„Nachher kommt die Ländhoferin auch einmal hinein,“ bemerkte der

Winzerssohn, um zu beweisen, daß er die Sache begriff.

Darauf schwieg sie eine Weile.

Die Pferde trabten weiter.

Ein paar Bauersleute kamen des Weges und grüßten die Großbäuerin.

„Ja, ist schon recht,“ gab diese als Gegengruß, des Weiteren blickte

sie gar nicht seitab.

Die Ländhoferin war überhaupt, je näher sie dem Gehöfte gekommen, desto

gemessener, ernsthafter, ja fast herrisch geworden. Der Hirt, der eben

die große Heerde vom Felde trieb und gerade noch lustig seine Schalmei

geblasen hatte, machte ein mißmuthiges Gesicht, als er Roß und Wagen

der heimkehrenden Bäuerin sah.

Felix grüßte ihm freundlich zu, als wollte er sagen: „Ich komm’ zu Euch

und wir werden jetzt mitsammen leben und uns schon vertragen; ich bin

ein lustiger Bursch!“

Als sie hernach in die Hofgasse einbogen und an der Leinwandbleiche

vorüberrasselten, wo an einer Stange Garnsträhne zum Trocknen hingen,

kam ein erwachsenes, aber zart gebautes, blasses Mädchen auf den Wagen

zu und sagte in bescheidenem Tone: „Grüß’ Gott, Mutter!“

Die Bäuerin zerrte am Rockschoß des Kutschers: „Halten!“ Dann wendete

sie sich gegen das anmuthige, helläugige Mädchen und rief: „Was,

Du bist schon aus dem Nest, Du dalkete Dirn’! Und laufst um die

Zeit auf der Gassen um? Du fragst einen Klenkas danach, was mir der

Doctor kostet, wenn Dich wieder Dein Schönheitsfieber überkommt, Du

unbesinntes Ding, Du! Und bist schon wieder so wohl und toll, so

arbeit’ was! Siehst nicht, daß die Garnsträhne noch auf der Stang’

hängen? Sollen sie verfaulen?“

Tief erröthend und niedergesenkten Hauptes wendete sich das Mädchen und

ging den Strähnen zu. Der Wagen rasselte in den Hof.

Da Felix nach solchem Auftritte die Bäuerin fragend angesehen hatte,

so murmelte diese: „Ein einfältig Wesen das. Na ja, just, daß man sie

nicht fortschaffen will, weil sie das Kind von meinem ersten Mann ist.“

Von meinem ersten Mann -- so rutschte es ihr von der Zunge; war ihr

doch, sie sitze eng neben dem zweiten.

Als der Wagen auf dem Standplatze vor dem großen Wohnhause still stand,

kamen ein paar Weiber herangerannt, um die Herrin zu bedienen.

Einige Knechte, die abseits am Scheunenthor standen, glotzten nur so

herüber und waren baß verwundert über den jungen Menschen, der mit der

Bäuerin aus dem Wagen stieg.

Ein alter, einäugiger Kerl war unter ihnen, der knackte mit der Zunge,

blinzelte mit dem einen Aeuglein und schnürfelte: „Hab’ ich’s nicht

gesagt?! Hab’ ich’s nicht oft gesagt, der Alte dazumal hat die Birn

nicht vom Baum brockt, sie ist schon auf der Erden gelegen. Heut’

bringt sie ihren ältesten Sohn; ’leicht hat sie noch etlich im unteren

Viertel.“

„Mag wohl sein, das,“ gab ein Anderer bei, „im oberen Viertel

~kann~ sie keinen haben.“

Sie blinzelten gegenseitig, als ob sie sich verstünden.

„Wie viel Röck’ mag sie heut wieder am Leib tragen?“ warf der Einäugige

aus, als die Bäuerin mit dem Burschen gegen den Eingang rauschte.

„Mag’s ein Anderer zählen.“

„Ist ein ganz prächtiger Kerl, der Junge. Schau wie fein! Jetzt läßt

sie ihm gar den Vortritt in’s Haus.“

„Du, ihr Sohn, der kommt erst nach!“ bemerkte ein Anderer.

Da sahen sie sich vor dem Scheunenthor groß an und darauf murmelte der

Einäugige: „Unsere Bäuerin ist gescheidt! -- Das heißt Wein kaufen

gehen!“

Es war gut, daß die Glocke zum Abendessen rief, da wurden die losen

Mäuler mit Klößen gestopft.

Sie erglüht in Liebespein,

Er ist kalt wie Marmelstein.

Und erst das Weibervolk! Das war heute nachgerade verwirrt.

„Für mich und den Herrn das Essen auf’s Zimmer!“ hatte die Bäuerin

befohlen.

„Der da,“ sagten sie in der Küche zu einander, „der mit dem geflickten

Spenser-Ellbogen soll ein Herr sein? ~Zerrissen~ ist herrisch,

geht das Sprichwort, aber geflickt ist bäuerisch.“

„Laß’ Zeit, laß’ Zeit,“ sagte eine Andere, „vielleicht hat er

zerrissene Socken.“

„Ihr redet Alle wie nicht gescheidt,“ versetzte eine Dritte, „das muß

man schon anders nehmen. Das ist nicht ein Herr, das ist ~der~

Herr! Versteht’s mich?“

Es wurde im Hofe die Suppe versalzen am selbigen Abend -- so sehr war

das Küchengesinde in Gedanken.

„Mir hat er gefallen,“ vertraute die Abwaschdirn’ der Köchin und rieb

mit aller Macht an dem Milchzuber; -- der Zuber wurde blank, aber das

Wort war nicht mehr wegzulöschen.

Mittlerweile saß Felix, der junge Winzer, in der Stube der Bäuerin

auf einem Ding, das wie eine gepolsterte Lehnbank war. Er saß sehr

unbehaglich, denn das Polster gab keine Ruhe, schwoll auf und sank ein,

schnellte hin und schnellte her, so oft sich der Bursche nur ein wenig

bewegte.

Die Stube war hübsch ausgetäfelt, hatte einige Schränke mit uralten

Verzierungen, mehrere Heiligenbilder und einen großen Spiegel mit

vergoldetem Rahmen. Verschiedene andere Gegenstände zierten das

geräumige Gemach, auf der Thüre waren die Zeichen der heiligen drei

Könige geschrieben, die gar so segensvoll sind und sonderlich in keinem

Frauengemache fehlen sollten. Der Bursche hatte noch selten eine so

vornehme Wohnung gesehen.

Die Bäuerin commandirte mit der Stubenmagd und Allen, die sie ansichtig

wurde, wie ein Wachtmeister herum; that dazwischen gefällige Blicke

gegen Felix: ob er’s wohl merke, wer sie ist und wie ihr Alles hier

dienet!

Auf dem Tische wurden zwei Kerzen angezündet; aufgetragen Braten mit

Salat und Wein.

„Und jetzt troll’ Dich in Dein Nest; morgen heißt’s bei Zeiten auf’s

Rübenfeld!“ Das war der letzte Befehl, den die Herrin der Aufwärterin

gab.

Rübenfeld statt Weingarten! -- Felix merkte, daß er nicht daheim. War

es ihm aber im Weingarten jemals so gut geschehen als hier? Daheim zum

Trank nur Apfelmost, den Wein verkaufen die Leute zumeist in’s obere

Viertel. Im oberen Viertel wird er getrunken zum Braten. Zum Braten,

der gemacht wird aus den Erdäpfeln und Rüben, die man den Schweinen in

den Trog schüttet. Es kommt nicht darauf an, wie es der Boden giebt,

sondern wie es der Mensch nimmt. -- Das waren jetzt die Gedanken des

jungen Winzers.

„So, mein Freund,“ sagte nun die Bäuerin zum Burschen. „So, jetzt pack’

an, da Dein Messer und Gabel. Nur allerweil flink und frisch, das mag

ich leiden. Bist jetzt daheim. Aber so wirf doch Deine Joppe weg!“

Ist wahr, dachte sich Felix, wenn sie mir’s schon so gut meint, warum

soll ich’s nicht vorwärtsgehen lassen!

Den Braten aß er ohne Salat, für den Durst vermißte er den Obstmost.

Die Bäuerin, die an seiner Seite saß, schenkte ihm das Weinglas voll.

„Siehst Du,“ rief sie heiter, „ich selber trink’ aus Deinem Glas, wir

wollen recht gut Freund werden!“

~Werden?~ Dachte der Bursche doch, sie ~wären~ es schon; viel

dicker läßt sich’s nicht mehr auftragen. Sie machte einen langen Zug --

bewies es gründlich, daß ihr an seiner großen Freundschaft gelegen sei.

Des Weiteren -- sie war ja auch daheim -- lockerte sie die Kleider

in etwas und löste ihr Haar, das schön und reich war, und strich mit

zarter Hand seine Locken zurück.

„Ihr seid aber recht verschwenderische Leut’ im oberen Viertel,“

bemerkte Felix, „zwei Kerzen auf einmal brennen lassen -- grad’ wie

beim Altar.“

„Ist auch wahr,“ rief die Bäuerin und blies ein Licht aus.

Vielleicht war die Stube geheizt -- im oberen Viertel ist das niemals

sehr überflüssig -- dem Burschen wurde warm, er knöpfte seine Weste

auf, es macht nichts, er hat heute ja ein weißes Hemd am Leibe.

Die Bäuerin hatte in der Stube Einiges zu ordnen; ’s ist doch der

Brauch, daß zur Nacht die Fenstertücher vorgezogen sind. Sie strich am

Ofen, strich an der sittig verhüllten Bettstatt, strich an der Thür

vorüber. Mit dem Ellbogen schob sie unversehens den Riegel vor und

sagte: „Weißt, Felix, die heiligen drei Könige da mußt Du mir auch

einmal frisch aufzeichnen.“

„Ja,“ sagte der Junge, „wenn ich’s nur kann, wie es die Ländhoferin

haben will.“

Die Ländhoferin strich am Kasten hin und betastete ein erst kürzlich

in der Webstube fertig gewordenes Leinwandfach. „Nein,“ sagte sie

ärgerlich, „gar Schad’! nicht einmal webern können sie im oberen

Viertel! Da habt ~Ihr~ daheim eine andere Leinwand! Jetzt schau

einmal den Unterschied an!“ -- Sie betrachtete das Fach und wollte dann

auch den Brustlatz am Hemde des Burschen befühlen.

„Oha!“ lachte Felix abwehrend.

„Warum denn, Du närrischer Bub, wenn ich wissen will, was Du für eine

Leinwand trägst!“

Je nun, wenn sie’s wissen will, was ich für eine Leinwand trage...

warum soll sie’s nicht wissen?

„So trink’ was, Felix, Du nippest ja wie eine schwindsüchtige

Jungfrau!“ sie schenkte ihm aber das Glas schon zum drittenmal voll.

„Oho, Ländhoferin,“ sagte der junge Winzer, „zwischen mir und einer

Jungfrau ist ein Unterschied im Trinken.“

„Das möcht’ ich doch wissen, ob Du’s zuweg’ bringst und das Glas auf

einen Zug leerst!“

Dabei trat sie ihm neckisch auf die Schuhspitze. Er faßte frisch das

Glas und führte es zum Munde. -- In demselben Augenblicke klang unten

im Hofe ein Glöcklein.

„Was ist denn das?“ fragte Felix mit gehobenem Glase.

„Du Närrchen, wirst Dich doch vor dem Abendläuten nicht schrecken?“

„Ist das Abendläuten, so muß man beten,“ sagte der Bursche und stellte

das volle Glas auf den Tisch zurück.

„Geh’, Du langweiliger Klosterbruder!“ flüsterte das Weib und hastig

hob sie ihm den Becher zu.

„Nein,“ sagte Felix, „ich will das Mutterwort nicht gleich am ersten

Tage schon vergessen.“

Er stand auf, trat an ein Fenster, zog den Vorhang ein wenig beiseite,

sah in’s Freie hinaus und betete still.

Der Mond schien ihm in’s Gesicht.

Die Ländhoferin blickte hin und erschrak wirklich.

Vor Jahren, etliche Tage nach der Hochzeit hatte sie ihr Mann in die

Residenz geführt. Sie hatten Alles besucht, was ihnen als merkwürdig

bezeichnet worden war. Die Bäuerin erinnerte sich besonders noch an

jenen hüllenlosen Jüngling aus schneeweißem Stein gehauen -- eine

einzig schöne Gestalt. Man hatte ihr gesagt, es sei das Bild von Gott

Apollo. Sie hatte danach viele Nächte lang von diesem Bilde geträumt.

Und nun, da sie gegen das mondhelle Fenster hinblickte, wo der Jüngling

stand, sah sie dasselbe blasse, einzig schöne Antlitz.

Wie ein kühler Lufthauch wehte es plötzlich durch die Stube. Die

Bäuerin erhob sich langsam vom Sofa, stand still und sann.

Er will das Mutterwort nicht gleich am ersten Tage brechen! -- Recht

schön. -- Es kommen der Tage noch mehrere. -- Auch giebt es Leute,

denen der erjagte Hase besser schmeckt, als der geschenkte. -- Wollen

es danach einrichten .....

„Na, Junge!“ rief die Bäuerin in entschiedenem Tone, „ich denk’, ’s ist

Schlafenszeit!“

Da kehrte sich der junge Unterviertler um und sagte: „Mir ist’s recht,

Bäuerin. Und morgen -- was hab’ ich denn zu thun?“

„Der Altknecht wird Dich weisen,“ beschied sie kurz.

Hierauf brannte sie die zweite Kerze wieder an und öffnete eine

Seitenthür. Diese führte in eine Stube, die fast so schön und bequem

eingerichtet war und auch ein so hochgeschichtetes Bett enthielt als

das Zimmer der Bäuerin.

„Die heutige Nacht schlafst im Zimmer von meinem seligen Mann,“ sagte

sie, „in der Knechtestube ist noch kein Bett gerichtet.“

„Ja, gute Nacht, Bäuerin,“ sagte Felix und trat in sein Gemach.

Sie blickte ihn noch einmal an. „Und gieb Acht, was Dir die erste Nacht

träumt -- ’s ist bedeutsam. Gute Nacht, Froschreiter.“

Sie zog die Thüre zu, er war allein in der Stube.

Eine Weile stand er völlig unbeweglich da und starrte d’rein. „Ist

seltsam, das!“

Es ist nicht sein Dachkämmerlein im Winzerhause. Das ist die Wohnung

des Großbauers auf dem weit berühmten Hof, genannt die grüne Länd. Wie

oft hatte Felix davon gehört. Im Ländhof dienen, das war eine Ehr’. Im

Ländhof werden die Thaler nach Scheffeln gezählt! ging der Spruch.

Vor einem Ländhofer wird sogar der Amtmann höflich. Einen Rinderschlag

giebt’s im Land: mattbraun, mit kurzen Hörnern und gar feinfleischig --

er wird die Ländhofer-Race geheißen. Der Schullehrer in Zollau hat eine

Landkarte, darauf ist auch die grüne Länd verzeichnet.

Und nun, der Felix, der arme Winzerssohn -- er stand mitten in der

Herrnstube des Ländhofes, er sollte im Bette des Großbauers schlafen

und im Hofe verbleiben und --

-- Und --?

Und sie wollt’ ihm über das Soldatenleben hinaushelfen. Und anstatt

ein gemeiner Soldat der Ländhofer sein.... Sapperlot! -- Na, für heut’

legen wir uns schlafen.

Flink warf er seine Kleider von sich, löschte das Licht aus und sprang

in das Bett. Schier einen Hilferuf ließ er fahren, denn er meinte, er

versinke auf der Stelle in den hochgeblähten Polstern.

Ein stiller Gang in kühler Nacht

Hat Manchen schon um’s Herz gebracht.

Ein feines Bett ist nicht immer ein gutes Bett. Daheim im Winzerhause

legte sich Felix auf’s Maisstroh und schlief. Hier nach diesem

vielbewegten Tage sank er in die Federn und wachte; wälzte sich hin,

wälzte sich her, zog die weiche Decke über die Achseln, warf sie wieder

zurück -- und wachte.

Wohl wahr, das sanfte Ruhekissen eines guten Gewissens lag ihm unter

dem Haupte -- aber wenn allerlei Gedanken tanzen im Kopf -- Gedanken

von Macht, von Reichthum -- so ist’s mit dem Schlafe vorbei. Der

Gedanke daran allein schon kann das Glück eines süßen Schlummers

zerstören.

Zum Ueberflusse fing auch das Herz zu sprechen an; doch hatte es

keinen anderen Wunsch als den: wäre ich lieber daheim! -- Wie es

nur so öde sein kann in einem so großen Hof! -- Sonst hörte er vom

Schlafkämmerlein aus das leise Rauschen der Seim, das Schnarchen des

Vaters und dann wieder das Wimmern der kleinen Geschwister. Hier Alles

so still -- auch die Stockuhr rastet, wer weiß, wie lange schon. Und

nur die Begierden und hochmüthigen Wünsche sollen ruhlos sein in diesem

Hause?

Fast unheimlich wurde dem Burschen. Er richtete sich im Bette auf und

sah nichts als die mondhellen Fenster, und hörte nichts als das Pochen

in seinen Schläfen. Endlich stand er auf, ging an’s Fenster und blickte

hinaus in den Baumgarten, auf dessen Büschen der Reif des Mondlichtes

lag. Dann schlich er in der Stube umher und suchte ein Wassergefäß;

ihn dürstete. Doch fand er keinen Krug, keine Lobe. In einem Hause mit

solchem Ueberfluß vergessen sie auf das liebe Wasser nicht bedenkend,

daß Alles, was der Wein entzündet, nur das Wasser wieder löschen kann.

Was blieb ihm übrig, als in den Hof hinabzugehen, wo er bei seiner

Ankunft den sprudelnden Brunnen sah. Leise -- mit großer Vorsicht,

daß er die in der nachbarlichen Stube ruhende Bäuerin nicht wecke --

kleidete er sich an. Als er nun aber das Zimmer verlassen wollte, fand

er die Thür, die in den Vorgang zu führen schien, fest verschlossen.

Er versuchte den Eisenriegel mit der freien Hand zurückzuschieben --

nicht möglich, das starre Federschloß hatte einen Blechmantel über.

Felix machte vor Ueberraschung einen gedämpften Pfiff, dann murmelte

er: „Jetzt hat sie mich eingesperrt.“

Er suchte lange nach einem Schlüssel und fand keinen. Rathlos stand er

da. Der Durst wäre schließlich noch zu verwinden, aber eingesperrt

will er nicht sein. -- Was hat sie ihn einzusperren!

Die Fenster sind groß genug, um durch dieselben hinauszusteigen, haben

aber Gitter. Es ist ja begreiflich, daß sich der Ländhof gegen außen

hin absperrt, doch, die redlichen Bewohner einschließen? Das ist keine

Mode. -- Traut man ihm nicht, dem Unterviertler? Oder will man ihm

zeigen, daß er unter Herrschaft ist? Seine Herrschaft ist der Kaiser.

Dem Burschen kam der Trotz. „Weiß noch einen andern Weg in’s Freie,“

sagte er zu sich, „und ehvor ich mich gefangen halten laß’ wie ein

erhaschter Vogel --! Wenn nur nicht etwa auch ~diese~ Thür --“

Er legte die Hand an die Klinke der Thür, durch die er gekommen war.

Sie gab nach -- Felix stand im Schlafgemache der Ländhoferin. -- Der

Mond schien auf die weißen Linnen ihres Bettes. Sie ruhte in einer

anmuthigen Stellung. Nur einen kurzen, aber seltsamen Blick warf Felix

auf sie hin, um dann auf Zehenspitzen der gegenüberliegenden Thüre

zuzueilen. Diese öffnete er mit leichter Müh’ und schlüpfte in den

finsteren Vorgang.

Es dauerte lange, bis er sich über die Stiege hinabgriff. Das Hausthor

war ungesperrt.

Vor dem Brunnen kniete er hin und trank. Die Nacht war so schön und

mild. Er schritt weiter hinaus zwischen den Stallungen, hörte hier

ein Rind blöken, dort eine Ziege meckern, oder ein Pferd wiehern,

oder einen alten noch wachen Knecht poltern. Vielleicht schritt der

gute Junge auch an Geheimnissen vorüber. Ein solcher Hof ist reich an

nächtlichen Thaten und Begebenheiten; denn nur die Nacht gehört dem

Gesinde für sein eigen Leben, am Tage muß es dienen. In der Nacht hat

manche Magd die Pfaid ihres Freundes auszubessern; in der Nacht muß der

Knecht die schadhaften Schuhe seiner Liebsten besohlen; denn das Nähen

versteht ~sie~ und das Schuhflicken ~er~, und so ist auch im

Bauernhofe die Theilung der Arbeit eingeführt.

Auf die grüne Länd schien derselbe Mond, wie daheim über die Weinberge

-- so ging Felix zur stillen nächtlichen Weile ein wenig spazieren.

Er wendete um den Hof und ging am Ufer der Seim entlang. Der Fluß

war auch hier nicht viel kleiner als im unteren Viertel. -- Diese

Wellen, in welchen der Mond schimmert, wann können sie am Winzerhause

vorbeifließen? Ja, bishin wird die Sonne schon hoch am Himmel sein und

da steht vielleicht der kleine Anton am Ufer und wirft Steinchen in das

Wasser. „Warum gehen keine Schiffe auf dir, du liebe Seim?“

Auf dem Rückweg schritt Felix durch den Baumgarten. Manch’ schwarzen

Balken, wie sie auf dem thaunassen Boden umherlagen, überstieg er mit

vorsichtigem Fuße, und lachte sich selbst aus, wenn es schließlich

kein Balken war, sondern blos der Schatten eines Baumstammes. Ueber

den Laden der Kugelbahn, den er für einen Schatten gehalten hatte,

stolperte er. Eine Kugelbahn und daneben in der Rinne die Kugel! besser

könnte sich doch gar nichts schicken, um die Grillen zu vertreiben.

„Wenn’s auch Nacht ist, probiren wir’s einmal! Stehen Kegel auf dem

Kreuz, so werden sie wohl fallen.“

Mit frischem Knabenmuth hob er die Kugel, wog sie in der Hand, schupfte

sie kunstgerecht mehrmals aus der Lage, um sie sicher zu fassen,

stellte sich an, schwang etlichemale den Arm -- auf dem schmalen Laden

glatt und scharf rollte die Kugel hinaus, und in der Laube stürzten

klingend die Kegel.

In demselben Augenblicke huschte eine Gestalt aus der Kegellaube und

wollte abseits eilen.

„Oho!“ rief Felix munter, „hat sich ein Schelm versteckt gehalten?“ Er

verfolgte das Wesen und erjagte es.

„Laß’ mich weg!“ hauchte die Gestalt und brach in Schluchzen aus.

Er sah ihr in’s Angesicht; jenes blasse Mädchen war’s, das bei der

Heimkehr der Bäuerin das treuherzige: „Grüß Gott, Mutter!“ gerufen

hatte.

„Du Närrle, Du, was ist Dir denn geschehen?“ fragte der Bursche

theilnehmend. Sie weinte noch mehr, und ihr Bestreben, aus seinem Arm

zu entkommen, war fruchtlos.

„Jetzt will ich’s just wissen!“ fuhr er fort, „und jetzt komm’ und

setze Dich da mit mir in die Laube. -- Siehst Du, alle Acht’ hab’ ich

getroffen -- nur Einer steht noch. Und jetzt mußt Du mir’s redlich

erzählen, was Dir geschehen ist.“

„’leicht hast es selber gesehen,“ antwortete sie leise, „gelt, Du bist

ja der junge Unterviertler, den die Mutter mitgebracht hat?“

„Auf’s Haar derselbe.“

„Und gerade Deinetweg -- daß sie es so vor einem fremden Menschen

gesagt -- hat mir’s noch zu allermeist weh gethan.“

„Ich bin kein fremder Mensch, Dirndl, ich gehör’ jetzt auch zum

Ländhof. Felix heiß’ ich, und wie heißest denn Du?“

„Seit mein Vater todt ist,“ entgegnete das Mädchen, „hat mich kein

Mensch noch so gutherzig gefragt, was mir weh thut, als Du. Und weil Du

die grobe Red’ von der Mutter schon gehört hast, und Du Dich doch noch

nach mir umschaust, so vertraue ich Dir. -- Ich heiße Constanze und bin

das Kind vom Hause.“

„Von diesem Hause da! vom Ländhof?“

„Das einzige Kind.“

„Und die Bäuerin, die ist gewiß Deine Stiefmutter, Constanze?“

„Als meine Mutter gestorben ist,“ sagte das Mädchen, „bin ich sechs,

und als mein Vater die Unterviertlerin geheiratet hat, bin ich sieben

Jahr’ alt gewesen.“

„I, dann freilich,“ versetzte der Bursche, „eine Stiefmutter ist des

Teufels Unterfutter.“

„Das darfst nicht sagen,“ verwies sie, „die Mutter hat auch ihr Gutes.

Ich könnte sie gewiß recht lieb haben -- ich mag keinem Menschen böse

sein -- aber sie peinigt mich.“

Die letzten Worte wollten fast ersticken. „Und jetzt,“ fuhr sie unter

Schluchzen mühsam fort zu sprechen, „jetzt, da ich vom Krankenbett

aufgestanden bin, wird es ’leicht noch ärger.“

„Bist krank gewesen, Constanze?“ fragte der Bursche in gar mildem Tone

und legte seine Hand auf ihre Achsel.

„Es hat mich wer in den Keller eingesperrt,“ sagte das Mädchen,

„sie hat mich hinausgeschickt in’s Kellerhaus, daß ich von den

Sauerkrautkübeln das Wasser abschöpfe. Wie ich damit fertig bin und

davon will, ist die Thür im Schloß. -- Wenn Du einmal in den Keller

gehst, so wirst es sehen, selber kann die Thür nicht zufallen. --

Gerufen hab’ ich, bis mir die Stimm’ ist gebrochen. Kein Mensch hat

mich gehört; das Kellerhaus steht ja oben beim Schachen. Die ganze

Nacht bin ich im Gefängniß gewesen, erst am Morgen haben sie mich

erlöst. Die Mutter ist am selben Tag nach Breitenschlag gefahren;

die Leut’ haben gemeint, ich wär’ mit ihr. Ganz zufällig haben sie

mich gefunden. Ja, und da habe ich mich so verkältet, daß ich in eine

Krankheit gefallen bin.“

„Jetzt, wer hat Dich denn eingesperrt?“ rief der Winzer.

„Ja, dasselb’ wollt’ ich --“ sie unterbrach sich und flüsterte: „ich

kann gar nichts sagen.“

„Du!“ sagte Felix, „vielleicht ergründ’ ich’s, wer im Ländhofe die

Leut’ einsperrt. -- Und jetzt, Constanze, bist wohl wieder brav gesund?“

„Wie vor etlichen Tagen die Mutter in’s Weinland gefahren ist,“

erzählte das Mädchen, „da bin ich noch im Bette gelegen, arg krank.

Ist darauf aber schleunig besser geworden; und jetzt, wie die Mutter

heimkommt -- denk’ ich mir -- da will ich ihr eine Freud’ machen, und

daß sie gleich sieht, ich bin schon wohlauf, laufe ich ihr entgegen. --

Wie groß ihre Freude über mein Gesundwerden gewesen ist, hast Du selber

gesehen.“

„Thät man ihr’s ansehen?“ entgegnete Felix nach einem Weilchen, „gewiß

nicht. -- So möcht’ ich doch wissen, Constanze, was hat sie denn gegen

Dich?“

Das Mädchen neigte traurig das Haupt.

„Und von Dir ist’s auch nicht recht,“ sagte der Bursche, „daß Du,

kaum erst aus dem Krankenbett, jetzt in der kühlen Nacht da auf der

Kugelbahn hockest!“

Felix selber war überrascht, daß er jetzt so gescheidt gesprochen

hatte. Sein Vater und seine Mutter zusammen konnten kaum vernünftiger

reden, als er es heute vor diesem Mädchen that. Und dabei fühlte er

sich so gesetzt und bereit zum Beistand, er hatte selbst nicht gewußt,

daß er so sein konnte.

„Das ist freilich wahr,“ entgegnete Constanze auf obigen Vorwurf, „aber

ich hab’ mir nicht zu helfen gewußt, ’s ist mir so um’s Weinen gewesen,

und da habe ich mich aus der Mägdekammer davon gemacht. In der Kammer

spotten sie mich aus, wenn ich traurig bin. Sie haben es besser als

ich; sie können davon gehen, wenn das Jahr aus ist, ich muß bleiben.“

„Ruck nur recht glatt an mich, daß Dir nicht kalt wird,“ sagte der

Bursche. -- „Aber die Bäuerin! So möcht’ ich doch wissen, was sie gegen

Dich hat.“ -- Völlig aufbrauste er.

Constanze schwieg. Sie hätte gern gesprochen, ihr ganzes schweres Herz

ausgesprochen vor diesem guten Menschen. Aber die Klugheit gebot ihr

Zurückhaltung; bislang wußte sie doch nicht, wer er eigentlich war und

in welchem Verhältnisse er zur Bäuerin stand.

„Jetzt muß ich wohl in’s Haus,“ flüsterte sie und machte sich

allmählich los von seinen Armen, die sie -- sie wußte nicht wie --

umgarnt hatten.

Felix hatte nicht mehr Lust weiterzukegeln. Er ging mit dem Mädchen bis

zum Hause. Am Thore, wo sie sich trennten, gab er ihr das Wort: „Wenn

ich eine Zeit lang im Ländhof verbleibe, Constanze, an mir sollst einen

guten Freund haben.“

Dann schlich er die Stiege hinan, den Vorgang entlang, drückte alle

möglichen Thürklinken nieder, bis endlich eine nachgab.

Unabwendbar durch das Gemach der Bäuerin ging sein Weg; behend huschte

er an aller Anmuth vorbei und in seine Stube.

Er mußte sich gestehen, die Ländhoferin war ihm nun nicht mehr ganz

gleichgiltig.

Bald schnarchte er in seinen Federn -- und sie?

Sie seufzte im Traume.

Du sitzest auf weichem Loden,

Der Hof ist Dir bereit;

Du springst auf harten Boden,

O Junge, Du bist nicht gescheidt.

Am nächsten Morgen sprach die Bäuerin zum Altknecht: „Jetzt will ich

Dir eins sagen, wenn ich Dir nicht zwei sag’.“

„Ja,“ antwortete der Knecht.

„Der Bub’, den ich vom Unterviertel mitgebracht hab’, ist ein

Geschwisterkind von mir. Der wird dableiben, und wenn er sich heut’ die

Wirthschaft ansehen will, so geh’ ihm zu Handen. -- Jetzt weißt es, und

jetzt rühr’ Dich wieder vom Fleck, Du alter Scherben.“

Der Knecht aber blieb vor ihr noch stehen, pfusterte mit der Nase und

sagte dann mit ganz gutmüthiger Stimme die Worte:

„Bäuerin, zu Neujahr hab’ ich gesagt, wenn ich mir die Grobheiten

gefallen lassen muß, die seit des Bauers Tod im Hof herumfliegen wie

die Gelsen, so verlang’ ich um zehn Gulden mehr Jahrlohn. Heut’ sag’

ich, um zehn Gulden thu’ ich’s nicht und die Bäuerin soll sich für

nächst Jahr um einen andern Altknecht schauen.“

Dann ging er langsam davon und war schier um ein paar Zoll länger als

sonst.

Die Ländhoferin war nicht einmal erbost. Sie dachte an einen jungen

Altknecht.

Felix ging am selben Tag zu seiner eigenen Ueberraschung auf der grünen

Länd’ um, wie der Gutsherr selber. Die Arbeiter grüßten ihn höflich,

munkelten aber allerlei Ungereimtes, sobald er wieder davon war.

Er ging in den Wald, sah dem Baumfällen, Brennholzbereiten und

Streusammeln zu. Er ging auf die Wiesen, wo Herbstmahd war; er ging

auf die Felder, in die Gärten, wo die Spätfrüchte eingethan wurden. Er

ließ sich über den Fluß führen, um die jenseitigen Flachsarbeiten zu

sehen. Dort wurde der auf freier Au gebleichte Flachs gehoben und in

Büschel zusammengebunden.

Felix verstand von Allem nichts -- er verstand nur, wie man die Reben

zieht und die Trauben preßt. Eine Magd aber war doch so dienstbar,

ihn zu fragen: „Bauer, wird der Haar (Flachs) auch heuer wieder mit

Strohbändern gebunden?“

„Ja freilich,“ gab der Winzerssohn zur Antwort; er sah nicht ein, warum

gerade heuer die Regel unterbrochen werden sollte.

Das Mißliche war, daß -- wenn man ihn so hoch hielt -- er den

Würdevollen spielen mußte und nicht in seiner kecken, lustigen Weise

jauchzen und singen durfte. Er ließ es gar so hart. Die Lustigkeit

steckte in seinem Blute, wie der Geist im Weine. Aber wenn es schon ist

oder werden wird, wie es aussieht, so --

Kurz, der Ländhofer muß ein gesetzter, ernsthafter Mann sein. Beim

hellen Tag sah ja Alles anders aus, als in der Nacht -- wer wollt’

nicht Großbauer sein!

Als Felix von seinen Besichtigungsgängen in den Hof zurückkehrte,

harrte seiner der Schneider. Für den jungen Mann ein neuer Anzug war

bestellt. Die Bäuerin stand dabei und leitete das Beginnen, als der

Meister das Maß nahm. Das Maß um den Oberkörper des Burschen, die

Breite der Brust, der Achseln, die Länge der Arme; dann die Weite der

Hüfte, die Höhe vom Stiefelabsatz bis zur ersten Rippe und die Höhe der

Schenkel.

„Ist mir nicht bald Einer vorgekommen, so bildsauber gewachsen, als der

da!“ murmelte der Schneider in den Maßfaden hinein, den er zwischen

die Zähne genommen hatte. Die schönheitssinnige Ländhoferin nicht

minder freute sich der Wohlgestalt.

Am Nachmittage nahm die Bäuerin den jungen Günstling in die

Vorrathskammer mit. Korn und Obst, Gemüse und Fleisch, Speck und Fett

in unerhörter Fülle. Der Sohn des armen Winzers that den Mund auf --

aber nicht vor Hunger heute, sondern vor Staunen. Die Bäuerin hielt

ihn fest am Arm und zerrte ihn weiter und jener Kammer zu, wo riesige

Ballen von Flachs und Leinwand, Wolle und Lodentuch aufgeschichtet

waren.

„Da such’ Dir einmal Eins aus,“ sagte die Ländhoferin, „’s ist lauter

Winterstoff; ich denk’, Du nimmst dunkelgrau, das wird mit grün fein

ausgeschlagen und steht gut! -- Ei, setzen wir uns ein wenig nieder, da

können wir’s bequemer überlegen.“

Sie setzten sich auf ein braunes Lodenbündel.

„Nun,“ fragte sie hierauf lächelnd, „Felix, was sagst Du zum Ländhof?“

„Da kann man gar nichts sagen, als: den möcht’ ich haben,“ versetzte

der Bursche.

Die Bäuerin wartete eine Weile auf ein weiteres Wort, aber Felix

befühlte das grobe Schafwollentuch, wie dick es sei und wie weich und

dachte: Das wär’ mir schon recht für den Winter.

„Mit dem Ländhofe wärst zufrieden?“ fragte die Bäuerin lauernd.

„Wollt schier mit ihm zufrieden sein.“

„Und -- die Ländhoferin, meinst, wär’ nicht vonnöthen?“

„Gehört freilich auch dazu,“ versetzte der Bursche und zupfte am

Lodentuch.

Dann schwiegen sie Beide -- schwiegen so lange, daß sich ein Mäuschen

versucht fand, aus seinem Versteck zu lugen. Hastig schreckte das

Thierchen zurück, denn es hatte plötzlich die glühenden Augen des

Weibes gesehen.

„Felix,“ sagte nun die Ländhoferin unter einem seltsam schweren Athem,

„Felix -- ~Felix~, weißt Du, daß ich Dich unbändig gern hab’?“

Der Unterviertler sah sie an mit großem, klarem Auge. Ohne ein Lächeln

und ohne ein Erröthen sah er ihr in’s Antlitz und -- schwieg.

Da haschte sie nach seinen Händen, zog dieselben hastig an sich:

„Herzensbub! Du bist mir angethan, und bei meiner Seel’, ich mach’ Dich

zum Ländhofer! Du ~lieber~ Bub, Du Herzensbub!“

Beide Arme schlang sie um seinen Nacken, mit heißer Leidenschaft küßte

sie seine Stirne, seine Locken, seine Augen, seinen Mund.

Er ließ es geschehen, bis sie vor Liebkosung wie erschöpft war. Dann

zog er sein rothes Sacktuch hervor und wischte sich damit das Angesicht

ab. Sie meinte, es wäre ihm so heiß.

Wieder ein Weilchen verstrich.

„So rede auch Du was!“ rief plötzlich die Bäuerin fast zu laut, „Du

sitzest da wie ein hölzerner Heiliger, gerade, daß Du noch keinen

Schein hast. Weißt nicht, daß ich Dich um was gefragt hab’?“

„Gefragt hat mich die Bäuerin um was?“ entgegnete verwundert der junge

Unterviertler.

„Magst denn nicht der Ländhofer sein?“

„Wohl, wohl,“ sagte er, „wenn’s Euer Ernst ist, Bäuerin.“

„So sag’ doch Du zu mir, Du langweiliger Mensch. Und muß ich Dich denn

geradeaus ~fragen~, Felix: ~magst mich~?“

„Ei -- wohl, wohl, Bäuerin,“ entgegnete der Bursche zerstreut, „aber

schau doch, wie sie sich plagen muß.“

Er blickte durch das nahe Fenster hinab in den Hof, wo Constanze bei

einem Obstwagen bemüht war, einen vollen Aepfelsack abzuladen. Die

Kraftanstrengung des Mädchens schien vergeblich. Da sprang Felix vom

Lodenballen auf, schrie: „Wart’, ich helf’ Dir!“ schwang sich zum

Fenster hinaus und sprang auf die Erde hinab. Mit einem kräftigen Ruck

warf er den Sack auf seine Schulter: „Wohin damit?“

Constanze ging voraus auf die Obstschütte; Felix folgte ihr mit den

Aepfeln.

Und die Bäuerin in der dunklen Kammer schleuderte wüthend die Wollen-

und Leinwandbündel durcheinander.

Und dem Mäuschen war beklommen in seinem Neste.

Herrschaft -- Knechtschaft.

Mit in die Seiten gespreizten Armen stand die Ländhoferin vor

Constanze: „Dirn’, es ist aus der Weis mit Dir, Du gehst vom Hof!“

„Warum soll ich denn vom Hof gehen, Mutter?“ sagte das Mädchen, die

Bäuerin traurig anblickend.

„Weißt Dich nicht schuldig? Natürlich nicht,“ höhnte die Herrin, „bist

allerweil die brave, fromme, folgsame Dirn’, Du -- Schau, wie Du Dich

verstellen kannst, Du Schlange! Heimtückisch bist! Stiftest die Leut’

auf! Der Altknecht geht! Weißt es schon, daß er geht? Deinetweg’ geht

er! Den Anderen ist die Kost zu schlecht. Bist ’leicht Du die Erst’,

die ihnen in die Ohren pfeift, früherer Zeit wär’ sie besser gewesen?

Beim Tisch flink und bei der Arbeit faul, das ist Dein Gaul! Und

andere Leut’ ziehst damit von ihren Geschäften und Pflichten weg!“

„Ich, Mutter?“ wagte Constanze einzuwenden.

„Wer ~denn~ staßt (stolzirt) leer voraus, wie eine Prinzessin

und läßt sich die etlichen Aepfel nach in den Schüttboden tragen? --

Und nachher ~noch~ ein Wörtel, meine Gnädige!“ Die Bäuerin that

einen Schritt vor und stemmte die Arme noch fester in die Seiten: „Wer

stiehlt sich denn des Nachts aus dem Hause und läßt den Dieben das

Thor offen und streicht in den Büschen um und macht Zusammverlaß mit

lüderlichen Lottern --?“

„Mutter!“ schrie Constanze auf.

„Leugnen willst!“ rief die Bäuerin, „bist gesehen worden, Du Saubere,

mit dem Liebsten in der Kugelbahnlauben. Möcht’ ich ihn gern kennen,

den Lumpen!“

Der Felix, der zufällig des Weges gekommen -- es war in dem Hausflur

-- und ein wenig abseits stehen geblieben war, um nicht durch sein

Erscheinen die Verlegenheit des Mädchens noch zu steigern, trat jetzt,

da der „Lump“ aufmarschirt kam, vor und sagte: „Bäuerin, da red’ ich

auch was mit.“

„Du!? -- weißt was? Geht Dir heut’ einmal der Mund auf?“

„Auf der Kugelbahn -- Unrechtes ist nichts geschehen.“

„Wer kann’s denn sagen, bist etwa dabeigestanden, Felix?“

„Freilich, Bäuerin,“ lachte der Bursche, „ich bin ja der Lump selber

gewesen! -- Na, Bäuerin, meinetweg’ macht’s nichts. Mag nur über die

Constanze nichts aufkommen lassen.“

„Was kümmert denn Dich die Dirn’?“ fuhr ihn die Ländhoferin an, „Du sei

still! -- und die Dirn’ geht!“

Constanze schlich weinend davon. Felix ging seiner Wege. Er ging dem

Schachen zu und sang ein Vierzeiliges:

„Schatzerl klein,

Mußt nit traurig sein,

Eh’ das Jahr vergeht

Bist Du mein.

Eh’ das Jahr vergeht

Grünt der Rosmarin,

Sagt der Pfarrer laut:

Nehmt’s Euch hin.

Grünt der Rosmarin,

Grünt der Myrtenstrauß,

Und der Nagerlstock

Blüht im Haus.“

Und bald darauf folgendes:

„Ich hab’ a liab Dirndl,

Just reich is ’s nit;

Was brauch’ ih a Reiche?

’s Geld hals’ ih nit.

’s Geld hals’ ih nit

’is mir all’s z’kalt;

Will ih Eine, nimm

Die mir g’fallt!“

Und lebendig, alllebendig war’s in ihm. Es war ihm heiß -- und doch war

der Sommer schon vorbei; es war ihm kalt -- und doch der Winter noch

nicht da. Wo kommt das Fieber her?

Jetzt wußte er’s gewiß, der Unterviertler, die Ländhoferin war ihm

nicht gleichgiltig. Sein Puls ging rascher, wenn er an sie dachte. Er

haßte sie. -- Und sie will ihn in die Schürze fangen wie einen jungen

Gimpel, der aus dem Nest gefallen ist?

„Oho, vornehme Ländhofbäuerin,“ trillerte er vor sich hin, „so gut

soll’s Dir nicht gehen -- Dir schon lange nicht. Du hast einen großen

Hof, aber ich bin dafür nicht feil. Deinen Hof, den mag ich nicht --

mag ihn nicht. Und bei Dir bleib’ ich nicht. Mit der Constanz’ geh’ ich

weg und die laß’ ich nicht.“

Der Schneidermeister trippelte des Weges: „Je, schönen Tag, Bauer,

morgen bring’ ich Hosen und Rock.“

„Brauch’ sie nicht!“ sagte Felix trotzig und schritt weiter und pfiff

und sang und brummte, und lachte laut mit sich selber.

Das Lachen verging ihm bald.

Vom Walde heran schleppten zwei Landwächter einen gefesselten

Bauernburschen. Dieser wehrte sich nach allen Kräften, stemmte sich,

stieß und biß -- und er war schon über und über blutig geschlagen.

„Na, mit Verlaub schön, der hat sicher wen umgebracht?“ fragte Felix

einen am Feldraine stehenden Knecht.

„Bei Leib’ nicht,“ antwortete dieser, „umbringen thut der Keinen, das

weiß ich. Ich kenn’ ihn. Ein Soldatenflüchtling ist es, hat Vater und

Mutter daheim und ’leicht auch sein Mädel nicht vergessen mögen; ist

dem Regiment durchgegangen. Nun, jetzt haben ihn die Sakra wieder in

den Krallen. Ist verteufelt, so was! Dem geht’s nicht gut, der muß

gassenlaufen. Wird geschlagen wie ein Hund. Dem hängt übermorgen das

Fleisch vom Rücken. -- Ist verteufelt, so was!“

Kein Wörtel sagte Felix. Er blickte noch lange der widerlichen Gruppe

nach, dann schritt er weiter und hatte schwere Gedanken.

Winzerssohn, so wie diesem kann’s dir auch ergehen. Bleibst mit der

Bäuerin nicht gut Freund, so bist auf’s Jahr um diese Zeit beim

Soldatenleben, bist im fremden Land, mußt dich mißhandeln lassen von

harten Menschen. Sollt’ ein Ehrendienst sein, der Soldatendienst;

wolltest dich davor ja nicht fürchten. Das liebe Heimatsland muß seine

Wächter haben -- aber ’s ist ein Hundedienst. -- Und Vater und Mutter

daheim! Und thät dir gar der Gedanke an’s arme verlassene Mägdlein

kommen! -- Felix, so wie diesem kann’s Dir auch gehen.

„Meinetweg geht’s wie’s will!“ rief der Bursche laut, „die Ländhoferin

mag ich nicht.“

Mag ich nicht! stimmte der Wald bei. Und zum Trotze einen hellen

Juchschrei stieß Felix aus. Der Juchschrei gellte hin über die grüne

Länd, hin über die blinkenden Dächer des Hofes und über die Seim.

Wie wollt’ ich gern ein Lied Euch singen

Von holder Minne süßen Dingen.

Hinter dem Hofe, wo die weißen Steine lagen und die weißen Birken

standen, war die Schaftränke. Constanze saß auf dem Kopf des

Wassertroges und sprach in menschlichen Worten zu den Lämmern.

Nicht in allen Fällen ist es Einfalt, wenn der Mensch menschlich mit

den Thieren redet. Dichter thun es in ihrer Art, und man nennt sie

deswegen gerade nicht einfältig. Jäger unterhalten sich mit ihren

Hunden; alte, oft sehr geistreiche Jungfrauen mit ihren Katzen. --

Ah, hast angebissen, Kerlchen! ruft selbst der Angler der gefangenen

Forelle zu, und er muß es doch wissen, daß sie stocktaub ist.

Um wie viel erklärlicher ist es, wenn ein armes, einsames Menschenkind

seine Zuflucht nimmt zu irgend einem Wesen, das ihm nie etwas Böses

zugefügt hat, das es -- wenn auch durch kein Menschenauge -- treuherzig

anblickt zu jeder Stunde -- recht ergeben und recht vertrauend! Was

Wunder, wenn das von seinem Geschlechte verlassene Menschenkind, das

mittheilsame, sein volles Herz aufthut und sich ausspricht, ausweint

vor dem guten Thiere, das so theilnehmend, so verständnißvoll zuzuhören

scheint und gerade dadurch richtig das zu geben im Stande ist, was der

Mensch sucht: Erleichterung und Trost.

Und wie viele Lebenslagen giebt es nicht, in welchen das vernunftarme

Thier uns gerade so wesentlich zu trösten weiß, als der vernunftstolze

Mensch! Und wenn man keinen Freund zu haben glaubt unter dem

„gottbegnadeten Geschlechte“ -- dann wendet man sich nicht allzu selten

an den treuen Hund, an die geschmeidige Katze, an das gute Schaf.

Constanze saß am Troge, hielt ein fünf Wochen altes schwarzes Lämmchen

auf dem Schoße und sagte zu diesem: „Heut’ und morgen kann ich dich

noch lieb haben -- heut’ und morgen noch.“ Sie küßte das Thier auf das

Schnäuzchen. „Uebermorgen geh’ ich davon. -- Es schmerzt mich hart,

daß ich vom Heimatshaus muß fort. Aber denk’ dir selber, was hilft

mir das Heimatshaus, wenn keine Mutter und kein Vater darin ist, und

kein Bruder und keine Schwester. -- Die Obermagd giebt mir den Rath,

ich sollt’ streiten um meine Sach’. Das mag ich nicht. Ehvor ich

streit’, eh’ lass’ ich Alles. Gut und Geld macht nicht glücklich. Wie

geht’s mit dir? Du hast keinen Groschen und wirst dein Lebtag keinen

kriegen; Du hast kein eigen Dach, und wächst dir eine Wolle, wirst es

sehen, so scheeren sie dir die Leute ab. Und schau, ich hab’ noch

Keines so lustig und froh herumhüpfen gesehen auf der grünen Länd,

als gerade dich. Das will ich mir fort bedenken und so wie du recht

zufrieden sein. Das Wünschen hab’ ich schon lang’ verlernt auf dem

Ländhof und bin froh, wenn mich die Leut’ nicht spotten und schmähen.

-- Dich möcht’ ich wohl gern’ mitnehmen, mein feines, gutes Lämmchen.“

Wieder küßte sie das traute Thier, und dieses leckte ihre zarten,

rosig angehauchten Lippen. -- „Dich, Lämmlein, und den jungen Buben

auch; der ist gar lieb mit mir und kennt mich doch erst seit ein paar

Tagen. Ja du, den hab’ ich gern -- wollt’ ihn halsen wie dich.“ Und

zärtlich schmiegte sie den Kopf des Lämmchens an ihre erglühenden

Wangen und herzte und küßte es mit solcher Hast, daß ihr die Locken

über die Stirne glitten und sie den Mann nicht sah, der ganz nahe am

Brunnentroge stand.

Schon drei- oder viermal während der wenigen Tage auf der grünen

Länd ist unser Felix ganz verdächtig genau zu rechter Zeit am Platz

gestanden. Es könnte das uns, seine Freunde, gewissermaßen in

Verlegenheit setzen. Aber die Bäuerin hatte dem Burschen doch förmlich

aufgetragen, er solle fleißig Umschau halten in allen Weiten und

Winkeln des Hofes und unter den Leuten, daß er die Dinge und Zustände

baldigst kennen lerne. Und so war Felix denn auch hinter dem Hofe,

wo die weißen Steine lagen und die weißen Birken standen und wo das

Mädchen am Troge das schwarze Lämmchen koste.

Er hatte die letzten Worte vom „jungen Buben“ gehört. Nicht weiter

überlegte er -- über ihre Achsel neigte er sachte sein Lockenhaupt vor,

und Constanze schmiegte und koste und herzte -- und jählings, aber zu

spät wurde sie gewahr, es war nicht mehr das Lämmlein allein, das sie

geherzt -- es war auch der schöne, lächelnde Kopf des „jungen Buben“

dabei gewesen.

Sofort wollte sie sich in den Wassertrog stürzen, aber Felix hielt sie

fest umschlungen und sagte: „Constanze, jetzt ist alle Rederei nicht

mehr vonnöthen, wir haben uns gern und wir gehören zusammen.“

Es brauchte aber Zeit, bis sie sich von ihrem Schreck erholt hatte. Es

war gut, daß die Schaftränke so dicht mit Erlen und Birken umgeben war.

Schließlich -- das Lämmchen war längst aus dem Arm gesprungen -- ließ

Constanze es gelten: sie hätten sich gern und gehörten zusammen.

„Und jetzt merk’ wohl, Mädel!“ sprach Felix mit Nachdruck, „jetzt wird

Dir im Hof kein ungeschaffen Wörtel mehr gesagt, oder die Leut’ kriegen

es mit mir zu thun! Auch die Bäuerin schreckt mich nicht! -- Ich möcht’

nur wissen, was sie gegen Dich hat!“

„Das kann ich Dir jetzt wohl sagen, Felix,“ versetzte sie. „Da hab’ ich

eine Schrift, die ist an Allem Schuld.“

„Das muß ein höllischer Wisch sein!“ rief der Bursche, „verbrennst ihn

denn nicht?“

„Ja,“ entgegnete Constanze, „gottswahrhaftig, das thät ich am liebsten.

Aber das Papier hat mein Vormund und mein Vormund ist in Breitenschlag

drüben.“

„Jetzt möcht’ ich doch beim Himmelherrgottskreuz wissen, was auf dem

Papier Sauberes steht!“

„Es ist das Testament von meinem seligen Vater,“ sprach das Mädchen

traurig, „mein Vormund hat es mir einmal vorlesen wollen; ich kann’s

nicht hören, ’s thut mir mein Herz weh, denk’ ich an den armen Vater.“

An Felix’ Brust brach sie in ein krampfiges Schluchzen aus.

„Constanze, mein lieb’ Dirndl,“ versetzte der junge Mann, „Du bist

allzu weichherzig. Schau, das soll man nicht sein auf der Welt.“

„Den Vater hat sie so hart behandelt, auf dem Todbette noch. ’s ist

nicht zu sagen, was er neben ihr hat leiden müssen.“

„Kann mir’s jetzt wohl denken,“ entgegnete Felix, „aber schau,

Constanze, so weinen mußt nicht. Wenn Eins da auch noch einmal leiden

wollt’, was Andere schon gelitten haben -- Dirndl, wohin thät Eins da

kommen! -- Fest auf die Füß’ stellen muß man sich und der Welt die

Zähn’ zeigen! -- Mußt mit dem Vormund ~reden~, Constanze.“

„Das will ich thun; in der Sonntagsfrüh will ich nach Breitenschlag

hinübergehen.“

„Warum erst in der Sonntagsfrüh, warum nicht morgen?“

„Ja, der Vormund ist Waldmeister und Werktags selten daheim. Und morgen

möcht’ ich noch den Flachs einbringen helfen.“

„Daß sie Dich vom Haus jagen kann, steht gewiß nicht im Testament!“

sagte der Unterviertler.

„Ganz was Anderes soll darin zu lesen sein, wie mir der Vormund zu

verstehen gegeben hat,“ entgegnete das Mädchen, „was auch der Will’, es

bleibt eine böse Sach’, weil so viel Unfried’ daraus wird. -- Nur den

lieben Frieden wünsch’ ich mir, und ein wenig gern haben sollten mich

die braveren Leut’ -- sonst brauch’ ich nichts.“

„Gern haben,“ sagte hierauf der Winzerssohn in frischer Schalkheit,

„gern haben, Constanze, will ich Dich schon sakrisch; doch ob ich Dich

immer in Fried’ laß’, das kann ich Dir nicht versprechen.“

Hierauf wollte das Mädchen sein Lämmlein wieder, da dieses aber nicht

mehr zu erwischen war, so mußte es sich bescheiden und den Burschen

kosen.

Um Bräutigam und Haus

Spielt sie die letzten Karten aus.

Das Bett in den Knechtestuben war immer noch nicht fertig. Felix

schlief immer noch im Zimmer des seligen Ländhofers.

Heute am Samstagmorgen klopfte der Winzerssohn höflich an die Thüre der

Bäuerin.

„Na freilich, die läppischen Geschichten wirst auch noch treiben,“ rief

die Ländhoferin von innen, „weißt ja, daß es aufgeht, sei nur kein

solcher Blödling.“

Drückte der Bursche keck an und stand in der Stube.

Die Bäuerin saß auf ihrem Bette und war mit dem Ankleiden zum geringen

Theile erst fertig.

„Thut nichts,“ sagte sie in ihrer Leutseligkeit, „wird nicht so heikel

sein -- ’s selb’ denk’ ich.“

Felix blieb in einer dem Knechte anständigen Entfernung stehen und

sprach: „Hätt’ mit der Bäuerin nur ein klein Wörtel zu reden.“

„Was hättest?“ fragte sie, obwohl sie die Worte recht gut verstanden

hatte, „wenn Du’s nur so in den Bart hinein murmeln willst -- hast gar

keinen -- so mußt näher kommen.“

Er trat um einen Schritt näher und sprach um einen Ton höher: „Bäuerin,

ich hab’ keinen Leihkauf (Angeld) auf einen Dienst im Ländhof

angenommen, hab’ auch noch nichts gearbeitet und könnt’ mich ’leicht

nicht schicken in die große Wirthschaft. Bäuerin, ich möcht’ wieder

weggehen.“

Auf die Mittheilung befliß sich die Ländhoferin, eine sehr

gleichgiltige Miene zu machen, die ihr annähernd auch gelang, und dann

entgegnete sie: „So, weggehen willst wieder? Ist auch recht. Ich häng’

Niemanden an, und wer sich’s anderswo besser zu machen weiß, als er’s

auf dem Ländhof hat, dem steht die Hausthür gern offen.“ Mittlerweile

jedoch wurde der innere Sturm so mächtig, daß sie folgendermaßen

ausbrach: „Ist das der Dank, Du Hungerleiderbub, der Dank dafür, daß

man’s Dir so gut meinen wollt’? -- Ich denk’ mir’s wohl, Du Stromer,

mit der lüderlichen Dirn’ willst fort!“

„Dasselb’ ist fehlgerathen, Ländhoferin,“ versetzte Felix gelassen,

„mit der lüderlichen Dirn’ nicht, die kenn’ ich nicht; aber -- daß

ich’s recht sag’, mit der Constanze will ich morgen nach Breitenschlag

hinüber.“

Jetzt war’s offen. Die Ländhoferin tastete mit einer Hand nach der

Bettwand; sie empfand einen plötzlichen Schwindel, sie meinte, es

treffe sie der Schlag. Doch sammelte sie sich bald wieder insoweit, daß

sie den Rock überwerfen und aus dem Bette springen konnte.

Da war Felix schon davon.

Die Ländhoferin trank viel kaltes Wasser an demselbigen Morgen. Drei

Brände hatte sie zu dämpfen: die Liebe, den Haß und die Eifersucht.

Gegen Mittag hin wurde sie der Ueberlegung fähig. -- Er will mit der

Dirn’ fort? -- Nimmermehr. -- Wer kann ihn halten? -- Niemand. -- Aber

die Dirn’ bleibt im Hause. Na, so herumlungern, das leichtfertige

Volk, das wär’ das Rechte! -- dagegen ist noch ein Herr da. Man ist

verantwortlich für die Dirn’. Unter die Zuchtruthe gehört sie. Sie

bleibt im Hause. -- Dann wird auch er bleiben. Er muß weg von dieser

Schlange. Sie müssen auseinander gebracht werden. Er muß fort.

Er fort? ein heißer Stich im Herzen der Bäuerin.

„Nein!“ sagte sie, „so weit ist’s nicht gekommen. Er ~kann~ nicht

vernarrt sein in dieses blöde Schulmädchen -- vor mir, ~mir~,

dem mannbaren Weibe --“ Sie blickte in den Spiegel. Wie vortheilhaft

sah sie aus im Vergleiche zu diesem „ödweiligen, bleichsüchtigen

Geschöpfe!“ -- Und war sie nicht die Hausfrau, die Befreierin aus dem

Soldatenjoch -- hatte sie nicht gleichsam eine Krone zu vergeben?

-- Der Bursche ist schlauer, als er aussehen mag; er will sie, die

Bäuerin versuchen, auf daß er rascher zum Ziele komme. -- Gut. Wenn’s

schon anders nicht mit ihm zu schaffen ist -- zu Martini soll die

Hochzeit sein. -- Die Froschreiterleut’ im Unterviertel, das sind

arme Schlucker, denen schickt sie für Allerheiligen einen Wagen mit

Lebensmitteln. Und ausgemacht wird’s heute Abend noch -- dann ist er

festgebunden und die Dirn’ muß doch fort. Sie ist die Unheilstifterin

im Hof -- um Haus und Bräutigam geht der Streit. Diese unselige Creatur

-- weit muß sie weg -- auf immer muß sie fort, und das heute besser,

wie morgen!

An diesem Samstage wurde der vor Kurzem am jenseitigen Ufer der Seim

aus der Bleiche gehobene Flachs eingeheimst. Der Strang der Ueberfuhr

ächzte, der Endring des Seiles rollte hin und her und die Plätte --

eine schwimmende Holzbrücke -- glitt über das Wasser bis an’s andere

Ufer und stets mit voller Flachsladung wieder zurück. Die Arbeitsleute

waren in guter Laune, beim Flachs giebt es ein lustiges Hantiren --

jetzt kommt er in den Dörrofen und nach wenigen Tagen ist das Brecheln.

Das Brecheln ist ein Hochfest für den Hof. Da ~muß~ sie gerngebig

sein, die Bäuerin, sonst fährt ihr Name schlecht von Mund zu Mund in

der ganzen Gemeinde um. Und der hübsche Unterviertler, da wird er wohl

auch beim Tanzen mitthun, wird gewiß recht fein tanzen -- so manches

Mägdlein im Hofe denkt daran.

Auch die Bäuerin denkt an das Brechelfest. Da wird sie das erstemal

mit Felix in den Reigen treten, und das soll die große, öffentliche

Kundgebung sein: die Ländhoferin heiratet den jungen Unterviertler!

Nur Acht haben, daß der Flachs trocken unter Dach kommt! -- Es will --

scheint es -- grob’ Wetter werden. Im Gebirg’ d’rin hatt’s tagelang

schon gestürmt und geregnet, das merkt man am Wasser. Wird auch auf

der Länd nicht lange warten lassen, der Himmel sticht in’s Bleigraue.

Windstöße rütteln an den Bäumen und die gelben Blätter flattern zu

Hunderten hin über den Hof, über die Wiesen und in den Fluß. Das sind

die Schwalben des Spätherbstes.

Felix ging in den Wirthschaftsgebäuden um und war heiter. Heute war er

noch der junge Herr auf dem großen Hof; heute konnte er noch -- die

Hände am Rücken -- spazieren, in die Vorrathskammern und in die Keller

gehen und mit den Leuten schaffen. Und er schaffte wirklich mit ihnen

und ordnete an, wie man dies und das zu machen habe. Er wußte es gut

genug, daß er von den Dingen bislang noch nichts verstehen konnte, aber

die Leute thaten nach seinen Worten -- das war ~ihre~ Schuld und

dem Burschen machte es Spaß.

Die Bäuerin kam an ihm vorbei. Er grüßte sie besonders frisch und

artig. Sie lächelte, klopfte ihm auf die Achsel: „Bist ja gescheidt,

Felix!“ und eilte davon.

Sie hatte ein großes Küchenmesser in der Hand und ging damit dem

Krautgarten zu, um den Kohlbeeten die letzten Köpfe abzuschlagen.

Hinter dem Gebäude begegnete ihr Constanze, welche, als die Einzige zu

dieser Arbeit, emsig beschäftigt war, die letzte Ladung Flachs von der

Plätte in die Dörrstube zu schaffen.

„Stanze!“ rief ihr die Bäuerin zu, „bleib’ stehen!“ -- „Hab’ gehört, Du

wolltest morgen nach Breitenschlag hinübergehen?“

„Die Mutter hat ja gesagt, daß ich fort soll,“ entgegnete das Mädchen.

„Du bleibst!“ rief die Ländhoferin scharf.

„Vielleicht kann ich wieder zurückkommen,“ sagte Constanze gutmüthig,

„aber zum Vormund will ich morgen doch hinübergehen.“

„Dirn’, Du bleibst daheim!“

„Den Sonntag hab’ ich für mich, Mutter!“

„Freilich, ’leicht zum Umflankiren mit dem Lotter?“

„Daß ich zu meinem Vormund geh’, laß ich mir nicht wehren!“

„Und zerrst den Jungen mit!“

„Wenn der Felix morgen auch nach Breitenschlag gehen will, ich kann

nichts dagegen haben.“

Constanze eilte der Plätte zu. Sie erschrak selbst über das trotzige

Wort, das sie gesagt hatte. Es war das erste in ihrem Leben. Sie hatte

eben an den Ausspruch des Unterviertlers gedacht: „Fest auf die Füß’

stellen muß man sich und der Welt die Zähne weisen.“ Aber sie bangte

jetzt; ein Lamm hatte dem Wolfe die Zähne gewiesen. Sie stieg mit ihren

Tragbändern hastig in die Plätte hinab, die auf den bewegten Wellen

schaukelte.

Die Bäuerin stand ganz sprachlos da und zum erstenmal ohnmächtig fühlte

sie sich diesem Geschöpfe gegenüber. -- Mit dem Burschen zum Vormund

will die Dirn’? Dabei schaut für die Ländhoferin nichts Gutes heraus.

-- Die Bäuerin war blaß, wie die Steine am Ufer. Haß und Wuth wogten

in ihrer Brust mit voller Gewalt. Sie fieberte, sie klapperte mit den

Zähnen. -- Was soll sie der Dirn’ anthun?

In den Bäumen brauste der Sturmwind und die Wellen des Flusses wogten

hoch und schlugen gischtend an die Ufer und an die schaukelnde Plätte,

daß hoch an die Flachshaufen das Wasser spritzte.

Hinter den Schichten kauerte, schwindlig durch das mächtige Schaukeln,

Constanze. Der Strang der Ueberfuhr dröhnte, das Seil, an dem das

Fahrzeug hing, spannte sich stramm, dehnte sich und klang im Sturme wie

eine Saite. -- Die Bäuerin sah es, und in diesem Augenblicke zuckte der

wilde Gedanke auf. -- Einen kurzen, funkelnden Blick in die Runde warf

sie. Hier die Bäume, die Büsche, hier die morschende Scheunenwand, hier

das Wasser -- kein Mensch zugegen. -- Mit glühender Kraft schwang sie

das lange Messer, das sie in der Hand hielt, und schleuderte es gegen

das gespannte Seil. Knallend riß dieses entzwei, hoch auf wallte die

Plätte und schoß davon. -- --

Schon kauerte die Bäuerin im Gebüsche; von diesem aus starrte sie auf

die hochgehende, trübe Seim, starrte dem rasch hinwogenden Fahrzeuge

nach. -- „Wirst morgen nicht mit ihm zum Vormund gehen....“

Sie hatte, als das Seil gerissen war, hinter den Flachsschichten den

Schrei gehört; -- auch sie -- die Bäuerin hatte einen Laut ausgestoßen

-- doch war’s wie Jauchzen.

Und nun -- nun war ihr kühl und wohl, das Seil zerrissen -- wer kann

dafür! Die Plätte zerschellt am Felsen -- die Dirn’ ist hin. Der

Streit um Hof und Bräutigam ist aus....

Nach einer Weile, als unten an der Biegung, wo die Klamm angeht, das

schwimmende Brücklein verschwunden war, athmete die Ländhoferin noch

einmal auf, ging dann in den Hof zurück und schaffte wie gewöhnlich,

nur daß sie mit den Leuten etwas freundlicher that als sonst.

Nach und nach hieß es: „Wo steckt denn die Dirn’, die Constanze so

lang’?“

Da kam eine Magd herangeschossen: „Jesus Maria! Die Plätten, die

Plätten ist weg!“

„Jesus Maria!“ schrie die Bäuerin noch viel lauter und schlug die Hände

zusammen.

„Das Seil ist ab! Die Plätten ist fort! Die Dirn’ ist hin!“

„So geht doch, so eilt doch um tausend Gotteswillen!“ jammerte die

Bäuerin und lief scheinbar in großer Aufregung im Hofe herum. „So

läutet um Hilfe! So spannt doch die Pferde ein! Kann denn Keiner

schwimmen? Jesus, mein Kind, das liebe Kind! -- Wo ist denn der Felix?“

„Der Felix nicht da?“ riefen sie in alle Stuben hinein.

„Der Felix nicht da?“ schrieen sie in den Scheunen um.

„Wo ist denn der Felix?“ lärmten sie durch das ganze Gehöfte.

„Felix!“

Nicht im Hause, nicht in den Wirthschaftsräumen, nicht im Baumgarten

war der Felix. Da kam der Halterbub und berichtete, den Felix hätte er

voreh auf die Plätte steigen gesehen.

Jetzt war die Ländhoferin still und blaß bis in den Mund hinein. Jetzt

wankten ihre Kniee -- am Antrittstein der Hausthür sank sie nieder.

Verspielt. Der Felix ist bei der Dirn’!

In Graus und Todesbann

Steht fest und treu der Mann.

Ja, der Felix ist bei der Dirn’. Und wie ist er zu ihr gekommen?

Nichts leichter als das. Der Ursachen zum Stelldichein giebt es bei

jungen Leuten, die sich gerne haben, übergenug. Der Flachs, der noch

vor Abends von der Plätte geschafft werden muß, ist auch eine Ursache.

Felix, lange genug umhergeschlendert im Hofe, war gegangen, um dem

Mädchen den Flachs abladen zu helfen. Constanze war dabei ja völlig

allein und sollte noch vor dem Dunkeln fertig werden.

Doch ging die Arbeit auch zu Zweien nicht sonderlich von statten.

Das Mädchen war gewiß fleißig und eilte mit den Bündeln flink in die

Dörrstube und war um’s Handumdrehen auch wieder zurück auf der Plätte.

Der Felix aber, das war heute ein fauler Schlingel, er legte sich hin

zwischen die Flachsschichten und reckte alle Viere von sich. Dieses

Bett schaukelte ja so prächtig, und Constanze hüpfte neben ihm hin und

her. Und ihr waren die Flachsbündel so leicht, und ihr war so frisch

zu Muthe, wie nie noch zuvor, und es that ihr jetzt fast wohl, nun der

Stiefmutter einmal ein selbstbewußtes Gesicht gezeigt zu haben.

Constanze sprang auf die Plätte; Felix wollte sich aus dem Flachse

erheben.

„Bleib’ liegen,“ flüsterte ihm das Mädchen zu, „dort hinten steht just

die Bäuerin.“

„Was frag’ ich nach der Bäuerin!“ versetzte er, „von der laß’ ich mir

das Aufstehen schon lang’ nicht verbieten.“

In demselben Augenblicke schwirrte das Seil, die Plätte schnellte empor

und schoß davon.

„Heiliger Gott!“ schrie Constanze und taumelte zu Boden.

„Der vermaledeite Strick ist gerissen!“ sagte Felix, setzte aber sofort

bei: „Macht nichts, jetzt fahren wir lustig in’s untere Viertel hinab.“

„Und ist es nicht gefährlich, Felix?“ fragte das Mädchen zitternd und

hörte im Sausen und Brausen das eigene Wort kaum.

„Wie kann denn das gefährlich sein!“ rief er laut; „wenn man über das

Meer mit Schiffen fahren kann, so wird sich’s wohl auf der Seim auch

thun. Höchstens, daß dieses Wasser zu klein wäre, dann trägt’s uns

ohnehin an’s Land.“

„So will ich ganz ruhig sein,“ entgegnete Constanze.

„Setz’ Dich nur da an den Flachs und halte Dich fest an mich,

Constanze, es kann uns nichts geschehen.“

Mittlerweile flogen die Auen, Büsche und Bäume der grünen Länd rasch

zurück, und die Wogen umbrandeten mit Gischten und Brausen das

Brücklein, das wie ein Kartenblatt auf den Wellen dahinglitt.

Felix that sich nach einem Ruder um, es gelang ihm nur ein paar

schwache Stänglein vom Geländer der Plätte loszumachen. Constanze

schlang ihre beiden Arme um den Nacken des jungen Mannes und barg

ihr Angesicht an seiner Brust. Da die Ruderarbeit mit den nichtigen

Holzstücklein zu nichts dienen konnte, so saß Felix lehnend am

Flachshaufen, von welchem das Wasser ganze Theile fortspülte. Fest

stemmte er seine Beine, seine Arme an die Balken des Floßes; mit

trotzig geschlossenen Lippen starrte er hinaus auf den brausenden Fluß,

auf die Ufer, die immer steiler und wilder wurden, bis endlich an

beiden Seiten die schroffen Wände dräuten. Zum Glücke war das Gefälle

hier geringer und das Wasser floß langsamer. Felix aber wußte nicht,

welche Stellen noch kommen würden, er ahnte auch nicht, wie groß die

Gefahr war, in der sie schwebten. Und so hub er, als ihm die Lage

vertraulicher war, in seinem Uebermuthe an, hi! und hott! zu rufen, als

wären ein Paar Rößlein gespannt an das Fahrzeug, und als habe er dieser

Rößlein Leitriemen in den Händen.

Da richtete auch das Mädchen allmählich das Auge gegen ihn auf und

fragte: „Felix, was wird das werden?“

„Wenn die Schimmel so fortmachen, so sind wir in zwei Stunden daheim,“

versetzte der Bursche, „~Die~ werden schauen, wenn wir angefahren

kommen!“

„Und können wir halten?“

„Vor dem Haus steht immer Eins am Wasser, das wird uns schon sehen, und

wenn wir nur wollen, überall kommen wir leicht an’s Land hinaus.“

„Ich bitte Dich, Felix,“ sagte Constanze, „wenn’s geht, fahren wir

gleich an’s Land!“

„Je, was fällt Dir ein, Dirndl!“ rief er, „hier an’s Land! Ist ja kein

Haus und kein Weg weit und breit; wie kämest denn heut’ noch in’s

Unterviertel? Hier auf dem Wasser geht’s am geradesten. Hi, Schimmel!“

Waren freilich recht lebhafte Schimmelchen, die schäumenden Wellen zu

allen Seiten -- schwer zu bändigen.

„Wenn’s nur nicht Nacht wird!“ wendete Constanze ein.

„Nacht wird’s schon!“ sagte der Bursche.

Und thatsächlich begann es unter dem trüben Himmel bereits zu dämmern.

Der Wind stieß von verschiedenen Richtungen her, bald schob er im Bunde

mit den Wellen die Plätte nach vorwärts, bald prallte er von den Seiten

an, dann wieder stemmte er sich dem Flusse und dem Fahrzeuge entgegen.

Das Brücklein drehte und wendete sich, ging im Kreise um sich selbst,

kam nicht von der Stelle, und dann wieder schwamm es sausend voran und

bohrte -- was immer noch das Gefährlichste war -- wie ein wilder Stier

die Hörner in die Erde, die Ecken in das zischende Wasser.

Felix mußte häufig seinen Platz wechseln, um möglichst das

Gleichgewicht zu schaffen. Constanze zitterte, schluchzte und betete

und sah in der Gefahr eine Strafe für die Unehrerbietung, die sie heute

der Mutter entgegengesetzt hatte. In welcher Weise jedoch ihr kühnes

Benehmen gegen die Bäuerin mit dem Losreißen der Plätte zusammenhing,

konnte sie wohl nicht ahnen.

„Du sollst Dich in den Flachs hinein vergraben, Constanze,“ schlug der

Bursche vor, „Du wirst sonst allzu naß.“

Es wäre ihm angenehm gewesen, ihr so die Gefahr zu verhüllen, die er

wachsen sah. Das Mädchen aber richtete sich plötzlich auf und sagte

gefaßt: „Bist Du so mannbar, Felix, so will ich auch nicht verzagt

sein....“

Felix hatte, um dem Nahen seiner Gegend gewärtig zu sein, den Wechsel

der Landschaften beobachtet. Waldberge, Felspartien, Wildniß zumeist.

Nur einmal hatte er hoch an einem Hange die Straße gesehen, auf welcher

er vor wenigen Tagen mit der eroberungssüchtigen Großbäuerin gegen das

obere Viertel gefahren war. Gar bald lenkten ihn von diesem Gegenstande

die Klippen ab, an welche die Plätte zuweilen prallte, um sofort

wieder seithin geschnellt zu werden. Die Brücke hielt fest zusammen.

Felix hatte mit den dünnen Stangen des Geländers wiederholt das Rudern

versucht. Die Gewalten der Fluth spotteten eines solchen Werkzeuges.

Allmählich war es nun finster geworden. Und so saßen die zwei jungen,

lebensdurstigen Wesen im Dunkel der Nacht, mitten im brandenden

Elemente.

„Das ist ein unglücklicher Samstagabend!“ murmelte Constanze, und

dankte andererseits insgeheim der heiligen Jungfrau Maria, daß nicht

sie allein, oder nicht er allein auf der Brücke gewesen, als das Seil

gebrochen war.

Felix spähte durch die Dunkelheit in die Gegend hinaus, die sich

geweitet hatte und nun schier dem unteren Viertel glich. Es wuchs sein

Hoffen und sein Bangen. Ihm war, als ~müsse~ seine Heimat Hilfe

bieten, als ~könne~ es gar nicht sein, daß sie an dem Häuschen der

Eltern vorübertrieben, und es streckten ihnen nicht Vater und Mutter

die Arme rettend entgegen.

Er that nun manchen lauten Schrei. Aber an den Ufern blieb es öde; nur

von der Ferne her glühten zuweilen Lichter eines Hofes, eines Dorfes.

Da die Plätte nahe am Ufer trieb, so dachte Felix auch an das

Hinausspringen, oder an das Erfassen eines Strauches. Doch ging die

Fahrt zu schnell.

Wenn nun aber kein Anker ist und sie müssen an der lieben Gegend vorbei

-- dann --

„Dann heißt’s Testament machen,“ murmelte Felix. Gut, daß in dem

Rauschen und Rollen das Mädchen die Worte nicht gehört hatte. --

Constanze soll es nicht wissen, daß eine halbe Stunde unter dem

Heimatshäuschen des Winzers die große Wehr ist, die auch den Hammerbach

nach Zollau ableitet, eine hohe Wehr, an der schon Mancher zugrunde

gegangen und an der auch der Plan gescheitert war, den unteren Gegenden

durch Floßfahrten das Waldholz des Gebirges zu vermitteln.

Viele Leute aus Nah und Fern kamen alljährlich zur „Zollauer Wehr“, um

den großartigen Wasserfall zu sehen. Nicht Menschen hatten die Wehr

gebaut; hier senkte sich plötzlich die Gegend tiefer und daher der

Abgrund. Von all’ dem braucht Constanze nichts zu wissen.

Allmählich wurde der Lauf des Wassers sachter; die Gegend verflachte

sich. Felix erkannte einzelne Hügelformen, einzelne Baumgruppen,

einzelne schimmernde Häuschen -- er nahte seinem Heim.

Wieder erhob er seine Stimme. Ein ferner Widerhall antwortete ihm --

aber Niemand kam an’s Ufer und die Plätte glitt weiter und weiter.

-- Plötzlich stieß der Bursche ein „Ah!“ aus. Er sah das beleuchtete

Fenster seines Hauses. Das rothe Scheibchen rückte näher -- Felix

schrie nach allen Kräften seiner Lunge -- gar vergebens war’s, es kam

Niemand an’s Ufer.

In Feierabendruhe stand das Winzerhäuschen da. Am beleuchteten

Fensterchen glitten Schatten vorüber -- die Schatten der Personen, die

in der Stube hin- und herwandelten. Sie beteten vielleicht eben die

Samstagandacht, wobei der Vater mit der Betschnur gerne langsam in der

Stube auf- und abschritt. Und die Mutter kniete wohl vor dem schlichten

Hausaltare und gedachte des Sohnes, der fort von Heim in einen reichen

Hof gegangen war, um dort sein Brot und Glück zu suchen. Sie ahnte

gewiß nicht, daß dieser Sohn in Todesnoth auf dem Flusse vorbeizog.

Und der Schiffer rief vergebens. Das traute Haus blieb zurück und das

Brücklein schwamm nun ruhig auf der breiten Seim dahin. Dahin und

geradewegs den Schrecken der Zollauer Wehr zu.

Im Haupte des Burschen flogen, schwirrten, stürzten in Verwirrung

die Gedanken durcheinander. -- Jetzt kommt kein Ort, kein Haus mehr

bis zur Wehr -- Schiffer, Du bist auf Dich selbst gestellt. -- Die

losgerissenen Stangen erfaßte er und band sie mit den Strohbändern

der Flachsballen aneinander. Dann zwängte er auf der Plätte einen der

langen Eisennägel locker und riß ihn in Ermanglung einer Zunge mit den

Zähnen aus dem Holze. Diesen Nagel schlug er vermittelst eines losen

Balkens in das eine Ende der aneinander gebundenen Stangen.

Constanze verfolgte mit steigender Angst das fieberartig hastige

Arbeiten des Burschen.

Am Ufer ging ein Weg entlang. Auf diesem Wege flimmerte jetzt ein

Lichtlein, klang ein Glöcklein. Beim Scheine zu sehen waren zwei

Gestalten, wovon die eine ein Priester im Chorrock, an der Brust das

Heiligste tragend. Ein Gang in tiefer Nacht zu einem Schwerkranken.

Felix schrie nicht mehr um Hilfe; vom Ufer aus zu retten, war alle Zeit

vorbei. Aber zu dem Mädchen sagte er die Worte: „Constanze, dort tragen

sie das hochwürdigste Gut. Sie gehen zu einem Sterbenden, ’leicht magst

Du beten....“

Da ahnte sie, daß es sich um Leben und Sterben handle. Sie fiel auf

ihre Kniee, und ihr blasses Antlitz matt beschienen von dem am Ufer

vorbeizitternden Lichtlein, betete sie....

Felix fuhr, ohne weiter aufzublicken, in seiner Arbeit fort. Brachte er

diese in den nächsten Minuten fertig, so konnte es vielleicht noch zum

Guten sein -- sonst Alles verloren. -- Schon hatte er den Eisennagel

durch das Holz getrieben, da barst die Stange, der Nagel war wieder

locker. Keine Kleinmuth jedoch war in diesem bedeutsamen Augenblicke

an dem Burschen bemerkbar. Rasch kehrte er die Stange um, schlug den

Nagel am anderen Ende ein -- da engte sich schon der Fluß -- die letzte

Enge vor der Wehr -- die Plätte trieb ein wenig gegen das Strauchwerk

des rechten Ufers. Der Nagel saß fest -- sachte, daß er nicht breche

-- bog ihn Felix zu einem Haken um, und nun, mit bebender Gier, warf

er diesen Anker gegen das Strauchwerk aus. Die Stange war zu kurz.

Schon hub die Plätte an, sich wieder vom Ufer zu entfernen; da erfaßte

Constanze einen der kurzen Balken, stieß ihn als Ruder in’s Wasser,

lenkte so ein paar fußbreit das Fahrzeug nach rechts, und Felix hatte

sich mit dem Anker festgehakt im Buschwerk.

Unschwer war nun auf dem hier fast ruhigen Wasser die Plätte an’s Ufer

zu ziehen; Constanze und Felix sprangen oder wanden sich vielmehr durch

das Gebüsche an’s Land. -- Der Bursche stieß einen hellen Juchschrei

aus; das Mädchen sank auf die liebe feste Erde hin und weinte

Freudenthränen.

Genau um diese Zeit des späten Abends schimmerte im Gewölke, das über

der weiten Ebene stand, ein matter Schein. Höher und höher strebte er

auf in seiner milden Röthe, einen weiten rosigen Bogen beschrieb er in

den Wolken des Himmels.

Es war der Mond.

Die Ohren klingen, die Katzen röhren,

Als müßt’ ich bald was Neues hören.

Für die Froschreiterleut’ im Winzerhause war das eine seltsame Nacht.

Zuerst der geisterhafte Ruf beim Abendgebete. Dann ging der Priester

mit dem Sterbesacramente vorbei. Ein alter Mann im Johannesthal lag auf

den Tod. Man hatte vor dem Einschlafen für ihn noch etliche Vaterunser

gebetet. Aber es war keine Ruhe. -- Um Mitternacht kamen sie an.

Die Mutter hatte den Felix schon am Klopfen an die Thür erkannt. Der

Vater hingegen hatte es nicht glauben wollen, daß dieser Mensch mit der

jungen Genossin sein Sohn sei.

Zuerst hatten sie bei dem schlechten Schein des Oellämpleins die

weibliche Gestalt für die Ländhoferin gehalten; und jetzt war es eine

ganz andere und noch dazu eine blutjunge Person; und die Leutchen --

man sah’s gleich -- waren recht gut mitsammen bekannt.

Der alte Froschreiter schoß in die Nebenkammer, schlug dort die Hände

über den Kopf zusammen und jammerte: „Sonst ein so braver Bub gewesen

und jetzt auf einmal zerrt er mir die Weiber in’s Haus!“

„Wir können niemand Fremden über Nacht behalten!“ sagte die Mutter

scharf, einen Blick auf Constanze werfend.

Der kleine Anton war auch aufgestanden, der bot der Fremden sein eigen

Bett an; die gefiel ihm viel besser als die dicke Ländhoferin.

Constanze blickte verzagt zu Felix auf.

„Ja, regnet’s denn draußen?“ rief die Froschreiterin, „Ihr seid bigott

allzwei waschnaß!“

Und nun erzählte Felix die schöne Fahrt auf der Seim und die Rettung

vor der Zollauer Wehr. Da ging es bald aus einem andern Ton im

Winzerhause. Die Mutter packte den Sohn am Halse: „Nicht umsonst hat

mir die letzt’ Nacht so geträumt! Allerweil bin ich auf der Hochzeit

gewesen -- und das ist das sicherste Zeichen, daß wer stirbt.“

„Ist ja Niemand gestorben!“ sagte der Felix.

„Aber sein hätt’s können, Du Narr! -- Ach, Du liebes Kind!“ und fiel

ihm wieder um den Hals.

„Beim Flachsabladen, hast gesagt, beim Flachsabladen wär’s geschehen?“

fragte der alte Winzer mit tief vorgebeugtem Haupte, und mit etwas

unsicherer Stimme setzte er bei: „Was ist denn heut’ für ein Tag?“

„Heut’ ist gar kein Tag, heut’ ist die Nacht,“ erklärte der kleine

Anton.

„Weil ich sagen will, wir müssen alle Jahr’ an diesem Tag eine

Kirchfahrt auf den Schutzengelberg machen, aus Dankbarkeit für das

Mirakel, das heut’ ist geschehen.“

„Eine warme Suppe wär’ mir noch lieber,“ sagte Felix; und da schrie die

Mutter: „Weil Eins gar nicht weiß, wo Einem der Kopf steht! Ja freilich

werden sie zu essen auch was haben müssen!“

Mitten in der Nacht knatterte das Feuer auf dem Herde. Ein Bund

Maisstroh wurde in die Stube geschleppt und von jedem Bette des Hauses

das beste Stück: vom alten Winzer das Leintuch, von seinem Weib’

die Decke, von der Tochter das Kopfpolster, vom kleinen Anton der

Fußwärmerziegel wurde herbeigebracht, um davon der armen Dirn’ aus dem

Ländhofe ein gutes Bett zu bereiten.

Dann aßen sie, dann gingen sie schlafen.

Noch bevor der Felix in seine Dachkammer hinaufstieg, sagte er zum

Mädchen ein so warmherziges Wort, daß dem Alten, der es unversehens

hörte, der Athem stehen blieb.

Nach all’ der Anstrengung und Angst schliefen die Schiffbrüchigen bald

ein. Der alte Froschreiter wachte noch lange und murmelte ein- über’s

anderemal: „Ist was dahinter bei diesen zwei Leuten! Ist was dahinter!“

Auch die Winzerin schlief nicht. Es klang ihr so in den Ohren und

hinter dem Herde spann die Hauskatze -- „’s ist noch nicht richtig!....“

Noch ehe der Tag anbrach, klopfte es am Fenster des Winzerhauses

und eine rauhe Stimme rief von außen: „He, Leute, auf, ’s ist was

geschehen! -- Hat gestern spät Abends oder in der heutigen Nacht

Niemand von da wahrgenommen, daß auf der Seim ein Floß herabgefahren

wär’?“

Constanze sprang von ihrem Lager auf: „Der Vormund! Das ist ja mein

Vormund!“

„Was höre ich denn!“ rief der von außen, „die Constanze? Und da d’rin

wäre sie? O Du mein Gott! O Du lieber Gott!“

Bald war das ganze Haus wach. Der Mann draußen führte sein Pferd unter

Dach, denn es stürmte, regnete und schneite; dann schritt er in die

Stube.

Es war ein rauhgestaltiger, vollbärtiger Mann -- es war Constanzens

Vormund, der alte Freund des Ländhofer’s, der Waldmeister aus

Breitenschlag.

„Mit dem bist gefahren? mit dem da?“ fragte er das Mädchen und

versetzte dem Winzerssohn einen Handschlag auf die Achsel. Und hierauf

mußten sie ihre Wasserreise und ihre Rettung wieder und wieder

erzählen. -- Der Waldmeister war froh, daß auf seinem Angesichte so

viel Bart wucherte, in welchem sich ein paar unberufene Augentropfen

leicht verstecken konnten.

„Jetzt aber, Ihr Leute,“ sagte endlich der Mann von Breitenschlag,

„jetzt habe ich etwelches vom Ländhofe zu erzählen. Dort ist die Nacht

nicht so glücklich abgegangen, als da im untern Viertel. -- Ich darf’s

auch Dir sagen, Constanze -- die Ländhoferin ist gestorben.“

Ein mehrstimmiger Ausruf.

„Was hab’ ich nicht gesagt!“ rief die Froschreiterin, „mir hat frei so

viel von der Hochzeit geträumt, und das hat kein gut Vorbedeuten. --

Aber na, wie hat denn ~das~ mögen sein?!“

„Will’s wohl erzählen,“ sagte der Waldmeister. „Gestern in

Breitenschlag -- ’s ist schon dunkel worden -- will mich just stät

für den Sonntag einrichten -- kommt ein Bot’ von der grünen Länd:

groß Unglück geschehen, die Constanz’ und den jungen Unterviertler

das Wasser vertragen -- die Bäuerin auf den Tod krank. -- Der Schlag

hätt’ sie troffen in hellem Schreck, vor der Hausthür wär’ sie

zusammengesunken und ich sollt’ eilends mitkommen. Ich frag’ nicht

erst, wer der junge Unterviertler ist, spring’ auf mein Rössel und in

einer Stund d’rauf bin ich im Ländhof. -- Mit der Bäuerin ist’s vorbei,

das seh’ ich gleich; blaß wie das Leintuch, liegt sie auf dem Bett,

kann nimmer viel reden.“

„O Gott, meine arme Mutter!“ weinte Constanze.

„Geh’ Dirn’, sei jetzt still,“ sagte der Vormund, „hast Ursach’ zu

klagen, so ist später auch noch Zeit dazu. Jetzt hör’ auf meine

Red’. -- Bäuerin, sag’ ich und geb’ ihr die Hand hin, was ist Dir

so jäh widerfahren? -- Ist’s der Waldmeister? fragt sie, wenn’s der

Waldmeister ist, so möcht’ ich ein paar Wort’ allein mit ihm reden.

-- Drauf gehen die Leut’ aus der Stube. -- Ländhoferin, sag’ ich zu

ihr, hast ein Anliegen? -- Ich möcht’ weinen, giebt sie zur Antwort,

möcht’ weinen und kann nicht. Ein Teufel ist in mir. Waldmeister, ich

verspür’s, ’s ist mein End’, auf einmal jetzt mein End’. Mein Herrgott

wird mich nicht verlassen. Ich will Alles sagen. Waldmeister, ich kann

ja nicht’s dafür, daß ich den Burschen so lieb hab’ gehabt. Geeifert

hab’ ich mit der Dirn’, und ich hab’ sie wollen aus dem Weg schaffen.

Ich selber hab’ das Plättenseil abgeschnitten --“

Wieder ein Schrei des Schreckens und Constanze rief: „Nein, Vormund,

das kann nicht sein, das hat sie im Fieber gesagt.“

„Du bist eine gute Seel’, Mädel,“ versetzte der Waldmeister, „und das

hat sie in der letzten Stund’ noch eingesehen. Um Verzeihung bitten

läßt sie Dich für Alles; sollst recht glücklich sein auf dieser Welt.

Das ist ihr letztes Wort gewesen.“

Constanze schluchzte bitterlich. Alle waren ergriffen.

„So hat sie mir’s anvertraut,“ fuhr der Waldmeister fort, „wie sie

Alles gemeint hat, das muß ich erst von Euch erfahren. -- Nun, und die

Leut’ sind an der Seim dahingeeilt, und um Mitternacht, da die Bäuerin

verschieden war, bin auch ich auf mein Pferd gesprungen und dem unteren

Viertel zugeritten, daß ich doch eine Spur von Euch könnt’ entdecken.

’s ist mir gut gerathen, Gott sei Lob, ’s ist mir gut gerathen.“

„O, arme Mutter,“ klagte Constanze, „sie ist gewiß eine brave Frau

gewesen und hat’s nicht bös’ mit mir gemeint!“

„Den Todten nichts Uebles, aber die Wahrheit muß an’s Licht,“ sagte

der Vormund. „Kind, die Bäuerin hätte Dich vielleicht lieb gehabt,

wenn nicht Deines Vaters Testament vorhanden gewesen wäre. Sie hat es

gewußt, daß Du mit dem Eintritte Deiner Großjährigkeit der Herr auf dem

Ländhofe sein wirst.“

„Ich bitt’ Euch, laßt mir jetzt diese Dinge weg!“ rief das Mädchen, „es

hat uns erst der Tod die Hand gegeben.“

„Wohl, wohl, aber jetzt kommt wieder das Leben d’ran,“ versetzte der

Waldmeister, „ich bin der Vormund und mir ist darum zu thun, daß Du

jetzt weißt, wie es steht und was Du zu thun hast. Von heut’ an werden

alle Schriften über den Ländhof auf Deinen Namen lauten. Ich bin ein

betagter Mann und hab’ auch auf mein Haus zu denken, aber ich werde

Dir in der Wirthschaft helfen, bis Du einen anderen, jüngeren Vormund

wirst gewählt haben.“

Felix nieste. „Helf’ Gott!“ sagte er für sich selber, „und wahr soll’s

sein, was ich mir jetzt gedacht hab’!“

Felix kommt auf die Länd’

Und die Geschichte ist zu End’.

Den Erzähler könnten wir jetzt verabschieden; wir wissen doch, wie es

kommt. Weil der Vormund schon betagt ist und auf sich selber zu schauen

hat, so muß die junge Ländhoferin -- denn das Erbe des Vaters kann sie

nicht ablehnen -- dazuthun, daß sie bald einen Wirthschafter findet.

Auch muß die Weltordnung so bestellt sein, daß, wenn die Froschreiterin

von der Hochzeit träumt, es auch wirklich eine Hochzeit bedeutet. --

Zu Martini, wie es die selige Bäuerin vor hatte, ist es wohl etwas zu

früh, denn Constanze will der unglücklichen Stiefmutter etliche Wochen

stillen Gedenkens weihen. -- Aber nach Neujahr, zum Fasching, wenn’s

anständig ist, Felix! -- Warum denn nicht, der Felix ist allzeit bereit.

Einen seltsamen Gedanken hatte der alte Froschreiter. Unten in der

Tiefe der Zollauer Wehr kreisten nämlich tagelang die Trümmer der

Plätte und mehrere der Flachsbündel. Und da sagte der alte Winzer zu

seinem Sohne: „Weißt, Felix, was ich an Deiner Stell’ thät’? Ich thät’

da unten den schönen Oberviertlerflachs aus dem Wasser fischen und fein

brecheln, spinnen und weben lassen -- ich sag’, das müßt’ ein gutes

Bettzeug geben!“

[Illustration]

Das Haus auf der Höhe.

Auf sonniger Bergeshöhe steht ein Haus. Zur Morgenstunde leuchtet es

mit seinen röthlichen Holzwänden und seinen hellen Fensterscheiben

freundlich nieder in das thaufrische Thal, wo zwischen den Wiesen und

silberweiß schimmernden Weidenbüschen der dunkle Forellenbach hinzieht,

und wo das Dorf liegt. Zur Morgenstunde hängt stets ein bläulicher

Aetherschleier über dem Dorfe, aber die schlanke Kirchthurmspitze ragt

heraus und läßt ihr vergoldetes Kreuz in der Sonne funkeln. Und wer

nicht Augen hat, diesen Strahlengruß zu sehen, der hat wohl Ohren, das

Morgenlied der Glocke zu vernehmen.

Zwei Männer, die aus dem Thale langsam gegen das Haus auf der

Bergeshöhe emporsteigen, hören den Glockenklang und ziehen ihre

spitzigen Hüte ab. Ein vorgeneigtes Greisenhaupt und ein nach rückwärts

strebender strohlichter Lockenkopf sind es, die im Gehen ihre

Morgenandacht verrichten und sich fromm einschließen in des Pfarrers

Messe, deren Beginn die Glocke eben verkündet hat. Die beiden Männer

haben mit einander eben nichts zu sprechen, und so überläßt sich jeder

seinem Gebete. Der Alte ist demüthig, blickt zur Erde, zuweilen auch

ein wenig nach rechts und links, denn es verlangt ihn zu wissen, wie

die Saaten grünen. Der Kopf mit den Strohlocken richtet seine großen

Glotzaugen und seinen halboffenen Mund geradewegs zum Himmel hinauf;

da oben fliegen und zwitschern die Meisen und die Amseln, und er, der

Strohlockenkopf erwirbt sich durch Vögelfangen sein Kegelschiebgeld und

seinen Bruderschaftsbeitrag zum Jünglingsverein.

In solcher Andacht versunken, langten sie endlich oben am Hause an.

Das Haus stand auf freier Höhe und lehnte sich rückwärts an einen sanft

abfallenden Tannenwald. Es war weder Stall noch Scheune da; ein kleiner

Garten umgab den Bau und gegen die Morgenseite hin blühten Büsche und

ragte eine Eiche. Das Haus war in dieser Gegend ganz seltsam: es war

weit geschmackvoller als andere Menschenwohnungen der Gegend, und

doch wieder viel einfacher als die Landhäuser der Reichen. Es war mit

keiner dieser Gattungen vergleichbar. Das Haus ragte hoch, hatte an den

Fenstern und Thoren feingeschnitzte Zieraten, nach Art korinthischer

Säulen mit schön durchbrochenen Gesimsen. Die Fenster waren schmal und

hoch, das Dach aus glatten Schindeln flach und luftig; gegen Mittag

hin stand ein erkerartiger Söller hervor, mit festen Seitenwänden wohl

verwahrt, mit einem Kranzgesimse in dorischer Form überbaut. Das Haus

stand wie ein Tempel.

Wie die beiden Männer bisher ihr Haupt entblößt hielten, so bedeckten

sie es jetzt, da sie in diesen Tempel traten.

War aber doch kein Tempel, war theils ein bequem und zweckmäßig

eingerichtetes Wohnhaus, theils eine Künstlerwerkstätte.

An den Wänden standen Statuen aus Holz in allen Gestalten und Größen;

mitten im Raume ragten Klötze, halbfertige Schnitzwerke, ihrer völligen

Vollendung harrend.

An einem solchen Klotz stand der Bildner, ein schier gebeugter,

aber doch behendiger Greis mit schneeweißen Locken, starken weißen

Augenbrauen und mit frischrothen Wangen. Auf diesem Antlitze hatte der

Meißel des Schicksals den Ausdruck stiller Freude und Befriedigung,

aber auch den Zug einer schweren Vergangenheit und den ehernen Hauch

eines starken selbstbewußten Geistes eingegraben.

Als die beiden Männer aus dem Thale eintraten und einen christlichen

Gruß sagten, zog der Bildner sein Käppchen vom Haupte. Aber die

Ankömmlinge thaten nicht desgleichen, diese ziehen ihre Hüte nur vor

dem lieben Herrgott und vor dem Herrn Pfarrer.

Der Bildner wies ihnen in der Nähe der Wandfiguren Sitzplätze an; das

Grauhaupt nahm den seinen sofort in Beschlag, der junge Gelblockenkopf

aber stand ganz verlegen und wendete sich und wußte nicht, wo er sein

erröthendes Gesicht hinthun sollte.

„Nu, Steff!“ sagte das Grauhaupt, und das Wort war ein Ermahnen zum

Platznehmen.

„Na,“ versetzte der Bursche, weinerlich lächelnd, „da setz’ ich mich

nicht hin, ich nicht. Das ist schon gar aus der Weis’! -- So -- hell

mutternackt!“

Wie konnte nur Meister Eman dem jungen unverdorbenen Kirchensteff,

der zur Bruderschaft des heiligen Aloisius zählte, zumuthen, neben

der capitolinischen Venus Platz zu nehmen! Indeß bemerkte der Bildner

lächelnd sein Fehl, und in der Nähe einiger Kobolde und ziegenfüßiger

Faunen fand sich eine prächtige Sitzstelle für den jungen Mann.

„Was verschafft mir nur heute den Besuch?“ fragte der Bildner.

„Gelt, das ist zum Verwundern!“ rief das Grauhaupt und rieb sich

vergnüglich einigen Erdstaub von seinem Zwilchärmel, denn er war der

Todtengräber. Aber nicht in dieser Eigenschaft war er heute zu dem

Hause des Bildners emporgestiegen, sondern in jener seines zweiten

Amtes, denn er war auch Kirchenvater, d. h. der Mann, der nebst dem

Pfarrer die Aufsicht über die Dorfkirche führte und an Sonn- und

Feiertagen als Meßner waltete.

„Schaut, Meister Eman,“ sagte er schmunzelnd, „ein Grabkreuz brauch’

ich diesmal nicht, und redlich herausgesagt, Meister, die Grabkreuze

macht Er nichts nutz. Mehr Blut muß auf die Herrgötteln kommen, viel

mehr Blut; und die armen Seelen im Fegfeuer läßt Er ganz und gar

aus. Hätt’ Ihm auch sagen mögen, daß sich ein Bildniß, wie Er es auf

Seiner Gottseligen Grab gestellt, in einen christlichen Friedhof gar

nicht reimt. Geht mich aber insoweit nichts an; und wir wissen es

allmiteinand’, der Meister kann Seine Sach’ schon auch gut machen, wenn

Er nur will. Wir bringen Arbeit, Meister.“

Der Meister lächelte ein wenig über den bevormundenden Ton des

Kirchenvaters, und da er von den Leuten vollständig unabhängig war,

so ließ er sich derlei Bemerkungen um so gleichgiltiger gefallen. Nun

hatte er seinen Schnitzer beiseite gelegt und sich dem Grauhaupte

gegenübergesetzt.

„Ja, ja,“ sagte der Kirchenvater und schlug seine flache Hand auf

die Lederhose des Oberschenkels, daß es klatschte, „das ist eine

verzweifelte Geschichte, jetzt; wir brauchen eine neue schmerzhafte

Mutter Gottes auf unseren Hochaltar. Die alte ist schon caput über

und über. In drei Tagen ist Frohnleichnam, mag Er uns bishin eine

schaffen?“

Der Meister zwinkerte mit den buschigen Brauen, hob langsam seine

Stirne empor, daß sich das Gesicht erklecklich verlängerte und über die

Schläfe scharfe Runzeln zog.

„Drei Tage arbeitet der Schneider an einer Joppe,“ sagte er hierauf.

„Halt nu,“ brummte der Kirchenvater, „wenn der Meister meint, daß Er

in drei Tagen nicht fertig werden kann mit der Schmerzhaften, so hat’s

’leicht wohl Zeit bis zum Sonntag.“

„Mein sehr guter Vetter,“ entgegnete der Meister in der landesüblichen

Redensart, „unfertig kommt nichts aus meinen Händen, denn die Dinge,

die wir als Bildnisse aufstellen, halten länger als ich, als Ihr,

als das jüngste Knäblein Eurer Gemeinde. Und wehe Dem, der Aergerniß

giebt einem kommenden Geschlechte! Wenn ich bereit bin, die Arbeit zu

übernehmen, so kann das Frauenbild bis zur Weinachtszeit hin fertig

werden.“

Schier sprachlos war der Kirchenvater. Da ergiff sein Sohn, der Steff,

das Wort, und meinte, gut Ding brauche Weile, und man müsse halt

einstweilen den Fastenschleier über die Mutter Gottes hüllen, denn

es sei schon gar alles Gold weg von ihrem Rock, und von den sieben

Schwertern in ihrer Brust seien fünf schon armselig abgebrochen; in

solchem Zustande, das sei wohl einzusehen, könne sie sich nicht mehr

länger ansingen lassen.

„Liebe Leute,“ sagte nun der Bildner, „wenn ich das Bildniß schnitze,

so soll es, so weit das in meinen Kräften steht, ein Kunstwerk

werden. Ein einfaches, würdiges Bild, die Gestalt einer glorreichen

Himmelskönigin und demüthigen Jungfrau zugleich; ein Bild, das die

frommen Beter mit Andacht und Liebe erfüllt.“

„Und der sieben Schwerter wegen wollt’ ich noch sagen,“ meinte das

Grauhaupt, „wenn sie halt thäten vergoldet werden; die Ottenkircher

haben es auch so.“

„Soll ~ich~ das Bild verfertigen,“ sagte der Meister nicht ohne

Nachdruck, „so werden die Schwerter ganz wegbleiben. Der Schmerz der

Gottesmutter soll in der Stellung der Gestalt und auf dem Antlitze

ausgedrückt sein.“

„Eine Schmerzhafte ohne Schwerter!“ rief der Kirchenvater aus.

„Wohl,“ sagte der Meister, „die alte Darstellung mit den sieben Messern

in der Brust ist albern und lächerlich, abgeschmackt im höchsten Grade

-- läßt sich mit der Kunst nimmer vereinen.“

„Thäten aber doch bitten,“ versetzte das Grauhaupt, „thäten ja die

Ueberkosten gern extra bezahlen --“

„Eine solche Bestellung lehne ich dankend ab,“ sagte der Bildner und

erhob sich; „wollt Ihr Fratzen haben auf Euren Altären, so seid Ihr bei

mir am unrechten Mann.“ Sein Gesicht war dunkelroth, das Künstlerthum

in seiner Seele war beleidigt.

Die Männer aus dem Dorfe schlichen achselzuckend davon.

Der Meister meißelte an seinem Lindenholze weiter. Aber nicht lange.

Sein Arm zitterte, er legte das Werkzeug aus der Hand und starrte

auf die Statuen hin, die an den Wänden aufgestellt waren. Der ganze

sinnenlebendige Mythus der Griechen war hier verkörpert. Aber des

alten Mannes Blick hing heute nicht an der lieblichen Eos, nicht an

der hehren Pallas Athene, nicht an dem ehrwürdigen Zeus, nicht an den

heiteren Gestalten der Musen; etwas länger weilte er an den finsteren

trotzigen Recken der deutschen Göttersagen. -- Tretet aus Eurer

Starrniß und stürzet die Götzen der Nachkommen! -- Das war vielleicht

des Greises Gedanke. Endlich verließ er die Werkstätte und ging in das

Freie.

An der schattigen Rückseite des Hauses, gegen den sonnengoldigen

Tannenschachen gekehrt, stand ein anderes Bild. Es war eine junge,

lieblich schöne Gestalt, halb noch Knabe mit frischen, vollen,

trotzigen Lippen, mit aufgeweckter, stolzer Körperhaltung; halb

Jüngling mit zarten, weithin gegossenen Locken, mit großen,

schwärmerisch seligen Augen. Die Gestalt, in ein sich gefällig

schmiegendes Schäferkleid gehüllt, war ein wenig vorgebeugt; am linken

Arme trug sie eine Tafel, in der rechten Hand hielt sie einen Stift.

So stand sie in ihrer Unbeweglichkeit da und betrachtete den herrlich

leuchtenden Wald.

Die finstere Wolke verschwand auf des Meisters Stirn; er hielt seinen

Schritt an und blickte wohlgefällig auf dieses freundliche Bild.

Das Buch der Novellen. Erster Band · 第 13 / 32 题