Der Mann von der hohen Weid stutzte. „Nun, ist es vielleicht zu wenig?“

„Ich sag’ vergelt’s Gott!“ sagte darauf der junge Mann, „aber Geld

nehm’ ich nicht. -- Hunger hätt’ ich!“

„Ei, das ist was Anderes. ’s ist keine halbe Stunde mehr bis zu meinem

Haus, komm halt mit, und jetzt mach Dein Geld weg!“ Des Bauers Stimme

war ein weniges milder geworden.

„Habt Ihr’s denn nicht gesehen, wie sie ihn davon getrieben?“ hastete

der Bursche heraus, „ich nehm’s nicht! bei meiner Seel, ich nehm’s

nicht!“

„Also, Du Bettelbub,“ versetzte der Bauer und stemmte seine Arme in die

Seiten und streckte seinen Hals vor: „Du willst dem Hochweidhofer ein

Almosen geben?“

Jetzt haschte der Andere nach der Geldnote und mit bebenden Händen

zerfetzte er sie in viele Stücke.

Der Bauer starrte wunderlich drein und sagte kein Wort. Als er hierauf

den Strick wieder in die Hand nahm, murmelte er: „Ja, wenn es so mit

ihm steht, dann ist er freilich ein armer Teufel!“ Hierauf hob er seine

Stimme zum Befehl: „Du kommst mit!“

Falsches Geld.

Der Hof auf der hohen Weid ist eine Almerei im Großen. Die silberweißen

Schindeldächer des vielfältigen Gebäudes leuchten weit hinaus in

die Gegend, sie sind von keinem Schutzbaume beschattet, sie liegen

frei in einer sonnseitigen Mulde des Rochusberges. Im Hofe giebt es

Schellengeklingel, Rindergebrüll und Ziegengeblök zu allen Tageszeiten.

Wenn auch im Sommer große Heerden auf dem Hochboden und den Hinteralmen

weiden, in Gegenden, die noch ein gut Stück höher liegen, als der Hof,

so sind auch in diesem immer noch Kühe, Ochsen, Ziegen, Schafe und

Schweine zur Genüge vorhanden, und ein prickelnder Duft, wie er zum

Entsetzen der Recensenten häufig in Dorfgeschichten zu spüren sein

soll, verleiht der großen Almwirthschaft erst den rechten Nimbus.

Ein zahlreiches Gesinde, theils schläfrig, theils lustig, ist dem

Viehstande beigemengt. Hinkende und bekropfte Schafhirten, alte,

träge Ochsenwarte, aber auch flinke und ewig jodelnde Käserinnen,

Buttermädchen, stets barfuß und hochgeschürzt und stets mit ihren Kühen

und Kalben plaudernd, weil ihnen das Mannsvolk zu langweilig. Schuhe

und Strümpfe tragen zur Sommerszeit nur die Großbäuerin und der Bauer

und ihre zwei Söhne. Diese zwei Söhne sind junges, lustiges Blut;

aber der Aeltere war so hoffärtig, daß er in die Stadt studiren ging;

und der Jüngere ist seiner Schulzeit noch so nahe, daß er kaum erst

den Katechismus wieder vergessen hat. Er beschäftigt sich viel mit

Forellenfischen und Spatzenfangen, reitet den Ziegenbock, neckt die

alten Kühe, bis sie ausschlagen, und ist somit dem Weibervolke auf der

hohen Weid ein Gräuel.

Kein Wunder, die Langweile auf so einem Almhof, an dem keine Straße

vorüberführt, auf dem man des Jahres außer den Viehhändlern kaum

drei Fremde sieht. Gar kein Wunder, daß an diesem Tage, von dem wir

erzählen, eine gewisse Stimmung des Hangens und Erwartens auf den

Gemüthern lag. Der Stier kommt! Gestern ist der Bauer in das Untergäu

gegangen, heute, längstens bis zum Nachmittagsbrot kommt der neue

„Jodel“.

Die Stalldirnen fegten alle Spinnweben von den Winkeln, den Kehricht

vor den Thüren weg, striegelten die Rinder glatt und sauber, und die

Oberkäserin ging mit dem Gedanken um, zu Ehren des Ankömmlings einen

Schottenkuchen zu beizen, der so groß wäre, wie ein Melkzuber.

Endlich, zur Stunde, als die Giebel des Gehöftes schon lange Schatten

legten über die frischgemähte Wiese hinab, erhob sich eine lebhafte

Bewegung, und Alles rief oder flüsterte: „Er kommt!“

Dröhnend und mit heftig hin- und herschlagender Halsfahne trottete

der Stier raschen Schrittes in den Hof. Daß der Bauer mit dabei war,

verstand sich von selber, aber daß auch noch ein Anderer -- -- ein

junger, hübscher Bursche, manierlich über und über! -- Mit der Zunge

hat er geschnalzt, als sie zum Thore hereinkamen. Jetzt hält er den

Stier an den Hörnern, während der Bauer Anordnungen trifft. Will

sich’s aber nicht recht gefallen lassen, der Schwarze, schnaubt und

pustert und plötzlich macht er einen Sprung. „Laß aus, laß aus!“ rief

man dem Burschen zu, aber dieser läßt nicht ab von den Hörnern, wird

mit fortgeschleift. Das Weibervolk kreischt auf, ruft den Namen Jesu

an; da läßt der Bursche mit der Rechten los, ballt sie zur Faust und

versetzt dem wilden Rinde einen Schlag hinter dem Auge. Der Schlag war

weit zu hören, der Stier stand still, wendete langsam das Haupt; es

war ihm nicht wohlgemuth. Sie standen wieder ruhig beisammen. Das Heer

der Knechte nahte. Die Butter-Toni war gar ein weichherzig Mägdlein,

die wäre für ihr Leben gern dem jungen Menschen zugesprungen, um ihn

zu fragen, ob er sich wohl nirgends weh gethan; aber ihre Scheu vor

dem Schwarzen war doch zu groß. Erst als der Stier in seinem Stalle

war, kam sie mit Nadel und Zwirn herbeigerannt, um dem Fremdling

das Beinkleid zu schlichten, das am Knie einen großen Riß bekommen

hatte. Der so freundlich erwartete Stier aus dem untern Gäu hatte die

Zuneigung der Bewohnerschaft von der hohen Weid verscherzt; hingegen

war dieselbe im vollen Maße dem tapfern Fremden zugefallen, der nun in

die Gesindestube geführt wurde, wo ihm der Hausvater reichlich zu essen

auftragen ließ.

Durch die Thürfugen, durch die Fenster guckten die Mägde in die Stube,

um den jungen Mann sitzen und essen zu sehen, bis der Bauer plötzlich

den Ruf that: „Sakra! heißt das arbeiten?“ Da zogen sich die Augen

zurück.

Jetzt ging die Thür auf, ein langer, hagerer Mann trat ein und sagte

mit heiserer Stimme: „Glück herein, Unglück hinaus, der Herrgott

beschütze dieses Haus!“

„Dank’ schön, dank’ schön,“ versetzte der Hochweidhofer und wendete

seinen Kopf zum Fenster hinaus. Den alten Hirtengruß hörte er gern,

aber den Mann, der ihn jetzt gesprochen hatte, mochte er nicht recht

leiden.

Der Eintretende sah aber auch nicht just danach aus. Er hatte mattgraue

Tuchkleider am Leibe, die aber schon recht abgetragen und an allen

Enden zu kurz und schlottrig waren. Der obere Theil der Gestalt war

stark nach links geneigt, so daß der dünne, schlanke Mann aussah wie

ein geknickter Zaunpfahl. Die rechte Achsel war emporgezogen und auf

derselben lehnte der kleine Kopf, der mit seiner niedern, breiten

Stirn und dem scharfspitzigen Kinn eine dreieckige Form hatte. In

diesem Dreiecke waren für’s Erste zwei wassergraue schielende Aeuglein,

eine scharfe, aber zu kurz gerathene Nase mit weiten Nüstern, und ein

erklecklich breiter Mund, an dem die Oberzähne so weit hervorstanden,

daß sich die Unterlippe bequem hinter denselben bergen konnte. Zuckend

hob der Mann den Arm, um seine braune Pelzmütze abzuziehen, denn artig

war der Remini Dreihand immer, und die braune Pelzmütze trug er auch

immer; diese war so zu formen, daß sie entweder ein Sonnendächelchen

für das Auge, oder zur Winterszeit ein paar Schutzlappen für die Ohren

gab.

So schlich der Remini nun durch die Stube, auf den Bauer zu, legte

diesem eine Hand auf die Achsel und sagte gedämpft, aber hastig:

„Hochweider! Hochweider! ’s ist schauderlich -- ’s ist gar zum

Närrischwerden!“

„Was denn?“

„Ach, ’s ist schauderlich! -- Meine Mutter, wenn sie das gewußt,

richtig, sie hätt’ mich mitgeschickt in die neue Welt hinüber. Und

jetzt -- Hochweider! -- ist mir da in der alten herüben das passirt,

~Das~, und ~mir!~ mir, dem guten, armen Remini, der ohnehin

nicht weiß, wovon er leben soll in seinen alten Tagen --“

„Ei, geh mir!“ unterbrach ihn der Bauer, „Du bist das alte Klageweib,

heut, wie immer, Du hast zu leben genug.“

Der geknickte Zaunpfahl schwieg einen Augenblick. Dann kramte er mit

zitternder Hast in seiner Brusttasche. -- „Hochweider,“ hub er wieder

an und wickelte einen neuen Zehnguldenschein hervor, „Hochweider,

hast schon einen falschen Zehner gesehen? -- Nicht? -- nu, da kann

ich aufwarten; -- ist nett gemacht, nicht wahr? -- nett, fein --“;

dann brach er los: „Fünf schwere Thaler hab ich ihm dafür gegeben, dem

Lumpen, dem Schurken! -- Und ich verliere mein gutes Geld, der Wisch

ist falsch! Schau einmal, Hochweider, was das für ein Wasserdruck ist;

mit Sauschmer ist er gemacht. -- Aber heut’ haben sie den Fuchs aus dem

Loch gezogen; weiß der Himmel, wie lange er’s schon getrieben!“

„Ja, wer denn? wer denn?“ rief der Bauer, „das ist ja ein ganz

verrücktes Schwätzen!“

„Den Herrn Forstadjuncten Kilian Ehrlich haben heut’ die Schandarm’

abgeholt. Hochweider, einen Falschmünzer haben wir mitten unter uns

gehabt. Aber ich sag’s, wenn er gehenkt wird, da laß ich mir was

kosten, da muß ich dabei sein. Na ja, jetzt weiß man, wo die vielen

nagelneuen Banknoten herkommen. Schau nach, Hochweider, ’leicht hast Du

auch ein paar in Deinem Sack.“

Der Bauer fuhr gegen seine rothe Brieftasche, ließ sie aber im Rock

stecken und murmelte: „Ich nicht. Der Bauer von der hohen Weid kennt

sein Geld.“

Gut so, der Mann von der hohen Weid giebt sich nie eine Blöße, am

wenigsten noch vor einem Menschen, wie dieser Remini Dreihand. Der

Geizhals soll nicht die Freude haben, den Großmann des Berges auf der

Stelle um ein paar Dutzend Gulden ärmer werden zu sehen.

Erst als der Geknickte mit weinerlichem Gesichte seine falsche Banknote

mit derselben Sorgfalt wieder eingesteckt hatte, als wäre sie eine

echte gewesen, und als er hierauf klagend wieder davongeschlottert war,

ging der Bauer in die Stubenecke, in welcher neben dem letzten Fenster

der braune Uhrkasten stand, und sichtete seine Banknoten. „Sakra,

sakra!“ rief er plötzlich, „eine ganze Kuh ist hin! Fünf falsche

Zehner!“

In zwei Minuten darauf war er wieder der Alte, schritt langsam gegen

den Tisch und rief: „Nun, Herr Landstreicher, schmeckt’s nicht?“

Der Melchior hatte Messer und Gabel längst aus der Hand gelegt. Schon

der falsche Zehner des Remini Dreihand hatte ihm den Appetit verdorben.

Seitdem war er bewegungslos und blaß dagesessen.

„Gott vergelt es, ich bin satt,“ sagte er und stand auf, „aber ich

wollt fragen, Bauer, könnt Ihr mich in Euren Dienst nehmen?“

Der Hochweidhofer maß den Burschen vom Kopf bis zum Fuß, und zwar mit

einer hochfahrenden Kälte, als wäre er ein alter Recrutenrevisor. --

Gefällt mir übrigens von Dir! -- tauglich! wollte er schon sagen,

anstatt dessen entgegnete er langsam und trocken: „Der Bauer auf der

hohen Weid nimmt Keinen in seinen Dienst, den er nicht so gut kennt,

wie seinen Thürstock da, Keinen!“

„Mein Tauf- und Heimatschein liegt beim Müller im Untergäu,“ sagte der

Andere, „ich bin die Zeit her beim Müller gewesen.“

„Wird beim Müller im Untergäu das Dienstjahr zu Jakobi aus?“ fragte der

Bauer scharf.

„Beim Müller nicht, aber bei mir,“ antwortete der Bursche, „der Müller

hat mich an der Ehre beleidigt, da bin ich ihm davongegangen. Ich

bin ein ~ehrlicher~ Mensch, und wenn Ihr mich aufnehmt, Bauer,

so mögt Ihr mir die schwersten Arbeiten schaffen, mögt mich scharf

behandeln wie Ihr wollt, aber das merkt Euch, ~ich bin ein ehrlicher

Mensch~!“

Mit gehobener Stimme, fast drohend waren diese Worte gesprochen worden;

der Sprecher hatte dabei die Fäuste geballt.

„Hm, hm,“ meinte der Bauer kleinlaut, „das laß ich ja wohl gelten. Mußt

ihn nicht gleich so aufnehmen, meinen Landstreicher.“

„Der bin ich auch, und bin es so lang’, bis ich Arbeit gefunden hab’.

Zum Müller bringen mich vier Rösser nicht mehr zurück.“

Der Hochweidhofer ging langsam in der Stube auf und ab und hielt die

Hände am Rücken. Er trat fest auf, daß die Dielen knarrten. Dieser

fremde Junge wollte Recht behalten vor ihm, dem Mann von der hohen

Weid! Konnte er so Einen in seinem Hause dulden? Aber der Mensch

schien einen Kern in sich zu haben; und lauter Hundsfötter im Gesinde,

das thut auch kein gut.

„Weißt Du was, Melchior,“ sagte der Bauer und blieb vor dem Burschen

stehen, „wir machen dieweilen noch nichts aus. Bleib’ Du ein paar Tage

auf der hohen Weid. Gefall’ ich Dir und gefällst Du mir, dann spannen

wir auf weiteres an. -- Ist Dir das recht, so paß jetzt auf. Du und

der neue Stier, Ihr seid zwei Bekannte, Du sollst den Schwarzen heut’

noch auf die Hinteralm führen. Der kleine Bub wird Dir treiben. Bei

dem Sennermägdle auf der Hinteralm wirst Du über Nacht bleiben. Morgen

wirst Du den Stier an die Heerde lassen und so lang dabei bleiben, bis

Du siehst, er ist angewohnt. Nachher kommst wieder heim.“

Kommst wieder heim! Das Wort hat dem Melchior wohlgethan.

Das Andenken in der Zipfelmütze und das Sennermägdle.

Der Schwarze hatte dieweilen auch sein Willkommbrot genossen. Als

hierauf die kleine Karawane gerüstet war, schoß noch die flinke

Butter-Toni herbei und steckte dem Melchior kichernd ein weißes

Päckchen in die Hand. Seine Zipfelmütze war’s, die er bereits vermißt

hatte; sie war vorhin im Kampfe mit dem Rind in den Wust gefallen und

mußte gewaschen werden. Als sie der Bursche nun über den Kopf ziehen

wollte, fand er ganz hinten im Zipfel ein schwammiges Dingelchen.

Was kann denn da drin stecken? Ein niedliches Lebkuchenherz und ein

papiernes Bildchen darauf, und auf dem Bildchen ein goldenes Körblein,

und im Körblein ein Nest von rothen Rosen und in den rothen Rosen ein

Liebespärchen, das sich die Hand reicht, und darüber die Worte gedruckt:

„Zu einem treuen Angedenken

Will ich Dir mein Herzlein schenken.“

Da wollte sich des Burschen Gesicht schier zu einem Lächeln ziehen; er

blickte um sich, sah kein Mägdlein, hörte aber Kichern im Gestalle.

Der kleine Bub, der als Treiber ging, war gewiß noch nicht zehn Jahre

alt, aber er hatte einen so großen Filzhut auf dem Haupte, daß er

das kleine Gesicht sehr hoch empor halten mußte, wollte er aus der

ungeheueren Krempe hervor den schwarzen Stier und den blauen Knecht mit

der Zipfelmütze noch sehen.

So zogen sie die Höhe hinan, über die Steinhalden und Grasblößen

dahin, die schönen Matten des Hochboden entlang bis gegen die Hütten

der Hinteralm. Der Kleine war Wegweiser. Sie hatten unterwegs manchen

Strauß zu bestehen.

Dort und da waren in einem Schocke Rinder beisammen, die sich sehr für

den vorüberziehenden Blutsfreund interessirten. Der Schwarze selbst

wollte mit den Standesgenossen anbinden, und besonders, wo er Kühe und

Kalben wahrnahm, da wollte er zu ihnen, oder er war kaum vom Flecke zu

bringen. Die kräftige Hand Melchior’s gehörte dazu, um ihn zu bändigen,

und der kleine Junge schlug stets einen solchen Lärm sowohl mit seiner

Riemenpeitsche als auch mit seiner hellen Stimme, daß das Rindvieh

ordentlich Respect davor bekam.

Endlich sahen sie die Hütte, aus welcher dünner Rauch in die Abendluft

aufstieg und in welcher Melchior bei dem Sennermägdle übernachten

sollte.

Es wurde dem Burschen ganz seltsam auf dieser Höhe; da war’s so still,

so weit, so frei. Seine Glieder waren munter, sein Herz war andächtig

und übermüthig zugleich.

Vor der Hütte weideten einige Schweinchen; am Brunnen trank eine

betagte Kuh, im Hollerstrauch daneben schäkerten ein paar Ziegen. Die

Hüttenthür war offen, aber die untere Hälfte derselben war durch einen

Gadern gesperrt, auf daß die vorerwähnten Thiere nicht freien Eintritt

hatten in die menschliche Behausung, in welcher das Sennermägdle

wirthete.

Der Melchior lugte schon von weitem auf die Thür. Er sah innerhalb

derselben in der Dunkelheit und dem Rauch des Herdfeuers eine Gestalt

stehen, die gemächlich den Stab eines Butterrührkübels auf- und

niederzog und dabei ein Pfeifchen schmauchte. Das Gesicht war runzelig

und gar verdorrt, die kurzgeschorenen Haare waren dünn und grau. Die

Dreie nun bemerkend, ließ diese Gestalt den Rührstab ruhen und machte

einen langen Hals, der rechtschaffen gebräunt und an dem die Adern wie

ein Knäuel rauher Stricke ineinandergingen.

„Gelt, Nickerl, es wohnen mehr Leute in der Hütten als Einer?“ fragte

Melchior den Knaben.

„Nein,“ antwortete dieser.

„Wer ist denn nachher das, was dort Butter rührt?“

„Das ist das Sennermägdle.“

Der Bursche schwieg, that aber einen so heftigen Ruck an dem Strick,

daß ihn der Schwarze fragend anglotzte, was er doch schon wieder

mißgangen haben könne?

„Mägdle, der neue Stier ist da!“ rief der Nickerl. Da kam denn die

Gestalt mit den kurzgeschorenen Haaren und dem Tabakspfeifchen sofort

herangetrippelt, und ihr Anzug, ein grauer, schwarzgestreifter

Wiflingkittel mit der gleichfarbigen Schürze und dem einmal blau

gewesenen Busentuch ließ keinen Zweifel mehr übrig: es war ein Weib, es

war das Sennermägdle.

Der Stier wurde in eine bereitete Klause gethan und mit Bocksbart und

Süßklee gefüttert. Der Nickerl war wieder davongehüpft, und man hörte

ihn über die Almen hinaus lange noch lärmen; der Kleine suchte die

Gespenster, vor welchen er sich in der Nacht fürchtete, durch helles

Geschrei zu vertreiben.

Der Melchior saß völlig schwermüthig vor dem dürftigen Herd,

auf welchem ihm das „Mägdle“ das Abendbrot kochte. Als sie die

„Mehlspatzen“, die sehr fett waren, verzehrt hatten, ging die Alte den

Burschen an um ein Pfeifchen Tabak.

„Weibel,“ entgegnete Melchior treuherzig, „ich hab’ meiner Tag nicht

geraucht.“ Er redete weiters nicht viel, aber Eines ging ihm nicht aus

dem Sinn; das Ding war auch ganz unerklärlich, es war gar nicht zu

lachen darüber, es war geradezu ein Unding, ein neues Unding in seiner

Welt. Das kleine Köpflein sah ja schier kahl und gerupft aus. Er war

sonst nicht neugierig, aber nun that er doch den Mund auf: „Ist es des

Herdfeuers wegen, daß Ihr Euch die Haare habt schneiden lassen?“

„Was brauch ich denn die Fetzen!“ fuhr sie ihn an; bald aber setzte

sie, wie selbstgefällig, grinsend bei: „Ich verkaufe mein Haar!“

„Verkaufen!“

Der Melchior war von seinem umgestülpten Milchzuber aufgesprungen.

„Geld und wieder Geld!“ rief er, und im Munde kaute er die Worte herum:

„Herr je, was muß die nicht schon Alles verkauft haben, wenn die paar

armseligen Haarweben nicht mehr sicher sind auf ihrem Schädel!“

„Wie sagst?“ fragte die Alte.

„Ist schon recht,“ sagte der Bursche.

„Mein Gott, wo nähm’ unsereins sonst das Tabakgeld?“

„Ist schon wieder recht!“ rief der Melchior, „Sennin, ich möcht

schlafen gehen!“

Auf dem Dachgeschoß der Klause, in welcher der Stier seine Nachtruhe

hielt, lag frisches Heu; da hinein warf sich der Bursche aus dem

Untergäu und streckte die Glieder weit von sich.

Geld! im Untergäu das Gift, im Obergäu das Gift -- überall! -- Mich

bringst du nicht um, ich bin ehrlich, so steht’s in meinem Taufschein

-- und ich will’s verbleiben. Du kleines Ledertäschlein da, von meinem

Pathen hab’ ich dich, für Geld wärest du gemacht. Nicht einen Pfennig

kriegst mir hinein. Wart einmal, sollst nicht leer bleiben -- sollst es

gut haben -- so!

Das Lebzeltenherz steckte er in den Geldbeutel. Dann barg er diesen

tief in seinen Hosensack, dehnte sich noch einmal im weichen Heu und

schlief ein.

Das Gegröhle der Schweine war es am andern Morgen, das unsern Melchior

zu dem herrlichsten Alpensommertag erweckte. Der Bursche hatte nur

einige Rispenhälmchen aus seinen Hosen und Haupthaaren wegzuzupfen,

dann war er angekleidet und herausgeputzt. Kaltes Brunnenwasser goß er

sich noch in das Gesicht und eine warme Molkensuppe in den Magen, dann

war er bereit.

Er ging mit der Heerde auf die Weide. Es waren lustige Kühe und flinke

Kalben da, und der Schwarze war Lebemann. Melchior sah es gleich, daß

sich der Untergäuer hier nicht langweilen werde; er hätte denn sofort

in das Gehöfte zurückkehren können. Allein auf der sonnigen Matte war

es so wohlig zu liegen, die Augen zu schließen und dem Glockengeschelle

zuzuhören. Er that’s und dachte dabei an das Lebkuchenherz, das er in

seiner Geldtasche trug, dachte an die kleine Magd, die ihm das Ding

zugesteckt hatte. Sie hatte ein kurzes rothes Kittelchen an und gelbe

Haare auf dem Kopfe, das war Alles, was er von ihr wußte. Und es war

genug, häufig genug. Er riß die Augen auf und sah in die Heerde hinein.

Dort nicht weit stand ein Wassertrog, der war aus Föhrenholz, es

klebte noch die dicke, gefurchte Rinde daran. Melchior ging zum Troge,

trat mit der Schuhferse ein Stück Rinde davon und begann mit seinem

Taschenmesser an diesem Stücke zu schnitzen.

Er schnitzte, murmelte, pfiff, sang dabei Schelmenlieder aus dem

Untergäu. Und endlich war das Ding fertig. Er hub es mit der rechten

Hand ein paar Schuh weit von sich in die Luft hinaus, drückte ein Auge

zu und mit dem andern lugte er so d’rauf hin. Gut gerathen war’s,

ein Vögelchen spitzte die Stoßfedern, hob das Köpfchen, sperrte das

Schnäbelchen auf. Ja, so schnitzen aus Föhrenrinden, das hat er schon

als Knabe gelernt, das bringt Keiner so zu weg, wie der Melchior.

Aber die kleine Magd mit dem gelben Haar, wird sie ihn schließlich

nicht gar ausspotten, daß er ihr für das nette Lebkuchenherz nichts zu

bieten weiß, als so ein hölzernes Dingelchen da? Sie kichert und lacht

so gern, das hat er schon gesehen... Sie soll aber nicht kichern und

lachen über ein Andenken, das ihr Melchior giebt, sie soll sehen, wie

tief in’s Herz hinein ihn ihr Lebkuchen gefreut hat, sie soll merken,

wie er das Lebkuchenherz verstanden hat, sie soll wissen --

Was nur soll sie wissen?

Der Melchior hat an seiner Halsschnur ein messing Marienbildchen und

ein silbernes Ringlein hängen. Das Marienbildchen hat er von seiner

Mutter -- Gott schenk’ ihr die himmlische Freud’. Das Ringlein hat er

von einem frommen Kapuziner, der einmal mit einer großen Blechbüchse

in’s Haus gekommen ist und dem die Mutter um Gotteswillen einen

schweren Klumpen Rindschmalz in die Blechbüchse gelegt hat. Der Pater

hatte mancherlei Schätze bei sich und aus Dankbarkeit für den Klumpen

steckte er dem Knaben ein funkelndes Silberringlein an den Finger. Der

Finger war bald zu groß gewachsen, da kam der Ring an die Halsschnur.

Der Melchior dachte daran, nahm seinen geschnitzten Vogel wieder zur

Hand und schlitzte ihm den Bauch auf. Eine tiefe Spalte nämlich schnitt

er in das hölzerne Thier; dann that er das Ringlein von der Schnur,

rieb es ein Weilchen an der blauen Leinwandhose, bis es in der Sonne

wie Gold funkelte, that es dann in den Spalt und verklebte diesen

sorgsam mit Splitterchen.

„Jetzt, Rothkröpfel, ist auch ein Herz in dir!“ rief er lustig, „jetzt

bist schon recht für die Rothkitteldirn!“

That das Vöglein in seinen Hosensack, rief der grasenden und

scherzenden Heerde zu: „Viel Glück auf der Hinteralm und stoßt euch

kein Hörndel ab und -- das Sennermägdle, das laß’ ich von weitem schön

grüßen!“ und ging davon.

Ueber die stundenlange Schneide des Rochusberges ging er hinaus.

Hier auf der Höhe -- wo ihm nicht der geizige und nergelnde Müller

mit seinem ewigen Brummen und Befehlen zur Seite war, wo er seine

schlanken Beine einmal fest und sicher in den Boden setzen, seine

hohe Brust einmal ordentlich hervorkehren, sein Haupt einmal keck in

die Höhe heben konnte, wo er seinen klaren Augenblick einmal trotzig,

lebensfreudig in’s Weite schießen lassen wollte, wo jeder Athemstoß ein

Jauchzen wurde -- machte er Halt. „Es ist Platz für mich, und wenn ich

einmal doppelt werde, Platz genug!“ -- da hätte man’s sehen können, was

der ganze Bursche für ein prächtiger Kerl war.

Das dünne, weiche Leinenkleid that nichts dagegen, daß man seinen

drallen, echt älplermäßigen Gliederbau durchaus kennen lernen konnte;

zudem stand zu vermuthen, daß der Melchior gar kein Hemd anhatte.

Die Hände hielt er stets in den Hosentaschen; in der rechten hielt

er das Beutelchen mit dem Lebkuchenherz, in der linken den Vogel. So

schlenderte er fürbaß und der weißrothe Haubenzipfel schlug am Nacken

bei jedem Schritte wie ein Pendel hin und her.

Je näher der Bursche aber gegen den Hochweidhof kam, desto mehr

verging ihm die Lustigkeit. Unter den Menschen war er wieder der arme

Schelm. Und vielleicht hat es der Bauer schon erfahren, weß Stammes

und Namens er, der Melchior, ist und wird ihn gleich aus dem Hause

weisen. Die Menschen gehen alle nach dem Schein, alle! Der Bauer von

der hohen Weid, sagt man zwar, der gehe schnurgerade der Nase nach und

dem Kern zuleibe. Dann freilich wär’s gewonnen. -- Heute oder morgen

muß der Melchior doch den Mund aufmachen, will er auf der hohen Weid

verbleiben. Heute ist’s besser als morgen.

„Nu, Melchi, wie steht’s auf der Alm?“ fragte der Bauer sogleich, als

der Bursche vor sein Auge trat.

„Könnt’ gar nicht besser stehen,“ antwortete der Melchior.

„Was schafft das Sennermägdle?“

„Nicht einmal scheu ist er worden,“ sagte der Bursche.

„Wer?“

„Der Stier.“

„Vor wem?“

„Vor der alten Vettel.“

Jetzt that der Bauer einen ganz gewaltigen Lacher. „Bist ein rechter

Sakra, Du!“ rief er, dem Burschen die flache Hand auf die Achsel

werfend, „ein Höllsakra übereinand! Und nun schau, daß Dir die Bäuerin

Dein Mittagsmahl giebt, die Leut’ haben schon abgegessen. -- Hast denn

noch was auszurichten?“

„Bauer,“ sagte nun der Untergäuer stockend, „meine Mutter hat fort

gesagt, wenn das Herz voll ist, so hat im Magen nichts Platz. Mir

gefällt’s schon auf der hohen Weid und ich möcht was reden mit Euch,

aber ganz allein.“

„Mit mir was reden willst? Lug einmal, Junggesell, seit wir Zwei uns

kennen, giebst Du mir ja einen Befehl um den andern! Willst Du was

reden, so hast mich fein zu fragen, ob ich was hören will. Nu, für ein

andermal. Kannst jetzt mit mir gehen.“

Er führte den Burschen über eine Stiege in eine rückseitige Kammer

empor. Hier hingen, lehnten und lagen allerlei Werkzeuge, Messer,

Hacken, Sägen, Feilen, Bohrer und andere Dinge, deren Zweck gar nicht

zu errathen war. Des Bauers Werkstatt, in der er die Halsjöcher seiner

Ochsen zimmerte, die Melkzuber und Milchbutten band, die Haarstriegel

schärfte, die Messer schliff, mit denen den Rindern die Hörner und

die Klauen beschnitten wurden, und allerlei andere Dinge schuf und

verrichtete, die in der Wirthschaft nöthig waren.

Der Bauer setzte sich nun sofort auf die Hanselbank, zwängte einen

Balken unter den hölzernen Haltkopf, begann mit einem Reifmesser daran

zu schneiden und sagte: „Melchi, jetzt kannst was reden mit mir.“

Der Bursche setzte sich auf einen Ahornblock, schlug mit den Händen auf

die Oberschenkel, daß es klatschte, zuckte die Achseln und stieß das

Wortlein: „Ja!“ heraus. Dann schwieg er und trampelte mit den Schuhen.

Der Hochweider schnitt gelassen an seinem Balken.

„Bauer,“ sagte nun der Melchior kleinlaut, „möcht Euch sagen, wie’s mit

mir steht. ’s ist eine schwere Sach’, weiß nicht, wo ich anfangen soll.

Mein Vater, der ist im Gefängniß gestorben, weil er sich unredlich Gut

zugelegt hat; meinen Bruder haben die Gendarmen weggeführt, weil er

Banknoten gefälscht; mich hat der Müller im Untergäu verjagt, weil ich

kein Schurke hab sein wollen; seht, das ist meine ganze Geschichte.“

Der Bauer hatte beim „Schurken“ sein Messer still gehalten. Nun schnitt

er wieder; als er aber sah, der Bursche wollte nicht mehr weiter reden,

blickte er mit scharfem Auge auf: „Der paar Worte wegen hast mich über

die Stiegen herauf gehetzt?“

„Habt Ihr den Ehrlich-Schmied vom Untergäu gekannt, Bauer?“

„Den ~Alten~ noch, hat mir ja im Eismonat meine Ochsen beschlagen,

wenn ich Fuhrwerk im Thal gehabt!“ sagte der Hochweider, „hat seinen

Namen nicht umsonst getragen, ist ein Ehrenmann gewesen.“

Der Melchior stieß einen tiefen Athemzug aus der Brust. -- „Ah!“ sagte

er sich aufrichtend, „jetzt Bauer, jetzt red’ ich mich leichter. Der

Ehren-Schmied, der alte, von dem Ihr da sagt, der ist mein Großvater

gewesen. Als so ein Bübel bin ich noch auf seinem Knie gesessen. Alle

Leut’ haben mich den Ehren-Schmied-Buben geheißen, in der Schul’ bin

ich der Ehren-Schmied-Melchi gewesen, wir haben uns ja auch Ehrlich

geschrieben. D’rauf, wie mein Vater die Wirthschaft übernommen

hat, ist’s abwärts gegangen. Meine Mutter, die ist gut gewesen,

rechtschaffen gut, sie hat mehr an die Armen verschenkt, als es hätte

sein sollen, und das hätt’ sie doch nicht thun sollen, daß sie von der

Wirthschaft heimlich Korn und Speck und Fleisch verkauft hat. ’s ist

bitter für mich, zu sagen, der paar Groschen wegen ist’s ihr zu thun

gewesen. Wie das Sprüchel sagt: das Weib kann mit der Schürze mehr aus

dem Haus tragen, als der Mann mit dem Erntewagen einfährt. Ganz und

gar sind wir verarmt. Mein Vater ist mit traurigem Gesicht im Hause

umhergegangen, die Arbeit hat ihm nicht mehr schlaunen wollen; wär’

sie schon umsonst, so hätt’ er keine Freud’ mehr zu ihr. Ein Terno in

der Lotterie gewonnen, könnt’ wohl noch retten! Hat viel simulirt,

mein Vater, wie er nur wieder zu Geld kommen könnt’. Da ist einmal

ein mühseliger Hausirer in unserm Hause über Nacht geblieben, in

derselben Nacht erkrankt und so hat mein Vater den armen Mann, um den

sich sonst Niemand hat wollen annehmen, unter seinem Dach behalten und

meine Mutter hat ihn wohl um Gotteswillen fleißig gewartet. Nach vier

Monaten ist der alte Mann bei uns gestorben. In aller Still’ haben

wir ihn auf den Kirchhof getragen, wie ein Bettelmann schon begraben

wird. D’rauf, wie mein Vater das Sterbebett aus dem Stübel tragen

will, findet er im Strohsack in ein blaues Tüchlein gewickelt -- Geld.

Ich, der junge Bub, hab’s erst viel später erfahren, es sollen an die

neunzig Gulden gewesen sein. Jetzt Hochweider, wenn Einen die Gnad’

Gottes jah verläßt!... Baargeld! Wer hätt’ so was beim Bettelmann

gesucht? Wer frägt danach! Keine Schrift, kein einzig Wort ist laut.

Und die Krankenpflege hat Müh’ gemacht und die Kost und die Medicin hat

Geld gekostet, wie kann’s denn eine so große Sünd’ sein, die kleine

Baarschaft da in aller Still’ für’s Haus zu verwenden! -- So wird’s

meinem Vater halt in den Kopf gekommen sein. Auf das geht eine Weile

hin, steigt der Gerichtsdiener in die Ehren-Schmiede. Ja, der ist wohl

auch sonst zuweilen gekommen, aber diesmal wird mein Vater todtenblaß.

Er muß vor’s Gericht, muß sich ausweisen, was es mit dem Gelde ist,

das er im Strohsack des Hausirers gefunden! -- Eine Magd in unserm

Haus, die dahinter gekommen, hat’s verrathen; mein Vater hat auf das

erste Wort Alles gestanden, er hätt’ nicht vorgehabt, den Fund beim

Amte anzuzeigen, hätt’ ihn für die Mühen und Auslagen im Haus behalten

wollen. Jetzt, Hochweider, haben sie den Ehren-Schmied eingesperrt.“

Diese letzten Worte hatte der Melchior nur so vor sich hingemurmelt

und hatte dabei stark mit den Schuhen auf den Fußboden geklopft. Seine

Wangen waren hochroth, seine Augen blinzelten und richteten sich zu

Boden. Der Bauer von der hohen Weid saß ruhig auf seiner Hanselbank und

schnitt und hobelte und hielt den Balken wagrecht vor sein prüfend Auge

hin, ob er wohl schon gleich und glatt genug sei.

„Mit dem Andern,“ sagte der Bursche jetzt, „will ich warten, bis Euer

Holz fertig ist, Bauer.“

Da ließ dieser von seiner Arbeit ab und versetzte: „Wie Du siehst,

bearbeite ich das Holz mit den Händen und nicht mit den Ohren.“

„Der Ehren-Schmied-Sohn muß es leiden, ~wie~ man ihm zuhört,“

sagte der Melchior und schlug wieder auf seine Schenkel. „Mein Vater,

der ist nach wenigen Wochen im Gefängniß gestorben, nicht lange darauf

auch meine Mutter. Die Schmiede ist in fremde Hände gekommen. Meinen

älteren Bruder, viel gescheidter und anstelliger als andere junge

Leut’, hat der Oberförster Tarnwald zu sich genommen. Der Kilian,

hat es geheißen, hätt’ lieber studiren und ein Baumeister oder Maler

werden sollen, er hat manchmal allerhand so Zeichnungen gemacht. Um

mich, den einfältigen und noch kleinen Jungen hat sich Niemand kümmern

wollen und Verwandte wissen wir in der ganzen Gegend keine aufzuweisen.

Da hat mich der Müller genommen. Beim Müller hab ich gezogen wie ein

Ochs, getragen wie ein Esel, sieben Jahr’ lang. Das ist auch in der

Ordnung gewesen, ich hab’ meine geraden Glieder und ich will gern

arbeiten. -- Da geht Euch vor etlichen Tagen auf einmal das Gerede,

die neuen, falschen Banknoten, die in der Gegend umliefen, hätt’ der

Forstjung Kilian Ehrlich gemacht! -- Keiner hat gefragt, ob’s wahr,

Jeder hat’s geglaubt auf’s erste Wort. Ehrlich! haben sie geschrien und

hell gelacht -- die braven Ehren-Schmiedleut! Das Weib hat den Mann

bestohlen, der Mann hat den armen Hausirer ausgeraubt, der Sohn ist ein

Fälscher geworden -- ist eine nette Bande. -- -- Die Ehrabschneider!

die Teufelsleut’!“ Die Worte blieben dem Burschen im Halse stecken,

seine Fäuste bebten auf den Knieen und der Hochweider, der nur so

hinblinzelte auf sein Gesicht, sah das schäumende, knirschende Antlitz

eines Rasenden.

„Und ganz recht haben sie,“ sagte später der Melchior scheinbar ruhig,

„der Wahrheit kann man nicht auf den Mund schlagen. -- Nur daß Ihr’s

wißt, Bauer, wie wir zugrunde gerichtet sind. -- Und --“ jetzt sprang

er auf, „das verfluchte ~Geld~ ist Schuld an meiner Mutter, an

meines Vaters, an meines Bruders Verderben. Und gestern, wie uns

der Kilian zwischen den Gendarmen unten an der Leuten begegnet ist,

da hab’ ich bei mir den Schwur gethan: ~mein Lebtag nicht einen

Heller will ich haben von dem vermaledeiten Geld, das die braven Leut’

umbringt~!“

Der junge Mann schlug sich die beiden Hände in das Gesicht und kam in

ein Schluchzen, das den ganzen Körper schüttelte.

Der Hochweidhofer erhob sich langsam und sagte, „Melchi, Du bist ein

braver Bursch! Dich wird auch das Geld nicht verderben, wenn Du nur

erst eins hast.“

„Wie der Will,“ fuhr der Melchior dazwischen, „den Geldleuten, den

Rechtschaffenen, wie den Lumpen, allen will ich zeigen, wie man ohne

einen einzigen Pfennig in der Tasch’ durch die Welt kommen und der

Ehrlich bleiben kann. Und die Untergäuer sollen sehen, daß das Blut vom

~alten~ Ehren-Schmied noch lebt!“

Solcher Sinn gefiel dem Bauer von der hohen Weid. Er hätte aber nicht

geglaubt, daß dieser Junge, dem er manchen Vagabunden an den Kopf

geworfen hatte, so denken und seine Worte so gesetzt und rechtschaffen

vorbringen konnte. Er hätte ihm mögen die beiden Hände fest drücken,

doch besann er sich noch früh genug, er sei der Bauer von der hohen

Weid, und so sagte er nur: „Melchi, bist ein wackerer Bursch; aber

was Du mir da erzählt hast, das weiß ich schon seit drei Stunden. Ich

hab’ vom Müller im untern Gäu Deine Siebensachen und Deine Papiere

holen lassen und da ist mir gesagt worden, wie’s mit Dir und den

Deinigen steht. Der Müller hat mir freilich berichten lassen, daß einem

Menschen, der eine solche Verwandtschaft weist --“

„Nicht zu trauen ist!“ ergänzte der Melchior. „Ja, das wird er gesagt

haben, ich kenne den Müller. Will’s Euch nur noch erzählen, Bauer,

warum ich ihm aus dem Haus gegangen bin, ~das~ hat er Euch sicher

nicht berichten lassen. Gestern in aller Frühe, weit ehe noch die

Sonne auf ist, kommt er in die Kleienkammer, wo mein Bett steht. Ich

will gleich aufspringen, ’s giebt viel Arbeit im Tag. -- Nu, nu,

Melchior, sagt der Müller, was wirst denn schon jetzt aus dem Nest

steigen, ’s ist ja Zeit, schläft noch das ganze Haus. Hab’ Dir nur was

sagen wollen, Melchior. Wirst es wissen, vor ein paar Wochen, in der

Mariaheimsuchungnacht, ist dem Gutsverwalter unten der Fischbehälter

ausgeplündert worden. Und jetzt ist die Sach’ so angestellt, daß ich

auch in die Schmier hineinkommen soll. Ich will die vielen Laufereien

zu Gericht nicht haben und deswegen, Melchior, ’s kann sein, daß Du

gefragt wirst -- weißt Melchior, ich muß einen Zeugen haben, daß ich in

der Mariaheimsuchungnacht zu Haus gewesen bin. -- Den Zeugen muß halt

die Frau Müllerin machen, sag’ ich. -- Geht nicht, sagt der Müller,

Eheweiber werden nicht angenommen. Aber bei Dir ist’s was Anders, Du

wirst es ja wohl wissen, daß ich in derselben Nacht daheim gewesen bin.

Du brauchst ein neues Paar Stiefel, Melchior, soll gar keinen Umstand

haben, und es bleibt jetzt dabei, Du bist mein Zeug’, daß ich in der

Heimsuchungnacht in der Mühl’ gewesen bin. -- Ich kann der Zeug’ nicht

sein, Müller, sag’ ich, ich weiß ja gar nicht, ob Ihr daheim gewesen

seid, ich hab’ fest geschlafen. -- Bist sieben Jahr’ in meinem Haus

gewesen, sagt drauf der Müller, hab’ Dich als armen Waisen aufgenommen,

wie Dein Vater im Arrest gestorben ist; hab’ Dich allerweil wie mein

eigen Kind lieb gehabt, wirst mir nicht undankbar sein, Melchior.

-- Ein falsches Zeugniß geb’ ich nicht! schrei ich auf. Da thut der

Müller einen Lacher: -- Schau das Galgenbandl! will den Gewissenhaften

spielen! -- Hochweider, wie ich das gehört -- hell mutternackt bin ich

aus dem Bett gesprungen. -- Weil sich die Meinen vergangen haben, so

willst ~mich~ auch zum Schurken machen, Müller! ruf’ ich aus. -- Marsch

aus meinem Haus! schreit er aufgebracht. -- Heut’ lieber wie morgen,

sag’ ich, werf’ meine Kleider über und lauf davon. Er ruft mir noch

viele gute Worte nach, ich sollt’ nur bleiben, ’s wär Alles vergessen.

Hab’ davon nichts mehr verstehen mögen; bin fortgesprungen, bin

herumgegangen auf der Haid, Hochweider, dann habt Ihr mich angerufen.“

Der Bauer hatte längst nicht mehr am Holze geschnitten.

„Melchi,“ sagte er jetzt, „’s hat Alles den rechten Schick, wenn Du von

Deinem alten Dienstherrn noch was wissen willst: den Müller haben heut’

die Gendarmen geholt.“

„Der Müller geht mich nichts mehr an,“ sagte der Bursche trotzig, „hab’

mit mir selber zu thun. Jetzt sagt es, Bauer, wollt Ihr mich in Dienst

nehmen oder nicht?“

„Wie Du bist,“ versetzte der Bauer, „so wirst Du Dienstplätze überall

finden. Willst auf der hohen Weid verbleiben, so ist’s abgemacht, bin

ich mit meinem Knecht zufrieden, so soll’s auch er mit mir sein; da

hast dieweilen Dein Angeld.“

„Bauer! ich leiste was ich kann und Ihr gebt mir, was ich brauch!“

Nicht einen einzigen Blick warf er auf das ihm vorgehaltene Geld, der

Hochweidhofer mußte es wieder einstecken.

Hierauf ging der Melchior in die Gesindestube, um sein Mittagsmahl zu

verzehren.

Der Bauer kam ihm nach: „Noch was will ich Dir sagen, Melchi, meine

Leut’ wissen es nicht, daß Du der Bruder vom Forstadjuncten bist, sie

brauchen es auch nicht zu wissen.“

In demselben Augenblick wankte draußen vor den Fenstern die geknickte

Gestalt des Remini Dreihand vorüber. Unter der rechten Achsel, wie man

sonst die Regenschirme trägt, trug er heute ein Schießgewehr bei sich.

Der Bauer lachte laut über diese Figur, da krächzte der Remini durch

ein Fenster: „Hab mich bezahlt gemacht. Vom Forstadjuncten ist’s; ein

feiner Doppelstutzen! Ist mehr werth als der falsche Zehner!“

„Ha, das glaube ich!“ rief der Bauer, „Mancherlei wiederum ist keinen

Schuß Pulver werth. Gieb acht, Remini, daß der Stutzen auf Dich selber

nicht losgeht!“

Die Wirthschaft auf der hohen Weid wird hier nicht näher beschrieben.

Die Thiere pflegen und hüten, die Ställe in Stand halten, die Scheunen

mit Heu und Streu füllen, die Milch, Butter und Käse bereiten, das

waren die Hauptbeschäftigungen der Leute, die daran jahraus jahrein

übergenug zu thun hatten.

Es ist eine seltsame Stimmung im Hirtenhause. Lustigkeit,

Leichtlebigkeit, Uebermuth, Trotz, Unbändigkeit und Ungezwungenheit

allerwärts -- wie’s eben geht, wo Mensch und Vieh zusammen sich des

Lebens freuen. Den Hochweidbauer ficht das nicht an; wenn nur die

Wirthschaft ihren guten Lauf hat und Jeder seine Arbeit thut, alles

Andere mag gehen, wie Gott es will. Der Herr Pfarrer im Untergäu hat

freilich einmal zu verstehen gegeben, er, der Bauer auf der hohen Weid,

wie überhaupt jeder Hausvater, sei nicht allein für das leibliche Wohl

seiner Hausgenossen, sondern auch für deren Seelenheil verantwortlich.

Darauf hatte aber der Bauer in seiner vollen Ungeschlachtheit

geantwortet: „Ja, sakra! wenn jeder Hausherr selber Seelsorger sein

soll, wozu brauchen wir dann die Pfaffen! -- Ich laß meine Leut’

in die Kirche und zur Beicht’ gehen, so oft das vorgeschrieben

ist, das Weitere geht mich nichts an.“ Gleichwohl that der Mann in

seiner Gewissenhaftigkeit ein Uebriges, er sah immer darauf, daß die

Mannspersonen seines Hofes stets um fünfundzwanzig Jahre älter waren,

als die Weibsleute. Dadurch regelte sich Vieles. Ferner hatte der Mann

von der hohen Weid auch die Vorsicht, des Nachts stets einen oder zwei

Rundgänge durch und um das Gebäude zu machen, schon des Feuers, der

Diebe, der Ordnung in den Stallungen wegen. Auch wurden zur Nachtszeit

die zwei großen Kettenhunde losgelassen.

Ob der Bauer, als er den noch nicht neunzehnjährigen Melchior Ehrlich

in’s Haus genommen, seine Regel vergessen hatte, oder sie absichtlich

umging, läßt sich nicht bestimmen. Er fand eben Gefallen an dem

kernigen Burschen und dachte, es könne nicht schaden, daß in sein

schläfriges oder leichtfertiges Gesinde einmal ein wenig Sauerteig käme.

Dem Melchior jedoch, dem ging es ganz eigen. In den Geschäften, denen

er zu obliegen hatte, stellte er seinen Mann, mitunter sogar seinen

doppelten; auch war er sich bewußt, daß er stets gute Courage in der

Brust fand, wollte er was durchsetzen. Und trotzdem -- und dennoch --

er war nun schon drei Wochen im Hof auf der Weid und er wußte noch

immer nicht, was die kleine Buttertoni eigentlich für ein Gesicht

hatte. Wenn sie an ihm vorüberlief, oder er an ihr hinstreifte, oder

wenn sie sich von einer Futterkammer in die andere irgend einmal ein

paar schalkhafte Worte zuriefen, so glitt sein Blick wohl an ihren

stets sauber gehaltenen Barfüßchen hin, an den Waden, am rothen

Kittelchen empor, bis wo die Masche des Schürzenbandes ist, kam aber

nicht höher, als bis zum obersten Busenhäklein, wo zuweilen auch

eine kleine, wilde Rose stak, mit sammt den Dörnchen aber, so daß der

alte Ochsenwart, wenn er, anmaßender als der Melchior, mit seinen

kartoffelbraunen Knochenfingern nach derselben langen wollte, sich

allemal recht tüchtig stach.

Und von dieser Unkenntniß ihres Angesichtes stammten die unsinnigen

Träume, die den jungen Untergäuer fast jede Nacht umgaukelten. Er

sah die glatten, runden Füßchen, das schmiegsame Kittelchen, die

strammgespannten Busenhäklein, das gelbe Lockenhaar, welches gern in

wilden Strähnen niederhing über den Nacken -- sah das Alles fein und

genau, aber das Gesicht hatte eine ellenlange Nase, auf welcher graue,

kurzgeschnittene Haare standen, wie auf dem Haupte des Sennermägdle.

Als nun aber der Melchi, wie er im Hofe stets genannt wurde, an der

Butterkammerthür ein Bohrloch entdeckt hatte, und mehrmals des Tages,

wenn ihn sein Weg just vorüberführte, davor stehen blieb und durch

dasselbe die junge Butterin betrachtete, auch vom Busenhäklein aufwärts

betrachtete, da gestalteten sich die Träume freundlicher.

Die kleine Buttertoni, die Rothkitteldirn, hatte ein gar nettes

Lärvchen. Die frischrothen Lippen legten sich nach oben und unten ein

wenig heraus, wie die Blättchen einer Rose anfangs thun, ehe sie sich

erschließen; sie waren immer ein bischen offen, und wenn das Mädchen

kicherte, da sah man, was es für frische Zähne hatte. Das Näschen war

hübsch aufgeschweift, die Augensterne duckten sich halb unter den

langen Brauen, als wollten sie mit wem Verstecken spielen. Wenn die

Brauen aber doch mitunter emporgezogen wurden, so zitterte ein ganz

seltsamer Thauglanz über den blaugrauen Augen, vor dem der Melchi

erschrak. Die kleine Toni verhielt sich selbstverständlich durchaus

ungenirt in ihrer Butterkammer, das Kübeltreiben macht warm; da that

sie das Jöppchen mehrmals so weit auseinander, daß der Melchi durch das

Bohrloch alle Flicken ihres Pfaidleins gesehen hätte, wäre er nicht

rechtzeitig mit einem Stöpsel aus Fichtenmoos in das Loch gefahren, um

dieses seinen und auch anderen Augen gründlich zu verstopfen.

Daß der Bursche unter so ängstlichen Stimmungen bisher nicht dazu

gekommen war, der kleinen Toni als Gegengabe für das Lebkuchenherz den

föhrenrindenen Vogel anzubieten, ist erklärlich. Oft genug wollte er’s

thun, hatte aber nicht die Schneid dazu. Da fiel es ihm eines Tages

ein: die Rothkitteldirn solle sich den Vogel selber nehmen, wenn er ihr

gefiele. Er stellte ihn auf ihr Kammerfensterchen; aber da blieb er

stehen und sie sah ihn nicht. Hingegen bemerkte ihn der kleine Nickerl

und dieser verband sich mit dem Fritz, dem jüngern Sohn des Hauses, um

den possirlichen Vogel vom Fenster abzunehmen. Noch rechtzeitig kam

der Melchi der Verschwörung dahinter, steckte den föhrenrindenen Vogel

wieder in seinen Hosensack und trug ihn herum wie vor und eh.

Da trug es sich zu, daß der Bursche einmal beim Erlbuschhacken zur

Stallstreu ein Loch in seine Hose riß, gerade über den Hüften. Er kam

des Abends heim mit der Bitte: „Du, kleine Toni, gelt, Du bist so gut

und heilst mir den Riß da mit Zwirn und Nadel zu?“

Sie lachte hell und kam sogleich mit dem Werkzeug herbei. „Na, Du mußt

Dich auf die Kübelbank setzen, sonst wackelst mir allzuviel hin und

her. So! und jetzt halt still und rühr’ Dich nit. Bübel weißt, die

Nadel beißt.“

„Stich zu,“ sagte der Bursche, und jeder Stich ging ihm heiß durch Mark

und Bein, es war ihm gerade, als nähe die Rothkitteldirn sein Herz an

das ihrige fest.

„Wirst einmal ein sauberer Soldat, Du,“ sagte die Butterdirn.

„Mag keiner werden,“ versetzte er trotzig, „mir steht das Leutumbringen

nicht an. Schau um, Leut’ sind zu wenig, Geld ist zu viel.“

„Grad verkehrt hast es gesagt,“ bemerkte die Butterdirn.

Der Melchior schwieg und gab sich der ganzen wohligen Empfindung des

Zunadelns hin.

„Uh Jesses, mein Lebertag!“ rief das Mädchen plötzlich und brach in

ein so heftiges Lachen aus, daß der Athem gar nicht mehr zurückkehren

wollte und der gute Melchi mit beiden Fäusten auf ihrem Rücken

trommelte, um sie vor dem Ersticken zu retten.

„Mein Lebertag!“ röchelte sie wiederholt und kam stets neuerdings in’s

Lachen, „was ist denn das für ein spaßiger Brocken da drin?“

Sie hatte den föhrenrindenen Vogel entdeckt.

„Das da?“ entgegnete der Bursche, „das ist ein Rothkröpfel. Gefällt es

Dir?“

Von Neuem ging das Röcheln des Lachens los und als sie endlich zu

sich gekommen war, fragte sie ganz heiser: „Na, Du dalkerter Bub, das

hast gewiß selber gemacht und kann mir’s wohl denken, das willst Du

Deiner Schönen geben! ’leicht einer sauberen Untergäuerin! Na wart, das

kriegst mir nimmer zurück!“

Den Vogel aus dem Sack hinter ihr Busentüchlein stecken war eine rasche

That, dann kicherte und schäkerte sie noch eine Weile lustig fort.

Der Melchi war überglücklich.

„Der ist ja für Dich, Toni,“ flüsterte er und wußte dabei nicht, wohin

mit seinen Augen, „für das schöne Lebzeltenherz, Toni, weißt? Und paß

nur recht auf, ’leicht legt der Vogel einmal ein Ei, das soll auch Dein

sein...“

Neuer Lachkrampf. Der hölzerne Vogel legt ein Ei! So was Possirliches

hatte die Rothkitteldirn all ihr Lebtag nicht gehört.

„Melchi!“ rief jetzt der Bauer von draußen.

Die Beiden waren mäuschenstill. Der Bauer entfernte sich wieder.

„Ein dummes Hocken da!“ rief der Bursche plötzlich und sprang zornig

auf. „Was ist denn Heimliches dran, wenn mir die Dirn das Loch

zuflickt!“

Er eilte dem Hausherrn nach.

Schlechtes Geld.

Der Forstadjunct Kilian war nicht mehr zurückgekehrt. Es hieß, er sei

auf lebenslang in einen tiefen Kerker geworfen worden.

Der Melchior war darüber sehr traurig, aber der Hochweidhofer tröstete

ihn: „Ein junger, das erstemal ertappter Falschmünzer auf lebelang, das

wäre unerhört, das ist gar nicht wahr.“

„Und ein zum zweitenmal Ertappter?“ rief der Bursche erregt; „mir ist

hart um’s Herz, denk ich an meinen Bruder; aber sie sollen ihn nur im

Kotter behalten; wenn er auskommt, der laßt’s nimmer.“

Dann wieder simulirte er, wie er seinem Bruder etwas Gutes thun könnte,

unterdrückte aber den Gedanken und rief sich zu: „Melchior, halte dich

an ehrliche Leut’!“

Zur Herbstzeit, als der Abtrieb von den Almen kam, war der warmblütige

Bursche längst wieder bei Lust und Uebermuth.

Der Herbst bringt im Gebirge immer die schönsten Tage des Jahres. An

einem solchen Tage war es, als sie herabkamen gegen den Hochweidhof,

die braunen, weißbesprenkelten Rinder mit den Schellen und mit den

Kränzen aus Rhododendronlaub, Enzian und Zirmgesträuche. Um die Stirn

hatte Jedes seinen Strauß; die hoffnungsvolleren Kühe hatten auch

Kränze um den Hals, grünes Gezweige um die Hüften geschlungen. Und

der Stier aus dem Untergäu schon gar! Der mußte sich zu allseitiger

Befriedigung aufgeführt haben, er sah schier aus wie ein wandelnder

Rosenstrauch. Waren diese blauen, weißen und gelben Blumen und Rosen,

die er um seinen Leib gewunden trug, denn alle auf der herbstlichen Alm

erblüht?

Ein paar schäkernde Ziegen machten sich viel um ihn herum zu thun

und erhaschten dann und wann ein Maul voll Bocksbartkraut und wilden

Thymian, mit welchem der Stier geschmückt war.

Zahlreiche Senninnen, junge und minder junge aus der ganzen Gegend

waren dabei und Jede hatte vorne ihre Schürze zu einem Sack aufgebunden

und aus diesem Sacke vertheilten sie an die Mannsleute kleine

Käsekuchen und Butterkrapfen. Mancher von den Mannsleuten war freilich

so keck, sich mit ~eigener~ Hand das Kräpflein aus der Schürze zu

holen, was aber nicht Jede ungestraft geschehen ließ. Auch einige der

Almerinnen hatten freundliche Rosmarinkränzchen auf den Locken; blos

das Sennermägdle von der Hinteralm hatte nichts als einen ungeheuren

Strohhut auf ihrem geschorenen Haupte. Auch sie hatte Krapfen im

Vortuch, doch wollte Keiner d’rum kommen, nur der alte Remini Dreihand

fand sich ein und aß ihr den ganzen Schürzeninhalt auf. Die Alte ließ

es geschehen und machte dieweilen Feuer mit Stein und Zunder und paffte

aus ihrem Pfeifchen.

„Dieses Weib wär’ mir nicht halb so widrig, wenn es nicht das

Sennermägdle heißen thät,“ vertraute der Melchior dem höckerigen und

kropfigen Ochsenwart.

„Je!“ rief dieser, „der Name ist noch das Beste an ihr.“

„Das schon, aber probir’s nur Du und heiße das schöne Hänschen; Alles

wird Dich auslachen und spotten; und so Du der alte, bucklige Hans

bist, geht Jeder ernsthaft an Dir vorbei. Aber sag’ mir doch, wer hat

denn der Alten den närrischen Namen gegeben?“

„So viel ich weiß,“ sagte der Ochsenwart, „hat sie den selber mit

sich gebracht, als sie vor vierzig oder fünfundvierzig Jahren aus dem

Kärntnerland zu uns auf die hohe Weid gekommen ist. Sie ist eine gar

brave Almerin, Melchi! Du, die kann mit dem Vieh umgehen! Nicht drei

Stückel sind ihr verdorben, so lang’ sie bei uns auf der Alm ist. Nu,

das Sennermägdle ist ihr verblieben aus Gewohnheit. Vor drei oder vier

Jahren hat sie der Bauer einmal die alte Froni genannt, so heißt sie.

Hat auf das hin aber den Dienst wollen aufsagen auf der Stell’. Ist sie

seitdem halt wieder das Sennermägdle.“

Als der Bauer von der hohen Weid an diesem Tage gesehen hatte,

wie frisch, glatt und wohlgenährt seine Heerde von der Hinteralm

zurückgekommen war, da hieß er das Sennermägdle zu sich in den

Streuschupfen treten und drückte ihm drei funkelnagelneue Thaler in die

Hand.

Der geknickte Zaunpfahl war nicht weit davon gestanden; und als das

Mägdle hierauf in die Graskammer ging, und in das Milchgelaß, und

endlich auf den Rübenacker hinaus, wo es in seiner Arbeitsamkeit

überall Geschäfte fand, schlich ihr der Alte nach und sein dreieckiges

Gesicht grinste süßlich d’rein.

Später stieg das Mägdle in die Krautgrube hinab, wie solche bei

den meisten Alpenwirthschaften jener Gegend zur Aufbewahrung des

Kohlkrautes als ein mehrere Klafter tiefer Schacht sich vorfindet. Die

Alte war tief unten und trat mit ihren breiten Füßen die früher durch

heißes Wasser eingeweichten Krautköpfe fest. Auch zu dieser Grube,

die ein wenig abseits vom Hofe an einem Hagebuttenstrauche war, kam

der alte Schleicher nach. Eine Weile lugte er, am Rande des Schachtes

stehend, nach allen Richtungen um sich, dann zog er seine Pelzhaube an,

duckte in die Tiefe hinab und sagte: „Sennermägdle!“ Seine Stimme war

so schmiegsam und weich, als wäre sie über und über mit Fuchsschmalz

geschmiert worden. „Sennermägdle,“ sagt er, „Du bist so viel fleißig

und Dir schlaunts besser, wie drei anderen Weibsleuten im Hochweidhof

zusammen. Bist erst von der Alm gekommen und machst Dir da schon wieder

zu schaffen. Du, Sennermägdle!“

„Jetzt hab’ ich keine Zeit zum Schwätzen!“ rief die Alte von der Grube

herauf und trat wacker auf die Köpfe los.

„Freilich nicht,“ entgegnete der Remini, „aber Deine guten

Butterkrapfen vorhin, die haben mir frei so viel taugt. Gern, daß ich

Dir auch einmal einen Gefallen thun möcht.“

„Ist schon recht,“ sagte das Mägdle.

„Ich hätt’ wohl noch ein Anliegen, Sennermägdle,“ schnürfelte der Alte,

„ist aber nit schicksam, thät’s auch nit, hätt’ ich die Sach’ nit gar

so nöthig.“

Die Magd stand still und blickte auf: „Wirst doch nit Noth leiden

müssen, Remini!“

„Das dieweilen just nit, Gott sei Lob und Dank! gleichwohl man’s nit

wissen kann, wie’s Einem in seinen alten Tagen noch gehen wird. Aber --

nu, siehst Du, Mägdle, wohlthätig sein will Einer doch auch ein wenig,

wie man halt kann und mag. Und da hab’ ich im Untergäu ein Pathenkind,

ein armes Waiserl, und dem möcht’ ich recht gern ein klein Ding

schenken, so zum Andenken was, daß Unsereiner auch nit ganz vergessen

ist, wenn so ein Mensch einmal in die Welt wachst. Ich hab’ gesehen,

Sennermägdle, Dir hat heut’ Dein Bauer für Deine Bravheit drei Thaler

zugesteckt; wenn Du nichts dagegen hättest, die möcht’ ich Dir zu gern

auswechseln. Thät’ Dir frei einen Zehnerbanknoten geben.“

„Du meine Zeit!“ rief die Magd in der Grube und hüpfte beständig auf

den platten Kohlköpfen umher, „meine drei Schimmel werden wohl so viel

nicht werth sein; und herausgeben kann ich nicht.“

„Fünf Gulden mögen sie just decken,“ fiel der Alte rasch ein, „und die

andern fünf will ich Dir gern bis auf Deinen Jahreslohn zu Weihnachten

borgen. Mägdle, wir machen’s gleich ab.“

Noch einmal blickte der Remini mißtrauisch um sich. Dort auf dem Zaun

sitzt eine Krähe! Na, kindisch, ’s ist doch nur eine Krähe. So kann

er die Banknote schon hervorholen. Das Sennermägdle beginnt auch die

Thaler aus der Joppe zu nesteln; ei, thut’s ja gern, wenn dem Alten

damit gedient ist; bleibt eh kein Geld, ob’s von Silber ist, oder von

Papier -- bleibt kein Geld bei einer Almerin.

„Vetter!“ rief in demselben Augenblick der Hagebuttenstrauch. Der Alte

wäre vor Schreck schier in die Krautgrube gefallen.

Der Melchior kroch hervor: „Nicht als ob ich zu horchen gekommen

wär’,“ sagte er, „ich hab’ dahinten dem kleinen Fritz ein paar

Kranabetherschlingen aufgerichtet. -- Seid so gut, Remini!“ Er langte

mit kecker Hand nach der Banknote und sah sie an. „Schau, noch ein

falscher im Land! -- Remini, das ist derselbe, den Ihr vorig Sommer

vom Forstadjuncten bekommen. Was habt Ihr denn das Papier gar so

abgeknittert? ’s ist doch ein neuer. Geht, Remini, zerreißt den Fetzen;

Ihr habt Euch ja schon entschädigt durch den Doppelstutzen.“

Der Bursche war so boshaft, zu diesen seinen Worten ein lächelndes

Gesicht zu machen. Im Dreieck des Alten aber zuckte jede Muskel, und

er zog seine scharfe Unterlippe weit hinter den schartigen Oberkiefer

zurück.

„Anschmieren hat er mich wollen?“ zeterte die Alte im Loch, „Du

Spitzbub, Du schlechter! -- Dank Dir Gott, Melchi! -- Wart, Du

vertrackter Galgenstrick, Du! Dir will ich noch einmal Butterkrapfen

schenken! -- Ein falsches Geld für meine guten Thaler! -- Dank Dir

Gott, Melchi! -- Dein Glück, Du alter Schleicher, daß ich nicht

oben bin, Dir wollten ein paar Tüchtige nicht schaden auf Dein

Ohrfeigengesicht! -- Hell betrogen hätt’ er mich, der Kerl da! Na,

schaut’s aber da her, schaut’s den Lumpen an! -- Vergelt’ Dir’s

tausendmal Gott, Melchi!“

So zeterte das zornige und das dankbare Sennermägdle.

Der Alte trollte sich sachte davon und murmelte: „Nichts als Malheur!

’s ist des Teufels! Ach, hätt’ mich meine Mutter lieber in die neue

Welt geschickt!“ Dann schoß er nur noch ein paar giftige Blicke auf

Melchior zurück.

Jetzt erst kam diesem die Wuth. Die Banknote riß er mitten auseinander,

dann ging er, ohne noch ein Wörtchen mit dem Sennermägdle zu wechseln,

in den Hof zurück.

Der alte Dreihand schlich, doppelt geknickt, die Lehne hinab gegen

seine Klause, die in einer Schlucht stak und in welcher wilde Früchte

für den Winter, als dürre Beeren, Holzäpfel, Holzbirnen, Pilze u. s.

w., in großen Haufen geschichtet lagen. Die Hütte war ganz erbärmlich

und gar nichts Nennenswerthes darin, als etwa der Doppelstutzen, der

hinter dem Bettstroh ruhte und in welchem immer noch die Ladung stak,

mit der sie der Alte zur Hand bekommen hatte. Der Remini hätte manches

Reh, das in der Schlucht lief, von Herzen gern damit niedergeschossen,

aber er kam nicht dazu. „Am Ende,“ meinte er, „treff’ ich das tolle

Thier nicht und dann ist auch das Pulver hin.“

Doch war dem Alten das Schußgewehr ein angenehmer Geselle in den

langen, öden Nächten. Hieß es ja, der Remini Dreihand berge Geld in

seiner Klause.

Die Liebe blüht.

Im Winter ging es auf dem Hofe noch lebhafter zu, als im Sommer. Da

war Alles von den Almen beisammen auf der hohen Weid. Auch kamen die

Viehhändler, die Fleischhauer von den Ortschaften herauf, und zur

Weihnachtszeit kam mancher neue Dienstbote und mancher alte ging.

Zur Weihnachtszeit war es auch, als der Hochweider den Melchior mit in

sein Stübchen nahm: „Bist mir zwar zu Jakobi erst in’s Haus gekommen,

aber ist der Bauer von der hohen Weid mit Einem zufrieden, so giebt’s

beim Auszahlen kein halbes Jahr. Haben nichts Festes ausgemacht, also

siebzig Gulden für’s vergangene Jahr.“

Er zählte das Geld auf den Tisch.

„Ich frag’ nur Eins, Bauer,“ sagte der Melchior, „muß ich fort, oder

soll ich dableiben?“

„Ich denk, Melchi, bis auf weiteres weißt, wo Du daheim bist. Und

willst schon Deine besondere Ehr’ haben, auch recht, so sag ich: sei

so gut, Melchior, und bleib mir noch für’s nächste Jahr auf meinem Hof.“

„Ist recht, Bauer. Habt Ihr sonst was anzuschaffen? Nicht, so geh ich

wieder an meine Arbeit.“

Er ging und das Geld blieb liegen auf dem Tisch. Keinen Blick hatte der

Bursche nach demselben geworfen.

„Seit die Welt steht, ist so ein Knecht noch nicht herumgegangen auf

der hohen Weid!“ brummte der Bauer, „und früher sicherlich auch nicht.

Wie der Will, das Geld werd’ ich ihm aufbewahren. Wart, Junge, ’s kommt

eine Zeit, wo Du danach fragen wirst!“

Und der Melchior ging in den Stall zu den zwanzig Ochsen, die ihm

anvertraut waren, und er redete in’s Heu hinein: „Geld? Geld hat

er wollen geben. Und nicht einmal die fünfzig Gulden hätt’ er mir

abgezogen, um die ihn die fünf falschen Zehner von meinem Bruder

betrogen haben. Ich nehm’ ~gar~ nichts. Ich hab’ mein Essen und

ich hab’ meine kleine Toni. Ich leb’ wie ein König, aber nicht so

unruhig. Wenn ich mir schon was wünschen möcht’, eine neue Zipfelmütze.“

Und wie es schon manchem Menschen gegeben ist, daß jeder seiner Wünsche

in Erfüllung geht: als der Dreikönigstag kam, hatte der Melchior

seine neue Zipfelmütze. Es war ein Angebinde zum Namenstag von -- der

Rothkitteldirn.

Wohl hatte dieselbe nicht immer dasselbe rothe Röcklein an, aber

dadurch verlor sie natürlich nicht an Werth in Melchior’s Augen.

Wäre in dem vielbelebten Hofe nur öfter Gelegenheit gewesen, mit ihr

heimlich zu plaudern! Wohl löste sich zuweilen ein Knopf von Melchi’s

Kleidern, den die kleine Toni anheftete; wohl kam beim Heuschütteln

manchmal ein Splitterchen in des Mädchens Auge, das der Bursche sofort

mit vielem Geschick herauszubekommen wußte, oder er zog ihr mit seiner

Taschenveitelspitze ein eingetriebenes Holzspaltchen aus der Hand --

aber das wollte den Leutchen allweg noch zu wenig Unheil sein.

Nur gegen den April hinaus wußte die Toni den Burschen einmal

unversehens in ihre Butterkammer zu bekommen. Sie wartete ihm sofort

mit einem über und über bebutterten Brotschnitten auf. Da sah sie der

Melchi groß an: „Toni, weiß es der Bauer?“

„Gut keine Red’,“ kicherte das Mädchen, „desweg magst ganz und gar

ruhig sein.“

„Der Bauer weiß es nicht, daß wir da von seinem Brot und Butter

naschen wollen? Dirn, Du mußt -- gescheidt sein!“ -- ehrlich hatte er

eigentlich sagen wollen.

Die kleine Toni hub gewaltig an zu lachen, und als sie damit fertig

war, aß sie das Butterbrot selber.

Eine nachhaltige Mißstimmung hatte diese kleine Meinungsverschiedenheit

nicht zur Folge.

Der junge Knecht wußte wohl, daß die Toni sonst ein braves, fleißiges

und auch sparsames Mädchen war, welches viel auf die Wirthschaft und

den Erwerb hielt, so verzieh er gern das kleine Fehl. Und sie selber

hatte ja ein Recht zum Verkosten; mußte doch wissen, wie ihre Butter

schmeckte.

Mit den Veilchen, mit den Maaßliebchen, mit den ersten Schwalben kam

den beiden jungen Leutchen neue Wärme in’s Herz. Sie waren sich gar

sehr zugethan und Eins vertrat im Hofe die Vortheile des Andern; war es

in der Arbeit, die sie theilten, oder bei Tische, wo sie einander die

besten Bissen zuschmuggelten. -- Die Liebe solch’ armer Dienstboten hat

einen gar seltsamen Reiz, sie wird durch das Beisammensein, durch das

Mitsammenleiden, durch das heimliche Verlangen nach Gegenseitigkeit,

durch das hingebende Vertrauen zu dem einen Menschen stets neu entfacht

und muß sich doch im Verborgenen halten, sich vor dem Hausherrn, vor

den Hausgenossen verleugnen, soll sie nicht Gefahr laufen, zerstört zu

werden. „So warm ist kein Feuer, keine Gluth ist so heiß, als heimliche

Liebe...“

Der Melchior war denn endlich auch recht zutraulich geworden, er lugte

dem Mädchen längst nicht mehr durch das Bohrloch in die Augen. Und er

hatte auch mehrmals sich schon erkundigt, ob der föhrenrindene Vogel

das Eierchen noch nicht gelegt habe, worüber die kleine Butterdirn

stets in ihren Lachkrampf verfiel.

Der Melchior war nun volle neunzehn Jahre alt geworden und er empfand

es, was das für ein Unterschied ist, ob man achtzehn oder neunzehn

zählt. Auch nahm er bereits den Schnurrbart wahr, was die Toni nicht

recht glauben wollte, bis er sein Gesicht einmal recht tapfer an ihren

rothen Wangen rieb.

Die kleine Buttertoni behauptete bei jeder Gelegenheit, daß sie auch

schon gegen die Zwanzig ginge; doch zählte sie in Wahrheit erst über

siebzehn ein halb Sommer, deßohngeachtet sprang im Laufe dieses Sommers

ein Busenhäklein um’s andere auf.

Es kam der Mai. Die Heerden zogen mit frischgeputzten Schellen angethan

wieder in’s Freie und mit ihnen die Halter und Halterinnen, die

Kühjungen, die Ochsenwarte, die Senninnen.

Der Melchi trieb jeden Morgen seine Ochsen und Kälber zu den jungen

Matten des Hochbodens hinan. In einer Thalung derselben stand ein

Schachen mit sehr alten Fichtenbäumen und einigen Föhren, welche den

Hirten in Zeiten böser Wetter als Schirmbäume dienten. An diese

Baumgruppe schloß sich auch ein junges, grünes Wäldchen aus Tannen

und Lärchen, das sehr dicht und dunkel war und auf dessen sanftem

Moosboden der Melchi gern ein wenig ruhte, wenn ihm auf der freien Höhe

zu sengend, oder auch der Wind zu scharf wurde. Nicht drei Schritte

sah man von sich, wenn man in diesem Dickicht lag, sah auch nicht ein

groschenbreites Scheibchen von dem blauen Himmel. Kohlschwarze Amseln

schwirrten durch das Reisig und riefen: Tack, tack! zir, zir, hast was

bei Dir?

Mitten d’rin in diesem jungen, dichten Gestämme fühlte sich unser

braver Hirt wieder einmal ganz als sein eigener Herr. Da konnte er

auf dem Rücken liegen, oder auf dem Bauch, auf den Füßen stehen oder

auf dem Kopf, wen ging’s was an? Da zog er wohl auch mitunter sein

Geldbeutelchen heraus und sah das lebkuchene Herz an und betrachtete

das Bild mit dem Pärchen, das im Rosenkörbchen saß, und las die

Ueberschrift, die längst überholt war, und schleckte endlich ein wenig

an dem süßen Kuchen.

Die kleine Toni hatte es nicht so gut; sie mußte, wenn in der

Butterkammer nichts zu schaffen war, unten auf der Heukehr die Ziegen

weiden und hatte außer den paar Johannisbeersträuchen und Erlstauden

gar keinen Schatten. Sie nähte, sie strickte für sich und für ihn. Aber

die Sonne brannte heiß auf die Finger. Mehr als einmal sehnte sie sich

nach dem Schirmschachen.

Was sich im Schirmschachen zugetragen.

Am Pfingstmorgen war’s. Alles, was aus dem Gehöft fortkonnte, war hinab

in den untern Gäu zur Kirche gegangen. Der Melchi und die kleine Toni

führten wie gewöhnlich ihre Heerden auf die Weide.

Auf dem Anger, bevor sie sich trennten, blieb der Bursche stehen,

bohrte mit seinem Peitschenstock einen Grashalm in die Erde und sagte,

stets auf den Grashalm blickend: „Toni, sind Deine Ziegen recht

überschwenglich? Halten sie sich gern auf in der Heukehr?“

„Das ist gewiß,“ lachte das Mädchen, „sie suchen Dir alle Sträucher ab

und es fangen die Sträucher erst an zu blühen.“

„So, sonst hätt’ ich gemeint, Toni, Du könntest sie heut’ ein wenig

gegen den Hochboden hinauftreiben.“

„Du, das ist aber auch wahr,“ versetzte das Mädchen ernsthaft, „Du

meinst der Hexen wegen? Nicht? Ja, hast Du noch nichts erzählen gehört,

daß am Pfingstsonntag die Hexen auf die Weide kommen und die Kühe und

die Ziegen ausmelken? Ja, das hab’ ich oft gehört und die Kühe und

Ziegen thäten nachher das ganze Jahr eine blutige Milch geben. Ja,

es ist gar kein Spaß und ich fürcht’ mich frei. Und dann sollt’ Eins

heut’, kommt man schon nicht in die Kirche, einen Rosenkranz beten.“

„Freilich, und das können wir thun,“ sagte der Bursche, „und oben im

Schirmschachen ist ein schöner Platz dazu. -- So um die Zeit, wenn’s

Neun schlägt, wirst wohl beim Schachen sein können...“

Der Grashalm unter dem Peitschenstock war gründlich zerquetscht. Einen

heißen, aber scheuen Blick noch gegen das Mädchen und der Melchi

leitete seine Ochsen dem Hochboden zu.

Die Sonne stand erst einige Spannlängen hoch über den fernen Bergen,

hinter denen sie hervorgekommen war. Sie schien so freundlich und warm

und sog den Thau der jungen Gräser auf. Die Glocken der Heerde klangen

hell und langsam die Höhe hinan. Die Ochsen schritten gar feierlich

d’rein, die Kälber hüpften und scherzten.

Der neunzehnjährige Hirte ging hinterher und steckte seine Hände in die

Hosentaschen. Er spitzte den Mund und wollte ein Liedchen pfeifen. Da

versagte ihm heute der Athem dazu; in seiner Brust war ein heißes Regen

und Bewegen. Er schritt hastig, aber mäuschenstill über den weichen

Rasen, dann schüttelte er zuweilen das Haupt mit den aufquellenden

Ringellocken und mit der Zipfelmütze, und dann riß er plötzlich seine

Hand aus dem Sack, schlug sie dem nächsten Mannkalb auf den Rücken und

rief: „Ja, mein lieber Scheck, so geht’s uns! Hätten wir Zwei Geld im

Sack, ’leicht wär’ uns allerhand verboten.“

Als sie auf dem Hochboden angekommen waren, hub die Heerde sogleich

an zu grasen. Der Melchior ging gegen den Schachen hin, an dessen

Schattenlänge er merkte, daß es bereits acht Uhr vorüber. Langsam

schlenderte er zwischen den alten Bäumen hin und her und lugte und

spähte. Da roch er plötzlich Tabaksrauch und wie von einem Wipfel

gefallen, wackelte das Sennermägdle daher.

„Was hat die Alte da zu suchen?“ fuhr sie der Bursche an.

„Ich? Einen Junggesellen,“ wisperte sie grinsend. „Kann mir’s denken,

daß ich Dir unbequem bin -- da im Schachen.“

„Gar nit, gar nit,“ sagte der Melchior trotzig.

„Nit? nu, nachher kunnt’ ich ja helfen, Rosenkranz beten!“

Der Bursche sah sie wild an.

„Melchior!“ versetzte nun die Alte, in der einen Hand das Pfeifchen

haltend, mit der andern den Arm des Burschen fassend, „Du hast mir

im vorig’ Herbst eine Gutthat erwiesen. Hast mir meine drei Thaler

behütet; das gedenk ich Dir; Du hast keine Mutter und keinen rechten

Freund auf der Welt, und desweg möcht’ ich Dir gern was Rechtschaffenes

erzeigen. -- Wär’ mir lieb, wenn Du Dich ein wenig da zu mir auf den

Stock setzen wolltest.“

„Warum denn nit!“ sagte der Hirt, der durch den ernsten und weichen Ton

der vorigen Worte völlig besänftigt war, „ich setz’ mich schon, aber

Euren Stinktiegel müßt Ihr wegthun. Ein rauchendes Weibsbild kann mir

gestohlen werden.“

„Hast schon Recht,“ antwortete die Alte, „aber bei mir ist’s halt was

Anderes; ich darf das Feuer nicht ausgehen lassen! -- Und das muß ich

Dir erzählen, Melchior; gelt, Du wirst mir deswegen nicht bös sein?“

„Wenn’s was Gescheidtes ist, so hör’ ich zu.“

„Wirst mir’s nit glauben: ich bin einmal jung und schön gewesen,“ hub

sie an. „Das Wörtl: Sennermägdle ist mir noch davon geblieben, sonst

gar nichts. Zu derselben Zeit und in derselben Gegend ist ein lustiger

und sauberer Tirolerbursch gewesen, dem haben meine seidenen Haare so

gefallen. Ja, die seidenen Haare und wohl auch, was daran gehangen

ist. Haben uns leiden mögen. Zu mir auf die Sennerei ist er oftmals

gekommen; vor der Hütte im Schatten sind wir gesessen die längste Zeit,

und was haben wir gethan? Aus meinen Lockenhaaren hat er Bänder und

Zöpfe geflochten. Allbeide haben wir gemeint, wir wären brav; aber

einmal sind wir doch zu lang gesessen. -- Wie der Tiroler, was nenn’

ich seinen Namen! später wiederum in die Sennhütte kommt, sag’ ich zu

ihm: Du, ich muß Dir was anvertrauen! und heb’ vor ihm zu weinen an.

-- Hat’s verstanden. Eine gute Weile sitzt er da an der Bank, stopft

seine Pfeife und schlägt Feuer, bläst an und raucht. Er raucht, daß ich

sein Gesicht gar nicht seh’, und sagt nicht ein einzig Wörtl. Da steht

er jählings auf und geht gegen die Thür. -- Wo willst hin? schrei ich

auf. -- Ein wenig hinaus, sagt er, bleib Du da! -- Und wie er’s schon

öfter so gemacht, wenn er was Eiliges zu thun gehabt hat, giebt er mir

die Pfeife in die Hand: Froni, da, schau, daß mir dieweil das Feuer nit

ausgeht. -- Ich will auch nicht die Verzagte sein, nehm’ die Pfeife und

thu’ ein paar Züge, daß sie nicht auslischt, bis er wieder hereinkommt.

-- Melchior,“ sie klopfte dem Hirten auf die Achsel, „Melchior, bis auf

den heutigen Tag ist der brave Tiroler noch nicht hereingekommen, und

so ist mir halt das Pfeiflein im Mund verblieben.“

„Ja,“ meinte jetzt der Bursche, „wie ist denn das gewesen?“

„Verlassen hat er mich!“ sprach das Sennermägdle; „damit ich ihm

nicht nachlauf zur Thür hinaus, hat er das mit der Pfeife gethan. In

sein Tirol wird er gegangen sein; ich hab’ ihn nicht mehr gesehen. In

der größten Noth -- das kannst nimmer glauben -- hab’ ich das Kind

geboren. In der Armuth, in der Verlassenheit, im Spott der Leute hab’

ich gelebt in einer Köhlerhütte; ich bin völlig allein, hab’ keine

Hilf; mein Kind ist mir verdorben, und -- Gott Dank, Gott Dank! --

gestorben! -- Jetzt hab’ ich die Tabakspfeife noch gehabt vom Tiroler,

und verrückt, wie ich gewesen bin, hab’ ich gesagt: Ich will mein

Wort halten und das heiße Feuer soll in Deiner Pfeife brennen, bis

Du mir wieder zurückkommst. -- Wär’ er gekommen, ich hätt’ ihm Alles

verziehen; aber allein und unglücklich hat er mich gelassen. Mein

schwarzes Haar, das mich zuerst in’s Unglück gezogen hat, das hab’ ich

mir vom Haupte geschnitten, und alle Jahre hab’ ich das gethan zum

traurigen Angedenken. Und auch er selber, gleichwohl er ehrlich und

brav gewesen ist in seinen jungen Tagen, kann kein ruhiges Gewissen

mehr gehabt haben. Einer einzigen Stunde wegen sind wir elend geworden

Allbeide. -- Die Pfeife -- ja, es ist noch die seine -- die hab’ ich

mir angewohnt, und wie ich den Tiroler nimmer vergessen kann, so soll

auch, so lang’ ich leb’, das Feuer da d’rin nicht ganz verlöschen. Und

vielleicht kommt er doch noch einmal zur Thür herein; meine größte

Freud’ im Himmel und auf Erden, wenn ich ihm könnt’ sagen: Da, mein

Herzallerliebster, da nimm Deine Pfeife, sie brennt noch!“

Der Melchior war aufgestanden. „Ihr seid brav,“ sagte er heiser, „aber

ich bin ein schlechter Mensch, ich hab’ mich mehr als einmal lustig

gemacht über Eure Pfeife und über Euer geschorenes Haupt.“

„Da hast ja Recht gehabt, Du Tropf!“ rief die Alte. „Ich lach’ mich

selber aus, aber ich halt’s; ich kann meine Reu und Treu nicht besser

beweisen.“

Nach diesen Worten faßte sie wieder des Burschen Hand: „Melchior, jetzt

wird’s bald Neun schlagen unten auf der Kirchenuhr. Sei mir ja nicht

bös, daß ich da bin, aber ich wollt’ Dich nicht verlassen; es ist Deine

gefährliche Stund’. -- Hast mich nicht gesehen unten am Hof? Wie Du

die Toni da zum Schachen her hast beschieden, bin ich nicht weit von

Euch gestanden. -- Jetzt will ich aber wieder davongehen; Du bist Dein

eigener Herr. Nur das sag’ ich Dir, Melchior, gieb Acht, daß Du das

Unglück nicht aufweckst, für Dich und für sie; es geht dann nimmer

schlafen! -- Und das ist der Dienst, den ich Dir erweisen kann; nimmst

ihn, oder nicht. Jetzt behüt’ Dich Gott! Behüt’ Dich Gott!“

Sie hastete davon. Der Melchior Ehrlich stand allein im Schatten der

alten Bäume.

Nicht lange hernach hörte er die Schellen der Ziegen. Die kleine Toni

huschte dem Schachen zu.

„Hast Du sie auch gesehen, Melchi?“ rief sie dem jungen Hirten zu.

„Wen?“

„Die Hexe, die Pfingsthexe! Da über die Höhe ist sie hingelaufen, gegen

die Hinteralm.“

„Das ist das -- Sennermägdle gewesen,“ antwortete der Bursche zerstreut.

Sie gingen eine Weile zwischen dem Gestämm hin und wußten nicht, was

sie einander sagen sollten. Beide blickten auf das braune Moos des

Bodens.

„Daß aber da keine Pilzlinge wachsen!“ bemerkte endlich das Mädchen.

„’s ist noch zu früh an der Zeit,“ entgegnete der Bursche.

„Vielleicht dort im jungen Anwachs d’rin,“ sagte die Butterdirn.

Aber der Melchi wandte sich hinaus gegen die Lichtung, zog langsam die

Mütze vom Kopf: „Ich denk’, Toni, wir heben an mit dem Rosenkranz.“

Falsches Geld.

Pfingsten war glücklich vorbeigegangen.

„Brav sein, dieweil!“ sagte sich der Melchior, „sie kann arbeiten, ich

kann arbeiten; ’s wird geheiratet.“

Da stand wenige Wochen nach Pfingsten an einem Samstag-Abend die kleine

Toni am Brunnentrog und wusch ihr rothes Röcklein. Am andern Ende des

Troges saß der Melchior und rieb mit kräftiger Hand Ochsenfett in seine

Sonntagsschuhe. Kam der alte, bucklige Hans mit seinen Kühen heim und

brummte, weil ihn der Feierabend lustig machte, das Liedchen:

„Ein Einser und ein Zweier,

Die machen just ein’ Dreier,

Und die Henne, die auf’s Feld geht,

Die frißt gern der Geier.“

Man weiß nicht, ob es der alte Schalk mit diesem Vierzeiligen auf

Jemanden abgesehen hatte, oder ob er thatsächlich an eine unvorsichtige

Henne dachte. Die Buttertoni kicherte, plätscherte mit dem rothen

Kittelchen, daß das Wasser bis zum Melchi hinspritzte, und sang:

„Und die Henne, die auf’s Feld geht,

Die frißt gern der Geier;

Und die föhrenrindenen Vögel

Legen packfong’ne Eier.“

Der Melchi horchte auf. Er hatte es sofort verstanden, der hölzerne

Rothkropf hatte das Ringlein endlich ausgebrütet, oder vielmehr, das

Mädchen hatte es in dem Vogel entdeckt.

„Sollt’s -- nicht von Silber sein, Toni?“

„Hi, hi,“ lachte diese, „das Ringlein hat schauderlich die Gelbsucht.“

„Von Packfong?! O Du verdangelter Kapuziner, auch Du gehst um, Leut’

betrügen!“

„Ja, ja,“ rief die Toni und lachte nicht dabei, „was kann der Kapuziner

dafür, wenn Du dummerweise seine Hergab’ für Silber hast gehalten. Du

hättest aber auch so Einer werden sollen von der Gattung Kutten, die

kein Geld im Sack haben dürfen, weil ihnen ohnehin all’ gut’ Sach’, die

sie brauchen, zugesteckt wird.“

Sie ließ das Wasser gischten: der Bursche rieb doppelt heftig an seinem

Schuh und war gar roth im Gesicht.

„Hätt’st mich nimmer gern, Toni?“ sagt er nun halblaut.

„Ei ja,“ sagte sie, „hast mir ja nichts gethan.“

Sie sah nicht mehr auf den Burschen hin, hub an, mit ihrem rothen Rock

zu schwätzen, daß er ihr jetzt „weiß“ genug sei und daß sie ihn auf die

Stange spannen werde.

Und als sie mit dem Waschkörbchen davon ging, schlug sie ihre Stimme

über und sang:

„Im Beutel a Geld

Und im Herzen an Schatz,

Und a Schneid muaß da Bua hab’n,

Sunst g’hört er der Katz.“

Nun war’s doch wahrhaftig deutlich genug, die Butterdirn war

aufgebracht.

Worüber nur? Weil der Ring im Vogel nicht von Gold oder Silber

gewesen? Weil der Melchi kein Geld in der Tasche trug und ihr kein

Taffetschürzchen kaufen konnte? -- Nein, so klein denkt die kleine

Toni nicht. Oder -- hätte sie doch der Rosenkranz am Pfingstsonntag

verdrossen?

Es verging eine Woche um die andere, die Butterdirn gab sich mit

dem Melchior nicht mehr und nicht weniger ab, wie mit den anderen

Mannsleuten, sie war lustig und lachte wie immer, aber ihr Lachen --

wer ihm aufgepaßt hätte -- scholl lauter und härter als sonst.

Der Melchior befliß sich zu zeigen, daß er ganz so sei, wie immer, und

brummte seinen Ochsen zuweilen auch wohl das Liedchen vor:

„Wegen oan Dirndl traurig sein,

Däs follt ma gor nit ein,

Brauch’ nit erst ’s Dutzend z’ zähl’n,

Krieg’s nach der Ell’n.“

Aber dann guckte er doch wieder einmal durch das Bohrloch in die

Butterkammer hinein.

An Sonntagen, wenn die Toni zur Kirche hinabgegangen war, kam sie

nun häufig später nach Hause als sonst, und im Hof gingen allerhand

Neckworte herum vom Leisten, von der Ahle, von Schmier und Pech u. s.

w., die auf die Butterdirn gemünzt waren und die der gute Melchior

Ehrlich nachgerade nicht begriff.

Da stand der Bursche in einer Nacht aus seinem Bette auf und schlich

gegen das Kammerfenster der Toni.

„Mein Dirndl!“ flüsterte er und klopfte an die Scheibe.

Sie schlief.

„Toni, hast mich denn nimmer gern?“

Sie schlief fest.

„Hätt’ ich Dir was Leids gethan, Toni, thu mir’s nicht verschweigen.

Schau, ich bin Dir von Herzen treu.“

Jetzt öffnete sich das Fensterchen, aber anstatt aller Antwort kam der

föhrenrindene Vogel mit dem Ringlein heraus. Das war auch eine Antwort.

Der Melchior sagte kein Wort mehr; er steckte das kleine Schnitzwerk in

seinen Hosensack und ging langsam seinem Bette zu.

Am nächstfolgenden Sonntag wurde in der Untergäuer Kirche von der

Kanzel verkündet: „Der Bräutigam Mirtel Gegerle, Schuhmacher in der

Gemeinde Sterzen; die Braut Antonia Schwanner, bisher Dienstmagd im Hof

auf der hohen Weid im obern Gäu...“

Man beglückwünschte die Braut, die als einfache Dienstmagd eine so gute

Partie mache. Der Schuster Gegerle hatte ja Geld. Jung und schön war er

zwar nicht, der Meister, hatte auch schon drei Kinder von seiner ersten

und zweiten Frau im Hause; aber er kaufte seiner zukünftigen Dritten

ein grünes Seidenkleid und gab ihr obendrein ein Antraugeld, das mehr

ausmachte als ein ganzer Jahrlohn auf der hohen Weid.

„Ist auch gut,“ meinte der Melchior, „sie heiratet das Geld! mein Weib

muß mich heiraten.“ -- Einmal aber, als der Knecht die Sache so recht

überdacht hatte, war er doch wild geworden, hatte sich in seinem Zorne

die Zipfelmütze vom Haupt gerissen und sie mit den Füßen getreten. --

„Geld!“ schrie er laut, „Geld! Wiederum ist es dieses Best, das mich

will zugrunde richten. Meinen Vater, meine Mutter, meinen Bruder, meine

Herzliebste hat mir das Geld gefressen!“

Der Bauer hatte es gehört. „Geh, Melchi,“ sagte er, „sei kein Narr.

Geld muß der Mensch mit Geld wett machen! Wirst auch noch einmal was

anfangen können, Junge; Du weißt, was Du bei mir liegen hast.“

„Mag nichts hören davon!“ schrie der Bursche und stampfte den Fuß auf

den dröhnenden Boden.

Bei der Hochzeit der Butterdirn war der halbe Hochweidhof mitgewesen,

auch der geknickte Zaunpfahl hatte nicht gefehlt, war sogar auf

einem Ehrenplatz gesessen und hatte unerhört viel Braten und Krapfen

verzehrt. Der Remini Dreihand war ein guter Freund des Bräutigams.

Der Melchior war am Hochzeitstage auf der Alm wie ein wildes Thier

herumgerannt. Ueber die Heukehr war er gelaufen, wo die kleine Toni so

oft die Ziegen gefüttert hatte. Aber als er am Schachen des Hochbodens

vorüberging, da lachte er hell auf und die Bäume lachten mit. Eilig

ging er der Hütte auf der Hinteralm zu, nahm das Sennermägdle bei der

welken Hand und sagte: „Vergelt’ Euch Gott den Pfingstsonntag!“

Die Liebe blutet.

Jetzt gingen der Jahre eines und zweie und etliche dahin.

Der Melchior blieb auf der hohen Weid und war fleißig und verläßlich

und arbeitete für Zwei.

In den ermüdendsten Bewegungen, im Heumähen, im Streutragen, im

Brennholzspalten ging er voran und war thätig vom frühen Morgen bis in

die späte Nacht. Der junge Mann meinte, das, was ihn immer so sehr in

seinem Herzen drücke, sei nichts als dickes Blut, und das Blut müsse

durch Bewegung und Schweiß gereinigt werden.

Er war völlig anders als sonst, er war nicht mehr heiter und gesellig,

er war still und oft traurig, hielt’s mit Niemandem; ganz allein ging

er um.

Vor dem Soldatenleben, das dem frischen Burschen bevorstand, hatte er

sich sonst gescheut, nun wollte er am liebsten „ziehen fort auf’s weite

Feld und streiten mit dem Feind“, wie’s im Liede heißt.

Den Bauer respectirte er stets als seinen Dienstherrn, des Weiteren

hielt er seine Selbstständigkeit aufrecht.

Nur bei dem Sennermägdle saß er zuweilen in der Hütte. Jetzt mochte er

auch ihre Tabakspfeife leiden. Andere Leut’ rauchen und wissen nicht

warum; aber beim Sennermägdle hat’s eine Bedeutung. Und wie sie sich

seit vielen Jahren ihr Haar vom Haupte schnitt als Zeichen der Reue

und Treue, so wollte auch er, der Melchior Ehrlich, an seiner Satzung

halten: keinen Heller von dem verfluchten Gelde besitzen sein Lebtag

lang’.

Was war mit dem Lebkuchenherz geschehen?

Das trug der Bursche stets noch in seinem Geldbeutel. Was konnte auch

das Herz für die Butterdirn!

Auch den föhrenrindenen Vogel ließ er nicht mehr aus seinem Sack, so

lange er die blauleinene Hose trug; später, als er vom Bauer eine

grauleinene bekam, mußte mit dem Burschen freilich auch das hölzerne

Rothkehlchen übersiedeln. Das Rothkehlchen mitsammt dem Lebkuchenherz,

das bereits eingetrocknet war wie die Mumie eines lieben Abgestorbenen.

So lebte und so trieb es der Knecht aus dem untern Gäu. Der schwarze

Stier, der einst mit ihm heraufgekommen war, erfreute sich längst schon

einer zahlreichen Nachkommenschaft auf der hohen Weid. Der Melchior war

Junggeselle.

War es und wollte es verbleiben.

Der Jude wird verbrannt.

Auf dem großen Almhofe hatte sich die Zeit her Manches gewendet. Der

kleine Fritz war zu einem Jungen herangewachsen, der für die Zuchtruthe

des Vaters zu alt, für den Ernst der Wirthschaft noch zu jung war.

Seinetwegen hatte das ganze junge Weibsvolk aus dem Hause müssen.

Der ältere Sohn des Bauers hatte es in der Stadt richtig zu einem

Medicindoctor, und zwar zu einem Militärarzt gebracht, und sandte den

Eltern allerlei Recepte nach Hause. Half aber nichts gegen das Alter.

Die Bäuerin starb; der Bauer hatte nicht mehr die Spannkraft in sich,

wie vorher.

Den Melchior hatte er längst zum Oberknecht gemacht und mehr und

immer mehr kam die Wirthschaft der hohen Weid auf die Schultern des

jungen Mannes zu ruhen. Nur alle Verkäufe und Einkäufe mußte der Bauer

besorgen, weil sich der Melchior thatsächlich vor den Geldstücken

scheute, wie ein gebrannter Hund vor glühenden Kohlen.

Zuweilen hinkte auch der alte Remini in den Hof; er machte sich immer

irgend welche Geschäfte, entweder hatte er eine Botschaft auszurichten,

die nirgends von geringerer Wichtigkeit war, als im Hofe; oder er

fragte in seinen Angelegenheiten um Rath, den er hernach sicherlich

nicht befolgte; oder er hatte dieses oder jenes auszuborgen oder

zurückzubringen. In Wahrheit aber kam er nur, um Bissen und Brosamen,

die in dem großen Hause abfielen, zu erschnappen oder zu erbetteln,

rostige Nägel vom Boden aufzulesen und sonstige kleine Dinge, die man

im Hofe für unbrauchbar hielt, mit sich zu nehmen. Er löste daraus

stets ein paar Kreuzer und wollte so allmählich die Sorge „für seine

alten Tage“ verringern, ein Bestreben, welches einem Remini Dreihand

nimmer gelingen wird. „Ach,“ seufzte er oft, „mancher Mensch ist

wahrhaftig zum Elend geboren. Mit mir stünd’s anders, hätt’ mich meine

Mutter nach Amerika gehen lassen.“

„Ja, und warum hat sie denn das nicht gethan?“ fragte ihn der Melchior

einmal zornig.

„Weil -- weil sie mich nicht mitgenommen haben,“ antwortete der

Geknickte und zog seinen dreieckigen Kopf ein, „purer Neid ist es

gewesen, heller Neid von den Leuten, die dazumal ausgewandert sind. Die

haben längst ihre Goldsäcke voll. Unsereiner muß bitter darben.“

Die Goldsäcke voll! Das war sein Denken und Streben, sein Glauben und

sein Himmelreich.

O, Dir thät ich’s wünschen, alter Gauch, Du hättest die Goldsäcke voll

und müßtest sie fortweg auf Deinem Höcker schleppen, daß sie Dich derb

ritten und drückten! Das wären die Sorgen für die alten Tage! -- So

dachte der Melchior dem Alten einmal nach.

Nun, er, der Melchior selber, bot freilich Alles auf, um sich vor einer

solchen Last zu bewahren.

Der Hochweidhofer wurde immer kränklicher; seine hohe Weid, die seine

Kraft, sein Stolz, sein Leben war, wurde ihm immer gleichgiltiger. So

ging er denn d’ran, das Gut seinem jüngsten Sohne zu verschreiben.

Zuvor aber beschied er den Melchior in seine Stube. Dieser nahm gar

seine Mütze ab, denn der Bauer schien ihm blaß und krank zum Versterben.

„Melchi,“ sagte der Kranke, „wir Zwei haben noch was auf gleich zu

bringen miteinand. ’s ist vier Jahr’ und drüber, daß Du in meinem Haus

bist. Bist brav und ordentlich, bist letzt’ Zeit her meine rechte Hand

gewesen. -- Der Fritz merkt wohl auch, was er an Dir hat, und mir

wird’s noch in der letzten Stund’ taugen, wenn ich weiß, Du wirst auch

auf hinfür noch im Haus verbleiben. Hätt’s auch gern gesehen, daß Dich

mein Sohn, der Doctor, des Soldatenlebens wegen untersucht und für

untauglich erklärt hätt’, ’s wär’ leicht gegangen. Nu, wenn Du nicht

willst! -- Aber die alt’ Sach’ muß jetzt richtig gemacht werden, ’s

könnt’ sonst leicht Anständ’ geben, wie’s schon geht bei den Leuten.“

Der Hochweidhofer richtete sich im Bette auf und that unter dem

Kopfpolster ein kleines Packetchen hervor, das er schon früher bereitet

haben mochte. Es war in weißer Leinwand und mit einer blauen Schnur

umwickelt. Er hob es mit der Hand und schaukelte damit ein paarmal auf

und ab, als ob er seine Schwere prüfen wollte. Dann sagte er mit leiser

Stimme: „Melchi, das ist Dein Eigenthum.“

Der junge Mann erschrak fast und that seine Hände hinter den Rücken,

daß sie ja nicht angreifen konnten.

„Melchi!“ fuhr der Kranke fort, „mach’ jetzt keine Albernheiten,

jetzt ist keine Zeit dazu. Die Sache gehört Dein, Du hast sie redlich

verdient und Du wirst sie noch brauchen! -- Greif an, laß’ mich nicht

so lang’ reden, Du siehst wohl, daß es mich aufregt.“

Der Melchior war gegen das Fenster gegangen und starrte nun in

das Freie hinaus. -- Draußen auf herbstlichem Gras hüpften gelbe

Laubblätter umher; in der Stube lag ein todtkranker Mann, und da wird

noch von Geld und Gut gesprochen...

Der Bursche schüttelte traurig den Kopf, er nähme nichts.

„So,“ sagte der Bauer darauf mit einer Gelassenheit, hinter der Wuth

steckte, „so, also schenken, schenken willst Du’s dem Bauer von der

hohen Weid!“

„Ich hab’ nichts zu schenken,“ versetzte der Melchior, „ich hab’s gut

bei Euch gehabt; bei Euch im Hof ist meine schönste Zeit gewesen;

’s kommt keine solche mehr. Jetzt, wenn Ihr ~auch~ wollt

versterben...“

Er wendete sich ab; die Zipfelhaube hatte er fest in die Faust geballt,

jetzt fuhr er sich damit rasch über das Gesicht.

„Melchi,“ sagte der Alte, „geh’ her zu mir. Gieb mir die Hand. So, ’s

thut mir gut, daß Du da bist. Mein Sohn, der streift in den Weiten

herum. Der ist leichtfertig und unerfahren, ich will Dich bitten, daß

Du ihm fort recht zur Seite bist. Uebrigens -- kann’s auch mit mir

besser werden; hätt’ ich nur erst den Winter überdauert! -- Nu, wie’s

Gott will. -- Jetzt, Melchi, nimm das! Kränk’ mich nicht, nimm das. --

Denk’ halt, ’s wär kein Geld d’rin -- nur ein Angedenken --“

„Kein Geld!“ murmelte der Bursche. Darauf stand er eine Weile

unentschlossen da und schließlich nahm er das Päckchen.

Aber beklommen verließ er die Stube. Er ging in die Kammer, dort

öffnete er mit zitternden Händen das Packet.

Als der Inhalt offen dalag, schüttelte er den Kopf und lächelte trüb:

„Hab’ mir’s gedacht, hab’ mir’s gedacht!“

Fünf Stück Hunderterbanknoten hatte er in der Hand.

Er sah sie blinzelnd an und begann so mit dem Papier zu reden: „Jetzt

seid ihr da! jetzt seid ihr auch bei mir da? Wollt ihr mich auch

haben? O, der Melchi, das ist der Unrechte! -- Der Krug, der geht so

lang’ zum Brunnen, bis er bricht -- kennt ihr’s nicht, das Sprüchel?

-- Geld, wo ist meine Mutter, mein Vater? Geld! Du hast mir meinen

Bruder verdorben, hast mir meine Liebste weggenommen! Du hast schon

viele Leute zum Galgen geführt oder zum Narren gemacht. -- Mein Leben

und meinen Namen hast du zugrunde gerichtet, du verfluchtes, du

vermaledeites Geld.“

Und während er knirschend diese Worte sprach, ballte er die Banknoten

mit krampfigen Fingern zusammen; schon hob er den Arm, um den Ballen

weit von sich zu schleudern, da hielt er plötzlich ein und ein Lächeln

flog über sein bleich gewordenes Gesicht.

Er entwirrte die Blätter, legte sie glättend in Ordnung aneinander und

steckte sie in seine Hosentasche.

Er hatte vorhin den alten Remini um den Hof schleichen gesehen; diesen

wollte er nun aufsuchen.

Er eilte durch den Gemüsegarten und über die Matte quer hinab gegen den

Waldrand. Und am Waldrande hockte der Alte bei einem frisch knisternden

Feuer und schob Kartoffeln in die Gluth.

„Nu, Vetter,“ redete ihn der Bursche an, „wo habt Ihr heut’ die

Erdäpfel gestohlen?“

„Ich? die Erdäpfel!“ stotterte der Geknickte, „gefunden --“

„Ha, ha, da drüben auf dem Acker unter der Erde, gelt! -- Je nu, Gott

gesegne sie Euch für die alten Tage. Ich hätt’ Euch nur fragen mögen,

Remini, da, der Dinger wegen. Wißt, ich hab’ heut’ vom Hochweidhofer

meinen Lohn erhalten, beiläufig so für vier oder fünf Jahr. Jetzt aber

-- Ihr wißt, man muß fort auf der Hut sein -- bin ich so ängstlich und

möcht’ genau wissen, ob die Banknoten da wohl auch gut und echt sind?“

„Na, na, das kennst Du gar gut!“ zischelte der Alte, aber als der

Bursche das Geld hervorzog, da zuckten jenem die Finger, daß sie schier

klapperten. „Laß ’mal sehen!“ Mit Hast und Gier erfaßte er die Papiere:

„Drei -- vier -- ~fünf -- hundert~!“ er rang nach Athem, seine

grauen, schielenden Aeuglein thaten, als wollten sie heraushüpfen

auf die vornehmen Ziffern. „Blitz ’nein, Blitz ’nein,“ murmelte er

fortwährend, „das ist viel!“

„Und echt wären sie?“ fragte der Bursche, indem er den Geknickten so

recht von der Seite anlugte, um zu beobachten, wie die Leidenschaft in

ihm wüthete.

„Echt, das ist gewiß, wie das Silber, wie das Gold, das dafür bezahlt

wird!“ stieß der Remini fast fiebernd heraus, „ein schönes Geld, das!

ein schönes Geld! -- Der Tausend, Melchior, weit hast es gebracht,

weit! -- fünfhundert -- auf einmal! das ist viel! -- ist viel!“

„Wie man’s nimmt,“ versetzte der Bursche wegwerfend und langte wieder

nach den Scheinen, „könnt’ auch ~mehr~ sein. Von fünfhundert

aufwärts ist weiter, als von fünfhundert abwärts; könnt’ auch

~mehr~ sein. -- Werdet aber wissen, Remini, ich bin kein Freund

davon, brauch’s auch nicht.“

Bei diesen Worten zuckte gleich der lustigen Flamme des Feuers, vor

dem er kauerte, eine Freudengluth über das aschenfarbige Gesicht des

Alten. -- Er ist kein Liebhaber davon? Braucht es nicht?... Der Remini

ließ das Papier nicht aus den Augen.

„~Echtes~ Geld, meint Ihr, Remini?“

„Wie nur was echt sein kann!“ krächzte der Geknickte begeistert.

Der Melchior schüttelte ungläubig den Kopf: „Will’s doch lieber

versuchen. -- Paßt auf!“

Hoch hob er die zusammengedrehten Banknoten und mit einem kräftigen

Schwung warf er sie in das Feuer hinein.

Der Alte stieß einen gräulichen Schreckruf aus, dann tastete er mit

beiden Händen in die Flammen, zog sie aber stöhnend wieder zurück. Das

Papier zuckte, wand und ringelte sich in der Gluth, ein brauner Hauch

zog über die weißen Blätter, jetzt brannten sie lichterloh, jetzt

flatterte der graue Aschenflaum, jetzt zuckten die schwarzen Flöckchen

zusammen und vergingen im Gluthpfuhl.

Der Melchior war mit gekreuzten Armen dagestanden; nicht lächelnd,

sondern mit zuckenden Zügen und funkelnden Augen hatte er dem

Verbrennen der Banknoten zugesehen.

Als die letzte Spur davon vergangen war, sog er einen langen, schweren

Athemzug in seine Brust und hauchte: „Jetzt bist du gerichtet. Gott

Lob, Gott Lob!“

Der Remini war einer Ohnmacht nahe gewesen. Aber auf einmal sprang er

auf wie besessen, schlug seine Hände zusammen und schrie: „Du Narr!

Du Wahnsinniger! Du Bösewicht! Jesus im Himmel, jetzt hat er das

~Geld~ verbrannt!“

„Das Geld? Nu, das Geld eigentlich nicht,“ versetzte der Bursche, „nur

das Papier.“

„Vier lange Jahre gearbeitet mit schwerer Müh’!“

„Das wohl,“ sagte der Melchior, „aber die hätten diese Fetzen doch

nicht mehr leichter gemacht. Und, Remini, jetzt sag’ mir einmal, wo ist

denn der Schaden? Ist ein Stück Gut weniger auf der Welt, seit da die

Asche fliegt? Ist meine vierjährige Arbeit auf der hohen Weid desweg

verloren? Nicht ein einziger Nagel, den ich eingebohrt hab’, ist darum

aus der Wand gesprungen.“

„Du hunderttausendfältiger Narr, Du selber hast den Schaden!“ rief der

Remini.

„Das ist nicht bewiesen,“ sagte der Melchior, „ich hätt’ das Geld

vielleicht in die Stadt geschickt, daß es Zinsen sollt’ tragen, ich

wär’ ein Hirt gewesen auf der Alm wie vor und eh’ und hätt’ gelebt,

wie die anderen Hirten leben, und wär’ zuletzt gestorben, wie die

anderen Hirten sterben. Jeder Mensch braucht kein Geld, mein lieber

Vetter Remini, und das Essen und Trinken und die Kleider wachsen aus

dem Erdboden auf, und dem Erdboden ist das Geld zu schlecht, der muß

Mist haben, Mist und fleißige Hände. Meine Scheidemünzen sind die

Arbeitstage, mit denen ich der Welt das tägliche Brot abkaufe.“

„Jetzt hat der Mensch das Geld verbrannt!“ klagte der Alte noch immer,

„ist aber das eine Schande, wo ja ohnehin das Geld gar so rar ist. --

Du, Melchior! vor’s Gericht kommst! Aufhängen werden sie Dich!“

„Ha, das werden sie sicherlich bleiben lassen!“ lachte der Bursche. „O,

gäb’ es nur mehr solcher Leut, die ihr Papiergeld thäten verbrennen

dem Land zulieb! Das Land glaub’ ich, hat ja Nutzen davon, wenn man

Papiergeld verbrennt. Ihr könnt es freilich nicht verstehen, wenn ich

sag: dahier am Waldrand, unter dem freien Himmel hätte der Melchior

Ehrlich, der Ehrenschmiedsohn, von seiner Jugend vier Arbeitsjahre

seinem Vaterland geschenkt. Und er weiß, warum er’s gethan hat. -- So,

Vetter, und jetzt laßt Euch die Erdäpfel schmecken und denkt dabei: sie

müssen echter sein, als die Banknoten; die sind verbrannt, die Erdäpfel

sind nur gebraten.“

Der Melchior steckte seine Hände in die Hosentasche und trottete

langsam davon.

Der alte Remini Dreihand hatte gar keinen Appetit mehr nach den

Kartoffeln; endlich aber verzehrte er sie sammt den Schalen. Vielleicht

war darauf doch noch irgend ein Aschenstäubchen von den verbrannten

Hundertern kleben geblieben.

Die Liebe reift.

Der Bauer von der hohen Weid war noch im selben Herbste verstorben.

Kaum lag er zwischen den sechs Brettern des Sarges, so dehnte sich der

Junge aus -- der Fritz. Er polterte und commandirte fürchterlich herum

im Gehöft und nannte den „Bauer von der hohen Weid“ noch öfter, als

sein Vater es gethan hatte.

Den Melchior beachtete er anfangs gar nicht; dann aber hieß er ihn

nie anders, als den Halbnarren. Im ganzen Ober- und Untergäu war es

offenbar, daß der junge Knecht aus Narrheit und Uebermuth seinen

mehrjährigen Arbeitslohn zu eitel Asche verbrannt habe.

Viele kamen auf die hohe Weid, blos um den Narren zu sehen.

„Ist er schon selber zu dumm für ein Geld, so hätte er’s den Armen

geben sollen!“ Das mußte der arme Bursche hundertmal hören.

Die Armen, die lagen ihm nun allerdings auf dem Gewissen. Er hätte

Manchen aus Noth und Hunger retten können. -- Ja, war’s denn aber seine

Schuldigkeit, daß just er, der Dienstknecht, arme Leute aus Noth und

Hunger retten sollte? -- Aber er hätte es doch gethan, wäre sein Herz

besser gewesen, als sein Kopf.

Ja, so rechten die Menschen vom Tage.

Keiner im ganzen Gäu hatte geahnt, was das Herz des jungen Mannes

erfüllte und daß am Waldrande ein Gedächtniß- und Sühnopfer geschehen

war für Eltern und Bruder. --

Auch in die Kreisstadt war die Banknotengeschichte gedrungen und die

Folge davon war, daß der „Narr“ Melchior Ehrlich aus der Rekrutenliste

gestrichen wurde.

Und so sind dem braven Burschen für die vier verbrannten „Arbeitsjahre“

elf andere geschenkt worden.

Der Melchior sah bald ein, daß unter der neuen Herrschaft seines

Bleibens als „Narr“ auf der hohen Weid nicht länger mehr sein könne.

Er nahm seine paar Sächelchen, schnitt einen guten Stecken aus dem

Lärchenanwuchs des Schirmschachens und zog fürbaß.

Er zog in die Gegend von Sterzen hinab; dort kehrte er beim Schuhmacher

ein.

Er hätte es nicht gethan, aber er hatte es gehört, was im

Schuhmacherhause geschehen war. Der Meister Gegerle war an der

Auszehrung gestorben. Darauf war ein Mann gekommen mit einem großen

Schuldbrief und vielen Zinsbögen und hatte alles Hab und Gut der Witwe

davonschleppen lassen. Dieser Mann war der Freund des Verstorbenen

gewesen und hieß Remini Dreihand.

Jetzt stand die arme Toni da, hatte nichts als ein leeres Haus und die

drei unmündigen Kinder ihrer Vorfahrinnen. Ihr grünes Seidenkleid war

auch dahin; ihre Augen waren roth; oft in den langen Nächten, wenn sie

im Bette saß und nähte, dachte sie an die schöne Zeit, da sie beim

Bauern Butterdirn gewesen.

Trat denn eines Tages in dieses Haus der Melchior Ehrlich ein. Die Toni

that einen hellen Schreckruf, der auf der hohen Weid für ein lustig

Jauchzen gegolten haben würde.

Darauf stand sie wie versteinert still und wußte nicht, sollte

sie rückwärts treten und sich verbergen in der leeren, finsteren

Lederkammer ihres Mannes, oder vorwärts, und dem guten alten Bekannten

die Hand schütteln.

„Melchi,“ sagte sie endlich leise, „Du suchst mich heim?“

„Such’ Dich nicht heim,“ antwortete der Bursche. „’s führt mich nur

mein Weg vorbei, und weil ich hungrig geworden bin, so hab’ ich mir

gedacht, klopfst an um ein klein Stückel Brot.“

Jetzt sprang das Weib mit Ungestüm über ihn her, nahm ihn um den

Hals und rief: „Melchi! Alles, was mein Tisch kann bieten, soll Dir

aufgewartet sein. Mich freut’s zu tausendmalen, zu tausendmalen!“

Der Melchior saß fröhlich bei Tisch und aß ein weniges von der Milch.

Sie strich ihm Butter auf ein Stück Brot.

Er nahm’s und sagte: „Für das ganz extra mein Vergelt’s Gott! Gelt, das

ist ~eigene Wirthschaft~, das wird schmecken.“

Und er steckte bedächtig den Mund voll, daß er für eine Weile stumm war

und die Toni Zeit hatte, sich aus ihrer kleinen Verlegenheit wegen

der Erinnerung an eine abgelehnte Butterschnitte auf dem Hochweidhofe

wieder zu erholen.

Zwei halb erwachsene Mädchen und ein kleiner Knabe waren im Hause.

Dieser war bald mit Melchior gut Freund, stieg auf die Bank, auf

welcher Letzterer saß, ließ die Quaste der Zipfelmütze tanzen,

zupfte gleichwohl noch vorsichtig und sachte an dem Ringellockenhaar

des Mannes, an seinem falben Schnurrbärtchen endlich, und zuletzt

entschloß sich der Kleine nach langem Saugen am Zeigefingerchen zu dem

verlockenden Wagestück, in den Kleidertaschen des Gastes ein wenig

Sichtung zu halten.

Die junge Hausfrau suchte Alles aufzubieten, um die Armuth des Hauses

möglichst zu verbergen -- aber das böse Gespenst lugte doch aus allen

Winkeln hervor. Der Melchior bemerkte nichts und war lustig. Und die

Toni kam aus einer Verlegenheit in die andere; sie wollte mehrmals

versuchen, so frisch und keck wie einst aufzulachen, aber es ging nicht

mehr.

Plötzlich jedoch stieß ihrerstatt der kleine Knirps ein mächtiges

Gejohle aus und hoch in seinen Händen schwang er -- den föhrenrindenen

Vogel.

Diese trautsame Erscheinung veranlaßte jedoch vorläufig nicht viel

Heiteres. Die Toni legte ihr Haupt an Melchior’s Brust und schluchzte.

„Wie lang’ ist’s her, daß Dein Mann gestorben?“ fragte der Bursche.

„Gut über ein halbes Jahr.“

„Na, nachher wird das Flennen, mein’ ich, nicht mehr nöthig sein,“

versetzte der Schalk. „Und was meinst Du, Toni, weil denn dieser

närrische Vogel allweg noch lebt -- was meinst, wir fingen ihn noch

einmal ein?“

Jetzt war das Lachen da. Es war wieder da, es war so hell und weich wie

einst, es wollte nicht enden, und die Augen standen in hellen Thränen.

„Nein, das ist wahr!“ schluchzte sie endlich, „Du bist ein herzensguter

Bub!“

„Weißt, Toni,“ sagte der Melchior, und war auch selbst verlegen

geworden, so daß er mit seinen Schuhspitzen viel zu laut am Trittbrett

des Tischschragens klöpfelte, „ich weiß jetzt mit meiner Zeit nichts

anzufangen. Auf der hohen Weid freut’s mich nimmer und zu den Soldaten

wollen sie mich auch nicht nehmen.“

„Hast einen Fehler?“ fragte sie theilnahmsvoll.

„Hier drin, meinen sie, müßt’s hinken,“ versetzte der junge Mann und

stemmte seine beiden Zeigefinger auf die Stirn.

„Ich hab’ gehört, daß Du so theures Brennholz heizen thätest,“ bemerkte

das Weib und machte sich mit dem Kleinen zu schaffen, den sie nach und

nach mit Ernsthaftigkeit und Liebkosungen aus dem Stübchen schob.

„Festweg, Toni, brauchst Dir keine Sorg’ zu machen, das ist vorbei,“

sagte der junge Mann und klöpfelte; „unser Häusel thäten wir schon mit

Scheiterholz auswärmen. -- Wohl wahr, wir hätten die fünf Hunderter

leicht anwenden können; aber für’s Erst’ hab ich meinen Zorn auslassen

wollen gegen das Geld, das mir allerlei böse Tage gemacht und zuletzt

gar mein Herzlieb davon geführt hat. Und für’s Zweit’, Toni, möcht’ ich

gern wissen, was denn wohl der Melchior -- frisch und gesund und bald

dreiundzwanzig Jahr’ alt, bisher Halter auf der hohen Weid, just für

sich, nach der Elle oder nach dem Pfund gemessen -- werth sein kann.“

Er schwieg ein wenig, sie wußte auch nichts zu sagen. Nein, sie hätte

schon was gewußt. Es war ihr wohl heiß um’s Herz.

Der Bursche zog sein Geldbeutelchen aus der Tasche; „’s ist nicht ganz

leer, Toni,“ sagte er. Das Lebkuchenherz war drin.

„Und nachher, weißt,“ rief er und stemmte seinen Ellbogen fest auf den

Tisch, „weil’s vorbei ist, was vorbei ist, so seh’ ich jetzt wohl ein,

daß der Mensch ohne Geld halt doch einmal nicht recht wachsen will.

Mir thut das in die Länge wachsen nimmer noth, aber in die Breite

gehen möcht ich. Jetzt wär’ das schon recht, hätt’ ich mir vor Zeit

das Geld nicht abgeschworen für all’ mein Lebtag. Was man schwört, muß

man halten, und jetzt denk’ Dir, Toni, so steh’ ich da. -- Hab’ mir

aber schon was ausgetipfelt, Toni, wollt’ mir nur wer dabei helfen. --

Heiraten muß ich, ’s giebt sonst kein Mittel für mich. Ich will auf dem

Gütel arbeiten, oder im Tagelohn, oder draußen im Dorf, oder drin im

Wald, oder auf der Alm. Ich schick mich in Alles, und mein Weib, das

wird das Geld dafür in die Hand nehmen und damit machen, was sein muß.

-- Was meinst, Toni, ist der Rath zu brauchen?“

„Ja,“ sagte das Weib und räumte den Tisch ab, „zu brauchen -- -- zu

brauchen ist er schon.“

„Und -- und willst Du mein Geldbeutel werden?“ fuhr es dem Burschen

heraus.

Wieder das Lachen und die Thränen -- viele Thränen -- lautes

Schluchzen, so daß der Knabe draußen erschrocken zu seinen Schwestern

lief: „Geht geschwind, der fremde Mann, der thut der Mutter was!“

Gutes Geld.

So hat sich’s zugetragen mit dem Geldfeind, mit dem Melchior Ehrlich

-- dem Ehrenschmiedsohn. Er hat sein altes Lieb, die Rothkitteldirn,

geheiratet.

Ueber der Thür des Häuschens war ein hölzerner, grün angestrichener

Stiefel gehangen; der mußte herab. Es wohnte kein Schuster mehr im

Hause. Ein paar Gärten und Aecker waren dabei und die Wirthschaft

war ein Bauerngütchen geworden. Die Leute drin arbeiteten mit Lust

und Fleiß, und nach und nach füllten sich die Räume wieder, die der

geknickte Zaunpfahl so hämisch ausgeleert hatte.

Von den Kindern des verstorbenen Gegerle ist auch nur Gutes zu sagen.

Die beiden Jungfrauen verheirateten sich, der Knabe kam auf die hohe

Weid als Hirtenjunge, mit dem leichtlich die Idylle wieder anhebt.

Es ist das alte leichtherzige Leben im Hofe auf dem Rochusberge, nur

schier noch ungebundener als unter dem alten Bauer. Das Familienleben

zwischen Mensch und Vieh wird einträglich fortgeführt. In der

Butterkammer wirthet manch’ heitere Magd, über die Weiden der Heukehr

springen und scherzen die Ziegen und die Kälber. Auf dem Hochboden

steht noch der Schirmschachen und der Anwachs ist höher geworden und

spendet noch immer den freundlichsten Schatten. Freilich wackelt das

Sennermägdle allzu selten vorüber.

Aber es ~lebt~ noch, das Sennermägdle auf der Hinteralm. Es waltet

die Heerden, es ist völlig frisch; es wartet immer noch auf den Tiroler

und saugt und saugt an dem Pfeifchen, auf daß das Feuer nicht sollt

verlöschen.

Einen traurigen Ausgang hat es mit dem alten Remini Dreihand genommen.

Der ist eines Tages todt in seiner Klause gefunden worden; er hing

am Staffel seines Bettes. Man wußte nicht, weiß es heute noch nicht,

ob sich der alte Geizhals aus Sorge um „seine alten Tage“ selbst

erhenkt hat, oder ob er durch Mörderhand erdrosselt worden. In dem

wurmstichigen Schrank der finsteren Klause fand man nicht einen Heller

Geld, aber unter der Bettstatt, tief in die schwarze Erde gegraben,

wurde bei der Untersuchung ein Ledersack entdeckt, in dem altes,

schweres Silber lag.

„~Der~,“ sagten die Leute, „~der~ ist der Geldfeind gewesen;

er hat es lebendig begraben.“

„Und der Menschenfeind dazu!“ riefen Andere.

Da erhob bei der Bestattung des alten Mannes der Pfarrer das Wort:

„In jedem Menschenherzen schlummert ein Dämon. Möge Jeder denselben

bekämpfen mit seiner Kraft und wachen! Des Herrn Gnade sei mit uns

Allen!“

Das ehemalige Schuhmacherhäuslein auf der Sterzen mit den dazu

gehörigen Grundstücken heißt jetzt das Ehrengut, nach dem Namen des

Besitzers Melchior Ehrlich. ’s geht fröhlich drin zu; ein kleiner

Melchi und ein kleines Tonerle purzeln auf dem Boden herum und schlagen

johlend die Beinchen in die Luft und streiten wohl auch zuweilen mit

Händen und Füßen um des Vaters bunte Zipfelmütze. Das Lebkuchenherz und

das föhrenrindene Rothkröpfchen möchten sie auch wohl gern haben; aber

diese Dinge hängen hoch oben im Winkel des Hausaltars, und die Mutter

sagt: „Kinder, das kriegt Ihr erst, wenn Ihr groß seid!“

Die Toni weiß das Geld, welches ihr der Mann stets redlich in’s Haus

schickt, prächtig zu handhaben und damit für die Familie allerhand

Gutes und Liebes zu stiften. Da kommt der Melchior wohl auch zur

Ueberzeugung, das Geld kann nur auf zweierlei Weise Unheil stiften:

erstens, wenn es in die Hand des Boshaften und des Leichtfertigen

geräth, zweitens -- wenn es der Brave nicht hat.

Eines Tages -- ’s ist noch nicht lange her -- hat der Melchior eine

sehr überraschende Nachricht aus der Hauptstadt erhalten. Der Sohn des

Hochweidbauers, den er einst auf dem Hofe kennen gelernt hatte, theilt

ihm mit, daß die Strafzeit des vormaligen Forstadjuncten Kilian Ehrlich

zu Ende gehe und daß beschlossen worden sei, den talentvollen Mann in

„des Kaisers Geldwerkstätte“ aufzunehmen.

„Juchhe!“ jauchzt der Melchior, „jetzt ist’s gut. Mein Bruder selber

macht echte Banknoten. Her damit, ich kann sie brauchen!“

[Illustration]

Das Holzknechthaus.

Wahrhaftig, wenn um die Hütte nicht einzelne, gelbe geringelte

Ahornblätter herumgelegen wären, man hätte gemeint, es sei ein

Juni-Abend.

Dieser Flechten- und Moosteppich, der sich über Erde und Gestein hinzog

und sich an alle Glieder des Waldes schmiegte, mußte von den fleißigen

Rosenfingern des Mai gewoben sein. Die hohen Fichten und Tannen hatten

noch keine einzige ihrer Millionen Schmucknadeln, die sie vom Frühling

erhalten, weggeworfen; sie standen gar stolz da in ihren dunkelgrünen

Mänteln, jede hatte eine Krone auf, und sie standen so nahe beisammen,

daß sie ihre Arme in einander verschlingen konnten. Selbst die kahlen

Stämme hatten bis zu den ersten Aesten hinauf ihren Schmuck; ihre

grauen und braunen Rinden waren so nett und verschiedenartig gezeichnet

und geschnitzt, daß man meinte, die ganze Weltgeschichte sei in

Holzschnitt da. Die kleine Wiese zwischen den hohen Bäumen, die rechts

am Bache liegt und bis zur Hütte herausgeht, wollte auch noch Gutes

thun; sie trieb mehr des jungen Grases, als die zwei weidenden Ziegen

verzehren konnten, und am Rande des Wassers hatte sie einen zierlichen

Wald von Farrnkräutern. Wie war denn dem kleinen Acker jenseits

am Rain, den der Mirtl (Martin) durch Axt und Brand der Wildniß

abgerungen, bis er, sorglich gepflegt, statt wilden Gesträuches volle

Garben gab? Ihm war, als habe er noch zu wenig gespendet, und er trieb

neue Keime.

Es war, wie an einem Juni-Abend, nur viel stiller und feierlicher; man

konnte es weithin hören, wenn ein Ast seufzte. -- Ein alter Ahorn stand

auch im Gebirgsthal, aber der hielt sich hinter den drei Tannen, welche

die Hütte, Mirtl’s Daheim, beschützten, verborgen, weil er keine grünen

Blätter mehr hatte; diese waren ihm gestorben und abgefallen und nun

hüpften sie in allen Farben und Ringelformen herren- und obdachlos im

Thale aus und ein. Es kam heute dann und wann ein leiser Windstoß in

das Thal, die Wolken waren weiß und „lämmerlich“ und gingen über das

kleine, von hohen Bergen begrenzte Stück Himmel dahin, und vom Hochwald

hernieder rauschte es.

Im Thale begann es bereits zu dämmern und der Mirtl saß auf dem

Bänklein vor der Hütte und schärfte seine Axt mit einem Schiefer

und befestigte sie dann an der Kraxen (Trage von Holz), auf welche

bereits Mehlsack, Schmalzbutte, Hafen, Pfanne und verschiedene andere

Gegenstände, wie sie der Holzknecht die Woche hindurch auf dem „Schlag“

benöthigt, gebunden waren. Mit dieser Beschäftigung fertig, stellt

Mirtl die Kraxe in die Hütte, setzt sich behaglich auf die Bank und

schlägt Feuer für sein Abendpfeifchen.

Mittlerweile hat sein Weib die Ziegen, die schon lange um die Hütte

herum und sogar rückwärts auf das schiefe Rindendach gestiegen waren,

in den Stall gethan, und war eben beim Melken für Abendsuppe und

Frühstück, wenn der Mirtl morgen fortgehe. Dabei sang es einen „Almer“,

den der Holzknecht vor dem Häuschen mit einer nicht unebenen Baßstimme

schmunzelnd begleitete, bis ihm derweil sein Pfeifchen ausging.

Plötzlich klopfte es von innen an das kleine Fenster und hinter dem

Glas wurde das gemüthliche Gesicht eines alten Mütterchens sichtbar:

„He, Mirtl, wo sind denn heut’ die Kinder so lang’; geh’ schau ein

wenig und bring sie heim; ’s geht auf einmal der Wind rechtschaffen

kühl.“

„Nun, wird Euch schon zeitlang, Mutterl?“ entgegnete der Angesprochene,

indem er aufstand, die Finger in den Mund steckte und pfiff. Nur der

Wald gab Antwort, sonst blieb es still, bis Mirtl den Ruf wiederholte.

„Was hast denn, Mirtl, sind ’leicht die Kinder noch nit da?“ schrie

die Melkerin vom Stall hervor; aber der Mann war schon auf und fort,

er erinnerte sich, daß die Kleinen seit frühem Nachmittag nicht mehr

um die Hütte waren. Es war schon dunkel. Auf der Wiese stand er still

und blickte umher und horchte. Vom Lahmkogel hörte er das Bellen eines

Rehes und im Hochwald rauschte der Wind. Sonst war Alles ruhig.

Dem Mann wurde bang, er pfiff noch einmal, dann rief er: „Hansl! --

Julerl!“

Ach, der Wald, wie er immer höhnend nachsprach und wie er so schwarz

und finster dalag, als berge er Unglück in sich.

Mirtl eilte weiter, er lief gegen die Schlucht und rief in Einem fort

die zwei Namen. Vergebens. Es wurde finster. Der Holzknecht betete:

„Jesus Maria!“ in seinen Gedanken, und dann wurde ihm leichter und

er dachte, es werde doch nicht sein. Aus der Schlucht hörte er das

Rauschen des Bächleins, das dort einen Wasserfall bildete.

Und mit dem Wasserrauschen schlug plötzlich der Laut einer Kinderstimme

an sein Ohr. Dann horchte er und pfiff und schrie und hörte nichts

als Wind- und Wasserrauschen. Mirtl eilte in die Schlucht, und auf

einmal -- o, welch’ freudiges Aufwallen! -- ganz nahe hörte er die

wohlbekannten, fröhlichen Kinderstimmen. Sie saßen am Bach, waren

beschäftigt, aus den Steinchen und Holzstückchen ein Häuslein zu bauen

und eine Mühle, wie sie der Anbauer weit draußen im Dorfe hatte, bei

dem sie schon einmal waren mit dem Vater, als er Korn hinaus- und Mehl

hereintrug. Jetzt wollte der Knabe auch noch das Wasser in die Mühle

leiten, er war ja Müller und das Schwesterchen, das war der Vater, der

das Korn brachte -- „He da!“ rief er, da stand er vor ihnen. „Wart’ ich

werd’ Euch helfen, wenn Ihr nit heimgehen wollt; marsch, gleich auf der

Stell’; wißt Ihr nit, wann es Zeit ist und wo Ihr hin g’hört -- ich

möcht’ gleich die Ruthen nehmen!“

So zürnte der Vater und die Kinder rafften sich erschrocken auf. Sie

hatten früher seine Stimme ja nicht gehört, weil das Wasser rauschte,

und jetzt sahen sie es erst, daß es bereits dunkel war. Sie hatten

~ihn~ böse gemacht, wußten sich keinen Rath und schluchzten. Aber

der Mann hob jetzt die Kleinen an seine Brust, und ohne ein Wort mehr

zu sprechen, hielt er sie fest -- fest. -- Sie waren ja sein Alles --

sie waren sein Alles auf Erden!

So trug er sie nach Hause, und daheim am Herdfeuer wurden die nassen

Kleider der Kleinen und das Auge des Mannes bald wieder trocken.

Der Wind rüttelte am Fenster, und bei der Abendsuppe, die den Kleinen

heute doppelt schmeckte, weil ja auch der Vater wieder gut war, meinte

nun Mirtl, es würde schlecht Wetter machen, dann werde es diese Woche

zum Holzen.

„Das ist mir schon allemal zuwider, wenn es zum Holzen ist!“ sagte

das Weib halb wehmüthig, halb unmuthig, „man muß sich die ganze Woche

grämen; ’s vergeht halt doch kein Jahr, daß nit ein Unglück geschieht.“

„Geh, geh, Waberl (Barbara), denk auf den Oberen!“

„Vergiß das Zellerkreuzl (ein Kreuzchen aus Maria-Zell) nit, Mirtl!“

mahnte die Großmutter, während sie die Kinder auszog und dieselben dann

in’s gemeinsame Bettchen an der Ofenbank brachte.

„Und sonst fehlt nichts daheim?“ fragte der Holzknecht, indem er die

braune Schwarzwälderuhr aufzog; -- „daß ich nichts vergeß, morgen muß

ich zeitlich auf -- ein Salz ist noch?“

„Na, das werd’ ich schon machen, Mirtl; schau, daß Dir nichts abgeht.

Nimm den Lodenrock und ein wenig Branntwein mit. Da steck’ ich Dir

einen englischen Balsam und eine Kräutersalben ein, daß Du zum Fall

doch was nehmen kannst. Den Tabak hast?“

„Bei Leib, den vergiß ich nit. Wenn ich nur einen Tabak hab’, um’s

Andere frag’ ich nit viel. Eines muß ich Dir noch sagen, Waberl: gieb

auf die Kinder acht -- schau, ich bin heut so sterbens erschrocken, wie

ich sie nit gleich gefunden hab’, ’s kann bald was sein! Und noch was,

diese Wochen ist ~Niklo~, draußen im Kasten unter’m Korn hab’ ich

Aepfel und ein paar Lebzelten, die steckst den Kindern in die Schuh,

und der Mutter hab’ ich ein Kopftuch gekauft, das legst ihr auf’s

Fenster neben ihrem Bett. -- Und Du, Waberl, kriegst zum Niklo erst

Samstag was, wenn ich heimkomm’,“ setzte der Mann schelmisch hinzu und

strich seinen Schnurrbart.

Das Buch der Novellen. Erster Band · 第 18 / 32 题