Die Harfenspieler.
Die Gegend ist fremd, der Wald ist finster und abendlich, die Wege
verrinnen in den Schluchten, an den Hängen, in den Dickichten -- und
wir haben keine Zuflucht. Ueber den Almen und Felswänden hängen die
Wolken, die schweren, hochsommerlichen Wolken. Die Bäume wagen sich
nicht zu rühren, denn in ihren Zweigen schlafen die Vögel.
In den Tiefen rauscht der Waldbach; -- wenn in den Tiefen so sehr der
Waldbach rauscht, sagen die Leute, dann kommt ein Sturm.
Wir wollten hinüber zum Kirchlein des heiligen Hubertus, das im Walde
steht und den Waldleuten am Tage des Herrn als Versammlungsort dient.
Nun ist keine Zeit dazu. Laßt jetzt auch das Suchen nach Himbeeren und
Alpenrosen -- es fallen schon die schweren, eiskalten Tropfen.
Ein mattes, plötzliches Hinleuchten zwischen den Stämmen -- da beginnt
es hoch oben zu rollen, rauh und schwer, wie das Aufathmen des Himmels,
dem der Alp auf der Brust sitzt. Jetzt werden die Bäume wach. Sie
schlagen mit den Aesten um sich, das Gevögel schreckt auf. Der Wald
rauscht, hoch in den Wänden tost der Widerhall -- über den Wipfeln
kreist der Habicht, der bringt den Sturm.
An uns Eilenden huscht ein Mann vorüber, eine schwarze, verwilderte
Gestalt mit einer Flinte. Plötzlich steht er wie gebannt, lauert,
kauert sich zu Boden und richtet den Lauf des Gewehres in die Luft.
Wie von seinem glühenden Auge entzündet, kracht der Schuß -- aus den
Lüften nieder stürzt der Habicht. Das Thier fällt an den Bäumen langsam
von Ast zu Ast herab und bleibt endlich hängen über dem Haupte des
Schützen. -- Am Felshange fliegen die Wolken herab. Der Mann klettert
auf den Baum wie eine Wildkatze, faßt mit den Zähnen den todten Vogel,
springt zur Erde und eilt durch Wald und Wettersturm der Hütte zu.
Die Hütte steht zwischen uralten Fichten; vor derselben sind rauchende
Kohlenmeiler, der Bretterbarren und der Ziegenstall; hinter ihr der
brausende Bach.
Und aus dieser finsteren Hütte schimmert zu den kleinen Fenstern Licht
heraus in die große, wilde Welt. Die Thüre ist verschlossen, der Mann
rüttelt: „Kilian! Mach’ auf, die Räuber und Mörder sind da!“
„Erschreck’ Du einen Andern,“ sagt hierauf eine Stimme von innen, „ich
kenne Dich wohl, Du bist der Hans.“
„Und darf der Hans in dieser Nacht bei Dir sein?“ fragte der
Ankömmling. Die Thüre ging auf, der Kohlenbrenner stand da und sagte:
„Bist gern gesehen.“
„Sollst es nicht umsonst thun, ich geb’ Dir ein paar Pfeifen Tabak.“
„Die paar Pfeifen Tabak nehme ich,“ sagte der Kilian, „aber für das
Dableiben wirst nichts schuldig. In so einer ungestürmen Nacht ist’s
kurzweiliger, wenn Zwei sind. Die Brautleut’ sind nach Feichtau
gegangen und noch gar nicht daheim, die stecken sich bei dem Gewitter
heilig unter einen Tannenbusch.“
Der Köhler, der das sagte, war eine große, derbe Gestalt, deren
Gesichtszüge unter dem dichten Kohlenruß kaum zu erkennen waren. Seine
Augen schauten offen und sanft. Er stak in einem weiten Lodenkittel,
die Schenkel umspannte eine verschlissene und versengte Lederhose, vom
Knie abwärts waren die Füße nackt bis auf die Holzschuhe. Er warf Aeste
und Kohlen in sein prasselndes Herdfeuer, welches den vorderen Raum der
Hütte durch den Rauch mit flackerndem Roth erhellte. Zu Fuß des Herdes
war ein beweglicher Holzbalken, und so oft der Mann auf denselben trat,
sprühte und lohte das Feuer in heftiger, blauer Flamme auf. An der
berußten Holzwand hingen unter Haus- und Küchengeräthen große Hämmer,
Zangen und Hacken, und neben dem Herde stand ein kleiner Amboß.
Der Köhler ist hier auch Schmied. Er schmiedet den Holzleuten im
Edelwalde ihre Aexte, Beile, schärfte ihre Steigeisen und Sägen -- er
ist der Geschicktesten, Fleißigsten und Wichtigsten einer im Walde.
Auch ist ihm was dafür geworden.
Hinter seiner Werkstatt und Küche -- das ist Eins -- hat er eine recht
geräumige Stube, da drin steht ein halb Dutzend Lehnstühle um einen
langen Tisch herum. An der Wand sind Reh- und Hirschgeweihe, von denen
des Köhlers Töchterlein seiner Tage meinte, sie wären aus dem Holze
herausgewachsen. In der Tischecke ist das übliche Heiligthum -- ein
rauhgeschnitztes und hellbemaltes Muttergottesbild. Darüber ist allweg
ein Kranz von Tannenzweigen oder Preißelbeersträuchern gewunden, im
Frühjahre auch von Eriken, im Sommer von Farrnkräutern und Alpenrosen,
im Herbst aus Enzianen und Edelweiß -- im Winter schmiegt sich ein
kunstvolles Gewebe von farbigen Moosen um des Hauses Heiligthum.
In dieser Stube treibt Kilian ein drittes Gewerbe. Dort im
rauchgeschwärzten, aber reichgeschnitzten Kasten -- der ist aus alten
Tagen, heute schnitzt man weder in den Städten, geschweige im Walde so
kunstreiche Möbel -- stehen große volle Flaschen und ringsumher, wie
durstige Zicklein um die Mutter, kleine Trinkgläschen.
Agnes, des Köhlers Töchterlein, ist in den Herbsttagen durch Gehege und
Geschläge gegangen, hat Vogelbeeren und andere Beeren und Steinobst und
Gewurzel gesammelt, und der Vater hat neben den Meilern einen kleinen
Ofen gebaut, einen Thonkessel mit langem Rohre darüber eingemauert
und in diesen Kessel die Waldfrüchte gethan, hat Alles fest verklebt
und verschlossen, darunter Feuer gemacht, vor das Rohr eine Flasche
gestellt und gerufen: „Jetzt, wenn ein guter Geist drinnen ist, so
komme er heraus, ich beschwöre ihn!“ --
Also ein Geisterbeschwörer? Nein, ein Branntweinbrenner. Aus dem langen
Rohre begann es vorerst zu dunsten, dann zu tropfen und endlich floß
ein helles Brünnlein in die Flasche. Das war Kilian’s drittes Gewerbe.
Und wenn dann die Holzer, die Pecher, die Hirten, die Wurzner und
Kräuterer, die Jäger und auch die Wilderer kamen, so setzten sie sich
an den Tisch und redeten von Dem und Dem, was da im Walde war und nicht
sein sollte, oder nicht war und sein könnte, oder auch was recht war,
daß es war, oder recht war, daß es nicht war. Kam dann allemal der
Kilian herbei und fragte: „Mögt’s Einen?“ Und sie darauf: „Gieb her
Einen.“
Dann schlugen sie für das funkelnde Gläschen auf den Tisch die Münze
hin, so fest, als wollten sie dieselbe vor dem Weggehen noch in Holz
abprägen. Und das Wirthsgeschäft war Kilian’s viertes Gewerbe.
In der Köhlerhütte, Schmiede, Branntweinbrennerei und Schenke ging’s
denn auch immer recht lebhaft zu. Da saßen sie stundenlang, nächte-,
ja oft tagelang zusammen, die rauhen wildbärtigen Wäldler; jeder hatte
sein Griesbeil neben sich lehnen und in der rechten Hosentasche ein
langes, blitzendes Messer stecken. Manchem davon wäre auf entlegenem
Waldweg nicht gut begegnen, sagen die Jäger. Der rechte Waldmensch
mag unter allen Raubthieren den Jäger am wenigsten leiden. Der
schießt ihnen den Braten vor der Nase weg und läßt, wenn er kann, die
so Benachtheilten noch einsperren. Der Wäldler beichtet und betet,
arbeitet und fastet, ist ein guter Kerl, aber dem Jäger trotzt er bis
auf’s Messer. Gegenseitig mögen sie sich aus purem Jähzorn erschlagen,
aber den Jäger morden sie mit Vorsatz. Wildschützen sind sie, und ginge
es um Erd’ und Himmel.
Jetzt, da Kilian den Hans in die Stube führte, war sie leer. Der Köhler
nahm dem Gast die Flinte ab und verbarg sie unter einer Diele des
Fußbodens.
„Magst Einen, Hans?“
„Hast einen rechten Beißer, so gieb ihn her.“
Der Köhler steckte einen brennenden Span in den dazu bereiteten
Wandhaken, brachte Schnaps und sagte: „Ich glaube schier, Du hast Dir
heute keinen verdient.“
„Wesweg meinst das?“ fragte der Andere.
„Weil Du nichts, als wie den Wettergeier bei Dir hast.“
„Glaubst Du,“ sagte der Hans, „man fängt die Rehböcke und Gemsen so
unter den Steinen heraus, als wie die Regenwürmer? Ei ja, wenn diese
kreuzverfluchten Jäger nicht wären! Aber heut’ sind sie Dir wieder
den ganzen Tag im Wald herumgestreift wie räudige Füchse. Und wenn
Einer einmal sechzehn Jahr’ im Kotter sitzt, wie ich, nachher fährt
er nicht mehr so hitzig drein. Probir’s nur selber. Wär’ Dir heute
recht gut zu Schuß gekommen. Steht so etlich sechzig Schritt vor mir
ein Vierzehnender, ein sakrisch Thier! Ich mich gleich hinter den
Busch niederlassen und zur Wange fahren, ist das Erste. Paff! schnalzt
es auf der anderen Seite und der Bock stürzt hin. Vermaledeit! denk’
ich -- grad daß ich nicht geflucht hab’ -- muß ein Jäger da sein.
Sehe ich auch schon den Franzinger, wie er dem Thiere zuläuft. Jetzt,
Franzinger, jetzt kommst mir zurecht, denk’ ich, jetzt zahl’ ich,
daß Du mich in den Arrest hast geschickt! -- und leg’ den Finger an
den Hahn. Weiß der Teufel, wie mir gäh sein Kathel einfällt und die
Kinder, zittert mir der Finger am Hahn. -- Kathel, denk ich, Dich
hab ich einmal gern gehabt, und ist Dir auch der flott’ Jägerbursch’
lieber gewest wie der arme Hans, ich trag Dir’s nicht nach, ich hab
Dich einmal gern gehabt. -- Und schieße nicht. Bin durch den Anwachs
gefahren, als hätte ich das wilde G’jaid hinter mir. Was schieß’ ich
heut’, daß mir die Kugel im Rohr nicht faul wird? Da seh’ ich den Geier
und brenn’ ihn herab. Sollt’ eigentlich der Franzinger sein. Magst ihn
haben, Kilian, nagle ihn auf Deine Hauswand, wenn Du willst, nur die
paar Federn behalte ich mir, und noch was.“
„Ein sauberer Vogel,“ meinte der Köhler und wendete das Thier über und
über, „ich mag ihn schon; mein Hühnervolk wird sich freuen, wenn es den
Geier einmal auf die Wand genagelt sieht. Dank Dir Gott, Hans.“
Als der Köhler hinaus zu den Meilern nachsehen ging und der Hans allein
in der Stube war, zog er sein Messer aus der Tasche, stach dem Habicht
die Augen aus und verzehrte sie.
„Hast auch den Glauben,“ sagte später Kilian, „daß gegessene Geieraugen
dem Schützen einen recht scharfen Blick machen?“
„Ich habe gar keinen Glauben,“ versetzte der Hans, „ich weiß es;
Geieraugen sind allemal ein sicheres Mittel für so was, aber gut müssen
sie sein.“ Er führte die Sache nicht weiter aus, er warf den Vogel
unter die Bank; dann zündete er die Pfeife an, ließ sie aber wieder
ausgehen. Er starrt finster auf den Tisch. Die Spanflamme schüttelte
sich hin und her, als sei sie nicht recht einverstanden mit dem, was
der Wilderer denkt.
Draußen braust der Wettersturm. Man hört die Bäume rauschen und die
Wipfel krachen -- die Wände des Hauses ächzen; der Bach rauscht und bei
dem Leuchten der Blitze sieht man sein wachsendes Fluthen und Anprallen
an die Steine und Ueberquellen aus dem Ufer. Die Donnerschläge mögen
bald verhallen, die Regen versiegen, die Wetter vergehen -- als Herr
bleibt der Wildbach. Wer hat dem Köhler erlaubt, hier seine Hütte
aufzustellen? Fort damit! Eine Felswand nimmt sich noch der armen
Köhlerei an; der Rasende zerschellt an ihr und schäumt wüthend dahin,
hier einen Baumstrunk, dort ein Stück Erde mit sich reißend.
„Der Mensch wird rauschig, wenn er zu viel Branntwein trinkt, der Bach,
wenn er zu viel Regen trinkt,“ sagt der Kilian. Er weiß es, morgen ist
das Bächlein wieder klar und klein und hilft ihm die Kohlen löschen und
den Schnaps kühlen und leugnet Alles, was es heute gethan.
Der Kienspan verlosch, aber im Herzen des Hans brannte es fort.
Draußen wurden mehrere Stimmen vernehmbar. Der Kilian ging, um zu
sehen, und rief: „Seid Ihr endlich da, Ihr verdankten Leut’ Ihr! Gott
Lob und Dank, daß Ihr da seid.“
Ein junges, heiteres, erwachsenes Mädchen und ein eben solcher Bursche
kamen in triefenden Wettermänteln hereingestolpert.
„Na, heut’ wohl, Agnes!“ rief der Kilian, „heut’ hat’s Dir den
Brautkranz wohl aufgefrischt. Was hab’ ich denn gesagt zu Mittag?
Hab’ ich nicht gesagt, es kommt was? Es sind die Gelsen so in’s Feuer
geflogen. Jetzt macht Euch zurecht, Ihr Lotterer Ihr! Die Dirn’ weiß
Bescheid; und Du, Baldl, häng’ da Deinen Wettermantel über den Herd;
wie Deine Haut trocken wird, sieh’ selber zu.“
„Aber nein,“ rief das Mädchen, „aber so was, da ich bin ganz
zusammengeschlagen vor Schreck!“
„Was hast denn Du wieder für einen Schreck gehabt?“ fragte der Vater.
„Geistern thut’s schon wieder oben bei der Huberts-Kapelle. Daß ich
Euch nur sag’! ’s ist die Nacht und der Regen da, wie wir vorbeigehen.
Stehen wir unter’s Dach, sagt der Baldl. Ist mir nicht lieb, sage ich,
bei der Kapelle thut’s gern einschlagen. Hat der Uebermuth d’rauf noch
gesagt, ein bissel Feuer wär ihm lieber, wie so viel Wasser -- so eine
Sündhaftigkeit sagen! Und wie wir unter das Dach springen wollen, sag’
ich: bleib’ stehen, Baldl! Hab’ ich so ein Summen und Klingen gehört in
der Kapelle, gerade wie wenn von weitem Posaunen thäten blasen. Hab’
den Baldl zu mir gerissen und sind durch’s Wetter herabgefahren wie
nicht gescheidt. Und jetzt verspür’ ich erst den Schreck.“
„Ihr seid’s zwei Kinder und wollt’s schon heiraten,“ sagte der Köhler,
„wo habt Ihr aber den Pechhacker gelassen?“
„Der ist zu seinem Mardereisen nachschauen gegangen, muß bald da sein.“
Die zwei Leutchen, die hier so naß geworden waren, hatten heute einen
sehr schönen Feiertag gehabt. Sie waren in Begleitung des Pechhackers
drüben in der Feichtau beim Pfarrer gewesen. Der Baldl ist unter den
Holzleuten im Edelwald der Meisterknecht oder Vorarbeiter. Er ist im
Holz geboren und kennt sich in demselben aus, wie ein Borkenkäfer. Wie
er Vorarbeiter wird, fällt’s ihm auf einmal ein, er will auch eine
Vorarbeiterin haben, und geht in die Köhlerhütte und schürt Kohlen, und
geht in die Schmiede und schmiedet das Eisen, so lange es warm ist. Da
ist lange hin und her geredet worden, haben etliche Gläschen Branntwein
dabei getrunken und der alte Pechhacker, des Kilian Gevatter, hat
bei diesem Reden und Rathen vor lauter Sinnen und Grübeln ein neues
Pfeifenrohr zerbissen.
Endlich ist Alles richtig worden; in einer Woche ist der Ehrentag in
der Feichtau beim Wirth, da, verhoff’ ich, wird der Gevatter wieder zu
einem neuen Pfeifenrohr kommen.
In der Luft war es endlich wieder still geworden, nur von den Bäumen
rieselte es nieder. Die Meiler draußen, die waren nach dem Regen
schwarz, wie vor demselben. Nur der aufsteigende Rauch ist jetzt in der
Nacht schier weißer als sonst.
Endlich kam der Pecher heim. Aber er kam nicht allein, hinter ihm
humpelten ein Mann und ein Weib in fast fremdartiger Kleidung; mit
den seltsamen Päcken, die sie mit sich schleppten, stießen sie an die
Thürpfosten, daß es klirrte.
„Holla ho, Hochzeitsleut’!“ rief der lange, hagere Pechhacker, „lustig
sein, ich bring’ die Musikanten mit!“ Damit warf er einen breiten
Filzhut auf die Bank, daß es spritzte.
„Was hast denn Du für zwei Fledermäuse bei Dir?“ fragte ihn der Hans,
auf die abenteuerlich aussehenden Fremden deutend.
„Die hab ich’ da oben in der Kapelle aufgestöbert -- über und über naß,
unter und unter schier erfroren. Haben im Gebirg’ den Weg verloren,
sagen sie, und in der Kapelle übernachten wollen. Das geht nicht, hab’
ich gesagt, ich hab’ ein großes Vertrau zu dem heiligen Hubertus, aber
ich glaub’, bei Menschenkindern thut Euch diese Nacht besser. Es geht
ein eiskalter Wind, weil es auf der Scharnhöh’ gehagelt hat, und das
Weibel, sag’ ich, schaut ohnehin schier einer kranken Henn’ gleich. Der
Kilian da unten, sag’ ich, nimmt Euch über die Nacht schon in sein Haus
und kocht Euch eine warme Suppe -- wird keine Schwierigkeit setzen.“
„Eine warme Suppe können sie schon haben,“ meinte der Kilian, „aber mit
der Liegerstatt wird’s heut’ schlecht ausschauen.“
„Nein, nein,“ murmelte jetzt der Mann in fremder Kleidung -- er war
betagt und hatte eine heisere Stimme -- „für mich ist Alles gut, auch
auf dem Fußboden da schlaf’ ich; aber die Meinige da, die ist mir krank
worden, für sie thät ich wohl um ein warmes Nestlein bitten, wenn es
sein könnte.“
„Wohl um Gotteswillen!“ flehte das Weib und faltete ihre bebenden Hände.
Das war schon durch und durch ein nasser Abend, auch in den schönen
veilchenblauen Augen der Agnes gab’s jetzt Wasser. „Das ist ja leicht,“
sagte hierauf das Mädchen, „die Frau schlaft oben auf dem Dachboden in
meinem Bett, und den Bärenpelz drauf; dafür bleibt der Mann bei uns in
der Stube und zieht dem Ding da die Pfaid ab.“
Sie hatte bemerkt, daß der Alte in seinem Sack eine Harfe stecken
hatte. Der Baldl sah seinen Vortheil und unterstützte den Antrag des
Mädchens. Und so wurde es. Das fröstelnde Weib trank aus der hölzernen
Schale warme Ziegenmilch, dann barg es mit Sorgfalt sein Instrument, es
war eine zweite Harfe, in die Ecke, sagte Allen eine gute Nacht, ließ
sich auf den finsteren Dachboden führen und legte sich in’s Bett unter
den Bärenpelz. Der Alte hatte seinem Weibe noch nachgeschaut und dann
gesagt: „Was ich froh bin, daß sie zum Schlafen kommt; ich thue, was
Ihr wollt.“
Für’s Erste wollten sie, daß er sich in ein trockenes Gewand stecke,
dann, daß er ein Glas Branntwein trinke. Dann zündeten sie einen
frischen Span an und setzten sich um den Tisch.
„Na, Hans, was ist’s mit Dir?“ polterte plötzlich der Pecher den
finsteren Gesellen an, der wortkarg in seiner Ecke kauerte, „was
meinst, wann erwürgen wir den Franzinger? Mir hat der Scherg’ das
Mardereisen ausgehoben. Will er Einem auch das Raubthierfangen nicht
mehr vergunnen. Der giebt nicht Ruh, so lang’ er nicht die Bohne im
Leib hat.“
Der Hans ließ unter der tief in die Stirne gedrückten Hutkrempe hervor
einen Blick schießen. „Ja,“ murmelte er, „’s ist Einem verteufelt
langweilig am Abend, wenn man nichts geschossen hat.“
Mittlerweile war Agnes in Unterhandlung mit dem fremden Mann -- der
Harfe wegen. Es war ihr so wunderlich in den Füßen, just als hätte sie
auf jeder Zehe ein loses Rädchen. Und kaum legte der Mann die Finger an
die Saiten, haschte Agnes nach ihrem Baldl. Aber -- die Saiten wollten
nicht klingen. Der Regen hatte sie heiser gemacht.
„Sie werden schon trocken, derweil trink’ Branntwein,“ sagte Kilian zum
Fremden, „mit Verlaub zu fragen, von wo seid Ihr denn her?“
„Wo wir hin wollen, meint Ihr,“ versetzte der Mann, „wir sind alt,
wir kommen aus der Fremde und gehen der Heimat zu. Im Böhmerland sind
wir daheim, nach dort sind wir jungerweise aus Preußen eingewandert.
Jetzt ziehen wir schon über vier Jahr’ in der Welt herum und musiciren
den Leuten was vor, weil uns von Heim der Jammer vertrieben hat. Wo
es lustig zugeht, da bleiben wir; wollen sie tanzen, so spielen wir;
wollen sie hören, so singen wir -- die Meinige hat eine gute Stimme
gehabt, letzt’ Zeit freilich, da ist ihr der Stimmstock umgefallen.
Jetzt geht’s nicht mehr recht, und wenn wir singen, so geben uns die
Leute Geld, daß wir aufhören sollten. Ist auch recht, sag’ ich, so
brauchen wir keine Saiten zu stimmen; aber der Meinigen hat’s das Herz
abdrücken wollen -- das Singen ist ihr noch der Trost gewesen, seit der
Junge todt ist.“
„Trinkt wacker,“ sagte der Köhler, „ich füll’ nach. Ihr müßt auch harte
Sach’ durchgemacht haben.“
„Ja, das glaube ich!“ lachte der Musikant überlaut auf.
Dann schwieg er. Dem Kilian that’s leid, daß die Erzählung des Mannes
verstummen wollte, er sagte denn nach einer Weile: „Böhmen soll ja ein
schönes Land sein.“
„Ein schönes Land,“ antwortete der Fremde.
„Was giebt’s denn Neues dort?“ fragte der Köhler äußerst ungeschickt.
„Ich bin schon lang’ nicht mehr dort gewest. Dazumal hat’s Neues genug
gegeben. Sind unsere Landsleut, die Preußen gekommen, haben uns das
Haus niedergebrannt und unsern Sohn todtgeschossen. D’rauf sind wir
fort. Gehen wir vor den deutschen Leuten nicht mehr sicher, sag’ ich zu
der Meinigen, so müssen wir halt in’s fremde Land! und sind über das
Gebirge in’s Wellische hinein.“
„Jetzt soll ja schon lang’ wieder Alles gut sein,“ sagte der Köhler.
„Das haben wir auch gehört und so reisen wir wieder heimwärts.“
„Und was hört man sonst Neues?“ fragte nun der Pecher und stopfte sich
aus einem Blasenbeutel Tabak in die Pfeife.
„Die Franzosen sollen wieder anrücken,“ sagte der Harfner.
Ueber dieses Wort richteten Alle ihre Köpfe auf; auch der finstere Hans
den seinen.
„Die Franzosen wieder anrücken?“ meinte der Köhler, „das ist ’leicht
doch eine Lug, Vetter!“
„Wird hübsch wahr sein, der Napoleon will uns wieder haben.“
Jetzt hörte man nichts, als den Wildbach draußen. Plötzlich aber schlug
der Pecher mit seiner knochigen Faust auf den Tisch, daß die Gläser
emporsprangen. „Sakra,“ fluchte er, „wenn sie wieder kommen, so setzt’s
was! Sie sind schon dagewest und unsere Vatersleut haben sich treten
lassen, daß es schon ganz hündisch ist gewest. Aber wir raiten anders,
wir! Mit Hacken und Messern fahren wir drein und klieben ihnen die
Schädel auseinand. Edelwaldleut, wir sind keine Hundsfötter, wir sind
freie Leut. Kreuzsakerment!“
Der Mann war aufgesprungen und hatte sein langes Messer mit einem
schweren Fluch in den Tisch gestoßen.
„Was hat er denn,“ fragte der Baldl.
„Er wird allemal so wild, wenn von den Franzosen die Rede ist,“ sagte
Kilian, „sie haben seinen Großvater erwürgt.“
„So haben sie ihn erwürgt in des Teufelsnamen!“ rief der Pecher, „sie
sind Feinde gewest. Aber daß sich hernach mein Vater von ihnen zu einem
Knecht hat brauchen lassen, zu einem Spion und Schurken, das verzeih’
ich ihnen nimmer, und wenn’s mir den Himmel kostet!“
So redeten und schrien sie hin und her, es war ja zur Zeit des
deutsch-französischen Krieges, wo auch die Waldleute tief im Gebirge
aufgeschreckt worden sind, wo sie alles Weh, das sie vier Jahre früher
erfahren, vergessen hatten und nur vom Franzosen-Erschlagen die
Rede war. -- Zur solchen Zeit that eine gemüthliche Musik wohl. Und
in diesem Augenblick, da die verwilderten Gemüther entbrannten zum
Vergelten und Schlachten, legte der alte Harfner seine Finger in die
Saiten....
Sie klangen noch ein wenig trüb, aber sie klangen und spielten ein
fröhlich Lied. Agnes legte den Arm um den jungen Bräutigam -- es begann
der Reigen.
Und als das Paar anmuthsvoll und geschmeidig durch die Stube walzte, da
pfiff Kilian die lustige Weise mit und schnalzte mit den Fingern den
Takt dazu und trillerte in seiner bäuerlichen Art:
Wan ma zithernschlogn,
So schlogn ma stoansteirisch[1],
Wan ma steirisch tonzn,
Tonzn ma stoansteirisch,
Thoan ah stoansteirisch kegelscheibn.
Wan ma Dirndl liabn,
So liabn ma stoansteirisch,
Will der Feind in’s Lond,
So zoagn ma’s stoansteirisch,
Daß ma stoansteirisch wölln bleibn!
[1] Stoansteirisch = ursteirisch.
Die beiden Anderen schlugen dazu mit ihren knochigen Fäusten auf dem
Tisch die Trommel.
Der Harfner brach sein Spiel ab und sagte: „Es thut mir doch das
Brautpaar leid, daß man ihm eine solche Kriegsmusik macht.“
„Möglicherweise fangt ihnen jetzt der dreißigjährige Krieg an,“ lachte
Kilian.
„Hätte ich hier was d’reinzureden,“ versetzte der Harfner und
schüttelte seinen grauen Kopf, „so wollte ich sagen: So ein Spaß gehört
sich nicht. Wenn man jungen Eheleuten allemal das Schlechte voraussagt,
so meinen sie nachher, es muß so sein, und suchen und finden überall
Schlechtes. Wie ich vor zweiunddreißig Jahren die Meinige genommen, ist
auch Gefahr gewesen, aber ihre Mutter hat frisch gesagt: Ihr mögt thun,
was Ihr wollt, Ihr Zwei gehört zusammen; Ihr mögt voneinander fliehen
und Euch verfolgen und Leid anthun, es wird vergebens sein, Ihr werdet
Euch lieb haben. Ihr werdet auswendig Elend und Kümmerniß haben, Ihr
werdet miteinander weinen, aber Ihr werdet glücklich sein. -- So hat
sie gesagt, so ist es geworden und so will ich es auch Euch wünschen.“
Dieser Worte wegen schauten sie mit Wohlgefallen auf den alten Harfner;
nur der Hans nicht, der lugte durch das kleine Fenster hinaus. Draußen
über den finsteren Tannen standen jetzt die Sterne des Himmels;
ihretwegen blickte der Mann wohl nicht hinaus. Ob er nicht an das Weib
des Jägers Franzinger dachte? Er möchte sie fliehen, verfolgen, möchte
ihr Leid anthun und muß doch an sie denken...
Jetzt zog der Hans ein Horn aus der Tasche, ließ daraus Pulver in seine
Hand rinnen, that dasselbe in das Rohr seiner wieder aus dem Verstecke
geholten Flinte, ließ dann eine Bleikugel hineinrollen und verstopfte
das Rohr mit Papier, das er mit dem Ladestock hineinstieß. Dann prüfte
er den Hahn und starrte wieder zum Fenster hinaus.
„Jetzt sollt Ihr uns aber auch Eins singen,“ sagte Kilian zum Harfner.
Der Alte schaute besorgt drein und that hernach die Frage: „Nicht wahr,
Ihr guten Leute, die Meinige hat eine warme Decke?“
„Den Bärenpelz, der inwendig mit Schafspelz gefüttert ist,“ antwortete
der Köhler. „Unter solchen Thierhäuten kann Keiner erfrieren.“
„Dann singe ich gern und sing’ Eins für die liebe Jugend,“ sagte der
Alte, griff in die Saiten und begann zu singen:
„Auf dem Bergl steht a Hüttel,
Bei dem Hüttel steht a Bam,
Und so oft ich dort vorbei geh’
Find ich gar nimmer ham.
In dem Hüttel ist ein Dirndl,
Ist frisch wie ein Reh,
Und so oft ich das Dirndl anschau,
Thut mir’s Herzerl so weh.
Und das Dirndl hat zwei Aeugerln,
Wie am Himmel die Stern’,
Und je öfter ich hineinschau,
Um so mehr hab ich’s gern.
Hab a Freud mit dem Dirndl
Ob ich wach oder tram,
Denk ich alleweil an’s Dirndl
Und’s Hütterl beim Bam --“
Jetzt schrillte die Harfe und war still. Was ist das? Drei Saiten auf
einmal gesprungen....
Dem Alten war die Stimme auf den Lippen erstorben. Der Pecher meinte,
das hätte was zu bedeuten.
„Der Nässe wegen,“ sagte Kilian, „nasserweise angespannt, dann trocknen
sie zusammen und springen. Gießen wir noch zu guterletzt Eins nach!“
Und er füllte das Gläschen des Harfners wieder voll.
Der Baldl, dem eigentlich noch nicht genug getanzt war, versuchte die
Saiten zu knüpfen.
„Laß’ es sein,“ sagte der Alte lächelnd, „was hin ist, ist hin.“
Kilian ging zu seinen Kohlstätten, um etwaige Gluthausbrüche zu
dämpfen. Der Pecher meinte, für ihn wäre es Zeit, daß er seine Klause
aufsuche, sie stand oben am Waldhang, wo morgen Früh wieder die
Pechbrennerei angehen sollte.
„Da, Vetter,“ sagte er, „da habt Ihr was für’s Aufspielen,“ und warf
für den Musikanten ein Silbergröschlein auf den Tisch hin.
Und der Hans? Der hatte während des Gesanges sein Gewehr unter die
Jacke genommen und still und finster die Hütte verlassen.
So wollte sich auch der Sänger anschicken, auf den Dachboden zu seinem
Weibe zu gehen.
„Nachher wären wir doch ganz allein,“ sagte das Mädchen besorgt.
„Das macht nichts,“ meinte der Baldl.
„Die Kinder sollen auf dem Stroh liegen,“ befahl hernach der Köhler.
„Nein,“ rief Agnes, „das thu’ ich nicht.“
„Wo willst denn also schlafen?“
„Da gehe ich lieber zur fremden Frau hinauf,“ versetzte sie und war
roth im Gesicht.
„Ist auch recht,“ meinte Kilian, „so mag der Herr Musikant beim Baldl
auf dem Stroh liegen.“
So geschah es. Der grauhaarige Harfner und der junge braunlockige
Meisterknecht legten sich in die Stube auf das Bettstroh und der Baldl
sagte: „Ja, Vetter, wir Zwei sind auch noch niemalen beisammen gelegen.“
„Und ~werden~ vielleicht auch niemalen mehr beisammen liegen,“
entgegnete der Alte, „gute Nacht, jetzt!“
Beide rückten manierlich in sich zusammen, Keiner wollte den Andern
drücken. Ist es das erste- und letztemal, so soll Keiner über den
Andern zu klagen haben. Der Alte schlummerte bald ein; der Baldl
dachte: nächst’ Wochen lieg’ ich schon bequemer.
Agnes war über die Leiter in den Dachraum hinaufgeklettert. Kilian
arbeitete mit seiner Schaufel an den kohlenden Meilern. Es heißt
wachsam sein.
Wenn die Flamme aus der schwarzen Decke des Kohlenmeilers schlägt, so
brennt sie dem Köhler in den Geldbeutel hinein. Was lichterloh brennt,
das wird zu Asche, was still und im Innern glüht, das ist das Rechte.
Es soll ja auch beim Menschen so sein.
Nachdem die Arbeit geschlichtet ist und der weiße Rauch still zu den
Wipfeln aufsteigt, stützt sich Kilian auf den Schaufelstiel und schaut
vor sich hin. Es ist jetzt Alles so still, selbst das Rauschen des
Baches ist feierlich -- dem Mann ist wie zum Einschlafen.
Da geht leise die Thüre der Hütte auf. Eine weiße Gestalt huscht heraus
-- Agnes im puren Nachthemdchen.
„O Kind,“ sagte Kilian, „was laufst Du herum in der kalten Nacht?“
„Vater,“ flüsterte das Mädchen, „es ist was geschehen. Ich getraue mich
nicht mehr hinein.“
„Er soll Dir Ruh’ geben!“ sagte der Vater strenge.
„Mir nicht,“ schluchzte sie, „mir thut kein Mensch was, aber -- das
fremde Weib wird gestorben sein. Es liegt ganz kalt und starr im Bett
und ist nicht aufzuwecken.“
Jesus und Maria! denkt sich der Köhler, jetzt ist diese Frau gestorben.
Er eilt mit seiner Tochter auf den Dachboden -- ganz still machen sie
es, daß Niemand aufwacht. Dann schlägt er mit Schwamm und Stein Feuer,
und bei diesem matten Glimmen sieht er’s, mit seinen zitternden Händen
fühlt er’s -- die Harfenspielerin ist todt. --
Jetzt saßen sie lange am Bett, der schwarze Köhler und sein weißes
Töchterlein, und beriethen, was zu machen sei.
„Wenn ich an den armen Mann denke, will mir das Herz abspringen,“ sagte
das Mädchen.
„Jetzt lassen wir ihn schlafen,“ sagte Kilian, „er mag sich ausruhen
und stärken. Wenn er des Morgens wach wird, da müssen wir ihn halt in
Gottesnamen vorbereiten. Kannst mir’s glauben, Agnes, ich weiß wie das
thut! Lieber einen Finger von meiner Hand, als ihm das sagen! Es ist
ein hartes Kreuz!“
Sie hüllten eine Leinwanddecke über den Leichnam, wie es sonst ist,
wenn der Mensch schläft. Dann stiegen sie vorsichtig über die Leiter
und dann gingen sie hinaus zu den Meilern und arbeiteten. Sie sagten
kein Wort und arbeiteten.
Und als allmählich ein kühlerer Lufthauch wehte, und als es nach und
nach lebendig wurde in den Bäumen und der Morgenstern aufging, trat
der Baldl aus dem Hause, ging zum Bach und wusch sein Gesicht. Und
als dieses Gesicht recht frisch und heiter war, ging er hin zu den
Arbeitenden und sagte: „Was giebt’s denn da in aller Früh zu thun, daß
Ihr den Hahn um den Weckerlohn bringt?“
Agnes eilte zu ihm heran, als wollte sie seinen Mund verhalten: „Sei
still, Baldrian, es ist heute Nacht ein Unglück geschehen in unserem
Haus. Da oben unter dem Dach liegt eine Leiche.“
„Die Musikantenfrau?“
„Ist gestorben. Geh’ jetzt hinauf auf den Steinkogel, und mach’ ein
großes Feuer, damit die Holzleute und die Almer wissen, daß wir einen
Todten haben.“
Der Bursche schüttelte den Kopf, als könne er die Sache nicht sobald
fassen.
„Ja, mein Sohn, so sterben sie wieder auseinander,“ sagte Kilian. „Geh’
und bete unterwegs Dein Morgengebet.“
Der Baldl ging auf den Steinkogel, wo man über die Wälder hinaussieht
in das weite Thal und auf die Berge und Almen. Dort trug er Reiser
zusammen, und als die Morgenröthe aufging, brannte auf der Höhe ein
großes Feuer.
Die Menschen, die es von ferne sahen, sagten zu einander: „Dort brennt
ein Todtenlicht!“ und beteten für die abgeschiedene Seele.
Agnes und ihr Vater arbeiteten noch immer auf der Kohlstätte, da gab es
stets zu thun, und wäre das nicht gewesen, so hätten sie sich heute zu
thun gemacht. Sie wollten nicht in das Haus gehen, damit der alte Mann
nicht in seiner Ruhe gestört werde. „Er soll schlafen, so lange es ihn
freut,“ sagte Kilian, „es kommt für ihn ein schwerer Tag.“
Aber als die Sonne aufging, steckte der Harfner sein graues Haupt zum
Fenster heraus und rief: „Guten Morgen!“
„Guten Morgen,“ sagte der Köhler.
„Ihr seid schon so fleißig und ich faullenze in den Tag hinein. Aber es
ist gut schlafen in Eurem Haus.“
Sie gingen zu ihm in die Stube. Agnes machte auf dem Herd Feuer und
kochte das Frühstück. Kilian nahm die Harfe in die Hand und sagte: „Das
wird sich schwer machen lassen, drei Saiten auf einmal.“
„Mein Weib hat neue,“ antwortete der Musikant. „Aber das gottlos lange
Schlafen von ihr! Sie ist doch recht müde geworden auf dem weiten Weg.“
„Jetzt esset mit uns eine gute warme Suppe,“ sagte Kilian und theilte
die Holzlöffel aus.
Der Harfner blickte durch das Fenster und fragte: „Sind das die Hirten,
die da oben auf dem Berg das Feuer gemacht haben?“
„Das Feuer habe ich auch schon gesehen,“ meinte der Köhler, „Hirten
sind es nicht, es ist ein Todtenfeuer.“
„Ein Todtenfeuer, wie ist denn das?“ fragte der Musikant.
„Wenn in unserem Walde wer stirbt, so zündet man da oben ein großes
Feuer an, damit es die Leute wissen. Es geschieht nicht selten; im Wald
ist oft ein Unglück; Alte und Junge trifft’s, der Mensch muß d’rauf
gefaßt sein.“
So sagte Kilian und jetzt erst bemerkte der Harfner das ernste Gehaben
des gestern so fröhlichen Kohlenbrenners und die verweinten Augen des
Mädchens.
„Wo ist der junge Mann?“ fragte der Musikant, „der Bräutigam?“
Der wäre eben auf den Berg gestiegen, um das Feuer zu machen, sagten
sie.
Der Harfner hatte den Löffel schon in der Hand gehabt, jetzt legte er
ihn langsam weg, stand auf und tastete unsicher nach der Thürklinke.
„Wo wollt Ihr hin, Vetter?“ fragte Kilian, aber der Mann stolperte,
ohne Antwort zu geben, über die Schwelle, und mit dem Rufe: „Susanna!“
kletterte er hastig die Leiter hinan.
Kilian eilte ihm nach. „Susanna!“ rief der Harfner oben in der
finsteren Dachkammer.
„Müßt nicht zu sehr erschrecken, es ist des lieben Gottes Willen so!“
sagte Kilian, nahm den Musiker bei der Hand und führte ihn zur stillen
Bettstatt.
Ein Blick in’s starre, fahle Antlitz, dann sank der verwaiste Greis zu
Boden.
Wenige Fuß darüber, auf dem sonnigen Dachgiebel jubelten die
Schwalben....
* * * * *
O du schöner, frischer, fröhlicher Wald! O du klingender Vogelsang,
du duftiges, thauiges Blumenleuchten! Du sonnige Himmelsrunde, du
erquickender Schattenschoß mit deinem unendlichen Leben, wie bist du
gräßlich! Gräßlich, wenn durch dich der Weg zum Todtengräber führt.
Das ist der Weg, den der alte Harfenspieler wandelte.
Der Todtengräber zu Feichtau saß in seiner dumpfigen Stube und klopfte
mit einem Hammer verbogene und verrostete Sargnägel zurecht und nagelte
dann damit für seinen Kleinen einen Kinderwagen zusammen.
„Braucht Ihr was?“ fragte er murrend den eintretenden Musiker.
„Ein Grab,“ antwortete dieser, „mir ist mein Weib gestorben.“
„Ist schon recht, werden es wohl machen. Seid Ihr beim Pfarrer gewest?
Nicht, dann geht jetzt zu ihm. Ich krieg’ nachher meinen Gulden.“
Der Harfenspieler ging zum Pfarrer, der in seinem Garten mit dem Spaten
ein Blumenbeet umstach, und klagte ihm sein schweres Anliegen.
„Sie sind wohl fremd in der hiesigen Gegend?“ fragte der Pfarrer.
„Freilich wohl, Hochwürden, und so wollt’ ich höflich gebeten haben --“
„Es war Euer angetrautes Weib?“
„Mein Gott, ja.“
„Und katholischer Religion?“
„Ja, sonst schon,“ meinte der Alte, „aber wir sind von Preußen in’s
Böhmerland eingewandert und sind dem Glauben unserer Eltern treu
geblieben.“
„Also protestantisch?“
„Evangelisch, ja.“
„Das ist schlimm,“ sagte der Priester, lehnte seinen Spaten an einen
Kirschbaum und ging neben dem Alten her mit verschränkten Armen durch
den Garten.
„Das ist sehr hart, lieber Mann,“ versetzte er dann und blieb stehen,
„ich als Mensch, das mögt Ihr mir glauben, mache keinen Unterschied;
wenn ich Euch dienen kann, ich thue es gern. Aber -- wir in Feichtau
haben keinen evangelischen Friedhof, und Personen von nicht
katholischer Confession auf dem katholischen Kirchhofe zu beerdigen,
ist mir strenge verboten. Eben in dieser Zeit, wo der Kampf zwischen
Kirche und Staat wieder heftig entbrannt ist, hat das Consistorium
die Satzung verschärft und ich als katholischer Priester muß danach
handeln.“
Der alte Mann stand rathlos da. Und fast ebenso rathlos stand der
Pfarrer neben ihm.
„Wenn Ihr heute schon vom Edelwald herauskommt,“ sagte jetzt der
Priester, „so werdet Ihr einer kleinen Stärkung bedürfen. Ich darf Euch
wohl ein Glas Wein vorsetzen?“
„O, vergelt’s Gott!“ rief der Harfner, „wie könnt’ ich trinken, wenn
für mein Weib keine Raststatt ist. Weit und breit kein evangelischer
Friedhof. Soll ich sie denn im Wald vergraben?“
„Und ~wenn~ es darauf ankäme!“ versetzte der Pfarrer, „die Erde
ist überall Gottes. Kann ich zu Eurem Troste kommen und beten? Ich thue
es gern.“
Der alte Mann wankte wortlos davon.
Er ging durch das grüne Thal den Wäldern zu, er stieg über den Berg in
die Schlucht hinab, wo das Haus des Kilian steht. Und als er dort in
die Stube trat, stand er vor einem Heiligthum.
Es war nicht mehr die Zechstube, wie in der vorigen Nacht, wo hier im
Tisch das lange Messer stak und auf dem Fußboden die derben Schuhe
des jungen Paares reigten -- es war anders. An der vorderen Wand der
Stube, von zwei Oellichtlein milde bestrahlt, lag sein Weib aufgebahrt
zwischen Waldblumen und wilden Rosen. Zu Haupten stand ein kleines,
hölzernes Kreuzbild und ein Weihwassergefäß mit einem Sprengzweiglein.
Auf der Brust der Leiche lagen papierne Heiligenbildchen und zwischen
den Fingern stak ein Vergißmeinnichtsträußchen und eine Wachskerze.
Die Stirne war mit einem grünen Lärchenzweig umwunden. Der Körper war
bedeckt mit einem weißen Tuche und zu Füßen der Bahre lehnte die Harfe.
„Susanna,“ sagte der Harfner und legte seine Hände an ihr Haupt, „wie
sie es herzensgut mit Dir meinen. Schau herab vom Himmel auf dieses
Haus. Sie haben Dich zwischen Rosen gelegt -- schau herab.“
Hinter dem Hause war der Köhler beschäftigt, mit Erlstrauchbändern zwei
Stangen zu einer Bahrtrage aneinander zu binden.
Der Harfenspieler fiel ihm um den Hals und weinte.
„Ist recht,“ sagte der Köhler, „weint Euch aus, dann wird Euch
leichter.“
„Eurer Gutheit wegen,“ schluchzte der Musikant, „Eure Gutheit schlägt
mir so an’s Herz. Aber die Tragbahre, lieber Mann, die haben wir nicht
vonnöthen.“
„Den Sarg wird uns der Zimmersepp morgen Früh bringen.“
„Wenn ich bei Kraft wäre, wie ich einstmals bin gewesen,“ sagte der
Harfner, „ich wollt’ mein Weib hernehmen wie ein kleines Kind und sie
so weit tragen, bis ich einen evangelischen Friedhof fände.“
„Seid Ihr ’leicht evangelische Leut?“ fragte der Köhler.
„Gottswegen, ja, und deswegen kann sie der Pfarrer auf dem Feichtauer
Kirchhof nicht begraben.“
Der Kilian stand eine Weile sprachlos da, dann machte er mit der Hand
einen Schlag in die Luft und rief: „Das sind Dummheiten! -- Nein,
Vetter, laßt Euch das nicht anliegen. In unserm Wald hat Euch das
Unglück getroffen, wir Waldleute verlassen Euch nicht. Bleibt jetzt da
und hütet mir das Haus. Ich gehe zu meinen Nachbarn, Euer Weib wird
mit Ehr’ und Lieb’ bestattet werden.“
Der Harfenspieler ging in die Stube, setzte sich an die Bahre und sah
in das blasse, ernste Antlitz seines Weibes. Und er träumte hier bei
den Rosen und Todtenlichtern die liebe Lebenszeit, die er mit ihr
zugebracht....
Der Köhler ging hinan durch den Wald gegen die Hütte des Pechers, und
dann ging er in den hinteren Edelwald zu den Holzarbeitern und ging auf
die Alm zu den Wurzelstechern und Hirten.
Auf seiner Rückkehr unterwegs sah er hinter dem Moosstein im Gebüsche
einen Mann kauern.
„Wer ist es?“ rief Kilian.
Ein unverständliches Gebrumme. Er erkannte den Hans.
„Was machst Du da, Stromer?“ fragte ihn der Köhler.
„Ich,“ murmelte der Andere, „hin werde ich. Es haben mich die Jäger
erschlagen wollen.“
„Und warum haben sie es nicht gethan?“
„Weil ich mich zu früh todt gestellt hab’.“
„Und warum hast Du sie nicht niedergeschossen?“
„Schieß’ nur, schieß’, wenn sie Dir das Brenscheit (Gewehr) stehlen,
während Du den Rehbock ausdärmst! -- Fett ist er, denk’ ich, und heut’
hat’s gerathen. Stehen sie Dir auf einmal da, ihrer Drei, und hauen
mit dem Griesbeil auf’s Messer, bis es entzweispringt. Mit was wehrst
Dich? Kaum daß ich dem Einen noch die Faust in’s Gesicht werfen kann,
fangen die andern Zwei schon an, loszudreschen. Ein Schaft ist in
Scherben gegangen -- da schau Dir die Trümmer an -- bis sie mich zu
Boden gebracht haben. Der Franzinger ist auch dabei gewesen. Halt,
denk’ ich mir, für Dich muß ich mich noch aufheben, und hab’ die Zung’
herausgereckt und mich nicht mehr gerührt. Der steht nimmer auf, haben
sie gesagt, nachher sind sie fort mit meinem Gewehr und dem Thier. Aber
aufsteh’ ich noch! Schau mich an, Kilian, aufsteh’ ich noch, und ehevor
ich noch einmal auf den Erdboden fall’, ehevor fällt ein Anderer!“
Der Wilderer war etwas arg zugerichtet. Er bewegte sich mühsam weiter.
Der Köhler wollte ihn stützen, aber er schlug es trotzig aus; er
brauche keine Krücke.
„So komm’ in mein Haus, wir legen Hasenschmalz auf Deine Wunden.“
Der Verwundete hinkte neben dem Köhler her und knirschte. Plötzlich
rauschte es im Gebüsch. „Wildtauben!“ zischelte der Hans, hob einen
Stein auf und schleuderte ihn in’s Dickicht. Etliche flogen davon,
eine flatterte auf und stürzte wieder zu Boden. Ohne Gewehr hatte der
verwundete Wilderer ein Thier erlegt. Dann schlug er sich mit der Beute
seitab.
Als der Köhler zurück in sein Haus kam, saß der Harfner noch an der
Bahre und sah in das blasse, ernste Antlitz seines Weibes.
Langsam und still verging der Tag. Am Abende, als Agnes vom Walde
heimkam, machte sie auf dem Herd ein lebhaftes Feuer, holte aus den
Schränken Mehl und Fett und begann zu kochen und zu backen. Und in der
Nacht kamen der Pecher und sein Weib im Sonntagsstaate, es kam der
Zimmersepp mit dem Sarge und es kamen andere Leute, wilde, narbige
Bursche, struppige und gutmüthige Greise, Weiber und Kinder. Jedes
kniete, als es in die Stube kam, vor der Bahre nieder und betete still,
dann stand es auf und sprengte mit dem Tannenzweige Weihwasser auf den
Leib der Todten. Dann blickten sie theilnehmend auf den fremden Mann
hin, der im Winkel saß, und Einer oder der Andere suchte ihn mit Worten
zu trösten: man müsse es nehmen, wie es Gott schicke, sterben müßten
wir Alle einmal, Keiner bleibe übrig, und die Abgestorbene hätte es
überstanden, für sie sei es so am besten, sie hätte gewiß nicht viel
Gutes gehabt auf dieser Welt. Gott tröste ihre Seele.
Sie wachten die ganze Nacht, und dann kam Agnes und trug Krapfen auf
den Tisch, und Kilian, der sich heute allen Ruß vom Leibe gewaschen und
in seinen Sonntagsanzug gesteckt hatte, lud die Leute ein, sich an den
Tisch zu setzen und zu essen, wie es Gott gesegne.
Sie setzten sich hin und aßen. Der Harfner blieb in seinem Winkel und
aß nicht.
Nach dem Mahle gab der Köhler Jedem eine Wachskerze in die Hand. Dann
machte er die Thür auf und sie trugen den Sarg herein. Derselbe war aus
neu geschnittenen Brettern gezimmert und zu Haupten lagen Hobelspäne
als Kopfkissen.
Nun kamen Alle zum Sarge heran und besprengten ihn. Dann hoben drei
Männer die Leiche und legten sie hinein. Das geschah, indem Alle
schwiegen. Jetzt trat ein Mütterlein zum Harfner und sagte: „Wollt Ihr
sie noch einmal anschauen, so kommt. Ihr seht sie dann nicht mehr, bis
zum jüngsten Tage.“
Der Greis sank hin über den Sarg. An der Wand schellte die Harfe.
Jetzt erhoben sie ihre Stimme und sangen den Grabgesang:
„Fahr’ hin, o Seel! zu Deinem Gott,
Der Dich aus Nichts gestaltet,
Zu dem, der Dir durch seinen Tod
Den Himmel offen haltet.
Fahr’ hin zu dem, der in der Tauf’
Die Unschuld Dir gegeben;
Er nehme Dich barmherzig auf
In jenes bess’re Leben.“
Nach diesem Liede legten sie den Deckel auf den Sarg und nagelten ihn
fest. Da zitterten die Herzen. Es giebt keinen Schall auf Erden, der
das Menschenherz so eigen erschüttert, als der Hammerschlag auf den
Sargnagel.
Agnes legte einen Kranz aus Weißdornzweigen auf den Sarg, dann wurde
er gehoben. Die Menschen hatten ihre Kerzen angezündet und so trat der
Zug nun aus dem Waldhause. Er ging den Weg entlang, der am Waldbache
aufwärts führt. Die Bäume säuselten, auf den kahlen Höhen glühte das
Morgenroth. Voran, hochgehoben, schwankte der Sarg, hinter demselben
ging Kilian, der ein hölzernes Kreuz trug. Dann gingen Agnes und ihr
Baldrian, das bräutliche Paar. Dann folgten alle Anderen und beteten
laut.
Ganz zuletzt ging der Pecher und an seinem Arm, die Harfe schleppend,
der alte Sänger.
So gingen sie aufwärts durch das Gebüsche, zwischen Wildfarrn und
Haidekraut. Und sie gingen am Felshange hin und kamen auf eine stille,
thauige Wiese; sie gingen über graues, moosiges Gestein, sie gingen
über eine klangvolle Höhe und sie gingen durch einen schattigen
Tann. Die Sonne war aufgestiegen und spann ihre goldigen Fäden durch
den grünen Wald. Da war’s, als zittere in der Luft der Klang eines
Glöckleins.
Da sie tiefer in den Hochwald kamen, war kein Sonnenstrahl und die Luft
wehte sehr kühl. Vernehmlicher wurde das weiche Klingen des Glöckleins.
Und endlich in der Wildniß, durch welche nur ein schmaler Steig über
den Berg gegen die Feichtau führt, eingefriedet von Felsen und alten
Bäumen, auf einem Anger stand das Kirchlein des heiligen Hubertus. Es
war aus Holz gezimmert, roth angestrichen und auf seinem Bretterdache
wucherte das Moos. Ueber dem Eingange, aus welchem brennende Lichter
des Altars schimmerten, erhob sich ein Thürmchen und aus diesem klang
es milde und ruhevoll, als klänge es aus der Ewigkeit herüber.
Aus der Ewigkeit mit einem Gruße an die Menschen auf Erden, und
dann wieder in die Ewigkeit verzitternd. -- Am Kirchlein wuchs der
Schlehdorn und die Hagebutte und anderes Gesträuche mit rothen und
weißen Rosen. Daneben war braunes Erdreich aufgeworfen, und hier war
das Grab.
Der Zug stand still und bildete einen weiten Kreis. Die Träger setzten
die Bahre ab, lösten den Sarg von den Stangen los und ließen ihn
langsam hinabgleiten in die Tiefe.
Und als er hinabrollte, sangen sie den Grabgesang:
„Dein Leib geht jetzt der Erde zu,
Woher er ist genommen,
Der Seel’ wünscht man die ewige Ruh’
Bei Gott und allen Frommen.
Wann durch des letzten Tages Flamm’
Die Welt zu Grund’ wird gehen,
So bitte Gott, daß wir beisamm’
Zu seiner Rechten stehen.“
-- -- Das Lied verscholl, das Glöcklein schwieg. Der Harfenspieler saß
in tiefer Traurigkeit auf dem Erdhügel.
Die Kerzen loschen aus und nur die blauen Bändchen des Rauches an den
Dochten wehten hin wie Trauerfahnen. Die Erde rollte auf den Sarg;
Kilian nahm den armen Witwer an der Hand und sagte: „Nun wißt Ihr,
wo sie ruhen wird. Ihr werdet mit Eurem Saitenspiel wieder zu frohen
Menschen gehen, Gott giebt Euch auch selber noch manchen heiteren Tag.
So will ich Eins sagen: So lange Einer von Allen, die heute beisammen
sind, im Edelwald lebt, wird dieses Grab in Ehren gehalten werden. Hier
auf den Hügel pflanze ich dieses Kreuz. Der liebe Herr Jesus sei mit
ihr und mit Euch und mit uns Allen.“
So hat er gesprochen, der schlichte, wackere Mann. Dann gingen sie
auseinander nach verschiedenen Richtungen. Der alte Harfner gab Kilian
noch einen Händedruck: „An Deinen Kindern wird’s vergolten -- gewiß,
gewiß!“ Noch einen kurzen Blick auf das Grab -- dann ging er davon, dem
Thale zu, wo die Landstraße war.
An der Kapelle war es wieder still geworden, nur ein leises Lüftchen
wehte, säuselte in den Zweigen und summte in den Saiten der
zerbrochenen Harfe, die an einem Baume lehnen geblieben war.
Gegen Abend desselben Tages kam der Wilderer Hans, schlich hinter die
Kapelle, steckte sein Gewehr zusammen, lud, untersuchte es und lauerte.
Bald darauf schritt den Fußsteig, langsam und gemächlich, der Jäger
Franzinger heran. Er war in schmucker Tracht mit grünem Federhut,
war ausgerüstet mit Waidtasche, Pulverhorn, dem Hirschfänger und dem
Doppelstutzen, der lässig über seiner linken Achsel hing. Jetzt stand
er still und zündete sich eine Pfeife an.
Hans legte den Lauf seiner Büchse an einen Baumast, da er die linke
Hand in der Binde trug, und zielte gegen den Jäger. Dieser hatte eine
kleine Mühe, der Wind löschte ihm immer die Streichhölzchen aus. Nun
griff er zu Schwamm und Feuerstein.
„Mein lieber Franzinger,“ murmelte der Wilderer bei sich, „Dein
Feuermachen ist umsonst, Du mußt jetzt sterben.“ Er tastete mit dem
Finger nach dem Hahn -- da hört er ganz nahe neben sich etwas, wie
Harfenspiel. Hans fuhr zusammen, da fiel das Gewehr auf den Boden und
entlud sich in die Luft. Der Jäger stieß einen Fluch aus, sah den
Wildschützen und verfolgte ihn. Beide verloren sich in den Dickichten
des Waldes.
Nach einigen Tagen, als Baldrian, der junge Meisterknecht, und
seine anmuthsvolle Braut auf ihrem Hochzeitsgange an der Kapelle
vorüberkamen, lehnte am Baume neben dem Grabe noch die Harfe und ein
niederhängender Zweig, der im Windhauche sich bewegte, spielte sacht’
in den Saiten.
Im nächsten Frühjahre wucherte es neu und üppig um die Kapelle und wob
das Grab in ein reiches, dichtes Geranke von immergrünen Blättern. Die
alte Harfe mit den drei zerrissenen Saiten hing im Kirchlein an der
Wand und hängt noch heute dort. Ueber derselben hat Jemand folgende
Inschrift anbringen lassen:
„Unser Herz ist eine Harfe,
Eine Harfe mit zwei Saiten.
In der einen jauchzt die Freude,
Und der Schmerz weint in der zweiten.
Und des Schicksals Finger spielen
Kundig drauf die ew’gen Klänge,
Heute frohe Hochzeitslieder,
Morgen dumpfe Grabgesänge.“
Drei Jahre nach dieser Begebenheit hat sich Folgendes zugetragen:
Kam an einem stillen, friedlichen Herbstabende der alte Kilian spät vom
Walde heim in sein Haus, nahm sein Enkelein auf den Arm, herzte es,
küßte es, sah es an und immer wieder an und hatte Wasser in den Augen.
Von diesem Tage an war er ernst und in sich gekehrt, aber noch milder
und gütiger gegen die Seinen als sonst.
So fragte ihn Agnes einmal, warum er nicht mehr so lustig sei wie
sonst, ob ihm was fehle?
„Ich weiß mich gesund,“ sagte der Kilian, „aber einmal wird’s wohl auch
für uns zum Urlaubnehmen sein.“
„Vater, wie kommt Ihr auf solche Gedanken?“
„Ich will Dir’s wohl sagen, Kind. Wie ich das letztemal oben an der
Hubertskapelle vorbeigehe, denke ich, sollst einen Augenblick weilen
und ein Vaterunser beten für Deine Verstorbenen. Und wie ich in der
Kapelle niederkniee -- es dunkelt schon, ’s ist recht still und ich
bin der einzige Mensch weit und breit -- und wie ich bete, da hebt auf
einmal ganz von selber die Harfe an zu spielen. Sie spielt ganz voll,
spielt auch mit den drei zerrissenen Saiten, spielt ein Lied, wie ich
es meiner Tage nicht gehört hab’. -- In Gottesnamen, denke ich, das ist
mein Zeichen. Ich habe nämlich dazumal, wie wir die Harfnerin begraben,
bei mir den Gedanken gehabt: Wenn ich mir für den Christendienst Eins
könnte wünschen, so wäre es das, es möchte mir einige Zeit vor meinem
Sterben eine Weisung zukommen, daß ich nicht so unverhofft fort müßte,
wie die arme Frau. Das Zeichen habe ich vernommen. Jetzt, mein liebes
Kind, weißt Du es.“
Darauf stand es noch an sechs Wochen lang, und der gute Mann war
eingegangen in das Reich, wo die Seligen den Harfenklängen des
gesalbten Sängers David lauschen.
[Illustration]
Felix der Begehrte.
=Beim Winzer an der Seim,
Ist der Felix daheim.=
Weinles’jubel im Land!
Sang und Klang, Schwänke und Späße, Springen und Eilen. Die Sonne als
die Festgeberin legt Goldschein über die Gegend; der Himmel hat sein
Sonntagsgewand an, den schönen blauen Mantel, der durchsichtig ist wie
Glas und dennoch die Geheimnisse der Unendlichkeit verdeckt. Wer auch
frägt danach, was oben, so lang’ die Erde Trauben beut!
Alle Schornsteine der Höfe, der Winzerhäuser hingegen plaudern in
bläulichem Athemhauch das Geheimniß des Herdes aus und andere Umstände
lassen vermuthen, daß in den Kellern alle Spundlöcher und Pippen offen
sind.
„Jetzt giebt’s wieder was zu trinken für ein ganzes Jahr!“ so jauchzt
die Welt auf und deswegen das heitere Treiben und der Weinles’jubel im
Lande.
In den Reben der Hügel und Hänge an der Seim ist’s alllebendig.
Weißärmelige Burschen, knappgeschürzte Mädchen mit krummen Messern,
mit Körben und Kübeln schlüpfen herum, schier zu sehen, wie ein
gegenseitiges Verstecken und Fangen in den Büschen. Und die
Dorfmusikanten versuchen in hellen Stößen ihre Trompeten oder
kochen erst ihre heiser gewordenen Clarinetten in Rindsfett aus,
damit diese Pfeifen für den Abend glatte, weiche Stimme kriegen. Und
die Schäker der Gegend sinnen heimlich auf Possen und Schabernack,
sinnen auf Vermuthungen und tolles Gespiel; den Mädchen rieselt schon
das leichtlebige Blut in den Füßen um; -- nimmer mögen sie es von
Astronomen gehört haben, daß Alles in der Welt tanzt und kreist --
es leuchtet ihnen selber ein und sie besonders halten gerne mit, bei
dieser trefflichen Weltordnung.
Die Seim, die aus dem Gebirge und den finsteren Wäldern kommt, thut
weit ihr blaues Auge auf über ein so fröhliches Land. Aber dieses
Völklein schert sich um das schöne klare Wasser nicht -- es hat ja den
Wein.
Hei! Zwei Rößlein traben die Straße von oben heran.
Zwei Rößlein und ein Wagen dran. Der Wagen ist gut lackirt und hat
einen prächtigen Polstersitz für Zweie. Sitzt aber nur Eines drauf.
Thut nichts, der Mensch ist ein bevorzugtes Wesen, kann sich behelfen,
dehnen und breiten, zumal, wenn es die genügende Anzahl gut gestärkter
Röcke am Leibe hat.
Im Wagen sitzt eine wohlbehäbige und doch wieder rührsame Frau und ihr
Angesicht blüht wie eine Pfingstrose im Juli. Wohl, auch im Juli kann
eine solche Rose noch sehr schön sein; ein paar Mückenstiche in den
Blüthenblättern, ein paar Runzelchen, so fein wie ein Spinnwebfaden --
ei, wer wird so genau gucken! -- Goldfarbiges Haar ferner -- ich meine
die Frau im Wagen -- und goldfarbige Brauen über den kecken Aeuglein
sind nicht zu verachten, und der Wohlduft -- ich spreche wieder von der
Rose -- kann im Juli ganz bestrickend sein. Sie hat -- es handelt sich
um die Frau -- ein schwarzseidenes Kopftuch über, aber nicht am Nacken
geknüpft, wie es die Weiber der oberen Gegend tragen, sondern unter dem
runden Kinn leicht zusammengebunden, so daß über der glänzenden Stirne
das Goldhaar und am Halse die Silberkette mit der vornehm gearbeiteten
Schnalle noch zu sehen ist. Ein flammend-rothseidenes Schultertuch mit
fliegenden Fransen geht in Form eines ungeheueren Herzens nieder über
den ausgebreiteten Busen -- ein sinniger Schild vielleicht dessen, was
drinnen lebt und webt. --
Wir würden es zwischen den gestauten Kleidern durch kaum bemerken, daß
die Frau ein Paar sehr feingestickte, aber fingerlose Handschuhe trägt,
wenn sie mit den Händen jetzt nicht auf dem Rücken des alten Kutschers
zu trommeln anfinge: „Sind sie denn gar zu nichts nutz, Deine großen
Ohren! Aber Michel! Michel! hörst! langsam fahren sollst! Das beutelt
Einem ja gottswahrlich die Seel aus dem Leib!“
„Die Seel’?!“ wiederholt der Alte gedehnt, „die Seel’ meinst, Bäuerin?
-- Ja so, geschlachter fahren soll ich.“
Und es ging langsam.
Da konnte die Frau im Wagen die Arbeiten in den Weinbergen bequemer
betrachten. Mancher heiteren Gruppe von Winzern, die nahe der Straße
war, grüßte sie mit leutseligem Kopfnicken zu, und wenn Einer seine
Mütze schwang, winkte sie sogar mit den Händen.
Jetzt kam glatt neben dem Weg und nahe dem schönen Flusse ein Häuschen
mit weißer Mauer und grünen Fensterbalken. Durch die enge Thür eilte
Groß und Klein geschäftig aus und ein, wie Bienen bei ihrem Korb. Mit
Butten und Plutzern gingen die Erwachsenen die Kellerstiege auf und ab
und die Kinder nippten und naschten aus kleinen Töpfchen den trüben,
süßen Most der Traube. Unter einem Dachvorsprung des Häuschens ächzte
der Preßbaum und man hörte das Rieseln des Saftes. Daneben in einer
riesigen Kufe sprang und hüpfte ein Bursche um. Es war ein hübscher
Junge voll Leben und Lust. Das dunkle Gelocke seines munter gehobenen
Hauptes, der helle Blick -- die Farbe des Auges kann für’s erstemal
nicht so genau besehen werden -- die frischen Wangen, der zarte Flaum
an der Oberlippe und die milchweißen Zähne spielten gut zusammen. Nur
mit Hemd und Leinenhose war er bekleidet; das Hemd war bis über die
Ellbogen, das Beinkleid bis über die Kniee aufgeschlagen.
Die schlanke Gestalt paarte Kraft und Geschmeidigkeit in sich, man
sah’s an den kecken und anmuthigen Bewegungen, die der Bursche tanzend
und schwingend in der Kufe ausführte. -- ’s hat aber auch nicht jeder
den Tanzboden so wie dieser Jüngling -- er tanzte auf schwellenden
Trauben und hochauf spritzte bisweilen ein Tropfen zu dem behendigen
Körper.
Aus dem Hause kam ein betagter Mann mit gebeugtem Nacken und grauenden
Locken; „Felix,“ brummte er, „das darf nicht sein!“
Das Hupfen und Springen verwies er dem Burschen. Bedachtsam und
vorsichtig müssen die Trauben zertreten, zerquetscht werden, ehe sie in
die Presse kommen. Das war aber nicht die Sache des lustigen Jungen,
der sich lieber in eitel Wein gebadet hätte, als mit den Zehen träge
die vollen Beeren zu zerdrücken.
An diesem Winzerhäuschen war’s, wo die aus oberen Gegenden
heranfahrende Frau ihre ganze, gar nicht schwache Stimme zusammennahm,
um dem Kutscher zu bedeuten, er möge die Pferde anhalten. Erst hatte
sie dem Keltern und besonders dem Traubentreter mit Wohlgefallen
zugesehen, war dann mit Hilfe des alten Michel aus dem Wagen
gestiegen, hatte freundliche Worte an die Kinder gerichtet und war
hernach rauschend in das Haus getreten.
„Wie heißt’s bei Euch?“ hatte sie gefragt.
„Im unteren Viertel.“
„Das weiß ich gleichwohl,“ sagte sie, „das ist die Gegend; wie es da
bei Eurem Hause heißt, möchte ich wissen.“
„Beim Froschreiter,“ war die Antwort.
„Beim Froschreiter? Aber na, das ist schon gar!“ kicherte sie, „na,
macht nichts. Ich höre, der Froschreiter hätt’ Wein zu verkaufen.“
„So!“ versetzte der Alte mit dem gebeugten Nacken, „da hört die Frau
nicht gut. Ich kann keinen Wein verkaufen.“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich keinen habe.“
„Ich höre aber doch dort unter der Presse den Brunnen rinnen.“
„Den höre ich auch,“ sagte der Alte, „’s ist der Wein meines Herrn in
Zollau.“
„Wer ist denn Euer Herr?“
„Der Herr Baron, der auf dem Schlosse wohnt.“
„Ist schön,“ versetzte die Frau, „und da am Flusse habt Ihr für den
Most das Wasser nicht weit zu holen.“
„Diesen Spaß haben mir schon Viele gesagt“, entgegnete der Winzer, „wer
meint, daß man ohne Wasser Wein machen sollt’, der weiß nichts.“
„Aber schade, daß der Wein nicht Euer ist,“ sagte sie im Tone des
Bedauerns.
„Gehört halt dem Herrn Baron,“ antwortete der Alte.
„Ei, und die vielen herzigen Kinder hier!“
„Gehören mir.“
„Gehören Euch; wie viel sind ihrer denn?“
„Du, Franz!“ rief der Winzer hinaus, „bring’ der Frau einen Stuhl zum
Sitzen. Guido, schieb’ dieweilen die Kellerthür vor, daß die Kleine
nicht hinabrutscht. Und Du, Bärbel, sag’s der Hanne, sie soll gehen
das Fritzel locken, es schreit ja wie ein Zahnbrecher; der Anton hat’s
wachgejohlt mit seinem lauten Maul. -- Wie viel ihrer sind?“ -- Er
zählte die Namen an den Fingern ab. „Daheim hab’ ich bislang nur achte.
Die anderen sind im Dienst herum.“
„Segen Gottes!“ lachte die fremde Frau.
„Und Jedes hat ein Schock gesunder Zähne! Das muß man nehmen. Und jeder
Zahn will was zu beißen haben.“
„Der da draußen,“ fuhr die Frau fort und ließ sich knisternd auf den
gebotenen Sitz nieder, „der da in der Kufe, ist das auch Euer Sohn?“
„Denk wohl,“ antwortete der Winzer.
„Ein netter Bursch’.“
„In soweit just nit übel. Werden ihn bald einspannen jetzt.“
„Einspannen? Wieso?“
„Auf’s Jahr ist er bei der Stellung (Assentirung),“ murmelte der Alte,
und nach einer Weile setzte er bei: „Den räumen sie mir.“
Die Frau verstand wohl den Ausdruck, entgegnete aber nichts darauf,
sondern sagte zu einem der kleinen Mädchen: „Wie heißest Du? Bärble
heißt -- schau, da hast einen Groschen. Und willst mir dem Fuhrmann da
draußen sagen gehen, er sollt’ die Rösser in den Schatten führen und
ihnen Heu geben. Mußt ihm’s aber recht in’s Ohr schreien -- verstehst!“
Dann zum alten Froschreiter: „Na, ich hätt’ doch gemeint, Ihr gäbet der
Ländhoferin vom oberen Viertel ein Fäßlein Heurigen.“
Jetzt lugte der Alte die Frau eine Weile an, kraute dann in seinen
dünnen Haaren: „Und das wäre die Ländhoferin? Die groß’ Bäuerin von der
grünen Länd? Ist mir eine rechte Ehr’, das.“
„Freilich,“ sagte die Frau und fühlte sich recht behaglich im Stübchen,
„bin die Bäuerin von der Länd’, fahr’ Wein kaufen aus; wisset, im
Haus braucht man für’s Jahr so sein Tröpfel. Seit mein Alter -- Gott
tröst’ seine Seel’ -- todt ist, muß ich halt selber fahren. ’s ist viel
Gescher für eine Frau.“
Von der Küche kam die Winzerin herein, sie breitete für das Mittagsmahl
eine blaue Schürze über den Tisch. „’s ist gar zum schämen,“ murmelte
sie für sich, aber so laut, daß es die Fremde wohl hören konnte, „hell
zum schämen -- das Tischtuch liegt im Waschtrog.“
„Nein,“ erinnerte der kleine Anton treuherzig, „Mutter, in’s Tischtuch
hast Du ja den Fritzel eingewickelt!“
Eine große Schüssel mit dampfenden Erdäpfeln kam auf den Tisch; da
polterte schon zu allen Löchern der Kinderschwarm herein. Unter diesen
in Holzschuhen jetzt, aber immer noch mit aufgestrecktem Beinkleid der
lustige Traubentreter, der Felix. Er bot der Frau kurz einen guten Tag
und wollte sich des Weiteren nicht um sie kümmern, aber der Alte sagte:
„Du, das ist die Ländhoferin. Dem Bärbel hat sie schon Geld gegeben.“
Da lächelte der Bursche ein wenig gegen die Frau hin und das war die
ganze Ehrenbezeigung.
„Meinetweg’, Leut’, setzt Euch nur zusamm’, wie’s bei Euch der Brauch,
und esset!“ rief leutselig die Großbäuerin und blickte mit wachsendem
Wohlgefallen auf den jungen Mann, Felix geheißen, der jetzt in seiner
feinen und kecken Gestalt mitten unter den Kleinen stand und das
Tischgebet sprach. War ihm leicht anzusehen, daß er dabei an alles
Andere eher denken mochte, als an den Sinn des Gebetes. Auch schnitt er
während des Gemurmels Schwarzbrot auf, vertheilte die Beinlöffel und
zog einigen Erdäpfeln die Haut ab.
„Wart’ nur, Du!“ verwies ihn hernach seine Mutter, die Winzerin, „hast
zum Beten nicht Zeit zur rechten Stund’, so wird der Herrgott auch
nicht Zeit haben, wenn Du ihn brauchst!“
Felix saß schon am Tische und schlug seine Erdäpfel mit der Faust zu
Trümmern, daß sie gehörig ausdampfen konnten.
„Wenn wir halt unsere Einladung machen dürften!“ sagte der alte Winzer
und schob einen Löffel gegen die Großbäuerin, „viel haben wir nicht
aufzuwarten, aber ein warmer Bissen ist gut für einen Reisenden.“
Die Ländhoferin nahm die Einladung an.
„Ruck’, Felix, daß sie Platz hat!“ gebot der Alte.
Da rückte der Bursche in den Tischwinkel hinein, die Bäuerin setzte
sich an seine Stelle und lachte: „Das ist mir schon recht, ist die Bank
noch warm, krieg’ ich Deine Kraft.“
Auf dieses Sprichwort lachten sie Alle und die Kinder wurden bald
bekannt mit den Seidenfransen der Gastin.
Nach den Kartoffeln und einem Suppengerichte kam gebratenes Fleisch
mit Kreenmus. Da machten sie einmal Augen und Mund auf; und selbst dem
Alten zuckten die dürren Finger nach der Gabel, doch war er so höflich,
der Großbäuerin den Vortritt zu lassen.
Als dann jedes sein Stück Braten auf dem Teller kleinschneiden wollte,
war nur ein einzig Messer bei Tisch; dieses -- das Brotschneidmesser
-- machte die Runde. Den Kindern wurde beim Zuwarten die Zeit zu lang
und sie zerrissen ihre Stücke mit den Zähnen. Der Felix klappte sein
Taschenmesser auf und machte des Weiteren nicht viel Umstände mit dem
Schweinernen, das heute vom Zollauer Schloß gekommen war.
„Na, schmeckt’s?“ fragte die Ländhoferin ihren Beisitzer.
Dieser gab die Antwort durch die That; ’s ist nicht Schwätzenszeit, ’s
ist Essenszeit -- so aß er.
„Alle Jahre vier- oder fünfmal, daß wir Fleisch essen,“ bemerkte der
Alte.
„Wirst jeden Tag Dein Stück haben, bei den Soldaten,“ meinte die große
Bäuerin und sah auf den Burschen hin.
„Brauch’ es nicht,“ war die Antwort.
„Das glaub’ ich schon,“ sagte sie, „Soldatenfleisch wär’ auch mein
letztes.“
„’s wird Keinem darnach lüsten.“
„Eine harte Sach’, Soldatenleben,“ versetzte die Großbäuerin,
„auskaufen!“
„Ja -- ha -- ha!“ lachte der Alte auf, „mit Haselnussen.“
„Oder auf Haus und Hof heiraten,“ schlug die Ländhoferin vor.
Diese Geschichte trug sich nämlich noch zur Zeit der alten Einrichtung
zu, unter welcher der Jüngling durch Erlegung einer gewissen Geldsumme,
oder durch den Besitz eines steuerbaren Hofes vom Wehrdienste
entpflichtet werden konnte.
Als vom Heiraten die Rede war, nagte Felix mit seinen frischen Zähnen
an einem Knochen, daß es scharrte.
„Schade,“ sagte die Großbäuerin fröhlich lachend, „wär’ ich ein etlich
Jährchen älter, thät’ Dich gleich zum Sohne annehmen, Felix, und Dir
den Ländhof verschreiben. Hab’ ohnedies kein Kind.“
„Na, wär’ gut gemeint,“ versetzte der alte Froschreiter.
„Bedank’ Dich, Bub’,“ mahnte die Mutter.
„Was bedanken, wenn die Ländhoferin noch zu jung ist,“ murmelte der
Bursche in seinen Knochen hinein.
Dieses Wort schien auf die Großbäuerin einen durchaus angenehmen
Eindruck zu machen.
„Freilich,“ sagte sie, „was ich zu jung bin zur Mutter, bist Du zu alt
zum Kind. Da wollt’ ’leicht der Sohn heiraten und die Mutter möcht’
etwan auch noch Hausfrau sein -- wie das schon geht.“
Der kleine Anton, der bisher, mit hellen Aeuglein lugend, ernsthaft
dem Gespräche zugehört hatte, machte nun plötzlich den noch von
Schweinsfett glänzenden Mund auf und that den Vorschlag: „So sollen die
Ländhoferin und der Felix zusammenheiraten.“
Ein überlauter Auflacher, ein Rippenstoß von Seite der Mutter dem
kleinen Antragsteller -- dann Alles still.
Der kleine Anton war hoch erröthet. Seinem älteren Bruder, dem Felix,
ging’s nicht besser; der saugte mit aller Macht aus seinem Knochen das
Mark. Dann wischte er die Finger an dem Schürzentischtuch, den Mund
am Hemdärmel ab und noch vor dem Dankgebet ging er hinaus zu seinen
Trauben.
Er war ärgerlich. Er hatte sich so lange schon auf den heutigen Braten
gefreut -- und nun ist es sehr ungemüthlich dabei zugegangen.
Die Kinder waren auch bald davon. Die Großbäuerin jedoch war, da sie
gerade so bequem saß, bei dem alten Froschreiter noch am Tische sitzen
geblieben.
„Na, wahrlich, ich bin sonst nicht so,“ sprach sie, „aber da bei
Euch ist mir schon ganz heimisch geworden. Ihr lebt recht zufrieden
mitsammen.“
„Dasselb’ wohl, dasselb’,“ versetzte der Alte, „aber halt die Sorgen,
die Sorgen. Alleweil schickt mir der Herr Baron keinen Braten,
Ländhoferin, das ist nur zur Weinles’. Sind froh bei unseren Erdäpfeln
und beim Kukuruzbrot, ei ja wohl, sind häufig froh dabei! Wär’ nur
~das~ fort genug, Ländhoferin, wär’ nur das genug!“
„Na, im Spaß und im Ernst,“ sagte jetzt die Bäuerin, „Winzer, gebt
mir den Felix auf meinen Hof. Mit dem Dienstvolk ist’s ein Kreuz; man
braucht Einen, auf den man sich verlassen kann.“
„Wär’ schon recht,“ wendete der Alte ein, „aber die Ländhoferin kann ja
nicht wissen, ob auf meinen Buben auch ein Verlaß’ ist.“
„Ei ja,“ versetzte sie lebhaft, „das merkt man Einem gleich an.“
„Und nachher --“ sagte der Froschreiter kleinlaut, „nachher hätt’
ich noch erst den Großen weg, der mir ohnehin auch daheim sein Essen
verdient. Und auf’s Jahr zur Stellung müßt’ ihn die Ländhoferin doch
wieder fortlassen.“
„Davon red’ ich ja,“ rief sie, „und deswegen geht er auf den Hof,
daß er nicht zu den Soldaten müßt’, das bring’ ich zuweg; wisset,
Froschreiter, Unsereins weiß da schon aus.“
„Ja!“ seufzte der Winzer wie erleichtert auf, „da thät der Bub’
freilich sein Glück machen!“
„Thut Euch’s überlegen,“ sagte die Großbäuerin, „ich fahr’ heut’ nach
Zollau hinaus und vielleicht noch weiter in’s untere Viertel hinein,
bin dort daheim und will was Rechtes suchen. Wisset, Froschreiter, in
meinem Hause muß fort ein guter Tropfen sein. Ah na, abgehen lassen
wir uns nichts auf der Länd’, das hat’s bei mir nicht noth. -- Nu, in
ein paar Tagen mag ich von unten zurück sein, da frag’ ich bei Euch zu
und der Felix kunnt gleich mitfahren. Thut Euch’s überlegen.“
Als sie dann ging, reichte sie jedem von den Kleinen, die sich
herandrängten, um ihr nach der Eltern Weisung die Hand zu küssen, eine
Kupfermünze. Nur der kleine Anton nahm wahr, daß sein Geschenk ein
glänzendes Silbergröschlein war.
„Der Felix, der kriegt nichts, weil er so stolz ist!“ rief sie gegen
die Kufe hin. Das Lächeln aber, mit dem sie die Worte sprach, schätzt
der Erzähler dieser Ereignisse gut über einen Silbergroschen.
Der alte Michel hatte sich, nachdem er den Pferden das Ihre gegeben --
unter einem Birnbaum an drei großen Aepfeln und einer Traube geatzt,
die ihm vom Felix zugekommen waren.
Als er mit seiner Herrin wieder auf dem Wagen saß und die Pferde
fröhlich hintrabten, wendete er sich auf dem Bock nach rückwärts und
sagte:
„Das ist ein recht kamod’s Bürschel, der Traubentreter.“
„Gelt, Michel!“ rief die Großbäuerin leuchtenden Auges, „was meinst,
wenn wir statt jungem Wein einen jungen Winzer mit auf den Ländhof
brächten!“
„Jungen, sagst?“ entgegnete der Kutscher unsicher, „ist damit um diese
Zeit noch nichts anzufangen; zersprengt die Fässer.“
Die Bäuerin lachte; der schwerhörige Fuhrmann hatte sie wieder einmal
mißverstanden.
Wagen und Weib eilen davon;
Mit ihnen der Sohn.
Unter dem Birnbaum, auf dem Rasen, wo zur Mittagszeit der alte Michel
geruht hatte, saß am Abend der hohe Rath des Froschreiterhauses.
Der Felix hatte sich schon einen gewaltigen schafwollenen Schnurrbart
zubereitet gehabt, gesinnt, denselben an diesem Abende an seine
Oberlippe zu kleben, sich dergestalt bei den Weinlesefesten der
Nachbarschaft einzufinden und den schönsten Mädchen der Gegend beim
Tanze keck das Ding an die Wangen zu reiben. Nun überließ er den
bereits scharf gewichsten Bart dem kleinen Anton, der sich damit sofort
auch ein ganz martialisches Aussehen beilegte.
Felix hatte an Anderes zu denken. Lag er denn unter dem Birnbaum auf
dem Bauch, stützte die Ellbogen in den Erdboden und sein Haupt auf die
Fäuste und starrte in’s Gras hinein.
„Sollten es uns überlegen,“ meinte der Alte, welcher ebenfalls auf
dem Rasen lag und seinen krummen Nacken streckte, „sollten es uns
überlegen, hat sie gesagt.“
„Hab’ nichts zu überlegen,“ antwortete Felix, „ich fahr’ mit auf die
Länd’!“
Da brach die Mutter in Schluchzen aus. „Jetzt verlangst auf einmal weg.
Sag’ es, Felix, was Dir daheim nicht recht ist.“
Auf dieses Wort kugelte sich der Bursche über und sagte: „So nicht,
Mutter, so müßt Ihr Euch nicht denken. Mich gefreut’s ja daheim, aber
wenn man sich’s besser machen kann -- Jeder thut’s.“
„Und wenn sie ihn vom Soldatenleben sicher macht,“ versetzte der
Froschreiter, „das wär’ ja ein ewiges Glück!“
„Ja freilich wär’ das ein Glück,“ gab die Mutter bei und trocknete mit
der Schürze die Augen.
„Mutter,“ rief der kleine Anton jetzt, „das ist so ein Räthsel: geht er
fort, so bleibt er daheim, und bleibt er daheim, so muß er fort, was
ist das? Das ist der Felix.“
„Du Schlingel, Du kleiner,“ schmunzelte der Vater. „Du mußt schon ein
Doctor werden. Dann muß aber der Schnurrbart weg. Den Schnurrbart
lassen sich nur die Starken stehen, die Gescheidten den Backenbart.“
„Und wie weit wird’s denn sein bis auf die grüne Länd’?“ warf Felix
ein, „in Einem Tag kommt ein guter Geher leicht hin und zurück.“
„Du nicht, Du kommst mir nicht in Einem Tag zurück!“ schluchzte die
Mutter.
„Aber zu den heiligen Zeiten kann ich doch heimgehen. Das will ich mir
ausdingen.“
Und als der Vollmond aufging über den Weinbergen und als in der Seim
das Zickzack seines Widerscheins zitterte, war es beschlossen unter dem
Birnbaum: der Felix geht mit der Großbäuerin auf die grüne Länd’.
Der kleine Anton drehte zur Feier dieses Beschlusses den schafwollenen
Schnurrbart auf.
„Wenn’s nur nicht gefehlt ist!“ sagte des anderen Tages die
Froschreiterin, „mich deucht allerweil, es soll nicht sein.“
„Geh, geh,“ rief der Alte, „Ihr Weiber habt fortweg so Flausen. -- Auch
mir geschieht nicht leicht, daß ich den Buben weggeb’; ja, wenn sich
Eins immer nachgeben wollt! -- Junge Leute müssen hinaus in die Welt,
müssen was probiren. Das leidig’ Soldatenleben nehm’ ich aus, aber das
muß ich sagen: wär’ ich weiter gekommen, als vom Tisch bis zum Ofen,
’leicht ging’s mir besser. -- Und die Ländhoferin,“ setzte er bei,
„die Großbäuerin, scheint mir, ist eine brave, respectirliche Frau.“
Einen Tag später trabten die zwei Rößlein wieder heran und -- einen
Stich im Herzen gab’s dem Burschen -- er glaubte schon, der Wagen
wollte nicht halten. Der Wagen hielt aber. Die Großbäuerin stieg aus
und that noch freundlicher gegen Alle und sie war in ihrer Rührsamkeit
und Heiterkeit fast jung.
An den rothgeweinten Augen der Mutter sah sie’s gleich: der Felix geht
mit ihr. Sofort machte sich die Ländhoferin an das betrübte Weib und
sprach über die Kinder, über den Garten, über die Hühner und Alles,
woran eine rechte Hauswirthin Freude hat. Da wurde die Froschreiterin
ganz zutraulich und band unter neuerlichem Schluchzen ihren Aeltesten,
ihren liebsten Buben, der Großbäuerin recht an’s Herz....
Und nach einer Weile kam der Felix aus seiner Dachkammer
herabgestiegen. Der Felix im Staate! Die Tuchkleider waren just
nicht zu geschlacht, aber nett und nach gutem Geschmacke geformt.
Alles hübsch schlicht, nur das hellrothe Halstuch flatterte vor dem
breitüberschlagenen Hemdkragen wie ein keckes Kirchweih-Doppelfähnchen.
Der Hut war etwas in die Stirne gedrückt, nur ließ er noch die beiden
Haarbüschel sehen, die an den Schläfen herunterstanden.
Eines der kleinen Mädchen bringt einen Strauß von Rosmarin und
Vergißmeinnicht: „Felix, den Wanderbuschen geb’ ich Dir mit!“ Jedes
will dem scheidenden Bruder etwas geben; der kleine Anton nur sagt:
„Felix, ich habe gar nichts als das schwarze Lämmchen, aber das gehört
dem Vater.“
Die Mutter hatte das Bündel gebunden -- es war nicht groß.
„Das macht nichts,“ sagte die Ländhoferin, „auf meinem Hof wird ihm
nichts abgehen. -- Kannst das auch noch daheim lassen, Felix, meinetweg
gar Deinen Rock. Der liebe Gott -- hat mein Vater fort gesagt -- schaut
nicht auf die Kleider, schaut nur auf’s Herz. Der Ländhof macht’s auch
so.“
Wird wohl rechtschaffen gut auszukommen sein mit der Bäuerin, dachte
sich der alte Froschreiter.
„Bleib mir nur brav, Bub’,“ sagte er, „und mach’ uns und Deiner
Dienstfrau keine Schand’. Thu’ fleißig arbeiten und kriegst was, so sei
dankbar und allerweil sparsam. Denk’ auf den Bettelstab, Felix!“
„Was nicht noch!“ rief die Bäuerin, „Bettelstäbe wachsen nicht auf der
grünen Länd’.“
„Und vergiß nicht auf’s Beten,“ fiel die Mutter ein, „da hast einen
Rosenkranz mit, ist noch von meiner Mutter selig.“
„Ja, ja, Samstags -- Samstags wird auf dem Ländhof Rosenkranz gebetet,“
unterbrach die Großbäuerin ein bischen gereizt, „und zur Christenlehr’
kann er Sonntags gehen.“
Dann setzten sie sich zu einem kleinen Mahle. Aber es wurde nicht viel
gegessen.
Der eigentliche Abschied war kurz. Die Ländhoferin hatte plötzlich
anspannen lassen und die Pferde waren ungeduldig. Noch hatte die
Bäuerin der Winzerin ein Papier in die Hand gedrückt: „Seh’, seh’,
nicht fallen lassen!“ noch hatte sie dem Froschreiter versichert: „Wird
Euch nicht reuen, daß er mitgeht, wird Euch nicht reuen!“ Dann saß sie
mit Felix schon auf dem Wagen.
Einen Händedruck dem Sohne, noch ein väterliches Wort -- und das Zeug
rasselte davon.
Der Bursche winkte mit der Hand, mit dem Hut noch zurück, die Eltern
und Geschwister winkten, weinten ihm nach. Da war der Wagen auch
schon um die Reide und sie sahen von dem Gefährte nichts mehr als den
aufgewirbelten Staub.
Nach einer Weile, da es im Winzerhäuschen wieder still geworden und
Jegliches bei seiner Beschäftigung war, nur die eine Lücke, wo der
älteste Sohn gewaltet, unausgefüllt -- stand die Winzerin am Herd,
um die Pfanne auszuscheuern, in der sie vorhin das Abschiedsmahl
gekocht hatte. Sie hielt noch das Papier in der Hand, welches ihr die
Ländhoferin zugesteckt. Sie entfaltete es -- eine Geldnote. Da war ihr
zu Muth, als hätte sie ihr Kind verkauft. Rüstige Arbeit half ihr über
den argen Gedanken hinweg. Plötzlich hielt sie ein und sagte laut zu
sich selber: „Na, Jesu Christi, vergessen hab’ ich doch was. Eins hätt’
ich ihm noch sagen mögen. -- -- Es ist ein gutherziger Bub. Mein Gott,
das Kinderweggeben thut weh. Und man kennt die Leut’ nicht --“
„Mutter,“ sagte der kleine Anton, der ihr heute fortweg an der
Kittelfalte hing, „Mutter, der Felix wehrt sich schon, wenn es gilt,
o, der ist stark! Ich hab’s gesehen, es wachst ihm schon ein wenig der
Schnurrbart.“
Sie küßte den Knaben -- ei ja, sie hatte noch liebe Kinder daheim.
Wie traben so lustig die Rösselein,
Mein Junge, mußt nicht so blöde sein!
Und wie ging’s auf dem Wagen zu?
„So, mein lieber Unterviertler,“ sagte die Ländhoferin zu Felix, „jetzt
sitzen wir Zwei beisammen. Mach’ Dich nur bequem. Wir haben eigentlich
noch gar nichts miteinander gesprochen.“
„Ich schwätz’ nicht gern viel,“ gab der Bursche zur Antwort, „mir wird
die Zeit lang werden, bis wir auf die Länd’ kommen.“
„Geh!“ rief die Großbäuerin, „das ist nicht fein. So ein properer
junger Mann muß sich die Zeit überall zu vertreiben wissen.“
„Wenn ich’s gerad’ sagen wollt’,“ versetzte Felix nach einer Weile, „am
liebsten wär’ mir’s schon, ich dürft’ da vorn beim Kutscher sitzen.“
„Auf des Michel’s Schoß ’leicht, Du Lapp!“ lachte das Weib ärgerlich,
„siehst doch, daß sonst kein Platz ist.“
„So kann sich der Michel zur Ländhoferin setzen und ich kutschir’.
Versteh auch was bei den Rössern.“
„So! Dann will ich Dich auf dem Hofe zu den Pferden stellen, Felix --
ei, der Kukuk hinein, jetzt muß ich Dir gleich was sagen. ~Felix~,
der gefällt mir, ist ein schöner Name, aber den Froschreiter laß’ im
Unterviertel. Auf der grünen Länd’ giebt’s keine Frösche, da reitet man
auf hohem Roß -- verstehst?“
Für’s Erste ist ihr mein Name nicht recht, dachte sich der Bursche, es
mag ein schwerer Dienst werden.
„Na, so strecke doch einmal die Beine ordentlich aus, Felix,“ rief die
Bäuerin, „Du hockst ja da wie eine Eichkatz’.“
Da dehnte sich der Bursche und rieb dabei unversehens an ihren
bauschigen Kleidern.
„Das macht nichts,“ bedeutete die Bäuerin, „das wird Alles wieder
gebügelt.“
Gar nicht zu bestreiten, die Ländhoferin ist eine leutselige Frau.
Haben bislang noch lauter Schönes von ihr vernommen. Sie ist in den
besten Jahren, hat eine große Wirthschaft auf der Länd’ und will dem
jungen kerngesunden Burschen über das Soldatenleben hinweghelfen.
Felix, da magst Du Dir bisweilen schon Einiges gefallen lassen. Und
Deine Herrin ist sie jetzt! Darum, so oft sie’s haben wollte, rückte
er, streckte sich und gab nicht Acht auf ihr Kleid.
„Und meinst, ich bin nicht auch von unten herauf?“ sagte die Bäuerin
plötzlich, „Felix, so wie ich Dich heute auf dieser Straße in’s obere
Viertel fahre, so hat mich vor elf Jahren -- was sag’ ich denn, es ist
nicht so lang’ -- der alte Ländhofer auf dieser Straßen heimgeführt.
Ist Witwer gewesen -- ein rechter Hascher. In Weißenbach unten, da
bin ich daheim, und da ist er einmal im Pferdehandel hingekommen und
hat mich kennen gelernt. Bin nicht reich gewesen von Heim aus, Felix,
hätt’ aber der Liebhaber genug gefunden. Aus reiner Barmherzigkeit, das
kann ich wohl sagen, bin ich mit dem Großbauer gefahren und hab’ ihn
geheiratet. Wenn’s Dich zu stark schüttelt, so halt’ Dich mit der Hand
an dem eisernen Ring; der ist dazu da.“
Fand’s nicht praktisch, der Bursche, der eiserne Ring war so, daß er,
um denselben zu fassen, seinen Arm über die Schultern der Beisitzerin
hätte legen müssen.
„Finde es,“ fuhr sie fort, „bei einer Heirat gar nicht einmal nöthig,
daß der Mann älter ist als die Frau; ich weiß Fälle, wo es gerade
umgekehrt war und doch die beste Ehe ist gewesen. Ja -- und daß ich’s
erzähl’, mein Mann ist Dir um vierunddreißig Jahr’ älter gewesen als
ich; wie ich’s gesagt: aus reiner Barmherzigkeit hab’ ich ihn gepflegt.
Vor etlichen Monaten erst ist er gestorben -- tröst’ Gott sein’
Seel’. Ich hab’ groß’ Haus und Hof am Hals und dazu ist sich oft die
tüchtigste Frau völlig zu wenig. Was hast denn Du für eine Schramme an
Deinem Finger?“ Sie faßte prüfend seine Hand.
„Im Auswärts beim Rebenschneiden ist das Messer hineingesprungen,“
berichtete der Winzerssohn. Sie ließ aber die Hand nicht mehr los,
tändelte mit derselben und fuhr fort zu reden: „Mein Gott, man wehrt
sich lang’, aber das Haus muß einen Herrn haben, man kann’s wenden wie
man will. Die Mannsleut’ im oberen Viertel, das kannst mir glauben, ich
hab’ meine Noth, wie sie sich bei mir einspinnen wollen. Aber ich hab’
kein Zusammensehen mit ihnen; sind lauter so ungeschlachte, langweilige
Gesellen und hätten bei den Nachbarleuten auch nicht den Respect, den
ein Ländhofer wohl haben muß. Ich will einen aus dem Weinland, von wo
ich selber bin. Rauchst Du nicht Tabak, Felix?“
„Wüßt’ nicht warum,“ versetzte der Bursche.
„Sonst hätt’ ich Dir gern eine silberbeschlagene Pfeife von meinem
Seligen spendirt zum Andenken. Lieber Gott, ich kann ihn hart
vergessen; ist ein gutes altes Kind gewesen. Das aber sag’ ich, nach
einem Reichen und Vornehmen lug’ ich nicht; g’rad zu alt darf er mir
nicht sein und frisches Blut muß er haben, daß eine Schneid’ in’s Haus
kommt.“
Jetzt machte Felix große Augen. -- „Die heiratet mich!“ -- Just, daß
er’s nicht laut hinausrief in den Herbstnachmittag. Und daran spann er
folgende Gedanken: Wenn sie mich heiratet, dann ist’s freilich aus mit
dem Soldatenleben, dann bin ich der Ländhofer, der reiche Ländhofer,
und kann mir gut geschehen lassen und kann meine Eltern in’s Haus
nehmen und die Geschwister versorgen und den kleinen Anton studiren
lassen. Das macht sich ja fein -- „juch!“
Er jauchzte wirklich laut auf, der gute Junge, und er glaubte, nun wäre
er mit sich und Allem in Richtigkeit.
„Das ist recht!“ rief die Bäuerin nach seinem Juchschrei, „nur lustig
wohlauf und keck d’ran, mein lieber Landsmann! jungen Männern gehört
die Weltkugel und der Sack dazu. Ich bitt’ Dich, Felix, jetzt ist mir
die Haarnadel in den Nacken gerutscht!“
Das war nun eine heikle Sache; je mehr der Bursche ihr seidenes
Halstuch lockerte, desto tiefer rollte das Drahthäkchen hinab und
schließlich verschwand es in den Tiefen. Blieb demnach diese Aufgabe
einstweilen ungelöst und deß’ schämte sich Felix insgeheim. Ihm, dem
die Weltkugel gehört, soll eine Haarnadel entgehen?
Zwecklos ist nichts auf der Welt; zwecklos war auch dieser kleine
Zwischenfall nicht gewesen. Als Felix’ Finger den Nacken der Bäuerin
berührte, hatte diese ein Gefühl, das sie höher anschlug, als die
hinabgeglittene Nadel.
Für die Gegend, die sie durchfuhren, können wir unter solchen Umständen
kein Auge haben. Im Allgemeinen nahm die Landschaft allmählich einen
ernsteren Charakter an; das Hügelgelände wurde zum Bergland, die Wein-
und Obstgärten verschwanden, die Nadelwälder begannen. Zur Linken
hatten die Reisenden ein sich allgemach höher bauendes Gebirge, über
dessen Häuptern schon die Abendnebel des Herbstes lagen. Zur Rechten
war stets der schöne Fluß mit den grünen oder felsigen Ufern. Hie und
da stand ein Dorf; die Einzelnhöfe wurden immer seltener.
„Schau, dort ist wieder einmal ein Wirthshaus,“ sagte Felix plötzlich.
„Da im Wagen auch,“ entgegnete die Großbäuerin und zog einen
gutgeräucherten Schinken und einen erdenen Plutzer hervor. Sie aßen
vom Geräucherten und sie tranken Beide aus dem Plutzer. Trank sie, so
hielt er ihr das Gefäß zurecht; sie erwies ihm denselben Dienst, nur
hielt sie den Krug stets so, daß dem Burschen jedesmal viel mehr durch
die Gurgel rann, als er eigentlich beansprucht hätte. Es wäre ihm aber
ein Trunk auf bequemer Wirthsbank lieber gewesen. Nichtsdestoweniger
fand er sich aufgelegt zum Singen und jetzt hielt er sich auch wacker
am Eisenring, der jenseits seiner Genossin an der Wagenwand angebracht
war. Das Weib hinwiederum war genöthigt, sich an dem Burschen
festzuhalten, denn das Schütteln des Wagens wurde auf der Bergstraße
immer ärger.
So weit kam’s, daß der gutmüthige Winzerssohn die Worte sagte: „Ich
krieg’ keinen Athem mehr, Bäuerin!“
Als ob es ihr viel besser ergangen wäre! Ein arges Fieber war in ihr,
ein Zucken in den Gliedern, ein Pochen im Herzen.
Die Erdenwege sind so herbe; der arme Pilger muß leiden und entbehren,
kein Mensch kann’s glauben, was mitunter Eins in den Dreißigern
aussteht!
Zum Glücke waren sie, als die Sonne unterging, auf der letzten Anhöhe.
Da rief die Großbäuerin dem alten Michel „Halt!“ zu und raffte sich
zusammen.
„So, Felix,“ sagte sie, „jetzt schau einmal hinab in dieses Thal, das
ist die grüne Länd.“
„Wie heißt denn das Dorf dort mitten in den Bäumen?“ fragte der Bursche.
„Ein Dorf, meinst Du?“ lächelte die Bäuerin, „mein Lieber, das ist kein
Dorf. Die Gebäude gehören alle zusammen, es ist der Ländhof!“
„Der ist groß!“ rief Felix aus.
„Ich denk’, wir werden Platz darin haben. Nicht wahr? Na, gelt!“
„Der ist groß!“ wiederholte Felix, „da kenn’ ich mich rein gar nicht
aus.“
„Nu, paß’ einmal auf, Junge,“ sagte sie selbstgefällig, „dort das
weiße Gebäude mit den zwei Fensterreihen ist das Wohnhaus. Unter den
Bäumen hin rechts sind die Stallungen und Scheunen. Weiter rückwärts
-- man sieht ja die Funken aus dem Schornstein -- ist die Schmiede und
daneben mit dem Schindeldach die Mühle; sind drei Laufer; ich mahl’
für das halbe Oberviertel. Links vom Wohnhaus siehst Du die Dächer von
einem zweiten Hause; in demselben sind die Vorrathskammern und die
Gesindestuben. Das untermauerte Gebäude dahinter ist der Pferdestall;
stehen fortweg sechs Rösser d’rin. Dann fangen die Obstgärten an, bis
zum großen Anger hin, wo die Leinwandbleiche ist. Das Häusel daneben
ist die Flachsbrechstube.“
Felix staunte und schwieg.
„Die grünen Wiesen,“ fuhr die Bäuerin fort, „die dort bis zum Wasser
hingehen, geben dem Thal den Namen: die grüne Länd. Sie gehören alle
zum Hof. Und dort der Birkenschach -- die Schafweide -- und die Felder
bis hinauf zum Wald und die ganze Waldung, die dorthin liegt -- und
hinter ihr sind wieder Wiesen und Felder und Viehweiden und weiter
hinauf die Alm -- Alles gehört zum Ländhof. Ich hab’ achtzig Stück
Rindvieh und über hundert Schafe, ich hab’ die Pferde und das Kleinvieh
-- im Ganzen wie viel -- aufrichtig muß ich’s sagen -- ich weiß es
selber nicht. Nachher dort über dem Hof ist die Ueberfuhr über die Seim
-- kannst Du den gespannten Strang noch sehen? -- Hast gute Augen. Und
wenn Du mit der Plätten hinüberfährst an’s andere Ufer, so bist immer
noch auf meinem Grund, Bis über den Bergschlag hin -- Alles gehört zum
Ländhof!“
Felix that einen Pfiff; das war ein Zeichen seines großen Staunens.
„Und dort,“ sagte er hierauf, „neben dem Schachen steht noch ein
kleines Haus, das wird wohl nimmer dazu gehören.“
„Gehört Alles dazu!“ rief die Bäuerin, „ist aber nicht der Müh’ werth,
ist das Ausnahmsstübel für die alten Leut’.“
„So wie in Zollau das Spital?“
„Auf ein Gleiches. Die alten Leut’, das sind die alten Besitzersleut’
vom Hof, welche die Wirthschaft den Jungen übergeben haben. Na, die
haben im Häuserl dort ihr Ableben.“