davon wird, blase ich zum Angriff und laufe Sturm, manchmal fünf volle
Stunden lang, zuweilen sogar sechs.
Und wie viele Briefe beantworte ich in dieser Zeit? Nie mehr als
neun, oft auch nur fünf und sechs. Der Korrespondent in einem großen
kaufmännischen Geschäft würde in einer solchen Reihe von Stunden
wenigstens hundert Antworten zu Papier bringen.
[Illustration]
Einem Mann, der Jahre damit zugebracht hat, für die Presse zu
schreiben, kann man aber eine solche Federgewandtheit unmöglich
zutrauen.
Aus alter Gewohnheit knüpft er dabei einen Gedanken an den andern;
geduldig zerbricht er sich minutenlang den Kopf, um auf eine unwichtige
Zuschrift die passende Erwiderung zusammen zu drechseln, und so
verfließt ihm unversehens die kostbare Zeit.
Mir ist es in den letzten Jahren förmlich zur andern Natur geworden,
Schriftstücke jeder Art -- selbst Privatbriefe nicht ausgeschlossen
-- mit Sorgfalt und reiflicher Ueberlegung abzufassen. Die Folge
davon ist, daß ich das Briefschreiben hasse, und ich habe noch bei
allen meinen Bekannten, die für Zeitungen und Journale arbeiten, eine
ähnliche Abneigung dagegen gefunden.
Obige Bemerkungen sollen nur zur Erklärung und zu meiner Entschuldigung
bei allen den Leuten dienen, welche mir über allerlei Angelegenheiten
geschrieben haben, ohne eine Antwort zu erhalten.
Einmal übers andere habe ich, im guten Glauben, daß es mir gelingen
würde, wirklich versucht ihnen zu antworten. Einiges konnte ich wohl
erledigen, aber unwiderruflich blieb doch die Mehrzahl der in der
letzten Woche eingegangenen Briefe bis zur nächsten liegen.
Die Folge war dann jedesmal, daß die sich aufhäufenden Briefe zuerst
eine vorwurfsvolle Miene annahmen, dann mir grimmige Blicke zuwarfen,
als wollten sie mir eine Strafpredigt halten, und zuletzt ein so
beleidigendes, unverschämtes Gesicht machten, daß mir die Geduld
ausging. Wenn das geschah, öffnete ich die Ofenthür und statuierte ein
Exempel an ihnen.
Und siehe da -- sofort war jedes bedrückende Gefühl über
vernachlässigte Pflichten verschwunden und alle meine verlorene
Seelenheiterkeit kehrte zurück.
Gedankentelegraphie.
Es giebt gewisse Begebenheiten im Menschenleben, welche man seit
Anbeginn der Welt für ein Spiel des Zufalls gehalten hat. Erst in
unsern Tagen ist es der Psychologischen Gesellschaft in England
gelungen, der Menschheit klar zu machen, daß, was wir gewöhnlich als
›merkwürdiges Zusammentreffen‹ bezeichnen, keineswegs auf blindem
Zufall beruht, sondern einfach die Wirkung der Botschaft ist, welche
ein Geist dem andern, oft weit über Land und Meer zuschickt. Beispiele
von Gedankentelegraphie kommen viel häufiger vor als man gemeinhin
glaubt und entstehen so wenig aus bloßem Zufall wie Abgang und Ankunft
einer telegraphischen Depesche.
Ich hatte die Entdeckung schon längst gemacht und meine Erfahrungen
niedergeschrieben; doch konnte ich mich nicht entschließen, sie zu
veröffentlichen, aus Furcht, man möchte für Scherz halten, was im
vollen Ernst gemeint war. Jetzt aber erscheint die Frage in einem ganz
neuen Licht, dank der verdienstlichen und einflußreichen Thätigkeit der
Psychologischen Gesellschaft, und ich brauche mein altes Manuskript,
das aus dem Jahre 1878 stammt, nicht länger im Schreibtisch zu
verwahren: -- -- --
* * * * *
Schon wieder habe ich eins jener kleinen merkwürdigen Erlebnisse
zu verzeichnen, wie sie hie und da jedem Menschen zustoßen. Man
denkt stundenlang darüber nach und bleibt so klug wie zuvor, denn
eine Erklärung sucht man vergebens. Die Sache, welche an sich ganz
unbedeutend aussieht, verhielt sich wie folgt:
Vor einigen Tagen sagte ich: »Es scheint, Frank Millet weiß gar nicht,
daß wir in Deutschland sind, sonst würde er längst geschrieben haben.
In den letzten sechs Wochen bin ich wohl ein Dutzendmal drauf und dran
gewesen, ein paar Zeilen an ihn zu spedieren, habe aber immer wieder
beschlossen zu warten, da er doch endlich etwas von sich hören lassen
muß. Jetzt schreibe ich aber sofort.« Ich that es, schickte den Brief
nach Paris und dachte bei mir: »Ehe dieser Brief fünfzig Meilen über
Heidelberg hinaus ist, haben wir bereits Nachricht von Frank -- so geht
es ja immer.«
Und richtig, was ich gesagt hatte traf ein. Es geschieht ja
wunderbarerweise nichts häufiger im Leben, als daß sich Briefe kreuzen;
ob das aber auf einem Zufall beruht, möchte ich bezweifeln. Unser
Vorgefühl, daß sich der Brief, den wir eben an eine Person schreiben,
mit einem von derselben Person an uns gerichteten kreuzen wird, ist oft
schon stark genug gewesen, um uns zu veranlassen, den schriftlichen
Erguß merkwürdig kurz zu fassen, da man seine Zeit nicht unnütz
verschwenden will -- die Briefe kreuzen sich ja doch. Ich habe die
Erfahrung gemacht, daß mich dieses Vorgefühl meistens ergriff, wenn ich
meinen Brief eine ganze Weile verschoben hatte, in der Hoffnung, der
andere würde zuerst schreiben.
Ich erhielt Millets Brief, der an demselben Tage abgeschickt war
wie der meinige, in Berlin, durch Vermittlung des amerikanischen
Gesandten. Millet schrieb, er habe sich sechs Wochen lang vergeblich
bemüht, jemand aufzutreiben, der ihm meine deutsche Adresse mitteilen
könne, zuletzt sei er auf den Gedanken gekommen, daß man wohl auf
der Gesandtschaft in Berlin wissen würde, wo ich zu finden sei. --
Vielleicht war es ein Zufall, aber ich glaube es nicht, daß er endlich
in demselben Augenblick zur Feder griff, in welchem ich mich entschloß
an ihn zu schreiben.
Es giebt für mich nichts Aergerlicheres, als wenn ich in einer
einfachen Geschäftsangelegenheit gewartet und gewartet habe, in der
Hoffnung, der andere werde die Mühe des Schreibens übernehmen und mich
zuletzt doch selbst daran machen muß, noch dazu mit der Ueberzeugung,
daß jener sich mit mir zugleich hinsetzt, um einen Brief zu schreiben,
der sich mit dem meinigen kreuzen wird. Wollte ich die Arbeit aber
verschieben und vom Schreibtisch aufstehen, so würde der andere Mensch
unfehlbar dasselbe thun, genau als wären wir zusammengespannt wie die
siamesischen Zwillinge und genötigt die nämlichen Bewegungen zu machen.
Einige Monate bevor ich mich auf Reisen begab, hatten Techniker eines
New Yorker Geschäfts eine Arbeit in meinem Hause vorgenommen, die
nicht zu meiner Zufriedenheit ausgefallen war. Ich benachrichtigte
daher die Firma, daß ich die Rechnung erst bezahlen würde, nachdem
die Sache ganz in Ordnung gebracht sei. In der Antwort bat man
mich wegen Geschäftsüberhäufung etwas Geduld zu haben; sobald der
Sachverständige entbehrt werden könne, solle er alles nach Wunsch
erledigen. Ueber zwei Monate wartete ich und ertrug mit Ergebung die
Hausgenossenschaft elektrischer Klingeln, die urplötzlich von selbst
und wie rasend Sturm läuteten, ohne daß jemand sie berührte, und dann
wieder keinen Ton von sich geben wollten, wenn man auch den Knopf wie
mit einem Schmiedehammer bearbeitete. Unzähligemale nahm ich mir vor
zu schreiben, aber immer wieder verschob ich es. Eines Abends endlich
setzte ich mich hin und ergoß meinen Aerger ungefähr eine Seite lang;
plötzlich aber brach ich den Brief kurz ab, denn ein deutliches Gefühl
sagte mir, daß die Firma jetzt auch ein Lebenszeichen von sich geben
werde. Als ich am nächsten Morgen zum Frühstück erschien, war mein
Brief noch nicht abgegangen, aber der ›elektrische Klingelmann‹ hatte
bereits alles Nötige besorgt und war wieder verschwunden. Am Abend
vorher hatte er von seinem Prinzipal den Auftrag erhalten und war
sogleich mit dem Nachtzug zu uns gefahren. Wenn das auch ein ›Zufall‹
war, so gehörten ungefähr drei Monate dazu, bis er zustande kam.
* * * * *
Letzten Sommer langte ich eines Abends in Washington an, stieg im
Orlington-Hotel ab und ging auf mein Zimmer. Ich las und rauchte
ungefähr bis zehn Uhr und da ich nicht schläfrig war, wollte ich noch
ein wenig frische Luft schnappen. So ging ich denn im Regen hinaus und
wanderte vergnüglich und ziellos umher. Mein Freund O. befand sich
auch gerade in der Stadt und es hätte mich gefreut, wenn wir zufällig
aufeinandergestoßen wären, doch ihn um Mitternacht aufzustöbern, zumal
ich seine Wohnung nicht wußte, lag mir gänzlich fern. Da ich mich in
den öden Straßen verlassen zu fühlen begann, trat ich gegen zwölf Uhr
in einen Zigarrenladen, hielt mich dort eine Viertelstunde auf und
hörte den nationalpolitischen Gesprächen einiger Kunden zu. Plötzlich
ergriff mich der prophetische Geist und ich sprach zu mir selbst: »Wenn
ich jetzt zu dieser Thür hinausgehe, mich links wende und zehn Schritte
mache, werde ich O. gegenüberstehen.«
Genau so traf es ein. Zwar konnte ich sein Gesicht unter dem
Regenschirm nicht sehen, zumal es ziemlich dunkel war, aber ich
erkannte ihn an der Stimme, als er seinem Begleiter in die Rede fiel,
und rief ihn an.
Daß ich den Laden verließ und O. begegnete war nichts, aber daß ich
es vorher wußte, war sehr viel. Bei näherer Betrachtung ist es doch
ein höchst merkwürdiges Erlebnis. Ich stand ganz hinten in dem
Zigarrenladen als der Geist der Weissagung über mich kam. Fünf Schritte
bis zur Thür, drei Stufen zum Bürgersteig hinunter, Wendung nach links,
einige weitere Schritte und richtig -- da war mein Mann. Ist es nicht
wunderbar, wie alles zutraf?
Oft reden wir von einem Abwesenden und kaum haben wir es gethan,
so sehen wir ihn vor uns. Wir lachen dann und sagen: »Wenn man den
Teufel an die Wand malt u. s. w.«; dann denken wir nicht mehr an den
sogenannten ›Zufall‹. Das ist eine recht billige und bequeme Art, über
ein ernstes und schwieriges Rätsel hinwegzukommen, das zu lösen wohl
der Mühe verlohnte.
Nun komme ich aber auf das Sonderbarste zu sprechen, was ich je erlebt
habe: Vor zwei oder drei Jahren lag ich eines Morgens im Bett und
dachte an nichts Besonderes -- es war am zweiten März -- als plötzlich
eine funkelnagelneue Idee wie eine Bombe auf mich hereingesaust kam
und mit solcher Gewalt explodierte, daß aus der ganzen Umgegend alle
müßigen Betrachtungen zerfetzt und zersplittert davonflogen. Diese Idee
bestand, kurz gesagt, darin, daß jetzt der günstige Augenblick gekommen
sei, ein gewisses Buch, dem das allgemeine Interesse nicht fehlen
konnte, sofort zu schreiben und auf den Markt zu bringen -- ein Buch
über die Silbergruben in Nevada. Die ›Große Bonanza-Mine‹ war damals
ein neues Weltwunder und bildete das Tagesgespräch.
Die geeignetste Person für diese Arbeit schien mir William Wright,
ein Journalist aus Virginia in Nevada, an dessen Seite ich dort, vor
zwölf Jahren, monatelang als Reporter Zeitungsartikel gekritzelt
hatte. Vielleicht war er noch am Leben, vielleicht war er tot, wer
konnte es wissen, aber jedenfalls wollte ich ihm schreiben. Ich begann
damit, ihm bescheidentlich den Vorschlag zu machen, das bewußte Buch
zu verfassen; im weitern Verlauf wuchs jedoch mein Eifer und ich
ließ mich hinreißen, nach eigenem Ermessen den ganzen Plan des Werkes
zu entwerfen, überzeugt, daß Wright, als guter Freund, meine Absicht
nicht mißdeuten werde. Ich ging sogar auf Einzelheiten ein und besprach
deren Anordnung und Reihenfolge. Eben wollte ich das Manuskript in
einen Umschlag stecken, da fiel mir ein, wie unangenehm es wäre,
wenn das Buch auf meine Veranlassung geschrieben würde und sich dann
kein Verleger fände. Ich behielt daher den Brief einstweilen zurück,
warf ihn in ein Fach und richtete ein paar Zeilen an meinen eigenen
Verleger, den ich um eine geschäftliche Besprechung bat. Der Herr war
jedoch gerade verreist, meine Zuschrift blieb unbeantwortet und nach
einigen Tagen hatte ich die ganze Angelegenheit vergessen. Am neunten
März brachte der Postbote verschiedene Briefe, darunter einen besonders
dicken, dessen Aufschrift eine halbschlummernde Erinnerung in mir zu
wecken schien. Zuerst wußte ich nicht wohin damit, aber bald ging mir
ein Licht auf und ich sagte zu einem Verwandten, der gerade anwesend
war:
[Illustration]
»Gieb acht, jetzt will ich ein Wunder thun. Ich werde dir aufs genauste
Inhalt, Datum und Unterschrift dieses Briefes sagen, ohne ihn zu
erbrechen. Er kommt von einem Herrn Wright aus Virginia in Nevada,
und ist vom zweiten März datiert. Wright teilt mir darin sein Vorhaben
mit, ein Buch über die Silberminen zu schreiben und fragt, was ich
als Freund davon denke. Ferner setzt er mir alles Einzelne des Nähern
auseinander und sagt, daß er zum Schluß die Geschichte des ›Großen
Bonanza‹ erzählen wolle.«
Ich öffnete nun den Brief und bewies, daß meine sämtlichen Angaben
richtig waren. Wrights Brief enthielt in der That genau dasselbe wie
der meinige, der, am nämlichen Datum geschrieben, seit sieben Tagen im
Fach meines Schreibtisches lag.
Mit Hellseherei, wenigstens wie _ich_ dieselbe verstehe, hatte
dieser Vorfall, glaube ich, nichts zu thun. Ein Hellseher behauptet,
verborgene Schrift wirklich Wort für Wort ablesen zu können. Das war
bei mir nicht der Fall. Ich glaubte nur den Inhalt des Briefes im
einzelnen mit vollkommener Sicherheit zu kennen, aber die Worte mußte
ich selbst finden und gewissermaßen Wrights Ausdrucksweise in die
meinige übersetzen.
Dies Zusammentreffen aller Umstände konnte doch unmöglich auf Zufall
beruhen. Bei einem Zufall hätte vielleicht einiges gestimmt, aber alles
übrige wäre wesentlich abgewichen. Für mich unterlag es keinem Zweifel
-- Wrights Geist hatte am zweiten März über Gebirge und Wüste hinweg,
trotz der Entfernung von dreitausend Meilen, mit dem meinigen in
engster und krystallklarster Verbindung gestanden. Meiner Meinung nach
waren wir nicht beide zugleich auf die ursprüngliche Idee gekommen,
sondern der Geist des einen hatte sie erdacht und sie dem andern
telegraphiert.
Es reizte mich doch zu wissen, wessen Gehirn das Telegraphieren
übernommen hatte und wer der Empfänger der Depesche gewesen war, so
schrieb ich denn an Wright, um mich darnach zu erkundigen. Seine
Antwort bewies mir, daß Gedanke und Botschaft von _seinem_ Geist
ausgegangen waren und der meinige beides nur aufgenommen hatte. Sein
Buch steckte ihm schon lange im Kopfe; es liegt daher auf der Hand, daß
die erste Idee von ihm und nicht von mir herrührt; der Stoff lag mir
ganz fern und ich war obendrein von andern Dingen vollauf in Anspruch
genommen. Trotzdem vermochte es dieser Freund, an den ich seit elf
Jahren nicht mehr gedacht hatte, mir seine Gedanken aus weiter Ferne in
den Kopf zu blitzen, und zwar mit solchem Nachdruck, daß ich für den
Augenblick kein anderes Interesse mehr kannte. Er hatte den Brief an
mich geschrieben, nachdem seine Arbeit für das Morgenblatt beendet war,
etwas nach drei Uhr. Drei Uhr morgens in Nevada ist ungefähr 6 Uhr in
Hartford, zu welcher Zeit ich, wie erwähnt, im Bette lag und an nichts
Besonderes dachte. Gerade um diese Zeit ergoß sich der Strom seiner
Gedanken über den Kontinent hinweg in mein Gehirn, ich stand auf und
schrieb sie nieder unter dem Eindruck, daß sie ausschließlich von mir
selbst stammten.
Das ist sehr bedeutungsvoll und kann von der höchsten Wichtigkeit
werden. Man bedenke nur, wie mancher herrliche Originalgedanke einem
so mir nichts dir nichts von einem dreitausend Meilen weit entfernten
Menschen weggestohlen werden kann. Sollte jemand versucht sein,
diese Thatsache anzuzweifeln, so bitte ich nur, einen Blick in das
Konversationslexikon zu werfen und wieder einmal über den sonderbaren
Umstand in der Geschichte der Erfindungen nachzugrübeln, der einem
jeden schon zu denken gegeben hat -- darüber nämlich, daß so häufig
dieselben Maschinen und Apparate gleichzeitig von mehreren Personen in
verschiedenen Weltteilen erfunden worden sind. Es liegt nicht außer
dem Bereich der Möglichkeit, daß die Erfinder sich, ohne es zu wollen,
gegenseitig ihre Ideen fortstehlen, obgleich sie viel tausend Meilen
von einander getrennt sind.
Gewöhnlich erklärt man zwar dies Gedankenzusammentreffen daraus, daß
große und bedeutsame Entdeckungen sich immer auf Fragen beziehen, mit
welchen die hervorragendsten Geister sich bereits lange und eingehend
beschäftigt haben. Als Beispiele solcher zugleich von verschiedenen
Seiten gewonnener Errungenschaften auf wissenschaftlichem Gebiet
führt man unter andern die Erfindung der Differentialrechnung an,
die Entdeckung des Planeten Neptun, die Entzifferung der egyptischen
Hieroglyphen, die Aufstellung der Vibrationstheorie des Lichts, die
Erfindung des elektrischen Telegraphen und der Spektralanalyse.
Aber vielleicht ist in jedem der angegebenen Fälle die Idee in
dem Geist eines _einzigen_ Gelehrten entsprungen, der sie weiter
telegraphiert hat. Schon seit einem Jahrhundert hatten die Astronomen
jene Aberrationen beobachtet, die endlich Leverrier auf die Vermutung
brachten, daß sich im unermeßlichen Raum ein Planet verbergen müsse,
welcher der Urheber jener Störungen sei. Wie ging es nun aber zu,
daß drei durch weite Entfernung von einander getrennte Menschen,
Leverrier, Mrs. Somerville und Adams auf einmal zu gleicher Zeit
anfingen, sich mit den Aberrationen abzuquälen und alles daran zu
setzen, um ausfindig zu machen, was wohl die Ursache derselben sein
könne? -- Das sonderbare Unternehmen, einen unsichtbaren Planeten zu
messen, zu wägen, seine Bahn zu berechnen, ihm förmlich nachzujagen
und ihn endlich einzufangen, an das noch niemand zuvor gedacht hatte,
konnte nur in dem Kopf eines einzigen Astronomen entsprungen und durch
Gedankentelegraphie den andern Geistern übermittelt worden sein.
* * * * *
Letzten Frühling kam ein litterarischer Freund von fern her, um
mich zu besuchen. Im Lauf des Gesprächs erzählte er mir, es sei ihm
eine vollständig neue Idee aufgegangen, wie sie sicherlich in der
Litteratur noch nicht dagewesen wäre, und teilte mir dieselbe mit.
Darauf überreichte ich ihm ein Manuskript, welches ich vor acht
Tagen geschrieben hatte, mit dem Bedeuten, daß er darin seine Idee
der Hauptsache nach getreulich wiedergegeben finden würde. Schon seit
dem vergangenen November beschäftigte dieser Gedanke mein Gehirn --
in das seinige geriet er aber erst vor acht Tagen, während ich das
Schriftstück abfaßte. Da er seine Idee noch nicht zu Papier gebracht
hatte, überließ er mir nun liebenswürdigerweise alle Rechte und Titel
des Erfinders.
Mich haben die spiritistischen Vorstellungen und Geisterkundgebungen,
bei denen ich zugegen war, nie im geringsten überzeugen können, was
jedoch nicht viel sagen will, da meine Erfahrungen auf diesem Felde
nur oberflächlich sind. Daß aber der Geist eines noch -- im Fleisch
wandelnden -- Menschen mit einem andern Menschengeist verkehren kann,
selbst wenn beide durch große Entfernungen getrennt sind, glaube ich
fest. Ja, es ist nicht einmal erforderlich, vorher auf künstliche
Weise einen ›sympathetischen Zustand‹ zu erzeugen, durch welchen
die Gedankentelegraphie vermittelt würde. Nach meiner Ueberzeugung
findet die geistige Wechselwirkung überhaupt nur statt, wenn ein
sympathetischer Zustand vorhanden ist; ich halte es aber nicht für
unmöglich, daß bei ununterbrochenem sympathetischem Zustand auch der
Gedankenverkehr ins Unbegrenzte fortgesetzt werden könnte.
Wir alle haben es wohl schon erlebt, daß plötzlich eine Reihe von
Gedanken und Empfindungen auf uns einstürmten, die wir ganz auf
dieselbe Weise bereits in einem frühern Dasein durchgemacht zu haben
glauben. Ein unheimliches Gefühl! -- Zwar ist ein früheres Dasein nicht
unmöglich, aber dadurch wird dieses spukhafte Geheimnis keineswegs
erklärt. Seine Erklärung liegt vielmehr darin, daß ein Fremder aus
weiter Ferne uns seine Gedanken ins Bewußtsein telegraphiert, bis ein
Gegenstrom oder irgend ein anderes Hindernis plötzlich die Verbindung
unterbricht. Vielleicht scheint es uns etwas früher Erlebtes, weil
es das schon Erlebte eines andern ist, das wir nur aus zweiter Hand
übernehmen. Ob Herr Brown, der berühmte Gedankenleser, wirklich die
Gedanken anderer liest, weiß ich nicht, -- aber _das_ weiß ich, daß
_ich_ sie schon gelesen habe, und warum sollte es da Herr Brown nicht
auch thun können!
* * * * *
Vorstehendes schrieb ich vor drei Jahren in Heidelberg und legte das
Manuskript beiseite mit der Absicht, bei Gelegenheit neue Beispiele der
Gedankentelegraphie, die mir vorkommen würden, hinzuzufügen. Inzwischen
hat sich das ›Briefkreuzen‹ so unzähligemale wiederholt, daß es anfängt
eintönig zu werden. Ich habe mir aber eine Lehre daraus gezogen: wenn
ich jetzt die Lust verliere zu warten, ob es jemand, von dem ich gern
Nachricht hätte, endlich gefällig sein wird zur Feder zu greifen,
so zwinge ich ihn dazu, indem ich mich hinsetze und meinerseits an
_ihn_ schreibe. Dann zerreiße ich meinen Brief in guter Ruhe; ihn
abzuschicken ist unnötig, das _Schreiben_ allein genügt vollständig, um
den säumigen Freund zum Entschluß zu bringen.
Nachdem wir Heidelberg verlassen hatten, hielten wir uns eine Zeitlang
in Venedig auf. Eines Tages fuhr ich in einer Gondel den großen Kanal
hinab, als ich einen lauten Zuruf hinter mir hörte und mich umblickte;
eine Gondel folgte der meinigen und der Gondelier machte heftige
Zeichen, ich solle anhalten. Als das Boot herankam, erblickte ich
darin eine amerikanische Dame, die sich seit längerer Zeit in Venedig
aufhielt.
»Sie müssen mir helfen,« sagte sie in großer Aufregung, als ihre Gondel
neben der meinigen angelegt hatte. »Im Britannia-Hotel ist vor einer
Woche ein Herr aus New York mit seiner Frau abgestiegen. Sie erwarteten
Nachrichten von ihrem Sohn vorzufinden, von dem sie seit acht Monaten
nichts gehört haben. Leider war ihre Hoffnung vergebens, die Dame
liegt nun krank, sie ist in Verzweiflung und ihr Mann kann weder
essen noch schlafen. Der Sohn ist vor acht Monaten in San Francisco
angekommen und hat seine Ankunft den Eltern sofort brieflich angezeigt.
Das ist die letzte Spur von ihm. Die Eltern sind inzwischen in Europa
ruhelos von Ort zu Ort gezogen, die ganze Reise ist ihnen verdorben
und sie haben Briefe nach allen Himmelsgegenden geschrieben in der
Hoffnung, Nachrichten über das Verbleiben ihres Sohnes zu erhalten,
dessen Schweigen noch immer unaufgeklärt ist.
»Nun will der Herr es mit einem Kabeltelegramm versuchen. Er will nach
San Francisco telegraphieren, hat sich aber bis jetzt noch nicht dazu
entschließen können, aus Furcht vor was? -- ohne Zweifel aus Furcht,
die Todesnachricht seines Sohnes zu erhalten. Er verlangt jetzt von
mir, daß ich die Depesche abschicke, aber das _kann_ ich nicht, denn,
wenn keine Rückantwort erfolgte -- es wäre der Tod der armen Mutter. In
meiner Angst bin ich Ihnen nachgefahren. Sie müssen mir beistehen, den
Mann zu überreden noch einige Wochen geduldig zu warten, der Aufschub
ist vielleicht die Rettung seiner Frau. Kommen Sie, wir dürfen keine
Zeit verlieren.«
Ich that ihr den Willen, aber auf _meine_ Weise. Als ich dem Herrn
vorgestellt war, sagte ich: »In dergleichen Dingen habe ich meinen
besonderen Aberglauben, der aber wohl beachtet zu werden verdient.
Wenn Sie sofort nach San Francisco telegraphieren, werden Sie binnen
vierundzwanzig Stunden Nachricht erhalten, vielleicht nicht gerade von
dort, aber jedenfalls irgendwoher. Telegraphieren Sie nur schnell, das
ist alles was nötig ist. Die Nachricht wird in vierundzwanzig Stunden
eintreffen, einerlei, ob Sie das Telegramm nach Peking schicken oder
sonstwohin. Die Verzögerung ist nur dadurch entstanden, daß Sie Ihr
Telegramm nicht sofort abgehen ließen, als Sie zuerst Neigung dazu
verspürten.«
Wie thöricht es auch erscheinen mag, der Mann ließ sich wahrhaftig
von dem Unsinn beeinflussen; er erheiterte sich sichtlich, schickte
die Depesche ab und als am nächsten Tage ein langer Brief von dem
verlorenen Sohn ankam, war er mir so dankbar, als hätte mein Rat
wirklich die Ankunft des Briefes beschleunigt. Der Sohn hatte von
San Francisco aus eine Reise im Segelschiff angetreten und erst nach
Monaten in dem ersten Hafen, den er berührte, Gelegenheit gefunden, den
Eltern Nachricht zu geben.