Nach Verlauf einer Stunde hatte bei mir an der Hand meiner Erwägungen

die folgende Auffassung endgiltige Gestalt gewonnen: Ob es die beiden

Herren gut mit mir meinen oder schlecht, ist eine Frage, die ich nicht

zu ergründen vermag, -- also: ruhig zusehen. Es handelt sich dabei

um einen Scherz, eine Idee oder ein Experiment irgend welcher Art,

worüber ich ebensowenig ins klare kommen kann, -- also wiederum ruhig

zusehen. Man ist auf mich eine Wette eingegangen, deren Gegenstand

ich unmöglich zu erraten imstande bin -- also abermals ruhig zusehen.

Damit wären die unfaßbaren Größen abgethan; die übrigen in Betracht

kommenden Faktoren sind dagegen sämtlich greifbarer, reeller Art und

lassen sich ganz genau zum voraus bestimmen und berechnen. Wenn ich

bei der Bank von England darum nachsuche, die Note dem Eigentümer auf

Rechnung zu stellen, so wird man allerdings meinem Antrage nachkommen,

denn dort kennt man ja seinen Namen, wenn auch ich ihn nicht weiß;

aber dann wird man mich weiter fragen, wie ich in den Besitz der Note

komme? Sage ich die Wahrheit, so sperrt man mich selbstredend in

ein Irrenhaus, lüge ich dagegen, so erhalte ich Quartier in Numero

Sicher. Genau ebenso würde es mir ergehen, falls ich versuchen wollte,

die Note irgendwo sonst einzulösen oder Geld darauf aufzunehmen.

Ich _muß_ diese unerträgliche Last mit mir herumschleppen, bis jene

Herren zurückkommen, ob ich will, oder nicht. Sie ist ohne allen Wert

für mich, so wertlos wie eine Hand voll Asche, und doch muß ich sie

aufs sorgfältigste behüten und bewahren, während ich dabei auf fremde

Mildthätigkeit angewiesen bin, um mein Leben zu fristen. Nicht einmal

verschenken könnte ich die Note, wenn ich wollte; denn kein ehrlicher

Bürger, ja selbst nicht der gemeinste Straßenräuber würde sie annehmen

oder das geringste damit zu thun haben wollen. Das Bruderpaar ist in

jedem Falle vollkommen gedeckt, -- selbst wenn ich die Note verliere

oder verbrenne; denn im ersten Falle brauchen sie nur Zahlungssperre zu

veranlassen, im zweiten dagegen ersetzt ihnen die Bank den vollen Wert.

Ich dagegen muß inzwischen einen ganzen Monat voll unerhörter Qualen

durchmachen, ohne im geringsten Entgelt oder Lohn dafür zu erhalten, --

wofern ich nicht jene Wette gewinnen helfe, sie mag sich nun beziehen

worauf sie wolle, und dafür die mir zugesagte Stellung erhalte. Ja

freilich, wenn ich _die_ bekäme! -- So große Herren haben oft Pöstchen

zu vergeben, nach denen man sich die Finger leckt.

Von dem Gedanken an diesen Posten konnte ich mich nun nicht mehr

losreißen. Ich begann, mich mit hochfliegenden Hoffnungen zu tragen.

Zweifelsohne war ein glänzender Gehalt damit verbunden, der mit

nächstem Monat beginnen mußte, und damit war ich ja dann wieder völlig

flott. Diese frohen Aussichten versetzten mich rasch in eine sehr

gehobene Stimmung, obwohl ich vorläufig noch immer ziellos in den

Straßen umherirrte. Als ich an einem Kleiderladen vorbei kam, erfaßte

mich das sehnlichste Verlangen, meine Lumpen abzuwerfen und mich wieder

einmal anständig zu kleiden. Konnte ich mir das leisten? Nein, denn

ich besaß wohl eine Millionenpfundnote, aber sonst nichts auf der

Welt. So zwang ich mich denn, an dem Laden vorüberzugehen. Aber bald

stand ich wieder davor. Die Versuchung war zu grausam; gewiß sechsmal

ging ich bis an den Laden hin und wieder fort, während ich heldenmütig

gegen sie ankämpfte. Aber schließlich gab ich mich überwunden -- ich

konnte nicht anders. Ich fragte nach einem verschnittenen Anzug, der

ihnen vielleicht liegen geblieben sei. Der Bedienstete, an den ich mich

gewendet hatte, nickte nur stumm einem andern zu. Als ich auf diesen

zuging, wies er mich in gleicher Weise an einen dritten, der mir nun

zurief:

»Werde Sie sogleich bedienen!«

Ich wartete, bis er mit seinem augenblicklichen Geschäfte fertig war,

dann führte er mich in ein Hinterzimmer, wo er aus einem ganzen Haufen

verschnittener Anzüge den schlechtesten für mich heraussuchte. Ich zog

ihn an. Er paßte nicht, war auch durchaus nicht hübsch, dagegen war

er völlig neu und somit für mich höchst begehrenswert. Ich hatte also

nichts daran auszusetzen und bemerkte in etwas unsicherem Tone:

»Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie einige Tage auf den Betrag warten

könnten. Ich habe kein kleines Geld bei mir.«

Der Kerl nahm eine unverschämt spöttische Miene an und erwiderte:

»Ach, wirklich! Nun, das habe ich mir gleich gedacht. Herren wie Sie,

haben gewöhnlich nur große Scheine in der Tasche.«

Aergerlich über diese Unverschämtheit versetzte ich:

»Lieber Freund, Sie müssen jemand, den Sie nicht kennen, nicht immer

nach den Kleidern beurteilen, die er trägt; ich bin wirklich ganz

wohl imstande, den Anzug zu bezahlen. Ich wollte Ihnen nur die Mühe

ersparen, eine große Note zu wechseln.«

Darauf milderte er seinen Ton ein wenig und erwiderte, immer noch

ziemlich von oben herab:

»Ich wollte Ihnen ja nicht zu nahe treten; aber wenn wir uns denn doch

einmal gegenseitig die Wahrheit sagen, so finde ich es nicht gerade

am Platze, daß Sie sich daran zu zweifeln erlauben, ob wir auf eine

Banknote, die Sie bei sich tragen, auch herausgeben können. Wir geben

auf _jede_ heraus.«

»O, das ist etwas anderes; dann bitte ich um Vergebung,« erwiderte

ich und reichte ihm die Note hinüber. Mit einem Lächeln nahm er sie

entgegen, mit jener Art von Lächeln, die das ganze Gesicht mit einem

System von Falten, Runzeln und Schlangenlinien überzieht, wie die

Ringe auf einer Wasserfläche, wenn man einen Stein hineingeworfen

hat. Als er aber den Blick auf die Note gleiten ließ, wurde dieses

Lächeln plötzlich zu Stein und nahm eine graugelbe Farbe an, so daß es

aussah, wie die Lavastücke, die man zu wellenförmig gewundenen Gebilden

erstarrt an den Abhängen des Vesuv findet. Das war das erstemal

in meinem Leben, daß vor meinen Augen ein Lächeln so vollkommen

unverändert stehen blieb. Immer noch stand der Mensch, die Note in der

Hand, mit demselben Ausdruck da, bis endlich der Prinzipal herbeigeeilt

kam, um zu sehen, was denn sei.

»Nun, was giebt's?« fragte er, »was ist los? wo fehlt's?«

»Es giebt gar nichts,« versetzte ich, »ich warte nur auf mein

Kleingeld.«

»So geben Sie ihm doch heraus, White, frisch vorwärts!«

»Herausgeben!« rief der Commis, der nun auch wieder zum Leben erwachte,

»das ist leicht gesagt; sehen Sie nur erst die Note einmal an!«

Der Prinzipal warf einen Blick darauf, dann pfiff er in vielsagender

Weise halblaut durch die Zähne und machte sich über den Haufen

verschnittener Anzüge her, indem er sie fortwährend von einer Seite

zur andern warf. Dabei machte er seiner Aufregung durch folgendes

Selbstgespräch Luft:

»Einem exzentrischen Millionär einen solch unsagbar scheußlichen Anzug

zu verkaufen! White ist ein Narr, ein geborener Narr. Immerfort macht

er solche Streiche. So oft ein Millionär in den Laden kommt, treibt er

ihn mir wieder hinaus, weil er es in seinem ganzen Leben noch nicht

so weit gebracht hat, daß er einen Millionär von einem Bettler zu

unterscheiden imstande ist. So, da hab' ich, was ich suchte,« wandte

er sich nun an mich. »Bitte, legen Sie doch das Zeug da wieder ab und

werfen Sie es ins Feuer. Thun Sie mir den Gefallen und ziehen Sie dafür

dieses Hemd an und diesen Anzug hier. Das ist das einzig Richtige,

das einzig Wahre -- einfach und doch reich, wahrhaft fürstlich und

doch nicht im mindesten auffallend. Wurde für eine ausländische

Fürstlichkeit eigens angefertigt; der Besteller konnte es aber nicht

brauchen und mußte einen Traueranzug dagegen nehmen, weil man meinte,

seine Mutter liege im Sterben -- und dann starb sie nicht. Aber das ist

Nebensache, es geht eben nicht immer wie wir eh, eh -- das heißt wie

man -- Da! die Hosen sind ganz recht, sitzen Ihnen wunderbar. Jetzt

die Weste. Aha, ebenfalls vorzüglich! Jetzt den Rock! -- Guter Gott,

schauen Sie nur her, großartig, unübertrefflich! das Vollkommenste, was

je aus meinem Geschäfte hervorgegangen ist.«

[Illustration]

Ich konnte nicht umhin, meiner Befriedigung Ausdruck zu geben.

»O gewiß, gewiß. Für einen fertigen Anzug paßt er ja ganz gut, das muß

ich selber sagen. Aber warten Sie nur, was wir Ihnen erst nach Maß

liefern werden. Vorwärts, White, Buch und Feder, aber rasch!« Dann

fing er an: »Beinlänge 32,« und so fort. Ehe ich eine Silbe dagegen

vorzubringen vermochte, hatte er mir das Maß zu Gesellschaftsanzügen,

Morgenanzügen und allem möglichen sonst genommen. Als ich endlich zu

Worte kommen konnte, sagte ich:

»Aber, mein werter Herr, ich kann das alles _unmöglich_ bestellen, wenn

Sie nicht mit der Bezahlung auf unbestimmte Zeit warten oder die Note

wechseln können.«

»Auf unbestimmte Zeit! Das will ja gar nichts heißen, gar nichts. In

alle Ewigkeit -- so müssen Sie sagen. White, lassen Sie die Sachen

schleunigst anfertigen und dem Herrn dann unverzüglich in die Wohnung

schicken. Die kleineren Kunden mögen warten. Notieren Sie die Adresse

des Herrn.«

»Ich bin eben im Umzug begriffen; ich komme dann wieder herüber und

gebe Ihnen meine neue Adresse,« warf ich ein.

»Ganz schön, ganz schön. Nur einen Augenblick, bitte, dann werde ich

Sie zur Thür geleiten. So, hier -- habe die Ehre, mich Ihnen bestens zu

empfehlen!«

Nun, so mußte es ja wohl kommen, nicht wahr? Auf dem allernatürlichsten

Wege war ich bald dahin gelangt, daß ich überall einfach verlangte,

was ich haben wollte und dann beim Bezahlen mit meiner Millionennote

vorrückte. Noch bevor eine Woche um war, wohnte ich kostbar

eingerichtet im größten Luxus und von aller Bequemlichkeit umgeben in

einem teuren Privathotel in Hanover Square. Hier nahm ich auch das

Diner ein, zum Frühstück dagegen suchte ich regelmäßig die kleine

Speisewirtschaft auf, in der mir meine Millionennote zu meinem ersten

Mahl verholfen hatte. Die Wirtschaft gelangte durch mich zu ungeahnter

Blüte. Allenthalben sprach man davon, daß der fremde Kauz, der die

Millionen nur in der Westentasche herumtrage, ihr seine Gönnerschaft

zuwende. Dies genügte, um aus dem armseligen, elenden Ding, das

mit Mühe sein Dasein fristete, ein berühmtes, stets überfülltes

Lokal zu machen. In seiner Dankbarkeit drängte mir der Wirt ein

Darlehen nach dem andern auf und ließ schlechterdings keine Weigerung

gelten, so daß ich trotz meiner Bettelarmut im Gelde schwamm und ein

wahres Herrenleben führte. Dabei sagte ich mir wohl, daß ich einem

unvermeidlichen Krach entgegengehe; aber nun war es einmal so weit

gekommen und jetzt hieß es, mit dem Strome schwimmen oder untergehen.

Man sieht, ohne dieses Vorgefühl eines drohenden Unheils würde meine

Lage einfach lächerlich erschienen sein; aber so erhielt sie dadurch

eine sehr ernste, nüchterne Seite, ja geradezu einen tragischen

Zug. Nachts im Finstern drängte sich dieses Gefühl besonders in den

Vordergrund, warnend und drohend, so daß ich mich seufzend auf meinem

Lager herumwarf, und nur mit Mühe Schlaf finden konnte. Aber im frohen

Schimmer des Tageslichts war dieser tragische Zug immer sehr bald

wieder verflogen und dann schwebte ich in höheren Regionen und wiegte

mich in einem wahren Taumel, in einem förmlichen Rausche des Glücks.

Und das war auch ganz natürlich. War ich doch zu einer der

Merkwürdigkeiten der größten Stadt der Welt geworden. Das war mir

denn zu Kopfe gestiegen, und zwar nicht etwa nur so ein klein wenig,

sondern ganz gehörig. Keine Zeitung im ganzen Vereinigten Königreich

konnte man mehr zur Hand nehmen, ohne auf einen oder mehrere Artikel

über den ›Mann mit der Million in der Westentasche‹ und auf Berichte

über das Neueste, was er gesagt und gethan, zu stoßen. Zuerst waren

diese Notizen am Fuße der Personalnachrichten erschienen, bald aber

kam ich über die Ritter, dann über die Baronets und so immer höher

hinauf, je berühmter ich wurde, bis ich schließlich den höchsten für

mich möglichen Ehrenplatz einnahm, auf dem mir nur noch Prinzen von

königlichem Geblüt und der Primas von ganz England vorgingen. Aber,

wohl gemerkt, das war noch kein wahrer Ruhm, was ich bis jetzt besaß,

nur Berühmtheit; da kam ein Knalleffekt, der mit einem Schlage das

vergängliche Blech der Berühmtheit in das gediegene Gold des Ruhmes

verwandelte: im ›Punch‹ erschien eine Karikatur von mir. Ja, jetzt

war ich ein gemachter Mann; jetzt war mir mein Rang gesichert. Witze

durfte man nun wohl noch über mich machen, aber nur ganz respektvolle,

keine spöttischen oder rohen mehr. Man konnte über mich lächeln;

auslachen dagegen durfte man mich nicht mehr. Diese Zeiten waren

vorüber. Der ›Punch‹ bildete mich ab wie ich ganz in Lumpen gehüllt mit

einem wohlgenährten Protzen um den Londoner Tower würfelte. Nun, man

kann sich einbilden, wie das auf einen jungen Menschen wirken mußte,

um den sich bisher kein Mensch gekümmert hatte, wenn er sah, daß er

kein Wort mehr sagen konnte, ohne daß es aufgeschnappt und von allen

Lippen wiederholt wurde; wenn er überall, wo er sich sehen ließ, die

Bemerkungen von Mund zu Mund fliegen hörte: »da geht er«; »das ist

er«; wenn er sein Frühstück nicht einnehmen konnte, ohne dabei von

einer gaffenden Zuschauermenge umlagert zu werden und sich in keiner

Opernloge zeigen durfte, ohne augenblicklich einem Kreuzfeuer von

tausend Gläsern ausgesetzt zu sein. Kurz und gut -- ich schaukelte mich

den ganzen Tag auf einem wahren Ozean von Ruhm.

Ich hatte sogar meinen zerlumpten Anzug behalten und ging ab und zu

darin aus, um das Vergnügen wieder einmal durchzukosten, mich beim

Einkauf irgend einer Kleinigkeit beleidigen zu lassen und dann den

Unverschämten mit meiner Millionennote niederzuschmettern. Aber lange

konnte ich das nicht fortführen. Aus den illustrierten Zeitungen war

meine Erscheinung so allgemein bekannt, daß ich mich in diesem Aufzuge

stets augenblicklich erkannt und von einer Menschenmenge verfolgt

sah; und sobald ich Miene machte, etwas kaufen zu wollen, bot mir der

Geschäftsinhaber seinen ganzen Laden auf Kredit an, noch ehe ich dazu

kommen konnte, meine Note auf ihn los zu lassen.

Etwa zehn Tage, nachdem ich zu dieser Berühmtheit gelangt war, dachte

ich daran, meiner patriotischen Pflicht nachzukommen, indem ich dem

amerikanischen Gesandten meine Aufwartung machte. Er empfing mich mit

dem meinem Falle angemessenen Entzücken, machte mir Vorwürfe, daß ich

die Erfüllung dieser meiner Pflicht so lange habe anstehen lassen und

erklärte mir, nur dadurch könne ich mir seine Vergebung erkaufen, daß

ich bei einer am Abend in seinem Hause stattfindenden Gesellschaft

den Platz eines durch Krankheit verhinderten Gastes einnehme. Ich

sagte zu, und wir kamen allmählich tiefer ins Gespräch. Dabei stellte

sich heraus, daß er mit meinem Vater auf einer Schulbank gesessen und

später zusammen mit demselben im Yale College studiert und bis zu

meines Vaters Tode Freundschaft mit ihm unterhalten hatte. So lud er

mich denn ein, jede freie Stunde in seinem Hause zu verbringen, was

ich natürlich mit Freuden annahm. Genauer gesagt war mir das mehr als

angenehm, es war mir vom höchsten Werte. Bei Eintritt des Krachs war er

doch vielleicht imstande, mich vor gänzlichem Untergang zu bewahren.

Ich konnte mir zwar nicht recht vorstellen, wie das zugehen sollte;

allein ich dachte, er würde vielleicht schon einen Weg dazu finden.

Für eine Generalbeichte, die ich ihm zu Anfang meines entsetzlichen

hiesigen Daseins ohne weiteres abgelegt haben würde, war es bereits

zu spät. Nein, das konnte ich nicht mehr riskieren, ich steckte schon

zu tief drinnen; das heißt wenigstens so tief, daß es nicht geraten

schien, einem Bekannten so neuen Datums genauere Mitteilungen darüber

zu machen, wenn sich auch in meinen eigenen Augen die Sache noch nicht

so hoffnungslos ausnahm. Denn bei meiner ganzen Borgwirtschaft hielt

ich mich höchst sorgfältig innerhalb der Grenzen meiner Mittel -- das

heißt meines zukünftigen Gehaltes. Bestimmt _wissen_ konnte ich ja

natürlich nicht, wieviel derselbe betragen würde, aber eine genügende

Grundlage für dessen annähernde Schätzung war doch dadurch gegeben, daß

mir der alte Herr die freie Wahl unter sämtlichen Stellungen lassen

wollte, die er zu vergeben hätte, vorausgesetzt, daß ich dazu befähigt

wäre -- und das war doch sicher der Fall, darüber hegte ich keinen

Zweifel. Die Wette machte mir auch weiter keine Sorge; in _dem_ Punkte

hatte ich stets Glück gehabt. Nun, ich schätzte also meinen Gehalt

auf sechshundert bis tausend Pfund im Jahre; sagen wir sechshundert

fürs erste Jahr und dann so Jahr für Jahr mehr, bis ich es durch meine

Leistungen auf tausend gebracht hätte. Meine Schulden erreichten bis

jetzt nur die Höhe meines ersten Jahresgehalts. Von allen Seiten hatte

man mir Geld angeboten, allein ich hatte diese Darlehen meist unter

irgend einem Vorwand zurückgewiesen; so beliefen sich meine daher

stammenden Schulden auf nicht mehr als dreihundert Pfund, während

ich die andern dreihundert zur Bestreitung meines Unterhalts und zu

Einkäufen gebraucht hatte. Mit dem Gehalt des zweiten Jahres hoffte ich

nun bei der nötigen Vorsicht und Sparsamkeit vollends bis zum Ende des

Monats zu reichen, und daran wollte ich es gewiß nicht fehlen lassen.

War dann mein Monat erst herum und mein Gönner von der Reise zurück,

dann war ja alles wieder im schönsten Geleise; dann gedachte ich,

einfach Anweisungen auf die beiden ersten Jahresgehalte unter meine

Gläubiger zu verteilen und mich tüchtig an die Arbeit zu machen.

Es war eine sehr angenehme Tischgesellschaft von vierzehn Personen:

Herzog und Herzogin von S. mit Tochter, Earl und Counteß N., Viscount

C., Lord und Lady G., einige Menschenkinder beiderlei Geschlechts

ohne Rang und Titel, der Gesandte nebst Gemahlin und Tochter, sowie

eine zu Besuch bei der letzteren befindliche junge Engländerin von

zweiundzwanzig Jahren, Namens Portia Langham, in welche ich mich im

Lauf von zwei Minuten bereits verliebt hatte, ebenso wie sie sich in

mich -- was ich bemerken konnte, ohne eine Brille dazu nötig zu haben.

Dann war noch ein Gast da, ein Amerikaner. -- Doch, ich eile meiner

Erzählung etwas voraus. Während die Gesellschaft noch in sehnsüchtiger

Erwartung des Mahles im Salon beisammen saß und die Zuspätkommenden mit

kalter Verachtung musterte, meldete der Diener: »Mr. Lloyd Hastings.«

Dieser neue Gast faßte, sobald die Förmlichkeiten der Begrüßung vorüber

waren, mich ins Auge und kam mit ausgestreckter Hand auf mich zu; in

dem Augenblick aber, wo er die meinige fassen und schütteln wollte,

stockte er plötzlich und sagte mit verlegener Miene:

»Ich bitte sehr um Vergebung, ich glaubte Sie zu kennen.«

»Nun, du kennst mich auch, alter Junge.«

»Nein! Bist _du_ der -- das --«

»Das große Westentaschentier? Jawohl, gewiß. Du darfst mich getrost bei

meinem Spottnamen nennen, ich bin schon daran gewöhnt.«

»Na, na, na, diese Ueberraschung! Ein oder zweimal war mir dein

Name in Verbindung mit dieser Bezeichnung zu Gesicht gekommen,

aber es kam mir nie dabei in den Sinn, daß du der fragliche Henry

Adams sein könntest. Es ist doch noch kein halbes Jahr her, daß du

in San Francisco auf Hopkins' Kontor gebüffelt und um dir einen

Nebenverdienst zu verschaffen, ganze Nächte lang mit mir an der

Ordnung und Richtigstellung der Bücher und Geschäftsberichte der

Gould- und Curry-Extension-Gruben gearbeitet hast. Und jetzt soll ich

mir vorstellen, daß du hier in London als vielfacher Millionär und

kolossale Berühmtheit herumläufst! Es ist ja das reinste Märchen aus

Tausend und eine Nacht. Mensch, ich kann es gar nicht fassen, nicht

begreifen -- laß mich nur erst wieder etwas zu mir kommen.«

»Wahrhaftig, Lloyd, es geht mir kein Haar besser als dir. Es ist mir

selbst unfaßlich.«

»Bei Gott, wirklich ganz unerhört! Heute ist es gerade drei Monate her,

daß wir zusammen nach dem Miners-Restaurant gingen.« --

»Nein, nach dem What-Cheer.«

»Richtig, jawohl, nach dem What-Cheer. Da ließen wir uns um zwei Uhr

morgens ein Kotelett und eine Tasse Kaffee geben, nachdem wir sechs

Stunden zusammen über den Büchern der Extension geschwitzt hatten.

Damals wollte ich dich überreden, mit mir nach London zu kommen und

machte mich verbindlich, dir Urlaub auszuwirken und dich völlig frei zu

halten, versprach dir auch noch etwas extra für den Fall, daß es mir

gelänge, die Kuxe an den Mann zu bringen. Aber da wolltest du nichts

von der Sache wissen. Du meintest, dabei komme doch nichts heraus, und

du könntest doch nicht aufs Ungewisse deine ganze Stellung aufgeben, um

dann vielleicht nach Jahr und Tag wieder von vorne anfangen zu müssen.

Und nun bist du doch hier. Welch eine merkwürdige Geschichte ist das

doch! Was hat dich denn hierher verschlagen, und wodurch in aller Welt

hast du dich so kolossal heraufgebracht?«

»Ach, das kam ganz zufällig. Es ist eine lange Geschichte -- ein ganzer

Roman kann man sagen. Ich erzähle dir alles, aber nicht jetzt.«

»Wann denn?«

»Ende dieses Monats.«

»Das sind ja noch über vierzehn Tage. Das heißt doch der menschlichen

Neugierde zuviel zumuten. Sage lieber, in einer Woche.«

»Das geht nicht. Den Grund wirst du schon noch erfahren. Nun, wie steht

es denn mit den Geschäften?«

Mit einemmal war der heitere Ausdruck in seinen Mienen wie weggeblasen,

und mit einem Seufzer erwiderte er: »Du hattest ganz recht mit deiner

Prophezeiung, ganz recht. Wäre ich doch nicht hierher gekommen. Ich mag

gar nicht davon reden.«

»Doch, doch. Wenn wir hier fertig sind, mußt du mit mir nach Hause

kommen und mir alles erzählen.«

»Wie? Darf ich? Ist das dein Ernst?« Dabei wurden ihm die Augen feucht.

»Jawohl, ich will die ganze Geschichte hören, Wort für Wort.«

»Ach, wie beglückt bin ich, daß ich endlich wieder bei einem

menschlichen Wesen in Blick und Wort einem Interesse für meine

Angelegenheiten begegnen darf nach allem, was ich durchgemacht habe.

Lieber Gott! Auf den Knieen möchte ich dir dafür danken!«

Mit einem warmen Druck meiner Hand sprang er auf und sah in

fröhlichster Stimmung der Mahlzeit entgegen -- aus der jedoch

nichts wurde. Nein, es ging wie es stets geht bei der verkehrten,

widerwärtigen englischen Sitte -- man war nicht imstande, sich über die

Rangordnung zu einigen und so gab es keine Mahlzeit. Wenn ein Engländer

zum Diner eingeladen wird, so ißt er sich jedesmal zu Hause satt, ein

Fremder dagegen, der von keiner Seite gewarnt wird, geht ahnungslos in

die Falle. Diesmal freilich kam niemand zu Schaden, wir hatten alle

bereits zu Hause gespeist, dem einzigen Neuling unter uns, Hastings,

hatte der Gesandte gleich bei der Einladung gesagt, daß er getreu dem

Landesbrauche für ein Gastmahl keine Vorsorge habe treffen lassen.

Trotzdem setzte man sich nun, um den Schein zu wahren, ein jeder Herr

mit einer Dame am Arm, nach dem Speisesaal in Bewegung; allein dabei

ging der Streit bereits an. Der Herzog beanspruchte den Vortritt sowie

den Platz oben an der Tafel, indem er einem Gesandten, der nur ein

Volk, nicht einen Monarchen vertrete, an Rang vorgehe. Dem gegenüber

machte ich meine Rechte geltend, ohne einen Fußbreit nachzugeben. Die

Zeitungen wiesen mir im Personalbericht den Platz vor allen Herzögen

an, die nicht dem königlichen Hause angehörten, demnach sei es ganz

in der Ordnung, daß mir vor _diesem_ Herzog der Vorrang gebühre. Mit

allem Hin- und Herreden, worin wir unser Möglichstes leisteten, kam

die Sache natürlich nicht zum Austrag. Endlich war mein Gegner so

unbedachtsam, Geburt und Ahnen ins Feld zu führen; da übertrumpfte ich

ihn jedoch mit dem Hinweis darauf, daß ich, wie schon mein Name zeige,

in gerader Linie von Adam abstamme, während aus dem seinigen zusammen

mit seiner normännischen Abkunft klar hervorgehe, daß er nur in der

Seitenlinie mit dem Stammvater des Menschengeschlechts verwandt sei. So

bewegte sich denn der Zug nach dem Salon zurück, wo wir, gruppenweise

herumstehend, eine bescheidene Erfrischung -- bestehend in einem Teller

voll Sardinen und ein paar Erdbeeren -- einnahmen. Dabei wurde es mit

der Heiligkeit der Rangordnung etwas weniger streng genommen; die

beiden Höchststehenden loosten miteinander, indem sie ein Geldstück

in die Luft warfen. Der Gewinner machte sich darauf zuerst über seine

Erdbeeren her, während der Verlierende den Schilling einsteckte. So

ging es dann weiter, bei allen nach der Reihe. Nach der Erfrischung

brachte man Spieltische und wir spielten sämtlich Cribbage, um sechs

Pence die Partie. In England spielt man nämlich niemals zum bloßen

Vergnügen. Man will durchaus gewinnen oder verlieren -- ob das eine

oder das andere, ist gleichgiltig -- sonst verzichtet man lieber ganz.

Der Abend verfloß allerliebst, wenigstens uns beiden, Miß Langham

und mir. Ich war so bezaubert von dem holden Geschöpf, daß ich nicht

imstande war, meine Trümpfe zu zählen, wenn es über zwei Sequenzen

hinaus ging; und wenn ich einen Stich gemacht hatte, übersah ich es

jedesmal und fing wieder an auszuspielen, sodaß ich eine Partie um

die andere verloren haben würde, wäre es meiner Partnerin nicht genau

ebenso gegangen. So war es ganz natürlich, daß keins von uns beiden

aufkam, das fiel uns aber nicht im mindesten auf, wir wußten nur, daß

wir glücklich waren, und weiter wollten wir auch nichts wissen und

hatten nur den Wunsch, in diesem Gefühl nicht gestört zu sein.

Skizzenbuch · 第 18 / 19 段