflösungsstadium als den Beginn des Totemismus zu repräsentieren. Die

Mythen, welche auf _Frazer_ so großen Eindruck gemacht haben, weil sie

im Gegensatz zu den heute herrschenden Institutionen die Freiheit

betonen vom Totem zu essen und innerhalb des Totem zu heiraten, würden

sich uns leicht als Wunschphantasien erklären, welche in die

Vergangenheit projiziert sind, ähnlich wie der Mythus vom goldenen

Zeitalter.

(30) L'année sociologique, T. I., V., VIII. und an anderen Stellen. S.

besonders die Abhandlung Sur le totémisme, T. V., 1901.

(31) Social Origins und Secret of the Totem.

C) Die psychologischen Theorien.

Die erste psychologische Theorie _Frazers_, noch vor seiner

Bekanntschaft mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_

geschaffen, ruhte auf dem Glauben an die »äußerliche Seele«(32). Der

Totem sollte einen sicheren Zufluchtsort für die Seele darstellen, an

dem sie deponiert wird, um den Gefahren, die sie bedrohen, entzogen zu

bleiben. Wenn der Primitive seine Seele in seinem Totem untergebracht

hatte, so war er selbst unverletzlich und natürlich hütete er sich, den

Träger seiner Seele selbst zu beschädigen. Da er aber nicht wußte,

welches Individuum der Tierart sein Seelenträger war, lag es ihm nahe,

die ganze Art zu verschonen. _Frazer_ hat diese Ableitung des Totemismus

aus dem Seelenglauben später selbst aufgegeben.

(32) The Golden Bough II., p. 332.

Als er mit den Beobachtungen von _Spencer_ und _Gillen_ bekannt wurde,

stellte er die andere soziologische Theorie des Totemismus auf, welche

eben vorhin mitgeteilt wurde, aber er fand dann selbst, daß das Motiv,

aus dem er den Totemismus abgeleitet, allzu »rationell« sei und daß er

dabei eine soziale Organisation vorausgesetzt habe, die allzu

kompliziert sei, als daß man sie primitiv heißen dürfe(33). Die

magischen Kooperativgesellschaften erschienen ihm jetzt eher als späte

Früchte denn als Keime des Totemismus. Er suchte ein einfacheres Moment,

einen primitiven Aberglauben, hinter diesen Bildungen, um aus ihm die

Entstehung des Totemismus abzuleiten. Dieses ursprüngliche Moment fand

er dann in der merkwürdigen Konzeptionstheorie der _Arunta_.

(33) »It is unlikely that a community of savages should deliberately

parcel out the realm of nature into provinces, assign each province to

a particular band of magicians, and bid all the bands to work their

magic and weave their spells for the common good.« T. and Ex. IV.,

p. 57.

Die _Arunta_ heben, wie bereits erwähnt, den Zusammenhang der Konzeption

mit dem Geschlechtsakt auf. Wenn ein Weib sich Mutter fühlt, so ist in

diesem Augenblick einer der auf Wiedergeburt lauernden Geister von der

nächstliegenden Geisterstätte in ihren Leib eingedrungen und wird von

ihr als Kind geboren. Dies Kind hat denselben Totem wie alle an der

gewissen Stelle lauernden Geister. Diese Konzeptionstheorie kann den

Totemismus nicht erklären, denn sie setzt den Totem voraus. Aber wenn

man einen Schritt weiter zurückgehen und annehmen will, daß das Weib

ursprünglich geglaubt, das Tier, die Pflanze, der Stein, das Objekt,

welches ihre Phantasie in dem Moment beschäftigte, da sie sich zuerst

Mutter fühlte, sei wirklich in sie eingedrungen und werde dann von ihr

in menschlicher Form geboren, dann wäre die Identität eines Menschen mit

seinem Totem durch den Glauben der Mutter wirklich begründet, und alle

weiteren Totemgebote (mit Ausschluß der Exogamie) ließen sich leicht

daraus ableiten. Der Mensch würde sich weigern, von diesem Tier, dieser

Pflanze zu essen, weil er damit gleichsam sich selbst essen würde. Er

würde sich aber veranlaßt finden, gelegentlich in zeremoniöser Weise

etwas von seinem Totem zu genießen, weil er dadurch seine

Identifizierung mit dem Totem, welche das Wesentliche am Totemismus ist,

verstärken könnte. Beobachtungen von W. H. R. _Rivers_ an den

Eingeborenen der _Banks_inseln schienen die direkte Identifizierung der

Menschen mit ihrem Totem auf Grund einer solchen Konzeptionstheorie zu

erweisen(34).

(34) T. and Ex. II., p. 89 und IV., p. 59.

Die letzte Quelle des Totemismus wäre also die Unwissenheit der Wilden

über den Prozeß, wie Menschen und Tiere ihr Geschlecht fortpflanzen. Des

besonderen die Unkenntnis der Rolle, welche das Männchen bei der

Befruchtung spielt. Diese Unkenntnis muß erleichtert werden durch das

lange Intervall, welches sich zwischen den befruchtenden Akt und die

Geburt des Kindes (oder das Verspüren der ersten Kindsbewegungen)

einschiebt. Der Totemismus ist daher eine Schöpfung nicht des

männlichen, sondern des weiblichen Geistes. Die Gelüste (sick fancies)

des schwangeren Weibes sind die Wurzel desselben. »Anything indeed that

struck a woman at that mysterious moment of her life when she first

knows herself to be a mother might easily be identified by her with the

child in her womb. Such maternal fancies, so natural and seemingly so

universal, appear to be the root of totemism«(35).

(35) l. c. IV., p. 63.

Der Haupteinwand gegen diese dritte _Frazer_sche Theorie ist derselbe,

der bereits gegen die zweite, soziologische, vorgebracht wurde. Die

_Arunta_ scheinen sich von den Anfängen des Totemismus weit weg entfernt

zu haben. Ihre Verleugnung der Vaterschaft scheint nicht auf primitiver

Unwissenheit zu beruhen; sie haben selbst in manchen Stücken väterliche

Vererbung. Sie scheinen die Vaterschaft einer Art von Spekulation

geopfert zu haben, welche die Ahnengeister zu Ehren bringen will(36).

Wenn sie den Mythus der unbefleckten Empfängnis durch den Geist zur

allgemeinen Konzeptionstheorie erheben, darf man darum ihnen

Unwissenheit über die Bedingungen der Fortpflanzung ebensowenig zumuten,

wie den alten Völkern um die Zeit der Entstehung der christlichen

Mythen.

(36) »That belief is a philosophy far from primitive.« A. _Lang_,

Secret of the Totem, p. 192.

Eine andere psychologische Theorie der Herkunft des Totemismus hat der

Holländer G. A. _Wilcken_ aufgestellt. Sie stellt eine Verknüpfung des

Totemismus mit der Seelenwanderung her. »Dasjenige Tier, in welches die

Seelen der Toten nach allgemeinem Glauben übergingen, wurde zum

Blutsverwandten, Ahnherrn und als solcher verehrt.« Aber der Glauben an

die Tierwanderung der Seelen mag eher aus dem Totemismus abgeleitet sein

als umgekehrt(37).

(37) _Frazer_, T. and Ex. IV., p. 45 u. ff.

Eine andere Theorie des Totemismus wird von ausgezeichneten

amerikanischen Ethnologen, Fr. _Boas_, _Hill-Tout_ u. a., vertreten. Sie

geht von den Beobachtungen an totemistischen Indianerstämmen aus und

behauptet, der Totem sei ursprünglich der Schutzgeist eines Ahnen, den

dieser durch einen Traum erworben und auf seine Nachkommenschaft vererbt

habe. Wir haben schon früher gehört, welche Schwierigkeiten die

Ableitung des Totemismus aus der Vererbung von einem einzelnen her

bietet; überdies sollen die australischen Beobachtungen die

Zurückführung des Totem auf den Schutzgeist keineswegs unterstützen(38).

(38) _Frazer_, l. c. p. 48.

Die infantile Wiederkehr des Totemismus Über einige Übereinstimmungen im Seelenleben der Wilden und der Neurotiker IV · 第 1 / 6 段