„Dank Euch; hab ein bischen Schnaps bei mir. Aber das ist Euch eine
verdammte Geschichte, hab’s noch nicht erlebt so. Soll der Teufel alle
Jägerei holen! -- ’s war aber nicht so arg heut’ Morgens, und neuer
Schnee, sagt man, ist des Hasen Weh’; ’s ging auch ganz vortrefflich
bis in den Mittag hinein -- schieß’ sogar ein Thier. Verlier’ ich Euch
mein Gefolge und finde in diesem Höllengestöber die Spur von keinem
Teufel. Meint Ihr, der Hund käm’ mir nach, oder ich hört’ wenigstens
’nen Schuß? -- Nein. Ich geb’ Nothschüsse und verpuff mein Pulver bis
auf den letzten Kern. Umsonst! Als ob sie alle die Erd’ verschlungen
hätt’, die Sakramenter. Gab Euch ein gut Stück Arbeit, bis ich da vom
Kamm ’rab komm! Ist doch der Schnee bald mannstief! Fall ein Dutzendmal
bis unter die Arme ein und wie’s nun gar finster wird -- mein’ schon,
’s ist aus mit mir -- seh’ ich zum Glück das Licht Eurer Hütte. -- Wie
weit rechnet Ihr bis da zur Schlucht ’nein, Frau?“
„Mein Gott, hat unsere alte Mutter nit mehr braucht, als eine kleine
Viertelstund. --“
„Und ich wat’ Euch gute zwei Stunden da ’raus. Sakra! Ich spür’ ja gar
keinen Finger und keine Zehe mehr!“
„Zieht Euere Schuh aus und setzt Euch auf den Herd da -- ich bring Euch
Schnee herein, der zieht die Gefrür aus -- so! Aber zieht doch den Rock
aus, er ist ja pritschlnaß. ich geb’ Euch eine Joppen von mein’ Mann.
-- Mich deucht, wann der Mirtl doch nur auch da wär!“
„Kommt morgen! Ein paar Schneereif’, Frau, sind gewiß im Haus? sonst
könnt ich kaum fort; es werden aber schon meine Leut’ kommen.“
So wurde geholfen und gesprochen und berathen. Hernach aßen die Drei
ihre Suppe und beteten laut ihr Tisch- und Abendgebet. Dem Fremden kam
das recht eigen vor, und wie die Kleinen so unschuldig aufblickten und
noch ein Vaterunser für die Großmutter, die gestorben, und für den
Vater, der nicht gekommen sei, beteten, bekam’s ihn wie ein Zittern im
ganzen Leib, und als müsse er fort, in der Nacht noch, augenblicklich,
und befehlen und erlösen. --
Nach dem Gebet fragte Waberl den Fremden, ob er gleich schlafen zu
gehen wünsche, sie trage ihm Stroh in die Küche; oder ob er mit in die
Stube gehen wolle, sie und die Kinder würden heute durch die Nacht
aufbleiben, weil sie einen Todten hätten.
Das war eine neue Ueberraschung für den Mann und er wollte den Todten
sehen.
Der Mann stand, fern von seinen Prachtgemächern und seinem Ueberfluß,
in der Wildniß, mitten in einer Hütte voll Armuth und Noth und Grauen,
und starrte in das stumme Todtenantlitz der Greisin und in die
abgehärmten Züge seiner Wirthin und in die frommen Engelsgesichtchen
der beiden Kinder.
Es war ein tiefes Schweigen, ein allgewaltiger Augenblick -- der Mann
sank wie gebrochen auf einen Stuhl und verdeckte mit den Händen seine
Augen, daß er nichts, gar nichts mehr sehe.
Aber draußen um die Hütte herrschte ein fürchterlicher Sturm, ähnlich
dem in seinem Herzen. Das Rauschen der Tannen, das Tosen an den Pfählen
und Wänden der schutzlosen Hütte drang schauerlich an ein ungewohntes
Ohr.
Aber Waberl hörte von all’ dem nichts. „Gelt, guter Herr,“ sagte sie,
als sie die Erregung des Fremden gemerkt hatte, „gelt? Mein lieber
Gott, er hat sie noch so gesund und wohlauf verlassen und im Fortgehen
noch gesagt: Werdet mir nit älter derweil, Mutterl, und bleibt alleweil
lustig! -- Und jetzt ist ’s so. Nein, der wird aber hausen (sich
grämen)!“
Hansl war auf dem Stuhl eingeschlafen und Waberl brachte die Kinder
in’s Bett.
Der Fremde kauerte im Winkel hinter dem Ofen und horchte dem
nächtlichen Sturm. Die Fenster waren verweht und verfroren. Waberl bat
den Mann, daß er schlafen gehe und nicht etwa auch noch krank werde, er
sehe so unwohl aus. Aber der Fremde sagte, daß er doch nicht schlafen
könne.
Nach Mitternacht ließ der Sturm nach und man hörte ihn nur mehr von der
Ferne wie ein dumpfes Nachdonnern nach einem Gewitter.
Dem Manne waren endlich die Augen zugefallen; aber Waberl saß bei der
Leiche und betete. Die Lider waren ihr schwer -- sie verlor sich und
träumte unzusammenhängende Bilder aus heiteren Zeiten. Da hörte sie aus
Fernem gleichmäßige Schritte, die immer näher und näher kamen. Waberl
fuhr plötzlich auf. Sie hörte nichts sonst, als das Ticken der Uhr.
Das Weib schaute auf die schlummernden Kleinen und drückte auf die
Wangen einen Kuß, in welchem alle Freude und aller Schmerz des
Mutterherzens aufgelöst waren.
Der Fremde mußte schwere Träume haben, er war sehr unruhig und seufzte.
Waberl war besorgt um ihn und dachte bei sich, wie es doch gut sei,
daß er gekommen. Er war ihr ein Trost in diesen Schrecknissen, die sie
allein wohl kaum zu ertragen vermeint. War es wer immer, er werde das
ja endlich wohl sagen, er sei nun Hausfreund und müsse helfen, helfen,
bis Mirtl da und Alles wieder besser wäre.
Es mußten dicke Wolken am Himmel hangen, es wollte in solchem Wetter
nicht recht Tag werden.
Der fremde Mann erwachte auf seiner Bank, rieb sich die Augen und
entsann sich seiner Lage. „Will denn diese gottverdammte Nacht kein
Ende nehmen?“ murmelte er aufspringend und auf seine Uhr sehend. Sie
mußte von der Nässe gelitten haben und stand. Die Wanduhr zeigte im
düsteren Schimmer des Wachslichtes die achte Morgenstunde.
Waberl, die an der Wand herum gegangen war und die Fenster geprüft
hatte, rang sprachlos die Hände.
„Was habt Ihr denn schon wieder?“ fuhr sie der Fremde an, „ob’s nicht
licht wird in diesem Loch, frag’ ich Euch!“
Da wankte das trostlose Weib auf ihn zu: „Flucht nit, wir sind
verschneit und verweht.“
„Verschneit? Was habt Ihr da gesagt! Verschneit und verweht?“
Er rannte wie wahnsinnig zu den Fenstern. Verschneit und verweht!
Abgeschlossen von aller Menschenhilfe, gehüllt in ewige Nacht --
lebendig begraben, -- verhungernd -- zerschmettert, wenn das Dach
seiner unberechenbaren Last weicht und einstürzt. Verschneit und
verweht! --
Und es blieb Nacht in der Hütte.
Der Fremde hatte sich ausgetobt. Jetzt saß er am kleinen Tisch und
starrte sprachlos in die Flamme des Kienspans. Waberl mußte ihn
trösten. Sie sagte, daß man durch den Rauchfang Tag schimmern sehe, und
daß Mirtl schon kommen werde, um sie Alle zu erretten.
Da lachte der Mann auf. Es war fürchterlich, wie er auflachte und das
Weib und die Kinder erschreckte. „Heute noch nicht,“ murmelte er dann.
Nun machten sie Versuche, ob denn nirgends ein Ausweg. Sie öffneten
die Thür; eine Schneemasse stürzte in das Haus, aber es blieb dunkel
über derselben. Sie mußten tief liegen. -- Durch den engen Rauchfang
hinauszukommen, war unmöglich. Alles Rathen und Anstrengen vergebens.
Die Kinder hatten zuerst ihren Spaß, daß es heute finster bleibe; sie
löschten in der Küche den Span aus und spielten „blinde Kuh“. Als aber
die Mutter sagte, daß sie beten sollten zum lieben Gott um Hilfe und
Errettung, sonst müßten sie Alle mitsammen sterben, da wurden sie denn
doch ein wenig traurig.
Waberl war ein starkes Weib und hatte sich Fassung errungen. Sie
ordnete Alles neu an und dachte nach, wie es jetzt werden müsse.
Lebensmittel waren im Hause, sie müsse nur sehr sparsam damit umgehen.
Die Ziegen geben ja täglich Milch, und wenn’s darauf ankäme, auf
ein paar Wochen Fleisch. Brennholz lag im Vorhaus, und wenn dieses
verbraucht, wolle sie die Wand zwischen Stall und Futterkammer
angreifen. Und endlich müsse doch ihr Mann und Hilfe vom Dorfe kommen.
Vor allem beschloß Waberl, die Leiche der Großmutter mit Hilfe des
Fremden auf den kühlen Vorboden zu schaffen.
Nach alldem schmeckte bei Tisch die Erdäpfelsuppe recht gut, aber der
Fremde aß nichts, sondern versuchte nur einmal aus seiner Pfeife,
welche reich und zierlich beschlagen war, zu rauchen. Dabei hing er
seinen Gedanken nach. -- Wird er wohl kommen? Nein, vor drei Tagen
gewiß nicht. O Hohn des Schicksals! Das ist zu viel! Laß’ mich doch
nicht so elendiglich verderben. -- Wird man mich nicht suchen? Hunderte
werden es, aber sie werden mich in diesem Schneegrabe nicht finden.
Den andern Tag war der Fremde endlich heiter und spielte mit den
Kindern und sagte, sie sollen ihn den Vetter Franz nennen; zu Hansl
sagte er besonders, er werde noch sein Firmpathe werden. Waberl
versicherte er, daß Mirtl in einigen Tagen ganz gewiß kommen werde und
sie möge in der Weile nur auf das Feuer Acht geben und wohl nachsehen,
daß das Wachslicht am Vorboden nicht Schaden thue.
Der Mann aß nun auch, wenngleich wenig, von der Milchsuppe und den
Kartoffeln und trank zu Durst mit den Anderen Wasser von aufgelöstem
Schnee. Dabei lächelte er wehmüthig und sagte, die Kinder streichelnd,
sie würden mitsammen schon noch einmal was Anderes bekommen. Fluchen
hörte man ihn nicht mehr.
So ging wieder ein Tag dahin und die Bewohner der Hütte gewannen den
„Vetter Franz“ recht lieb. Er wußte Geschichten zu erzählen und wie
es draußen in der Welt und bei den reichen Menschen zugehe. Er zeigte
ihnen seine Sackuhr und sagte, daß das, woraus das Gehäuse gemacht,
Gold wäre. Sein Gewehr mußte er ihnen auch zeigen und erklären, und er
fragte, ob denn der Vater keines habe. Die Kinder sagten Nein, aber
Waberl erzählte, daß Mirtl wohl einmal eines gehabt habe, als noch
Wölfe im Gebirge waren und böse Leute in der Gegend herumstrichen.
Da sei aber der herrschaftliche Förster gekommen und der habe es mit
fortgetragen, weil Unsereins, der mit der Jagd nichts zu thun, kein
Gewehr haben dürfe. Zwar aufrichtig: Der Mirtl hätte wohl noch eins.
„Es giebt ja eine solche Unmasse von Wild in diesen Bergen herum; Euer
Mann wird doch die Gelegenheit so dann und wann benützen?“ fragte der
„Vetter“.
„Zu brauchen hätten wir schon was,“ meinte das Weib.
Der Fremde sah dem Span zu, dessen Kohle sich so merkwürdig ringelte.
Hansl war noch im Anschauen und Untersuchen der Uhr begriffen und
fragte, „ob’s denn mehr solche Sachen in der Welt gäbe?“
„Bei allen reichen Leuten, mein Kind,“ gab der Mann lächelnd über diese
junge Einfalt zur Antwort.
„Ei, so sag’ mir einmal, Vetter Franz, wie wird man denn ein reicher
Mann?“
Was sollte der Fremde wohl darauf antworten? Aber Julerl that’s für
ihn. „Ein reicher Mann, Hansl?“ meinte sie, „wenn man ein Schloß nimmt
und braucht die Leut’ zum Roboten.“
Der „Vetter“ war ernst und nahm die Kinder auf seinen Schoß. Er küßte
sie und that im Herzen ein heiliges Gelöbniß.
Seitdem es Nacht in der Hütte war, hatte der Zeiger der Wanduhr zehnmal
seine Runde gemacht. Das Stückchen Himmel, das durch den Rauchfang
hereinlugte, war trüb, so trüb wie die Gemüther der Hüttenbewohner,
deren letzte Hoffnung im Erlöschen war. Aber sie waren ruhig und
ergeben. Nur der „Vetter“ war wieder einmal wie rasend, er müsse fort,
er ~könne~ hier nicht umkommen.
Und am sechsten Tag, als der Himmel blau durch den Rauchfang blickte,
wurde es anders.
Waberl hatte es zuerst gehört und athemlos in der Stube verkündet. Dann
waren sie Alle in’s Vorhaus gelaufen und hatten es wieder gehört. Dann
wurde der Schnee vor der offenen Thür, der früher schwarz war wie die
Wand, grau und licht und lebendig, eine Gestalt brach aus demselben
hervor und im rosigen Tag stand ~Er~ da und fiel seinem Weibe um
den Hals. -- --
Es war ein freudiges Tagen! -- bis Mirtl’s Blick bang umher zu irren
begann. -- Oben im Vorboden lag sie und vom Wachsstock brannte das
letzte Stümpfchen. -- Todt schon seit acht Tagen.
Der Holzknecht kniete an der Bahre und hielt die harte, kalte Hand fest
umfaßt und starrte lange in das weiße Antlitz: „Mutterl! Das Wildpret
war Euch vermeint gewesen, das ich in voriger Woche geschossen; hab’
Euch so lieb gehabt, und jetzt seid’s mir gestorben!“
Und wie der holde Tag durch die Thür strahlte und das harte Weh im
Herzen sich aufgelöst hatte in Thränen, gedachte Waberl auch des
Fremden. Der stand im Winkel hinter dem Herd. Als ihn der Mirtl sah und
wieder ansah und sich die Augen rieb, hat sich das ereignet, was im
Schlosse draußen noch heute durch ein großes Gemälde dargestellt wird.
Im Gemälde kniet der reiche und hochedle Baron Franz von Scharfenthal
vor einem braunen, bärtigen Holzknecht und umfaßt dessen Kniee und
blickt flehend auf in’s rauhe, treue Gesicht.
So hat es der Künstler dargestellt.
Auf der Rückseite des Gemäldes ist ein Fach und in demselben liegt die
Urkunde. Sie lautet:
„Im Jahre des Heiles 1846, als der strenge Winter war, hat sich der
Freiherr Franz von Scharfenthal auf der Jagd verirrt und sechs Tage
und sechs Nächte in einer Holzknechthütte des Hochgebirges bei einer
armen Familie, mit welcher er förmlich eingeschneit wurde, zugebracht.
Er wäre alldort Todes gestorben, wenn nicht noch zu rechter Zeit der
Vater der Familie und Besitzer der Hütte, vulgo Holzknecht-Mirtl,
den der Baron einige Tage früher, als dies geschehen, ~wegen einer
kleinen Wilderei auf zehn Tage einsperren ließ~, von seiner Haft
frei geworden wäre und mit anderen Gebirgsleuten die Bewohner der Hütte
gerettet hätte.“
So hatte es der Baron aufschreiben lassen und das ist die Geschichte
von dem Holzknechthaus. --
Draußen im schönen Thal, wo auf einem Hügel das prächtige Schloß
steht, liegt heute zwischen wohlbearbeiteten und fruchtbaren Feldern
ein stattlicher Bauernhof, und Knechte und Mägde schaffen in und um
denselben. Der Bauer trägt einen tüchtigen Schnurrbart und arbeitet
wacker mit, obwohl er’s nicht Noth hätte. Wenn er Abends heimkommt,
halst er sein Weib und sagt: „Waberl, Du Herztausendschatz, grüß Dich
Gott!“
Den Bauernhof hat der Baron dem Mirtl gekauft, und dieser braucht keine
Robot mehr zu entrichten. Julerl, die Tochter hat einen Gutsbesitzer
geheiratet und Hans ist Oberförster.
Für den Hof daheim sind schon noch Jüngere.
Der Baron hat viele graue Haare. Man sagt, er habe die ersten vom
Holzknechthaus mitgebracht. Er ist auch sonst seit jenem Ereignisse
anders geworden. Wenn er irgendwo eine arme Familie weiß, so hilft er
und erkundigt sich, wie tief um ihre Hütte im Winter der Schnee liege.
Und wenn er am Sonntagmorgen bei den Seinen auf dem Söller steht und
den Mirtl und seine Gattin und Kinder festlich gekleidet mit den zwei
Hengsten thaleinwärts fahren sieht, so grüßt er sie schon von weitem.
Wo fahren sie hin?
D’rin im Gebirg ist ein Dorf und eine Kirche und ein kleiner
Gottesacker dabei, dort halten sie und pflanzen Blumen auf ein Grab und
geben einem alten mühseligen Weiblein Geld, damit es dieselben ferner
pflege. Dann setzt sich Mirtl mit den Seinen wieder auf das Gefährte
und läßt’s weiter gehen -- tiefer hinein in das Hochgebirge. Der Weg
ist holperig und neben demselben rauscht und schäumt der Waldbach.
Endlich kommen sie in ein enges Thal, wo das Wasser ruhig durch eine
kleine Wiese läuft und zwischen den Tannen ein Stück graues Gemäuer
steht.
Auf dem Gemäuer wächst wunderschöner blauer Enzian und anderes
medicinisches Kraut. Davon pflückt sich der Mirtl ab und nimmt mit
in’s große Thal hinaus. Es soll gut sein. Auch der Baron Franz von
Scharfenthal braucht davon. Er kennt nunmehr in seinen alten Tagen
kein heilsameres Kraut, als diesen blauen Enzian von der Stätte des
Holzknechthauses.
[Illustration]
Das Reich Gottes.
Dort auf dem Hochpaß, wo der Waldweg vom freien, sonnigen Hügelland
hinüber und abwärts in schattige Schluchten des Hochlandes führt, steht
unter einer grauen, zerklüfteten Felswand ein hundertjähriger Lärchbaum.
Er steht einzeln auf einer kleinen umwaldeten Rasenweide. Sein
knorriges Geäste strebt nach allen Seiten weit hinaus, als sei
es in Wettstreit mit den sich unter dem Rasen hinschlängelnden
hundertfältigen Wurzeln.
An der rauhen, vielfach zerklüfteten, harzigen Rinde des Stammes ist
ein verwittertes Crucifix angebracht; es wächst schon Moos an den Armen
und an der Brust des Gekreuzigten.
Auf dieses Crucifix richten sich die Augen eines Mannes, der im
Baumschatten auf dem Rücken liegt, die rechte Hand als Kopfkissen
gelegt, mit der linken einen Rosmarinstamm zerknitternd. Die Augen des
Mannes sind groß und dunkel, auf seinen bleichen Wangen und Lippen
liegt es wie ein schweres Leid. Der junge, schwarze Bart ist ungepflegt
-- über die langen Haare kriecht eine Kreuzspinne.
Der Mann gewahrt es, er hält den Rosmarinstamm gegen die Stirne und
das Thier kriecht über denselben auf seine linke Hand. Diese zittert,
es entfällt ihr die Pflanze. Das Thier krabbelt gegen den Elbogen und
endlich auf die Brust.
„Ein großes Glück kommt zu mir, denn eine Kreuzspinne sitzt mir am
Herzen!“ murmelt der Mann und seine Brust wogt hoch auf.
Aber die Spinne krabbelte darüber hinaus und verkroch sich wieder im
Grase.
Der Mann richtete sich etwas empor, strich sich die Locken aus der
Stirne und that einen Blick gegen die Himmelsbläue und abwärts gegen
das heitere Hügelland, wie es da lag im lichten Spätherbsttag.
Dort über die bewaldeten Anhöhen herauf und über die Felder und die
Wiesenau war er gegangen. Hinter jenem bläulichen Waldstrich ragt eine
funkelnde Nadel empor -- die Thurmspitze des Städtchens.
Dort war der Wurzelgraber ~Martin~ heute gewesen, dort hatte er
seine Wurzeln und Kräuter verkauft und einen guten Erlös eingezogen.
Dort war heute Kirchweih und auf dem Kirchhof waren am Vormittag viele
Menschen versammelt, an der Mauer des Pfarrhofes hatte ein junger
Priester gepredigt. Er predigte von dem Frieden und von der Liebe
-- von dem Reiche Gottes auf Erden. Und dort im Städtchen war Lust
und Musik an allen Ecken und Enden und beim „goldenen Rößl“ hatte
Martin die Nothburga zum Tanze geführt, und dort hatten sie heute den
Wegmacher Niklas erschlagen.
Niklas ging gestern mit Martin über das Gebirge, auf daß er heute im
lustigen Städtchen seinen zwanzigsten Geburtstag feiere; -- jetzt liegt
er starr und einsam beim Wirth in der Scheune und hat über der Stirne
eine lange Wunde. Vom Tanzboden klingen Pfeifen und Geigen und Jauchzer
und Jodler herüber, dort winden und flechten sich die Reigen, Herzen an
Herzen -- sie leben und sind fröhlich.
Es möge klingen und schallen und freudig sein -- der junge Priester
predigte vom Reiche Gottes auf Erden. --
All’ das ist für den Mann unter dem Lärchbaume nun vorbei und
versunken, nur die funkelnde Nadel der Thurmspitze ragt noch empor über
dem fernen, bläulichen Wald.
Niklas war Martin’s Freund und Nothburga’s Bruder; Nothburga war
Martin’s -- Freud und Leid.
Die Sonne sank hinter die Felsen, auf der Hochweide war es schattig,
nur draußen auf dem Hügellande war es noch goldig und auf den weißen
Straßen zogen Wagen und festlich geschmückte Menschen. Ueber einzelnen
Gehöften wehten Fahnen des abendlichen Rauches und die Thurmspitze
funkelte und funkelte, als wäre sie ein lebendiges Flämmlein, und weit
draußen hinter all dem zog sich das bläulichgraue Band der Hochebene
hin.
Viel Leben wogte und athmete da unten, aber kein Ton und kein Schall
drang herauf zum einsamen Hochpaß. Nur ein gezogenes, gleichmäßiges
Ticken zitterte in der Luft, das kam von der hölzernen Uhr der
Waldkapelle, welche in der nahen, von jungem Dickicht bedeckten
Schlucht stand. Die Uhr hatte vor zehn Jahren Martin’s Vater, der alte
Veit, geschnitzt; es war sein letztes Werk.
Das erzähle ich, weil Martin wohl daran gedacht hatte, als er so da lag
unter dem Lärchbaum und sein trübes Auge zum Kreuzbild wendete.
Jetzt erhob er sich, griff nach seinem grünen Filzhut und dann machte
er einige rasche Bewegungen mit den Händen, daß er die Trägheit
abschüttle.
Martin war ein schöner junger Mann in Alpentracht. Aber -- wie die
Natur schon oft spielt -- er war ein Anderer als Andere. Es lag eine
besondere Kraft in ihm -- in seiner Seele. Er fühlte diese Kraft, aber
er wußte nicht, wie sie in ihm entstanden war und was sie wollte. „Aus
mir wär’ was geworden, wenn mich mein Vater in die Schul’ geschickt
hätt’!“ Das sagte er oft und mit Bitterkeit. So wie er heute dalag
unter dem Baum, so lag er oft, und da hatte er schwere tiefe Gedanken,
wie sie sonst der Alpensohn nicht hat; er suchte nach der Kraft, die
irgendwo in seiner Seele lag, wie nach einem Schatz, und er wollte
sie heben. Sie lag drückend auf ihm, er rang mit ihr, aber er konnte
sie nicht fassen, nicht lenken und leiten. -- Dann hielt er oft seine
beiden Hände lange vor die Stirne und rief aus: „Ich werde noch
wahnsinnig!“
Oft war er schon ausgelacht und ausgespottet worden, und wenn er von
Zeit zu Zeit gar Einen fragte: „Sag’, hast Du denn noch nie darüber
nachgedacht, wie das ist, da sind so viele Millionen Menschen in der
Welt und keiner ist glücklich? Ein klein wenig glücklich ist Mancher,
aber Keiner ganz; bei Manchem fehlt gar nicht viel, aber es fehlt.“
Wenn er so fragte, so erhielt er die Antwort: „Narr, so schlaf’!“ oder:
„Narr, so sauf’ Dir einen Rausch!“ -- Und die so antworteten, waren
noch nicht die Dümmsten.
Indeß, Martin schlief nur wenig und einen Rausch hatte er sich noch
gar nie getrunken. Er zog nur im Gebirge umher und grub Wurzeln und
Kräuter. Und wenn er sich auf einen Stein setzte, um auszuruhen, so
kamen ihm immer wieder die Gedanken und er murmelte: „Es liegt wo -- es
muß wo liegen!“
Als sein Vater auf dem Todbett schwer danieder lag, stand er an
demselben Tag und Nacht und that Alles, um ihn zu trösten und zu
erquicken. Er war betrübt, aber er sagte: „Es muß einmal so sein und da
kann Niemand dafür.“
Und als sich Martin einst einen Splitter in den Arm gestoßen hatte und
sich in Schmerzen wand Tag und Nacht, und als die Leute sagten: „Ach,
der arme Wurzelgraber Martin, ’s ist zum Todterbarmen, wie der leiden
muß!“ rief er aus: „Wer kann dafür? Deswegen fällt die Welt ja nicht
zusammen und Euch hindert gar nichts, daß Ihr lustig seid!“
Später aber, als von einem blutigen Krieg, der draußen gewüthet
hatte, die Krüppel heimhinkten, da stieß Martin einen Fluch aus:
„... du Gotteskreuz in der Mörderhöhle! Dafür, daß diese jetzt ein
unglückseliges Leben tragen müssen, die Bettler -- dafür kann wohl
Jemand! Das haben die Menschen angestiftet! -- -- Wo liegt denn das
Mittel, daß sie Alle in Fried’ und Freud’ zusammen leben? Die Erde
wäre doch groß und schön genug dazu und Liebe ist auch da, es käme nur
darauf an, sie auf das Rechte zu lenken.“
Der Wurzelgraber ging einsame Wege.
Als Martin einmal an einem Sonntagsmorgen der Nothburga begegnete,
die, das Gebetbuch und einen Blumenstrauß in der Hand, zur Kirche ging
und ihn im Vorübergehen mit ihren blauen Augen heiter anblickte, da
blieb er stehen, sah dem Mädchen nach und sagte zu sich: „In ~der~
könnte es liegen, in der!“
Seitdem sah er Nothburga oft, bis er einmal zu ihr hintrat und sie
fragte: „Nothburga, hast Du mich so lieb wie alle anderen Menschen?“
Darauf sagte das Mädchen: „Du einfältiger Wurzelgraber, ich hätte Dich
gar lieber, wenn...“
In diesem Augenblick flog hinter dem Gebüsch ein Wildhuhn auf und die
Rede der Nothburga kam nicht zu Ende. --
Heute zur Kirchweih waren sie unten im Städtchen und zusammen beim
Tanz. Als Martin das Mädchen an die Brust drückend sich durch den
Tanzboden wand, dachte er bei sich: Ich hätte es, jetzt mögen auch die
Anderen schauen, daß sie fertig werden!
Da entstand im Vorhaus ein Streit zwischen mehreren Burschen wegen
einer Tänzerin, er wuchs und wuchs, Wein und Eifersucht waren auch
im Spiele, -- ein schwerer Keil sauste hin und der Wegmacher Niklas,
der Bruder Nothburga’s, taumelte und stürzte an der Treppe nieder.
Sein Schwesterlein rief er noch, aber als dieses kam und seinen
blutströmenden Kopf in die Arme faßte, da starrten es seine Augen wohl
noch an, aber diese waren steif und bewegten sich nicht mehr.
Nothburga hatte einen frischen Rosmarinstamm an der Brust, den gab sie
nun ihrem Tänzer Martin: „Da, nimm ihn, er ist nicht für mich -- sie
haben meinen Bruder erschlagen!“
Und Martin nahm ihn, ging fort aus dem Haus und aus dem Städtchen
und über Thal und Hügel -- immer aufwärts gegen den Hochpaß. Er war
verwirrt.
Dort, unter dem Lärchbaum brach er erschöpft zusammen, als ob auch ihn
ein Keil getroffen hätte, dann starrte er zum bemoosten, verwitterten
Crucifix auf und flehte im Herzen: „Vater unser, zu uns komm’ Dein
Reich!“
Dann zerknitterte er den Rosmarinstamm und dann kroch die Kreuzspinne
über sein Haupt und zu seinem Herzen.
* * * * *
Es begann bereits zu dunkeln und vom Hügelland herauf zogen verlorene
Klänge einer Gebetglocke.
Martin brach sich vom Lärchgeäste einen Stock, schritt über den Paß
und langsam abwärts gegen die Waldschlucht. Plötzlich stand er still
und horchte. Ein Uhu krächzte. Der junge Mann schauerte und eilte
schnell weiter durch den Hohlweg. Wieder blieb er stehen und that einen
gebrochenen Aufschrei. Unten in der Schlucht sah er Lichter flimmern
und diese bewegten sich und kamen des Weges entlang ihm entgegen.
Martin verbarg sich unter dem Hang, er zitterte und betete leise.
Und die Lichter kamen näher -- ein Gemurmel zitterte durch die
Abendstille. Menschen zogen den Hohlweg heran und einer unter ihnen
trug auf dem Arm einen kleinen Sarg. Sie sprachen mit gedämpften
Stimmen ein Gebet.
Den Letzten, der vorüber kam, fragte Martin, wer die kleine Leiche sei?
Sie war das Kind einer fremden Bettlerin, vor wenigen Stunden erst in
einer Waldhütte geboren. Weil der Wurm starb, bevor man ihm Wasser auf
das Haupt gegossen, hatte es kein ander’ Begräbniß.
Sie gruben nun in weichem Moosgrund ein Gräblein und legten das Kind
der Bettlerin hinein. --
Martin eilte hinaus durch die Schlucht.
Das war heute ein wunderlicher Tag! -- Wenn je ein Mensch das Reich
Gottes auf Erden entdecken wollte, so müßte er so suchen und sehnen und
forschen und verlangen wie der bleiche Bursche, der durch die dunkle
Waldschlucht wandelt.
-- Ein großes Glück kommt zu ihm -- das Glück für ~alle~ Menschen,
sonst ist es auch kein’s für den Einzigen, der es mit Allen gut meint.
Nie noch rang Martin so mit seinen Gedanken und Gefühlen, als heute; in
seinem Herzen glühte es, in seinem Kopfe glühte es. Heim eilte er in
seine Hütte und als er die Thür fest hinter sich verschlossen hatte,
zündete er einen Kienspan an.
Unter dem Tische der Hütte lagen ein paar Ballen von getrockneten
Wurzeln und Kräutern. Diese hatte Martin gesammelt, untersucht und
ausgeforscht, aber das, was er suchte und immer suchte, er fand es
nicht unter den Gewächsen. Und doch soll ein Kräutlein wachsen auf
Erden, in dem es ruht, tief verwahrt und verschlossen, das Heiligthum
-- denn es ist ja für Alles, für Alles ein Kräutlein gewachsen, nur
nicht für den Tod. Unmittelbar neben dem Tisch war ein verworrenes
Strohlager, fast zu breit und weit für einen einzigen Müden; es hat
auch schon Nächte gegeben, wo dem Burschen auf demselben einsam war.
Ueber diesem Bett hingen Heiligenbilder unter Glas und daneben war eine
Bretterstelle, auf welcher große, dickbändige Bücher lagen und lehnten
-- Bücher mit seltsamen Worten und Zeichen aus alten Zeiten.
Martin war in stillen Sommertagen und in wüsten Winternächten oft
stundenlang vor diesen Bänden gesessen und hatte geblättert und
nachgesonnen über die Zeichen und Geheimnisse, doch keine Lösung und
Erlösung hatte er gefunden.
Martin kannte ja keinen einzigen Buchstaben, das s ausgenommen, welches
aussieht wie eine Ringelnatter unter den Tannen- und Fichtennadeln des
Waldbodens.
Martin hatte gehört, daß ein Buch geschrieben worden sei auf Erden, in
dem es ruhe, was er suchte.
Martin legte den Arm auf ein Buch, sein Kopf sank auf denselben nieder
und er begann bitter zu weinen.
So weint der ringende Menschengeist, dem das Wissen verschlossen und
das Forschen verboten ist!
Endlich stieß Martin das vergilbte Buch in die Ecke, sprang auf, raffte
nach Hut und Stab und verließ die Hütte.
Es war der Mond aufgegangen und im dunklen Waldesgrund lagen silberne
Tafeln und Fäden und Punkte. Martin schritt darüber hinweg -- in diesen
bleichen Strahlen lag es doch nicht, was er suchte. Er hatte sie schon
gefragt in stiller Mitternacht; er hatte die Sterne angerufen; hatte
am Tag der Sonnwende aus dem Windröschen und dem Sesamkraut ein Feuer
gemacht und durch den aufsteigenden Rauch in die Sonne geblickt -- aber
verschlossen blieben die Himmel. Und doch träumte ihm einmal, es gäbe
ein Lichtlein im Weltenraum, und das Licht führe zum Heiligthum, das er
suchte. --
Und siehe, als der Bursche so durch Wald und Hag dahinschritt, da sah
er auf der Haide ein Lichtlein.
Er eilte ihm träumend zu. Eine Hütte stand dort; Martin sehnte sich
nach Menschen.
Und als er zur Hütte kam, da fand er in derselben ein Weib einsam und
verlassen auf einem Strohbund liegen; das schluchzte gar sehr, weil man
ihm sein Kind fortgetragen hatte hinaus in ein fremdes Grab.
Martin setzte sich an die Thürschwelle.
Der Kranken that es wohl, daß ein Mensch bei ihr war, zu dem sie reden
und klagen konnte.
Sie war ein armes Weib, war an der Seite ihres Mannes herumgezogen fast
schon in der halben Welt; das Volk gab Brot und die Lebensluft dazu gab
Gott. Vor einundzwanzig Jahre hatte sie ihrem Manne das erste Kind
geboren und in zwei Jahren darauf auf geheimnißvolle Weise verloren.
Der Knabe spielte am Wiesenraine, als sie vor dem Schloßthore eines
reichen Mannes Lieder sang, und als sie ihn rief, kam er nicht, und als
sie ihn suchte auf der Wiese, auf dem Felde, im Walde -- in der halben
Welt suchte, fand sie ihn nicht.
Er blieb verschollen bis auf den heutigen Tag; wer ihn fände, am linken
Fuß fehlt ihm eine Zehe, das wäre das Wahrzeichen.
Ihr Mann war auch schon zur Ruhe gegangen. Aber bald nach dem Begräbniß
des Gatten merkte sie das neue Leben unter dem Herzen; bangend und
hoffend zog sie weiter und bettelte sich durch mancher Herren Länder.
Hier in der Waldhütte übernachtend, kam die Stunde, das Weib gebar und
verlor wieder, und Holz- und Köhlerleute trugen das Kind in den Wald
und legten es in ein Grab.
„Und jetzt geh’ ich,“ schloß das Weib ihr Erzählen, „und singe, wo ich
Witwen und Waisen finde, meine Gesänge.“
„Gutes Weib,“ entgegnete Martin, „wenn ich singen könnte, ich ging’ mit
Euch, vielleicht läge das, was ich suche, im Singen.“
„Im Singen, lieber Mann, liegt Lust und Noth! -- Ihr sucht ein
glückliches Leben, ein Weib, eine Kinderschaar, ein friedliches Alter;
o, bleibt daheim, das Alles liegt in Euren Bergen, bleibt daheim!“
„Daß Ihr mich versteht, Weib, ich suche nicht mein Glück, ich suche das
Glück der ganzen Welt -- das Reich Gottes auf Erden!“
„Das Reich Gottes auf Erden!“ rief die Bettlerin auflachend und sich
emporrichtend, „ei, da sucht wieder einmal ein Blinder nach der Sonne,
die ihn einst geblendet hat. -- Glaubt das einer armen Bettlerin: das
Weltglück, wir wissen nicht, wie es aussieht, darum ist alles Suchen
vergebens.“
„Aber ich hab’ einen Priester predigen gehört, der sagte von einem
Reiche Gottes auf Erden.“
„Es ist auf Erden, ja, und ich weiß auch wo: es ist in dem Herzen eines
Kindes, das schlummert.“ --
Wer jetzt den Mond betrachtet hätte! Langsam zog er hinter ein Wölklein
und statt der lichten, freundlichen Scheibe sah man am Himmel ein
dunkles Herz mit silbernen Rändern. Und das Herz wurde ein scharfes
Dreieck und zackte sich aus, -- es wuchsen Arme und Glieder und diese
streckten sich nach allen Seiten und -- jetzt kroch über das dunkle
Himmelsgewölbe eine riesige Spinne dahin.
Und wer jetzt in Martin’s Herz geblickt hätte!
Dort wurde ein Märchen wach, wie es einst in einer stürmischen
Herbstnacht die Großmutter erzählt hatte. -- Im Herzen des Kindes! --
Ja, hier liegt ein Geheimniß, eine Zaubermacht -- im Herzen des Kindes
liegt Himmel und Glückseligkeit -- Alles. Und darum hat jener Zauberer,
von dem die Großmutter erzählte, ein Kindesherz geraubt und verzehrt
sammt dem Geheimniß und der Macht, und er ist allmächtig geworden bis
auf Eines. -- Ei, dieses Eine -- seinen eigenen Namen hat er vergessen
und nicht mehr gefunden -- er war namenlos. -- Vielleicht auch das
nicht, wenn er das Geheimniß zu Nutz und Frommen der Menschheit
angewendet hätte. -- --
Endlich, endlich gefunden, du bleicher Bursche -- im Herzen des Kindes!
Ach, Martin, das Märchen der Großmutter war lehrreich; der Zauberer war
namenlos geworden, er hatte den Namen Mensch verloren, er hatte ja eine
unmenschliche That begangen. Martin, und wie hast Du es so unglücklich
falsch verstanden mit Deinem einfältigen Wesen!
Martin bebte, er hielt sich an dem Thürpfosten und wie im Lippenkampf
preßte er die Worte hervor: „Auch im Herzen eines Kindes, das todt ist?“
„Auch in dem,“ sagte die Bettlerin.
Der Wurzelgraber erhob sich und ging über die Haide.
* * * * *
Der Mond stand wieder frei und klar am Himmel, als Martin mit einem
kleinen Spaten, den er zum Ausgraben von Wurzeln und Kräutern zu
verwenden pflegte, von dem Hochpaß, wo der Lärchbaum steht, niederstieg
durch den jungen Wald gegen die Schlucht.
Es ist drückend zu erzählen, wie der Mann gekämpft hatte mit seiner
Muthlosigkeit, mit seiner Gespensterfurcht, wie er die Stunde beschwor
und sich einsegnete mit allen Kreuz- und Wunderzeichen.
Dort stand die Kapelle.
Der Mond war hinter die Felsen gezogen.
Behend und geräuschlos, wie sonst nie, eilte der Wurzelgraber.
Plötzlich trat er auf lockeres Moos und sein Fuß stieß an ein
Kreuzlein, das im Boden stak. „Hier!“ sagte er und kauerte sich nieder.
Fester faßte er den Spaten in die Hand und noch einmal rief er alle
guten Geister an. Aber in dem Augenblick, als er das Eisen in den Boden
graben will, beginnt es auf dem Thurme der nahen Kapelle zu rasseln und
zu klappern, als ob hundert Todtengerippe tanzten.
Martin sprang auf und floh in das Gebüsch.
Das Geräusch währte eine Zeit fort und wiederhallte seltsam im Walde.
Endlich war es wieder still.
Vielleicht ist das Uhrwerk abgelaufen, -- kam es dem Wurzelgraber in
den Sinn, aber er zitterte an allen Gliedern und die Kniee wollten ihm
zusammenbrechen. Er beschloß nun, mit seinem Werk zu warten, bis der
Tag anbreche.
So blieb er im Gebüsch versteckt, bis der erste Vogelsang wach wurde,
bis es graute und sich lichtete und bis über den Ebenen das Morgenroth
aufging.
Jetzt begab sich Martin wieder an die Stelle, wo das Kreuzlein stak. --
Hier liegt das Kind der Bettlerin begraben ... Das Herz eines Kindes,
das schlummert, -- das Geheimniß, die Zaubermacht, das Reich Gottes.
Emsig warf Martin das Moos und die Erde aus, mit dem Spaten und mit
allen Fingern grub er und endlich stieß er auf den kleinen Sarg.... Den
scharfen Spaten stemmte er zwischen die Fugen -- es krachte und der
Deckel sprang ab.
Da lag es nun, in Lumpen, winzig und bleich und steif, das
Menschenkindlein, zusammengekauert, die Händchen über die Brust
gekreuzt, wie im Mutterschoß.
Leise rauschte es in den Blättern und Nadeln, auf allen Wipfeln sang
und klang es -- das Morgenroth strahlte in das Gräblein.
Martin’s Antlitz war fahl, seine großen Augen rollten unstet, zum
erstenmal war es ihm, als sei das, was er nun begehen wolle, eine
ungeheuerliche That.
Aber im Herzen des Kindes liegt es, und jener Zauberer nahm es heraus
und wurde allmächtig! Und die Großmutter hatte die Geschichte so oft
erzählt und im Gebirge wurde viel von derlei gesprochen.
Im Beinkleid, am rechten Oberschenkel hatte der Wurzelgraber seine
Messerscheide stecken. Nach dieser griff er nun und zog ein schmales,
langes Messer hervor, wie es die Gebirgsbewohner als Taschenklinge bei
sich tragen.
Als Martin die zarten Händchen der Leiche von der Brust wegziehen
wollte, fiel es ihm ein, daß auch die Finger eines neugebornen Kindes
etwas Wunderbares an sich haben. Diebe brauchen das; wenn sie in irgend
einem Hause, wo sie sich zur Nachtzeit zum Raube eingeschlichen, so ein
Fingerchen anzünden, so brennt das wie ein Kerzlein, und so lange es
brennt wird kein Mensch im ganzen Hause wach.
Aber nein und nein, Martin war kein Dieb, er schauerte vom bloßen
Gedanken; er wollte ja nichts sonst von der armseligen Leiche als das
Herz, in dem das Reich Gottes liegt.