Der Doctor erhascht das Thier, macht Licht und betrachtet es. --

„_Deilephila Euphorbiae!_“ rief er überrascht aus -- „und du

flatterst noch? Ja, weißt du nicht, daß wir morgen in den November

gehen? ’s hat dich wohl schon recht gefroren da draußen und du hast

doch noch nicht wollen schlafen gehen. Ei, du kleiner Falter, was

willst du denn über den Winter auf der Erde? Ja freilich, leben willst

du, und da bist du in mein Stübchen gekommen, daß ich dich bewahre.

Nun, wollen ja sehen.“

Der Mann schloß das Fenster und ließ den Schmetterling frei.

-- Und ist’s noch so kalt und spät, leben und nur leben! --

Der einfältige, geistesarme Martin ist bereit, sich aufzuopfern für das

Glück der Mitmenschen. Ich geschulter, erfahrener Mann, den man den

Gelehrten und Guten nennt, soll das ja auch können müssen! Preisheim,

Du hast dem Geburtsadel Deiner Ahnen entsagt, gründe Dir einen eigenen

in Deiner Mannesbrust! -- Wohlan, es möge denn sein, ich entsage --

ich opfere mich dem Reiche Gottes auf Erden. Martin wird geheilt und

frei sein und in Nothburga’s Wesen wird seine Seele zur Ruhe kommen,

in ihr wird er sich und sein Ziel finden. Und das wird die Auflösung

sein, zu der ich ein umschleiertes, nach Glück und Frieden ringendes

Menschenwesen führen will. Es leite mich der große Geist! --

Der Doctor zog am Glockenzug, eine Wärterin kam und holte den Trank für

Martin.

Hierauf schickte sich der Mann an, zu Bette zu gehen. Als er das

Licht auslöschen wollte, fand er vor demselben auf dem Tisch den

Schmetterling mit verbrannten Flügeln.

* * * * *

Es war am Morgen des elften November, als der Doctor Preisheim in die

Stube trat, wo Martin Holzlöffel und Pfeifenköpfe schnitzte.

Er wünschte dem Wurzelgraber Glück zu seiner Genesung und zum Namenstag.

Diesem wurden die Augen naß und er sagte: „Doctor, das ist mir noch

mein Lebtag nicht passirt, daß mir wer zum Namenstag einen Glückwunsch

gesagt hätte. Vergelt’s Euch Gott, daß Ihr mir diese Freude gemacht

habt.“

„Und da hab’ ich Dir noch ein Angebinde zu übergeben.“ Der Doctor hielt

einen zusammengelegten Brief in der Hand, den er dem Burschen hinhielt.

Dieser wollte nicht angreifen: „Wüßte nicht von wem, wer thät denn mir

einen Brief schreiben?“

„Das Gericht, Martin, ei, so sei ruhig, das Gericht schreibt Dir, daß

Du frei bist von Schuld und Verdacht.“ Er öffnete das Schreiben und las

es laut, dabei mußte er seine freie Hand hinter den Rücken halten, denn

Martin wollte sie unzähligemale küssen.

Es war eine große Freude in der Stube.

„So wärest Du gesund und frei, Martin, was wirst Du nun machen?“

„Ja, ich werd’ halt jetzt hinauf in meine Hütte gehen und werde über

den Winter schnitzen und Strohschuh’ flechten. Vielleicht thu’ ich dann

einmal was Anderes auch noch, ’s mag wohl sein und man kann’s nicht

wissen, aber Euch sag’ ich’s schon früher und Ihr müßt für mich reden.

Schaut, ich möcht’ halt mit der Nothburga was anfangen. Da thät’ ich

Euch wohl bitten, daß Ihr mein Brautwerber wäret und sonst auch -- bin

Euch viel schuldig geworden! Doctor, sagt’s jetzt, was Ihr verlangt,

nach und nach werd’ ich Euch das Geld schon schicken!“

„Ich verlange nichts,“ sagte der Arzt; „mit dem Weltglück aber,

lieber Martin,“ der Doctor faßte die Rechte des Wurzelgrabers, „mit

dem Weltglück laß es gut sein. Es mag Jeder für sich sehen, daß er’s

findet. Und wenn Du denn einmal durchaus beglücken willst, so thue es

an einem Einzigen, besser ist es, ~einem~ Verschmachtenden den

Trunk Wasser zu reichen, als Allen das Himmelreich schenken zu wollen.

Und selbst, wenn Du dieses auch hättest, die Menschen würden es von Dir

nicht nehmen, sie thäten Dich nur steinigen. Merke Dir das und arbeite

für Dich und Deine Hütte; baue Dir ein festes, friedliches Daheim und

mache es, unbekümmert um alle Stürme draußen, zu einem Reiche Gottes.

-- Sollte Dir aber doch wieder einmal ein schwerer Gedanke kommen, so

geb’ ich Dir dagegen ein Mittel mit, das Dein Gemüth erleichtern und

erfreuen und Dir helfen wird. Komm’ mit mir in meine Stube!“

Und als sie in seine Stube kamen, da saßen in derselben auf der

Ofenbank -- die Nothburga und ihr alter Vater.

* * * * *

Am Abend, als in dem großen Zimmer des Armenhauses die Lichter

brannten, als Alle, die Lahmen, die Tauben und die Blinden um den Tisch

herum saßen, und als die Verlobung vorüber war und Martin, hübsch

herausgeputzt, seinen Arm um Nothburga schlang, sagte der Bursche:

„Jetzt erst weiß ich, warum mir damals auf dem Hochpaß die Kreuzspinne

zum Herzen gekrochen ist!“

* * * * *

Am andern Morgen ging Martin mit seiner Braut und mit seinem

Schwiegervater in’s Gebirge; er hinkte wohl noch ein wenig, aber er

stützte sich, wo es über Wurzeln und Gestein ging, ein bischen auf

Nothburga.

„Magst Dich schon recht anhalten,“ sagte diese, „ich bin wieder

kernfrisch und halt’ schon was aus!“

Der Doctor sah den Dreien lange nach, hernach gab er noch einige

Anordnungen im Armenhaus und ritt dann einsam die Straße entlang gegen

Dernau.

* * * * *

Diese Geschichte hatte eines Tages ein alter Mann erzählt. Ein junger

Mensch schrieb sie auf, bevor er sie vielleicht noch recht verstand.

Der gehörte zu denen, die -- um in seinem Pathos zu reden -- mit

verbundenen Augen und auf Umwegen dem Reiche Gottes zustreben -- den

Idealen des Guten und Schönen.

[Illustration]

Das Felsenbildniß.

In einem kleinen Thale der Wildniß stand eine einzige Hütte verlassen

und verloren. Die gewaltigen Hochwaldbäume, aus denen die Hütte

gezimmert war, trugen zum Theil noch ihre Rinden, unter welchen

behende Käfer und nagende Würmchen hausten. Aber das Holz war hart

geworden; länger als vierhundert Jahre war es her, daß dieser Hütte

Gezimmer emporgesprossen war als junger, grünender, säuselnder,

wohldufthauchender Wald. Das flache, steinbeschwerte Dach war vermoost,

es wuchs ein hellgrüner Filz darüber, es wuchs Wildfarrn darauf und

dort und da guckte ein Tannenwipfelchen hervor, das als beflügelt

Samenkörnchen auf das Dach gehüpft war. Das wollte hier auf dem Dache

verbleiben und gegen Himmel wachsen zu einem großen Baum.

Das Wild- und Waldleben hatte wieder Besitz genommen von dem

Menschenbaue und flocht und wob ihn ein und zog ihn wieder sanft zurück

in den Schoß der Natur.

Das Kostbarste an der Hütte waren die Glasscheiben an den kleinen

Fenstern. Aber diese Scheiben waren altersgrau und schon erblindet; und

längst vergangene Bewohner des Häuschens hatten etwa mit einem scharfen

Nagel Kreuze oder Herzen in die Scheiben eingegraben, auf daß sie auch

ein Denkmal hinterließen an dieser Stätte, die sie lebelang ihr Daheim

genannt.

Ueber der sehr niedrigen Thür an der Wand war mit einer Kohle in einem

dreieckigen Umriß das Auge Gottes gezeichnet. Dem lieben Herrgott war

die ganze Sach’ anheimgestellt.

Felsmassen schlossen die Hütte ein. Seit die Welt steht, war kein

Sonnenblick gefallen in dieses Thal, und wie der Morgen und der Abend

auch glühen mochten oben an den luftigen Zinnen und Alpenhörnern, es

war in dieser Tiefe nicht zu sehen.

Hier lebten und starben Leute, die außer dem Lichte an den Felstafeln

all ihrer Tage keinen Sonnenstrahl gesehen hatten.

Einst standen sechs Hütten in der Thalschlucht. Sie waren da seit

undenklichen Tagen, die Menschen wußten ihr Beginnen nicht. Die

Bewohner dieser Hütten nährten sich durch einige Aeckerlein, die von

den Vorfahren zwischen den grauen Felsblöcken und Schuttriesen waren

ausgereutet worden, und sie nährten sich von den Ziegen, die auf den

Matten des kleinen Thales Futter fanden.

Ihrer Tage mochten unzählige gewesen sein, aber sie vergingen und es

kamen andere.

Da war -- so haben die ältesten Leute des Alpenthales erzählt -- ein

weißlockiger Kräuterer niedergestiegen von Gestein zu Gestein bis in

das schattige Thal. Die schneeweißen Haare dieses Mannes waren so lang

gewesen, daß sie weit hinter ihm nachgewallt über Wände und Risse.

Unten bei den Hütten hatte der Greis um Nachtherberge gebeten, aber

die Leute hatten ihn hell ausgelacht und übermüthig geschrieen: „Geh,

Du alter Eisbär, wickle Dich in Deine Haare ein, so hast Du Dach und

Fach wohl für jegliche Sturmnacht!“ -- Darauf hatte der Kräuterer

nichts entgegnet, sondern war wieder aufwärts gestiegen von Gestein zu

Gestein. Aber er war kein Kräuterer, er war ein Berggeist gewesen, der

die Menschen hatte prüfen wollen, und als darauf die Nacht gekommen

war, da ist er wieder herabgefahren gegen das Thal und seine langen

Haare haben Felsen gesprengt, haben mächtige Furchen und Schründe

gerissen im Gebirg -- und Eis- und Schneelawinen sind niedergebrandet,

und alle Wände ringsum haben gellend laut gelacht, und der größte Theil

ist verschüttet worden mitsammt seinen Hütten und Bewohnern. -- Und wie

die übermüthigen Leute zuerst den Berggeist lachend verhöhnt haben, so

hat der Berggeist zuletzt sie allsammt ausgelacht. -- So die Sage.

Eine wilde Natur-Revolution muß wohl gewesen sein; ein graues Sandmeer

lag nun im Thale und durch dasselbe hin wälzte sich der Gletscherbach,

breit und zerrissen, und schwemmte nach allen Seiten hinaus. Heute

ging da sein Bett, morgen dort, das ganze früher so bräutliche Thal

gehörte dem Wildbach. Auf den Vorhügeln, wohl auch einst aus Schutt

aufgebaut, blühten freilich noch die Eriken und wucherte das Gesträuch

des Wachholders und der Alpenkiefer, aber mitten hinein hatte der

Berggeist Felsstücke geschleudert, über die nun die Flechten woben

und Eidechsen glitten. Von den schwindelnden Wänden nieder gingen

schneeweiße Sandriesen und graue Schutthalden, in denen es allfort

leise rieselte und rieselte. Wie viel tausend Jahre, bis das ganze,

gewaltige Hochgefelse niedergerieselt sein wird in die Tiefen! Allein,

wer rechnet hier mit Jahrtausenden, wenn sich die ungeheure Burg der

Alpen nachbaut herauf aus dem Urgrunde der Erde!

Zwischen den Schutthalden zog sich wohl hie und da ein Streifen

Erdgelände hinan, auf welchem Sträuche und verknorrte Fichten

und Lärchen mühsam fußten. Und am unteren Ende einer solchen

Wildwachszunge, die einige kleine Wiesenhänge wahrte, nicht weit von

dem Thalsande des Wildbaches, duckte sich das alte, moosbewachsene

Häuschen. Das allein war übrig geblieben von der kleinen Hüttengemeinde

im Felsenthale, und das war die einzige und letzte Menschenwohnung

weit und breit. Von zwei Wänden nieder lag und sickerte ein breiter,

schwerer Schuttstrom; er würde längst niedergetost sein auf das arme

Häuschen, wenn er nicht ziemlich hoch über demselben von einem Felshorn

aufgehalten und nach links und rechts seitwärts geleitet worden wäre,

so daß auf dem Hange unter dem Felshorn das Wildgesträuche wuchern und

die Hütte stehen konnte. Diese Lehne war wie eine grüne Insel mitten in

dem Steinstrome des Gerölles, und das Felshorn darüber war der Hort.

In der Hütte wohnten vier Menschen, das waren der Schründenhans, dem

die Hütte gehörte, sein Weib, sein Kind und sein Bruder.

Sein Weib hatte sich der Schründenhans vor wenigen Jahren erst vom

Waldgelände hereingeholt. Dort war es eine Köhlerdirn gewesen, deren

Mutter eines Tages in die Gluten des Meilers gebrochen und jämmerlich

zugrunde gegangen war. Ihr Vater war ein Wilderer gewesen, aber

alljährlich kaum mehr, als ein einziges Reh hatte er sich angeeignet

von den Hunderten, die im Walde mit ihm lebten, auf daß er und sein

Weib und sein Kind das gut’ Stücklein Fleisch nicht ganz entbehren

durften. Aber ein Wilderer war er dennoch, und einmal in der Mondnacht

gerieth er mit den Jägern zusammen. Sie fielen über den Kohlenbrenner

her, es entbrannte ein wildes Ringen, und zuletzt warfen sie ihn die

Felswand hinab, daß der Stürzende den Wipfel eines Baumes knickte, der

unten in der Tiefe stand. Keinen Athemzug hat der Kohlenbrenner mehr

gethan. Der Mond ging nieder und die Sonne ging auf, und das Mädchen

daheim sah allfort zum Fensterchen hinaus und wartete auf den Vater.

Da ging langsamen Schrittes der Schründenhans vorbei, der wußte von der

Geschichte und sollte der Waise die Nachricht überbringen.

Aus dem Meiler zuckte ein blaues Flämmchen heraus. „Verlösche es nicht,

Hilda,“ sagte der Hans, „es brennt auf der Welt sonst kein Licht für

ihn.“

Hilda hat das Wort verstanden, hat nicht mehr nach dem Vater

ausgesehen, hat sich verschlossen im Köhlerhause und hat geweint.

Nach Tagen kam der Hans wieder und sagte: „Hilda, ich habe mir gedacht,

da Du jetzo keinen Vater mehr hast, so sollst Du einen Mann haben.“

Und nicht lange hernach zog Hilda mit Hans in sein Haus unter den

Wänden. Ein Jahr hierauf hatte Hilda ihrem Manne einen Knaben geboren,

der zur Zeit dieser Geschichte seine Nahrung noch an der Mutterbrust

genoß.

Der vierte Hüttenbewohner nun war Hansens Bruder, der Jok. Der Jok

war ein armer Mensch. Er wußte es aber nicht, wie sehr arm er war, er

war blödsinnig. Er war ein Krüppel mit kurzem Halse und sehr langen

Händen. Er war schon über die zwanzig Jahre alt und konnte noch nicht

reden. Seine Stimme war wie ein Stöhnen und Röcheln. Das einzige Wort

„Hans“ konnte er halbverständlich sagen. Mit seinem Bruder war er

seit seinem ersten Lebenstage beisammen gewesen in der Hütte ihres

Vaters. Mit seinem Bruder hatte er die ersten Forellen aus dem

Wildbache gefischt; mit seinem Bruder hatte er die letzte Thräne der

in Armuth und Kümmerniß sterbenden Mutter gesehen und die Segensworte

des verscheidenden Vaters gehört. Diesen Bruder, der nun sein Alles

und Einziges war, mußte der Jok unsagbar lieb haben, ihm nahm er im

Tagwerke die schwersten Arbeiten unter der Hand weg; ihm schob er beim

kaum erklecklichen Mahle, das sie gleich auf dem Lehmgrunde des Herdes

zu sich nahmen, die besten Bissen zu. Und als der Hans das Weibchen

in’s Haus brachte, lächelte der Jok glückselig, und als der Jok das

neugeborne Knäblein sah, da stöhnte er vor Freude und haschte gleich

mit beiden Händen nach dem kleinwinzigen Wesen.

Das Aufrechtgehen auf zwei Füßen hatte der Jok auch nicht gelernt,

aber gern und behendig kletterte er mit allen Vieren wie die Ziegen

und Gemsen. Ein Jägersmann verglich ihn einmal scherzhaft mit einem

Ziegenbock. Darüber grinste der Jok freundlich; er hielt den Spott für

eine Schmeichelei, denn mit den Thieren hielt er’s immer gern. Aber dem

Schründenhans that der Schimpf weh, dem zuckte sein Herz und sein Auge

und seine Faust: „Du Jäger, wen geht das Elend meines Bruders was an?“

Der Jägersmann schlich von dannen und brummte: „So Leut’ verstehen

keinen Spaß.“

Wenn Gottes Sonntag war und die Beile der Holzhauer ruhten, ging der

Schründenhans mit seinem Weibe hinaus gegen das ferne Walddorf, wo

die Kirche stand. Zuweilen redeten sie gern ein wenig mit dem lieben

Herrgott. „Vater unser,“ sagte der Hans, und legte seine rauhen,

waldharzigen Hände recht innig zusammen, „nicht meinetwegen red’ ich,

aber unser Bübel laß aufwachsen frisch und gesund, und daß es ein

braver Mensch mag werden.“

Aber die Hilda wendete sich zum Frauenaltar: „Gegrüßt seist Du, Maria,

und ein warm Pelzlein für den heurigen Winter thät mein Bübel wohl

brauchen!“

Der Jok aber ging nie hinaus in das Walddorf; er hütete daheim stets

das Haus und die Ziegen, und kletterte an den Hängen hin auf allen

Vieren, und pfiff wie die Gemse, und bellte wie das Reh.

Von all’ den Bewohnern der wilden Oede war es seit jeher keinem bewußt

geworden, daß sie mitten lebten in der Größe und Herrlichkeit der

Natur, und daß um sie eine Gottheit in der Schöpfungswerkstatt ewig

meißelte. Sie hatten kein Auge für die wilde Erhabenheit ringsum.

Nur zu dem Felshorn, das dem Schuttstrom wehrte, blickten die armen

Leute zuweilen auf, aber auch nicht, weil dieser Thurm als Wall ihr

Beschützer war, sondern einer anderen Ursache wegen. Das Felshorn

stellte nämlich in seiner Auszackung und Durchfurchung ein kolossales

Bildniß vor, eine sitzende Frauengestalt mit einem Kinde auf dem Schoße.

„Da ist Unsere liebe Frau mit dem Christkinde herausgewachsen aus der

Erden,“ so lautete der alte Glauben der Bewohner des Felsthales, den

auch der Schründenhans in seinem Herzen pflegte.

Und wahrlich, allzu große Einbildungskraft gehörte nicht dazu, der

Felsthurm war die Himmelskönigin mit dem Scepter und der zackigen

Krone; von der Tiefe aus gesehen saß sie auf dem Throne und hielt das

Kind.

Das Bild war etwas vorgebeugt und blickte gerade hinab in die

Thalschlucht. Das Bild war den Bewohnern der Hütte der Hausaltar, zu

dem sie gerne beteten. Die Leutchen konnten nicht daran denken, daß die

sonderbare Felsstatue vielleicht Jahrtausende vor der Erwartung des

Erlösers und der Geburt Mariens hier oben in den Stürmen der Urzeit

gestanden haben mochte.

Nun aber war an dem Felsenbilde noch eine andere Merkwürdigkeit. Zur

frühen Morgenstunde, wenn es oben in den hohen Wänden graute und

sich die Tafeln sanft zu röthen begannen, klang von dem Marienbilde

ein Ton herab wie das ferne Läuten einer Glocke. „Die Himmelschöre

singen Unserer lieben Frauen den englischen Gruß,“ sagten da die

Hüttenbewohner, und erhoben sich von ihrem Lager und beteten.

Der Ton kam von einer Spalte, welche zwischen dem Throne und dem

Marienbilde klaffte und durch welche der Morgenwind blies. Das war

nicht seit ewigen Zeiten so, erst seitdem die Hütten waren zugrunde

gegangen im Felsenthale, sangen die Chöre.

Sollten aber nicht immerdar so singen und läuten. Da kam nun ein Sommer

und ein Herbst, in welchem das liebliche Klingen der Aveglocke in ein

tiefes Dröhnen und in ein klägliches Stöhnen übergegangen war.

„Hans,“ sagte da die Hilda einmal, „die Engel läuten nimmer. Was ist

Unserer lieben Frau angethan, daß sie so bitterlich thut weinen?“

„Wohl, das hab’ ich auch schon bedacht,“ antwortete der Hans, „ich hab’

herumgesucht in meinem Gewissen, bin wohl recht sündig, aber dasselb’

kann ich sagen, schlechter bin ich nicht, wie eh’ vor Zeit. Leicht hab’

ich mein Bübel zu gern und thu’ es in allzu großer Lieb’ verderben.“

„Etwa ist es meines Vaters arme Seelen, die so thut weinen,“ meinte das

Weib, „ich will neun Tag’ fasten und das Essen der blinden Bachwabi

hinausschicken in das Waldland.“

Sie that das Buß- und Liebeswerk, auf daß ihr ermordeter Vater erlöst

sein sollte, aber das Marienbild oben weinte und weinte.

Da sagte die Hilda einmal, am Ende sei gar die Zeit nahe, in welcher

nach Prophezeiung der Vorfahren der Drache wieder hervorbreche, der in

irgend einer Höhle der Felsen lauere.

An das dachte Hans nicht, obwohl der klägliche Ton von dem Bilde, der

zur Morgenfrühe und gar zuweilen auch mitten in der Nacht zu hören war,

ihm eine tiefe Besorgniß verursachte. Oft, wenn er nach der Tageslast

im Schlummer ruhte, oder ein liebliches Bild aus Kindeszeiten träumte,

erwachte er plötzlich und hörte das schauerliche Weinen.

Und eines Tages, da stieg der Hans die Halde entlang und kletterte

hinan bis zu dem Felshorn, und an demselben empor, so weit es ging,

und prüfte das Gestein. Die Hilda stand vor der Hütte, hielt die

flache Hand über die Augen und blickte hinauf. Wie wenn über den Arm

der Mutter Gottes und über dem Haupte des Jesuskindes eine Fliege

krabbelte, so war von dieser Ferne ihr Mann zu sehen.

Als der Hans hierauf wieder herabkam zur Hütte, war er sehr schweigsam.

Er setzte sich zur Wiege seines Kindes und wiegte. Er sagte dabei kein

liebkosend Wort wie sonst; er sang kein Liedlein. Still und schier

wehmüthig blickte er den lächelnden Kleinen an. Der Jok grinste zum

Fensterchen herein und kicherte und that unverständliche Laute. Der

Hans glaubte ihn zu verstehen und reichte ihm ein Stücklein Brot durch

das Fenster.

Aber nicht Brot wollte der Jok, viel lieber an der Wiege wollte er

sein; allweg wollte er das Büblein tragen und herzen.

Das Weib saß am Herdwinkel und sonderte in Körben die gesammelten Pilze

und Kräuter, die für den Winter bereitet waren.

Als sie lange so still gesessen waren, sagte der Hans halblaut: „Da

oben schaut’s nicht gut aus. Mein Großvater hat oft erzählt, er hätte

nicht einmal seine flache Hand in die Felsenspalte legen können. Mein

Vater hat schon leicht die Faust hindurchgebracht, und jetzt --“ der

Mann brach ab, das Weib ließ die Hände in den Schoß sinken und blickte

ihn fragend an.

„Jetzt,“ fuhr er endlich fort, „das muß schon ein flinkes Gemslein

sein, will es die Spalte übersetzen.“

Die Hilda war bei diesen Worten rasch aufgestanden und hinaus zur Thüre

gegangen. Bald kam sie zurück und setzte sich schweigend an die Arbeit.

* * * * *

Es kam der Herbst. Stetig rieselte der Bach hin über die Sandfläche;

er hatte hier stellenweise Schluchten gerissen, Felsblöcke

angeschwemmt, als wollte er ein neues Gebirge gründen im Thale. Im

Sande funkelten hier und da winzige Sternchen, als hätten treue Körner

die Sonnenstrahlen von den lichten Höhen mit herniedergebracht in

die ewigen Schatten. Ein Wassersturz rauschte in einer der hinteren

Schluchten. Der Jok stand zuweilen am Bache und sah hinein, und

wunderte sich vielleicht, daß ewig das alte Wasser und doch ewig ein

neues -- und wo es denn herkommt, und wo es denn hingeht? Er lachte die

Wellen aus. Dann legte er sich auf den Sand und starrte schnurgerade in

den blauen Himmel hinein, so viel er davon zwischen den Berghäuptern

sehen konnte. Dann lachte er wieder. Sagte die Hilda einmal: „Der Narr

lacht und weiß es nicht, warum.“

„Wenn er nur lacht,“ antwortete der Hans, „der gescheidteste Mensch auf

der Welt kann nichts Besseres thun als lachen.“

Freilich, der Hans selber lachte selten.

Es kam der Winter. Oben in den Felskanten und durch die Schluchten her

brausten die Stürme. Es toste und wogte und stöberte in den Lüften, und

die grauen Felswände ragten in den Nebel hinein. Es sauste der Wind

um die Ecken der Hütte und er winselte an den Fensterchen; aber die

Töne des Marienbildes waren verstummt. Alle Spalten und Schründe waren

gefüllt mit Schnee. Kalte, trockene Luft rieselte nieder von den Mulden

der Wände, und mit ihr manches Steinchen, das nicht just festgefroren

war. An den steilsten Sandriesen hielt sich kein Schnee.

In der Hütte war Dämmerung und die längste Zeit Nacht. Das Herdfeuer

knisterte, die Spanlunte im Eisenhaken flackerte und wollte nimmer

ruhig brennen. Warm und trotz aller Einsamkeit traulich war es in dem

Stübchen. Die Hilda pflegte ihr Kind; sie sagte ihm Worte von dem

Vater, der für sie im Waldlande arbeite und allfort sein Kindlein

liebe. Sie sagte dem Kleinen Worte von Gott Vater, der im Himmel lebe

und seine Englein sende, daß sie den Vater auf Erden beschützten.

Da lächelte das Kind zu den Worten; und schloß es die Aeuglein, so sah

es selbst den Himmel und Gott Vater darin, und die Englein flogen an

den goldenen Felswänden hin und her.

Der Mannbruder pflegte stets die Ziegen und erzählte ihnen in seiner

Weise seine Freude und sein Leid, wie er’s empfinden konnte. Die Ziegen

nahmen Theil an Allem und gaukelten ihm mit ihren Hörnern vor und

beleckten seinen Hals. Das that dem guten Burschen gar wohl.

Der Hans war im Tagelohn und half Holz schlagen draußen in den

Herrschaftswäldern. Er wollte am liebsten Tag und Nacht arbeiten und

immer ein doppeltes Tagewerk machen; er wollte sich ein Häuschen

erwirthschaften im Walddorfe, wo kein grauenhaftes Felsgebilde ewig

drohend schwebe über dem Scheitel seiner Familie.

Wie karg ist der Tagelohn im Walde, und jede Woche nur einen einzigen

Stein, nur einen einzigen Baum zum neuen Heim konnte sich der Hans

erwerben. Am Sonnabend, wenn er sich durch die Eisschluchten und

Schneewehen seinem Felsenthale zukämpfte, that er immer einen scheuen

Blick hinauf zum Frauenbilde am Hang über seinem Hause. Freilich war

es da häufig schon dunkle Nacht und er konnte es nicht sehen, wie sich

„Unsere liebe Frauen“ immer mehr und mehr von ihrem Throne nach vorn

neigte.

„Es ist zum Erbarmen, Hilda, wie Du die ganze Woche in der Einschicht

bist,“ sagte der Hans einmal.

„In der Einschicht bin ich nicht,“ versetzte das Weib, „ich hab’ das

Kind, und der Jok thut uns hüten. Gieb Du nur Acht im Walde, daß Dich

kein Baum mag letzen, und die Stege sind auch so vermorscht, gehst Du

aus und ein in den Schluchten.“

„Warte nur, Hilda, zur Auswärtszeit (im Frühling) über’s Jahr heb’ ich

an mit dem Hausbau; hernach leben wir draußen im Dorf bei den Leuten.“

Als ob er’s verstanden hätte, so jauchzte jetzt der Kleine und zappelte

mit den Füßchen. Gar dem Weibe selbst zitterte das Herz; so klagend,

sehnend, so eigen waren die Worte gesprochen -- -- -- und leben bei den

Leuten!

Es kam der Frühling. Wochenlang blies der Föhn und von den

Bergschluchten hervor kam der „Maibrunn“, wie die Schneewässer des

Frühjahres geheißen werden. Eine Schneelawine um die andere fuhr nieder

von den Karmulden der Berge und begrub die größten Bäume unter ihrem

Schutt.

Zur selben Zeit verfolgte der blöde Bursche ein Gemslein. Es war

niedergestiegen bis unter das Muttergottesbild und nagte dort an

einigen Fichtenreisern. Dann erhob es seinen Kopf, daß die krummen,

scharfen Hörnchen gar nach rückwärts standen, und lugte herab auf das

Hüttendach, unter welchem es die Ziegen meckern hörte. Es wollte ihm

schier einsam werden zwischen den Schneelehnen und Felsen, es wollte

niedersteigen zu Genossen. Das sah denn der Jok, und rechtschaffen

flink, wie wenn er selbst eine Gemse wäre, kletterte er hinan, um das

Thier heimzuholen. Es war nicht das erste, das er auf diese Weise

heimgeholt hatte, und die Thiere mochten sich denken: der Jok da, der

ist gut, der gehört mehr zu uns als zu den mörderischen Geschöpfen, die

auf zwei Füßen gehen; der Jok, der thut uns nichts.

Und der Jägersmann hinwiederum durfte dem Jok nichts thun, holte sich

dieser auch manches Stück Wild; denn was man mit den Händen fängt in

der Wildniß, das verschreibt Gott dem Erwerber zu eigen.

Heute aber machte das Gemslein, als es den Burschen gewahrte, lange

Füße die Lehne hinan; das Thierchen gestand es ja zu: der Jok mag ein

ehrlicher Kerl sein, aber es traute nicht; wollte man es wirklich für

den Ziegenstall oder vielleicht gar zu etwas weit Unerquicklicherem?

Wer konnte es wissen!

Die Gemse war fort und der Jok stand oben beim Felshorn und starrte

verdrießlich drein. Zuletzt kletterte er auf den Felsen, wie er es von

seinem Bruder einmal gesehen hatte, und guckte durch die klaffende

Spalte, in welcher Schnee und Eis und niedergebrochene Steine lagen.

Er guckte eine lange Weile, und legte dabei den Kopf auf die rechte

Achsel und auf die linke, und er röchelte und ballte die Fäuste zuletzt

und war glühroth im Gesicht.

Als er hierauf zurückkam in’s Thal, wich er der Schwägerin aus; sie

sollte es nicht merken können in seinen Augen, was er oben gesehen.

Wozu der Schreck und die Angst, wenn die Sache verhütet wird? Er

schlich in den kleinen Bretterschuppen, nahm Scheiter und Balken und

eine schwere Axt, trug sie hinan auf den Hang und schlug die Blöcke

durch Schnee und Gestrüppe in die Erde.

Was mag dem Jok wieder eingefallen sein? dachte das Weib bei sich, aber

sie ließ den Burschen gehen und schaffen. Es wurde Abend, die Ziegen

meckerten im Stalle; wo denn heut’ der Jok sei? Gar das Büblein in der

Wiege ließ klug seine Aeuglein lugen, wo denn der Jok sei, der sonst

gern daneben saß und mit den kurzen dicken Fingern Schattenspiele und

sonst allerhand Schwänke mache, daß es recht zu lachen war. Der Jok war

oben am Hang; die Hilda sah ihn nicht in der Dunkelheit, aber sie hörte

die Schläge auf die in den Boden zu treibenden Blöcke. Die Schläge

hallten in den Felsen, und als die Hilda rief: „Jok!“ so hallte es

wieder nur in den Felsen, und das Pochen da oben währte die ganze Nacht.

* * * * *

Wanderer, die in das Walddorf kamen, erzählten, daß draußen in den

weiten Thälern das Getreide schon hoch in Aehren schieße und die

Apfelbäume blühten. Im Hochgebirge aber brausten die fahlgrauen,

reißenden Fluthen des Wassers, und sie wälzten Eisstücke und Bäume und

Steinblöcke aus den Schluchten. In den Schutthalden war es lebendiger

als je; in die Mulden sickerten immermehr die Schneelasten der Kare

und Schründe zusammen, und Wässerlein rieselten von allen Hängen in

zitternden Schleierfällen, bis die ungeheuren Schneelasten in den

Mulden in’s Schieben und Rutschen kamen und mit einem gewaltigen

Donnern, Alles vor sich niederwerfend und mitwälzend, in die Tiefen

fuhren.

Da hielten die Holzschläger draußen im Waldland ein bei ihrer Arbeit

und horchten dem dumpfen Gedonner, das hier und dort durch die

Felsschluchten brandete und an den hohen Wänden widerhallte.

Und an einem milden, leuchtenden Maitag war’s. Der Hans hatte am

selbigen Morgen unter vermorschtem Gefälle das erste Vergißmeinnicht

gesehen und es gleich auf seinen spitzigen Hut gesteckt. -- Es

knatterte da, es donnerte dort, aber das Waldland war sicher, und

die Vöglein haben nie fröhlicher gesungen als an diesem Maitag.

Gegen die Mittagsstunde hin erhob sich im Gebirge ein Krachen und

Dröhnen, von allen Mulden stürzten Schnee- und Erdlawinen nieder,

manche Felszacke löste sich von ihrem Grund, manches Gemslein wurde

begraben in Schnee und Schutt, und aufgeschreckt von dem wüsten Lärm

flatterten grauschimmernde Habichte und Steinadler durch die Luft und

schwammen dem ruhigeren Waldlande zu. Wie lichtgraue oder bläulich

schmutzige Ströme, sich untergrabend und überstürzend, in breiten,

wogenden Tüchern oder in schmalen, schlüpfenden Schlangen, glitten

die Lawinen nieder. Kein Baumwall hielt sie auf, die hundertjährigen

Stämme brachen, ehe die Lasten noch kamen, blos von dem Drucke des

Sturmhauches; nur an mächtigen Felsnasen schäumten die Schneewogen

empor, daß das ganze Kar in eine Staubwolke gehüllt war; aber weiter

unten sammelten sie sich wieder und fuhren mit eherner Gewalt unter dem

Beben der Vesten dem Abgrunde zu.

Da blieben im Waldlande die Wildbäche aus, aber nur für kurze Zeit,

bald hatten sie die Hochwälle der Lawinen durchbrochen und überfluthet

und kamen nun wie Ungeheuer herangewogt mit Schutt und Eisblöcken, und

Holzstämmen und Felsmassen.

Die Holzhauer schüttelten die Köpfe; das ist ein schlimmer Tag! --

Etwan ist im Felsgebirge der Drache losgeworden!

Der Hans hatte lange ruhsam Scheiter gespalten und sich gedacht: ’s ist

eben böse Auswärtszeit, aber über’s Jahr heb’ ich an in Gottesnamen,

und im Dorfe ist keine Gefahr mehr, und bislang wird die liebe Frauen

schon Hüterin sein. -- Als aber das Getöse ärger wurde, da lehnte er

die Axt aus der Hand und horchte; und endlich, als die Erde zu beben

anhub von den tobenden Gewalten im Gewände, da that der Hans plötzlich

einen großen Sprung und eilte über Stock und Stein hin gegen sein

Felsenthal.

Schuttwälle und Gießbäche schnitten ihm oft den Weg ab, dann starrte er

zuweilen in die Fluthen und vermeinte in den heranwogenden Holzblöcken

Theile von seiner Hütte zu erkennen. Das Donnern auf den Höhen und

das Tosen in den Tiefen wollte ihn betäuben, aber die Hutkrempen tief

über die Ohren gedrückt und mit halb geschlossenen Augen wand er sich

ruhelos weiter bis zu dem schroffen Felsenthore, das in sein kleines

Thal mündete. Er bog um die Wand, er sah in den Felskessel -- da

wollten ihm plötzlich seine Füße und sein Athem versagen. Er sah am

Hange das Frauenbild nicht mehr. Eine ungeheuere Sandriese ging nieder

von den höchsten Gewänden und schnurgerade der Stelle des kleinen

Hauses zu. Und das Haus stand nicht mehr da.

Der Hans stand, als wäre er selbst ein Steinbild geworden.

Erst nach einer Weile begann es wieder zu zucken und zu zittern

in seiner Brust. Wie verloren wankte er dahin -- er suchte die

zerschmetterten Leiber der Seinen, er suchte die Trümmerstätte seiner

Heimat.

Auf dem Platze, wo das Häuschen gestanden, lag ein Berg aus Schnee und

Schutt still und starr, als ob er in Ewigkeit so dagelegen wäre. Aus

ihm hervor ragte das niedergebrochene, kantige Felshorn.

Daneben hüpften ein paar Ziegen auf und ab und meckerten. Aber an dem

Schuttberg in der Tiefe nagte schon der Wildbach, und jenseits des

Wildbaches -- der Hans fuhr sich mit beiden Händen über die Augen, er

träumte doch nicht, er stand ja mit wunden Füßen im Gestein -- aber

jenseits des Baches stand sein Häuschen.

O Gott, da dachte der Hans wohl an keine Gefahr, er setzte über

Gefelse, er sprang durch die Fluthen, er stand vor seiner Hütte. Sie

war ein wenig schief und verschoben und einige Balken waren geborsten,

aber sonst war sie unversehrt. Die Thür war offen.

Den Athem an sich haltend, trat der Hans ein. Die Hütte hatte kein

Flötz (hölzerner Fußboden) und keinen Herd, und keinen Ofen mehr, nur

die in sich zusammengefügte Zimmerung stand da. Und siehe, an der Wand

kleppte das Wiegenbettchen, und darin schlief, sorgsam verhüllt und

eingeschichtet, das Kind. Es erwachte nun vor dem hellen Schrei, den

der Mann ausstieß; da faßte der Hans den Knaben in wildem Ausbruche des

Gefühles und preßte ihn derb an seine Brust; den Gewalten der Elemente

entgangen, wäre der Kleine schier von der Liebe des Vaters erdrückt

worden.

Bald aber ließ der Mann das Kind wieder auf das Bettchen sinken, und

sein Auge starrte, und seine Wangen erblaßten. Dort hinter der Thür,

sich noch fest an einen Balken klammernd, kauerte sein Weib. Hilda war

unversehrt aber -- leblos.

So hatte es der arme Hans gefunden.

Hierauf kamen die Leute des Waldes zusammen, um das Wunderbare zu

sehen. Jeder gab sein Erachten ab, wie das geschehen sein mochte. Viele

meinten wieder, es sei der Drache endlich losgebrochen aus seiner Höhle

und habe das Unheil angerichtet. Andere glaubten, daß das Häuschen

und das Kind erhalten geblieben, sei ein Mirakel von dem steinernen

Marienbilde, das jetzt im Lawinenschutte begraben lag. Ein alter Hirte

sagte, nach seiner Meinung sei es so geschehen: Von den hohen Mulden

sei eine große Lawine niedergegangen, habe das schon lockere Felshorn

mit sich fortgerissen und sei ihre gerade Straße weitergefahren.

Daraus habe sich nun ein mächtiger Luftdruck entwickelt, welcher der

Lawine vorausgeströmt sei und das Häuschen durch einen plötzlichen

Ruck an das jenseitige Ufer gesetzt habe. Das Kind sei wahrscheinlich

durch die Wände geschützt gewesen, das Weib an der offenen Thür aber

durch den Luftdruck erstickt worden. Es hätte sich bei Lawinenstürzen

schon mehrmals auf ähnliche Weise zugetragen; der Luftdruck bei großen

Abrutschungen vermöge ja ganze Urwälder vor sich niederzuwerfen und die

größten Bäume und Felsklötze über tiefe Abgründe zu schleudern.

Die Leute sagten, es werde schon so gewesen sein, und gingen

auseinander.

Der arme Hans blieb bei seinem todten Weibe und bei seinem lebendigen

Kinde in der Hütte. Oft ging er vor die Thür hinaus und rief nach dem

Jok. Die Ziegen kamen herbei und blickten ihn mit ihren eckigen Augen

an: sie wüßten auch nicht, wo der Jok sei.

Wenn dann der Knabe schlief, saß der Hans still und einsam in der

Hütte. Die erblindeten Glastäfelchen an den Fenstern waren nicht

zerbrochen; der Hans betrachtete die dürftigen Zeichen der Vorfahren.

Kreuze und Herzen, von sonst haben auch die Alten nichts gewußt, und

dieses Erbe haben sie allen Nachkommen im Felsenthale hinterlassen.

Nach zwei Tagen kamen die Leute des Waldes wieder zusammen und trugen

das Weib des Holzers fort aus dem Hause unter den Wänden und hinaus

durch die Felsschluchten auf den kleinen Gottesacker des Walddorfes.

Hans stieg hierauf tagelang in dem Felsenthale umher und suchte seinen

Bruder.

Er fand ihn nicht. Da schloß er sich einzig und ganz an seinen Knaben.

Im Waldlande, in der Nähe der Holzgeschläge, in welchen der Hans

arbeitete, haben sie sich aus dicken Baumrinden eine Klause gebaut.

In dem unwirthlichen Felsenthale hatten sie nichts mehr zu suchen.

Drei Jahre nach dem Naturereignisse, im Hochsommer, verschmolzen und

verschwemmten die letzten Reste der niedergestürzten Schneelawine, und

da fanden sich neben dem zackigen Felshorn im Schutt halb begraben die

Gebeine des armen Jok. Neben ihm lag noch die Axt und ein zugespitztes

Scheit, und der Block, mit dem er in den letzten Tagen vor dem Unglücke

an dem Hang Pfähle in den Boden getrieben hatte. Die treue Seele hatte

das drohende Unheil geahnt und wollte durch solche Schutzpfähle das

Haus des Bruders noch retten. Da sind die wilden Gewalten, die keine

Lieb’ erkennen, über das Bruderherz hingefahren.

Im Felsenthale wächst heute kein einzig Hälmlein mehr -- Alles

Schutt und Gestein. Von dem letzten und einzigen Hause haben tosende

Gießströme längst die letzten Reste davongeschwemmt, und an den

Hochmulden steigen immer tiefer und tiefer die Gletscher nieder.

So sind aus diesen verlorenen Schründen die letzten Menschen verdrängt

worden. Im Waldland draußen lebt heute noch der Hans als alter Mann.

Er lebt still in sich und ist ergeben; nur im Frühjahre, wenn im

Hochgebirge die Lawinen stürzen, hebt er an zu zittern und umfaßt

seinen Sohn mit beiden Händen.

Sein Sohn, nun, das ist ein hübscher kräftiger Bursche geworden; vom

frühen Morgen bis in die späte Nacht arbeitet er im Walde. Aber der

Hausbau im Dorfe ist heute noch nicht begonnen. In der Dürftigkeit

muß auch der junge Holzer sein Leben verbringen, darf vielleicht gar

sein Herzenslieb nicht freien, weil er kein Daheim hat. Wen soll er

darob anklagen? Etwa die hohen Berge? Er ging einmal von ihnen fort

in’s Flachland hinaus, aber die bösen, die lieben Berge, sie zogen ihn

zurück und grüßten ihn wieder mit ihrer Mühsal und Gefahr.

Wenn der Bursche daran denkt, wird es ihm manchmal schier krampfig im

Herzen. Aber hinschleudert er den Gram, daß er in die Tiefe fährt wie

eine Schneelawine, und hell aufjauchzt der Mann, daß es im grünen Walde

und in den sonnigen Hochwänden des Gebirges vielfach widerhallt.

[Illustration]

Das Viktel.

(Eine Hofgeschichte.)

Die Hofgeschichte beginnt mit demselben Hofe, auf welchem es an diesem

Sonntage so geruhsam und still ist.

Man heißt ihn den Leeshof.

Die Musik klang nicht herüber vom Breitegger-Wirthshause, denn es lagen

drei Berge dazwischen. Die Musik wurde dort im Thale aufgefangen von

hundert leblustigen Menschen und frischweg vertanzt und verstrampft.

Kirchweih- und Erntefest zugleich -- da waren Alle dabei, um Gott zu

danken in Lust und Jubel, und der Wirth goß Wein dazu.

Im Leeshofe war es das Viktel, welches haushüten mußte. Das Viktel

hatte nichts gesäet und nichts geerntet, was soll es beim Tanz? Sie

war erst neunzehn Jahre alt, ein Waisenkind ohne Kalbslederschuhe und

ohne Liebhaber -- was soll sie beim Tanz? Oder -- sie wird doch nicht

etwa so verdorben sein und einen Liebsten haben wollen, und sich von

ihm Wein und was Warmes zahlen lassen, und mit ihm walzen wollen bis

tiefnächtig?! Also, was soll sie beim Tanz?

Sie sitzt im leeren Hause allein in der Meierstube auf einem

Betschemel, und die Sitzbank ist ihr Tisch, da bessert sie säuberlich

ihre Werktagskleider aus und denkt so dabei an die vergangenen Zeiten,

und draußen rieselt der Brunnen. Auf den weiten Feldern um den Hof

stehen in langen Reihen hin die Garbenschöberchen des geschnittenen

Kornes, weiter hin stehen zwischen grünen Gründen weißstämmige

Birkenwäldchen bis an den Wockenberg, der sich breit und waldig erhebt,

sich in dunkle Schluchten faltet und hoch zu Häupten eine kahle

Felsenzinne trägt, welche eine große Fernsicht bietet und von vielen

Touristen bestiegen wird. Heute ragt der Berg still, denn Alles, was

jodeln und jauchzen kann, ist im Wirthshause zu Breitegg. Die Sonne

scheint warm und hold vom nachmittägigen Himmel herab und die Vögel

haben Feierabend gemacht.

Und die Viktel saß mitten in der Welt und nähte. Den falben Hanfzwirn

hatte sie mit Pfannenruß gefärbt, weil die Joppe grau war, und ihre

nußbraunen Augen waren feucht geworden, weil sie an traurige Sachen

sann. Sie dachte an ihrer Mutter Sterben. Es war ja heute derselbige

Tag wie vor einem Jahre -- dazumal ist’s der Samstag gewesen. Die

betagte Magd hatte noch die Garbe herausgeschnitten aus dem wallenden

Korn. Dann setzte sie sich plötzlich auf die Garbe und rief: „Viktel,

geh’ geschwind ein wenig her!“ Die Tochter steckte die Sichel in das

Gehalme und kam herbei. -- „Viktel,“ sagte die Magd und nahm sie hastig

bei der Hand, „Viktel, Dir mag nichts an auf der Welt, Du kannst

arbeiten und bist leicht zufrieden. Nur eine Gefahr stellt Dir nach.

Meine Mutter hat’s oft und oft gesagt, unser armer Stammen hätt’ so

viel heißes Blut -- thät’ das Leben verbrennen und oftmalen auch die

ewige Seligkeit. Viktel, das Mannerleut’ Gernhaben! hüte Dich und laß

Dich nicht verführen. -- Jetzt wird’s mir ganz blau vor den Augen -- --

Kind! -- wo bist denn? -- Kind!“

Da schrie das Viktel schon nach Hilfe, bis die Schnitter alle

zusammenliefen -- aber der ~ewige~ Schnitter hatte den Menschenhalm

geknickt....

Das Mädchen ließ jetzt die Nadel ruhen, legte die Hände gefaltet in den

Schoß und betete ein Vaterunser.

Und während diese Ruhe war, verstummte draußen plötzlich das Rieseln

des Brunnens. Das Viktel blickte durch’s Fenster hinaus und erschrak.

Am Brunnen lehnte, mit einer Hand den Ständer umarmend, mit der andern

sich auf den Rand des Troges stützend, der Graber-Schorsch und trank an

dem hervorsprudelnden Quell. Das Mädchen schlich auf den Zehenspitzen

rasch zur Hausthür und schob den zweiten Riegel vor und duckte sich

an den Fenstern, daß sie der Mann, der draußen war, nicht bemerken

konnte. Vor dem Graber-Schorsch verschlossen sich die Häuser; er betrat

nur solche, deren Thüren er erbrach. An die vierzig Jahre mochte er

alt sein, an die zwanzig war er im Arrest gesessen. Diebstähle und

Einbrüche leugnete er nicht, denn er war zu verkommen, um darin ein

Unrecht zu erkennen. Auch der Mutter des Viktel hatte er aus dem

Bettstroh einst das wenige Silbergeld fortgenommen, welches sie von

ihrem Vater für das Kind überkommen hatte. Er leugnete es nicht, aber

er gab es nicht zurück, weil er es verspielt und vertrunken hatte, er

saß es ab, und das Land bezahlte sein Sitzen und die Dienstmagd hatte

nichts. Nur eines einzigen Raubmordes konnte er überwiesen werden,

und den entschuldigte sein Vertheidiger mit Hunger und Noth und

mangelhafter Erziehung und mit Dingen, die sich in solchen Fällen eben

gar so schön sagen lassen. So ging der Graber-Schorsch seit einigen

Wochen wieder frei herum und suchte Brot und Unterstand, wurde aber

überall abgewiesen. Wie er zu dem respektirlichen Anzug kam, den er

trug und in welchem er einem Förster ähnlich sah, wurde von den Leuten

wohl besprochen, aber nicht näher untersucht. Die Haare waren heute gut

geschnitten, der Backen- und Kinnbart glatt rasirt, der Schnurrbart

in Hörnchen aufgedreht. Es war ein großer, sehniger Mann, die lange

Rast im Arreste hatte seine Glieder behender gemacht, als sie etwa in

mühevoller Arbeit geworden wären.

Als er sich in einem langen Zuge satt getrunken hatte, schien er auch

etwas zu Essen haben zu wollen. Er schritt zur Thüre und rüttelte. Dann

schlich er spähend um’s Haus, lugte zu den Fenstern hinein und prüfte

mit Kennerauge die Vergitterungen. Das Viktel hatte sich aus Angst in

den dunkelsten Winkel gekauert und sann auf allerlei Mittel, dem Hause

zu entkommen und in der entfernten Nachbarschaft Hilfe zu suchen. Denn,

daß die Leute vor Abend vom Tanzfeste nicht nach Hause kehren würden,

das wußte sie.

Als der Graber-Schorsch das Einsteigen in’s Haus aufgegeben zu haben

schien, blickte er eine Weile in die Richtung gegen Breitegg hin, wo

das Wirthshaus war. Dann zog er eine große Brieftasche aus dem inneren

Rocksack, durchsuchte alle Fächer, und da er sie leer fand, schleuderte

er die Tasche mit einem Fluch zu Boden. Hernach setzte er sich auf eine

Bank und sah das Haus an. Als er eine Weile so gesessen war und wer

weiß was ausgesonnen hatte, kam des Feldweges ein Fremder heran. Ein

junger, schlanker Mann, im Anzuge des Aelplers, aber mit einem zarten

Angesichte, auf welchem das Gebirgswetter nicht viel zu verspüren war.

Die Brauen und Wimpern der großen, blauen Augen waren so scharf, daß

es gar dem Viktel, welches an einer Fensterecke herauslugte, auffallen

wollte. Das Haar wucherte in halbgeschnittenen Locken unter dem

Jägershute hervor und verlor sich an den Backen herab in einen zarten

Flaum. Ein dunkles Schnurrbärtchen umrahmte weich die vollen, rothen

Lippen, und die Hände waren so fein und weiß wie die des Herrn Kaplan

zu Breitegg, nur noch kleiner. Dieser hübsche „Jägersmann“, der aber

kein Gewehr bei sich hatte, sondern ein leichtes Spazierstöckchen, ging

rasch auf den Graber-Schorsch zu und fragte, ob hier nicht ein Führer

zu haben sei auf den Wockenberg.

Der Schorsch stand auf, musterte den Fremden mit unstetem Auge und

antwortete: „O ja.“

„Wie lange Zeit braucht man von hier bis zur Höhe?“

„Drei Stunden.“

„Gut,“ sagte der Fremde, „so kann man bis Sonnenuntergang bequem oben

sein, und auf dem Rückweg leuchtet der Mond. Der Führer trägt mir das

Seitentäschchen hier, dann wünsche ich einen Bergstock. Ich bin nur für

einen Landritt eingerichtet und für die Partie etwas unvorbereitet.

Allein, da ein so schöner Abend zu werden verspricht --“

„Werden das Nöthige schon finden,“ sagte der Schorsch und streckte

seine Hand nach der Tasche aus, ohne dem Fremden in’s Gesicht zu sehen.

„Wollt Ihr selbst mit mir gehen?“

„Ja,“ murmelte der Schorsch.

„Ihr seid wohl der Besitzer dieses schönen Gehöftes?“

„Geht mich nichts an. Wenn der Herr wünscht.... den Stock schneide ich

im Walde.“

Die Beiden gingen weiter -- der Graber-Schorsch voran, der junge Fremde

hinten d’rein.

Das Viktel stand hinter dem Fenster und zitterte. Sie hatte jedes

Wort vernommen, sie hatte dem Fremden in’s Gesicht geschaut so lange,

bis derselbe plötzlich seinen Blick gegen das Fenster hin wandte; am

schimmernden Glase prallte dieser Blick zurück, und doch schoß er wie

ein Blitz in das Herz des Mädchens, dem es heiß bis in alle Finger- und

Zehenspitzen fuhr...

Eine Weile war sie wie betäubt dagestanden, dann sprang sie hin, riß

die Thür auf und eilte den beiden Männern nach. Erst draußen auf

freiem Stoppelfelde holte sie dieselben ein. Der Schorsch schleuderte

ihr einen wilden Blick zu, aber sie griff nach der Hand des Fremden,

daß dieser still stand und fast erschrocken war vor dem schönen,

blondlockigen Mädchen, das so plötzlich neben ihm stand.

„Halt’ mir’s der Herr nicht für übel,“ sprach sie heftig athmend,

„kennt Ihr ihn nicht?“

„Wen, mein Kind?“

„Den da!“ sie streckte ihren Finger gegen den Schorsch aus und rief:

„Zu tausend Gottes Willen, Herr, mit ~dem~ geht nicht auf den

Berg!“

„Du Luder, Du verdammtes!“ knirschte der Schorsch und wollte über das

Mädchen herfallen.

„Halt!“ rief der Fremde und stieß ihn zurück; da fuhr der Andere

wuthentbrannt in sein Kleid, im nächsten Augenblicke knallte ein

Pistolenschuß und der Graber-Schorsch floh in wilden Sprüngen hin gegen

das Birkengehölze. -- Als der Rauch verflogen war, stand der Fremde

todtenblaß, so daß das Mädchen aufschrie: „Heiliger Gott, hat er Euch

was gethan?“

Er war heil, aber ihr war der Aermel zerrissen und sie blutete am Arm.

Als der Fremde das sah, riß er sein Halstuch los, um die Wunde zu

verbinden.

„Na freilich, als ob’s was wäre!“ rief das Mädchen, „laßt’s ein

wenig bluten, ist gut für das Kopfweh. -- Aber so ein Lump da! Ja,

gleichschauen thut’s ihm -- der hat schon Leut’ umbracht! Schaut, da

ist eine Brieftasche, die hat er früher weggeworfen. Ich will was

Schlechtes heißen, wenn das nicht ein Blutflecken ist da d’rauf!“

Selbstverständlich, die Partie auf den Wockenberg war aufgegeben. Der

Fremde kehrte mit dem Mädchen zum Hofe zurück, dort setzte er sich

an den Kopf des Brunnentroges und mußte trotz ihres Sträubens die

Wunde sehen, und legte ein schneeweißes Taschentuch darüber, daß kein

Tröpfchen mehr hervorfloß. Hierauf stellte er allerlei Fragen an das

Viktel, das mit jeder Antwort verlegener wurde, bis es endlich tief zu

Boden sah und schwieg.

Und als es so war, zog der Fremde ein Ringlein vom Finger, steckte es

an ihre zitternde Hand und sagte: „Wir sehen uns heute nicht das letzte

Mal. Einstweilen trage dieses Kleinod als Andenken an den Mann, dem Du

aller Wahrscheinlichkeit nach das Leben gerettet hast. Ich habe heute

sonst nichts, um es Dir zu lohnen, mein schönes Kind. Gott mit Dir!“

Rasch ging er davon, schritt zum Thale, bestieg sein Pferd und ritt

fürbaß.

Die Leute kamen heim vom Tanze, waren schläfrig, suchten das Bett und

begannen am andern Tag die Woche wie immer. Auch das Viktel arbeitete

wieder auf dem Felde und war die Emsigste und war die Stillste. Zur

großen Verwunderung des Hofes kam ein Arzt aus dem Bezirksstädtchen

angefahren, der sich nach dem verwundeten Mädchen erkundigte und sich

überzeugte, daß der Arm des Viktel fast heil war. Hingegen trug sie den

Herzfinger der linken Hand in einer Binde.

Was ihr daran geschehen sei? fragte sie eine Genossin.

„In die Sichel hab ich närrischer Weise gegriffen,“ antwortete das

Mädchen, „ist aber nichts.“

Da streifte sich beim Garbenbinden zufällig einmal die Hülle vom Finger

und die Genossin sah daran keine Wunde, sondern ein goldenes Ringlein

mit einem funkelnden Steine. So mußte es die Viktel nun wohl gestehen,

daß ihr jener fremde Mann, welchen sie dem Schorsch abgejagt hatte,

einen Ring an den Finger gesteckt, den sie nicht mehr herabbringe. Aber

sie gestand nicht, daß sie fort und fort an den Fremden denken mußte.

So gut und so lieb hatte noch kein Mensch mit ihr geredet, als dieser

Mann. Er hatte mit einer so wunderlich weichen Stimme ihren Namen

ausgesprochen und kein Mensch auf der Welt hat solche Augen wie er;

seitdem sie in dieselben hineingesehen, kamen ihr alle anderen Augen

vor wie von trübem Glase. Sie hatte keine ruhige Nacht; so lange sie

wach war, dachte sie nur an ihn, und als sie schlief, sah sie ihn. Sie

sah es, wie er von dem Graber-Schorsch den Wockenberg hinangeführt,

beraubt und in den Abgrund gestürzt wurde; bei seinem Sturze zuckte sie

auf und erwachte. Dann wieder legte er seinen Arm um ihre Gestalt und

sie fühlte, wie er den Ring an ihren Finger schob.

Ein Knecht war im Hofe, der flüsterte dem Mädchen einmal zu, er habe

gehört, sie bringe den fremden Ring nicht vom Finger. Er wolle ihr ihn

herabziehen. Sie fragte scharf, was ihn ihr Ring kümmere?

„Ah, nichts,“ war die Antwort.

„So gehe weiter!“

Er war abgewiesen.

Da kam eines Tages an die Viktoria Zimmermann eine Zuschrift. In

gar seltsam höflicher Weise, wie man etwa zu einer vornehmen Frau

sprechen mag, wurde sie eingeladen, in die Residenz zu reisen und in

der Schloßstraße Nummer Eins vorzusprechen und ihren Namen zu nennen.

Reisegeld lag dabei, welches fünfmal so viel ausmachte, als was eine

Hin- und Rückfahrt kosten konnte.

„Viktel, Viktel!“ sagten die Leute, „da steckt was dahinter. Du

machst Dein Glück. Es wird vom fremden Mann sein, ganz gewiß. Das war

kein gemeiner Mensch, der Ring ist vom feinsten Gold und hat einen

Karfunkel, der auch in der finstern Nacht, wenn Du die Hand unter der

Decke hast, glänzen muß wie ein Stern. -- Wann fährst denn schon in die

Stadt?“

„Wer hat gesagt, daß ich fahre?“ antwortete sie. „Will wer mit mir

reden, so hat er nicht weiter zu mir, als wie ich zu ihm. Ich geh’

Keinem nach; mir brennt das Geld in der Hand; thät’ ich nur seinen

Namen wissen, daß ich es kunnt zurückschicken.“

„Hast schon recht, Viktel,“ sagte der Leeshofer, „hast ganz Recht, wie

Du denkst. Der Mensch muß sich selber werth machen.“

Und sie ging nicht. Um so größer aber war in ihr die Unruhe; und

es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr immer wieder dem linken

Herzfinger zurieselte und am Ringlein neu erglüht zurücksprang.

Der Graber-Schorsch war seit jenem Sonntage in der Gegend nicht

mehr gesehen worden, doch hörte man, er zöge mit allerlei Strolchen

und werbe eine Bande. Andere wollten wissen, er sei schon wieder

eingefangen worden und man werde ihn ehbaldigst hängen. Am Frauentage

im September auf dem Kirchplatze ging der Gerichtsbote auf den

Leeshofer zu und fragte, ob in seinem Hause nicht eine sichere Viktoria

Zimmermann wohne? Dieselbe habe unverzüglich in die Residenz zu fahren

und sich in der Schloßgasse Nummer Eins zu melden. So stand es auch in

der gerichtlichen Zuschrift, die der Bote übergab.

„Ah so?“ meinte der Leeshofer, „jetzt kann ich mir denken, um was es

sich handelt. Ein Zeugenverhör, gewiß des Graber-Schorsch wegen. Ei ja,

Viktel, da mußt Du freilich gehen, da bleibt nichts Anderes übrig.“

Das Mädchen war innerlich tief enttäuscht. Also nur zu Gericht sollte

sie und aussagen, wie der Schorsch den Fremden führen wollte und auf

sie geschossen hat. -- Und wenn man sie auch des Ringes wegen verhören

wollte? Der geht nimmer vom Finger.

Man wünschte ihr viel „Glück und Gesund“, sie fuhr in die Residenz.

Sie hatte in ihrem Leben noch keine Stadt gesehen, und als sie auf dem

großen Bahnhofe ausstieg und die schwere Pracht um sich sah, und die

Menge von Menschen und Wagen, und den Lärm hörte, da blieb sie stehen

wie eine Bildsäule, schloß die Augen und dachte: „Jetzt, Viktel, jetzt

nimm Dich zusammen.“

Die Schloßstraße erfragte sie leicht, es war die vornehmste Straße,

die mit ihrer Herrlichkeit und mit ihrem bunten Leben mitten durch die

Stadt zog.

„Jetzt möchte ich nur wissen,“ sagte der Mann, den sie sich als Führer

gedungen hatte, „was das schön’ Dirndl in Numro Eins zu thun hat?

Gewißlich den Liebsten aufsuchen, der etwan dort auf der Wacht steht?“

„Ich muß zum Gericht,“ beschied das Viktel, das mit dem rothen

Handbündelchen neben ihm herging.

„Zum Gericht? Ei so, so. Da wirst Dich aber im Weg irren, Dirndl; in

Numro Eins weiß ich kein Gericht.“

„Was ~denn~?“

„Numro Eins ist das Schloß, wo der Prinz drinnen wohnt.“

„Na, sei so gut!“ rief das Mädchen und blieb stehen. Als jedoch der

Führer die Vorladung las, sagte er: „Es ist richtig, Du mußt in’s

Schloß!“

Sie gingen weiter -- das Viktel stets mitten auf der Straße, so daß es

fortweg in Gefahr war, von den Wagen niedergefahren zu werden. Sie sah

und hörte kaum, was um sie vorging; sie dachte nur an das Schloß und an

den Prinzen und an ein Märchen vom Prinzen und der Schäferin, welches

sie von ihrer Mutter gehört hatte. Und sie seufzte auf: „Wer weiß, wie

das mit mir ausgeht!“

Plötzlich weitete es sich und der Führer geleitete das Landmädchen über

einen großen Platz, der mit viereckigen Steinplatten gepflastert war.

Vor ihnen erhob sich ein Palast mit hundert Fenstern und gemeißelten

Figuren an den Wänden und Zinnen. Sie schritten durch das weit offene

Flügelthor eines hohen, vergoldeten Gitters in den innern Hof, wo an

der Pforte die Wache mit aufgepflanzten Gewehren stand, so daß das

Viktel davor erschrak und anfangs glaubte, diese Soldaten stünden da,

um Jeden niederzumachen, der in das Schloß treten wolle. Sie bedankte

sich beim Führer und bezahlte ihn; dann nahm sie ihre Vorladung in die

Hand und hielt dieselbe, langsam vorschreitend, der Wache entgegen.

Die Männer standen da, wie von Holz geschnitzt. Im inneren Thorbogen

erschien jetzt etwas, bei welchem dem Viktel zum Erschrecken und zum

Lachen zugleich war. Ein Mann, der das Gesicht voll Bart hatte und

einen versilberten Pelz trug und einen goldenen Stab mit einem mächtig

funkelnden Knopf in der Hand hielt. Dieser Mann -- das Mädchen war

ungewiß darüber, ob es nicht schon der Prinz wäre, daher machte es

einen tiefen Knix -- besah das Papier und wies das Mädchen über eine

breite Treppe hinauf, die mit einem buntfarbigen Teppich belegt war.

Die junge Dienstmagd aus dem Leeshofe wußte nicht recht, wo man da

gehe, einestheils that ihr der weiche Teppich leid, darauf zu treten,

anderntheils waren an beiden Seiten die Steinstufen so glatt, daß man

ausgleiten konnte. So stieg sie mit einem Fuß auf den Teppich und mit

dem andern auf den nackten Marmor. Ihr Herz pochte heftig, aber sie war

entschlossen, sich durch nichts irre machen zu lassen und aufrichtig

zu sein. Wenn der Mensch -- so dachte sie -- nichts Schlechtes auf dem

Gewissen hat, so kann ihm auch im Prinzenschloß nichts geschehen.

Im Saale trat ihr ein dickes, schwarz gekleidetes Herrchen entgegen,

das eine sehr hohe Glatze und einen kurzgeschnittenen weißen Vollbart

hatte. Sein Gesicht war roth und blatternarbig, seine Nase weidlich

kupfern, aber seine grauen Aeuglein blickten klug und sanft. Er blieb

vor dem Mädchen stehen, setzte die Füße mit den funkelnden Stiefeln

ein wenig auseinander, legte die Arme auf den Rücken und sagte mit

freundlicher, aber immerhin etwas schnarrender Stimme: „Also Sie sind

die Lebensretterin! Die Viktoria Zimmermann aus Breitegg!“

„Ich heiße so und bin aus der Breitegger Pfarr’,“ antwortete das

Viktel, „aber wenn der Herr Du zu mir wollt’ sagen, so wär’s mir

lieber.“

„Kann gern’ geschehen, Du fein’ Mädel,“ lächelte das Herrchen, „und

jetzt komme einmal mit mir da herein; kannst ein wenig Toilette machen,

wenn Du willst, ich werde Dich hernach zu Seiner Hoheit führen.“

„~Was~ soll ich da machen?“ fragte sie, als sie mit ihm in ein

schönes, lichtes Zimmer trat. Plötzlich blieb sie mitten auf dem Boden

stehen und starrte auf ein Gemälde hin, das an der Wand hing. Es

stellte in Lebensgröße das Haupt jenes Mannes dar, der ihr vor ein paar

Wochen den Ring an den Finger gesteckt hatte.

„Meiner Tag!“ hauchte sie, „jetzt was ich derschrocken bin! G’rad wie

lebig! G’rad wie lebig! -- ~Wer ist er denn?~“

„Der da auf dem Bildniß? Den sollst Du ja kennen; hast ihm doch das

Leben gerettet. Deshalb ließ er Dich kommen. Es ist der Prinz.“

„Jesus, Maria und Josef!“ rief sie, „’leicht will er mich heiraten

gar!“ -- Es war ein Aufschrei. Aber der kleine Herr schmunzelte und

streichelte ihre bebende Hand, mit der sie sich an einer Stuhllehne

stützte. --

Eine Viertelstunde später stand das junge Bauernmädchen auf dem

Teppiche des fürstlichen Gemaches. Wohin sie blickte, goldene Pracht,

dazwischen Vasen mit üppigen Rosen und aufrankendem Laubwerk und in

allen Wänden, aus Goldrahmen schauend, sah sie ihr ärmliches Bild. Ihr

war angst und bang. Da erschien der Prinz. Er war in Militäruniform und

hatte an der Brust ein Sternchen. Das sah sie nicht, sie sah nur sein

Angesicht -- es war dasselbe mit dem süßen Blitz des Auges, mit dem

tiefen und weichen Laut des Mundes. Er schritt rasch auf sie zu, faßte

ihre Hand und sagte: „Willkommen! Wir sind ja alte Bekannte, aber Sie

müssen nicht übel von mir denken, mein Kind, daß ich Sie amtlich holen

ließ, sonst wären Sie ja nicht erschienen und ich bin doch so sehr Ihr

Schuldner geworden.“

Sie entgegnete nichts, schlug das Auge zu Boden und nur einmal zuckte

es glühend zu ihm auf.

„Nun erzählen Sie mir einmal,“ sagte der Prinz und machte eine leichte

Geste mit der Hand, wobei er die ihre losließ, „erzählen Sie mir,

Viktoria, wie geht es Ihnen, ist die Wunde am Arm schon ganz heil? Habt

Ihr noch so gutes Wetter zu Breitegg? Ich hoffe, jener Mensch wird doch

wieder in Gewahrsam sein.“

Sie sah ihn fragend an, worüber sie ihm eigentlich zuerst Antwort

geben solle. Aber ohne eine solche abzuwarten, bat er, daß sie in ein

Nebengemach trete, und begleitete sie. Im Nebengemache rauschte eine

junge, schlanke Dame in rosaseidenem Kleide.

„Hier, meine Theure,“ sagte der Prinz zur Dame, „stelle ich Dir das

Bauernmädchen, den Schutzengel Deines Emerich vor!“

„Grüß’ Sie Gott, meine Liebe!“ sagte die Dame mit einem glockenreinen

Stimmchen, warf einen flüchtigen Blick auf die rauhe Hand des Mädchens,

an welcher der Ring funkelte, schritt, die beiden Arme vorstreckend,

auf das Viktel zu, und neigte ihr Haupt leicht gegen deren Wange, daß

es von Ferne aussah wie ein Kuß. „Ich habe Ihnen viel, sehr, sehr viel

zu danken. O, nehmen Sie Platz.“

Blaß, wie eine Sterbende, sank das Mädchen auf einen rothen Sammtsitz;

das hohe Paar richtete die freundlichsten Worte an sie; plötzlich aber

stand sie auf; „ich hab’ da nichts zu suchen,“ hauchte sie und wollte

davon.

Die Dame hielt sie zurück. Dem Prinzen wurde ein Besuch gemeldet. „Ich

sehe Sie noch, meine Gute!“ sagte er, drückte ihr rasch und fest die

Hand und ging aus dem Gemache.

Das arme Mädchen hätte ihm mögen nachrufen: Bleib’, laß’ mich hier

nicht allein! --

„Das, was ich Ihnen schulde, wackeres Kind, ist nicht mit Gold zu

bezahlen,“ sprach nun die Dame, „Sie sind wohl arm, wie Alle Ihres

Standes; Sie haben von mir eine sorglose Zukunft zugute; dieselbe ist

Ihnen durch eine für Sie hinterlegte Summe bereits gesichert. Vor allem

bin ich bewogen, Ihnen den Ring abzulösen, den Ihnen mein dankbarer

Gemahl als Pfand gegeben hat. Nehmen Sie als erstes und heiligstes

Zeichen meiner Erkenntlichkeit dieses Kreuz.“ --

Sie wollte dem Mädchen ein goldenes Kreuzchen um den Hals hängen,

dieses wehrte mit beiden Händen ab und rief: „O Gott, nein! Was brauch’

ich noch voran ein Kreuz, hab’ eh hinten eins.“

Die Dame machte ein Lächeln, weil sie glaubte, die Bauernmagd rede

im Spaß; bei dieser jedoch war es harter Ernst. „Ich bin kein Prälat

nicht,“ sagte sie trotzig, „ich bin eine dienende Dirn und weiß es

gleichwohl, daß es nicht kann sein, aber den Ring, den er mir einmal

hat angesteckt, den geb’ ich nimmer her.“

„Ich bitte zu bedenken, meine Liebe,“ hauchte die Dame, „daß mir gar

viel an dem Kleinode liegt!“

„Mir auch,“ stieß das Mädchen heraus und biß die Lippen zusammen.

„Daß es der Verlobungsring ist, den mein Emerich von mir erhalten hat.“

„Das kann schon sein,“ versetzte das Viktel, „aber Euer Mann ist er

nicht. Ich weiß es recht gut, daß unser Prinz noch nicht geheiratet

hat.“

„Ich muß bitten!“ sagte die Dame und erhob sich. Das Mädchen blieb

sitzen, richtete sein Gesichtchen ernst und traurig zu dem blassen

Antlitze der Fürstin und sprach: „Es ist nicht recht, daß ich es

sage, aber es ist auch nicht recht, daß Ihr unverheirateter Weise so

beisammen lebt. So gut wie Ihr, kann ich ihn jetzt auch lieb haben, und

--“

Die Dame strich rauschend durch das Gemach; dem Mädchen knickte sein

Haupt ein, es verdeckte das Gesicht mit beiden Händen und rief: „Es

kann nicht sein! Ich hab’ ihn so viel lieb!“ und schluchzte laut.

Die Fürstin eilte auf sie zu, legte ihr weiches Händchen auf die

Schulter der Weinenden und sagte mit Beklommenheit: „Thörichtes Kind!“

In ihren Augen selbst glänzte eine Thräne. Wie fand sie die Liebe zu

dem Manne, der ~ihr~ Glück war, begreiflich, verzeihlich! Hier

liebte nicht das Bauernmädchen den Prinzen, sondern das Weib den Mann.

Die Fürstin haßt ja alle Nebenbuhlerinnen, wie es jedes Weib thut und

nicht anders kann -- aber das kindliche Geständniß dieses armen, jungen

Wesens, das unter seinem Schmerze zusammenschauert, rührte sie.

„Viktoria,“ sagte sie sanft, aber im Tone, wie man zu einem Kinde oder

zu einem Irrsinnigen spricht: „Du hast einen schönen Namen, Du wirst

siegen über eine Leidenschaft, die Dich zugrunde richten müßte. Du

wirst einen braven Mann finden, der Dich glücklich macht, wie Du es

verdienest.“

„Ich bitte tausendmal um Verzeihung, wenn es ungeschickt war,“

versetzte das Mädchen und wischte sich die Thränen aus den Augen, „bin

gleichwohl so gescheidt, daß ich weiß, ein armes Dienstbot kunnt nicht

taugen für so einen Herrn. Nur den Ring geb’ ich nimmer.“

„Aber, meine Gute --“

„Wenn ich ihn nur nicht wieder gesehen hätt’! Ich bin in Euer Haus

gekommen zu meinem Verderben!“

„Ich sage Dir noch einmal, Du sollst von heute an ein sorgenfreies

Leben haben, sollst nicht mehr in den harten Bauerndienst, sollst

selbst eine wohlhabende Bäuerin sein. Nur denke nicht, mein Kind, und

vergesse für alle Zeit -- ich wünsche es -- und streife das fremde Gold

von Deinem Finger, dann wirst Du froh sein.“

„Nein!“ schrie das Mädchen, „den Ring gebe ich nicht mehr. Der Ring ist

verwachsen mit meinem Fleisch und Blut.“

Die Fürstin, ihrer kaum mehr mächtig, hastete bebend nach der Linken

des Mädchens. Dieses riß aus und rief: „Und wenn Ihr mir den Finger

abschneidet, ich kann ihn nicht lassen!“ Da trat der Prinz wieder ein

und traf beide Frauen weinend. Das Viktel aber sprang auf, wies mit

dem Finger auf den Eintretenden und sagte: „Den hätten Sie gefunden

ermordet auf dem Wockenberg, wenn ~ich~ nicht wär’ gewesen. Aber dafür

verlang’ ich nichts; daß ich ihn abgehalten, ist Christenpflicht

gewesen. Nur der Ring ist’s! Weil ~er~ mir ~den~ gegeben hat, gehört er

mein. Ich kann mir nicht helfen!“ -- Mit diesen Worten stürzte sie dem

Ausgange zu.

Das Buch der Novellen. Erster Band · 第 23 / 32 题