Am dunklen Gange begegnete ihr Jemand, der sie fragte: „Wer ist das?“

„Ka Mensch braucht Spinat! mannig’s Tag’s ist’s just, wie wann’s

verhext wär’!“ rief das schlaue Mädchen und fand als Gemüseverkäuferin

richtig den Weg in’s Freie.

Sie lief weit die Straße hin und sie athmete auf. Die zahllosen Lichter

wollten sie blenden, hier stieß sie an eine Mauer, dort an einen

Laternenpfahl oder an einen der ruhelos hin- und herwogenden Menschen.

So taumelte sie hin. Sie fragte nicht, nach welcher Richtung, nach

einer Seite mußte die Straße doch aus der Stadt führen -- und sonst

wollte sie nichts. Je öder und dunkler die Gassen wurden, desto freier

fühlte sie sich; endlich lief sie zwischen langen Gartenmauern hin,

hier noch ein Haus und dort noch eines, hier noch eine Laterne, dort

noch ein Fensterschein, hier noch ein Fußgänger, dort noch ein Wagen,

dann von all’ dem nichts mehr, und sie stand auf freier nächtiger

Heide, über sich den weiten Himmel mit Mond und Sternen.

Sie setzte sich auf einen Stein, um zu rasten, und sagte: „So, jetzt

weiß ich’s, wie’s in der Stadt ausschaut.“

Sie nahm Brot aus ihrem Bündel und aß es; es war noch Brot von daheim.

Im Steine des Ringleins glühte das Mondlicht, fast funkelte er

lebhafter als das Gestirn des Himmels.

„Wie finde ich jetzt heim?“ fragte sie sich.

Dann stand sie wieder auf und ging und ging. Nur weit weg von der

Stadt, wohin sie kam, deß fragte sie sich nicht. Plötzlich sah sie

neben der Straße eine hohe schwarze Gestalt. Sie blieb stehen und

blickte d’rauf hin; auch die Gestalt schien gegen sie gerichtet zu

sein, regte sich aber nicht. So lange standen Beide, bis es dem Mädchen

endlich einfiel: Gespenst, du bist zuletzt gar nicht lebendig! Sie nahm

sich ein Herz und trat auf die Wiese hinaus und stand vor einem Schober

getrockneten Klees, wie solcher an Stangen aufgespießt zu werden pflegt.

Das ist mir gerade recht, dachte das Viktel, der Klee gehört zwar

nicht mein, aber ich werde ihn auch nicht fressen, ich werde nur darin

liegen, bis es Tag wird. -- Sie zerstörte den Schober mit kundiger Hand

und machte sich ein Bett, legte sich auf Klee und hüllte sich mit Klee

ein und sagte: „So, in Gottesnam’!“

Allein nach solchem Tage ging das Einschlafen nicht so leicht wie

daheim nach dem Heuen oder Kornschneiden. -- Morgen, so dachte sie,

hab’ ich ja wieder mein gutes Bett. Aber eine närrische Fragerei wird

das sein von den Leuten. Was ich Neues thät’ wissen? Zu was sie mich

gebraucht hätten? Ob ich was kriegt hätt’? Nichts werde ich erzählen;

braucht’s kein Mensch zu wissen, daß sie mir den Ring wieder haben

wegnehmen wollen. -- Geld, weiß Gott, wie viel Geld, hat sie mir geben

wollen. Ich brauch’ kein’s, ich verdien’ mir meine Sach’ schon selber,

und jetzt schlaf’ ich. --

Der Schlaf läßt sich nicht befehlen. Das Mädchen drückte die Augen fest

zu, aber sie gingen immer wieder auf und schauten in den Sternenhimmel

hinein. Eine Sternschnuppe um die andere flog hinab. „Gott tröst’ alle

Sterbenden!“ sagte die Ruhende. -- Im Grase zirpten noch Heimchen.

Hunderte von Thierchen waren auf der Wiese und umkreisten das Mädchen;

das Viktel ahnte nichts von dem, was für diese Nacht in den Mauern des

Prinzenpalastes ihretwegen geplant worden war. -- Da fiel ihr jetzt

ein: Wenn schlechte Leute des Weges kämen und sie mich hier gewahrten

im Klee! In der Nähe einer solchen Stadt giebt es gewiß allerlei

Gesindel. Wenn der Graber-Schorsch daherginge! .... Sie faltete ihre

Hände über die Brust und flüsterte das Gebetchen, welches sie als Kind

von ihrer Mutter gelernt hatte: „In Gottesnam’ schlafen, sechs Engel

werden mir wachen, zwei zu Haupten, zwei zu Füßen, zwei zur Seiten,

Unsere liebe Frau wird ihren Schutzmantel ausbreiten. Amen.“

Bald nachher erschraken die Heimchen vor ihrem Schnarchen.

* * * * *

Der Peter fuhr früh in der Morgendämmerung aus, um Klee einzuheimsen.

Schon von weitem sah er die kahle Stange ragen und fluchte über das

Gestrolche, welches ihm schon wieder einen Schober auseinandergeworfen

habe. Als er dem Haufen in die Nähe kam, wurde es in demselben lebendig

und ein bildhübsches Dirndl sprang aus dem Klee hervor und lief davon.

Der Peter sprang ihr nach, erwischte sie, und das Viktel hatte glühende

Augen und rief: „Wann Du nicht auslaßt, so kratz’ ich!“

„Kratz’ zu, kleine Hex’! Was hast Du denn in meinem Klee gemacht?“

„Geschlafen.“

„Weißt Du’s, daß der Peter in seinem Klee nicht umsonst schlafen läßt?

Komm! Wir wollen zu zweit suchen, ob ein vierblätteriger dabei ist!“

„Laß aus, sag’ ich, Du großmäuliger Dingling, Du! Ist denn in dieser

Gegend jedes Mannsbild vom Teufel besessen! Auslaß’!“

Der Peter hatte einen Biß in der Hand; eine so ungemüthliche Dirn ließ

er laufen.

Als er den Klee auf den Leiterwagen faßte und wahrnahm, wie derselbe

noch warm war, wollte er dem Mädchen neuerdings nachlaufen; zum Glück

war es schon weit davon.

Sie blickte rings um und sah von Ferne die Thürme der Stadt. Sie fragte

an Häusern nach dem Wege in ihre Gegend und fand sich bald zurecht.

Als es schon Mittagszeit war und ihr Schuhwerk schneeweiß vor

Staub, sah sie vor sich auf der Straße einen Mann am Stocke mühsam

dahinschreiten. Er war in bäuerlicher Kleidung, trug aber eine

Soldatenmütze, hinter welcher das dunkle Haar kurz und glatt

geschnitten und der Nacken frisch rasirt war. Bald sah sie: ein noch

junger Mann mit falbem Schnurrbärtchen, aber abgehärmt und blaß im

Gesichte.

„Kein gutes Wandern, wenn’s so heiß ist!“ redete sie ihn an. „Wie weit

denn?“

„Bis Wernsdorf, wenn’s geht,“ war seine Antwort.

„So, da gehen wir ja eine Weil’ miteinander.“

„Werde wohl nicht mitkommen können,“ sagte er, sein blaues Auge blickte

sie gar offen und traurig an.

„Ich gehe ja auch gerne langsam, wenn ich einen Kameraden habe,“ meinte

sie, „hat Er im Fuß was?“

„Jetzt nicht mehr,“ antwortete er, „ist aber eine Bleikugel drinnen

gesteckt, vom Feldzug her -- und das thut Einen höllisch geniren.“

Sie sagte nichts darauf, ging still und langsam neben ihm her und

dachte allerhand.

-- So ist’s, wenn der Mensch großen Herren dient, der Eine geht mit

Schand und Spott aus, der Andere mit einer Blessur.

Sie mußte so laut gedacht haben, daß es der Invalide hören konnte, denn

er sagte nun: „Welcher hohe Herr hätte denn einen Nutzen an meinem

durchschossenen Fuß? Ich bin freiwillig gegangen, wie ich gesehen hab’,

der Feind wollt’ in unser Land einbrechen. Und wenn ich ein Bettelmann

sollt’ bleiben mein Lebtag lang, so wird’s mich nicht gereuen, daß ich

gegangen bin.“

Sie blieb stehen, schaute ihn an -- es war ein schöner Kopf, seine

Augen brannten nicht, wie der Blitz, sondern wärmten, wie Sonnenschein.

„Narrheiten,“ sagte sie, „wer wird denn ein Bettelmann bleiben! Wo ist

Er denn daheim?“

„Ja,“ antwortete er, „daß weiß ich selber nicht recht. Gebürtig bin

ich in Wernsdorf, und seit neun Jahren habe ich in Oberkirwald als

Holzknecht und auch sonst herum gearbeitet, und da hab’ ich gehört,

wollten mich die Wernsdorfer nicht mehr gern behalten, weil sie sagen,

das Heimatsrecht wäre verjährt.“

Das gab ihr wieder zu simuliren, denn, wie wir schon bemerkt haben

mögen, das Viktel war kein Weibsbild, welches blos sprechen, sondern

welches auch denken konnte. Schau, dachte sie, das ist auch spaßig, der

hat keine Heimat und hat sich doch für seine Heimat anschießen lassen.

„Geh,“ versetzte sie jetzt, „bist schon nicht bös’, wenn ich ~Du~

sag’ -- geh’, häng’ Dich ein in meinen Arm, thust Dich gleich leichter.“

„Wenn Du schon so gut bist,“ sagte er und hing sich ein wenig an ihren

Arm, „mich lust’s zwar gar nicht nach Wernsdorf, aber Deinetwegen gehe

ich gern mit Dir, weil wir schon so Bekanntschaft machen. Wie heißt

denn, Dirndl?“

„Viktoria Zimmermann heiß’ ich und bin Dienstmagd auf dem Leeshof in

Breitegg, wenn Du’s weißt.“

„Recht gut weiß ich’s, bin letzt Jahr dort im Pfarrhof Knecht gewesen.

Wenn Du etwan vom Johann Schmied einmal was gehört hast.“

„Ja Du, vom Sehen aus kommst mir eh bekannt vor,“ versetzte sie, „und

sind des Pfarrer-Hansels wegen nicht einmal zwei Weibsbilder raufend

worden?“

„Hast auch gehört davon? Na, Dummheiten waren es. Ich hab’ von all

zweien gar keine mögen. Und jetzt, denk’ ich, werden sie meinetwegen

nicht mehr viel raufen. Den Krüppel mag Keine.“

„Na, das wär’ nicht schlecht!“ rief das Viktel und war recht roth im

Gesicht, dann setzte sie leiser bei: „Du kriegst leicht Eine.“

„Sapperlot,“ sagte er jetzt, „was Du für einen vornehmen Ring am Finger

hast! Da ist ja gar ein Edelstein drinnen!“

„Ist mir nichts drum,“ antwortete das Viktel, „wenn er Dir gefällt,

Hans, so zieh’ ihn herab...“

* * * * *

Was doch die Menschen thöricht sind, gerade oft, wenn ihnen das

schönste Glück lacht.

Ein junger Prinz zu sein, dem man alsbald die Krone aufsetzen will,

eine schöne maienfeine, liebesglühende fürstliche Braut zu haben --

ich wollte mir nicht viel Besseres wünschen. Prinz Emerich wollte es

eigentlich auch nicht, aber eben, weil der Mensch nicht Herr seiner

Wünsche ist, so ist er nicht Herr seines Glückes. Prinz Emerich war

sich’s vielleicht gar nicht bewußt, was er wollte, oder gestand sich’s

nicht ein. Das half ihm aber nichts, er fühlte sich unbehaglich,

unzufrieden.

Mit erneuter, erzwungener Lebhaftigkeit wandte er sich zu Angela, der

Eifersüchtigen, Leidenschaftlichen, dem Weibe mit diesen zwei Fehlern,

die sonst den liebenden Mann zu entzücken pflegen.

Ihre Eifersucht hatte zuerst das Gespenst genannt, das seither nicht

mehr ganz von ihm gewichen war. Es neckte und ängstigte ihn mit

lieblichen Träumen. Er sagte es laut und sagte es still, er habe nur

die Fürstin lieb, aber sein Herz loderte an ihrer Glut nicht auf, wie

sonst, er dachte an --

Ja wohl, er dachte an jenes Wort seiner Braut, der hingegebene Ring

hätte kein gutes Bedeuten. Jenes einfältige Kind -- es ist ja doch noch

ein Kind -- kennt nicht einmal den Geldeswerth des Ringes, der ihr an

Gold zehnmal aufgewogen wird, und es giebt ihn nicht vom Finger. Sie

denkt nicht an den Mann, aber sie will seinen Ring, und ahnt es nicht,

was von ihm an diesem Ringe hängen geblieben ist...

Als der Winter vorbei war mit seinen glänzenden Festen und glänzenden

Qualen, mit dem starren goldenen Joche des höfischen Lebens, unter

welchem Mancher seufzt, aber Alle lächeln müssen -- jene in Rosen

maskirte Last, welche der Menschheit ewiger Dämon, der Keinen

wahrhaftig glücklich sein läßt, tückisch dem Reichen aufgebürdet hat

-- als die „Saison“ vorbei war und der Frühling hereinlächelte über

die Mauern der Stadt, da fühlte Prinz Emerich in sich die Sehnsucht

erwachen nach den Bergen. Hinaus in die stille, einfache, große Natur

und zu jenen schlichten Menschen, deren Tugenden größer sind, als die

der Vornehmen, weil sie selbstloser sind; deren Fehler und Laster

unschädlicher sind, als die der Großen, weil es ihnen an Macht gebricht.

Und eines Tages bestieg er sein Roß und ritt incognito davon. Warum

er gerade die Richtung nach Breitegg einschlug? War es die von Ferne

blauende Höhe des Wockenberges, die ihn reizte? Als er unterwegs

auf den Fluren die jungen, anspruchslosen Blümlein sah, da dachte

er wieder an das Viktel. Das war jenes von Eifersucht erweckte,

liebliche Gespenst. Aber sie hatte für ihn geblutet. -- Die Zeit her

nicht allzu selten, wenn sein Sinnen unbewacht war und er sich dem

stillen Hinschwärmen übergab, war ihm das Bauernkind eingefallen,

das seinen Ring trug. Allmählich hatte seine dichterische Seele ihr

anmuthiges Bild umgestaltet und vervollkommnet zu einer jener reizenden

Schäferinnen, von denen die alten Sänger erzählt haben, und für die er

schon als Knabe eine wunderliche Zuneigung gefühlt hatte.

Das schwarze Hengstlein trabte flink dahin, als wüßte es den Weg,

den sein Herr meinte. Die Hügel erhöhten und bewaldeten sich und der

Wockenberg kam immer näher; das Blau seiner Wälder bräunte sich und

seine Felsenzinnen wurden schärfer und schärfer. -- Oft sehnte sich

Prinz Emerich nach einsamen Höhen. Die gesellschaftliche Höhe, auf der

er stand, wollte ihn nicht befriedigen; es schien ihm, als wäre von ihr

aus der Blick auf das Leben ein gar umnebelter und verschobener. Ihm

verlangte nach freier, reiner Höhe, um mit dem klaren Auge des Denkers

und dem warmen Herzen des Menschen die Welt zu betrachten. Er kannte

den hohen Werth der Kunstblume: Civilisation, aber er suchte und liebte

auch das verborgene Veilchen und das Dornröschen in der Wildniß.

Hinter der mit jungen Buchen besetzten Schlucht, welche aus der

Hügelgegend in das Bergthal von Breitegg führt, sah unser Reiter neben

dem Wege einen Mann, der auf dem Feldhange mit einer Haue emsig in die

Erde Löcher schlug und in jede dieser Vertiefungen etwas hineingleiten

ließ. Der Mann trug eine Soldatenmütze.

„He,“ rief der Reiter dem Arbeiter zu, „was macht Ihr da?“

Das Buch der Novellen. Erster Band · 第 25 / 32 题