Die Fürstin sank auf einen Fauteuil und hauchte: „Das ist mein Unglück.“

„Was ist vorgefallen?“ fragte er.

„Sie giebt ihn nicht zurück!“

„Lasse sie, Angela, lasse sie,“ beschwichtigte der Prinz, „es ist ein

albernes Wesen.“

„So sprichst Du heute, Emerich. Weiß ich aber, was war und was kommen

kann? Ach, der Verlust dieses Ringes ist mir eine böse Bedeutung.“

„Was war, meine Einzige, das habe ich Dir schon zur Genüge

mitgetheilt,“ versetzte er.

„Ich finde es nicht gut für einen Fürsten, sich allzu harmlos unter das

Volk zu begeben,“ sagte sie.

„Ich stimme Dir bei, Angela, nur dünkt es mich langweilig, immer und

immer den Herrscher spielen zu sollen. Ich sehne mich zuweilen, Mensch

zu sein draußen in der Natur. Ach, warum soll der Fürst immer gefangen

sein, umringt und bewacht! Die Krone, die sie mir in kurzer Zeit auf’s

Haupt drücken wollen -- ich gebe sie wohlfeil!“

Unmuthig sprach er diese Worte; die Fürstin streichelte ihn: „Du bist

so gut, Emerich, aber Du bist ein Schwärmer. Blicke mir doch wieder

einmal in’s Auge!“

Er that’s mit einem hastigen Blick und sagte: „Warum soll ich Dir nicht

in’s Auge sehen können, meine Liebe! Ich hoffe, daß ich Alles, was ich

persönlich thue oder lasse, jederzeit werde verantworten können.“

„Warum siehst Du so eilig wieder in die leere Luft hinein, Emerich?

Genirt Dich mein Blick?“

„Ja, Angela, ja! Wenn ich in Dein schönes Auge schaue, so kann ich

nicht denken und sprechen; der Gedanke ertrinkt in diesem See,

verbrennt in dieser Sonne.“

„Galanter Mann! Indeß würde ich von Deiner Liebe noch tiefer überzeugt

sein, wenn Du an meiner Seite bliebest, anstatt wie ein Waldmann im

Gebirge herumzustreifen und Dich verschiedenerlei Gefahren auszusetzen.“

„O laß’ mir doch meine Freude an den Bergen, oder theile sie mit mir,

mein Kind.“

„Ich begreife das Vergnügen nicht, zwischen den Bergen zu sein und auf

Mörderhände zu warten.“

Der Prinz lächelte und versetzte nicht ohne Schalkheit: „Diesmal

macht weniger der Mörder, als der Schutzengel meiner Theuersten

bange. -- Nein, nein, jener Landritt war nicht der erste und wird

nicht der letzte sein. Daß ich einmal in Gefahr war, Verbrecherhänden

anheimzufallen, wird mich nicht ängstlich machen. Wenn der Mann

wirklich eine böse Absicht hatte -- was allerdings unstreitig ist --

so hatte er sie nicht gegen den Fürsten, sondern einfach gegen die

Geldtasche.“

„Ich begreife, mein Herz, das Gefühl der Dankbarkeit, das Du zu jener

Stunde der Befreierin aus der Gefahr entgegengebracht hast, auch ich

werde der Vorsehung mein lebelang danken, jedoch bedauere ich, daß Du

der Magd den Ring verpfändet.“

„Mein süßer Engel,“ versetzte nun der Prinz und legte ihr Händchen

zwischen die seinen, „Du weißt nicht, wie mir damals zu Muthe war.

Hätte ich Der, die mich dem Leben, die mich Dir erhielt und die für

mich blutete, Geld geben sollen oder die Taschenuhr? Nein, nein. Nur

das Theuerste, was ich bei mir trug, war gut genug.“

„Du solltest nicht belehrt werden dürfen darüber, was es bedeutet, wenn

ein Mann einem Weibe den Ring an den Finger steckt. Nun belehrt Dich

die Bauernmagd.“

„Angela!“ sagte der Prinz sehr leise, aber ernst.

Sie sah ihn scheinbar ruhig an und entgegnete: „Welch’ ein

vorwurfsvoller Ton! -- Ich begehre von ihr den Ring zurück.“

Sie verließ das Gemach. Er stand und blickte ihr nach und murmelte:

„Ich liebe die eifersüchtige Frau; aber ~Deine~ Eifersucht,

Angela, ist niedrig. -- Wäre es möglich! Wäre es denkbar, daß Du recht

hättest? So wärest Du es selbst, die meinen Sinn nach dem armen Mädchen

wendet. -- Sieh Dich vor, Angela, Ringe sind zu ersetzen, Herzen nicht!

-- Ich gab ihr den Reifen, so sei und bleibe er ihr Eigenthum.“

* * * * *

Das kleine blatternarbige Herrchen, mit welchem das Viktel bei der

Ankunft im Schlosse gesprochen hatte, war Geheimsecretär des Prinzen

und hieß Magister Flaus. Er war Meister in Welt- und Hofkünsten, die

rechte Hand des Prinzen, die linke der Fürstin, und die Schnürchen der

meisten beweglichen Puppen ringsum gingen in seiner Faust zusammen.

Bei Magister Flaus sprach nun so höflich und unterthänig, als in der

Eile möglich, der Leibkutscher des Prinzen vor, ein strammer, kräftiger

Kerl, der eben erst von den Uhlanen für den fürstlichen Privatdienst

ausgehoben worden war.

„Was soll mit ihr geschehen?“ fragte dieser.

„Mit wem?“ fragte der Magister.

„Mit der Bauerndirn. Vor etlichen Minuten ist eine Bauerndirne die

Treppe herabgelaufen; sie muß in den Gemächern der Hoheiten gewesen

sein. Sie that gar absonderlich und kam mir nicht recht richtig vor.“

„Sie soll angehalten werden.“

„Habe ich gethan.“

„Warum Er?“

„Ist mir gerade angesprungen.“

„Wo ist sie jetzt?“

„In der Wachtstube.“

Magister Flaus gab Befehl, daß die junge Bauernmagd einstweilen bewacht

werde; er würde dann die Sache untersuchen.

Und eine Stunde später trat der Magister aus den Appartements der

Fürstin, wohin er gerufen worden war, und beschied den Kutscher zu sich.

„Er heißt Jonas Strigel?“ fragte der kleine Herr.

„Allemal,“ antwortete der Bursche und pflanzte seinen Schnurrbart auf.

„Sag’ Er mir einmal, Jonas Strigel, wieso hat Er die fliehende

Bauerndirne abgefangen?“

„Ist mir eingefallen, sie könnte ’leicht was gestohlen haben.“

„War das der einzige Grund? Weiß Er nicht, daß dafür die Wache am Thore

steht?“

„Das Mädel hat ganz getaumelt, wär’ arg zu Boden gestürzt, wenn ich sie

nicht hätte gehalten.“

Aber der Herr Magister war auch mit dieser Begründung nicht zufrieden;

er lugte so schief und zwinkernd in das Gesicht des Kutschers und sagte

schmunzelnd: „Die Kleine ist nicht übel!“

„Sauber ist sie!“ stimmte der Bursche hastig bei.

„Das wär’ Eine --“

„Ja!“ rief der Kutscher.

„Zum heiraten.“

„Wohl, wohl, Herr Magister. Sie nähme mich, ich sah ihr’s an.“

„Der tausend, da seid Ihr ja schon im Reinen. Na, gratulir’! Hat auch

Geld, das Mädel. Hat Er an ihrer Hand den Brillantenring gesehen,

Jonas?“

„Der Teufel hol’ mich, nein. Ich hab’ nur alleweil in die Larve

’glotzt.“

„Ganz vernünftig,“ gab der Magister bei, „der Ring ist auch nicht ihr

Eigenthum; sie erhielt ihn als Pfand von einem Herrn. Aber nicht so,

wie Er denkt, Er schlechter Junge, Er! Wird’s schon noch erfahren, wie

das war. Nun will die Landschöne den Ring nicht mehr vom Finger lassen,

während dem Verpfänder daran liegt, ihn zurück zu erhalten. -- Jonas,“

das Herrchen klopfte dem stattlichen Burschen, so gut er gelangen

konnte, auf die Achsel. „Er ist ein gescheidter Mann und genießt unser

Vertrauen. Wollt’ Er’s übernehmen, dem Mädel den Ring vom Finger zu

kriegen?“

Der Kutscher drehte an seinem Barthörnchen, lugte mit halb

geschlossenen Augen so vor sich hin und antwortete endlich: „Warum

nicht!“

„Bis morgen müßte es geschehen sein und hat Er mir den Ring persönlich

zu übergeben. Begriffen?“

„Ganz wohl, Herr Magister!“

„Und reinen Mund gehalten!“

„Verstatte mir, ist sie noch in der Wachtstuben?“

„Ei, Närrchen, wer wird so ein laubfrisch Ding in der Wachtstube

lassen! Sie befindet sich im Untergebäude in den Kammern der

Küchenmädchen.“

„Die weiß ich!“ Der Kutscher machte seinen militärischen Gruß und ging.

„Apropos, Jonas!“ rief ihm der Magister Flaus nach, „aber ~nur~

den Ring.“

* * * * *

Das arme Viktel, die junge Magd aus dem Leeshofe, saß in einem kahlen

Zimmer des fürstlichen Schlosses, stützte die Ellbogen auf ihr

Handbündel und starrte wie verloren auf den Boden hin. Kaum wußte

sie, wie sie aus der Wohnung der schönen jungen Frau hierhergekommen

war. Ihr wirbelten vor den Augen alle Farben, sie erinnerte sich nur

dunkel, daß sie unterwegs auf der Treppe von einem baumlangen Menschen

angehalten und gekost worden war, und daß sie in der Soldatenstube

Einem die Faust in’s Gesicht geschlagen habe. Was es in einem solchen

Schloß für sündhafte Leute giebt! -- Dann war sie in dieses Zimmer

gebracht worden. Ein Tisch stand da; sollte sie heute hier essen? Sie

hat keinen Hunger. Ein Bett war hier; sollte sie die heutige Nacht

darin schlafen? Das Fenster ging in einen Hof hinaus, ringsum lauter

Mauern. Schon dämmerte der Abend.

Sie kam sich vor wie eine Gefangene. Was wollte man mit ihr? War der

Fremde, den sie damals am Leeshofe gesehen hatte, also der Prinz? Und

er hat eine Geliebte und diese will den Ring von ihr zurück haben? --

Auch der Trotz ist jetzt da. Und wenn sie ihr den Kopf abschneiden, so

macht sie die Hand zur Faust, daß der Ring nicht herabgeht. -- Was hat

diese Frau für ein giftiges Auge! Und er hat sie, das Viktel, wieder so

freundlich angesehen und schier so lieb mit ihr gesprochen wie dazumal.

Sie verlangt, sie mag von ihm nichts, als den Ring. --

So waren ihre Gedanken. Dann kam ihr zu Sinn, es warte in diesem

Palaste nichts Gutes und sie solle trachten, hinauszukommen. Am Thore

stehen Soldaten mit langen Messern. Wenn sie nur ein einziges Wort mit

dem Prinzen sprechen könnte, sie glaubt es nicht, daß er ihr Böses

anthun lassen will. Ihre Brust strebt lebhaft nach Athem; die Luft ist

hier gerade so wie laues, faules Wasser -- man erstickt.

Als es finster geworden, wurde das Zimmer von der Laterne beleuchtet,

die zum Fenster hineinschien. Um diese Zeit war’s, daß das Viktel sein

Bündelchen fester band und leise das Zimmer verließ.

Das Buch der Novellen. Erster Band · 第 24 / 32 题