Dies Beispiel hat wenig Bedeutung und beweist nichts; _ich_ erwähne es

nur um zu zeigen, wie sehr das ewige Briefkreuzen meinen Aberglauben

inzwischen verstärkt hatte. Ich war so fest davon überzeugt, daß

ein irgendwohin gerichtetes Kabeltelegramm sich mit den ersehnten

Nachrichten kreuzen würde, daß meine Zuversicht sogar einen

Hoffnungslosen aufzurichten und zu ermutigen vermochte.

Ich lasse hier einige Beispiele von absoluter Gedankentelegraphie

folgen:

An einem Montagmorgen, als die Postsachen hereingebracht wurden, sagte

ich, auf einen der Briefe deutend, zu meinem Freunde: »Ich will dir

angeben, was dieser Brief enthält, ohne ihn zu öffnen. Er kommt von

Frau X., welche schreibt, daß sie letzten Sonnabend in New York gewesen

ist und die Absicht gehabt hat, mit dem Nachmittagszug einen Abstecher

zu machen, um uns zu überraschen, im letzten Augenblick sich aber

anders besonnen habe und nach Hause gefahren sei.«

Alle Einzelheiten stimmten genau. Und doch hatten wir vorher nicht

im mindesten daran gedacht, daß Frau X. nach New York kommen und

beabsichtigen würde, uns zu besuchen.

* * * * *

Ich rauche ziemlich stark, ja -- ich gestehe es -- fast ohne

Unterbrechung. Daher versuche ich seit sieben Jahren, eine Schachtel

mit Streichhölzchen hinter einem Bild auf dem Kaminsims immer bereit

zu haben. Leider blieb es aber bei dem Versuch, denn George, mein

schwarzer Diener, der Feuer und Gas anzuzünden hat, brauchte dazu

immer _meine_ Streichhölzchen, ohne daß ihm je einfiel, sie wieder an

ihren Platz zu stellen. Sieben Jahre lang gingen Befehle und Bitten

spurlos an ihm vorüber. Letzten Sommer nun kehrten wir nach einer

mehrmonatlichen Abwesenheit nach Hause zurück und beim Eintreten sage

ich zu einem Familiengliede:

»Nach so langen Ferien und gänzlichem Mangel an Unterbrechungen -- --«

»Ich kann den Satz für dich beenden,« fiel mein Hausgenosse ein.

»Nun, so thue es,« antwortete ich.

»Sollte doch George endlich gelernt haben, meine Streichhölzchen in

Ruhe zu lassen!«

[Illustration]

Es stimmte ganz genau. Gerade das hatte ich sagen wollen. Und doch

hatte ich seit drei Monaten nicht an George und die Streichhölzchen

gedacht, auch gab der Anfang meines Satzes sicherlich nicht den

geringsten Aufschluß über das, was folgen sollte.

Dergleichen Vorkommnisse würden mich vor einigen Jahren noch in

Erstaunen gesetzt haben, aber jetzt überraschen sie mich nicht mehr.

Ich weiß ja nun, daß _ein_ Geist auf das innigste mit dem _andern_

verkehren kann, ohne das unbeholfene und beschwerliche Medium der

Sprache.

Unser Zeitalter scheint sich in Erfindungen beinahe erschöpft zu

haben, aber _eine_ wichtige Frage bleibt ihm noch zu lösen: -- die

Erfindung des Phrenophons, das heißt, einer Methode, nach welcher

die Gedankenwechselwirkung mit Sicherheit geleitet und in ein System

gebracht werden kann. Der Telegraph und das Telephon fangen an für

unsere Bedürfnisse zu langsam und wortreich zu arbeiten. Uns genügt

nur, daß der Gedanke selbst, aus beliebiger Entfernung, unmittelbar

mit Blitzesschnelle in unser Gehirn verpflanzt wird; wenn wir ihn

dann durchaus noch in Worte kleiden müssen, so kann ja dieses leidige

Geschäft später mit Muße geschehen. Das gewisse Etwas, welches den

Gedanken durch die Luft von Gehirn zu Gehirn leitet, ist ohne Zweifel

eine zartere und empfindlichere Form der Elektrizität, und es handelt

sich nur darum, auf welche Weise man sie binden und dienstbar machen

kann, ähnlich wie dies mit dem elektrischen Strom geschehen ist. Vor

Erfindung des Telegraphen hätte man alle mit diesem verwandten Wunder

für unausführbar gehalten, eins so gut wie das andere.

Ich möchte darauf wetten, daß, während ich diese Gedanken zu Papier

bringe, irgend jemand auf der andern Hälfte der Erdkugel dasselbe

schreibt. Ob aber _ich_ den Betreffenden anrege oder _er_ mich, läßt

sich nicht bestimmen.

Prinzenverehrung.

Bei meinem Besuche des Bayreuther Theaters bemerkte ich mit

Verwunderung, daß, während die Menge hereinströmte, jeder einzelne

sich umwandte und begierig nach einer Art offenen Galerie hinblickte,

auf welcher die fürstlichen Personen Platz genommen hatten. Viele von

den Zuschauern schienen dabei förmlich vor Entzücken zu erstarren und

konnten sich nicht wieder losreißen.

Ob bei diesem Wohlgefallen an einem Prinzen Neid oder Verehrung

vorherrscht, weiß ich nicht, jedenfalls ist es eine Mischung von

beiden. Auch wird der Hunger und Durst nach dem Anblick eines Fürsten

nicht durch einmalige Betrachtung gestillt, nein, er bleibt unwandelbar

derselbe. Vielleicht erklärt sich diese Erscheinung aus der Freude,

welche der Mensch an einem Wertgegenstand hat, den er gewinnt, ohne

ihn zu erwerben. Der Thaler, den du zufällig findest, freut dich

mehr als die neunundneunzig, die dir Mühe und Arbeit gekostet haben,

und der Gewinn im Pharo oder an der Börse thut deinem Herzen ganz

besonders wohl. -- Ein Prinz findet umsonst, schon in der Wiege, Macht,

Ansehen, freie Zeit, unentgeltliche Verpflegung, aus reinem Zufall,

weil er als Prinz geboren ist; deshalb schaut die kummervolle Armut

und Niedrigkeit zu ihm auf, wie zu einer monumentalen Verkörperung

des Glücks. Und dann -- o größter Vorzug -- kein anderes Glück auf

Erden ist so fest gegründet wie das seine. Der Millionär kann über

Nacht zum Bettler werden, der große Staatsmann einen Fehler begehen,

man läßt ihn fallen und er wird vergessen. Der berühmte General kann

eine entscheidende Schlacht verlieren und verliert dabei zugleich sein

Ansehen bei den Menschen. Aber _bist_ du ein Prinz, so _bleibst_ du ein

Prinz, das heißt ein Halbgott; weder Unglück noch Niederträchtigkeit,

weder ein hohler Kopf noch sonstige Eseleien können dich deiner Hoheit

entkleiden. In der Huldigung der Menschen, mag sie verdient sein oder

unverdient, besteht nach einmütigem Beschluß aller Nationen und aller

Zeiten das höchste Gut auf Erden; folglich ist die Stellung eines

Prinzen die wünschenswerteste unter der Sonne.

Natürlich sind in _unsern_ Augen Fürstlichkeiten nicht das, was

sie dem Europäer gelten. Wir sind nicht dazu erzogen einen Prinzen

zu vergöttern; es würde uns genügen, ihn _einmal_ recht gründlich

anzuschauen, dann wäre unsere Neugier befriedigt; das nächstemal würden

wir ihm schon gleichgültiger begegnen und trachten, einen neuen zu

Gesicht zu bekommen. Nicht so der Europäer; ihm bleibt derselbe Prinz

immer neu und interessant, er veraltet nie.

* * * * *

An einem häßlichen, nebligen, naßkalten Dezembertag vor achtzehn

Jahren war ich einmal in London und begab mich in das Haus eines

Engländers, um, wie verabredet, seiner Frau und der verheirateten

Tochter einen Besuch abzustatten. Ich mußte eine halbe Stunde warten,

dann kamen die Damen halb erfroren angegangen und erzählten, daß ein

unerwarteter Umstand sie aufgehalten habe. Während sie am Marlborough

House vorübergingen, sahen sie, wie sich eine Volksmenge versammelte,

und man sagte ihnen, der Prinz von Wales sei im Begriff auszufahren;

sie blieben also stehen und warteten. Nachdem sie eine halbe Stunde auf

dem Bürgersteig gestanden hatten und vom Frost ganz erstarrt waren,

erfuhren sie, daß der Prinz von Wales sich anders besonnen habe, und

gingen betrübt nach Hause. Das überraschte mich sehr.

»Ist es denn möglich,« fragte ich ganz erstaunt, »daß Sie alle die

Jahre in London leben und den Prinzen von Wales noch nicht gesehen

haben?«

Aber siehe, nun war das Erstaunen auf _ihrer_ Seite.

»Was für eine Idee!« riefen sie. »Natürlich haben wir ihn schon

hundertmal gesehen!«

Sie hatten ihn schon hundertmal gesehen und doch eine halbe Stunde in

bitterer Kälte und Dunkelheit auf ihn gewartet, eingekeilt in einem

Haufen ebensolcher Narren, um ihn _noch_ einmal zu sehen! -- Ich traute

meinen Ohren kaum, aber was eine Engländerin sagt, muß man glauben, mag

es noch so unwahrscheinlich klingen. Es wurde mir schwer eine passende

Erwiderung zu finden, endlich verfiel ich auf folgende:

»Mir ist das ganz unbegreiflich. Selbst wenn ich den General Grant

_nie_ gesehen hätte, würde ich schwerlich solche Opfer bringen, um mir

seinen Anblick zu verschaffen.«

Die verständnislosen Gesichter der Damen verrieten mir, daß der Sinn

des Vergleichs ihnen gänzlich dunkel war. Endlich sagten sie gelassen:

»Das versteht sich von selbst -- er ist ja nur ein Präsident!«

Es steht also unumstößlich fest, daß nur ein Prinz von unvergänglichem,

unerschöpflichem Interesse ist. Der General, den kein Feind besiegt

hat, der General, der nie einen Kriegsrat brauchte, der einzige

General, der eine Schlachtlinie befehligte, welche ununterbrochen

zwölfhundert Meilen lang war, der Schmied, der die getrennten Teile

unserer Republik zusammengeschweißt hat und sie so fest gefügt, daß

sie voraussichtlich alle Monarchieen der Welt überdauern wird -- der

war in ihren Augen schließlich nur ein Mensch. Ihr Prinz dagegen war

weit mehr, nämlich ein Wesen aus ganz anderm Stoff, hoch erhaben

über dem gewöhnlichen Sterblichen, den er überstrahlt wie die ewigen

Sterne am Firmament unsere armseligen Talglichter, welche qualmen und

verlöschen, von denen nichts zurückbleibt, als ein Häufchen Asche und

ein schlechter Geruch.

[Illustration]

Die 1000000 Pfund-Note.

Mit siebenundzwanzig Jahren nahm ich in San Francisco eine Stellung auf

dem Kontor eines Minenmaklers ein und hatte mir dabei eine gründliche

Kenntnis dieses Geschäftszweiges erworben. Ich stand allein auf der

Welt, nichts nannte ich mein eigen als meinen gesunden Verstand und

einen fleckenlosen Ruf, und diese beiden Güter hatten sich mir bisher

als kräftige Stützen auf meinem Wege zum Glück erwiesen, frohen Mutes

schaute ich also in die Zukunft.

Sonnabends hatte ich den Nachmittag für mich und brachte diese freie

Zeit meist auf dem Wasser zu, indem ich mich in einem kleinen Segelboot

in der Bucht herum tummelte. Eines Tages wagte ich mich zu weit hinaus

und wurde in die offene See getrieben. Schon brach die Nacht herein,

meine letzte Hoffnung begann zu schwinden, da nahm mich eine kleine

Brigg, die auf ihrem Weg nach London vorüber segelte, an Bord.

Sie hatte eine lange, stürmische Fahrt, und ich mußte das Reisegeld als

gemeiner Matrose abdienen. In zerlumpten, abgeschabten Kleidern stieg

ich in London ans Land, einen einzigen Dollar in der Tasche. Dafür

verschaffte ich mir Nahrung und Obdach für die ersten vierundzwanzig

Stunden. Die folgenden vierundzwanzig dagegen verbrachte ich ohne diese

schätzenswerten irdischen Güter.

Am folgenden Morgen schleppte ich mich, müde und hungrig, -- es mochte

etwa zehn Uhr sein -- an Portland-Place vorüber, als ein Kind, das an

der Hand seiner Wärterin des Weges kam, eine köstliche große Birne,

die es eben erst angebissen hatte, in den Rinnstein fallen ließ. Ich

machte natürlich sofort Halt und heftete meinen begehrlichen Blick auf

diesen schmutztriefenden Schatz. Der Mund wässerte mir, mein Magen

bäumte sich, jede Faser an mir lechzte darnach. Aber so oft ich Miene

machte nach der Birne zu greifen, bemerkte jedesmal das Auge eines

Vorübergehenden mein Vorhaben; natürlich richtete ich mich dann stets

wieder kerzengerade auf und nahm eine gleichgiltige Miene an, als hätte

ich überhaupt niemals im entferntesten an diese Birne gedacht. So ging

es immer und immer wieder, und ich konnte ihrer nicht habhaft werden.

Meine Verzweiflung hatte bereits einen solchen Grad erreicht, daß ich

allem Schamgefühl zum Trotz im Begriffe war, die Birne aufzuheben. Da

ging hinter mir ein Fenster auf und ein Herr richtete die Worte an mich:

»Bitte, kommen Sie hier herein.«

[Illustration]

Ein reich galonnierter Lakai ließ mich ein und führte mich in ein

kostbar eingerichtetes Zimmer, in welchem zwei ältliche Herren saßen.

Nachdem sie den Diener weggeschickt, forderten sie mich auf, Platz

zu nehmen. Sie waren eben erst mit ihrem Frühstück fertig geworden,

und der Anblick seiner Ueberreste ging fast über meine Kräfte. Ich

vermochte kaum meine fünf Sinne zusammenzuhalten, während ich diese

Herrlichkeiten da vor mir stehen sah; da man mich jedoch nicht

aufforderte, davon zu kosten, so mußte ich mich in meine Lage fügen so

gut es ging.

Der Vorgang, der sich hier kurz zuvor abgespielt hatte, blieb mir

selbst zwar noch geraume Zeit völlig unbekannt, dem Leser dagegen will

ich ihn gleich jetzt mitteilen. Die beiden Brüder hatten am Tage vorher

einen ziemlich heftigen Disput gehabt, den sie ganz nach Landessitte

schließlich in Form einer Wette beilegten.

Die Bank von England hatte seinerzeit einmal bei Gelegenheit eines

Geschäftes, das die Regierung mit einer auswärtigen Macht abschloß,

eigens nur zu diesem Zwecke zwei Noten von je einer Million Pfund

Sterling ausgegeben. Aus irgend einem Grunde war nur die eine der

beiden Noten hiebei gebraucht und dann entwertet worden, während die

andere noch in den Gewölben der Bank lag. Nun waren die beiden Brüder

im Laufe des Gesprächs ganz zufällig auf die Erörterung der Frage

gekommen: wie es wohl einem durchaus ehrlichen und gescheiten Fremden

ergehen würde, der in London auftauchte, ohne dort einen Menschen

zu kennen, zugleich ohne allen weiteren Geldbesitz außer dieser

Millionenbanknote und endlich ohne die Möglichkeit, sich über deren

Erwerb auszuweisen? Bruder A. behauptete, der Betreffende müsse einfach

Hungers sterben, während Bruder B. durchaus entgegengesetzter Meinung

war. Bruder A. machte geltend, der Besitzer der Note könnte ja die

Note weder bei der Bank noch sonst wo anbringen, ohne auf der Stelle

festgenommen zu werden. In dieser Weise stritten sie so lange hin und

her, bis Bruder B. sich schließlich bereit erklärte, zwanzigtausend

Pfund darauf zu wetten, daß der Fremde dreißig Tage lang _unfehlbar_

von der Millionennote leben könne und zwar ohne ins Gefängnis zu

kommen. Bruder A. nahm die Wette an, worauf Bruder B. sich ohne Verzug

nach der Bank begab und die Note kaufte. Echt englisch, wie man sieht:

geradeswegs forsch aufs Ziel los! Er ließ sodann von einem seiner

Angestellten einen Brief in schöner Rundschrift dazu ausfertigen,

und nun warteten die beiden Brüder am Fenster einen ganzen Tag lang

auf einen Vorübergehenden, der darnach aussähe, als käme bei ihm das

inhaltschwere Schriftstück in die richtigen Hände.

Es kamen viele ehrliche Gesichter vorüber, die aber nicht gescheit

genug aussahen; ebensoviele, bei denen das Umgekehrte der Fall war,

viele wiederum, bei denen beides zutraf; aber diese waren dann entweder

nicht arm genug oder, wenn auch dieses stimmte, doch keine Fremden.

Stets hatte die Sache irgend einen Haken, bis ich auftauchte. Bei

mir hatten beide sofort den Eindruck, daß sämtliche Erfordernisse in

vollem Umfang erfüllt seien; die Wahl war demnach einstimmig auf mich

gefallen, und da saß ich nun und harrte der Eröffnung, wozu man mich

eigentlich hereingerufen habe. Zuvörderst hatte ich ein eingehendes

Examen über meine persönlichen Verhältnisse zu bestehen, infolgedessen

sie bald genug mit meiner ganzen Geschichte bekannt waren; das Ergebnis

war: ich sei ganz der richtige Mann für ihr Vorhaben. Ich erwiderte,

das sei mir höchst erfreulich, ich bäte nur, mir sagen zu wollen,

worin dieses bestehe. Hierauf behändigte mir der eine der Beiden einen

verschlossenen Briefumschlag mit dem Bemerken, darin sei die Erklärung

enthalten. Ich wollte den Umschlag ohne weiteres öffnen, allein er

ließ dies nicht zu; ich solle denselben nur mit nach Hause nehmen,

den Inhalt aufmerksam ansehen und dann mit vollem Bedacht und ruhiger

Ueberlegung handeln. Einigermaßen verdutzt meinte ich, es wäre mir

doch lieber, wenn die Sache etwas genauer erörtert werden könnte, sie

ließen sich jedoch nicht darauf ein; so verabschiedete ich mich denn,

tief gekränkt über den schlechten Scherz, den man sich offenbar mit mir

erlaubt hatte, und voll Grimm über meine dermalige Lage, in der ich mir

diesen Schimpf von so reichen und mächtigen Leuten ganz ruhig mußte

gefallen lassen.

Die Birne hätte ich jetzt unfehlbar aufgehoben und vor aller Welt

verzehrt, aber sie war nicht mehr da. Also auch um sie hatte mich

die unselige Geschichte gebracht! Diese Vorstellung war nicht dazu

angethan, mich den beiden alten Herren gegenüber sanfter zu stimmen.

Sobald ich aus der Sehweite des Hauses war, öffnete ich den Umschlag.

Ich erblickte eine Banknote! Nun erschienen mir die Herren natürlich

auf einmal in ganz anderem Lichte. Ohne mich einen Augenblick zu

besinnen, schob ich den Brief samt dem Geld in die Westentasche und

lief spornstreichs nach der nächsten billigen Speisewirtschaft. Nun,

wie ich da einhieb, das mußte man sehen! Als schließlich nichts mehr

in mich hineinging, nahm ich die Note aus der Tasche und faltete sie

auseinander. Beim ersten Blick darauf wäre ich beinahe in Ohnmacht

gefallen. Fünf Millionen Dollars!! Mir wirbelte der Kopf bei der bloßen

Vorstellung.

Eine volle Minute dauerte es, bis ich aus der Betäubung, in welche

mich der Anblick der Note versetzte, heraus und wieder ordentlich

zu mir kam. Das erste, was mir nun ins Auge fiel, war der Wirt. Wie

versteinert stand er da, starr den Blick auf die Banknote gerichtet.

Es sah aus, als sei er vor lauter Verzückung nicht mehr imstande ein

Glied zu rühren. Augenblicklich hatte ich den Entschluß gefaßt, der bei

dieser Sachlage der einzig vernünftige war. Ich streckte ihm die Note

hin und sagte dabei in ganz unbefangenem Tone:

»Bitte, wollen Sie mir herausgeben.«

Diese Anrede gab ihm sein geistiges Gleichgewicht wieder. Er erschöpfte

sich in Entschuldigungen, daß er nicht imstande sei die Note zu

wechseln, und wollte sie um keinen Preis annehmen. Nur anschauen wollte

er sie, immer wieder anschauen; es war, als könnte er sich nicht

satt daran sehen; vor ihrer Berührung dagegen scheute er zurück, als

wäre es ein geweihter Gegenstand, viel zu heilig für die Hände eines

Sterblichen.

[Illustration]

»Es thut mir leid, wenn ich Ihnen Mühe mache,« begann ich wieder,

»allein ich muß darauf beharren, daß Sie mir auf die Note herausgeben,

ich habe kein Geld sonst.«

Das mache ganz und gar nichts, versetzte er, er lasse diese

unbedeutende Zeche ganz gern bis zum nächstenmal stehen. Ich erwiderte,

es könne lange dauern, bis ich wieder bei ihm vorbei komme; allein er

versicherte abermals, das habe nichts auf sich, er könne wohl warten,

ich könne überhaupt zu jeder Zeit bei ihm haben was ich wolle und den

Betrag dafür stehen lassen, so lange es mir beliebe. Ich werde doch

nicht von ihm glauben, daß er einem so reichen Herrn wie ich, bloß

deshalb kein Vertrauen schenke, weil ich ein lustiger Kauz sei, der

zum Ulk gerne in geringer Kleidung unter die Leute gehe. Unterdessen

hatten sich weitere Gäste eingefunden; auch jetzt gab er mir noch

durch Zeichen zu verstehen, ich solle das Ungetüm doch nur wieder

einstecken; und als ich fortging, machte er einen Bückling um den

andern hinter mir drein bis zur Thür. Ich machte mich schnurstracks

wieder auf den Weg nach der Wohnung des Brüderpaars, um die Leutchen

von der vorgekommenen Verwechslung in Kenntnis zu setzen, ehe ich durch

polizeiliche Nachforschungen hiezu veranlaßt würde. Es war mir gar

nicht recht wohl bei der Sache, ja, ich hatte eigentlich ganz gehörig

Angst, obwohl mich natürlich durchaus keine Schuld traf. Aber ich

kannte die Welt und wußte nur zu wohl, daß, wenn jemand aus Versehen

einem Bettler statt einer Einpfundnote eine Millionenbanknote giebt,

er unfehlbar in eine gräßliche Wut auf den armen Teufel gerät, anstatt

sich für seine Kurzsichtigkeit nach Gebühr an der eigenen Nase zu

fassen. Als ich in die Nähe des Hauses kam, begann sich meine Aufregung

etwas zu legen, denn da war alles still und ruhig. -- Offenbar war der

Streich noch nicht entdeckt worden. Ich klingelte. Derselbe Bediente

wie das erstemal erschien wieder. Ich fragte nach den beiden Herrn.

»Sie sind fort,« erwiderte er in dem hochmütigen, kalten Ton, den

seinesgleichen meist an sich haben.

»Fort? Wohin?«

»Verreist.«

»In welcher Richtung?«

»Wahrscheinlich nach dem Kontinent.«

»Dem Kontinent?«

»Jawohl.«

»Welchen Weg haben sie eingeschlagen?«

»Kann ich nicht sagen.«

»Wann kommen sie denn zurück?«

»In einem Monat, wie sie sagten.«

»In einem Monat! Ach, das ist ja schrecklich! Geben Sie mir doch nur

irgend einen noch so entfernten Anhaltspunkt, wie ich ihnen ein Wort

zukommen lassen kann. Es ist von der allerhöchsten Wichtigkeit.«

»Kann ich wirklich nicht. Ich habe keine Ahnung, wohin sie gereist

sind.«

»Dann muß ich irgend ein Angehöriges der Familie sprechen.«

»Die Familie ist ebenfalls fort, auf Reisen schon seit Monaten -- in

Aegypten, Indien, glaube ich.«

»Mann, es ist ein ungeheures Versehen vorgekommen. Noch vor Nacht

kommen die Herren gewiß zurück. Wollen Sie ihnen dann sagen, ich sei

dagewesen und werde so lange immer wieder kommen, bis die Sache in

Ordnung sei. Sie dürften also ganz unbesorgt sein.«

»Ich will es ihnen sagen, falls sie zurückkommen, aber ich erwarte sie

nicht zurück. Die Herren sagten, daß Sie schon in einer Stunde wieder

erscheinen würden, um nachzufragen. Ich solle Ihnen aber nur sagen, es

sei alles in Ordnung, sie würden schon zur rechten Zeit zurück sein und

Sie erwarten.«

Nun mußte ich mein Vorhaben freilich aufgeben und wieder fortgehen.

-- Dieses unergründliche Rätsel! Mir war, als müßte ich den Verstand

darüber verlieren. Sie würden »zu rechter Zeit zurück sein.« Was konnte

das zu bedeuten haben? O, in dem Briefe würde ich vielleicht Aufklärung

darüber finden. Den hatte ich ganz vergessen. Ich zog ihn aus der

Tasche und las ihn durch. Er lautete:

»Gescheit und ehrlich sind Sie, das sieht man Ihnen am Gesichte an.

Wie wir weiter annehmen dürfen, sind Sie außerdem mittellos und fremd.

Inliegend finden Sie einen Geldbetrag, der zu einem unverzinslichen

Darlehen für Sie auf die Dauer von dreißig Tagen bestimmt ist. Nach

Verlauf dieser Zeit sprechen Sie wieder hier vor. Ich habe eine Wette

auf Sie gemacht. Gewinne ich sie, so sollen Sie jede beliebige Stellung

erhalten, die ich zu vergeben habe -- d. h. vorausgesetzt natürlich,

das solche Ihrer bisherigen Thätigkeit entspricht und daß Sie die

Fähigkeit besitzen, sie auszufüllen.«

-- Keine Unterschrift, keine Adresse, kein Datum. --

Nun, da steckte ich in einer netten Klemme. Der Leser kennt ja die

Vorgeschichte des Falles, ich selbst dagegen hatte keine Ahnung davon.

Für mich war das Ganze lediglich ein unergründliches, dunkles Rätsel.

Ich hatte nicht die entfernteste Vorstellung, um was es sich bei der

Sache handelte und ob es dabei gut oder schlecht mit mir gemeint war.

In einer öffentlichen Anlage ließ ich mich auf einer Bank nieder, um

hier die Sache gründlich zu überdenken und mich über mein ferneres

Verhalten schlüssig zu machen.

[Illustration]

Skizzenbuch · 第 17 / 19 段