Ja, es war höchste Zeit für den Vorsitzenden eines Banketts, die

Bedeutung der Säuglinge zu erkennen. Bedenkt, was kann aus der jungen

Brut noch alles werden. Fünfzig Jahre von heute werden wir alle tot

sein, denke ich, und dann wird dieses Sternenbanner, wenn es noch

existiert und ich hoffe, das wird es -- über einer Republik flattern,

die 200 Millionen Seelen zählt, gemäß den natürlichen Gesetzen

unserer Volksvermehrung. Aus unserem gegenwärtigen Staatsschooner

wird ein politischer Leviathan, ein Great Eastern geworden sein. Die

Wiegenkinder von heute werden auf Deck sein. Sorgt für eine gute

Erziehung; denn wir werden in ihren Händen ein schweres Stück Arbeit

hinterlassen. Unter den drei bis vier Millionen Wiegen, die jetzt im

Lande geschaukelt werden, befinden sich einige, die unsere Nation als

Heiligtümer aufbewahren würde, wenn man nur schon wüßte, welche. In

einer dieser Wiegen zahnt in diesem Augenblick, sich selber unbewußt,

der Farragut[9] der Zukunft; in einer andern blinzelt der künftige

berühmte Astronom noch ohne sonderliches Interesse die Milchstraße

an -- der arme Kleine sehnt sich nach einer andern Milchstraße,

nämlich seiner Amme. In einer andern liegt der zukünftige große

Geschichtsschreiber und wird zweifelsohne dereinst fortfahren zu lügen,

bis seine irdische Sendung vollendet ist. In einer andern beschäftigt

sich der zukünftige Präsident mit keinem wichtigeren Staatsproblem

als mit dem, warum er so früh keine Haare mehr hat, und in einer

mächtigen Reihe von Wiegen liegen 60000 zukünftige Stellenjäger,

bereit, den Präsidenten späterhin Gelegenheit zu geben, sich mit

demselben alten Problem zum zweiten Male zu beschäftigen,[10] und in

einer weitern Wiege irgendwo unter der Flagge liegt der zukünftige

berühmte Feldmarschall der amerikanischen Armee, so wenig beschwert

von seiner herannahenden Größe und Verantwortung, daß er seinen ganzen

strategischen Scharfsinn in diesem Augenblick darauf gerichtet hat, wie

er seinen großen Zehen in den Mund kriegen kann, ein Bestreben, das --

mit allem Respekt gesagt -- vor 56 Jahren auch die ganze Aufmerksamkeit

unseres heute abend gefeierten Helden in Anspruch genommen hat. Wenn

aber das Kind nur die Vorahnung des künftigen Mannes ist, so werden

wenige zweifeln, daß sein Bestreben von damals mit Erfolg gekrönt war.«

[9] Größter Admiral der Vereinigten Staaten.

[10] Anspielung auf die Sorgen, welche dem Präsidenten die

Befriedigung der Aemterjäger seiner Partei macht.

Der selige Benjamin Franklin.

Spare nie auf morgen, was du übermorgen gerade so

gut thun kannst. --

Benjamin Franklin.

Dieser Mensch war eins von den Individuen, welche man Philosophen

nennt. Er kam als Doppelwesen oder als ein paar Zwillinge zur Welt,

gleichzeitig in zwei verschiedenen Häusern von Boston. Die Häuser

stehen noch heutigen Tages und tragen Tafeln, deren Inschriften die

obige Thatsache bezeugen. Die Tafeln nehmen sich ganz gut aus, aber

notwendig sind sie gerade nicht, da die Einwohner dem Fremden so wie so

die beiden Geburtsstätten zeigen, zuweilen sogar mehrmals an einem Tage.

Der Mann, von welchem diese Denkschrift handelt, war heimtückischer

Gemütsart und mißbrauchte seine Gaben schon frühzeitig zur Erfindung

von allerlei Lebensregeln und Denksprüchen, die darauf berechnet waren,

dem heranwachsenden Geschlecht aller folgenden Zeitalter Schmerzen

zu bereiten. Sogar seine alltäglichsten Handlungen verrichtete er im

Hinblick darauf, daß sie den Knaben fort und fort zur Nacheiferung

vorgehalten werden sollten -- den Knaben, die sich sonst hätten

glücklich fühlen können. Aus gleicher Absicht wurde er der Sohn eines

Seifensieders, wahrscheinlich nur, damit die Bestrebungen aller

zukünftigen Knaben, die es zu irgend etwas bringen wollten, von

vornherein mit Mißtrauen betrachtet werden möchten, wenn sie nicht

Söhne von Seifensiedern wären. Mit einer Böswilligkeit, die in der

Geschichte ohne gleichen dasteht, pflegte er den Tag über zu arbeiten

und dann die Nacht hindurch aufzubleiben, unter dem Vorwand, daß er

beim Schein eines glimmenden Feuers Algebra studiere -- damit alle

andern Knaben genötigt wären das auch zu thun, weil man ihnen sonst

Benjamin Franklin vorrückte. Ja noch mehr: es war seine Gewohnheit,

sich nur von Wasser und Brot zu nähren und während der Mahlzeit

Astronomie zu treiben -- das hat seitdem Millionen von Knaben, deren

Väter Franklins verderbliche Biographie gelesen hatten, in große

Trübsal gebracht.

Seine Lebensregeln waren voll Feindseligkeit gegen die Jugend.

Heutzutage kann kein Knabe irgend einer natürlichen Regung folgen, ohne

daß er auf der Stelle über einen jener unvermeidlichen Denksprüche

stolpert und von Franklin zu hören bekommt. Kauft er sich für zwei

Cents Pfeffernüsse, so sagt sein Vater: »Weißt du nicht, mein Sohn, daß

Franklin spricht: ›Einen Heller den Tag, einen Groschen das Jahr‹!«

-- und mit der Freude an den Pfeffernüssen ist's vorbei. Will der

Knabe nach gethaner Arbeit Kreisel spielen, gleich mahnt der Vater:

»Aufschub ist ein Tagedieb.« Wenn er eine gute That thut, bekommt er

nie etwas dafür, denn »die Tugend trägt ihren Lohn in sich.« Er wird

zu Tode gehetzt und der nötigsten Ruhe beraubt, weil Franklin in einem

begeisterten Anflug von Bosheit einmal gereimt hat:

»Früh zu Bett und früh wieder auf,

Macht klug, gesund und reich im Kauf.«

Als ob einem Knaben etwas daran läge, um solchen Preis klug, gesund

und reich zu werden! Was _mir_ dieser Denkspruch für Leiden gebracht

hat, als mein Vater damit Versuche bei mir anstellte, spricht keines

Menschen Zunge aus. Das naturgemäße Ergebnis derselben ist meine

jetzige körperliche Hinfälligkeit, Armut und Geistesschwäche. Als ich

ein Knabe war, pflegten mich meine Eltern bisweilen schon vor neun Uhr

des Morgens zu wecken. Hätten sie mich schlafen lassen wie es meine

Natur verlangte -- was würde nicht aus mir geworden sein? Vielleicht

wäre ich jetzt Ladenbesitzer und allgemein geachtet ...

[Illustration]

Benjamin Franklin hat viel Anerkennenswertes für sein Vaterland

gethan und dessen jungen Namen bei andern Völkern zu hohen Ehren

gebracht, weil es solchen Sohn erzeugt hat. Das will diese Denkschrift

durchaus nicht bestreiten, oder mit Stillschweigen übergehen. Ihr

Zweck ist nur, Einspruch gegen seine anmaßlichen Lebensregeln zu

erheben, die er unter dem Schein, als wären sie von ihm erdacht, aus

selbstverständlichen Wahrheiten zusammengestoppelt hat, welche schon

abgedroschene Gemeinplätze waren, noch ehe sich die Völker beim Turmbau

zu Babel zerstreuten. Mein Wunsch war lediglich, gegen die unter den

Familienhäuptern herrschende unselige Idee zu Felde zu ziehen, als

habe Franklin seine angeborene Geistesgröße eigens dadurch erworben,

daß er umsonst arbeitete, bei Mondlicht studierte und in der Nacht

aufstand, statt wie ein guter Christ bis zum Morgen zu warten -- und

als könne dieses Programm, wenn es nur streng durchgeführt würde, aus

jedes Vaters dummem Jungen einen Franklin machen. Es ist Zeit, daß die

Herren Väter sich endlich klar machen, daß jenes abscheuliche Thun und

Treiben nur die Wirkung des Genius war und nicht seine Ursache. Ich

wollte, ich wäre lange genug der Vater meiner Eltern gewesen, um ihnen

diese Wahrheit zu Gemüte zu führen, damit sie versuchten ihrem Sohne

das Leben leichter zu machen. Als Kind mußte ich Seife sieden, obgleich

mein Vater ein wohlhabender Mann war, ich mußte zeitig aufstehen, beim

Frühstück Geometrie studieren, mit meinen eigenen Gedichten hausieren

gehen und alles ganz so thun wie es Franklin gethan hatte. Man war der

festen Hoffnung, ich würde auf solche Weise einst ein Franklin werden.

Und was bin ich nun?! --

Wohlthun trägt Zinsen.

(In Beispielen.)

Von Kindheit auf habe ich mit besonderer Vorliebe eine gewisse Sammlung

moralischer Erzählungen gelesen, aus denen ich Vergnügen und Belehrung

schöpfte. Das Buch lag mir stets bequem zur Hand und sobald mein Glaube

an menschliche Tugend zu wanken drohte, griff ich danach und vertrieb

mir alle Zweifel. Auch wenn mich ein Gefühl meiner eigenen Schwäche und

unedlen Gesinnung niederdrückte, wies mich das Buch zurecht und zeigte

mir den Weg, wie ich die verlorene Selbstachtung wiedergewinnen könne.

Nur _eines_ vermißte ich: Die schönen Geschichten brachen alle ab,

sobald der Höhepunkt erreicht, die glückliche Lösung erfolgt war,

und ich hätte doch so gern von dem weitern Ergehen der großmütigen

Wohlthäter und ihrer Schützlinge noch etwas erfahren. Mein Verlangen

hiernach ward zuletzt so dringend, daß ich beschloß, mir über den

ferneren Verlauf der Geschichten selbst Klarheit zu verschaffen. Ich

unternahm zu diesem Zweck lange und mühevolle Forschungen und kam dabei

zu merkwürdigen Ergebnissen. Ich will nachstehend nur zwei Proben davon

zum allgemeinen Besten mitteilen. Zuerst werde ich die Geschichte,

wie sie in den ›Beispielen des Guten‹ steht, erzählen und dann die

Fortsetzung beifügen, wie es mir gelungen ist, sie zu ermitteln.

Der wohlwollende Schriftsteller.

Ein armer, angehender Literat hatte sich vergeblich bemüht, für seine

Manuskripte einen Verleger zu finden. Endlich, als er schon nahe am

Verhungern war, klagte er einem berühmten Schriftsteller seine traurige

Lage und bat ihn um Rat und Hilfe.

Der hochherzige Mann legte sogleich seine eigenen Sachen beiseite und

begann eins der verschmähten Manuskripte durchzulesen. Als er dies

menschenfreundliche Werk beendet hatte, schüttelte er dem jungen Manne

herzlich die Hand und sagte: »Ihre Arbeit ist nicht schlecht; kommen

Sie am nächsten Montag wieder.«

Zur verabredeten Zeit erschien der junge Autor; der berühmte

Schriftsteller aber öffnete, ohne ein Wort zu sagen, ein Journal, das

soeben erst aus der Presse kam und zeigte dem Staunenden seinen eigenen

Artikel, der in den Spalten des Blattes abgedruckt war. Der junge Mann

sank auf die Kniee und brach in Thränen aus: »Wie kann ich mich Ihnen

für solchen Edelmut je dankbar genug erweisen!« rief er.

Der Schriftsteller, welcher dieses gethan, war der große Snodgraß und

der junge Literat, den er aus dem Dunkel hervorzog und vom Hungertode

errettete, kein anderer als der später nicht minder berühmte Snagsby.

Möchten wir uns an diesem erfreulichen Vorgang ein Beispiel nehmen und

bereitwillig allen Anfängern beistehen, welche der Hilfe bedürfen.

Fortsetzung.

In der folgenden Woche stellte sich Snagsby wieder ein und brachte

fünf zurückgewiesene Manuskripte mit. Dies überraschte den

berühmten Snodgraß einigermaßen, weil die jungen Leute, von denen

das Buch erzählt, nie mehr als einmal der Handreichung bedurften

um emporzukommen. Indessen arbeitete er die Schriftstücke durch,

schnitt hier und da viele unnötige Blumen fort und rodete die

Eigenschaftswörter scheffelweise aus. Es gelang ihm darauf wirklich

zwei der Artikel bei Zeitschriften unterzubringen.

Nach Ablauf einer Woche erschien der dankbare Snagsby mit einer neuen

Ladung von Manuskripten. Wohl hatte es dem berühmten Autor zuerst

eine hohe innere Befriedigung gewährt, dem strebsamen jungen Manne

mit Erfolg helfen zu können und sich mit den großmütigen Leuten zu

vergleichen, von denen das Geschichtenbuch berichtet; jetzt aber

begann sich in ihm der Argwohn zu regen, daß vielleicht nicht alles in

Richtigkeit sei. Trotzdem sich sein Enthusiasmus plötzlich abgekühlt

hatte, gewann er es aber nicht über sich, den jungen Menschen

zurückzustoßen, der sich in seiner vertrauensvollen Herzenseinfalt so

fest an ihn klammerte.

Das Ende vom Liede war denn auch, daß der berühmte Schriftsteller

den armen, jungen Anfänger fortdauernd auf dem Halse behielt. Die

schwachen Versuche, welche er anstellte, sich der Last zu entledigen,

waren vergebens. Immer wieder mußte er Snagsby Rat erteilen und ihm

Mut einsprechen, mußte sich bemühen die Annahme seiner Manuskripte bei

den Zeitschriften durchzusetzen und sie vorher gehörig zustutzen, weil

sie sonst unbrauchbar waren. Als der junge Streber endlich im Sattel

saß, schwang er sich plötzlich mit einem kühnen Sprung auf den Gipfel

des Ruhms. Er beschrieb nämlich das Privatleben des berühmten Autors

bis in die kleinsten Einzelheiten mit so beißendem Witz, daß sein Buch

einen fabelhaften Absatz fand, dem gefeierten Schriftsteller aber vor

Kränkung darüber das Herz brach. Noch mit dem letzten Atemzug seufzte

er: »Ach, jenes verlockende Buch hat mich betrogen; es verschweigt die

letzte Hälfte der Geschichte. Hütet euch, meine Freunde, vor strebsamen

jungen Literaten! Kein Mensch soll sich vermessen, jemand vom Tode zu

retten, den Gott verhungern lassen will -- er läuft nur in sein eigenes

Verderben.«

Der dankbare Gatte.

Eine Dame fuhr einmal mit ihrem Söhnchen durch die Hauptstraße einer

großen Stadt, als plötzlich die Pferde scheu wurden und in wildem Laufe

davonjagten. Der Kutscher ward vom Bock geschleudert und die Insassen

des Wagens bebten vor Todesangst. Aber ein wackerer Jüngling, der

gerade mit seinem Gemüsewagen des Weges fuhr, fiel den durchgehenden

Pferden in die Zügel und es gelang ihm mit Gefahr seines eigenen

Lebens, sie in ihrer Flucht aufzuhalten. Die gerettete Dame ließ sich

seine Adresse sagen und erzählte daheim die Heldenthat ihrem Gatten

(der das Buch mit den moralischen Erzählungen gelesen hatte). Dieser

vergoß Thränen der Rührung bei dem erschütternden Bericht und dankte

im Verein mit seinen ihm wiedergeschenkten Lieben dem Allgütigen, ohne

dessen Willen kein Sperling vom Dache fällt, für die wunderbare Hilfe.

Dann sandte er nach dem wackern, jungen Mann, überreichte ihm einen

Wechsel auf 500 Dollars und sagte: »Nimm dies zum Lohn für deine edle

That, William Ferguson, und wenn du je eines Freundes bedarfst, so

erinnere dich, daß Thomas Spadden ein dankbares Herz hat.«

Laßt uns hieraus lernen, daß jede gute That dem der sie thut, nützt und

frommt und wenn er auch aus dem niedrigsten Stande wäre.

Fortsetzung.

In der folgenden Woche fand sich William Ferguson bei Herrn Spadden

mit der Bitte ein, er möge ihm durch seinen Einfluß eine bessere

Beschäftigung verschaffen, da er Größeres leisten könne, als den

Gemüsewagen zu fahren. Herr Spadden verhalf ihm denn auch zu einer

Bureaustelle mit gutem Gehalt.

Bald darauf wurde Williams Mutter krank und er -- doch ich will

mich möglichst kurz fassen: Spadden willigte ein, sie zu sich ins

Haus zu nehmen. Nicht lange, so fühlte sie Sehnsucht nach ihren

jüngern Kindern, worauf Marie, Julie und Jaköbchen gleichfalls

bei Spadden Aufnahme fanden. Jaköbchen hatte ein Taschenmesser,

mit dem er sich eines Tages allein ins Wohnzimmer begab, und ehe

noch Dreiviertelstunden vergingen, war das Mobiliar, welches etwa

zehntausend Dollars gekostet hatte, so von ihm bearbeitet worden,

daß sein Wert sich nicht mehr schätzen ließ. Einige Tage später fiel

Jaköbchen die Treppe hinunter und brach den Hals. Siebzehn Anverwandte

kamen in das Haus, um seiner Leiche zu folgen. Bei der Gelegenheit

wurden sie dort bekannt und fanden sich seitdem häufig in der Küche

ein. Auch bekamen die Spaddens vollauf zu thun, um ihnen nicht nur

einmal Stellen zu verschaffen, sondern auch immer von neuem wieder,

wenn sie Abwechslung brauchten.

Die alte Frau Ferguson war trunksüchtig und führte oft gottlose Reden:

da hielten es denn die Spaddens, aus Erkenntlichkeit gegen den Sohn,

für ihre Pflicht, sie von diesen Lastern zu bekehren und widmeten sich

der Aufgabe mit hohem Edelsinn. William kam häufig, erhielt immer

kleinere Geldbeträge und forderte immer höhere und einträglichere

Beschäftigung, zu welcher ihm die dankbaren Spaddens mehr oder weniger

rasch verhalfen. Nach verschiedenen Einwendungen verstand sich Spadden

sogar dazu, William auf die Universität zu schicken; als aber der

Held vor den ersten Ferien das Verlangen stellte, man möge ihn aus

Gesundheitsrücksichten nach Europa reisen lassen, da empörte sich der

bedrängte Spadden endlich gegen seinen Tyrannen. Er schlug ihm die

Forderung rundweg ab.

William Fergusons Mutter war darüber so verblüfft, daß sie die

Schnapsflasche fallen ließ und eine Verwünschung ihr in der Kehle

stecken blieb. Als sie sich vom ersten Schrecken erholt hatte, stieß

sie keuchend hervor: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Wo wäre

Ihre Frau und Ihr Junge jetzt ohne meinen Sohn?«

[Illustration]

William sagte: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit? Sagen Sie einmal

-- habe ich Ihrer Frau das Leben gerettet oder nicht?«

Sieben Anverwandte liefen aus der Küche herbei und sagten einer nach

dem andern: »So also beweisen Sie Ihre Dankbarkeit?«

Williams Schwestern standen starr vor Verwunderung. »So also beweisen

Sie -- --« fingen sie an, kamen jedoch nicht weiter, da ihre Mutter

sie mit vor Schluchzen erstickter Stimme unterbrach und rief: »Und im

Dienst eines solchen Ungeheuers hat mein seliger kleiner Jakob sein

teueres Leben geopfert!«

Da schwoll dem empörten Spadden der Mut und in der Erregung des

Augenblicks rief er voll edlen Zornes:

»Hinaus aus meinem Hause, ihr Bettlerpack! Ich weiß es jetzt, jenes

Geschichtenbuch hat mich bethört, aber es soll mich nie wieder zum

Narren halten. -- Ja, du hast meiner Frau das Leben gerettet,« donnerte

er William an, »und dem nächsten, welcher das thut, mache ich auf der

Stelle den Garaus!« --

* * * * *

Zum Schluß bemerke ich noch, daß sich die Geschichte mit William

Ferguson in meiner persönlichen Bekanntschaft wirklich zugetragen hat;

doch sind von mir alle Einzelheiten dergestalt verändert worden, daß

William sein Spiegelbild nicht wiedererkennen wird.

Jeder Leser dieser Skizze ist wohl einmal den ›Beispielen des Guten‹

gefolgt, von welchen die Bücher berichten, und hat in irgend einer

schönen, begeisterungsvollen Stunde seines Lebens eine edelmütige That

vollbracht. Es wäre mir lieb zu erfahren, wie viele dieser Großmütigen

Lust haben, über jenes Erlebnis nachträglich zu reden und sich gern an

die Folgen erinnern lassen, welche aus demselben entstanden sind!? --

Ueber Tagebücher.

Zu gewissen Zeiten wird es der liebste Ehrgeiz eines Menschen, einen

getreuen Bericht über sein Thun in einem Buche aufzubewahren, und

er stürzt sich in diese Arbeit mit einer Begeisterung, als ob ein

Tagebuch zu führen die heiligste Pflicht und der größte Genuß in der

Welt sei. Aber wenn er nur einundzwanzig Tage verlebt hat, so wird er

finden, daß nur jene seltenen Naturen voll Ausdauer, Hingebung an die

Pflicht und unbesiegbarer Entschlossenheit sich an ein so gewaltiges

Unternehmen, wie es das Führen eines Tagebuchs ist, wagen können, ohne

eine schmachvolle Niederlage zu erleiden.

Als ich auf der Quaker-City meine erste Reise nach Europa machte,

hatten wir an Bord einen jungen Mann, Namens Jack. Dieser prächtige

junge Bursche hatte ein Tagebuch angefangen und pflegte über seine

Fortschritte jeden Morgen in der glühendsten und aufgewecktesten Weise

zu berichten. Eines Tages fing er an:

»O, ich komme höllisch gut fort damit. Ich schrieb letzte Nacht zehn

Seiten in mein Tagebuch -- und wissen Sie, ich hatte die Nacht vorher

neun und die Nacht vor dieser zwölf geschrieben. Je nun, das ist reiner

Spaß.«

»Was finden Sie denn Aufzeichnenswertes, Jack?«

»O, alles! Längen- und Breitengrade, Mittagszeit, und wie viele Meilen

wir in den letzten vierundzwanzig Stunden gemacht haben, und alle die

Spiele Domino und Pferdebillard, die ich gewonnen habe, und Walfische

und Haie und Schweinfische und Sonntags den Text der Predigt (wissen

Sie, weil das zu Hause was gelten wird), und die Schiffe, die wir

salutierten, und welcher Nation sie angehörten, und was für Wind war,

und ob es eine schwere See gab, und was für Segel wir führten, obwohl

wir eigentlich niemals welche führen, da wir immer den Wind von vorn

haben -- möchte wissen, was der Grund davon ist -- und wie viele Lügen

Moult uns erzählt hat. O, alles! Ich habe alles schwarz auf weiß.

Mein Vater hieß mich dieses Tagebuch führen. Vater würde es nicht für

tausend Dollars hergeben, wenn ich's fertig kriegte.«

»Nein, Jack, es wird mehr als tausend Dollars wert sein -- wenn Sie es

fertig kriegen.«

»Meinen Sie? Aber Sie denken wohl, ich kriege es nicht fertig?«

»Ja, es wird wenigstens tausend Dollars wert sein, wenn Sie es

vollenden. Vielleicht mehr noch.«

»Na, ich denke halb und halb ebenso. Ich bin nicht ungeschickt im

Führen eines Tagebuches.«

Eines Abends sagte ich später in Paris, nachdem wir uns mit der

Besichtigung von Sehenswürdigkeiten abgearbeitet hatten, zu ihm:

»Nun, ich will gehen und ein Weilchen um die Cafés herumstrolchen,

Jack, und Ihnen Gelegenheit geben, Ihr Tagebuch weiterzuführen, alter

Junge.«

Sein Gesicht verlor sein Feuer. Er sagte:

»Na, das braucht Sie nicht zu kümmern. Ich denke, ich werde dieses

Tagebuch nicht weiter fortsetzen. Es ist furchtbar langweilig. Wissen

Sie wohl, daß ich viertausend Seiten noch nachzureiten hätte? Ich habe

noch gar nichts über Frankreich drin. Erst dachte ich, ich wollte

Frankreich weglassen und von Frischem anfangen. Aber nicht wahr, das

ginge nicht an. Der Alte würde sagen: Hallo, was ist das -- nichts von

Frankreich gesehen? Dann dachte ich, ich wollte Frankreich aus dem

Reiseführer abschreiben, wie der alte Badger in der Vorderkajüte, der

ein Buch schreibt, aber es sind mehr als dreihundert Seiten darüber. O,

mir scheint, ein Tagebuch hat gar keinen Nutzen, nicht wahr? Nichts als

Plack und Langeweile, nicht wahr?«

»Ja, ein unvollständiges Tagebuch hat gar keinen Nutzen, aber ein

gehörig geführtes Tagebuch ist seine tausend Dollars wert -- wenn man

es fertig hat.«

»Tausend -- nun ja, das sollt' ich meinen. Ich aber möchte es für eine

Million nicht fertig machen.«

Seine Erfahrung war nur die Erfahrung der Mehrzahl derjenigen unserer

Reisegesellschaft, welche gleich ihm ein Tagebuch führten. Wenn

man einem jungen Menschen eine unbarmherzige und bösartige Strafe

auferlegen will, so verpflichte man ihn, ein Jahr lang ein Tagebuch zu

führen.

Ueber das Briefschreiben.

Ich glaube, es giebt kaum etwas auf der Welt, was uns allen so

widerwärtig ist, als die Pflicht einen Brief zu schreiben -- besonders

einen Privatbrief. Geschäftsbriefe sind übrigens nur wenig angenehmer.

Fast alle Freude über einen Brief, den ich erhalte, wird mir durch den

Gedanken vergällt, daß er beantwortet werden muß. Ja, ich fürchte mich

so sehr vor der Qual, solche Antworten auf der Seele zu haben, daß mich

häufig die Lust anwandelt, meine ganze Post ins Feuer zu werfen, statt

sie zu öffnen.

Zehn Jahre lang ist mir diese Furcht erspart geblieben, weil ich

fortwährend umherzog, von Stadt zu Stadt, von Staat zu Staat und von

Land zu Land. Da konnte ich, ganz nach Gefallen, sämtliche Briefe

unbeantwortet lassen, die Absender derselben nahmen natürlich an,

daß ich meinen Aufenthaltsort gewechselt habe und ihre Zuschriften

fehlgegangen seien.

Jetzt kann ich aber leider diese Form der Täuschung nicht mehr

anwenden. Ich bin vor Anker gegangen, bin festgefahren -- und nun

kommen die tödlichen Geschosse, die Briefe aller Art, schnurgerade auf

mich losgeflogen.

Es sind Briefe der verschiedensten Gattung und sie behandeln die

mannigfaltigsten Gegenstände. Ich lese sie meist beim Frühstück und

sehr oft verderben sie mir mein ganzes Tagewerk; sie leiten meinen

Gedankengang in neue Kanäle, das Arbeitsprogramm, welches ich mir für

meine Schreiberei aufgestellt habe, gerät in Verwirrung, ja es wird

wohl auch gänzlich umgestoßen.

Nach dem Frühstück werfe ich mich gewöhnlich ins Geschirr und versuche

eine Stunde lang fleißig zu schreiben, aber ich komme nur mühsam

vorwärts, da die Briefe immer wieder in meine Gedanken eingreifen. Die

Sache hat keinen rechten Fluß, ich gebe sie zuletzt auf und verschiebe

alle weiteren Bemühungen auf den nächsten Tag.

Man sollte meinen, ich würde mich nun schleunigst daran machen die

Briefe zu beantworten und aus dem Wege zu schaffen. Alle Musterknaben,

von denen wir lesen, daß sie barfuß nach New York gewandert kommen und

im Laufe der Zeit zu unverschämten Millionären werden, hätten damit

sicherlich keinen Augenblick gezögert -- aber, ich bin nicht wie sie.

Es fällt mir gar nicht ein, die Gewohnheiten jener Leute anzunehmen,

denn ich werde nie ein Millionär werden. Wäre ich darauf ausgegangen,

so hätte ich nicht gleich von vornherein den verhängnisvollen Mißgriff

begehen dürfen, Stiefel an den Füßen zu tragen und mehr als vierzig

Cents in der Tasche zu haben, als ich in New York einzog.

Wie hätte ich nach einem so verkehrten Beginn meiner Laufbahn noch den

Versuch machen sollen mir Reichtümer zu erwerben? Man würde mich nur

mit größtem Mißtrauen betrachtet haben und mich einfach zum Betrüger

stempeln.

Deshalb verzichte ich also darauf in die Fußstapfen dieser Krösusse

zu treten und meine Briefe mit kaufmännischer Pünktlichkeit und

Schnelligkeit zu beantworten. Ich setze meine Arbeiten einen Tag lang

aus, und die aufgeschichteten Briefe von heute bleiben bei denen

liegen, welche gestern, vorgestern und von allen früheren Daten

angekommen sind.

Skizzenbuch · 第 15 / 19 段