»An der Mathematik mußte er jedoch schließlich Schiffbruch leiden, das

war klar. Ich beschloß, ihm den Sturz so erträglich zu machen, wie es

ging. Ich richtete ihn ab und stopfte in ihn hinein so viel ich konnte,

paukte ihm die Antwort ein, die der Examinator aller Wahrscheinlichkeit

nach verlangen würde, und überließ ihn dann seinem Schicksal. Nun

denken Sie sich meine Verwunderung und Bestürzung, als er den Preis

erhielt und alle Anwesenden seines Lobes voll waren.

»Mein Gewissen ließ mir Tag und Nacht keine Ruhe. Mir lag eine Last

auf der Seele als hätte ich ein Verbrechen begangen. Eine Woche lang

that ich kein Auge zu -- und doch hatte ich nur aus reinstem Mitleid

dem armen Jungen beigestanden, damit seine Niederlage nicht gar zu

kläglich werden möchte. Der Gedanke an ein so unerhörtes Ergebnis, wie

das vorliegende, wäre mir auch nicht im Traume gekommen. Es konnte die

verhängnisvollsten Folgen nach sich ziehen. Ich hatte einem völlig

vernagelten Menschen den Weg zur glänzendsten Laufbahn eröffnet,

vielleicht zu einer Stellung von der höchsten Verantwortlichkeit.

Vertraute man ihm aber einen solchen Posten an, so war er und seine

Sache bei dem ersten besten Anlaß unrettbar verloren.

»Der Krimkrieg war gerade ausgebrochen. Natürlich -- dachte ich bei

mir -- muß ein Krieg kommen, um jenem Dummkopf Gelegenheit zu geben,

sich totschießen zu lassen, bevor seine Unfähigkeit ans Licht kam. Ich

zitterte vor einem großen Krach -- und er blieb nicht aus. In der

Zeitung las ich, daß der Mensch zum Hauptmann ernannt worden war und

mit seinem Regiment ausrücken sollte. Andere Leute können alt und grau

werden, ehe sie zu solcher Höhe emporklimmen. Wie war es nur möglich,

daß man einer so unerfahrenen und ungeprüften Kraft eine derartige

Verantwortung auflud? -- Hätte man ihn zum Fähnrich gemacht, ich

würde mich vielleicht beruhigt haben -- aber zum Hauptmann -- das war

unerhört. Ich glaubte, mich solle der Schlag rühren.

»Nun hören Sie, was ich that -- ich, der ich Ruhe und Beschaulichkeit

über alles liebe. Ich sagte mir, daß _ich_ mein Vaterland in diese

Gefahr gebracht habe und es daher meine Pflicht sei, es, soweit es in

meiner Macht stehe, vor Scoresby zu schützen. So beschloß ich denn,

ihm nicht von der Seite zu weichen; ich nahm seufzend mein kleines

Kapital zur Hand, das ich mit jahrelanger harter Arbeit und strengster

Sparsamkeit erworben hatte, kaufte mir ein Fähnrichpatent in seiner

Kompagnie und fort ging es auf den Kriegsschauplatz.

»Aber dort -- du lieber Himmel -- was mußte ich erleben! Daß er einen

Mißgriff nach dem andern begehen würde, verstand sich von selbst.

Allein, niemand wußte um sein Geheimnis; man umgab ihn mit einem

falschen Nimbus und beurteilte alle seine Thaten von einem verkehrten

Gesichtspunkt aus -- die größten Dummheiten die er machte, galten für

geniale Eingebungen. Es war entsetzlich! Er ließ sich Versehen zu

Schulden kommen, von denen das geringste der Art war, daß wer nur den

gewöhnlichsten Menschenverstand besaß, darüber hätte weinen mögen. Das

that ich denn auch im geheimen; ja, ich weinte nicht nur, ich raste und

schäumte vor Wut.

»Was mich aber in förmlichen Angstschweiß versetzte, war die

Beobachtung, daß jeder neue Irrtum, in den er geriet, den Glanz

seines Namens nur vermehrte. ›Er wird so hoch steigen,‹ sagte ich

mir, ›daß man meint, die Sonne falle vom Himmel herunter, wenn die

unausbleibliche Entdeckung schließlich erfolgt.‹

»Ueber die Leichen seiner Vorgesetzten hinweg ward er von einer Stufe

zur andern befördert, bis endlich, im wildesten Gewühl der Schlacht bei

* * * unser Oberst vom Pferde sank. Alles Blut strömte mir zum Herzen

-- denn Scoresby war ihm im Rang der nächste. ›Jetzt ist der Augenblick

da,‹ dachte ich, ›noch zehn Minuten und wir sind alle zum Teufel.‹

»Die Schlacht tobte fürchterlich, überall gerieten die Verbündeten ins

Wanken. Unser Regiment nahm eine der wichtigsten Stellungen ein --

geschah jetzt ein Mißgriff, so waren wir vernichtet.

»Was aber that der Narr aller Narren in diesem entscheidungsvollen

Augenblick? -- Er ließ das Regiment ausrücken, um einen benachbarten

Hügel zu besetzen, auf welchem auch nicht die geringste Spur

feindlicher Truppen zu entdecken war.

»›Nur immer zu,‹ dachte ich bei mir, ›jetzt läufst du sicher in dein

Verderben!‹

»Fort stürmten wir und hatten schon den Gipfel des Hügels erreicht,

bevor noch das wahnwitzige Unternehmen entdeckt und verhindert werden

konnte. Was aber fanden wir? -- Eine ganze russische Reservearmee, von

der kein Mensch etwas ahnte. Und was geschah? -- Wurden wir in Stücke

gehauen? Das wäre in neunundneunzig Fällen unter hundert unfehlbar

geschehen. Doch nein -- die Russen sagten sich, daß, wie die Sachen

standen, unmöglich ein einziges Regiment den Angriff wagen könne,

die ganze englische Armee müsse im Anzug -- die geplante Kriegslist

entdeckt und vereitelt sein. Sie machten rechtsumkehrt und stürzten

sich über Hals und Kopf in wildem Durcheinander den Hügel hinab auf das

Schlachtfeld -- wir immer hinter ihnen drein. Sie selbst durchbrachen

die feste, russische Schlachtordnung und richteten die heilloseste

Verwirrung an. Die Niederlage der Verbündeten verwandelte sich in

einen entscheidenden, glänzenden Sieg.

»Marschall Canrobert, welcher, überwältigt von Staunen, Bewunderung und

Entzücken, den Angriff beobachtet hatte, sandte sofort nach Scoresby,

schloß ihn gerührt in die Arme und schmückte ihm eigenhändig, im

Angesicht sämtlicher Heere, die Brust mit dem höchsten Orden.

»Was aber war die eigentliche Veranlassung zu Scoresbys Mißgriff

gewesen? Diesmal weiter nichts, als daß er rechts und links verwechselt

hatte. Ihm war Befehl erteilt worden, sich zurückzuziehen, um den

rechten Flügel zu verstärken; statt dessen rückte er vor und zog sich

nach links den Hügel hinauf. Der Ruhm seines wunderbaren militärischen

Genies aber ist seit jenem Tage in alle Welt hinaus geflogen und wird

für ewige Zeiten in den Büchern der Geschichte leuchten.

»Liebenswürdig ist er, freundlich, gut und anspruchslos, wie nur ein

Mensch sein kann, aber er versteht gar nichts, in keiner Lage weiß er

sich zu helfen und würde sich ruhig naß regnen lassen, statt unter

Dach zu gehen. Ich versichere Sie, es ist die reinste Wahrheit: einen

größeren Dummkopf wie ihn giebt es nicht auf der Welt. Noch vor einer

halben Stunde aber war ich, außer ihm selbst, der einzige Mensch der

das wußte. Jahraus, jahrein und Tag für Tag ist er von einem ganz

unerhörten und beispiellosen Glück förmlich verfolgt worden. Er hat

sich ein Menschenalter hindurch in allen unsern Kriegen mit Glanz

hervorgethan. Seine militärische Laufbahn wimmelt von Mißgriffen

aller Art, aber für jeden Fehler, den er beging, hat er entweder ein

Ehrenzeichen erhalten, oder er ist zum Lord, zum Baron oder zu sonst

etwas gemacht worden. Sie haben ja neulich bei dem Festmahl gesehen,

wie seine Brust mit fremden und einheimischen Orden über und über

bedeckt war; jeden einzigen, das können Sie mir glauben, trägt er

zum Andenken an irgend einen haarsträubenden Irrtum, alle zusammen

genommen aber bilden den schlagendsten Beweis, _daß Glück_ das beste

Angebinde ist, welches einem Menschenkinde in die Wiege gelegt werden

kann.« --

* * * * *

Bald nach Erscheinen dieser Satire in Harpers Monatsschrift

kam Mark Twain nach England. Seine Freunde dort gaben ihm den

dringenden Rat, dem _General Wolseley_ aus dem Wege zu gehen

und es entspann sich darob folgendes Gespräch:

_Mark Twain_: Warum denn? Ich bin ihm nichts schuldig.

_Seine Freunde_: Das mag sein, aber vielleicht er Ihnen!

_Mark Twain_: Wieso? Ich verstehe nicht.

_Seine Freunde_: Nun, -- für Ihre Geschichte im letzten

Harperschen Monatsheft.

_Mark Twain_: Ach was! Für die bin ich längst bezahlt! Was geht

ihn das an? --

_Seine Freunde_: O nichts -- nur insofern, als er der Held

dieser Geschichte ist.

Es scheint, daß diese Gründe auf Mark Twain doch einen gewissen

Eindruck gemacht haben, denn es heißt, daß er auf seiner Reise

in England sich angelegen sein ließ, dem berühmten General aus

dem Wege zu gehen.

Wie der Verfasser in Newark angeführt wurde.

Es ist nicht gerade angenehm, etwas Ungünstiges von sich selbst zu

erzählen, aber der Mensch hat hin und wieder einmal das Bedürfnis, eine

Beichte abzulegen. Ich fühle mich gedrungen mein Gemüt zu erleichtern,

aber ich glaube fast, daß ich es mehr thue, um meinem Unmut über

einen andern Luft zu machen, als um Balsam auf mein verwundetes

Herz zu träufeln. (Was Balsam ist, weiß ich nicht; ich habe niemals

Balsam gesehen, aber mich dünkt, das ist bei solcher Veranlassung der

herkömmliche Ausdruck.)

* * * * *

Bekanntlich habe ich kürzlich in Newark vor den jungen Herren der

Museums-Gesellschaft eine Vorlesung gehalten. Vorher sprach ich mit

einem der jungen Herren, welcher sagte, er habe einen Onkel, der aus

irgend einer Ursache dauernd der Fähigkeit beraubt zu sein scheine, in

Gemütsbewegung zu geraten. Mit Thränen in den Augen rief der junge Mann:

»O, könnte ich ihn nur lachen hören, könnte ich ihn nur einmal weinen

sehen!«

Ich war gerührt. Bei Schmerz und Kummer wird mir immer weich ums Herz;

deshalb sagte ich: »Bringen Sie ihn nur mit in die Vorlesung, da will

ich ihm schon zusetzen, bis wieder Leben in ihn kommt.«

»O, wenn Sie das thun könnten -- wenn Ihnen das möglich wäre! Unsere

ganze Familie würde Sie in alle Ewigkeit dafür segnen -- er liegt uns

allen so sehr am Herzen! Können Sie ihn wirklich zum Lachen bringen,

mein Wohlthäter? Können Sie die trockenen Augensterne zu lindernden

Thränen rühren?«

Ich war tief ergriffen und sagte: »Mein Sohn, bringen Sie den guten

Alten nur mit. Es kommen in meinem Vortrag ein paar Späße vor, über die

er lachen wird, wenn er überhaupt noch ein Zwerchfell hat. Thun diese

keine Wirkung, so habe ich ein paar andere, die ihn weinen machen oder

ihn umbringen -- entweder -- oder.« Da schluchzte der junge Mann an

meinem Halse, wünschte mir Gottes Segen und suchte seinen Onkel auf.

Er setzte ihn am Abend mir gegenüber auf die zweite Bank und -- ich

ging ans Werk. Ich versuchte es zuerst mit feinen Scherzen und dann mit

gröberen; ich nahm ihn mit schlechten Witzen in die Kur und hielt ihn

mit guten Witzen zum Besten; ich bombardierte ihn mit abgedroschenen

Späßen und beschoß ihn von allen Seiten mit gepfefferten,

funkelnagelneuen. Ich wurde warm bei meiner Arbeit und stürmte von

rechts und links, von vorn und hinten auf ihn ein; ich dampfte und

schwitzte, eiferte und tobte, bis ich heiser und krank, toll und

rasend war, aber -- ich konnte kein Leben in ihn bringen -- weder ein

Lächeln noch eine Thräne preßte ich ihm ab. Nicht den Schatten eines

Lächelns und keine Spur von Feuchtigkeit. Ich war starr vor Staunen.

Endlich schloß ich den Vortrag mit einem verzweifelten Aufschrei, in

einem wilden Ausbruch von Humor, und schleuderte ihm einen Witz von

übernatürlicher Ungeheuerlichkeit an den Kopf. Dann setzte ich mich

verwirrt und erschöpft nieder.

Der Vorstand der Gesellschaft trat zu mir, kühlte mir die Stirn mit

frischem Wasser und fragte: »Was hat Sie nur gegen das Ende so in

Aufregung gebracht?«

»Ich wollte den verdammten alten Narren in der zweiten Reihe durchaus

zum Lachen bringen,« rief ich.

»Ah so -- ja, da haben Sie sich umsonst bemüht,« erwiderte er; »_der_

Mann ist taub und stumm und so blind wie ein Maulwurf.«

Nun frage ich -- war es von dem Neffen des alten Mannes nicht

unverantwortlich, einem Fremden und Waisenknaben wie mir, so

mitzuspielen? Ich frage den Leser als Mitmenschen und Bruder, ob das

rechtschaffen von ihm gehandelt war?

Schonend beigebracht.

Als der selige Richter Bagley damals im Gerichtshause stolperte, die

Treppe hinabstürzte und den Hals brach, entstand die große Frage, wie

man seiner armen Frau die Trauernachricht mitteilen solle. Endlich war

die Leiche auf den Wagen unseres alten, braven Fuhrmanns geladen und

diesem die Weisung erteilt, den Verunglückten nach Frau Bagleys Wohnung

zu schaffen, aber dabei mit der größten Rücksicht und Behutsamkeit zu

Werke zu gehen, insbesondere die Unglücksbotschaft ja nicht plötzlich

und auf einmal auszurichten, sondern Frau Bagley erst gehörig darauf

vorzubereiten.

Nachdem der Fuhrmann mit seiner traurigen Last angelangt war, schrie er

laut, bis die Frau des Richters an der Thüre erschien.

Alsdann fragte er: »Wohnt hier nicht die Witwe Bagley?«

»Die _Witwe_ Bagley? -- Nein, die wohnt nicht hier!«

»Ich will doch gleich drauf wetten, daß sie hier wohnt! -- Aber, nichts

für ungut -- wohnt der Richter Bagley vielleicht hier?«

»Jawohl, der Richter Bagley wohnt hier.«

»Ich will doch gleich drauf wetten, daß er nicht hier wohnt! Aber, wie

Sie wollen; ich bin nicht rechthaberisch. Ist der Richter zu Hause?«

»Nein, im Augenblick nicht.«

»Dacht' ich mir's doch! -- Weil nämlich -- lehnen Sie sich an die Wand,

Madame -- die Kleinigkeit, die ich Ihnen anzukündigen habe, bringt Sie

vielleicht etwas aus dem Gleichgewicht. Es ist ein Unglück geschehen

-- draußen auf meinem Wagen liegt der alte Richter. Wenn Sie ihn näher

ansehen, werden Sie sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu machen

ist, als die Totenschau über ihn zu halten.«

Trinksprüche.

Auf die Weiber.

Bei dem Jahresfest der Schottischen Gesellschaft in London, am

Montag-Abend, brachte Mark Twain den Toast auf die ›Damen‹ aus;

dieser lautete nach dem ›Observer‹ wie folgt:

»Es erfüllt mich mit aufrichtigem Stolz, daß ich gewählt worden bin, um

gerade den Toast auf die ›Damen‹ auszubringen oder -- wenn Sie nichts

dagegen haben -- auf die Weiber, denn diese Bezeichnung scheint mir

doch besser; sie ist jedenfalls die ältere und daher die ehrwürdigere.

(Gelächter.) Ich habe bemerkt, daß die Bibel, mit der den heiligen

Schriften so eigentümlichen Einfachheit und Offenheit, sogar von der

erhabenen Mutter des ganzen Menschengeschlechts nie den Ausdruck ›Dame‹

gebraucht, sondern sie stets ein Weib nennt. (Gelächter.) Das mag

seltsam erscheinen, aber es ist eine Thatsache. -- Ich bin besonders

stolz auf diese Ehre, weil ich finde, daß der Trinkspruch auf die

Weiber, sowohl von Rechts wegen als nach den Regeln der Höflichkeit

allen andern vorausgehen sollte -- dem Toast auf das Heer, auf

die Flotte, ja vielleicht selbst auf die Träger der Königswürde,

obgleich letzteres heutzutage in diesem Lande nicht nötig ist, weil

man stillschweigend die Gesundheit aller guten Frauen im allgemeinen

ausbringt, wenn man die Königin von England und die Prinzessin von

Wales leben läßt. (Laute Hochrufe.) Mir fällt dabei ein Gedicht ein,

das Ihnen wohlbekannt ist; jedermann kennt es ja. Der gegenwärtige

Trinkspruch ruft es aber uns allen so recht ins Gedächtnis und wir

stimmen begeistert mit ein in die Worte des edelsten, reinsten,

anmutigsten und lieblichsten unserer Dichter, wenn er sagt:

›Weib -- o Weib! -- Hm --

Weib --‹

(Gelächter.) Ohne Zweifel entsinnen Sie sich der Verse, die uns mit

so vielem Gefühl und so anmutiger Zartheit, fast ohne daß wir's

gewahr werden, Zug für Zug das Ideal des echten und vollkommenen

Weibes vorführen. Wir schauen im Geist das vollendete Meisterwerk

und preisen bewundernd den Genius, der ein so holdes Wesen durch den

Hauch seines Mundes, durch bloße Worte zu schaffen vermocht hat. Sie

werden sich ferner erinnern, wie der Dichter in treuer Uebereinstimmung

mit der Geschichte des ganzen Menschengeschlechts dies schöne Kind

seines Herzens und Verstandes den Prüfungen und Sorgen dahingiebt,

welche früher oder später allen Erdenbewohnern beschieden sind, bis

die traurige Geschichte zuletzt in der wilden, leidvollen Ansprache

gipfelt, die allen vergangenen Kummer aufs neue wach ruft. Der Wortlaut

der Zeilen ist folgender:

-- Ach! -- o weh! -- ach! --

und so weiter. (Gelächter.) Mir ist das übrige nicht gegenwärtig;

aber alles in allem halte ich diese Verse für die schönste Huldigung,

welche der Genius des Dichters den Frauen je gewidmet hat. (Gelächter.)

Ich weiß, ich könnte stundenlang sprechen, ohne meinem großen Thema

auf anmutigere oder vollendetere Weise Gerechtigkeit widerfahren zu

lassen, als ich es gethan habe, indem ich einfach die unvergleichlichen

Dichterworte anführte. (Erneutes Gelächter.)

Die Entwicklungsformen des weiblichen Geschlechts sind von unendlicher

Mannigfaltigkeit. Man betrachte welchen Typus des Weibes man will,

immer wird man daran etwas zu achten, zu bewundern, zu lieben finden,

etwas, das Herz und Hand beglückt. Wer besaß mehr Vaterlandsliebe als

die Jungfrau von Orleans? Wer war tapferer? Wer hat uns ein erhabeneres

Beispiel opferfreudiger Hingabe gezeigt? Wie deutlich, wie lebendig

erinnern wir uns alle an die Nachricht, welche wie eine große Woge des

Kummers zu uns heranflutete, daß Jeanne d'Arc bei Waterloo gefallen

sei. (Stürmisches Gelächter.) Wer trauert nicht um den Tod der Sappho,

der holden Sängerin Israels? (Gelächter.) Wer unter uns vermißt nicht

die liebreichen Dienste, den sanften Einfluß, die demütige Frömmigkeit

der Lucrezia Borgia? (Gelächter.) Wer kann in die herzlose Verleumdung

einstimmen, welche sagt, das Weib sei verschwenderisch in Putz und

Kleidung, wenn er zurückblickt und sich den einfachen Anzug unserer

Mutter Eva ins Gedächtnis ruft, welcher der Hochlandstracht glich

-- mit geringen Abänderungen. (Schallendes Gelächter.) Verehrte

Anwesende, die Weiber sind Kriegerinnen gewesen, sie waren Malerinnen,

Dichterinnen. So lange es eine Sprache giebt, wird der Name Cleopatra

in aller Munde leben. Nicht etwa, weil sie Georg den Dritten eroberte

-- (Gelächter) -- sondern weil sie die klassischen Zeilen schrieb:

»Es beißt der Hund und bellt voll Lust;

Gott schuf den Trieb ihm in der Brust!«

(Lautes Gelächter.) Auf den weiten Gefilden der Geschichte ragen ganze

Bergzüge erhabener Weiber empor -- die Königin von Saba, Josephine

Semiramis -- die Liste ist endlos. (Gelächter.) Aber ich will nicht

Heerschau über sie alle halten; schon bei der bloßen Andeutung steigen

die Namen in Ihrem Gedächtnis auf, leuchtend von dem Ruhm unsterblicher

Thaten, geheiligt durch die Liebe und Verehrung aller Guten und Edlen

jeden Zeitalters und jeden Weltteils (Hochrufe.) Möge es unserem Stolz

und unserer Ehrliebe genügen, daß unsere Zeit dieser Liste Namen wie

Grace Darling und Florence Nightingale hinzugefügt hat. (Hochrufe.)

Das Weib ist ganz wie es sein sollte -- sanft, geduldig, langmütig,

vertrauensvoll, selbstlos, voll edler, hochherziger Triebe. Es ist des

Weibes heiliger Beruf, die Traurigen zu trösten, für die Irrenden zu

bitten, die Gefallenen aufzurichten, den Freundlosen Liebe zu erzeigen.

Mit einem Wort, die Frau schenkt allen mißhandelten und verfolgten

Kindern des Unglücks, die an ihre Thüre klopfen, den heilenden Balsam

ihres Mitgefühls und gewährt ihnen eine Freistätte in ihrem Herzen.

Jeder, der die veredelnde Gemeinschaft einer Gattin, die nie ermüdende

Hingebung einer Mutter kennt, wird von Herzen einstimmen, wenn ich

sage: Gott segne das Weib!« -- (Laute und andauernde Beifallsrufe.)

Auf die Säuglinge.

Als fünfzehnter programmgemäßer Toast, gehalten bei dem

Festessen, das im November 1879 von der Tennessee-Armee ihrem

ersten Kommandeur, General Grant, zu Ehren veranstaltet wurde.

»Das lob ich mir! Wir sind nicht alle so glücklich, zum schönen

Geschlecht zu gehören; wir können nicht alle Generale, Dichter oder

Staatsmänner sein; aber wenn die Trinksprüche herabsteigen bis zu den

Säuglingen, da stehen wir alle auf gemeinsamem Boden. Es ist eine

Schande, daß Jahrtausende lang auf allen Festessen der Welt der

Säugling ganz übergangen wurde, als wenn er gar nichts bedeutete. Wenn

Sie einen Augenblick nachdenken und so ein, fünfzig bis hundert Jahre

zurückblicken mögen auf die erste Zeit Ihrer Ehe, um in Gedanken wieder

Ihren ersten Säugling zu betrachten, so werden Sie sich erinnern,

daß er etwas zu bedeuten hatte, und mehr noch als das. Ihr Soldaten

wißt wohl, daß, als dieser kleine Bursche im Familienhauptquartier

sich meldete, es Zeit für euch war, euren Abschied zu nehmen; denn er

kommandierte von nun an unumschränkt. Ihr hattet ihm als Kammerdiener

aufzuwarten und er war kein Vorgesetzter, der Rücksicht nahm auf Zeit,

Wetter oder sonstige Umstände. Ihr habt seinem Befehl folgen müssen,

ob es möglich war oder nicht; und da gab es nur eine einzige Gangart

in seinem Handbuche der Taktik und das war der -- Laufschritt. Er

behandelte euch mit aller erdenkbaren Impertinenz und Mißachtung und

selbst der Tapferste von euch durfte kein Wörtlein dagegen sagen. Ihr

habt dem Tod bei Donelson und Vicksburg ins Antlitz gesehen und Hieb

um Hieb zurückgegeben, aber wenn _er_ euch am Schnurrbart zupfte und

euer Haar zauste und eure Nase zwickte, da habt ihr es euch ruhig

gefallen lassen. Als die Donner der Schlacht in eure Ohren posaunten,

da seid ihr den Batterien aufrecht gegenüber gestanden und mit stetem

Schritt vorgerückt; aber wenn _er_ sein Schlachtgeschrei ertönen ließ,

dann ging es bei euch an ein Avancieren in verkehrter Richtung. Wenn

_er_ nach dem Schlotzer verlangte, wagtet ihr etwa Bemerkungen fallen

zu lassen, daß gewisse Dienstleistungen sich für einen Offizier und

Gentleman nicht schicken? Nein! Ihr seid einfach aufgestanden und habt

den Schlotzer geholt. Wenn _er_ seine Trinkflasche verlangte und sie

war nicht warm -- habt ihr Einwendungen gemacht? Ihr und Einwendungen!

Ihr habt euch daran gemacht und sie gewärmt! Ja, ihr habt euch so

weit herabgelassen in eurem Knechtsdienst, daß ihr diesen dummen,

faden Stoff darin selber versucht habt, um zu wissen, ob er auch

recht gemischt sei: drei Teile Wasser mit einem Teil Milch und eine

Prise Zucker von wegen der Kolik, und ein Tropfen Pfeffermünze gegen

den ewigen Schlucker. Ich habe den Geschmack noch auf der Zunge --

puh! Poetisch gestimmte Seelen glauben immer noch an das schöne, alte

Märchen, daß, wenn das Wiegenkind im Schlummer lächelt, ihm die Englein

was ins Ohr flüstern. Klingt hübsch, ist aber sehr schwach -- 's kam

einfach von einer Blähung her, meine Freunde. Wenn der Säugling einen

Spaziergang vorschlug zu seiner beliebten Stunde, zwei Uhr morgens,

seid ihr da nicht schnell aufgestanden mit der Bemerkung, die eurem

Wahrheitssinn keine sonderliche Ehre macht, daß ihr denselben Vorschlag

gerade eben hättet machen wollen. O, ihr habt euch unter guter Zucht

befunden! Und wie ihr so im Zimmer in eurer Nachtuniform auf- und

abgetänzelt seid, da habt ihr nicht nur angefangen, unwürdig zu lallen,

sondern habt mit eurer Bärenstimme den Versuch gemacht, Liedchen zu

singen, z. B.: Schlaf, Kindchen, schlaf! Was für ein Schauspiel für

eine Armee von Tennessee! Und wenn das so weiter ging, so zwei bis drei

Stunden lang, und euer kleiner Flaumkopf zu verstehen gab, daß ihm

nichts lieber sei, als diese musikalische Marschübung, was habt ihr

dann gemacht? (Seid nur ruhig!) Ihr seid einfach weiter spaziert, bis

ihr nicht mehr konntet. Eine lächerliche Idee das: ein Säugling habe

nichts zu sagen und zu bedeuten!!

[Illustration]

Skizzenbuch · 第 14 / 19 段