Nach einer Weile rief er den Namen: „Aladar!“

Da löste sich die Unbeweglichkeit der Gestalt, sie hüpfte heran und

sagte mit heller Stimme:

„Vater, jetzt habe ich es erfaßt, was in den Wipfeln der Tannen ist.

Aber sag’, hab’ ich es wohl auch ~ganz~ erfaßt?“

Mit dieser zweifelumschatteten Zuversicht hielt der Knabe die Tafel

seinem Vater hin.

Der Meister betrachtete die Zeichnung; dabei wurde sein Angesicht fast

furchenlos und er sagte die Worte: „Es ist gut. Aber höre: ganz hast Du

es nicht erfaßt, was in den Wipfeln der Tannen ist. So geht es immer.

Der Junge rechtet mit der Gegenwart, der Alte mit der Vergangenheit;

der Junge mit der Natur, der Alte mit der Kunst; aber mich will es

zuweilen bedünken, beide ringen vergebens. Wohl, mein Sohn, und es ist

gut. Der Künstler darf in seinem Werke nie die volle Befriedigung

finden; steht das Ideal seines Zieles nicht über dem Erreichbaren, so

steht es zu tief. Das gilt besonders in der bildenden Kunst. Aus dem

Nichtbefriedigtsein entspringt das ersprießliche Streben. Komm, Aladar,

Du sollst das Gedeihen meines Helios schauen.“

Sie gingen in das Haus und standen vor dem Lindenklotz, an dem der

Alte vorhin gearbeitet hatte. Aus dem rauhen Holze starrte ein Antlitz

hervor, zwar noch herb und eckig, aber in seinen Hauptpartien doch edel

und scharf markirt.

Der Bildner schien den bösen Eindruck des Morgenbesuches nun vergessen

zu haben. Sein Blick lag freudig auf der allerdings noch sehr

unvollendeten Arbeit und auf dem Jüngling, der die Holzsäule still und

eingehend betrachtete.

„Der Gedanke in mir, das Sinnbild des Licht- und Flammengottes

darzustellen, ist vielleicht dreimal so alt, als Du, mein Junge,“

sagte der Meister. „Aber das Geschick meines Lebens hat mich niemals

zu jener Ruhe und Klärung kommen lassen, die zu einem solchen Versuche

durchaus nöthig ist. Nur die kurzen Tage, die mir an Deiner Mutter

Seite zu leben gestattet waren, hätten dazu vielleicht die Helle

und Begeisterung geboten, nicht aber die Ruhe. Es ist in Stunden

hochwogender Glückseligkeit, sowie in Tagen wilder Qual noch kein

Kunstwerk geschaffen worden. Mir sind solche Zeiten nun vorüber und

in diesen stillen Nachsommertagen habe ich mich endlich an meinen

Lieblingsgedanken gemacht. Der Gottheit, die uns das Licht gegeben

hat und von deren flammendem Wagen Prometheus das Feuer geholt -- das

göttlichste und wunderbarste der Elemente -- dieser Gottheit will ich

das letzte Werk meines Schaffens weihen, ehe ich eingehe zur ewigen

Nacht.“

Die letzten Worte waren in großer Gefühlsbewegung gesprochen. Aladar’s

dunkle Augen sogen jedes Wort von den Lippen des Vaters und sie

entflammten in Begeisterung. Der Jüngling legte seinen Arm um die

Statue, und als der Meister aufgehört zu reden, sagte er: „Mein Vater,

Du hast heute wieder ein Wort gesprochen, das ich nicht recht verstehen

kann. So erzähle mir endlich von Deiner Vergangenheit und von meiner

Mutter.“

„Du wirst noch zu jung dazu sein,“ antwortete der Greis.

„Ich weiß das nicht. Ich bin erwachsen und schon ein Mann; ich werde

morgen sechzehn Jahre alt.“

Nach einer Weile entgegnete der Vater: „Daß man aufblühende Blumen

nicht in den Schatten stellen soll, das weißt Du. So hätte ich Dich

gern verschont, mein Kind, und Dich blühen lassen im Sonnenlichte. Ich

wollte Dich nicht vorzeitig aus dem Arkadien Deiner Kindheit verstoßen,

so sehr es mich oft gedrängt hat, mich ganz und voll Dir mitzutheilen.

Nun, ich sehe, Du wendest Dich freiwillig von den kindlichen Freuden

und bist ernst und männlich geworden schier vor der Zeit. So will

ich Dir auf Dein Begehr, und da es doch einmal sein muß, zu Deinem

sechzehnten Geburtstage das Angebinde des Schmerzes machen. Morgen zur

Nachmittagszeit, wenn die Sonne hinter die Wipfel des Tannenwaldes wird

gezogen sein, wollen wir mitsammen niedersteigen in das Thal.“

Ein Weiteres von dieser Sache wurde heute nicht mehr gesprochen. Jeder

ging an seine Arbeit. Der Meister meißelte an seinem Helios, und Aladar

-- das Bedürfniß des Tages ist stets der Herr im Hause -- wirthete in

der Küche.

Und am anderen Tage, als die Sonne hinter die Wipfel des Tannenwaldes

gezogen war, wurde das einsame Haus auf der Bergeshöhe verschlossen und

der Greis und der Jüngling stiegen niederwärts gegen das Thal.

Aladar hatte vom Hause weg kein Wort mehr gesprochen; auch der alte

Mann schritt stumm dahin. Gar die Waldvöglein schwiegen zu dieser

Tageszeit; nur daß zuweilen vom Tanne her das eintönige Hacken eines

Spechtes vernehmbar war. „Selbst im Walde ist kein Sang mehr, ist nur

das harte Pochen der Arbeit!“ sagte der Bildner. Eine Hummel summte

über das grüne Heidekraut; da stand der alte Mann still und flüsterte:

„Hörst Du die Glocken läuten?“

Der Bursche gab keine Antwort. Und als sie weiterschritten, hub der

Mann an zu reden:

„In einem Thale jenes Gebirges, welches das weite Ungarland gegen

Mitternacht hin begrenzt, bin ich geboren worden. Mein Vater war

Hirt und hütete die Pferde des Gutsherrn. Auf wilden Pferden bin ich

gesessen und habe sie gebändigt. Den Gutsherrn habe ich unsäglich

gehaßt, denn er hatte einmal meinen Vater schlagen lassen bis auf’s

Blut. Gewesen ist’s des einen Wortes wegen, das mein Vater gesprochen:

Herr, unsereins ist auch ein Mensch, und es ist himmelschreiend, wie

wir unterdrückt werden! So ein Wort hat früher schwerer gegolten, wie

drei Todtschläge. Dazumal -- Aladar, und das ist noch nicht lange

her, diese junge Eiche hier ist noch in den Tagen der Knechtschaft

aus der Erde gesprossen -- dazumal hat der Gutsbesitzer willkürlich

verfügt, nicht blos über seine Pferde und Schweine, sondern auch und

weit rücksichtsloser noch über seine Unterthanen. Meine Mutter soll

ein schönes Weib gewesen sein; als sie starb, war ihr letztes Wort

zu mir: „Emanuel, und halte Deinen Nährvater in Ehren!“ -- Mich hat

dieses Wort in eine große Wirrniß gesetzt; aber meinem Vater, dem

armen schutzlosen Hirten, bin ich treu gewesen, und zutiefst im Herzen

habe ich geschworen mitten unter den wiehernden Rossen: „Die blutigen

Streiche sollen nicht vergessen sein!“ -- Gar bald bin ich von dem

alten Manne gerissen worden, ich weiß heute noch nicht wie; nur das

weiß ich, mit meinem Willen ist es damals nicht geschehen. Ich mag wohl

irgend welche geistige Anlage gehabt haben; ich erinnere mich nur, daß

ich nicht mit meinen Genossen hielt, daß ich sie aber beeinflußte. Auch

schwebt es mir noch vor, daß ich als Hirte aus dem Lehme der Heide

allerlei Gestalten formte. War das die Ursache, oder war es, weil ich

unter meinen Standesgenossen mehrmals Aufwiegelungsversuche gegen den

Gutsherrn gewagt hatte, die indeß stets armselig zu Schanden geworden

sind -- oder war es ein anderer Grund, kurz, ich wurde entfernt und

bestraft, wie so großmüthig noch kein Thunichtgut bestraft worden ist.

Der Gutsbesitzer ließ mich in die Hauptstadt Pest bringen und dort in

eine Lehranstalt stecken. Anfangs war ich hier wie vom Himmel gefallen,

wußte gar nicht, was das Alles zu bedeuten. Bald aber sah ich die gute

Wendung ein.

„Ich habe lange und mit Liebe studirt. Nach wenigen Jahren schon war

ich aus mir herausgewachsen. Ich sog den Geist der Alten ein und auch

die Ideen der Neuen; das entzweite mich anfangs, ich empfand die

Nothwendigkeit, daß hier eine Brücke gebaut werden müsse, und ich

fand, daß nach den Gräueln zweier finsterer Jahrtausende sich die

Welt wieder anschickt, in die Fußstapfen der Alten einzulenken. In

dieser Zuversicht atzte ich mein Herz an dem ewigen Schönheitsidole

des alten Hellas und seiner heiteren Weisen, und in diesem Bewußtsein

habe ich mich mit jauchzender Seele der bildenden Kunst ergeben. Nach

zwölf Jahren arbeitete ich in klingendem Marmor. Meine Bilder wurden

aufgestellt in Palästen.

„Jetzt wäre ich glücklich gewesen, aber das Wort der sterbenden Mutter

hat mir im Herzen gebrannt. Und wehe dem Kinde, vom Verhängnisse

berufen, seine Mutter etwa an seinem Vater rächen zu müssen!“

Der Greis schwieg. Sie gingen durch jungen, duftenden Anwuchs hinab,

der dichter und höher wurde und endlich die Wandelnden in seine

Schatten hüllte. Der Boden war steinig und von Wurzelarmen durchzogen.

Da sagte der Vater zu seinem Sohne: „Habe Acht, daß Du nicht

strauchelst!“

Endlich fuhr er in seiner Erzählung fort:

„Einst zur Sommerszeit kehrte ich in mein Heimatsthal zurück. Der

alte Hirt -- mein Vater -- war begraben, seine Hütte verfallen.

Aber ich wohnte ja im Schlosse und der Gutsherr ging mit mir Arm in

Arm. Ich empfand stets, ich hatte durch das Studium meinen Beruf

glücklich getroffen, aber ich fühlte gegen meinen Wohlthäter nicht die

begeisterte Dankbarkeit, die ich wohl schuldig gewesen sein mochte.

Mehrmals wollte ich den Herrn Arm in Arm auf den Kirchhof führen und zu

einem Mauerwinkel hin, wo Nesseln wuchsen -- unter denen meine Mutter

lag. Er folgte mir nicht. -- Zerstreuung, oder was man so nennt, gab

es genug; der Gutsherr war ein Meister des Vergnügens. Würfeln und

Schwelgen wußte er hoch zu betreiben; auch die Prügelbänke und den

Galgen zählte er zu den Gegenständen seines Ergötzens. Einst ließ

er zu Ehren eines erlauchten Gastes drei eingefangene Korndiebe ohne

gesetzliche Aburtheilung an den Platanen des Lustgartens hängen. --

Wohl, mein Sohn, es ist schade um Deine rothen Wangen, die ich jetzt

verblassen sehe; aber sei ein Mann und höre mich weiter. -- Eines

Tages während meiner Anwesenheit im Thale war große Hirschjagd. Die

Treiber waren schon zwei Tage und Nächte ununterbrochen bei Sturm

und Regen in ihrem über Berg und Thal gezogenen Kreise gestanden, um

das zusammengedrängte Hochwild einzuschließen. Die Jagd begann, wir

durchbrachen auf unseren Rossen den Kreis; die Hörner schrillten, die

Schüsse knallten von allen Seiten und das Johlen der leidenschaftlichen

Jägerrotte gellte fast unheimlich durch die Waldung. Ich hielt mich

abseits, mir war nicht um Schuß und Wild zu thun; ich band das Roß an

eine Eiche und lagerte mich auf einen stillen, schattigen Anger und

lauschte einer Quelle. Einen unsäglichen Ekel hatte ich vor dem Treiben

dieser rohen, der crassen Willkür ergebenen Gesellen, die sich die

Großen des Landes nannten. Unter den Schatten jener Eichen beschloß

ich, keinen Tag länger in der Gegend zu verbleiben, sondern wieder

dem geistigen Leben der Hauptstadt zuzueilen. Da hastete keuchend

ein Mädchen durch das Dickicht heran, wild aufgeregt, mit zerfetzten

Kleidern, blutenden Gliedern und angstglühenden Augen. Ein junges,

kaum erwachsenes, schönes, merkwürdiges Mädchen, Aladar! -- Vor meinen

Füßen ist es zu Boden gestürzt, hat mich angefleht um meinen Schutz.

Es war seiner Schönheit willen verfolgt von Jägern, eingeschlossen

von dem Kreise der Treiber. -- Das Kind hat seine Noth noch kaum

in Worte gefaßt, so durchbrechen Pferde das Gestrüppe, zwei Reiter

sprengen lachend auf das Mädchen zu; einer davon ist mein Gutsherr.

Ich erraffe mein Doppelgewehr: „Hat ~solches~ Wild Vater Nimrod

gejagt? Ihr Buben, wollt Ihr’s wagen, das Kind ist in meiner Hut!“ --

Lachend ritten sie davon, aber ich sah es wohl, wie mein Gutsherr in

stiller Wuth erblaßt war. Das Mädchen geleitete ich in sein Haus; es

war sehr armer Leute Kind, das jeden Tag in den Wald ging, um wilde

Früchte zu sammeln. Ich sah die Gefahren, die von diesem Tage ab

doppelt über dem schönen Wesen schweben würden, und ich beschloß, es zu

schützen. Allein noch an demselben Abend ließ mich mein edler Gönner

und Gastherr in ein Gemach führen, das nur von außen zu schließen ist.

Es war gar fest und sicher eingewölbt und das Fensterchen kräftigst

vergittert; aber der Blick meiner Augen flog doch hinaus, und über

der Hofmauer dämmerte der Bergwald herein -- der Bergwald, in dem

die Klause der armen Leute stand. Ich bin aber nicht lange in dieser

Kammer gesessen. Die Zeit, mein Junge, war das Jahr des Heiles. Der

Aufruhr wogte auch in das Bergthal hinein und da hat sich gewaltig viel

Zündstoff gefunden. Die Vasallen, sonst feig und blöde wie eine Heerde

von Mauleseln, wurden wach und verstanden die Stunde. Menschenmassen

versammelten sich um das Schloß und ein langer hagerer Mann rief:

„Mach’ uns auf, Du übermüthiger Schloßherr, in Deinem Hause ist unser

gutes Recht vergraben, das wollen wir uns holen!“ Da flog ein Schuß aus

des Magnaten Fenster und streckte den drohenden Waldmenschen nieder.

Dieser Schuß hat dem Gutsherrn Schloß und Schlag gekostet. Das Gebäude

wird gestürmt, bald brennt es an allen Enden, und der Gutsherr, für

sein Leben zitternd, sucht ein sicheres Gewahrsam, stürzt in mein

Kerkergewölbe und schutzflehend mir zu Füßen. -- „Was steigst Du in

den Kerker, in den Du mich geworfen hast!“ rufe ich bebend; „weißt Du

es wohl, warum Du mich gefangen hältst, und weißt Du, Tyrann, vor wem

Du liegst? Vor dem Sohne des Mannes, den Du mißhandelt! Heute giebt

das Volk den Streich zurück!“ -- „Erbarmen!“ stöhnte er, „Emanuel,

vielleicht fleht in diesem Augenblicke Dein leiblicher Vater Dich an um

sein Leben --“

„Ich habe den Mann vor der wüthenden Rotte beschützt; es gelang mir,

ihn auf kurze Zeit in Sicherheit zu bringen. Bald aber ist er dem Zorne

seiner sich selbst befreienden Unterthanen erlegen. -- Ich habe in

jenen Tagen nicht geruht, habe mitgerungen den wilden Befreiungskampf,

der empörenden Unthaten gedenkend, die meinem Volke waren angethan

worden. Das erste Opfer dieses Kampfes, der durch des Gutsherrn Kugel

hingestreckte Mann war Nella’s Vater gewesen. Nella, freilich, so

hat sie geheißen, die ich im Walde ihren Verfolgern entrissen. Nella

-- mein Sohn, Du kennst ihr Bild, es steht in unserem Hause und ist

jene Büste, die ich Dir bisher Eos genannt habe. Nella ist mein Weib

geworden.“

„Fast zur selben Zeit aber wird der Aufstand durch Schwert und Strick

gebändigt und den Aufrührern werden lichte Pfähle zum Denkmal gesetzt.

Mir hat es mein Gewissen laut genug gesagt, was ich gethan, ich habe

für mein Volk gestritten. Wäre ich los und ledig gewesen, ich hätte

mich ja hingestellt meinen Blutrichtern: „Da habt Ihr mich, Ihr

Menschenschänder, mordet mich hin, wie Ihr Tausende gewürgt habt; ich

bin ein redlicher Kämpfer meines guten Rechtes!“ -- Aber ein geliebtes

Weib an der Seite, bin ich geflohen. Ueber die Landesgrenze konnten

wir nicht; wir wären verloren gewesen. Doch es hat auch brave Magnaten

im Ungarlande gegeben. Ich sage das von dem Manne an der Theiß nicht,

weil er uns in seine Burg nahm und beschützte, das that er vielleicht

dem Künstler zuliebe, den er in mir verehrte. Ich sage das von jenem

Manne, weil er den Geist der Zeit verstanden und ihm Rechnung getragen

hat. Dieser Magnat hat seine Leibeigenen freigelassen ~vor~ den

Tagen der Gewalt; so haben die Leute freiwillig sein Haus und sein

Leben beschützt vor den wilden Stürmen der Revolution. -- Ein Jahr

lang haben wir unter fremden Namen in seinem Hause gewohnt. Hier hatte

Nella Gelegenheit, ihren eigenen Geist zu bilden, auf daß er ihrem

großen Frauenherzen ebenbürtig wurde. Ich habe in dieser Zeit unserem

Schirmer aus Dankbarkeit ein Marmorbildniß gestaltet, von dem der gute

Mann so entzückt war, daß er mich bittend zwang, eine Summe anzunehmen,

die mir die Sorge für die Zukunft meiner Familie mit einemmale löste.

Freilich kam rasch eine andere größere Sorge auf mich angestürmt.

Unser Schützer starb an einem Herzleiden, und wir waren obdachlos. Und

wir waren mitten im Lande, das mich in Acht und Bann gelegt hatte.

-- O, mein geliebtes Kind! der heißeste Vatersegen vermag es nicht,

des Lebens allumfassendes Ungemach von Deinem Haupte zu scheuchen,

aber niemals möge ein Tag Dir kommen, an dem Du heimatlos mit einer

jungen Gattin die Menschen meiden mußt und friedlos Nächten und Wüsten

entgegenfliehest, um für die zermarterten Glieder eine kurze Ruhestatt

zu finden!“

Der alte Mann beugte tief sein Haupt und die schneeweißen Brauen seiner

Augen wogten auf und nieder.

Der Wald war gar hoch und finster geworden. Die beiden Menschen

schritten rasch. Auf Aladar’s Antlitz hatten während der Erzählung

Gluthröthe und Marmorblässe gewechselt. Jetzt preßte er die Lippen fest

aneinander. Plötzlich aber stand er still und rief in erregtem Tone:

„Vater, laß meine Eltern nicht so lange in der Noth!“

„In Bettlerlappen gehüllt, sind wir gegen den Untergang der Sonne

gezogen,“ fuhr der Greis fort, „sind endlich in das grüne Bergland

gekommen, dessen Alpenkronen den Satzungen der Menschen nicht unterthan

sind, in dessen sangeslebendigen Wäldern blutdürstige Bannflüche

spurlos verhallen. -- Wir sind frei gewesen. Im Kreise des ewigen

Menschenrechtes sind wir leichten und frohen Gemüthes langsam weiter

gezogen, um in den deutschen Landen eine bleibende Stätte zu suchen. --

Siehe, mein Sohn, nun lichtet sich der Wald; wir sind im Thale und vor

uns liegt das Dorf mit den friedlich rauchenden Schornsteinen.“

„So ist es auch an jenem Abende gelegen, als ich und meine Gattin --

das liebe treue Weib -- des steinigen Weges gegangen kamen. Vor Freuden

haben ihre schönen süßen Augen geweint, als sie zu dieser Stunde die

traulich umfriedeten Menschenwohnungen gesehen. Allein, als wir durch

die Dorfgasse schritten, da sind an den Häusern alle Thüren zugegangen.

Ja, ich glaube es, die Bettlerlappen! Aber ich habe mein Schärflein

wohl gewahrt gehabt an der linken Brust, unter einem häßlichen

Filzpflaster. Und auf meinen Ruf, daß wir getreulich Alles bezahlen

wollten, hat uns das Wirthshaus des Ortes aufgenommen. Und nun war es

in derselbigen Nacht --“

Die Stimme des Alten wurde tonlos, wollte versagen. Tüchtig räuspern

mußte er sich, dann schlug er mit beiden Armen in die Luft hinein und

rief: „Ei, geh, das ist albern; hätt’s längst schon verwunden gehabt!

-- In derselbigen Nacht, da -- ja, Freuden, Freuden hat’s gegeben! --

Ein Kind hat mir mein Weib geboren. -- -- O, Du armer, armer Knabe,

daß Du das Mutterherz nicht hast empfunden in Deinen Kindestagen! All’

die Liebe und Freude und Sorge und Sehnsucht und Treue des Vaters ist

nimmer im Stande, das Mutterherz zu ersetzen. Am Tage Deiner Geburt ist

Deine Mutter gestorben. -- Komm, Junge, wir wollen an dem Kirchhofe

nicht vorübergehen; Du weißt ja den Hügel unter dem Ginster.“

Sie traten in den kleinen Friedhof, schritten still zwischen den armen

Holzkreuzen hin, einer grauen Statue zu, die im Dunkel eines Strauches

ragte. Diese Marmorstatue stach ganz wundersam ab von den stümperhaften

und abgeschmackten Darstellungen des Gekreuzigten, der „Schmerzhaften“,

und Insonderheit von den bildlichen Menschengerippen mit Stundenglas

und Hippe, wie sie auf dem Kirchhofe zu sehen waren.

Die Marmorstatue stellte eine Frauengestalt dar, die in ernstem Sinnen

an einer Urne stand, die linke Hand leicht an die Stirn legte und mit

der rechten eine gesenkte Fackel hielt. Ein schönes Ebenmaß lag in dem

Bilde, man fühlte Beruhigung und Frieden, wenn man es betrachtete.

Als sie vor der Statue standen, ergriff der Greis des Jünglings Hand

und sagte: „Hier, Aladar, habe ich Deine Mutter begraben.“

Und nach einer Weile banger, schmerzlicher Stille brach der Bildner

in den Ruf aus: „O, du göttliches Volk der Hellenen! Du hast deine

Todten der heiligen Flamme gegeben und ihr Aschenschnee hat deine

Wohnungen zu Tempeln geweiht. Uns Heilverlassene fesselt die Liebe an

eine Erdscholle und unsere Herzen müssen zu des Gedächtnisses Feier

niedersteigen in die Grauen der Gräberfäulniß. -- -- Vielleicht, mein

Junge, habe ich an Dir gefehlt, daß ich Dich einer städtischen Bildung

entzogen; aber es ist mir unmöglich gewesen, dieses Grab zu verlassen.

Ich war noch nicht an die vierzig Jahre, und dennoch, mein Schicksal

ist erfüllt gewesen. Meine ganze Welt lag in diesem umwaldeten Thale.

Dort oben auf der Bergeshöhe kaufte ich ein Stück Erde und baute das

Haus. Das Waldland ist Deine Wiege geworden, mein Kind, der Frieden

der Berge hat Dich gehütet, Dein einsamer Vater hat das wenige Gute,

das in ihm selber zu finden, in Dich gelegt. Ich hoffe, Du hast nichts

verloren dadurch, daß Dir die Welt, oder was sie so heißen, bisher

fremd geblieben. An der Kunst erfreut sich Deine junge Seele, so

wie die meine noch; und können wir unsere Ideen hier auch nicht in

Marmor gießen, so hauen wir unseren Olymp aus den Stämmen des Tanns

und meißeln unsere Götter aus dem weißen Holze der Linde. -- Ueber

ein Kurzes, und meine Zeit wird ja erfüllt sein. Und ist sie erfüllt,

dann mein Kind bette mich hier an die Seite Deiner Mutter. Vergiß es

nicht, Aladar, und lasse mir das zum Troste sein. Das Menschengemüth

siegt über die Schrecken des Todes und in dem Gedanken der Vereinigung

läßt sich’s freudig sterben. Und hast Du mich begraben, so verkaufe

das Haus auf der Bergeshöhe und ziehe mit Deiner jungen frischen Kraft

in die Welt. Ziehe nicht gegen Mitternacht, dort herrscht die kalte

herztödtende Vernünftelei; ziehe nicht gegen Abend, dort waltet die

schale Phrase und die stolze Ichsucht. -- Ziehe gegen den sonnigen

Mittag hin und küsse mir den Boden der Hellenen.“ -- --

Diese feierliche Stunde ist aber auf eine recht widerliche Weise

unterbrochen worden.

Es lag schon das Abendroth auf dem Marmorbilde, welches das Grab unter

dem Ginster hütete. Der alte Mann wendete sich zum Gehen.

Eine Magd trieb drei meckernde Ziegen heran und gerade dem

Kirchhofsthore zu. Als Aladar sah, daß die Thiere Miene machten, in den

heiligen Garten zu trippeln, stellte er sich sofort vor den Eingang.

„Weg davor!“ rief die Magd, „wirst aber gleich weggehen, Du vertrackter

Bub’, Du!“

„Was wollt Ihr denn?“ sagte Aladar, „die Ziegen gehören nicht auf den

Gottesacker.“

Da hub die Magd gewaltig an zu keifen, und bald eilte aus dem nahen

Pfarrhause ein junges kugelrundes Frauchen herbei; das stemmte seine

Arme in die Seiten und konnte gar possirlich schwatzen. -- „Du

Lotterbub!“ rief sie hell, „die Gaisen laß durch, hörst Du?“

„Nein,“ sagte Aladar gelassen, „die Gaisen laß’ ich nicht durch, und

sollte ich bis zum jüngsten Tag da stehen müssen. Ich habe ein Grab in

diesem Garten und habe das Recht, dasselbe vor Entweihung zu schützen.“

„O du nichtsnutzig Volk!“ schrie das Frauchen, „ansonsten sind sie

Heidenkerle über und über, verlästern die Mutter Gottes ihrer heiligen

sieben Schwerter wegen, schnitzen Weibsbilder, rein wie sie Gott

erschuf --“

Ueber ihre eigene Wendung erschrocken, hielt sie inne.

„Ja wohl,“ lachte der Jüngling, „wie sie Gott erschaffen in der Schöne

und in der Unschuld.“

„Ei ja, spott’ nur zu: Du kannst lange spotten, bis Du unserm lieben

Herrgott ein Ohr abspottest. Euch ist schon gar nichts heilig, als

etwan der schwarz’ Bub’ mit den Hörnern. Wollt’ aber einmal so ein

unschuldig Zickel da drin ein paar Halme nagen, gleich fiele Euch der

Himmel ein. Ja, der Herrgott ist um eine Klafterlänge barmherziger als

so ein hergelaufen Gesindel, der läßt auch im Kirchhof Futter wachsen.

Für wen denn? Fressen die Todten Gras? Gut, Du Neidhammel, so laß es

den Ziegen, und trotz’ nicht und mach’ Dich fein bald auf die Socken,

Du Vagabund, Du!“

Der Greis hatte sich bei dieser Angelegenheit jeglichen Wortes

enthalten. Nun hielt es auch Aladar für überflüssig, noch einmal den

Mund aufzuthun. Er verscheuchte die Thiere, schlug das hölzerne Thor zu

und nahm den Schlüssel mit sich. Das Frauchen zeterte noch, daß es im

ganzen Dorfe nachklang.

Der Bildner suchte den Kirchensteff, um ihm den Schlüssel zu

übermitteln. Er fand den Strohlockenkopf in der Futterkammer seiner

Stallung, unweit der Kuhmagd, und zwar in einem Zustande, der sich

nicht ganz zu jener Entrüstung reimen wollte, die den Steff gestern

abgehalten, bei der capitolinischen Venus Platz zu nehmen. Die Beiden,

der Steff und die Magd, führten nämlich in dieser Verborgenheit

ein behend Tänzchen auf, zu welchem der Brunnen draußen den Takt

plätscherte. Das eben ist das Mißliche bei den Mitgliedern der

Aloisiusbruderschaft, daß sie öffentlich kein Tänzchen und kein Küßchen

halten dürfen.

„Der Freithofschlüssel ist das?“ stotterte der Bauernbursche nun

vor dem Alten, „ja, dann muß ich ihn aber gleich der Pfarrerköchin

schicken, sie kunnt ja die Gaisen nicht unterbringen über Nacht, und

der Ziegenstall ist noch nicht fertig.“

Als unsere Bildner wieder durch den abendlichen Wald hinaufgingen,

sagte der Greis zum Jüngling:

„Was meinst Du, mein Junge, wirst Du noch einmal den Anwalt der Todten

spielen?“

„Das werde ich,“ versetzte Aladar trotzig.

„Du Schwärmer, ich will Dir ein Wort sagen.“

„So sage es.“

Der Alte blieb stehen und sagte gelassen: „Der ~Lebende~ hat

Recht.“

* * * * *

Das Frohnleichnamsfest war pomphaft abgehalten worden. Die Gemeinde

war mit Fahnen und Kränzen durch das Thal gezogen; der Weihrauch stieg

empor und verschwamm in dem Sonnenäther des Morgens. Weiße Jungfrauen

trugen das dicht verschleierte Bild der „Schmerzhaften“ mit den

Schwertern. Kerzenlichter flimmerten und zwei Glöcklein begleiteten

den Zug. Der Kirchenvater hatte einen rothen Mantel um und trug mit

noch drei anderen ehrenhaften Männern den „Himmel“, unter welchem der

Priester ging. Der Steff trug die Aloisiusfahne und seine Augen schlug

er fromm zum Himmel auf oder züchtig zur Erde nieder.

Der alte Eman stand auf dem Söller seines Hauses und blickte in das

Thal und auf den Gottesdienst unter freiem Himmel. Er hörte die

Glöcklein, er sah das Flimmern der Lichter.

„Wohl,“ lispelte er, „die Trophäe des Prometheus tragen sie auch mit

sich. Noch lebt ein Funken der Lichtsehnsucht unter den Menschen.“

Aladar hatte den kirchlichen Auszug von der Nähe besehen, als er nach

Hause kam, war er kleinlaut und schwermüthig.

„Du bist ergriffen, Aladar,“ bemerkte der Alte, „ja, es liegt etwas

unendlich Rührendes in dem Gedanken, wie heiß die Menschen aller Länder

in ihrer Art nach dem Reiche Gottes ringen.“

Aber der Jüngling wendete sich ab und schwieg. Und sein sonst so

freundlich offenes Gesicht war betrübt.

Das blieb tagelang so, und Meister Eman kam schon auf den Gedanken, es

sei in seines Sohnes Herz jener Funken gefahren, der ewiglich aus Eros’

Fackel sprüht, alle Jugend durchlodert und die Welt vor Erstarrniß

wahrt.

Aber es war etwas Anderes, und seines Jungen Schwermuth sollte der Alte

auch an sich selbst erfahren. Eines Tages, als Eman wieder das Grab

seines Weibes besuchte, fand er die Marmorstatue zertrümmert. Jedes

der Stücke, die auf den Hügel lagen, trug die Spur einer gewaltsamen

Zerstörung. Eman fragte nicht, wer es gethan. Er wankte nach Hause,

that einen Blick nach der Büste der Eos, stieg empor die Treppe, setzte

sich auf den sonnigen Söller und starrte hinaus in die Himmelsweite.

In seiner Werkstatt hatte er von diesem Tage ab nichts mehr angerührt.

Helios’ schönes, kunstreich vollendetes Haupt ragte fast dämonenhaft

aus dem starren Holzklotze; kein Schnitt wurde an dem Bilde mehr

gethan. Der alte Mann saß, selbst eine Bildsäule geworden, auf dem

Söller und blickte unverwandt in den lichten Sommer hinaus. Er war im

Herzen getroffen.

Aladar war Tag und Nacht bei seinem kranken Vater. Einmal hatte er es

versucht, ihn zu trösten, da lächelte der alte Mann und sagte: „Des

Menschen Werk wird vergehen, aber sein Ideal lebt. Und es lebt die

Treue. Laß mich, mein Kind, das Auge noch im Lichte weiden, ehe es in

den Schatten des Grabes vermodert.“

Als in den nahen Tannen die reinen Lüfte des Herbstes zu rieseln

begannen, war der alte Eman in dem Tempel seines Hauses entschlummert.

Aladar, der schöne Jüngling mit dem stolzen freundlichen Lockenhaupte,

stand vor dem Schläfer und ließ sein umschattetes Auge ruhen auf

dem lieben alten Antlitze, das die Silbersträhne des Haares und

des Bartes ehrwürdig umrankten. Das war ein freundliches Bild, die

Furchen der Stirn waren völlig geglättet, auf den schmalen Wangen lag

ein mildes Weiß und auf den Lippen lag die Güte und das Lächeln des

Entschlummernden versteinert.

Aladar umarmte den Todten und küßte mit Innigkeit das Angesicht. Dann

ließ er ihn auf dem wohlverwahrten Söller sitzen, das Antlitz nach dem

Aufgange der Sonne gewendet.

Und dann verschloß er das Haus. Im Freien stand er still und blickte

rings um sich. War das sein heiteres Heimatsthal? Nein, das war die

kalte Fremde.

Zum Dorfe stieg er hinab und im Pfarrhofe klopfte er an.

Das Frauchen ließ ihn unzähligemal klopfen und war gar außerordentlich

vergnügt, daß es jenen verweigerten Eingang in den Kirchhofsgarten an

diesem Thore vergelten konnte. Endlich kam der Pfarrer selbst, um zu

öffnen.

Aladar berichtete den Tod seines Vaters und bat den Pfarrer, das Grab

für den Verstorbenen an der Seite jenes seiner Gattin bereiten lassen

zu wollen.

„Lieber junger Herr,“ entgegnete der Seelsorger, „selbst der beste

Christ kann bei uns die Stelle seines Grabes nicht wählen; wir begraben

die Leute nach der Reihe.“

„Irre ich nicht, Hochwürden, so ist in dieser Zeit die Reihe ungefähr

am Grabe meiner vor sechzehn Jahren hier verstorbenen Mutter. Der

Todtengräber hat mir gesagt, daß der Kreis auf dem Kirchhof von

sechzehn zu sechzehn Jahren vollendet wird. Der Preissatz wird für

beide Gräber sofort bezahlt werden.“

Der Pfarrer ging langsam die Stube auf und ab und barg seine Hände in

den Taschen seines Taffet-Talars.

„Es ist gar sehr die Frage, junger Mann,“ entgegnete er nun, „ob es

überhaupt statthaft ist, Ihren Vater in unserem katholischen Friedhofe

zu begraben. Wie stand es mit seiner Religion?“

„Ich kann den Taufschein aufweisen,“ sagte Aladar.

„Ei jerum!“ machte der Pfarrer, „auf den Taufschein kommt es nicht

an; einen solchen hat der Luther auch gehabt. Es sind ganz andere

Bedenken. Ihr Vater hat lange Jahre in unserer Gemeinde gelebt; ist

er aber jemals in der Kirche gesehen worden? Hat er nicht mit unseren

altehrwürdigen Bildnissen gehadert? Hat er nicht zum Aerger der ganzen

Gemeinde eine stockheidnische Darstellung mitten in unseren Kirchhof

gesetzt? Und sein Haus dort oben, ist es nicht ein wahrer Götzentempel

voll gottloser unzüchtiger Bildnisse? Der Künstler hat sein Talent von

Gott; wehe Dem, der es zu Gottes Schmach mißbraucht!“

„Mein Vater hat sein Künstleramt gewissenhaft erfüllt!“ versetzte

Aladar mit Nachdruck.

„Leider hat er diesen frevelnden Stolz bewahrt,“ entgegnete der

Priester mit leiser Stimme und blieb vor dem jungen Manne stehen;

„Verirrungen sind menschlich, und Gott, der ein verlorenes Schaf mit

Schmerzen sucht, hat Ihrem Vater durch eine wochenlange Krankheit

reichliche Gelegenheit zur Bekehrung und Buße gegeben. Hat er die

Gnadenzeit benutzt? Hat er auch nur ein einzigmal die Tröstungen der

Religion verlangt? In vorsätzlicher Unbußfertigkeit ist er gestorben.“

„Herr!“ unterbrach hier Aladar, aber er kämpfte seine Aufwallung

nieder.

„Junger Mann,“ sagte der Pfarrer, „rufen Sie Ihr „Herr“ auf der Gasse,

wo Ihresgleichen ziehen. Im Pfarrhofe haben Sie Ehrerbietung zu

beobachten. Verstehen Sie mich?“

„Ich bitte um Verzeihung, Hochwürden, aber die Vorwürfe, die Sie gegen

meinen Vater schleudern, sind sehr ungerecht; er war ein Ehrenmann.

Auch ~er~ hat Ehrerbietung zu fordern.“

Der Seelsorger schwieg einen Augenblick, dann sagte er etwas gedämpft:

„Mag sein, darüber wird Gott im Himmel richten. Was aber das Begräbniß

Ihres Vaters anbelangt, so thut es mir leid, Ihnen mittheilen zu

müssen, daß die Kirche einem solchen Mann ihren Segen und die geweihte

Erde nicht gewähren kann.“

Aladar erblaßte.

„Und Sie wollen meinem Vater ein Grab auf dem Kirchhof verweigern?“

sagte er fast tonlos.

Der Priester zuckte die Achseln:

„Ich verweigere es nicht, ich bin ein Diener der Kirche. Und die

Kirche kann einen Menschen, der so weit entfernt war, der Unsere zu

sein, der so böses Aergerniß gegeben -- sie kann schon aus Rücksicht

für die Gemeinde einen solchen Menschen nicht in die Gemeinschaft der

Christgläubigen aufnehmen.“

„Und wissen Sie, daß mein Vater, als er sein Weib hier begraben hatte,

auf die Welt, auf ihre Güter und Ehren, auf die Künstlerlaufbahn

verzichtete, in dieser Gegend verblieb, Entbehrung, Schmach und

Kränkung in aller Weise erduldete, nur um den Grabhügel seiner Gattin

zu hüten und dereinst an ihrer Seite ruhen zu können? Aber nein, Ihr

wißt ja nicht, was Gattenliebe heißt, was Herzenstreue bedeutet --“

Diese unüberlegte Aeußerung traf.

„Jetzt hab’ ich genug!“ rief der Geistliche mit dunkelrothem Gesicht,

„lästern Sie den Satan! Wir sind fertig und der Todte wird hinter der

Kirchhofsmauer begraben.“

„Das wird er nicht, mein Herr!“ sagte Aladar und legte seine rechte

Hand auf die Brust.

Ruhigen Schrittes verließ er den Pfarrhof. Durch das Küchenfenster

grinste ein volles Gesichtchen heraus und ahmte das Meckern einer Ziege

nach.

Zur selben Stunde läuteten die Kirchenglocken, sie läuteten alle vier,

sie läuteten lange. Es waren Todtenklänge; ein reicher Bauer der

Gemeinde war verschieden.

Aladar schritt in den Kirchhof. Der Kirchenvater und sein Sohn, der

strohlockige Steff, arbeiteten am Ginsterstrauch und gruben ein Grab.

Sie gruben es nicht für den fremden Mann, der oben im fremden Hause

verschieden war; sie gruben es für den reichen Bauern.

Aladar blieb entsetzt stehen und starrte auf die Arbeiter hin. Sie

gruben in den Grabhügel seiner Mutter ein. Schon wollte er hinstürzen

und ihnen den Spaten aus der Hand reißen, da besann er sich: „Ei, sie

haben ja Recht, sie sind an der Reihe. Das Weib, das sie vor sechzehn

Jahren zur ewigen Ruhe bestattet, hat nur zur Miethe hier gewohnt. Die

Zeit ist aus, die Schaufel klopft an....“

Er trat an das Grab heran und blickte hinab. -- Moder des Sarges, fahle

Lappen, Knochen, Haarlocken -- Jüngling, das war ein grauenhafter

Anblick, der hat dir das lieblich schöne Bild der Mutter, wie es dir

dein Vater in der Erzählung und in dem Bildnisse der Eos als Erbe

hinterlassen, ganz und gar zerstört. Das Grab wurde durchwühlt, die

Gebeine herausgeworfen auf den Rasen. Aladar erfaßte das Knochenhaupt

mit beiden Händen und seine thränenschweren Augen starrten in die

tiefen Höhlen.

Das Buch der Novellen. Erster Band · 第 14 / 32 题