ihr, daß ich sie liebe, und sie -- nun sie wurde wohl rot bis unter die
Haare, hatte aber nichts dagegen -- und sagte dies auch. O, es war
der schönste Abend meines Lebens! Jedesmal, so oft ich ansagte, oder
meine Trümpfe zählte, fügte ich als Postskript bei: »Gott, wie reizend
Sie sind!« oder etwas Aehnliches, wofür sie mir dann bei der gleichen
Gelegenheit die Empfangsbestätigung erteilte, indem sie zum Schluß
anhängte: »Finden Sie das wirklich?« Und dabei ließ sie einen so süßen,
schelmischen Blick unter ihren langen Wimpern auf mich blitzen. O, es
war wirklich zu -- herrlich!
[Illustration]
Ich benahm mich übrigens vollständig offen und ehrlich dem Mädchen
gegenüber. Ich sagte ihr, daß ich nichts auf der Welt besäße, als eben
die eine Millionennote, von der sie schon so viel gehört habe, und daß
selbst diese nicht mein Eigentum sei. Dies erregte ihre Neugier, und
darauf hin erzählte ich ihr halblaut die ganze Geschichte frisch von
der Leber weg. Sie wollte sich darüber fast totlachen. Was sie dabei
so lächerlich fand, war mir ein Rätsel, aber so war es nun einmal.
Jede halbe Minute erregte irgend ein Umstand ihre Lachlust aufs neue,
sodaß ich ihr wieder anderthalb Minuten Zeit zum Atemschöpfen lassen
mußte. Sie lachte sich buchstäblich lahm; noch nie war mir so etwas
vorgekommen. Daß eine traurige Geschichte -- eine Geschichte, die von
nichts anderem handelt als von den Leiden, Kümmernissen und Sorgen
eines Menschen -- eine solche Wirkung hervorbrachte, war doch unerhört.
Und doch hatte ich sie nur um so lieber dafür, daß sie so heiter zu
sein wußte, wo eigentlich gar kein Grund zur Heiterkeit vorlag; sah es
doch ganz darnach aus, als könnte ich eine derartige Frau demnächst
recht notwendig brauchen. Ich eröffnete ihr natürlich, daß wir wohl
ein paar Jahre würden warten müssen, bis ich in Genuß meines Gehaltes
käme; hieraus machte sie sich aber nichts und ermahnte mich nur zur
größten Sparsamkeit, damit nicht auch noch mein dritter Jahresgehalt
angegriffen werden müsse. Dann wurde sie auf einmal besorgt und
meinte, ob wir mit unseren Vermutungen über den Betrag meines ersten
Jahresgehalts nicht doch am Ende die Rechnung ohne den Wirt machten.
Diese nur zu wohl begründete Bemerkung brachte zwar mein Vertrauen in
die Zukunft einigermaßen ins Wanken, dafür gab sie mir aber auch einen
guten, praktischen Gedanken ein, den ich sofort frischweg aussprach:
»Portia, mein Schatz, würde es dir etwas ausmachen, mich zu den alten
Herren zu begleiten, wenn ich mich ihnen wieder vorstellen muß?«
Sie erschrak ein wenig, sagte aber: »N -- un, wenn meine Begleitung
dazu beitragen kann, dir Mut zu machen. Aber ist es denn auch ganz
passend, was meinst du?«
»Das wohl schwerlich, oder eigentlich nicht; aber sieh', es hängt so
unendlich viel davon ab, daß --«
»Dann gehe ich unter allen Umständen mit, ob passend oder nicht!«
erwiderte sie mit edler Begeisterung, die ihr herrlich stand. »O, der
Gedanke macht mich so glücklich, etwas für dich thun zu können.«
»Etwas, mein Herz? Alles thust du, ganz allein. Du bist so schön, so
lieblich, so bezaubernd, daß, wenn ich dich zur Seite habe, die guten
alten Herren uns ohne Widerrede jeden beliebigen Gehalt bewilligen
müssen, und sollten sie darüber zu Bettlern werden.«
Ha, nun mußte man sehen, wie ihr das Blut voll in die Wangen strömte
und ihre Augen in Glück erstrahlten!
»Du böser Schmeichler! Das ist ja alles nicht wahr, was du da sagst,
aber mit gehe ich doch. Vielleicht wird es dir bei der Gelegenheit
klar, daß andere Leute mich mit andern Augen betrachten als du.«
Hegte ich nun noch Zweifel? War mein Vertrauen noch erschüttert? Es
wird wohl genügen, wenn ich sage, daß ich bei mir selbst in aller
Stille meinen Gehalt unverzüglich auf zwölfhundert Pfund im Jahr
erhöhte. Ich sagte ihr aber davon nichts; das sparte ich mir zu einer
Ueberraschung für später auf.
Auf dem ganzen Wege nach meiner Wohnung schwebte ich in höheren
Regionen und hörte kein Wort von allem, was Hastings an mich hinsprach.
Erst, als wir zu Hause anlangten und Hastings sich beim Eintritt in
meinen Salon in begeisterten Lobsprüchen auf meine reiche und bequeme
Einrichtung erging, kam ich wieder zu mir.
»Erst lasse mich einen Augenblick hier stehen bleiben,« rief er, »damit
ich mich satt sehen kann! Guter Gott, das ist ja ein Palast, der
leibhaftige Palast! Und da fehlt nichts, bis zum behaglichen Kaminfeuer
und dem Abendbrot. Henry, hier kommt man nicht nur zum Bewußtsein,
wie reich du bist, nein, hier fühle ich auch im tiefsten Innern, wie
arm ich bin, wie arm und wie elend, wie geschlagen, gebrochen, und
vernichtet!«
Hol's der Henker! Seine Worte wirkten auf mich wie ein kaltes Sturzbad.
Mit einem Schlage war ich völlig ernüchtert und zu dem Bewußtsein
erwacht, daß ich auf einem Vulkan stehe, der jeden Augenblick
ausbrechen konnte. Ich hatte ja nicht gewußt, oder vielmehr, ich hatte
eine kurze Zeit selbst nicht eingestehen wollen, daß alles nur ein
Traum sei; aber jetzt, -- guter Himmel! Tief in Schulden, ohne einen
Heller Geld, eines holden Mädchens Lebensglück an mein Schicksal
gekettet und dabei nichts vor mir als die Aussicht auf einen Gehalt,
die sich vielleicht -- ach nein, gewiß -- nie verwirklichen sollte. O,
ich bin verloren, rettungslos verloren! --
»Henry, was bei deinem Einkommen jeden Tag nur so nebenbei abfällt,
würde, --«
»Ach, mein tägliches Einkommen! Da steht ein heißer Punsch, damit
vertreibe dir die trüben Gedanken. Profit! Oder nein, warte, du bist
hungrig; komm, setze dich und --«
»Nein, keinen Bissen; ich bringe nichts mehr hinunter; ich kann schon
ein paar Tage lang nichts mehr essen. Aber trinken will ich mit dir,
bis ich nicht mehr stehen kann. Komm!« --
»Da thue ich mit, so lang du willst! Also, frisch drauf los! Lasse
jetzt deine Geschichte vom Stapel, während ich den Punsch braue.«
»Meine Geschichte? Wie? Noch einmal?«
»Noch einmal? Wie meinst du das?«
»Nun, ich meine, ob du die Geschichte zum zweitenmal von vorne anhören
willst.«
»Ob ich sie zum zweitenmal von vorne anhören will! Na, das ist wirklich
ein toller Spaß. Halt, trinke nichts mehr, du kannst nichts mehr
brauchen.«
»Henry, du machst mir Angst. Habe ich dir denn nicht auf dem Weg
hierher die ganze Geschichte erzählt?«
»Du?«
»Ja, ich.«
»Ich lasse mich hängen, wenn ich ein Wort davon gehört habe.«
»Henry, das ist außerm Spaß. Du beunruhigst mich. Was hast du denn bei
dem Gesandten zu dir genommen?«
Jetzt ging mir plötzlich ein wunderbares Licht auf, ich faßte mir ein
Herz und gestand ihm frei und offen: »Das herzigste Mädel auf der Welt
habe ich dort -- erobert!«
In ungestümer Freude stürzte er auf mich los und wir schüttelten
uns die Hände, bis sie uns wehe thaten. Darüber, daß ich von seiner
Erzählung, die unsern anderthalb Stunden dauernden Heimweg ausfüllte,
nicht das geringste vernommen hatte, sagte er kein Wort. Er setzte sich
ruhig hin und erzählte mit der ihm eigenen Gutmütigkeit und Geduld die
ganze Geschichte noch einmal von vorne.
Sie lief auf folgendes hinaus: Er war im Auftrag der Besitzer der
Gould- und Curry-Extension-Gruben nach London gekommen, um die Anteile
zu veräußern, und es sollte dabei alles, was er über eine Million
Dollars lösen würde, ihm verbleiben. In der Hoffnung, dabei ein
vortreffliches Geschäft zu machen, hatte er sich keine Mühe verdrießen,
kein ehrliches Mittel unversucht gelassen und fast seinen letzten
eigenen Heller daran gesetzt, ohne daß es ihm jedoch gelungen wäre,
einen einzigen Kapitalisten zum Anbeißen zu bewegen, und mit Ende des
Monats lief seine Berechtigung ab. Mit einem Worte: er war zu Grunde
gerichtet. Am Schlusse sprang er auf und rief:
»Henry, du kannst mich retten! Du allein auf dem ganzen Erdenrund!
Wirst du mich retten? Oder wirst du mich _nicht_ retten?«
»Sage mir nur, wie ich das machen soll? Erkläre dich, mein Junge.«
»Nimm mir mein Verkaufsrecht ab und zahle mir dafür eine Million und
die Heimreise. Bitte, bitte, sage nicht nein!«
Es war wirklich nicht mehr auszuhalten. Eben stand ich auf dem Punkte,
mit dem Bekenntnis herauszuplatzen: »Lloyd, ich bin ja selbst ein
Bettler -- ohne einen Pfennig Geld und stecke dazu noch in Schulden.«
Aber da leuchtete plötzlich ein herrlicher Gedanke blitzähnlich in
meinem Kopfe auf. Ich biß die Zähne zusammen und bezwang mich, bis ich
so kalt war, wie ein Großkapitalist. Dann sagte ich mit vollkommen
geschäftsmäßiger Ruhe: »Ich will dich retten, Lloyd.«
»Dann bin ich schon gerettet; Gott segne dich ewig dafür! Wenn ich
je --«
»Laß mich ausreden, Lloyd. Ich will dich retten, aber nicht so, wie du
meinst. Denn nach all den Mühen und Opfern, die du es dich hast kosten
lassen, wäre das nicht anständig an dir gehandelt. Ich brauche keine
Minenanteile; an einem Weltplatz wie London kann ich auch mein Geld
ohne dies arbeiten lassen, es ist ja bis jetzt auch gegangen. Nein,
wir machen die Sachen folgendermaßen: Ich kenne ja natürlich dieses
Bergwerk ganz genau; ich weiß, welch ungeheurer Wert darin steckt und
kann es auf Verlangen jedem eidlich bekräftigen. Du sollst im Lauf der
nächsten vierzehn Tage für bare drei Millionen Anteilscheine verkaufen,
indem du von meinem Namen unbeschränkten Gebrauch machst, und dann
teilen wir den Gewinn -- halb und halb.«
Lloyd geriet darüber so außer sich vor Freude, daß er wie toll
herumtanzte und mir meine ganze Einrichtung kurz und klein geschlagen
haben würde, hätte ich ihm nicht schließlich ein Bein gestellt und ihn
an Händen und Füßen gebunden. Als er so dalag, rief er ganz beseligt
aus: »Ich darf deinen Namen gebrauchen! deinen Namen! -- Stelle dir nur
vor, Mensch! In Scharen kommen sie gelaufen, diese reichen Londoner und
prügeln sich um die Anteile! Ich bin ein gemachter Mann, geborgen für
alle Zeit, in meinem ganzen Leben vergesse ich dir das nicht!«
Keine vierundzwanzig Stunden dauerte es, so war die Sache bereits in
ganz London herumgekommen. Ich hatte Tag für Tag nichts zu thun, als zu
Hause zu sitzen und all den Leuten, die bei mir erschienen, zu sagen:
»Jawohl, ich habe ihm gestattet sich auf mich zu beziehen. Ich kenne
ihn und kenne das Bergwerk. Er selbst verdient volles Vertrauen und die
Anteile sind weit mehr wert, als er dafür verlangt!«
Inzwischen verbrachte ich alle meine Abende bei dem Gesandten mit
Portia. Von dem Bergwerk sagte ich ihr keine Silbe, das sparte ich mir
zu einer späteren Ueberraschung auf. Wir sprachen immer nur von unserer
Liebe und vom Gehalt, bald von dem einen, bald von dem andern, manchmal
auch von beidem untereinander. Und dann, guter Gott, das Interesse,
das Frau und Tochter des Gesandten an unserer Angelegenheit nahmen und
die endlosen Listen und Schlauheiten, die sie ersannen, um uns vor
Störungen zu schützen und den Gesandten nicht hinter die Sache kommen
zu lassen -- ach, es war wirklich allerliebst von den beiden!
Als der Monat um war, besaß ich ein Guthaben von einer Million
Dollars bei der London- und County-Bank, und Hastings stand ebenso.
In ausgesuchtester Toilette fuhr ich an Portland-Place vorbei. Als
ich mich an dem Aussehen der Wohnung überzeugt hatte, daß meine Vögel
wieder zu Neste geflogen sein mußten, holte ich meinen Schatz bei dem
Gesandten ab und fuhr mit ihr zusammen wieder nach Portland Place.
Während der ganzen Fahrt bildete der Gehalt den Gegenstand unserer
eifrigsten Erörterungen. Die Besorgnis, in die sie sich dabei hinein
redete, ließ sie so reizend erscheinen, daß es kaum mehr auszuhalten
war.
»Mein Herzchen,« sagte ich zu ihr, »so wie du jetzt aussiehst, wäre es
ein Verbrechen, einen Pfennig weniger als dreitausend Pfund im Jahre zu
verlangen.«
»Henry, Henry, du richtest uns noch zu Grunde,« erwiderte sie.
»Sei unbesorgt! Sieh nur so aus und verlasse dich auf mich. Ich will
die Sache schon machen.«
Es war soweit gekommen, daß ich auf dem ganzen Wege ihr Mut zusprechen
mußte. Sie selbst redete noch fortwährend auf mich ein:
»Bedenke doch, daß, wenn wir zu viel verlangen, wir vielleicht gar
keinen Gehalt bekommen; und was soll dann aus uns werden, wenn wir
nicht wissen, womit wir unsern Unterhalt verdienen wollen?«
Es war wieder derselbe Diener, der uns einließ, und da waren sie
auch wieder, die beiden alten Herren. Natürlich waren sie höchlich
überrascht über das holde Geschöpf an meiner Seite. Ich erklärte jedoch:
»Sie dürfen keinen Anstoß daran nehmen, meine Herren, es ist meine
zukünftige Lebensgefährtin.« Darauf stellte ich ihr die Herren mit
ihren Namen vor. Diese zeigten sich hierüber gar nicht erstaunt;
sie dachten vermutlich, daß ich so gescheit gewesen sein würde, im
Adreßbuch nachzuschlagen. Sie forderten uns auf, Platz zu nehmen und
behandelten mich mit größter Höflichkeit, gaben sich auch alle Mühe,
meiner Begleiterin durch freundlichen Zuspruch über ihre Verlegenheit
hinweg zu helfen. Endlich sagte ich:
»Meine Herren, ich komme, Ihnen Bericht zu erstatten.«
»Das ist uns sehr angenehm,« erwiderte mein Gönner, »dann können wir ja
die Wette zwischen mir und meinem Bruder Abel jetzt zur Entscheidung
bringen. Falls Sie für mich gewonnen haben, dürfen Sie sich jede
beliebige Stellung wählen, die ich zu vergeben habe. Sind Sie noch im
Besitz der Millionennote?«
»Hier ist sie.« Damit behändigte ich ihm dieselbe.
»Gewonnen!« rief er und gab seinem Bruder einen Klapps auf den Rücken.
»Nun, was sagst du jetzt, Bruder?«
»Ich sage, _er_ hat es überlebt und _ich_ habe zwanzigtausend Pfund
verloren. Ich hätte es niemals geglaubt!«
»Ich habe noch mehr zu berichten,« fuhr ich fort, »und zwar ziemlich
viel. Ich bitte, mir demnächst eine Stunde bestimmen zu wollen,
um Ihnen meine Erlebnisse während dieses ganzen Monats genauer zu
schildern. Sie können sich darauf verlassen, es lohnt sich den Bericht
anzuhören. Inzwischen wollen Sie gefälligst dies hier in Augenschein
nehmen.«
»Was, Mensch, einen Depositenschein über 200000 Pfund? Gehört das
Ihnen?«
»Gehört mir. Das ist die Frucht des weisen Gebrauchs, den ich von dem
kleinen Darlehen gemacht habe, das Sie mir gütigst gewährten. Und
dieser Gebrauch bestand lediglich darin, daß ich von Zeit zu Zeit einen
kleinen Einkauf machte und beim Bezahlen allemal die Banknote zum
Wechseln hingab.«
»Mensch, das ist ja äußerst merkwürdig, ganz unglaublich!«
»Und doch verhält es sich so; ich werde Ihnen den Beweis liefern. Sie
brauchen mir durchaus nicht auf mein bloßes Wort zu glauben.«
Jetzt war die Reihe des Erstaunens an Portia. Mit weit geöffneten Augen
fragte sie:
»Henry, gehört dieses Geld wirklich dir? Hast du mir die Unwahrheit
gesagt?«
»Das habe ich allerdings, mein Liebchen. Aber ich weiß, du bist mir
deswegen nicht böse.«
»O, doch!« schmollte sie. »Es war abscheulich von dir, mich so hinters
Licht zu führen.«
»Ach, gewiß. Es war ja nur ein schlechter Scherz, weißt du. Komm, wir
wollen uns jetzt verabschieden.«
»Aber, so warten Sie doch. Wegen des Postens. Sie wissen ja. Ich muß
Ihnen doch den Posten geben,« warf mein Gönner ein.
»Ach,« erwiderte ich, »ich danke Ihnen tausendmal, aber ich brauche
wirklich keinen.«
»Aber ich hätte Ihnen den allerbesten gegeben, den ich zu vergeben
habe.«
»Ich danke Ihnen nochmals von ganzem Herzen, aber auch _diesen_ brauche
ich nicht.«
»Schäme dich, Henry! Du bist dem guten Herrn nicht halb so dankbar als
er es verdiente. Darf ich ihm an deiner Statt den Dank abstatten?«
»Freilich, mein Liebchen. Ich bin nur neugierig, wie du das machen
willst.«
Sie ging zu meinem Gönner hin, setzte sich ihm auf den Schoß, schlang
ihren Arm um seinen Hals und gab ihm einen Kuß mitten auf den Mund.
Dabei wußten sich die beiden alten Herren vor Lachen kaum zu fassen,
während ich selbst vor Erstaunen wie versteinert dastand, bis Portia
sagte:
»Papa, er hat gesagt, von all den Posten, die du zu vergeben hast,
wolle er keinen einzigen annehmen, und das thut mir so weh, gerade als
ob --«
»Wie, lieber Schatz, dies ist dein _Papa_?«
»Jawohl, mein Stiefpapa, und zwar der allerbeste, den es auf der ganzen
Welt giebt. Nicht wahr, nun begreifst du, warum ich bei dem Gesandten
so lachen mußte, als du, ohne mein Verhältnis zu Papa und Onkel Abel zu
kennen, mir die Sorgen und Nöte schildertest, in die ihr Einfall dich
versetzt hatte.«
Natürlich sprach ich jetzt ohne Scheu und Umschweife ganz wie mir ums
Herz war.
»Mein verehrter Herr,« sagte ich, »ich muß meine Erklärung
zurücknehmen. _Eine_ Stellung haben Sie doch zu vergeben, die ich sehr
gern haben möchte.«
»Welche ist das?«
»Die Stelle eines Schwiegersohnes.«
[Illustration]
»So? Aber wenn Sie als solcher noch nie bedienstet waren, so sind Sie
auch nicht imstande, das Zeugnis darüber beizubringen, das in unserem
Abkommen zur Bedingung gemacht ist und so --«
»Machen Sie den Versuch mit mir, ich bitte Sie inständigst! Nur so
dreißig bis vierzig Jahre lang probieren Sie es mit mir, und wenn
dann --«
»Nun ja, gut denn; das ist ja gar nicht viel verlangt. So nehmen Sie
Portia.«
Ob wir beide glücklich waren? Keine Sprache besitzt Worte genug, um es
auszudrücken. Und _das_ Geschwätz und _das_ Vergnügen in ganz London,
als nach ein paar Tagen alle meine Erlebnisse mit der Banknote bekannt
wurden, nebst der Wendung, welche die Sache zuletzt genommen! Du guter
Gott! --
Portias Papa gab die gastliche Note der Bank zurück und ließ sich
ihren Betrag auszahlen. Die Bank setzte sie sodann außer Kurs und
verehrte sie ihm, worauf er uns damit ein Hochzeitsgeschenk machte.
Seither hängt sie unter Glas und Rahmen im Allerheiligsten unseres
Heims. Denn _ihr_ verdanke ich den Besitz meiner Portia. Wäre diese
Note nicht gewesen, so hätte ich nicht in London bleiben können, ich
hätte mich dem Gesandten nicht vorgestellt und wäre niemals mit Portia
zusammengetroffen. Deshalb sage ich immer: »Sie lautete zwar klar und
deutlich auf eine Million Pfund; und doch war es während der ganzen
Zeit ihrer Giltigkeit nur einmal möglich, einen einzigen Gegenstand
dafür zu kaufen, und auch dieser wurde mindestens zehnfach unter seinem
Werte bezahlt!«
Verlag von Robert Lutz in Stuttgart.
_Bret Harte's_
Ausgewählte Erzählungen
5 Bände ~à~ 2 M. brosch., ~à~ 3 M. in Lwd. geb.
= Jeder Band einzeln käuflich =
I. Drei Teilhaber. Roman. -- II. Jack Hamlin als Vermittler u. a. Erz.
-- III. Die Postmeisterin von Laurel Run u. a. Erz. -- IV. Der Sheriff
von Siskyou u. a. Erz. -- V. Das Geheimnis der Sierra.
_Einige Urteile_:
_Richard Weitbrecht_: »=Es ist ein wahrer Genuß=, nach so vielen
lahmen Mittelmäßigkeiten einem temperamentvollen, =auf jeder Seite
fesselnden, lebendigen Erzähler zu lauschen= ... Doch es bedarf nicht
des Vergleichs mit geringerem, noch ist not, über Bret Harte's längst
anerkannte Erzählungskunst mit ihrer glücklichen Verbindung von
=Psychologischem=, =Abenteuerlichem= und =Romantischem= viel zu sagen.
Mich hat's bei seinen »Drei Teilhabern« ganz merkwürdig überkommen --
ich las fast mit denselben Gefühlen, mit denen ich einst in meiner
Jugend Marryats und Gerstäckers amerikanische Geschichten verschlungen
habe, und wie damals vergaß ich dabei alle Kritik. Darum soll auch
jetzt keine geschrieben werden, und ich wünsche nur, daß andere sich an
Bret Harte ebenso =auf ein paar Stunden jung lesen wie ich=.«
_Straßburger Post_: »Sein Humor ist der Schmerz lösende und Groll
verscheuchende, der uns stets erwärmt. Seine Gestalten haben Fleisch
und Blut wie die des Jeremias Gotthelf und -- nirgends moralisiert
er, was eben den echten Künstler zeigt. Bret Harte schildert für alle
Menschen und nicht nur für Amerika; =im literarischen Weltkonzerte
gehört er zu denen, die neue Gebiete erobert haben=.«
_Deutsche Tageszeitung_: »Der kalifornische Dichter gehört zu den
Erscheinungen der modernen amerikanischen Literatur, die verdienen,
auch in Deutschland nicht vergessen zu werden. Niemand wird die
Erzählungen ohne innere Befriedigung aus der Hand legen.«
W. W. Jacobs
Seemannshumor
Geschichten und Schwänke von der Wasserkante
=I. Band=: 13 Erzählungen. -- =II. Band=: 15 Erzählungen.
Jeder Band ist einzeln käuflich
zu M. 2.50 broschiert; M. 3.50 in Lwd. gebunden.
Einige Urteile:
Hamburger Nachrichten: »Es herrscht hier _ein wirklicher,
behaglicher Humor_, voll der tollsten Einfälle und reger
Phantasie. Echt und frisch sind die wetterharten Gestalten
gezeichnet. _Es kichert und lacht_ in und zwischen den
Zeilen.«
Intern. Literaturberichte: »Wer einmal recht herzlich lachen
will, mag getrost zu Jacobs Seemannshumor greifen.«
Nordd. Allg. Zeitung: »Jede einzelne der Erzählungen ruft
herzliches Lachen hervor.«
Deutsche Tageszeitung: »Die Geschichten zeugen von einem _ganz
prächtigen, urwüchsigen Seemannshumor_.«
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Sonst
wurde die Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der
Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Korrekturen:
S. 131: Bartholomäus M. → Bartholomäus W. (nach engl. Original)
den Kontrakt seinem Sohn {Bartholomäus W.}
S. 132: Anton E. Rogers → Anson G. Rogers (nach engl. Original)
die Schriftstücke {Anson G. Rogers}