Zwei Holzhauer, die von ihrer Hütte zum Tagewerk an der Kapelle vorüber
kamen, fanden den Mann so.
Zuerst sahen sie ihm von der Ferne zu, wie er in der Grube kauerte und
die Erde auswarf. Endlich erkannten sie den Martin und meinten, er
grabe Wurzeln; aber so tief gräbt kein Wurzelgraber ein.
„Er hebt wohl gar einen Schatz!“ sagte Einer zum Andern.
„Wäre schon recht, dann müßte er mit uns theilen.“
Jetzt zog er das Messer aus der Scheide; die beiden Männer schlichen
näher hinzu und da sahen sie neben dem Erdhaufen das Grabkreuzlein
liegen.
„Heiliger Gott!“ lispelte einer der Holzknechte, „der scharrt ja ein
Grab auf!“
„Dummes Zeug! Wer läg’ denn da begraben?“
„Wohl gar das Bettlerkind, das sie gestern bestattet haben. Ich hör’
sie trugen es in den Wald. Doch, was wollt’ er damit? -- Dieser Martin
ist ein sonderbarer Mensch!“
„He, Martin!“ riefen sie laut, „was machst denn da?“
Dieser fuhr zusammen, lehnte sich dann über das Särglein und stotterte:
„Ich? -- machen? -- Wurzelgraben.“
Aber die Holzhauer hatten es bemerkt, was hier vorging, und sie
verständigten sich schnell, was nun zu thun sei.
Der Bursche wollte entfliehen, aber die Männer hielten ihn fest und
sagten: „Martin, Du hast da was angestellt und jetzt kommst Du mit uns,
wir treiben Dich in die Stadt.“
Da fiel Martin auf die Kniee und beschwor, daß er nichts Böses gewollt
und gethan, er werde es schon sagen, warum er das Grab aufgescharrt --
es sei vielleicht verboten gewesen, das sei ihm selbst so vorgekommen,
aber er meine es nicht schlecht und sie möchten ihn nur machen lassen,
es geschehe zu Aller Nutz und Frommen.
Aber die Holzknechte sagten: „Du bist ein schlechter Mensch, Martin,
oder ein Narr, und Du mußt mit uns.“
Einer löste einen Strick von der Trage, auf der er den Lebensunterhalt
für die Woche gepackt hatte, und wollte damit dem Wurzelgraber die
Hände binden, allein dieser bat weinend, daß man ihm das nicht anthue,
er gehe schon auch so mit wenn er Strafe verdient habe, so leide er sie
auch.
Und nun führten sie den bleichen Burschen abwärts gegen das Städtchen.
Das Grab im Walde blieb einsam; es ging die Sonne auf und erhob sich
über die Wipfel, und als die Mittagsstunde kam, schien sie auf das
Särglein.
* * * * *
Es war nach Tagen.
Martin saß traurig in einer Kammer und zählte die kleinen, sechseckigen
Scheiben am Fenster. Die Kammer war wohl größer und wohnlicher wie
seine Hütte daheim im Walde, aber die Thür war verschlossen.
Eine Kreuzspinne war ihm zum Herzen gekrochen -- und nun saß er im
Gefängniß!
Er mußte einen großen Fehler begangen haben, das war ihm jetzt klar,
aber, wenn er nur beweisen könnte, daß er kein schlechter Mensch sei!
Wenn doch nur die Thür nicht versperrt wäre, damit er zeigen könnte,
daß er auch freiwillig bliebe und seine Strafe leide.
Ein Mann brachte ihm täglich Suppe, Gemüse und Brot, machte ihm das
reinliche Strohbett, und als es einmal draußen regnete und der Wind
im Hollunderstrauch vor dem Fenster schwirrte, feuerte er gar in den
kleinen Blechofen. Es kamen die ersten Wintertage, wüster und heftiger
schlug der Wind an das Fensterchen und pfiff schrill durch die Fugen;
endlich wurde es ganz grau vor den Scheiben und Flocken tanzten und der
Schneestaub legte sich in die Fensterwinkel. Da kam der Wärter öfter
und machte Feuer in dem Ofen. Das kam dem Burschen liebreich vor, so
arg mußten es denn die Menschen doch nicht haben auf ihn.
Und dennoch schlug Martin seine rauhen Hände oft heftig vor die Stirne
und stampfte in Verzweiflung mit dem Fuß. -- Wenn ein Mann im Gebirge
arbeitet, tagtäglich von seiner Kindheit an arbeitet -- und mit
einemmale muß er ruhen und unthätig sein, müßig bei gesunden Gliedern,
muß dasitzen zwischen den Mauern, und draußen harret die Arbeit -- das
ist eine Pein für den an Thätigkeit gewöhnten Mann.
Martin litt diese Folter.
Sein ganzes Wesen ging dahin, daß er wieder daheim auf seinen Höhen
sei, dort wolle er arbeiten und graben und seine Hütte vergrößern, und
Nothburga zum Weib nehmen. Alle Welt möge gehen, wie sie geht, sie sei
des Glückes nicht werth.
Einmal bat Martin den Wärter, dieser möge ihm Stroh bringen, er wolle
Strohschuhe flechten, aber der Wärter brachte ihm keinen Halm. Da
weinte der Bursche und klagte: „Das thun sie mir zur Pein an; mir wär’
es tausendmal lieber, sie gäben mir nur Brot und Wasser, aber Arbeit
dazu!“
Eines Tages wurde es anders. Ein Gerichtsdiener trat mit dem
Gefangenenwärter ein und befahl dem Wurzelgraber, daß er folge. Martin
that es freudig, denn nun durfte er wohl wieder heim in seine Wälder.
Aber in der Vorhalle nahm der Gerichtsdiener ein Kettenschloß vom
Gesimse und legte es dem armen Burschen an die Hände. So führte man ihn
in das Freie, wo es so blendend weiß und licht war, und wo doch der
düstere Winter lag. Sie führten ihn durch einige Gassen der Stadt und
über den Marktplatz. Menschen drängten sich heran, daß schier der Weg
versperrt wurde, aus allen Fenstern sahen Leute und Viele zeigten mit
Fingern auf den Wurzelgraber und riefen: „Dort geht er, das ist der
Leichenräuber!“
Leichenräuber! -- In seinem Leben war dem unglücklichen Aepler kein
plötzliches Leid so zu Herzen gedrungen, als dieses schreckliche Wort.
Jetzt erst ging ihm das Licht auf und sein Todesurtheil hatte er jetzt
gehört. Nun war Martin überzeugt, daß dieser Gang in Ketten sonst
nirgends hinführe, als hinaus vor die Stadt zum Hochgerichte.
Er wäre zusammengebrochen mitten auf dem Marktplatz -- aber der
Gefängnißwärter stützte ihn.
Sie kamen am Hause vorüber, wo Martin vor wenigen Tagen mit Nothburga
getanzt hatte, wo sie den Niklas erschlugen. Ach, das war ein
unheilvoller Tag und eine unglückselige Nacht!
Ja wohl, unglückselig, wenn Einer das Reich Gottes sucht und er findet
das Hochgericht!
Ein Wegweiser ist geschrieben und aufgerichtet, aber gar Mancher hat
ihn übersehen und Mancher kann ihn nicht lesen und deuten und geht den
Weg des Verderbens! --
Endlich führten sie den Wurzelgraber in ein Haus und über eine
breite, steinerne Treppe in einen großen Saal. Der Saal war durch ein
Eisengeländer in zwei Räume abgetheilt. In einem dieser Räume standen
und drängten viele Menschen, in dem andern saßen an einem langen,
grünen Tisch ernste Männer in dunkler Kleidung. Einige Fenster des
Saales waren durch Vorhänge verhüllt. Auf dem grünen Tisch stand
zwischen zwei brennenden Wachskerzen ein Crucifix. Vor dem Tisch war
ein einzeln dastehender Stuhl ohne Lehne. Zu diesem Stuhle wurde Martin
geführt und dort nahm ihm der Gerichtsdiener das Schloß von den Händen.
So stand er da, der bleiche Bursche mit den großen, dunklen Augen,
den wirren Haaren und dem ungepflegten Bartanflug. Das Zittern seiner
Mundwinkel verkündete einen unendlichen Schmerz und das Auge flehte die
Männer in dunkler Kleidung an, daß sie diesen Schmerz von ihm nehmen
möchten.
Aber die Richter blieben kalt, nur sagten sie zu einander: „Noch so
jung, noch so jung!“
Da lag ein Stoß von Papierblättern und auf diesen stand Alles
geschrieben. Der gerichtliche Befund der kleinen Leiche, die Aussage
der beiden Holzhauer, wie sie ihn an jenem Morgen an der Waldkapelle
neben der Leiche trafen, von dem Wahne des Mannes, das Reich Gottes zu
suchen, und von noch Anderem stand auf den Blättern. Da wurde jetzt aus
diesen vorgelesen, dann wurde gesprochen, und es sprachen Einzelne und
sie sprachen durcheinander, laut und leise, und Martin stand da und
verstand von Allem kaum ein Wort.
„Wie alt ist Er jetzt -- Er?“ fragte der Vorsitzende plötzlich, „hört
Er nicht, ich frag’ wie alt?“
Der Wurzelgraber schrak aus seinem Brüten auf. „Wie alt,“ stotterte er,
„das weiß ich gar nicht recht, ich soll in die Welt gekommen sein in
dem Jahr, wie der große Sturmwind gewesen ist.“
„Hat Er noch Eltern?“
Martin schüttelte den Kopf.
„Nicht also?“
„Meine Mutter hab’ ich nicht gekannt und meinen Vater hat vor zehn
Jahren der Brand umgebracht.“
„Was hat Er denn immer gemacht?“ fragte der Richter.
„Was wird Unsereiner auch machen! Mein Vater hat mir nichts lernen
lassen können, nur die Wurzeln und Kräuter hat er mir angesagt, und
sobald ich stark genug gewesen, bin ich das Wurzelgraben angegangen.“
„Kann Er davon leben?“
„Das just wohl!“
„Ist Er militärpflichtig? -- Ich meine, ob Er sich schon einmal hat
stellen müssen?“
„Ja, ich war wohl einmal, aber da haben sie mich wieder heimgehen
lassen.“ --
So ging es fort. Oft war Martin verwirrt und antwortete gar nicht, und
als das Verhör zur betreffenden That an der Waldkapelle kam, zitterte
er und rief: „Ja, ich hab’s gethan, aber ich hab’s nicht schlecht
gemeint.“
Endlich fragte man ihn gar nicht mehr und der Staatsanwalt stellte den
Antrag: schweren Kerker auf zehn Jahre!
Da stand ein Mann mit langem, braunem Vollbart auf, der abgesondert an
einem Tischchen saß und bisher nur wenig gesprochen hatte. Dieser hielt
nun eine lange Rede. Er legte noch einmal den Thatbestand dar, sprach
dann von dem unbescholtenen Vorleben, von der nichtigen Erziehung, der
Erscheinung und den Verhältnissen des Wurzelgrabers und schloß endlich
seine Rede:
„Wir haben, meine Herren, keinen Verbrecher vor uns, sondern ein
unglückliches Opfer des Aberglaubens, das wir wohl tief bedauern,
aber nicht richten können. Wir Alle, die wir uns heutzutag’ der
Humanität und Bildung, des lichteren Geisteslebens erfreuen, ständen
ohne Erziehung und Schule auf ~der~ Stufe, auf welcher unser
Angeklagter steht. Der Unglückliche hier wäre durch eine entsprechende
Ausbildung ein herrlicher Mensch geworden, edler und besser vielleicht,
als einer. Der Mann hier trägt viel Menschenliebe im Herzen, das zeigt
sein Streben, ein Weltbeglücker werden zu wollen. -- Wer unter uns
hat als begeisterter Junge in den Studentenjahren diesen Wahn nicht
getheilt, freilich mit weniger Consequenz, weil wir bald sahen, daß
es ein Ideal ist und unter den leidenschaftsvollen Menschen auf Erden
nicht verwirklicht werden kann. Diese Aufklärung aber in dem Sinne ist
unserem Manne hier nicht geworden, weil er keine Ausbildung und keine
Lebensschule genoß, und so hielt er starr und fest an dem Wahne und
verfolgte sein ideales Ziel mit Aufopferung seines eigenen Wohles.
-- Dazu kam der Aberglaube. Auch wir haben als Kinder Fabeln und
Märchen geglaubt und würden sie noch glauben, wenn wir nicht durch
ein Aeußerliches, durch die Schule und die Erfahrung eines Anderen
überzeugt worden wären, denn die eigene Vernunft arbeitet sich aus
dergleichen gar schwer heraus. Der Mann aber ist nicht durch ein
Aeußeres eines Anderen überzeugt worden, im Gegentheile, seine Umgebung
hat den Aberglauben in ihm nur noch mehr bestärkt und bestätigt. -- Sie
geben mir zu, meine Herren, daß ein Verbrechen, wie Mord, Brandlegung
u. s. w., von einem Ungebildeten aus Aberglauben begangen, nicht so
schwer in die Wagschale fällt, als wenn dasselbe von einem Gebildeten
aus Haß und Rache verübt wird. Nun ist aber der gegenwärtige Fall kein
Mord und keine Brandlegung, er ist kein Akt des Hasses und der Rache,
nicht einmal der Eigenliebe. An einem Todten hat sich der Angeklagte
vergriffen, in dem Wahne, den Lebendigen das Glück zu geben. Wollen Sie
das, meine Herren, sühnen, wie ein Verbrechen? Wohl heißt es: Laßt die
Todten ruhen! Aber machen Sie einmal dem anatomischen Kabinet einen
Besuch, dort wird die sogenannte Ruhe auch gestört und entehrt -- die
Todten werden zergliedert, zerstückt -- zum Vortheile der Lebendigen.
-- Ich behaupte nicht, daß es kein Verbrechen ist, die Gräber zu
öffnen; es ist Leichenschändung und Leichenraub geschehen, diesen die
vollste Strenge des Gesetzes! Der gegenwärtige Fall ist ein anderer und
in Bezug auf das bereits Gesagte zu entschuldigen. -- Erwägen Sie den
Fall noch einmal, meine Herren, und erwägen Sie meine Worte, die ich
aus der Tiefe meines Herzens für den unglücklichen Mann hier gesprochen
habe. Richten Sie über das Vergehen eines Verirrten nicht, wie über ein
Verbrechen. Die hier in Verhandlung stehende That ist nichts als ein
unwissentliches Vergehen gegen die Sitte; betrachten Sie dieselbe als
solches, meine Herren, und lassen Sie den armen Mann nun gewitzigt sein
und heimziehen in seine Berge!“
Nach dieser Rede war es still im ganzen Saale. In Martin’s Auge hing
eine große Thräne; er stürzte hin vor den Vertheidiger, umschlang seine
Füße und rief: „Der ist mein einziger Freund in der Welt!“
Aber dieser wehrte kühl ab und ohne noch ein Wort zu sagen, setzte er
sich an seinen Tisch. --
Die Richter erhoben sich von ihren Sitzen und traten in ein
Nebenkabinet.
Der Staatsanwalt und der Vertheidiger, die sich anscheinend eben
feindlich gegenüber standen, gingen jetzt zusammen und plauderten
in einer Fensternische. Das Volk war unruhig und erging sich in
Muthmaßungen über das zu erwartende Urtheil. Die Kerzen brannten matt
und ruhig neben dem Kreuzbild und Martin saß auf seinem Schemel und
starrte zu Boden.
Endlich, nach einer geraumen Zeit öffnete sich die Thür des Kabinets,
die Richter traten heraus und der Vorsitzende verkündete das Urtheil.
* * * * *
Da Sturm und heftiges Schneegestöber wütheten, so wurde dem
Wurzelgraber gesagt, er könne noch einen Tag in dem Hause bleiben,
in welchem er in der Untersuchungshaft war, und man wies ihm eine
wohnliche Stube an. Ein Mann brachte auch Stroh und Bindwerk in die
Stube, daß er, wenn er wolle, Strohschuhe flechten könne. Aber Martin
ließ das stehen, er sah immer nur durch das Fenster in das grau
verschwommene Wehen und Wogen des Schneegestöbers hinaus. Das Fenster
hatte kein Gitter, die Thür war nicht verschlossen, der Ofen war warm.
Er war kein Gefangener, er war Gast und morgen lichtet sich der Himmel
und es geht heim zu.
-- Aber wenn doch eine Schuld in dir läge, Martin, und wenn sie dich
morgen von dieser Stube wieder in den Kerker führten? -- Daheim steht
deine Hütte, daheim harrt Nothburga; die Hütte ist verlassen, Nothburga
denkt deiner in Lieb’ und Schmerzen. Und all die Menschen halten dich
für einen Missethäter! Wer soll da noch säumen eine ganze lange Nacht,
wer soll da nicht heim und wenn Spieße vom Himmel fielen? --
So sann Martin, als er durch das Fenster sah.
Und als es zu dämmern begann, da hielt es der Bursche nicht mehr aus,
fest zu knöpfte er seinen Rock, tief in die Stirne drückte er seinen
Hut, dann schlich er fort aus der Stube, aus dem Hause wie ein Dieb.
Die Gassen des Städtchens waren leer, überall lag hoher, lockerer
Schnee, ein schneidender Wind wehte dem Dahineilenden Flocken und
Eisnadeln in das Gesicht. Aus den Fenstern strahlten Kaminfeuer und
Abendlichter, Martin eilte davon, so gut es ging. Außerhalb des
Städtchens war bald kein Weg und kein Steg mehr zu erkennen, aber der
Wurzelgraber schritt rüstig über den Schneeboden dahin, gleichgiltig,
ob auf Weg oder Feld oder Haide, die Richtung wußte er ja und er wußte
auch wohin.
Stundenlang irrte er durch die Gegend und er kam nicht weiter; noch die
Mitternachtsstunde hörte er von der Thurmuhr des Städtchens schlagen.
Aber Martin war muthig, es ging ja heimwärts. Endlich kam er zum Wald
und auf demselben lag ein Schneegewölbe und das gab einigen Schutz
gegen den Sturm. Freilich war es gar finster unter den Aesten und die
Wipfel rauschten unheimlich und hie und da fielen Schneeklumpen zu
Boden, aber Martin achtete das nicht, er war ein Sohn des Waldes und
hatte so manchen unwirthlichen Winterabend im Freien zugebracht. So
ging’s fort zwischen den Stämmen und Sträuchern über Stock und Wall.
Plötzlich aber kreischte Martin auf und sank fast in den Boden.
An seinem rechten Arm hatte ihn eine Hand gefaßt.
„Ei, das ist wohl gar der Leichenräuber!“ rief eine Stimme.
Eine männliche Gestalt stand vor ihm -- wie aus der Erde aufgetaucht
war sie gekommen.
„Beruhige Dich, Bruder,“ lachte die Gestalt, „ich kenne ja Deine
Geschichte und ich weiß, daß Du unschuldig bist. Steh’ auf, Narr,
wir halten uns zusammen, daß wir aus dieser Mördergrube kommen, ich
hab’ Frost und Hunger. Wir wollen einander beistehen, wir haben das
gleiche Geschick. Solltest Du mich noch nicht gesehen haben, so sage
ich Dir, daß wir die letzten Wochen her in ~einem~ Hause gewohnt
haben. Ich ließ mir von Dir erzählen und hätte nur gewünscht, mit Dir
zusammen zu wohnen. Ich bin ein ehrlicher Kerl und unschuldig haben
sie mich hingehalten, alberner Händel wegen, an denen ich mich gar
nicht betheiligt habe. Erst in den letzten Tagen kam meine Unschuld
an’s Licht und man ließ mich frei. Jetzt freilassen, jetzt zur rauhen
Winterszeit! Was soll ich anfangen, ich bin nicht von hier und ich habe
keinen Erwerb. Kaum die nöthige Kleidung habe ich, so daß sie mich im
Zwilchrock fortgehen ließen. Was soll’s nun werden mit mir, wenn ich
nicht gute Menschen finde!“
Wie diese Worte mit Lachen begonnen hatten, so hörten sie mit Weinen
auf.
Martin hatte sich von seinem Schreck erholt -- das war ja kein
Bösewicht, der ihn überfallen wollte -- ein armer Nothleidender war’s,
ein Hungernder, ein Frierender. Brot hatte der Wurzelgraber keines,
aber einen dichten Lodenrock, und den bot er dem Fremden bereitwillig
an.
„’s ist eine Gewissenlosigkeit,“ sagte dieser, „wenn ich von Dir Rock
und Hut nehme, aber wenn mir der Frost nicht schon bis an’s Herz
ginge und wenn ich nicht wüßte, daß Deine Güte zu mir aus wahrer,
christlicher Liebe kommt, so würde ich die Kleider nicht annehmen.“
Der Fremde nahm Martin’s Rock und Hut und warf dem Wurzelgraber die
leichte Zwilchjacke und die Wollenhaube dafür hin, wie er sie aus dem
Arrest mitgebracht hatte. Martin zog diese Kleider ruhig an, dann lud
er den Fremden ein, daß er mit ihm gehen möge, er kenne die Gegend,
er führe ihn aus dem Wald und in eine Herberge. So gingen sie weiter,
Beide sprachen wenig. Ueber ihren Häuptern krachten die Aeste, einzelne
brachen sogar und stürzten rauschend nieder.
Endlich kamen sie auf einen freien Platz, der mitten im Walde lag. Der
Sturm hatte ein wenig nachgelassen, es war der Mond aufgegangen und er
senkte sein Halblicht durch das graue Gewölke, das über den Baumwipfeln
dahinjagte.
Der Fremde zog den Lodenrock eng zusammen und lehnte sich an einen
Baum, er war erschöpft. Der Mond schien einen Moment in sein Gesicht,
das war noch jung, aber sehr bleich. Martin stand neben seinem
Gefährten und hauchte sich in die Hände.
Plötzlich horchte der Mann am Baume auf. Von der entgegengesetzten
Seite des Angers war es zu hören, wie Pferdetraben.
Martin fiel wieder in Angst, aber der Fremde murmelte in sich hinein:
„Geköpft wie gehangen, ~ein~ Teufel!“
Das Pferd trabte langsam heran, auf demselben saß eine von Schnee halb
eingehüllte Gestalt.
-- Da reitet ein nächtlicher Wanderer durch den Wald -- das geht sehr
langsam, das Roß ist müde, der Reiter schläft wohl gar.
Der Mann am Baume lauerte. „Sieh’ einmal,“ sagte er dann leise zu
Martin, „ist das ein Leichtsinn von dem Mann, jetzt schläft er auf
dem Pferd und erfriert. Man muß ihm beistehen und wecken, doch früher
müssen wir sehen, mit wem wir’s zu thun haben. Jetzt, wenn das Pferd
ganz nahe gekommen sein wird, so fasse Du es vorsichtig beim Zügel, ich
werde den Mann wecken, daß er doch nicht erstarrt.“
Und als das Pferd ganz nahe war, faßte es Martin am Zügel und in
demselben Augenblick stürzte sein Gefährte herbei und riß den Reiter
nach rückwärts zu Boden.
Ein Hilferuf, ein Pistolenschuß, ein Aufschrei. Zwei Männer lagen im
Schnee und rangen, ein Dritter lag in seinem Blute. Das Pferd wieherte,
schlug aus und herum in einem weiten Halbkreis lief es, daß der Schnee
hoch aufstaubte und der Boden dröhnte.
Endlich gelang es einem der Ringenden sich aufzuraffen, den andern von
sich zu schleudern, sich auf das Pferd zu schwingen und im vollsten
Galopp davon zu rennen.
Auch der Zweite erhob sich, schüttelte den Schnee von Kleidung und
Bart, sah dann dem dahin eilenden Pferde nach und schüttelte den Kopf.
„’s ist ein Glück, daß mich der Hallunke nicht erwürgt hat,“ brummte
er, „das Knie preßte er mir lang’ genug in den Hals. Die Uhr mag er
denn haben und mein Brauner, der wird mir schon wieder kommen. -- Ach
Gott, da hab’ ich ja Einen erschossen!“ rief er aus, als er unseren
Martin auf dem Boden liegen und sich winden sah.
„Gerade durch’s Bein,“ wimmerte Martin, „und jetzt kann ich gar nicht
weiter!“
„Du Allmacht, das ist ja der Wurzelgraber Martin!“ sagte der beraubte
Mann, „aber wie kommst Du doch um des Himmels Willen unter die
Straßenräuber?“
Der Arme jammerte und that den lauten zitternden Ruf: „Jetzt, was ist
geschehen?“
Der Andere stand einen Moment sinnend da. „Martin,“ sagte er dann
gedämpft, „steht’s so mit Dir? Nein, wenn ich gewußt, daß Du es bist,
ich hätte nicht geschossen, aber sei nur ruhig, ich werde Dir das Blei
schon wieder herausziehen. Mit dem Verbinden aber müssen wir’s schnell
machen, dann nehm’ ich Dich mit hinaus in das Dorf.“
„Nein, in’s Dorf nicht, wenn ich Euch bitten darf, tragt mich hinein in
die Stadt zum Gericht, sie werden Euch’s lohnen!“
„Zum Gericht später, jetzt komm’, ich trag’ Dich schon in’s rechte
Haus.“
„Aber, ich weiß nicht, wie das ist; seid Ihr angefallen worden? Zuletzt
ist wohl gar -- ach, ich weiß nicht und ich versteh’s nicht -- Jesus,
ich bin wahnsinnig geworden!“
„Ruhig, wir müssen eilen, Dein Blut fließt in den Schnee und in
Hochdorf liegt Jemand in Sterbensnoth!“
Als dieser Mann dem Unglücklichen das rechte, verwundete Bein verbunden
hatte, hüllte er ihn in seinen Mantel, faßte ihn auf den Rücken und
trug ihn durch den Wald.
„Ihr seid gar der Arzt von Dernau?“ fragte Martin unterwegs einmal.
„Ja, Martin.“
„Dann kenn’ ich Euch. Aber das werdet Ihr Euch von dem Martin nicht
gedacht haben, das! Doch bei Gottes Kreuz und Leiden, ich hab’s nicht
gewußt und nicht gewollt -- --“
Er sprach nicht weiter; so heftig war der Schmerz, den er litt, daß er
kaum die Kraft hatte, sich an dem Nacken seines Trägers festzuhalten.
Bergauf und thalab ging’s, über Hügel und durch Schluchten; kaum daß
der Arzt in Nacht und Schnee den unsichern Fußsteig traf. Auf den
Anhöhen hatte der Sturm Bäume geknickt, und man konnte es von nah’
und ferne noch hören, wie sie zusammenbrachen. In den Schluchten lag
tiefer Schnee und die Aeste der Bäume drückte er nieder, daß sie
den Wandelnden mit seiner Last oft und oft den Weg versperrten. Der
Wolfswald ist eine unwirthliche Gegend, die Leute gehen nicht gerne
durch denselben in solchen Stunden. Nur der Arzt von Dernau, der fast
täglich in’s Hochdorfer Armenhaus jenseits des Waldes muß, hat den
nächtlichen Ritt schon unzählige Male gemacht; freilich das, wie heute,
ist ihm früher noch nie begegnet.
Der Arzt stand oft still und stellte seine Last auf einen Baumstock,
dann trocknete er sich die Stirne. Es war ihm heiß trotz des eisigen
Schneewehens.
„Ihr richtet Euch zugrunde!“ sagte Martin einmal leise, „lehnt mich da
unter die Tanne und wenn Ihr nach Hochdorf kommt, so schickt mir ein
paar Männer herüber, ich werde derweilen nicht erfrieren.“
„Martin, da würdest Du sehr krank werden!“ entgegnete der Arzt und
schleppte seine Last weiter und weiter. Er zwang und kämpfte sich über
Gestock, Gefälle und zusammengewehten Schnee und erreichte endlich die
Lichtung, wo die Felder beginnen.
Und als er über die Felder hinschritt, da wurde es im östlichen
Gewölke lichtgrau und auf dem Boden, wo der Wind den Schnee weggefegt
hatte, sah man immer deutlicher die Steine und Halme. Und wenn Wind
und Schneewehen für Augenblicke ruhig waren, so konnte man vor sich
im Thale einzelne Lichter sehen und das Geklapper des Korndreschens
vernehmen.
Als der Arzt gegen das Dorf kam, begegneten ihm Männer mit Aexten und
Sägen.
„Grüß Gott, Doctor! heut’ zu Fuß?“ sagten Einige und hoben ein wenig
ihre hohen Filzhüte.
„Dank Euch Gott!“ entgegnete der Mann, „geht schon in’s Holz?“
„’s wird wohl sein. Du heiliger Josef, was schleppt Ihr denn auf Euerem
Rücken daher?“
„’s ist ein Kranker aus dem Walde,“ sagte der Arzt und schritt langsam
weiter.
Warum hat er’s den Leuten nicht alles erzählt, daß sie den Räuber
verfolgt hätten? -- Der Mann kannte sein Pferd.
Im Dorfe selbst begegnete ihm Niemand. In einigen Bauernhäusern hatte
man Licht in der Stube, in anderen war es dunkel. Hie und da krähte ein
Hahn.
Der Wind hatte nachgelassen, aber Schneeflocken fielen nieder und
legten sich dicht und dichter auf die Strohdächer auf alle Pfähle,
Brunnentröge und Zaunstangen. Und was sich an den Rücken des mühsam
einherschreitenden Mannes schmiegte -- kaum war es unter dem Schnee
mehr zu erkennen, was es war.
Endlich, gegen Ende des Dorfes, etwas abseits vom Weg, stand ein altes
Gebäude aus Stein mit Erker und Thürmchen. Das Dach stand an einzelnen
Stellen weit hervor, die Fenster waren groß, aber vergittert. Ueber
dem weiten, doch geschlossenen Thor an der Mauer war ein Gemälde, den
barmherzigen Samariter darstellend, wie er den unter Straßenräuber
gefallenen Mann auf die Schulter ladet.
Diesem Hause ging der Arzt zu und zog am Eingange die Glockenstange.
Bald öffnete sich das Thor und die Schließerin, ein altes Mütterchen,
streckte dem Ankömmling die Hand entgegen: „Gott sei Dank, weil Ihr
doch endlich nur da seid!“
„Gibt’s was?“
„Ach sonst nichts, aber --“
„Was macht die Kranke?“
„Mein, die ist rechtschaffen passabel, seit Mitternacht hat sie einen
guten Schlaf; aber Ihr, was ist Euch denn geschehen? Nein, dieser
Schreck, da kommt das Roß allein...“
„Das Roß? Mein Pferd ist gekommen?“
„Jesus Christus, wer hockt Euch denn auf dem Nacken, Doctor?“
„Laßt mich nur erst in die warme Stube und richtet Eis,“ sagte der Arzt.
Jetzt kamen auch andere Leute herbei, Männer, Frauen, theilweise in
Binden und an Krücken. Alle schrieen: „Nu schaut’s, da ist er ja; Gott
sei Lob und Preis, weil er nur da ist!“ --
Und als der Mann im Zimmer war, ließ er seine Last auf ein Ledersofa
gleiten und sagte: „So, Martin, jetzt sind wir daheim. Schau, für
dieses Haus hast Du mir oft die Wurzeln und Kräuter gesammelt. Wie ist
Dir, hast Du großen Schmerz?“
Martin zitterte und der Arzt nahm ihm den schneeigen Mantel und die
nasse Zwilchjacke ab, dann rief er in ein Nebenzimmer, daß man frische
Decken und ein Glas Wasser bringe.
„Aber,“ murmelte Martin, „das war doch ein höllischer Lump! Meinen Rock
hat er auch!“ Dann nahm er einen Schluck Wasser.
Später sagte er zum Arzt: „Da habt Ihr mich jetzt so weit hergetragen
und seid doch um zwanzig Jahr’ älter als ich.“
Und der Morgen, der durch die Fenster strahlte, zeigte es, der Arzt
hatte viele graue Haare auf dem Haupte und im Vollbart; sein Gesicht
war etwas durchfurcht und sehr gebräunt, und wenn er sprach oder
lächelte, so lag auf demselben ein Zug -- eigen und merkwürdig -- eine
wunderbare Handschrift der Seele. Die Gestalt des Mannes war groß und
trug ein bequemes Winterkleid aus grauem Loden. Der Nacken war etwas
gebeugt -- wohl noch von der Last, die er in’s Asyl getragen! --
Im hohen, geräumigen, etwas alterthümlich eingerichteten Zimmer
stand ein brauner Kasten. Diesen öffnete nun der Arzt und zog eine
Lade heraus, in welcher viele Instrumente aus Messing und Stahl und
verschiedene andere Gegenstände waren. Dann verlangte er von den
zu- und abgehenden Personen noch dies und das und nahm hierauf dem
Wurzelgraber die Binde ab, schnitt das Beinkleid auf und untersuchte,
wie es mit dem Fuße aussah, welche Verheerungen sein Schrotschuß
angerichtet hatte.
„Drei Körner stecken d’rin, Martin, aber wir werden sie schon heraus
kriegen; ein wenig schmerzen wird’s wohl, aber ’s ist gleich vorüber.“
„Schmerzen, meint der Herr? Nein, wenn ich an Anderes denke, schmerzt
sonst gar nichts. Ich thu’ Euch’s nur früher erzählen, wie’s gekommen
ist, Doctor!“
„Hernach, hernach, lieber Freund, jetzt ist hohe Zeit, daß wir daran
gehen.“
„Werdet das wohl selbst am besten verstehen, aber wenn’s nun so gäh mit
mir sollt’ gar werden! -- Ich will’s doch früher erzählen.“
„Wirst mir noch Alles erzählen, Martin, aber jetzt mußt Du ruhig sein.“
„So glaubt mir doch, daß ich Euch nicht angefallen hab’. Ich weiß gar
nicht, wie das gewesen ist.“
Der Arzt reichte dem Wurzelgraber die Hand, dann begann er die
Operation.
Sie war lang und mühvoll. Martin klammerte seine linke Hand krampfhaft
an die Lehne des Sofas und die rechte hatte sich tief in seine Locken
eingegraben. So lag er da, starr und ruhig -- er bebte nicht, er klagte
nicht; nur einmal, als das Eisen im Beine krachte, zuckten seine
Lippen, aber dann drückte er sie fest zusammen, bis Alles vorüber war
und der Arzt sagte: „Jetzt, mein Lieber, wird’s gewonnen sein; hast
Dich brav dabei gehalten. Jetzt wirst Du eine Suppe essen und dann
schau, daß Du einschlafen kannst, bis Mittag komm’ ich wieder zu Dir.“
Nach diesen Worten ging er und schrieb einen Brief an das Kreisgericht,
den er sogleich durch einen eigenen Boten absandte.
* * * * *
„Schläft sie immer noch?“ fragte später der Doctor.
„Vor einer halben Stunde hat sie die Augen aufgeschlagen und nach Euch
gefragt,“ berichtete die Wärterin, „seitdem schläft sie wieder. Aber
jetzt sagt uns doch, das Roß hat Euch wohl abgeworfen? Gerade wie der
Tag anbricht, kommt es allein in den Hof, es ist halb wild und der
Peter mag’s völlig nicht in den Sattel bringen.“
Sofort erzählte der Doctor, wie er gestern im Laufe des Nachmittags
dringende Krankenbesuche gehabt habe, wie er erst am Abend nach
Dernau kam, dort ein paar Stunden ruhte, und wie er gegen Mitternacht
aufbrach, um nach Hochdorf zu reiten, der Kranken wegen, die in der
Krisis liegt. -- Wie er nun im Schneesturm, fest in den Mantel gehüllt,
durch den Wolfswald so dahin traben läßt, dabei schier einschlummert,
bleibt das Pferd plötzlich stehen und er wird nach rückwärts zu Boden
gerissen. Noch schießt er sein Pistol gegen eine Gestalt ab, aber
schon drückt ihn ein Mann fest in den Schnee, entreißt ihm die Börse
und die Uhr und flieht mit dem Pferde davon. Erst jetzt gewahrt der
Beraubte den Verwundeten, den Martin, der vor einiger Zeit wegen einer
sonderbaren Geschichte in den Arrest kam. Wie das zusammenhängt und wie
der arme Bursche in die Hände von Spitzbuben gefallen ist, das müsse
sich erst aufklären.
So erzählte der Doctor und dann ließ er mehrere Bauern von Hochdorf
entbieten, in den Wolfswald zu gehen und die Gegend zu durchsuchen.
Im ersten Stock des alten Hauses war eine große Stube mit vielen
Schränken und Betten und zwei grünen Kachelöfen, in welchen es recht
lebendig knisterte.
Die Betten waren einfach, aber sehr reinlich und zu dieser Morgenstunde
alle bereits geschichtet. Neben den Betten auf Lederstühlen saßen alte,
krüppelhafte Männer und Weiber und sie sprachen leise zusammen und
Jedes hatte eine kleine Beschäftigung.
Ein einziges Bett an einer Ecke war mit einer weißen Blache verhangen,
daneben stand ein Tisch mit Tassen und Fläschchen.
In diese Stube ging nun der Doctor, nachdem er unten eine Fleischbrühe
zu sich genommen hatte.
Wie er eintrat, humpelten Alle von ihren Plätzen herbei und gaben ihm
die Hand. Er drückte jede und sprach freundliche Worte. Dann ging er
zum Bett, das mit einer Blache verhangen war.
Langsam zog er diese seitwärts.
Im Bette lag ein Mädchen. Es lag da wie eine Leiche, eine Hand über der
Brust, bleich das junge, liebliche Antlitz, mit geschlossenen Augen und
losen, reichen Haaren. Das Mädchen, wie es dalag im Dunkeln, war schön
wie eine weiße Blume in der Waldschlucht -- wie eine Mondnacht.
Lange hielt der Doctor den Vorhang seitwärts und sah hin, und endlich
beugte er sich langsam nieder zur Schlummernden, zu ihrem Mund, um zu
fühlen, ob sie athme.
Und sie athmete.
Jetzt faßte er sanft ihre Hand und jetzt bewegte sich diese und das
Mädchen schlug halb die Augen auf.
„Nothburga, hast Du jetzt geschlafen?“ sagte der Mann leise.
„Ah,“ hauchte die Kranke überrascht, „jetzt seid Ihr doch wieder da.
Nein, ich hab’ nur so geträumt, -- es kommt mir immer noch vor, ich
seh’ ihn liegen mit der großen Wunde.“
„Ich werde Dir eine Schale Mandelmilch reichen, das beruhigt; schau, Du
wirst jetzt bald wieder gesund sein.“
Nothburga richtete sich mit Hilfe des Arztes auf und trank einige
Tropfen von der Mandelmilch. Dann blickte sie den Mann treuherzig an
und sagte: „Und jetzt hätt’ ich Euch wohl wieder gern gebeten, daß Ihr
Zither spielt.“
Der Doctor lächelte. Sogleich lächelte die Kranke auch, denn sein
Lächeln war für die Menschen immer das, was ein Sonnenstrahl für die
Veilchen ist.
„Ja, wenn ich Dir, liebes Kind, damit eine Freude mach’, so werde ich
spielen. Mutter Anna, Ihr holt mir wohl gerne die Zither von meiner
Stube, sie hängt neben dem Bücherschrank; der Schlüssel steckt an der
Thür.“
Und ein altes Mütterlein, das nur die rechte Hand hatte -- die linke
nahm ihm vor Jahren der Doctor ab -- humpelte jetzt fort und kam bald
wieder mit dem Instrument zurück.
Auch alle Anderen waren leise herbeigekommen und stellten sich um
das Bett und das Tischchen, an dem nun der Doctor saß und die Saiten
stimmte.
Endlich tönten diese zusammen in harmonischem Vielklang, und als ein
Liedchen zu Ende war, fragte der Mann etwas schalkhaft: „Gefällt das
der Nothburga?“
Die Kranke lächelte und er spielte weiter.
Aber plötzlich brach er das Spiel wieder ab und heiter zu den alten
Männern und Frauen gewendet, sagte er: „Was thätet Ihr sagen, wenn die
Nothburga Frau Doctorin würde?“
Da lachten sie Alle und meinten: „Der Nothburga wäre das schon zu
gönnen.“
„Ei, das wäre wohl kein Glück für die Nothburga. Ich bin ein Vierziger
und bin grau und griesgrämig; ich gehöre hin, wo die Krankheit ist,
und Nothburga blüht erst auf und gehört zum Leben. ’s wird schon Einer
kommen, der das mitbringt, werde nur erst gesund, Nothburga!“
„Ach, so lang’ ich ihn noch liegen seh’ mit der großen Wunde,“
entgegnete das Mädchen leise und langsam, „und so lange sie den Martin
nicht wieder zurückgeben und sagen: er ist unschuldig, so lang’ kann
ich nicht mehr gesund sein.“
Der Doctor griff wieder in die Saiten, sang ein heiteres Lied und einen
Jodler dazu, so recht derb und lustig, daß die Weiber sagten: „Na, und
jetzt ist er wieder wie ein Bauernbursch oben im Gebirg.“
Nur das Ende war nicht so. Das letzte Ausklingen eines Jodlers hat ein
so eigenartig, innig Lustiges, daß es nur der geborene Aelpler recht
hervorsprudeln und austrillern kann; ein Anderer kann es nicht, das
letzte Ausklingen gelingt ihm nicht.
Endlich erhob sich der Doctor und sagte zu Nothburga: „Und jetzt muß
ich ein wenig arbeiten; die Josefa bleibt bei Dir. Bevor ich fort nach
Dernau geh’, komm ich schon noch einmal. Wenn Du dann endlich etwas
stärker bist, werde ich Dir was Lustiges sagen. Die Mutter Anna trägt
mir wohl wieder die Zither auf meine Stube?“
Dann ging er, um sich nach Martin umzusehen.
Als er die Treppe hinabstieg, eilte ihm schon die Schließerin entgegen:
„Ach, man meint, man findet Euch gar nicht, Herr, kommt doch gleich
hinab in den Hof, sie haben einen Todten gebracht!“
Und als der Doctor hinab kam in den Hof, da standen unter einem Vordach
Leute, die lebhaft miteinander sprachen und Alle nach einem Fleck
hinsahen.
Dort, auf zwei ineinander geflochtenen Baumästen lag der Todte. Es war
das Leichentuch noch darauf, das der Wald und der Winter ihm geschenkt
hatte; man wollte nichts an der Leiche anrühren, nicht einmal den
Schnee herabfegen, so lange nicht der Arzt kam.
Als dieser nun dastand, traten drei Bauernbursche, wie sie ihm am
Morgen im Walde begegnet waren, heran und sagten: „Haben heut’ einen
traurigen Fund gemacht!“
„Wir sammeln dürres Gefälle zu Brennholz,“ erzählte einer der Burschen,
„und waten so im Schnee herum. Sagt auf einmal der Georg -- Du, sagt
er, da liegt auch ein nutzes (beträchtliches) Stück, das müssen wir
heraus ziehen. Und wie er den Haken in den Schnee haut, sagt er: Das
ist ja gar kein Holz! -- Nein sag’ ich, was wird’s denn sonst sein?
und hau auch in den Schnee. Jesus, schreit d’rauf der Georg, eine
Menschenhand! und -- ’s war nicht anders. Rechtschaffen g’schreckt
hat’s uns und wir haben Keiner wollen angreifen. Sagt noch der Poldl:
Ziehen wir ihn nur in Gottesnamen heraus, muß halt erfroren sein;
zuletzt ist er gar nicht todt, er ist noch völlig weich. Und so haben
wir ihn aus dem Schnee gezogen, haben ihm gleich Schuh’ und Strümpf’
herab gerissen und die Füße gerieben. Und wir haben ihn gerüttelt und
noch stärker gerieben -- nein, was wir gearbeitet haben! Aber ’s war
halt aus und vorbei. ’s ist ein wildfremder Mensch, wohin sollen wir
ihn denn tragen als in’s Armenhaus? Wir haben noch gerathen und hin und
her geredet; der Doctor ist heut’ dort, haben wir gesagt, und der wird
schon wissen, was zu machen ist. Ein rechtschaffen trauriges Geschäft!
-- Und da haben wir ihn jetzt.“
Sofort besichtigte der Doctor die Leiche. Es war ein junger Mann mit
langen blonden Locken. Augen und Mund waren halb offen, von dem linken
Mundwinkel über die Wange war eine röthlich braune Eiskruste -- der
Verunglückte mußte aus dem Mund geblutet haben. Hände und Füße waren
blau angelaufen. Das Beinkleid war von grauer Leinwand, der Rock aus
Loden. Um den Hals hing der Leiche eine Sackuhr mit zerbrochenem Glase.
Ohne ein Wort zu sagen, löste der Doctor die Uhr ab und legte sie
nebenhin auf ein Brett. Dann untersuchte er Schädel und Hals.
„Erfroren ist der Mann nicht,“ sagte er, „es zeigt auf einen Fall, es
ist das Genick gebrochen.“
„Du ewiger Heiland!“ schrie die Beschließerin plötzlich, „Doctor, das
ist ja Euere Uhr und der ist gewiß Euer Räuber!“
„Mag wohl sein,“ sagte der Mann ruhig, „tragt jetzt die Leiche in die
Todtenkammer, alles Andere werde ich schon besorgen. Den Gotteslohn für
das Hertragen aber müßt Ihr Euch wohl beim Gericht holen.“
Und die Bursche hoben die Leiche und trugen sie in die Todtenkammer.
Der Arzt ging in das Zimmer, wo Martin war. Dieser lag in mehrere
Decken eingehüllt auf dem Ledersofa und schlief.
Der Doctor stand sehr lange vor dem Schlafenden und sah ihn an. --
Beide, die noch vor wenigen Stunden gemeinsam auf Verbrecherpfaden
wandelten, schlafen nun. Beide sind gerichtet. Der Eine wird nicht mehr
erwachen; sein Staub, der den Menschen einst Uebles gethan, wird Blumen
und Rosen bringen. -- Der Andere wird wieder erwachen zu seinem alten,
elenden Leben, und sein Leben wird noch elender sein, als bisher.
Elend am Geist, ist er nun auch elend am Körper -- elend zum Erbarmen,
unglücklich und immer unglücklich, bis zum Sterben. Und hat er nicht
das Recht zu einem hellen, freudigen Leben wie jeder Andere? --
Langsam schritt der Doctor über die Treppe, ging in seine Stube und
schloß sich ein. Zitternd klangen die Saiten in das Gemüth des Mannes:
Ihr führt in’s Leben ihn hinein,
Ihr laßt den Armen schuldig werden.
Dann übergebt ihr ihn der Pein...
Der Mann sah durch das Fenster hinaus in den Wintersturm. Das ist die
Erde. -- -- --
-- -- -- Und Nothburga ist so jung und schön, sie ist eines besseren
Schicksals würdig. Und Martin ist ein Narr, er sucht das Reich Gottes
unter den Menschen. Noch ist er jung -- in seinem ferneren Leben
wird er’s immer mehr einsehen, daß er vergebens gesucht, daß sein
Jugendstreben eitle That eines Träumenden war, daß sein Leben ein
verlorenes ist. Allen Halt einer Erziehung und geregelten Ausbildung
entbehrend, wird er mit sich und Allem zerfallen. Das empfindsame,
weiche Gemüth, sonst die erste Bedingung eines guten Menschen,
wird diesem Manne zum materiellen und moralischen Verderben, denn
es hat von seiner Umgebung doppelt tief die Eindrücke fanatischer,
vorurtheilsvoller Gebilde aufgenommen, das Gegengewicht aber, eine
freie, planmäßige Ausbildung entbehren müssen. -- So ist er das
geworden, was er ist, ein edles Wollen ohne Plan, eine redliche Seele
im Wahn, eine Kraft auf falscher Bahn. -- Zu sehr befangen in sich,
wird alle äußere Einwirkung auf ihn erfolglos bleiben -- er fährt einen
seltenen Weg, aber er fährt rasch und rettungslos in’s Verderben. -- ’s
wär’ ein Glück für ihn, wenn’s aus wär’. -- --
An diese Gedanken des Doctors reihten sich noch andere, schwerere,
dunklere -- endlich fuhr er rasch in die Saiten der Zither. Dann
öffnete er einen Fensterflügel und ließ eisige Luft herein strömen.
Eine große Schneeflocke fiel auf die Saiten und löste sich langsam und
sanft auf dem klingenden Tonbrett...
* * * * *
Der Doctor schrieb Briefe an das Bezirksamt und das Kreisgericht. Dann
ging er in seine Apotheke, die neben der Bücherstube war, und arbeitete
eine Zeit.
Als es Mittag wurde, stieg er hinab zur Stube Martin’s. Dieser saß
bereits auf seinem Lager und blickte wirr und verloren umher.
„Hab’ schier nicht gewußt, wo ich bin,“ sagte er zum Doctor und
lächelte ein wenig. „Es ist mir gewesen, als hätt’ ich es schon
gefunden; ich hab’ immer zu hoch geschaut, wo die Blumen sind und wo
die Menschen lachen und weinen. Aber es liegt tiefer, Herr, es liegt
tiefer, es liegt dort, wo die Blumen ihre Wurzeln haben. -- Da schaut
nur, ich liege unten, aus meiner Brust schlägt ein Keim hervor und
dieser wächst herauf. Da wird er grün und weiß und roth und mitten im
Kelche liegt ein Samenkorn. Da kommt ein Vöglein und dieses trägt das
Samenkorn hinaus zu den Menschen; diese lachen und werfen es unter das
Gestein. Aus dem Gestein wächst nach tausend Jahren ein Kraut, und das
ist das Kraut für das Menschenglück. -- In meinem Leben hab’ ich nicht
so wunderlich geträumt! Wenn’s wahr wär’ und wenn’s halt doch wahr
wär’, so möcht’ ich Euch wohl bitten, laßt mich hinab legen!“
Der Arzt faßte die linke Hand Martin’s und forschte nach dem Blutlauf,
dann ließ er dem Kranken ein kühlendes Getränk bringen.
Später untersuchte er das wunde Bein, es war in Ordnung. Dann als
Martin ganz wach und ruhig geworden war, sagte der Doctor: „Nun,
Martin, magst Du mir erzählen, wie Dir’s bei Gericht ergangen ist und
wie Du in den Wald und vor meinen Schuß kamst?“
Das Leben des Wurzelgrabers bis zu jenem Kirchweihfeste war dem Doctor
bekannt; Martin erzählte also sein Schicksal von seiner Gefangennahme
durch die Holzknechte bis zur Stunde, wo er veranlaßt durch den Fremden
im Walde in der Absicht, den Reiter vor dem Erfrieren zu retten, das
Pferd anhielt.
Sein Erzählen war ziemlich zusammenhängend und ruhig, und als er damit
zu Ende war, sagte er heiter: „So und nicht anders war’s, und jetzt
mein’ ich, ist mein Fuß auch gut.“
Der Doctor war nachdenkend. ’s ist auch nicht begreiflich, warum man
Dem Bleikörner in das Bein jagen muß, der Einem das Leben retten will?
„Ich werde jetzt nach Dernau gehen, komme aber morgen wieder, um zu
sehen, wie es Dir geht,“ sagte der Arzt, „sei schön ruhig und thue so,
wie es die Pflegerin verlangt, dann wirst Du bald gesund sein, und wenn
Du gesund bist, so werden wir zusammen vielleicht einmal was Fröhliches
erleben.“
„Ich hätt’ Euch wohl noch um was bitten mögen, Doctor!“
„So sag’s nur gleich, Martin, sei zu mir ganz offen.“
„-- Da hab’ ich auf der Kirchweih mit einem Mädl getanzt -- Nothburga
heißt es, und ich kenn’ es schon länger, es war die Schwester von
Dem, den sie auf der Kirchweih erschlagen haben. Nothburga wird gewiß
glauben, ich bin noch im Gefängniß und ich bin wirklich so schlecht,
weil sie mich in’s Gefängniß geworfen haben. Wir haben sonst gar nichts
miteinander, ich und die Nothburga, aber ich mag nicht, daß sie so
schlecht von mir denkt, und da hab’ ich Euch halt bitten wollen, daß
Ihr ein paar Zeilen für mich an die Nothburga schreibt; sie wohnt oben
im Freiwaldgraben beim Wegmacher Hans, der ihr Vater ist.“
Der Doctor versprach, das zu besorgen, und verließ dann den Kranken.
Noch ging er in den Saal hinauf, wo viele Betten standen, und zu
Nothburga. Sie lag ruhig auf ihrem Polster und hatte ein Gebetbuch in
der Hand.
„Ich werde jetzt fortgehen und erst morgen am späten Mittag
wiederkommen; sei immer hübsch ruhig, Nothburga, und thue, wie es die
Pflegerin verlangt.“ Das sagte der Doctor noch zum Mädchen, faßte milde
dessen linke Hand und hielt sie lange in der seinen, um den Blutlauf zu
beobachten.
Dann gab er der Pflegerin, der Schließerin und Anderen Befehle über das
ganze Hauswesen, besonders nachdrückliche über den Wurzelgraber und die
Nothburga.
„Sollen diese hier genesen,“ sagte er, „so darf Eines von dem Andern
vorläufig nichts wissen!“
So bestieg der Doctor seinen Braunen und ritt durch das Dorf. Das
Schneien hatte aufgehört, Nebel lag über der ganzen, winterlichen
Landschaft.
Der Doctor ritt nicht mehr durch den Wolfswald -- dort waren ja
alle Pfade verschneit und verweht -- sondern er machte einen Umweg
die Fahrstraße entlang. Diese war einsam und öde; nur dann und wann
begegnete ihm ein Holzkarren, sonst wollte heute Niemand fahren.
Der Doctor ließ das Pferd langsam hintraben, hüllte sich dicht in
seinen weiten Mantel und hing seinen Gedanken nach.
Seine Gedanken waren im Armenhaus zu Hochdorf, in seiner einsamen Stube
zu Dernau und bei seinen Kranken in den zerstreuten Bauerngehöften im
Gebirge, dann wieder waren sie draußen in der großen Welt und weit
zurück in den längst entflohenen Jahren seiner Jugend.
* * * * *
Das Geschlecht der Grafen Preisheim war alt und berühmt, es hatte viel
für das Vaterland geleistet. Als aber die große Zeit der deutschen
Befreiungskriege kam, da konnte das Geschlecht seinen Mann nicht
stellen; es war Niemand mehr davon da als ein achtzigjähriger Greis und
dessen Enkel, ein Knabe mit goldigen Locken. Der Knabe war sehr kräftig
und aufgeweckt und eines Tages nahm er das Schwert seiner Väter und
wollte fort in den Krieg. Sein Großvater aber sagte: „Bleibe, Ludwig,
Du bist noch ein Kind! Bis Du groß geworden sein wirst, werden schon
noch andere Zeiten kommen, daß Du dem Vaterlande nützen kannst, bis
dahin will ich Dich dazu erziehen.“
Der Knabe hing das Schwert in dem Waffensaale wieder auf, und dort hing
es viele Jahre -- Ludwig nahm es nicht mehr herab.
Bis in das zwölfte Jahr blieb Ludwig in dem Schlosse seiner Väter und
genoß die Erziehung des Großvaters, dann ging er in eine ferne Stadt
und lernte die Weltweisheit, die in den Büchern steht.
Neben ihm auf den Schulbänken saßen auch noch viele andere junge
Menschen, die dasselbe lernten, aber von geringerer Abstammung waren
als er. Nur noch Einer saß in der Schule, der sich Freiherr nennen ließ.
Als Ludwig vierzehn Jahre alt war, erhielt er von seinem Großvater
einen Brief, in welchem folgende Worte standen: „Mein geliebter
Enkel! Die schweren Kriegszeiten haben unser Vermögen zerrüttet und
den größten Theil desselben verschlungen. Lerne mit Fleiß und Ernst,
daß Du im Stande bist, durch Dich selbst was zu werden. Dein treuer
Großvater.“ --
Ludwig las den Brief, legte ihn dann in sein Schreibfach und studirte.
Ein Jahr später kam wieder ein Brief und dieser enthielt folgende
Kunde: „An Seine Edelgeboren, den Grafen Ludwig Preisheim. Mir obliegt
die traurige Pflicht, Ihnen den Tod Ihres Großvaters, des Herrn Grafen
Roderich Preisheim anzuzeigen. Derselbe entschlief gestern nach einem
kurzen Krankenlager selig in dem Herrn. P. Johannes, Pfarrer.“
Ludwig las den Brief, stützte lange den Kopf auf seine Hand, legte das
Papier in sein Schreibfach und rüstete sich zur Abreise.
Als er nach Tagen heimkam in seine Vaterburg, ging er in das Zimmer
seines Großvaters, sah den Stuhl an, wo er oft gesessen, und das Bett,
in welchem er gestorben war. Dann ging er auf den Kirchhof, wo die
Ahnengruft war, dort kniete er lange auf dem breiten Stein.
Dann entließ er alle Leute, die im Schlosse waren, verkaufte dasselbe
und deckte die auf dem Gute liegenden Verpflichtungen. Weit drin im
Gebirge besaßen die Preisheimer noch ein kleines, altes Schloß mit
einigen Grundstücken; das verkaufte Ludwig nicht, sondern stellte einen
Verwalter in dasselbe.
Als nun Alles so geschlichtet war, reiste Ludwig wieder in die ferne
Stadt und studirte. Er wählte sich die Naturwissenschaften und die
Medicin.
Zeit und Zeit ging nun ruhig dahin und wenn die Ferien kamen, lud er
immer einen oder den andern seiner Collegen ein, mit ihm in die Gegend
zu reisen, wo das Schloß stand.
Als Ludwig in das achtzehnte Jahr ging, da trug sich mit ihm was zu,
was sich mit allen Studenten zuträgt, wenn sie in das achtzehnte Jahr
gehen.
Er verliebte sich.
Und gerade um dieselbe Zeit verliebte sich auch der Freiherr, der mit
Ludwig in einer Classe saß. Beide suchten in den freien Stunden einsame
Wege, dachten an ihre Herzenskönigin und besangen sie durch selbst
erfundene Verse.
Auf solchen Wegen trafen die beiden Jünglinge einmal zusammen,
gestanden einander, daß sie liebten, und schlossen als Schicksalsbrüder
engere Freundschaft. Aber diese Freundschaft war von kurzer Dauer,
bald klärte es sich auf, daß die Mädchen, welche sie liebten, zusammen
nur ~ein~ Herz hatten und daß dieses Herz einer Gärtnerstochter
gehörte, die sehr schön war.
Als sich dieses aufgeklärt hatte, trat der Freiherr hin vor Ludwig und
sagte: „Wir wollen uns duelliren!“
Darauf entgegnete Ludwig: „Wenn das Dein Ernst ist, so bist Du ein
Narr, wie Alle, denen derlei Ernst ist. Das Mädchen selbst soll sagen,
ob es Einen von uns nehmen mag, und welchen; demgemäß wollen wir dann
ruhig handeln.“
Auf diese Worte schrie der Freiherr: „Graf Ludwig, Du bist ein
Feigling!“ Da der Graf von sehr schöner Gestalt und allerorts beliebt
war, so glaubte der Baron voraussehen zu können, daß das Mädchen
denselben ihm vorziehen würde.
Von dieser Zeit an mußte Ludwig immer allein gehen. Seine Collegen
wollten nichts mit ihm zu thun haben, sie grüßten ihn kaum auf der
Gasse, in Gelagen stieß Keiner mit ihm an und auf der Bank des
Lehrsaales, wo er saß, saß sonst Keiner, als er. „Ein gräflich Blut und
solche Feigheit!“ flüsterten sich die Jungen hinter seinem Rücken zu.
Das that dem Jungen weh, weil die Collegen ihn mieden und sein gräflich
Blut beschimpften und weil er die Gesellschaft bedauerte, die von
derlei falschen Grundsätzen noch so allgemein beherrscht wurde, die
aber die gebildete und maßgebende heißen wollte und von der er lernen
sollte. -- Was der Bauer im Jähzorn thut und nach eingetretener
Nüchternheit bereut, thut der Duellirende in kalter Ueberlegung und
mehr noch -- weil er glaubt, sein gegebenes Ehrenwort rufe ihn, schießt
er todt. Ehrenhalber wird Einer wegen nichtsbedeutender Albernheiten
der Flegeljahre zum Krüppel gemacht oder zu Tode geschossen.
Dergleichen dachte unser junger Gelehrter oft und oft und dergleichen
gab ihm nach und nach eine andere Richtung.
Er sonderte sich immer mehr und mehr von dem Menschenkreis, in
dem er lebte, und begann mit demselben zu zerfallen. Er widmete
sich ausschließlich seinen Studien und als sich aus denselben ein
vorzügliches Resultat ergab, kam er zum Entschluß, seinen Wirkungskreis
als Mensch und Staatsbürger auf ein Feld zu stellen, das unbeleckt von
der Aftercultur, einen dankbaren Boden für würdige Mannesthaten bietet.
Wohl nahm er nach seinen vollendeten Studien in einem großen Lazareth
der Stadt eine Assistentenstelle an, erwarb den Doctortitel, lebte
im Allgemeinen aber abgeschlossen ganz seinen wissenschaftlichen
Forschungen und den Nothleidenden.
Da stand aber gegenüber dem Armen- und Siechenhaus ein großes Palais,
in welchem tagtäglich glänzende Mahlzeiten, Bälle, Ballete, Concerte u.
s. w. wechselten und die reiche, moderne Welt ihre Orgien feierte.
Die Gegenüberstellung dieser beiden Häuser verleitete unseren jungen
Doctor zum Nachdenken und zu Reflexionen, die für ihn quälend waren.
So wahr und ernst die Aufopferung des jungen Arztes für die leidende
Menschheit war, so dachte er doch endlich auch an sich selbst, wie sich
seine Zukunft gestalten müsse, daß sein Leben und Wirken auch zu seinem
eigenen Wohle werden könnte.
-- Für dich, du Schwärmer -- sagte er dann oft in Gedanken zu sich
selbst -- wäre eine Dorfgemeinde recht, draußen in irgend einem
Bergwinkel bei einfachen Landleuten. Da könntest du ruhig leben,
der Menschen Freund sein und sie dir zu Freunden machen, und da
würdest du in Einheit mit der Natur dein Leben und Können und Wissen
vervollständigen. Den Grafen ließest du hübsch hier in der Stadt, nur
den Menschen nähmest du mit. Man meint, es müßte ja gehen! --
Und es ging.
Eine Zeitung brachte die Nachricht, daß in Dernau, einem großen Dorfe
am Fuße der Alpen, eine Chirurgenstelle zu besetzen sei. Preisheim
reiste in die Gegend, in welcher auch das Schloß lag, das ihm von den
großen Besitzungen seiner Ahnen geblieben war, bewarb sich um die
Stelle in Dernau, erhielt sie und zog nach wenigen Wochen für immer
fort von der großen Stadt und gründete sein Haus und Heim unter den
Bauern am Fuße der Alpen.
So lebte er nun in seinem kleinen Hause und in den ersten Jahren
hatte er sehr viel Zeit zum Studiren. Es kam selten Jemand, der ihn
zu einem Kranken holte; die Leute gingen lieber zu Winkelärzten und
Curpfuschern, wie sie in der Gegend lebten, als zum fremden Doctor aus
der Stadt, der immer einen schwarzen Rock anhatte.
Als aber die Zeit kam, in welcher der schwarze Rock seine Dienste nicht
mehr versehen konnte, ersetzte ihn der Doctor durch einen grauen, wie
ihn die Bauern und die Winkelärzte trugen.
Jetzt erst kamen sie -- zuerst für einen Kranken, der von anderen
Aerzten aufgegeben war, und als dieser genaß, auch für andere; bald
wurde er zu Lungenentzündungen und zum Typhus gerufen. Und Preisheim
hatte Glück; den Kranken gewann er das Vertrauen ab und den Gesunden
die Herzen. Er war sehr gewissenhaft; er gab nicht allein den Kranken
die Mittel, zu gesunden, sondern auch den Gesunden, um nicht zu
erkranken. Freilich sagte der alte Todtengräber einmal, als ihm der
Doctor einen heilsamen Trank gegen das Fieber zu bereiten lehrte: „Ja,
da bringt sich ja der Herr selbst um’s Brot!“
Aber der Herr hatte immer ein’s zu essen; für Zwei hätte es auch noch
ausgelangt, aber der Mann schien ganz darauf zu vergessen. -- Ja,
vielleicht wenn jene Gärtnerstochter da gewesen wäre! Unmittelbar vor
seiner Abreise aus der Stadt hatte er sie noch einmal gesehen: wie er
aus dem Siechenhaus trat, trug man sie hinein. Der Freiherr hatte sie
geschickt. --
So klein und niedlich das Häuschen des Doctors war und so viel Arbeit
es gab im Garten, in der Studirstube, in der Apotheke, die sich der
Doctor selbst eingerichtet hatte, so schlug die Schwarzwälderuhr an
der Wand doch Stunden, in denen es ihn schmerzte, daß er allein war. Da
ging er wohl oft, die Hände auf dem Rücken, durch das Zimmer und dachte
so nach über sich und über den Weltgang, und endlich ging er gar in das
Stübchen seiner alten Haushälterin und sagte: „Hat die Barbara denn gar
keine Arbeit für mich? Wenn nicht, so spiel’ mir die Barbara ein wenig
was auf der Zither!“
Sie waren schon recht steif und ungelenk, die Finger der Alten, sie
hatten schon viel gefaßt und gegraben im Leben, darum sagte Barbara auf
des Doctors Bitte auch immer: „Mein’, das wird Euch aber gefallen, wenn
ich klimpere! Lernt es doch selbst, Euere Finger sind noch gelenkig
dazu.“
Und Doctor Preisheim lernte das Zitherspielen. Er spielte wohl die
Lieder der Bauern, die Jodler und Almer, aber er spielte sie anders;
er spielte schön, aber nicht ganz so lustig und frisch wie Andere im
Dorfe, die es konnten. Es ließ sich bei seiner Zither nicht recht
tanzen und aufjauchzen, man mußte zuhören, wie man dem Bachrauschen und
dem Waldsäuseln zuhört, wenn man auf der Au ruht und träumt. Es war
eigen beim Doctor, man sagte später, mit diesem Saitenspiel habe er
Todtkranke kerngesund und Kerngesunde todtkrank gemacht. --
Das Schloß des Doctors lag nur wenige Stunden von Dernau im Orte
Hochdorf. Der Mann ging öfters den Fahrweg, oder auch den Fußsteig
durch den Wolfswald nach Hochdorf und sah das alte Mauerwerk von außen
und von innen an. Außer dem Verwalter und einigen Dienstboten, welche
die dazu gehörigen Felder bearbeiteten, wohnte Niemand im Schlosse.
Düster und öde stand es da.
Der Doctor dachte oft nach, was damit anzufangen sei.
Ein Bauer wollte einen Theil des Gebäudes zu einer Heuscheune pachten,
aber der Doctor war nicht damit einverstanden. Der Bauer sagte noch:
„Nu, viel zu gut, mein’ ich, wär’ die Rumpelkammer just nicht dazu; es
gehen ohnehin die Geister drin um!“
Und richtig, kaum ein Jahr vorüber war, gingen im alten Schlosse die
Geister um -- mitsammt den Leibern.
Sie waren dem Doctor auf seinen Wegen und Stegen nur zu oft begegnet
mit ihren bleichen Gesichtern und hohlen Augen, zähnegeklappert hatten
sie in kalten Wintertagen und an düsteren Abenden huschten sie um die
Häuser herum und klopften an Thür und Fenster. Diesen Geistern hatte
der Doctor das Schloß einrichten lassen, und das Schloß hieß nicht mehr
Schloß, es hieß Armenhaus.
Da war ein Arbeitssaal und ein Schlafsaal und ein Speisesaal und eine
Erheiterungsstube, und es waren noch andere Räume, wie sie für ein
solches Haus nothwendig sind. Außerdem hatte sich der Doctor in der
neuen Anstalt ein Studirzimmer und eine Apotheke eingerichtet.
So kam er nun oft des Wegs von Dernau her und wenn ein Krankes im Hause
war, so kam er fast täglich.
Und nun, da der Doctor zwei Häuser hatte, mußte er auch zwei Zithern
haben; denn die Bewohner seines Schlosses schenkten ihm’s nicht. Da
kamen sie stets Alle um ihn herum und bestürmten ihn, daß er spiele;
die Greise und die Mütterlein baten wie die Kinder, bis die Saiten
klangen. Selbst der taube Josef, der nicht einen Ton hören konnte,
erbaute sich und war heiter, wenn er dem Spielenden und den Hörenden
zusah. „’s ist, wie wenn Ihr in der Kirche säßet,“ sagte er einmal, „so
fromm schaut Ihr Alle drein. Kann er denn keine Tanzmusik?“ --
In heiteren Sommertagen, wenn es die Kranken zuließen, ging der Doctor
gern in’s Gebirg.
Auf einer solchen Wanderung begegnete er einmal einem Knaben, der
Kräuter sammelte und sie in große Bündel zusammenschichtete.
„Was machst denn Du mit diesen Blumen und Wurzeln?“ fragte er den
Knaben.
„Die trag’ ich in die Stadt und verkaufe sie.“
„Willst Du sie nicht mir verkaufen? Ich bin der Arzt von Dernau.“
„Wohl, wenn Ihr der Arzt von Dernau seid, kann ich Euch die Kräuter
schon verkaufen, aber Ihr müßt mir gleich das Geld geben.“
„Das versteht sich ja, aber was machst Du denn mit dem Geld?“
„Ich muß allerlei kaufen, es liegt mein Vater krank daheim, er hat im
Finger den Brand.“
„Wie heißt Du denn?“
„Martin.“
„Nun, Martin, wenn Dein Vater nicht zu weit von hier ist, so will ich
mit Dir gehen und ihn heimsuchen.“
„Da thäten wir Euch wohl ein Vergeltsgott sagen,“ entgegnete der Knabe
gutmüthig, „aber mehr, als diese Kräuter kann ich Euch nicht dafür
geben.“
„Närrchen, für das Mitgehen wirst Du mir nichts geben, die Kräuter
zahl’ ich Dir schon.“
„Ja, was seid Ihr denn nachher für ein Arzt?“ rief der Kleine
verwundert aus, „der Roßhardl, der Salben und Mirakelpflaster macht,
hat für das Mitgehen zu meinem Vater zwei Gulden verlangt; aber wo thät
ich zwei Gulden nehmen?“
Unterwegs zur Hütte des Vaters sagte der Doctor: „Ich wüßte ein Haus,
Martin, in welchem Dein Vater bald gesund sein würde, und wenn es Euch
recht wäre, so ließ’ ich ihn in dasselbe bringen, es thät Euch keinen
Kreuzer kosten.“
„Und dürft’ ich auch mitgehen?“
„Ei freilich, bis er gesund wieder mit Dir in die Berge gehen könnte.“
„Herr Arzt!“ rief der Knabe treuherzig, „wenn Ihr uns das thätet, all
mein Leben brächt’ ich Euch die Wurzeln und Kräuter und ich thät keinen
Kreuzer von Euch nehmen -- he, steigt da nicht auf das Frauenhaar,
sonst bekommt Ihr Kopfweh!“
Der Knabe zog den Doctor, der eben im Begriffe war, auf Laubfarn zu
treten, bei dem Aermel seitwärts.
Endlich kamen sie zur Hütte. Als aber der Doctor den Mann sah, wie er
dalag auf dem kahlen Stroh in Armuth und Schmerzen, wie der kranke
Finger dunkelbraun und die ganze Hand mit Blut unterlaufen war und wie
es in der Brust des Armen zuckte und tobte, da sagte er nichts von dem
Fortbringen nach jenem Hause, da sagte er nur: „Recht viel neugemolkene
Milch trinken, guter Mann, recht viel Milch trinken! Und Du Martin,
bleib’ heut’ und morgen schön beim Vater und reiche ihm Labniß. Da hast
Du das Geld für den Kräuterbund.“
Dann saß er noch eine Zeit auf dem Holzstockel neben dem Lager, reichte
endlich dem Kranken und dem Knaben die Hand, nahm den Kräuterbund und
ging.
Als hierauf der Doctor unterwegs zu einer Kohlstatt kam, rief er dem
Köhler zu: „Köhler, wenn Ihr Zeit habt, so geht hinauf in die Hütte zum
kranken Mann, ’s ist nur der Knabe bei ihm und er wird sterben.“ --
Und siehe, nach wenigen Tagen trug man aus jener Hütte und durch den
Wald einen Sarg. Der Knabe, der ihm folgte, weinte nicht, er blickte
nur immer auf die Baumwurzeln.
Nach all dem vergingen Jahre. Martin wuchs auf und der Doctor begegnete
ihm oft auf seinen Wanderungen im Gebirge.
Martin wohnte allein in der Hütte seines Vaters, er durchzog die
Alpengegend und sammelte Wurzeln und Kräuter, welche er theilweise
dem Doctor verkaufte, theilweise in das Städtchen trug. Wenn der
Bursche dann Abends heim in seine Hütte kam, hatte er nicht selten
ein sonderbares Geräthe bei sich, oft gar ein Buch -- und er konnte
doch nicht lesen. Wenn sich irgendwo im Gebirge ein Unglück zutrug und
wenn ein Leid geschah, das sich die Menschen einander selbst angethan
hatten, so bekam er immer Kopfschmerz und Brustleiden. Am liebsten
ging er einsam durch den Wald, da trat er immer auf Steine und erhöhte
Baumwurzeln, daß er keinen Käfer und keine Ameise und kein anderes
lebendes Wesen zertrete.
Zum Doctor sagte er einmal: „Herr, Ihr seid studirt in der Arzneikunst,
giebt es kein Mittel, das Blut im Menschen so zu machen, daß keine
Wildheit und keine Falschheit in demselben liegen könnte?“
Der Doctor schwieg lange nach dieser Frage, endlich aber antwortete er:
„In der Arzneikunst giebt es keines, aber es sind noch viele andere
Künste auf Erden, vielleicht liegt es doch in einer.“ --
Die Fragen des Burschen waren überhaupt oft derart, daß der Doctor
keine Antwort darauf hatte und sagen mußte: „Martin, sinne nicht an
derlei Geschichten, das taugt nichts und es sind dadurch schon Leute
verrückt geworden.“ --
Besser erging’s dem Doctor, wenn er auf seinen Spaziergängen zum
goldlockigen Geismädchen kam. Das war eines Wegmachers Töchterlein,
welches die Ziegen seines Vaters weidete. Als ihm der Doctor auf seinen
Bergfahrten das erstemal begegnete, sagte er: „Kleine, wem gehörst Du
denn zu?“
Aber die Kleine gab keine Antwort, wendete das Gesicht und lenkte gar
mit ihren Ziegen vom Wege ab.
Bei der zweiten Begegnung sagte der Doctor: „Ei sapperlot, jetzt sag’
mir aber gleich, wie Du heißt und wer Dein Vater ist!“
„Nau,“ entgegnete drauf das Mädchen, „Nothburga heiß ich halt und der
Wegmacher Hansl ist mein Vater!“
Seit dieser Zeit war die Bekanntschaft zwischen dem Doctor und dem
Geismädchen. Und seit dieser Zeit versorgte Nothburga den Doctor mit
Himbeeren, Erdbeeren und anderen Früchten, wie sie auf den Bergen
wachsen und ein Arzt für seine Apotheke brauchen kann.
Jetzt, wenn sie sich im Walde oder auf der Au begegneten, rief schon
immer das Mädchen den Doctor zuerst an: „Nu, wann führt Ihr mich denn
wieder einmal zum Tanz? Wann schenkt Ihr mir denn wieder einmal einen
Strauß aus Eurem Garten?“ Oder sie sagte: „Bader, Euer Zithernschlagen
ist recht langweilig, wenn Ihr einmal heiratet, diese traurigen Lieder
wird Euch Euere Frau nicht gelten lassen; aber jetzt müßt Ihr bald
heiraten, sonst mag Euch Keine mehr!“
Wenn der Doctor dann nach derlei Begegnungen und Aeußerungen nach Hause
kam, übte er sich in lustigen Alpenweisen, aber so frisch und freudig
sie auch anfingen, nie gingen sie lustig aus, es war, als ob die Saiten
mitten im Jodeln und Jauchzen auf einmal tief herzkrank würden.
Dann ließ er das Instrument ruhen, stand auf und sah so einmal in den
Spiegel.
-- Grau? -- Ei, damit hat’s schon noch gute Weile. Zwar hier,
~das~ Haar säh beinah’ so aus! Je nu, so jung können nicht alle
Haare sein wie die ihren. --
-- Ja, Doctor, jetzt mußt Du Dich bald entschließen! ’s mag Dir wohl
thun und ’s mag weise sein, wenn Du Eine von der Stadt nimmst, die
frischt das Glatte, Feine wieder in Dir auf und Du kannst mitten auf
dem Lande das Leben der Gebildeten haben, wie es einem Doctor ja doch
ansteht. Hast Du aber der städtischen Gesellschaft wirklich entsagt,
gut, so nimm Dir ein Weib aus dem Walde, da bekommst Du gleich die
Treue und die Güte frisch von der Natur weg. Red’ mit der Nothburga
einmal, Doctor?!
Und darauf, als der Doctor einmal mit der Nothburga reden wollte,
sprang ihm diese schon freudig entgegen und plauderte: „Meinem Vater
~darf~ ich’s nicht sagen, meinem Bruder und meiner Gespannin, der
Marie, ~kann~ ich’s nicht sagen, weil sie oben im Grubschlag sind
und erst Samstag heimkommen, und jetzt, sagen muß ich’s doch wem und so
sag’ ich’s Euch, aber plaudern müßt Ihr nicht!“
„Nun?“
Da zupfte sie am Halstuch und ganz leise sagte sie: „Einen Liebsten
hab’ ich und einen recht schönen und großen noch dazu. Aber jetzt --
schäm’ ich mich.“
Nothburga wurde roth und sah zu Boden.
„Nun?“ sagte der Doctor nochmals, dann schlug er mit seinem Stocke ein
Steinchen hin und her, das am Wege lag.
„Ihr kennt ihn gar, er hat ein braunes Haar und gräbt Wurzeln!“
„Der Martin also?“
„Und das will ich meinen! -- Aber er weiß es noch selbst nicht ganz --
der klein’ Finger wird ihm’s aber schon sagen!“
Das Mädchen plauderte weiter und eilte endlich seinen Ziegen nach. Es
war ein sehr wildes, ein sehr schönes Kind. --
An einem der nächsten Tage kaufte sich der Doctor ein Pferd, denn die
Krankenbesuche mehrten sich und er hatte auch nicht mehr so oft Zeit,
in das Gebirge zu gehen. --
Drei Tage nach der Kirchweih brachte man Nothburga in’s Armenhaus; sie
war sehr krank und der Doctor mußte ihr zur Ader lassen. Sie hatte ein
großes Unglück erlebt. Auf der Kirchweih erschlugen sie ihren Bruder
und einen Tag später führten sie Martin in’s Gefängniß.
Diese Fälle hatten das arme Mädchen so aufgeregt, daß es in die schwere
Krankheit fiel. Der Wegmacher-Hans war rath- und thatlos und so trug
man die Kranke in’s Armenhaus zu Hochdorf.
Dort lag sie einige Tage im Typhus hoffnungslos danieder. Aber der
Doctor kam täglich und war stundenlang am Lager der Kranken, bis
endlich die Krisis vorüber und Nothburga gerettet war. In der letzten
Nacht war’s, als Preisheim im Walde angefallen wurde und Martin in’s
Armenhaus brachte. -- --
An das Alles mochte der Mann gedacht haben, bis sein Brauner plötzlich
im Dunklen stehen blieb.
Da schreckte er auf und haschte nach der Pistole, aber er ließ sie
wieder zurücksinken in den Sack seines Mantels, er war ja mitten im
Dorfe Dernau, gerade vor seinem Hause.
Leute nahten, die ihn herzlich begrüßten und ihn gar vom Pferde hoben.
Sie standen mit Lichtern herum, da es schon finster geworden war, und
sie fragten, wie das gewesen sei; sie hatten schon Kunde von dem Anfall
im Walde. --
So warm und wohnlich die Stube auch war, so traulich die Lampe
leuchtete auf dem gedeckten Tisch und so lustig die alte Haushälterin
auch fragte und plauderte -- der Doctor blieb wortkarg und verstimmt
und ging bald zur Ruhe.
„Glücklich wär’ er da,“ sagte dann in der Küche die Haushälterin zu
den Nachbarinnen, die sich noch spät nach dem Doctor erkundigt hatten,
„aber ’s ist ihm doch was, ’s ist ihm was! Mein’, der Schrecken muß
Einem ja frei die Seel’ aus der Haut jagen!“
* * * * *
Den andern Tag, als der Doctor seine Geschäfte in und seine Besuche um
Dernau beendet hatte, ritt er wieder nach Hochdorf. Der Tag war heiter,
der Schnee an einzelnen Stellen geschmolzen.
In Hochdorf befanden sich Männer aus dem Städtchen, die auf den Doctor
warteten. Sie hatten die Nachricht gebracht, daß aus dem Strafhause ein
gefährliches Individuum entsprungen sei, welches man erst vor wenigen
Wochen eines Raubmordes wegen eingeliefert hatte. Mit diesen Männern
ging nun der Doctor in die Todtenkammer und nach kurzer Untersuchung
stellte es sich heraus, daß der im Walde gefundene Todte niemand
Anderer sei als der entsprungene Sträfling.
Man wollte auch von Martin den Hergang der Dinge hören und verlangte,
daß er zur Leiche gebracht werde, aber der Doctor sagte: „Wenn er noch
fiebert, so kann ich es heute nicht gestatten.“
Er begab sich zu Martin, den er auf dem Sofa sitzend und an einem
Kienholzstück schnitzend fand.
-- So bei einer leichten Handarbeit kommen Einem allerlei Gedanken,
heitere und alberne und vernünftige, aber nie so traurige und finstere
wie in unbeschäftigten Stunden.
Martin dachte beim Schnitzen an Nothburga. -- Ja, die Nothburga, wenn
ich die einmal bekäm’, das wär’ schon recht und das wär’ ein großes
Glück für mich. Und die Nothburga thät’s doch wohl begreifen, wenn ich
ihr’s gut meinen wollte. Und wenn wir -- wenn wir dann einmal kleine
Leut’ kriegen sollten, dann ließ ich alles Andere draußen gehen und
thät mir selbst so eine Welt einrichten und ’s müßt erlogen sein,
daß ich da nicht das Glück hinein brächt’. Schön wär’s wohl und ich
mein’ das wär’ für den Martin das Rechte; ja, die Nothburga! -- Nein,
wenn diese dumme Geschichte jetzt nicht mit mir wär’, ich thät sie
zuletzt gar noch kriegen; mit ihrem Vater bin ich gut an. Die Nothburga
freilich, die mag mich nicht, weil ich simulir’, das hat sie mir schon
gesagt, aber ich mein’, wenn sie mich nähm’, ich thät an gar nichts
mehr denken als an sie und ich ~könnt’~ auch sonst an gar nichts
mehr denken. Ja, die Nothburga! --
So dachte Martin und schnitzte.
Als er den Doctor eintreten sah, freute er sich und sagte: „Eine Arbeit
muß ich doch haben und da schnitz’ ich halt einen Pfeifenkopf.“
„Wie geht’s mit dem Fuß?“
„Rechtschaffen gut, nur schmerzen thut er zu Zeiten und brauchen kann
ich ihn nicht.“
„Das sollst Du auch nicht; Du sollst jetzt bei mir da ruhig gesund
werden und dann in Deine Hütte heim gehen.“
„Ja, gesagt ist’s freilich leicht, gethan ist’s schwerer, ich muß in’s
Gefängniß.“
„In’s Gefängniß wirst Du nicht müssen, Martin, es sind eben Herren von
dem Gericht da, die Alles begleichen und mit Dir reden wollen. Und dann
noch was, hast Du Scheu vor Leichen?“
„Sonst just nicht, aber Kindesleichen möcht ich nicht gern sehen.“
So ließ der Doctor den Wurzelgraber in das Speisezimmer tragen, wo die
Gerichtspersonen versammelt waren. Martin gab ruhig Antwort auf die
Fragen, die man ihm stellte.
„Ein Krüppel werd’ ich wohl bleiben,“ sagte er zuletzt, „aber ich
gäb’ gerne meinen ganzen Fuß hin, wenn sie nur diesen Menschen wieder
erwischen thäten; meinen Rock und meinen Hut hat er auch.“
„Um das hat er Dich geprellt, um seine Flucht zu begünstigen,“ sagte
Preisheim, „denn dieser Mensch, mußt Du wissen, war ein entsprungener
Sträfling.“
Der Wurzelgraber schlug die Hände zusammen. Da sucht er das Reich
Gottes und geht mit Verbrechern um und entführt sie der Strafe!
Nun führten sie Martin in die Todtenkammer, und als man die Leiche vor
ihm aufdeckte, sahen ihm die Männer in das Gesicht. Nach der ersten
Ueberraschung war der Bursche ruhig und er sagte leise: „So schaut’s
jetzt aus mit ihm?“
„Ist das der Mann, der Dir im Walde begegnete und Dich zum Anhalten des
Pferdes verleitete?“ fragte einer der Beamten.
„All mein Lebtag, freilich ist er’s und meinen Rock hat er auch noch
an!“ sagte Martin.
Nun erzählte der Doctor mit wenigen Worten, wie man den Flüchtling todt
im Wolfswalde fand und daß er sich wahrscheinlich durch einen Sturz
vom Pferd, das unter dem fremden Reiter wild geworden war, das Genick
gebrochen habe.
Martin horchte, aber er hatte andere Gedanken; er hatte bemerkt, daß
die Leiche an dem linken Fuß nur vier Zehen habe. Dieser Umstand hatte
Sinnen und Brüten in ihn gebracht.
„Es ist gut,“ sagte einer der Gerichtsmänner, und der Doctor ließ
Martin wieder zurückführen in seine Stube. Dann traf man Anstalten zur
Fortschaffung der Leiche.
Der Doctor rechnete gut, wenn er Menschengemüther berechnete. Er
glaubte, daß auf eine grübelnde, nach Gerechtigkeit schmachtende Seele,
wie die Martin’s war, der vorliegende Fall irdischer Sühne einen
günstigen Eindruck machen müsse.
Diesmal aber hatte er sich getäuscht.
Martin arbeitete nicht weiter am Pfeifenkopf, er hielt seine Hände über
das eingebundene Knie und sah vor sich hin. „’s giebt denn doch ein
Reich Gottes auf Erden!“ murmelte er, „der Uebelthäter entgeht nicht
dem Gerichte. -- Und wenn es über den Menschen eine Macht giebt, die
auf Erden das Böse bestraft, so muß es auch eine Macht geben, die auf
Erden das Gute belohnt. Wo ist diese Macht? -- Und, Martin, hat dir
nicht Jemand gesagt, daß Einem am linken Fuß eine Zehe fehle? Wer hat
dir das gesagt und von wem?“
Der Bursche sann und sann. Endlich fiel es ihm ein; jene Bettlerin in
der Köhlerhütte hatte vor Jahren ein Kind verloren, welches dieses
Merkmal trug. „Vielleicht,“ so murmelte er wieder, „war dieser Mörder
der Bruder jenes Wesens, das sie im Walde begraben und in dessen Herzen
ich das Reich Gottes gesucht habe. Freilich, freilich lag’s darin, weil
es ein Kindesherz war. Und ich Narr hab’ das anders verstanden -- --
die Kreuzspinne und der Zauberer im Märchen -- ach Gott, ja, nun seh’
ich’s wohl, daß ich den Verstand verloren hab’, nun seh’ ich’s wohl!“
Der Arme begann heftig zu weinen und als gegen Abend der Doctor wieder
kam, lag er im Fieber. --
Heiterer war es am Lager der Nothburga. Als das Mädchen den Arzt sah,
lächelte es und sagte: „Jetzt werd’ ich doch noch einmal gesund, mir
hat vom Martin geträumt, daß er ein schneeweißes Kleid anhat und daß er
zu uns kommt.“
Der Doctor faßte ihre Hand: „Wie steht’s mit dem Puls, Nothburga? Ei,
recht gleichmäßig. -- Wenn er aber doch nicht käme, Nothburga?“
„Wer, der Martin? In Gottes Namen, wenn er nur unschuldig ist. Und Euch
habe ich auch lieb.“
In derselben Nacht that der Doctor kein Auge zu. Er saß in seiner
Stube und ließ die Sterne durch das Fenster scheinen. -- Nothburga ist
schöner als je.
-- Nothburga wird gesund, sie wird leben und blühen, sie wird einen
Mann glücklich machen, sie wird die Freude und die Weihe seines Hauses
werden, sie wird ihm junge Menschen schenken, die seinen Namen weiter
tragen. -- Das Alles keimt in ihr, die jetzt durch mich der Gesundheit
entgegen geht. Ich habe sie gerettet -- wem gebührt nun das?
-- Martin! Er ist nichts -- nichts als arm, arm bis tief hinein in
die Seele. Aber er ist jung und war Nothburga’s Spielgenosse und sie
hat ihn lieb. Nothburga ist treu, sie wird ihn lieb haben, so lang’
er ist, aber sie wird mit ihm unglücklich werden, denn seine Seele
ist voll Grübeln und Zweifeln und sein Herz hat kein Gefühl außer für
seinen Wahn. Und er selbst wird fürchterlich darunter leiden, wird
körperlich und moralisch zugrunde gehen und vielleicht ist es endlich
gar der Selbstmord, in dem er sein Reich Gottes sucht. -- Das Beste
wäre, der Arme hätte es überstanden. -- Giebt es nicht Fälle für den
Arzt, in welchen es seine Pflicht wird...
Es wurde an die Thüre geklopft.
Wer mag das sein um Mitternacht?
„Herr Doctor, wacht auf!“ rief eine Stimme, „kommt zum Kranken!“
Der Doctor machte Licht und ging über die Treppe.
Martin lag in heftigem Fieber und in einer Art Fraisen bebte er am
ganzen Körper. Der Arzt ließ ihm Eibischthee bringen, dann befahl er,
daß man den Burschen zudecke und bei ihm bleibe.
Hierauf ging er in die Apotheke und bereitete einen Trank.
Später nahm er ein großes Buch und blätterte in demselben und sann. --
Haben es die Berufsgenossen denn nirgends aufgeschrieben, wen sie still
hinüber führen dürfen? -- --
Und wie das heiß war in der Stube!
Der Doctor riß einen Fensterflügel auf. Kalte Winterluft strömte herein
und löschte das Licht aus. Er zündete es nicht mehr an, mit gekreuzten
Armen schritt er über den Boden.
Leben und Sterben! Wer ist Herr und Richter über die Geschicke der
Menschen? --
Was flattert doch jetzt durch das Fenster herein? Es ist ein kleines,
buntes Wesen, wie ein verlorenes Blumenblatt, dem fernen Maien
entführt. Still kreist es um das Haupt des Mannes und läßt sich endlich
nieder auf dessen Hand, die über der Brust liegt.
Ein Sphinx?!